Krebstagebuch, Tag 71: als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 9. Juli 2020. Auch zu den Brüsten der Béart darinnen wieder, nämlich Nr. 55.

[Arbeitswohnung, 6.57 Uhr. 73,3 kg.
Charles Villiers Stanford, Irish Rhapsody No 1]
Doch wieder englische … nun gut, irische und dabei, weil Stanford über England stark geprägt ist, überdies in u.a. Cambridge selbst lehrte, doch sehr britische Musik. Wenn ich mal begonnen habe … Ich will über Werke eine möglichst detaillierte Übersicht haben, auch wenn ich sie später verwerfe. Jedenfalls lernte ich soeben etwas über die → English Musical Renaissance, die zeitlich ungefähr der Zweiten Wiener Klassik parallellief, doch sich im tradierten Klangraum des Tonalen abspielte. Daß den beteiligten Komponisten ein spezifisch englischer Ton gelang, läßt sich bis in die 50er des vergangenen Jahrunderts unverwechselbar hören; in Britten klingt’s dann aus und verläßt die tradierten Klangräume, ohne aber auf Schmelz und überhaupt sinnliche Faktur zu verzichten.
Jetzt eben, seit gestern, ist, nach Vaughan Williams (dessen Sechste ich, wie dort erzählt, tatsächlich entdeckte), Stanford dran, danach awerden’s die Sinfonien Hubert Parrys sein, dann aber, bald, werde ich zu den Meinen zurückkehren, Pettersson, Mahler, Dallapicolla, auch Gubaidulina und Kaja Saarijaho — wobei ich eben spürte, vorher noch, nach Stanfords Rhapsodien, unbedingt erneut Maxwell Davis’ Strathclyde Concerts anzuhören, mit den Rhapsodien am besten wechselweise, weil ich das Gefühl einer hohen Verwandtschaft der Klangräume hatte, über die tonale/freitonale Verfaßtheit, ecco!, hinaus. Das sind so | genau die Phänomene, die mich interessieren und eigentlich seit je interessiert haben. Eben und besonders auch in der Literatur (soweit sie emphatisch – gewollte – Dichtung ist).

Beschäftigt, als mich der Bauch mal wieder dekonzentrierte, hat mich gestern auch der Versuch des Entwurfs eines Béart-Umschlagmotivs. Herausgekommen ist gestern gegen 22 Uhr das hier:

 

Das Motiv stammt von → Gaga Nielsen. → Ich schrieb darüber ja → schon gestern. Jedenfalls lenkte mich die Bastelei von dem wieder etwas nervenden Bauchschmerz ab, den Lilli, glaube ich, nunmehr sehr bewußt einsetzt. Nervös war ich doch eh schon,

Sie wissen noch? die CT gestern?

Nun ist sie also durchgeführt, ich habe eine CD der Aufnahmen mitbekommen, und sie lasse sich auf meinem Computer sogar aufrufen, er nimmt also das LARAView genannte Programm an, aber dann fehlt ihm erstens die Rechenkapazität, vielleicht eignet sich auch windows7 nicht so sehr, doch vor allem kann ich die Bilder und Filmsequenzen nicht interpretieren, das heißt im groben und ganzen schon, Thorax, Wirbelsäule eh, alles bestens zu sehen; es gibt auch eine Fahrt vom Hals hinab durch die Eingeweide bis zum Beckengrund — wo aber Li sitzt, ist  nicht zu erkennen. “Sie und ihre, wenn es sie nun doch heben sollte, Töchter werden auf den Bildern weiß sein”, erklärte am Telefon die mit den Zwillingen wieder heimgekehrte लक्ष्मी, die sich beruflich auskennt. Nur ist weiß allerlei auf den Aufnahmen; weiß sind auch die deutlich erkennbaren Ansätze de Rippen, weiß sind insgesamt die Knochen, und wenn ich dann an die Organik-selbst hineinzoome, finde ich mich gar nicht mehr zurecht, geschweige daß meine Krebsin ausmachen könnte. So wird mir nichts übrig bleiben, als mich bis morgen in Geduld zu … nö, aufs “Üben” hab ich nun erst recht keine Lust … also am besten THC-sediert (bin aber jetzt noch “trocken” und will’s bis Mittag bleiben; danach sehe ich weiter) auf morgen nachmittag zu warten, wenn ich um 17 Uhr die Befund- und mögliche OP-Besprechung in der Charité habe. Mattias Biebl kann die Bilder lesen und wird es für mich tun, derweil die Sana ihre interdisziplinäre Tumordiskussion schon gestern hatte, nachdem ich längst wieder fort war; die dort gewonnene Einschätzung wird mir im persönlichen Gespräch Michael Heise am Montag früh vermitteln. Tja und dann, liebste Freundin … dann werde ich entscheiden müssen. Wobei ich nicht einzuschätzen vermag, wie es seitens der Kliniken mit OP-Terminen aussieht. Je dringlicher die Ärztinnen und Ärzte es sehen, umso schneller werde ich unter den Messern liegen. Falls ich dann nicht mehr aufwachen sollte, muß für meine Lieben hier alles bereitliegen, die Computerzugänge, die Ordnerübersichten, die Passwörter auch für meine HidriveCloud. Ich sollte noch mal über mein Testament schauen, ob ich da etwas revidieren sollte, das sich in der Zwischenzeit ergab. Genau zwei Jahre ist es her, daß ich es, auch da → vor einer OP – nämlich des Arterienverschlusses – schrieb. Im Prinzip jedenfalls könnte ich bereits am kommenden Dienstag in die Klinik. Falls ich aber noch etwas werde warten müssen, werde ich dreivier Tage ans Mittelmeer reisen; die Contessa hat mich eingeladen, die Tage vor der OP auf ihrer Insel zu verbringen. Es wäre ein bißchen, wie mir hellfühligst eine andere Freundin schrieb, die mir ebenfalls einen Aufenthalt, doch auf dem Land, anbot:

sich vom Meer verabschieden und mit den Nymphen und Nereiden die Wiederkehr verhandeln,

wobei mir diese Verhandlungen besonders wichtig sind, von der Wüste in das Meer; gestern sah ich → diesen Gehstock da

 

und war kurz versucht, mir das Ding schicken zu lassen; nur würde es meinen üblen Ruf dann endgültig fixieren, und nun auch symbolisch, vielleicht sogar den bei meinen Freunden massakrieren, die sowieso schon die Béartgedichte aushalten müssen. Zumal der Knauf zwar aus Bronze ist, was mir besonders gefällt, aber ich kann aufgrund der Fotos die Feinheit der Arbeit nicht einschätzen — und wenn man(n) einen solchen Übergriff in dieser Zeit wagt, dann muß seine Maniera absolut perfekt sein, nämlich derart unmittelbar berühren, daß es sich dem Charme dieser Griffigur nicht entziehen läßt. Versucht aber, Freundin, bin ich noch immer. Wobei es mir, denke ich, solange ich noch Versuchungen spüre, nicht wirklich schlecht geht. Da kann Liligeia sich bemühen, wie sie nur will. Mir steht auch immer wieder, in Chabrols heikler Inszenierung (ich teilte hier → Iris Radischs Ablehnung entschieden), die letzte Szene der Stillen Tage in Clichy vor Augen – wovon, von all dem, nunmehr gesellschaftlicher Abschied genommen wird, wenngleich sie, diese final Szene, eine so irritierend-sperrige wie obachtheischend schaukelnde Hängebrücke mit Kubricks 2001 verbindet; hie wie dort sehen wir einen alten Mann, der sich im Sterbebett noch einmal aufzurichten versucht und dabei den Arm nach seine letzten Vision ausstreckt, bei Kubrick nach dem kulturgründenden Monolithen, bei Chabrol nach einer jungen Frau, fast noch Mädchen, also Nymphe, die in sich ruhend auf dieses letzte, doch längst unerfüllbare Begehren hinuntersieht. Nur daß bei Kubrick die dort so genannte Sternengeburt folgt, Bowmans Tod als Verwandlung in eine Existenz der höheren Art, einer uns noch unbekannten Form kosmischer Intelligenz. Wohin aber wird Lis und meine Umschlingung uns führen? – Ach ja, einen Gehstock mit Nymphenmotiv fand ich ebenfalls; aber hier waren die Figuren tatsächlich kläglich ausgeführt.

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Béart 54 <<<<

(Jetzt macht mir der Magen grad doch wieder zu schaffen, ein wenig. Also Novamin, 30 Tropfen, bislang half das immer. Schon weil ich diese Medikamente wirklich nur dann einsetze, wenn mich ein Zustand auszumürben versucht; was, klar, Lillys Spaltbeine bewirken, von denen ich halt auf den CT-Aufnahmen gar nichts erkennen kann. Ich weiß nicht einmal, was weniger beruhigend ist: sie zu sehen oder nicht zu sehen. Was was bedeutet.)

Vielleicht bekomme ich heute das finale Béartgedicht endlich fertig. Darauf möchte ich mich fokussieren; die Nefud muß derweil etwas in den Schatten. Es wird ihr die Kühle auch guttun, denke ich. Doch am Abend möchte ich mit Faisal gerne wieder vorm Zelt sitzen und unterm nachtbrillanten Wüstenhimmel über Paradiese sprechen — und über Liligeia auf dem Plakat, das auf dem Weg zum Sana gleich neben einem Hauseingang hängt, und wir müssen uns denken, wofür es wirbt. Daß es mich sofort “erwischte”, wird Ihnen, oh Vertraute, sich zu wundern kaum ein Grund sein:

Ihr ANH
[Maxwell Davies, Strathclyde Concerto No 4]

Nervös: ANH an Liligeia, zehnter Brief. Aus der Nefud, Phase IV (Tag 7): Montag, den achtundsechzigsten Krebstag 2020. Darinnen auch wieder Die Brüste der Béart, nunmehr 54.

[Arbeitswohnung. صحراء النفود
Montag, den 6. Juli 2020m 6.57 Uhr. 72,2 kg]
[Vaughan Williams, “On the Beach at Night Alone”
(Symphony No 1)]

Ich werde,

Liligeia,

nervös. Und Du aber schweigst. Dabei weißt Du, so eng in mir drin, von meinen Träumen gewiß. – Ja, es stimmt, die Chemo IV war anfangs kaum zu merken, und einige Nebenwirkungen gingen deutlich zurück, darunter die – indessen, als Symptom der zytostatisch bedingten Neuropathie, seit gestern abend rückgekehrte – Schwellung der Füße, und es ist auch richtig, daß ich Dich, Dich selbst, so gut wir gar nicht mehr spürte. Auch dadurch hast aber Du jetzt wieder einen Strich gemacht – wobei ich gar nicht weiß, ob Du, ob nicht vielmehr der Automatismus einer Traumverarbeitung. Damit nämlich ging es vorgestern los.
Ich habe, Lilli, meine Operation geträumt. Es waren zwei OPs sogar, die eine in der Charité, die andere im Sana Klinikum ausgeführt, und beide Male erwachte ich ohne Magen und Erinnerungen. Alles schien bestens verlaufen zu sein, sofern sich denn “bestens” auf einen Eingriff anwenden läßt, der uns ein wichtiges Organ nimmt. Es ist ja nicht ganz ohne Absurdität: Wie viele Menschen mir jetzt schon von anderen Menschen erzählt, um mich zu beruhigen, haben, die ohne Magen jahre-, ja jahrzehntelang sehr gut gelebt! Wer fragt sich da nicht, wozu wir solch ein Ding dann überhaupt haben? (Beim fälschlicherweise “Blinddarm” genannten Wurmfortsatz habe ich mich das auch immer gefragt.)
Auslöser war allerdings wohl, daß mir bewußt wurde, wie nah nun “die Stunde der Wahrheit” rückt — nämlich übermorgen die abschließende CT, die über den Hergang der Operation entscheiden und eben zeigen wird, welche Auswirkung – und ob überhaupt eine – meine vier Chemos gehabt haben werden, Termin Mittwoch, 8. 7., 11 Uhr; wir können auch sagen, ob Du Dich, schöne Krebsin, während wir durch die Nefud geritten, klein genug gemacht, um in Aqaba bereit für uns zu sein, oder ob Du nicht vielmehr, eine meiner derzeit perfidesten Phantasien, die Zeit genutzt, um nun doch noch → Sils um Sils zu streuen, die kleinen Töchter Deiner Art, die dann doch alle zu schnell wachsen, um uns noch lange im Leben zu halten. Daß Du, meine Li, suizidal bist, und Deine Mädchen sind es auch, daran gibt’s ja keinen Zweifel. Schießt Dir einfach so das Gesicht weg … wobei … “einfach so”? …. einfach ?
Was taten wir uns an?
Gut, vorgestern war ich noch, wie man so sagt, “gut drauf”. Zu gleichsam menschlich paktierte wieder die Chemo mit dem THC, bzw. Dronabinol — da Cagliostros Tropfen sich dem Ende nähern, ward ich vorsichtig damit; doch beides, wie erzählt, ist nachbestellt und kann nachher auch abgeholt werden. Dann war es mir aber zuviel des Bekifftseins, ich kam aus diesem Zustand gar nicht mehr raus, wollte eine Zäsur. Womit aber wieder, gestern, die Schmerzen begannen, diese queren durch die Brust, die jeweils schnell nach unten in das Bauchfell sacken. So, daß man allem Appetit verliert und ergo wieder abnimmt (meine 74 kg habe ich einfach nicht halten können). — Nein, ich wollte nicht zum THC greifen, wollte den klaren Kopf behalten, auch wenn er teuer war und mich nach beinahe zwei Wochen wieder zwang, zum Novamin zu greifen, über den Tag verteilt drei Mal dreißig Tropfen. Sie genügten immerhin, mich auch durchschlafen zu lassen, heute fast sieben ununterbrochene Stunden von 22 Uhr bis morgens um fünf, dann noch, weil alles schmerzfrei fein, Geschlummre bis um sechs. Und nur ganz leichte Übelkeit, wie morgens längst gewöhnt. — Von Dir indes kein Wort.
Mag es wohl sein, daß Du nervös bist ganz wie ich? Und was ist mit den Spuren, die sie neben dem Kardiatumor → beim Staging in der Lunge fanden, doch klassifizieren nicht konnten? Hast Du jetzt, im Schutze der Nefud, doch noch Metastasen draus gemacht? Ich brauche, wie es gestern die vertraute Freundin formulierte, dringend wieder eine klare Aussage: Wie sieht’s nun wirklich aus? Ungewißheit hat mir noch niemals gutgetan.

Seltsam. Es ist das erste Mal seit meiner Diagnose, daß ich so etwas wie Angst fühle. Bislang war ich voll Zuversicht, auch einer, die den Tod als Möglichkeit umfaßt und nicht mal daran denkt zu klagen. Und klagen werde ich auch weiterhin nicht, es gibt keinen Grund. Doch wissen möchte ich. Muß ich. Auch und grade, weil quasi plötzlich die Zeit so knapp wird. Man denkt immer, ach, is’ noch so lange hin … und dann hat man bereits die Klinke in der Hand, dahinter die Seele schon ins Feuer geht. Ich wollte doch noch → die Béartgedichte fertig bekommen! Und bastle immer noch am → Finalenwurf herum.
Darauf war sich dann gestern entschieden zu konzentrieren. Ohne nach rechts oder links zu schauen, selbst die Wüste ließ ich unbeachtet liegen. Denn an sich hatte ich Dir, meine Li, diesen Brief schon gestern schreiben wollen. Statt dessen dann knapp zehn Stunden an neunzehn Versen geschliffen und geschleift, zwischendurch etwas spazieren gegangen, dann mich wieder, wegen der Schmerzen, hingelegt, zwei-/dreimal, jeweils mit Kopfhörern, und in die Musik hinweggedämmert, zu mir gekommen, aufgestanden, Espresso, erneut an die Verse, für die mir immerhin die poetische Zusammendampfung einer allzu esoterischen Anrufung Isis’ und ihre Destillation ins Ave stella maris gelang, worum’s im letzten Béarttext – kontrastierend zum Veni creator spiritus – ja eben geht:

Ave Isis, stella maris
auf dem Meerschaum unterm Mond
Durchströme uns, Béart, mit Licht

Das Luftgezeiten-Silber flicht
Dir Deinen Namen in das Haar
aus, arabesk, dem filigranen Feuer

das in der Erd noch immer wohnt:
Noch steigt der Glimmer neuer
Bläue nimbisch in den Geist

und hält ihn weiblich nieder,
der in den leeren Himmel
zur ewigen Entleibung will 

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>>>> Béart 55 (folgt)
Béart 53 <<<<

Ein kleiner Erfolg immerhin, an dem ich jetzt gerne weiterarbeitete. Allein, ich habe heute vormittag Termine, unter anderem mittags die nächste Akupunktur, für die ich wieder ganz in den Westen radeln muß; und bei der Familie ist die Wohnung zu versorgen; लक्ष्मी und die Zwillinge sind auf vierfünf Tage für Mutter- und Omibesuch verreist. Dennoch wollen die beiden Meerschweinderln und gestreichelt werden, was mein Sohn und ich zu tun uns teilen, einer morgens, einer abends. Ich bin heute morgens dran. So daß ich denn erst nachmittags wieder an den Gedichtzyklus kommen und auch morgen noch hochnervös durch den Tag leben werde, um mich am Mittwoch dann | Dir zu stellen — unsrer, o Lilli, organischen Wahrheit:

 

 

Ach, melde Dich doch bitte mal.

A.
[Vaughan Williams, Vierte Sinfonie (Norrington)]

P.S.:
Interessant allerdings, wie alles dauernd im Fluß: — daß ich heute, abgesehen von der üblichen leichten Morgenübelkeit und der kleinen Fingerkribbelei, wieder so gut wie keine Chemo”neben”wirkungen spüre; dennoch, sicherheitshalber werde ich mir die Novamins mit auf die Radtour nehmen. Für die ich mich jetzt bereitmache.
10.12 Uhr

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