Die beiden Religionen (!) des Westens im darum siebenundzwanzigsten Coronajournal und Tagebuch des achtzehnten Krebstages, beides zum Sonntag, den 17. Mai 2020. Darinnen wieder Ivanhoe, beim diesmal Anritt auf Professor Jostings Cy-Burg.

 

Bitte, bevor Sie dieses heutige Journal lesen,
kehren Sie noch einmal zu dem von gestern zurück und seiner im → Titel
ersten Aussage – also Lawrences Ausruf. Und dann machen Sie sich klar, wie die Geschichte um → Gasim schließlich ausging. Machen Sie sich aber auch bewußt, daß dieses Ende eine Filmidee ist und nicht dem tatsächlichen Geschehen entsprach, wie Lawrence es in seinen Erinnerungen schildert. Erst dann nämlich – beides
zugleich vergegenwärtigend – erfassen Sie vielleicht, was hier gemeint war
und also ist — weiter, mithin, werden oder nicht werden wird. Wir all’ alleine | so | begreifen Li. Und alles, was nun folgt.

[Arbeitswohnung, 7.15 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 15 es-moll]

Bioport → Sana 15.5.20

Tatsächlich, als ich mich grad an den Schreibtisch setzte (die Nacht war ein bißchen besser als gestern, mit Ausnahme einer halben Stunde schlief ich, allerdings auf Tabletten gesetzt, bis soeben durch), fand ich von Li → diese Nachricht. Was sie, ja, aufgescheucht zu haben scheint, geht aus dem – zumal unterstrichenen – “Betr.:” hervor, und selbstverständlich juckt es mich, sofort zu antworten. Doch es wird besser sein, noch ein wenig zu warten und sie in ihrer offenbaren Unruhe zu lassen. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob es bereits an der Zeit ist, aus meiner defensiven Haltung herauszuklettern, bzw. -steigen und sie, meine Lilly, männlich anzugehen – erotisch fordernd, meine ich damit.

Anderes hat Vorrang. Es ist gut, wenn sie (und falls sie es) bemerkt, daß ich nicht springe, wenn sie mit den Fingern schnippt, mit den bösen Krebsbeinen also, die ihr Wappen zeigt (→ im Kopf des ersten Briefes deutlicher zu sehen als im Köpfchen des heutigen, ich schreibe einmal, “Nachtbillets” — ein solches ich übrigens lange, sehr lange nicht mehr bekommen habe. Da war doch mal ein Kritiker ..? Nein, ich sag den Namen nicht, hab’s ihm einst versprochen, als wir nebeneinander in der Deutschen Oper zu sitzen gekommen waren, was wiederum irgendein süßgefeimter Kuppelscherz Alexander Busches gewesen, der damals dort der Pressesprecher war. – Freundin, Sie entsinnen sich, daß mich die Opernleitung damals sperrte, weil ich bei einer Inszenierung von “Schwulenästhetik” geschrieben hatte, woraufhin sich sogar der, ja, gibt’s, SCHUTZVERBAND DEUTSCHER SCHWULER hoch erigierte; jedenfalls wurde sich derart erregt, als ob es ihn gäbe.

Also die Schmerzen hielten sich im Rahmen heute nacht. Von zwei bis halb sieben schlief ich sogar tief und erholsam durch. Allerdings spannt nun der Bauch mit seinen drei Nähtchen doch noch sehr, und mein gesamter Brustkorb fühlt sich nach starkem Muskelkater an. Was an dem in die linke Unterschultermuskulatur unter die Haut implantierten Bioport liegen dürfte, dem sich meine Anatomie erst akklimatisieren wird müssen und vielleicht noch nicht recht will – auch wenn ich mit meinen künstlichen Linsen (die wirklich nachgelasert werden müssen, aber die Ärzte erlauben’s mir grad nicht) den Weg in die persönliche Cy-Burg längst eingeschlagen habe; es ist sogar schon die Einhangbrücke über den Graben herabgerattert und das schwere Gatter der unten spitz zugeschnitzten Pfähle hochgezurrt. Ich soll also passieren, ohne mich zu sorgen. Soeben tritt durchs Tor der freundliche ich weiß nicht, ob nur “Knappe” oder sogar → die Handdes Schloßherrn Jostings, in jedem Fall, um mich zu begrüßen, der ich soeben, den Federhelm rechtsseitig an mein Kettenhemd drückend, auf die Höhe geritten bin, über die sich der Pfad keine fünfzig Meter mehr bis an den Graben schlängelt. Einmal noch lasse ich mein Pferd halten und schaue, bevor ich in die schwierigen Verhandlungen gleich eintauchen werde, around “that pleasant district o merry England which is waterded ba the river Don, there extended in ancient times a large forest, covering the greater part of the beautiful hills and vallies which lie between Sheffield and the pleasant town of Doncaster”.

Weshalb ich allerdings auch in beiden Waden einen Muskelkater habe, ist mir schleierhaft, der ich mit dem Einsatz der Sporen ausgesprochen zurückhaltend bin, vor allem, weil mein Hatáhtitláh (das aber nicht des Ritters, sondern eines “Charly”s Pferd, nämlich Iltschis Bruder ist) allein auf meine Stimme hört und bisweilen nicht mal diese nötig ist, damit das schöne kluge Tier versteht. Ich muß die Richtung nur denken, der zu es sich schon wendet. Es hat schon seinen Grund, daß meine Tumorin mich nun ständig auf Kindheits- und Prägungen meiner frühen Jugend zurücksehen läßt; Ivanhoe, Robin Hood, Winnetou I – III, Kara ben Nemsi Effendis Durch die Wüste bis zum Mahdi, gestern Livingstone, Raumschiff Orion und Urwaldtrommeln rufen. Es war die Zeit, in der ich Selbstbestimmtsein lernte und es durchzufechten begann. Jetzt ist eine Zeit, in der es aussieht, als müßte es wieder aufgegeben werden. Entsprechend heißt es im WOLPERTINGER:

Das Mittelalter ist ewig.

Weshalb zurecht die NZZ nicht nur endlich den Kapitalismus dem Glauben zuschlägt und zwar mit dem Christentum Hand über Schulter, woran ich nach wie vor etwas finde — als ich selbst vor Jahren einen zwar nicht gleichen, doch recht ähnlichen Gedanken formulierte, wurde mir die Konsultation eines Psychotherapeuten sehr, vornehm ausgedrückt, “empfohlen” —, nein Giorgio Agamben sieht unterdessen auch die Medizin → als eine kultisch-religiöse Disziplin an. Er schreibt sogar von einem neuen Dogma. womit ihr geradezu kirchenstaatliche Autorität zugestanden wird. Auch das, nach und mit Corona, stimmt. Wobei es ja niemals die Frage ist, ob etwas de facto so sei; entscheidend sind die Wahrnehmungs- und daraus folgenden Entscheidungsmodi.  Ich, in meiner jetzigen Situation, bin mit sehr Ähnlichem konfrontiert: ebenfalls glauben zu müssen. Was ich poetologisch → bereits 2000 formuliert habe (“futuristisches Tamtam”, → Hubert Winkels), wird zum empirischen Fakt, ja fast zur täglichen Exerzitie. Nicht nur die Medizin, auch mein Ernährungsplan wird – jetzt, im Krebs – mythisch. Was mich an sich bestätigen, also beruhigen sollte, so falsch poetisch nie gelegen zu haben. Wobei die Grund,nun jà,”frage” eine recht banale ist:
Sie wissen, Freundin, daß mich लक्ष्मी, um Liligeia auszuhungern (um sich auszubreiten, verzehren Tumorinnen wie rasend Kohlenhydrate und ziehen sie dem Körper von überall her ab), auf ketogene Diät gesetzt, und ich folge ziemlich streng. Dies bringt nun aber ein Problem mit sich: Ich nehme nicht zu, sondern sogar noch ab. Bereits jetzt, mit bei 1,80 Körperhöhe 70 kg, habe ich leichtes Untergewicht. Ein verehrter väterlicher Freund, durchaus Mentor, hat bei einer sehr ähnlichen Operation über 30 kg verloren – gut, er war erheblich kräftiger als ich, aber auch mein Chirurg gestern, der meine Diät einerseits völlig richtig findet, mahnte mich an, mir auf jeden Fall Reserven anzuessen. “Zehn Kilo verlieren Sie im Umfeld der Operation bestimmt, da wären Sie dann mit 60 Kilo oder sogar drunter nicht gut dran.”
Wie also das jetzt hinbekommen? An Appetit zwar mangelt es mir nicht, im Gegenteil. Auch sollte man eigentlich sowieso zunehmen, wenn die Raucherei eingestellt wurde. Passiert bei mir aber nicht, noch immer nicht, am nunmehr vierzehnten Entzugstag. Und ich schaffe es einfach nicht, auch nur noch ungefähr soviel zu essen wie vor der Diagnose. Nach fünf Stangen Spargel bin ich komplett satt oder, wie gestern abend, nach vier Gamberoni oder einem halben Schafskäse (100 gr). Da wird es eine richtige Aufgabe werden, es mir anzugewöhnen, über den Tag acht- bis zehnmal zu essen, um wieder etwas auf die Rippen zu bekommen. Da mir Kohlehydrate “verboten” sind, jedenfalls weitgehend, muß ich auf pflanzliche Nahrung mit guten Fettketten (Avocados etwa) sowie auf Öle, Eier, Käse usw. ausweichen. Zu meinem Glück habe ich लक्ष्मी, die sich auskennt, an meiner Seite, sonst gäbe ich auf: Dazu, jetzt auch noch permanente Nahrungskunde zu betreiben, mir alles anzulesen usw., bin ich tatsächlich nicht bereit. Denn es würde all meine Kraft und Konzentration von der poetischen Arbeit abziehen und mich dann in der Tat zu einem kompletten Hospitalisierungsfall machen, dem es anstatt ums Leben nur noch um den Krebs geht. Das nun will ich auf gar keinen Fall.
Also. Es geht nicht anders, als jemandem zu vertrauen, das heißt: zu glauben, ecco! Und da sich sogar die Fachleute, auch Schulmediziner, widersprechen, bisweilen sogar heftig — woran also sonst soll ich mich halten als an Menschen, die mich lieben?

À propos! An etwas Ungutes erinnere ich mich bei der Sana Klinik doch. Wenn auch nur am Rande.
Eine reine Geschmacklosigkeit.
Ich komme aus dem Röntgenraum im Souterrain Haus 4; der Fahrstuhl ist außer Betrieb, doch gehe ich eh lieber Stufen. Da fällt mein Blick durch eine Seitentür aufs Nebenhaus und daran das SchildDas also fand ich dann doch ziemlich neben der Spur. Tatsächlich unterhält das Unternehmen in der Fanningerstraße 29 eine Filiale; das Sana Klinikum hat die Hausnummer 32. So gucken die möglicherweise Totkranken gleich mal zu ihren Verscharrern hinunter. Verzeihung, aber: ekelhaft.
Um jemanden schnell loszuwerden, ist es freilich praktisch.

Und auch zum Klinikessen, ganz allgemein, ist dringend einmal etwas zu sagen. Morgen aber, Liebste, erzähl ich erst einmal was Schönes (das Journal ist heut schon lang genug) … mehrfach Schönes sogar, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das, was Thomas Rothschild, dessen Feuerhirn ich ausgesprochen schätze, soeben unter einen Artikel kommentiert hat, dazugehört — auch wenn gestern abend noch Christoforo Arco mir geschrieben hat, es gehe dies runter wie … (die Pünktchen stehen für tierisches Streichfett).  Ich schriebe jetzt, schreibt Rothschild  → dort, “mit dem Tod um die Wette”. Was ich selbst dann übertrieben fände, wenn es stimmen würde. Noch stimmt es aber nicht. Wir wetzen beide bloß erst jeder unsre Klinge – er, der Tod, seiner Sense, ich meiner Verse. Wer “gewinnen” wird, ist dabei längst nicht heraus, zumal mein Gegner Li heißt und wir noch Kinder zeugen könnten. Vielleicht, ja vielleicht sollte ich genau darauf es anlegen und hab’s auch schon begonnen. (Daß der Tod letztlich immer gewinnt, gilt nicht für mich alleine, sondern auch, geliebte Frau, für Sie; völlig egal, ob Sie sterbenskrank oder quietscheentchengesund sind.)

Ihr ANH

Nichts steht geschrieben!” Lawrence of Arabia (jodiert) im Krebstagebuch des nunmehr dritten Sana- und, weil in der Klinik spürbar akut, auch wieder Coronajournals, nämlich des sechundzwanzigsten. Verfaßt am frühen Morgen des Sonnabends, den 16. Mai 2020, bis spät in den Morgen hinein. (Krebstag 17).

[Sana A4, 2018: 5.25 Uhr
Erster Kaffee (aus Granulat)]

[Reuter, Petite sonate pathétique
Im Wechsel mit Ramirer, ORGANICS]

Freundlich, sehr sehr freundlich wieder ward ich empfangen, der eine Viertelstunde zu früh kam, aber eh erst Formulare neu auszufüllen hatte. Wozu ich in den Aufenthaltsraum gesetzt wurde, den Sie, Freundin, bereits kennen, da ich in ihm die beiden vorigen Sanajournale geschrieben habe, das zweite mein erster Brief an Ligeia – die weiterhin noch schweigt. Doch nach den gestrigen Ereignissen habe ich den deutlichen Instinkt, es werde sich nunmehr, nachdem es so präzis auf die Chemo zugeht, ändern, und so knapp. Der Port ist nämlich gelegt.
Ein Port. Bei Cronenberg, dem von mir so verehrten, hieße er Bioport, ihm, dem großen Regisseur, der Einflößung artifizieller Welten dienend, die damit auch für die Zuschauerinnen und Zuschauer zu realen werden, mir, dem Dichter, dem Einfluß der realen in die innere poetische Welt und damit einer, ich schreibe einmal ungeschützt, Harmonisierung der Katastrophe. Weil es dies ist, was wir Menschen wirklich können, was kein, wahrscheinlich, Tier kann, was möglicherweise nicht einmal Göttinnen und Götter könnten, wenn es sie denn gäbe, und erst recht kein GOtt. Schöpfung durch Kunst, Erschaffung durch Kunst – dies ist das Menschliche an sich (und wahrscheinlich eben nicht die Liebe, deren Empfindung wir mit Göttern wie mit Tieren teilen, und mit, wenn’s denn stimmt, dem EInen GOtt auch).
“Die Ärztin wird gleich kommen. Bitte einen Moment Geduld.”
Zu Geduld in Krankenhäusern hab ich schon geschrieben. Nun tauchte ich zum dritten Mal dieses Jahres unter die Membran verhältnisgedehnterer Dilatationen, zu denen, wie ich bereits wußte und vornachts → im Traum verarbeitet hatte, abermals gehören würde, daß mir aus meinem Leben nicht wenige Minuten komplett herausgeschnitten werden würden, die daraufhin in nur wenigen Leuten zugänglichen Räumen sich verschlossen archivierten – möglicherweise archivierten; so sicher → wie Frau von Steglitz (der ich auch direkt noch antworten möchte) bin ich mir da nicht.
‘Mein’ Dr. Herr Chirurg wehte ins Zimmer, ein nicht sehr großer, doch kräftiger, ja kraftvoll-trainiert wirkender jüngerer Mann als ich mit aber immerhin selber Frisur und ebenso gut gelaunt; man gäbe sich gerne die Hand, doch darf es momentan nicht mehr, und es steht durchaus zu befürchten, daß nach noch einiger Coronazeit auch diese Note unserer Kultur aus dem Bewußtsein gelöscht sein wird – worüber die Generationen nach uns, in jedem Fall die nach denen unserer Kinder nicht einmal mehr Bitterkeit empfinden werden, schon gar nicht die Süße, die mit ihr erinn’rungsvoll verbunden.
“Guten Morgen!”, lachend. “Eine Änderung!” So nahm er Platz. Jetzt wehten nur noch die bedruckten Seiten in seiner Hand. “Alles gut?”
“Bestens.”
“Na fein. Ich hatte eh keine Zweifel, aber habe mir etwas überlegt, das wir gleich mittun könnten. – Am Montag geht doch gleich die Chemo los?”
Was ebenfalls für ihn sprach; er hatte sich gemerkt, was ich gestern erzählt hatte.
“Und … Sehen Sie, Ihre Venen sind ja ziemlich prima, aber die ständigen Infusionen mit dem sowieso schon höchst aggressiven Zeug nehmen sie einem auf Dauer doch ziemlich übel. Da würde ich Ihnen besser einen Port legen.”
Bioport ..?”
Bio?”
“Cronenberg, eXistenZ.” (Ich habe drauf schon oben verlinkt, im Gespräch geht es eh nicht – auch wenn ich mir nicht sicher war, daß der Arzt den erkenntnistheoretisch enorm bedeutsamen Spielfilm schon kennt. Obwohl er nickte.)
“Jedenfalls, schauen Sie … Wir implantieren den Port unter die Haut, hier: Aber wir nehmen die rechte Brustseite, da müssen wir nicht übers Herz. Sehen Sie?” Er zeichnete die Stelle mit dem Kuli ein, umkringelte sie, ich verstärke es mal mit meinem eigenen Kringel, der nun in Gelb: “Da muß der Onkologe nur noch unter die Haut in den Katheter einstechen, ohne daß wochenlang die Venen bis zum Gehtnichtmehr genervt werden. – Einverstanden?”
“Was gibt’s da zu überlegen? Nichts. Ist sinnvoll, ja. Außerdem find’ ich’s extrem spannend.” Ich war echt voller, nur sozusagen freilich, Tatendrang. Denn “tun”, ich selber, tät ja nix. Ich läge nur herum.
“Wir machen es aber auch nur, wenn wir bei der Laparoskopie nichts Verdächtiges finden. – Dann muß ich Sie jetzt nur noch über die Risiken aufklären.”
‘Nur’ fand ich hübsch. – “Wie gestern?”
“Wie gestern, ja.”
“Na dann.”
Er tat’s und wehte schon wieder hinfort, flatternd seitlich die Weißkittelflügel. Auch war mein Zimmer bereit. Das Possessivpronomen stimmt. Nicht nur erneut ein Zweibettzimmer, sondern eines für mich alleine, komplett. Noch jetzt bin ich allein, tagsdrauf, da ich mich darauf vorbereite, nachher schon wieder entlassen zu werden.

Großartiges Zimmer, Sommerblick:

Mich zügig eingerichtet, Fünfersteckerdose, Ladegeräte, Zenbook auf den Tisch, Lektüren bereitgelegt, aus dem Anzug ins Kindernachthemd, hinten “frei”, gut, den Cardin-Morgenmantel drüber; für den ebenso türkisfarbenen Schal war’s zu warm. Und grad will ich mich legen, kommt die Schwester schon: “Es wird etwas früher. Sind Sie bereit?” – “Habe ich noch fünf Minuten?” “Ja. Aber die Ringe ab, bitte, die Uhr ab, bitte … und auch die Piercings, falls Sie welche haben.”
Also schnell jetzt. Schon lieg ich auf dem Rollbett, will aber auf keinen Fall zur Decke starren, statt dessen mitbekommen, was nur geht. Die Gänge schmale sumpfige Läufe afrikanischer Flüsse. “Bitte die Hände nicht hinausstrecken.” Klar, sonst kommt ein Krokodil und macht SCHNAPP! Man sieht sie nicht, aber bestimmt sind viele Krokos hier. Ich liebe Krokodile, Kaimane aber auch, nur daß die mir zu klein sind. Und Alligatoren haben zu gedrungene Köpfe. Was entschieden für Afrika und gegen Südamerika spricht. Dafür gibt es dort Anakondas, die ich ebenfalls liebe. Die schönsten Schlangen in Afrika sind die schwarzen Mambas. Aufpassen, der Fahrstuhl. Sollte ich verloren gehen, wird irgendwann jemand aufbrechen, um mich zu suchen. “Mr Herbst, I presume?” “Angenehm. Tja, wer hätte gedacht, die Quellen des Niles in ausgerechnet Lichtenberg zu finden … – Leider kann ich Ihnen keinen Talisker anbieten. Des Krebses halber, wissen Sie?” Tat er, hatte DIE DSCHUNGEL gelesen. “Und hier also lebt Ihre Krebssirene …” “Li?” “Ja, Ihre Li … im Gewässer?” “Mal hier, mal dort. Sie durchzieht die Wasseradern auf der ganzen Welt, wie eine schmale, schlanke Walin die Meere.” “Poetisch.” “Das ist sie, in der Tat.” (Wobei ich letzteres nur sagte, weil ich den Eindruck habe, sie hört mit, und ihr also schmeicheln wollte. Vielleicht, daß sie dann schneller wieder reagiert.)
Doch warn wir bereits am OP. Seitennische, die Anästhesieärztin (An-Ästhetikerin??? – über den Krebs zu schreiben, macht zunehmend Wortspaß), übliche Fragen, Aufklärung, zwei Schwestern fummeln an mir rum, legen weitere Ports. “Was haben Sie um fünf getrunken?” “Einen Latte macchiato.” “Falsche Antwort.” “Wieso? Habe extra den Wecker gestellt. Bis sechs Stunden vor der OP darf ich noch was trinken.” “Ist aber Milch drin in so’nem Latte macchiato.” “Wohl wahr, doch sechs Stunden vor …” “Es ist aber noch nicht elf, ist erst halb elf.” “Mag sein, doch wurde mir elf Uhr gesagt. Hab gestern abend extra noch mal angerufen.” War ja klar, daß ich mit der anderen Zeit der Krankenhäuser noch in Konflikt geraten würde … unsere Zeiten und die hiesigen decken einander einfach nicht. Streng, oh streng! sah die ältere Schwester, ich möchte sie fast eine “Großtante” nennen, mich über ihre Coronaburka an. Nur daß mir Zurechtgewiesenwerden nicht so liegt, ich werde dann störrisch oder spotte grob – ob vorm OP: egal.
Die jüngere Schwester ahnte es, und bevor die Angelegenheit eskalieren konnte, rief sie meinen Chirurgen an. Der sofort abzuwinken schien, verbal. “Überhaupt kein Problem, sagt er”, sagte sie zur Tante. Die dampfte zwar noch weiter, aber schwieg. Mich wärmte das burka-, genauer: niqabverdeckte Lächeln der Jüngeren, dann ward ich bereits in den Saal gerollt.
Mal wieder die komplette Faszination, außerdem Genrewechsel: Afrika zieht sich zur → OPS der Enterprise zusammen, doch außen wird sie die schlanke Disk meines geliebten Raumschiffs Orion – des uneingeholt schönsten aller Zeiten (oh Du Cliff Allister McLane meiner Jugend! — und entsinnen Sie sich, Freundin: der Raumhafen lag unter dem Meer, die Orion tauchte, bevor sie hoch ins All stieg, jedesmal aus dem Malstrudel auf!):

[Bilder ©: → Christoph Roos]

Indessen hatte da die Narkose längst gewirkt. Als ich wieder zu mir kam, sah mein Bauch so aus:

Und dazu der neu Port.
(Freilich ermahnte mich später am Telefon die sehr nahe Freundin, demnächst, wenn ich mal wieder meinte, direkt nach einer Narkose ein Selfie machen zu müssen, doch bitte dran zu denken, daß ich dann auch – lächele. Sonst bekämen alle einen Schrecken, und ich verlöre komplett alle meine Leserinnen, außer nur noch Li. (Letztres gab mir sehr zu denken.) )

 

Wie auch immer, einige Zeit stand ich noch im Aufwachraum, also ich lag, das Bett … hm, kann man auch da “stand” sagen, na gut, stand da genauso putzmunter auf den Rollen, wie’s schon wieder ich selbst war. “Oh, wieso sind Sie schon wach?” Ein Pfleger. Diesmal sparte ich mir mein “Bin ich doch immer”; er konnt’ es ja nicht wissen. Wobei ich, als ich schließlich in meinem Zimmer zurück war, dann doch noch etwas schlummerte – schon weil es eine nette und bequeme Weise war, dem allmählich einsetzenden, bzw. bemerkbar werdenden Schmerz zu entkommen, der schlichtweg von den genähten Schnitten rührte und es nach wie vor tut. Medikamente wollte ich nicht nehmen, kam aber abends dann nicht mehr drum rum; sie standen bereit, ich schluckte sie zögernd, aber schließlich alle nach und nach.

Mein Chirurg wehte ins Zimmer. Wehen tut er immer, diese klasse Mann. Herr Dr. Alexander Dizer. Wenn jemand so tief in meinem Inneren war, hat er ein Recht, genannt zu werden, und eigentlich noch mehr als das. Ich würde ihn nun auch die andere, die große OP durchführen lassen, wahrscheinlich im August, “doch das”, sagte er mit einem so leisen Bedauern, daß es direkt lächelte, “behalten sich meistens die Chefärzte vor.” Jetzt wollte er erstmal die Wunden sehen. “Leider hat man vergessen, Ihnen Duschpflaster draufzutun. Sie bekommen sie morgen, okay?” Und entwehte bis zum Abend, indessen ich selbst nun viel zu hibblig war, um noch im Bett zu bleiben. Also ans Tischchen mit dem Zenbook und erstmal Briefe geschrieben, besonders an Wilhelm Kühlmann, der zur Zeit über meinen Gedichten sitzt und irgendeinen Text über sie zu schreiben nicht nur noch “vorhat”. Danach ein schöner SMS-Wechsel mit meiner Lektorin:

ANH
Wie ich heute im Journal schrieb: Ich bin nicht krank, sondern in schwierigem Gelände auf der Suche nach den Quellen eines inneren Nils. (Auf der Suche nach denen des realen gab es halt auch Todesfälle, wie bei Krebs. Eigentlich für Conquistadoren kein Unterschied.)
EMG
leuchtet mir ein. solche bilder machen viel aus, denke ich, wie man im kopf damit umgeht
ANH
Ich sehe den ganzen Krebs fast schon nur noch als poetisches Schwerstabenteuer.

Was mir, ich gebe es zu, ab dem späten Abend und auch durch die Nacht durchzuhalten aber schwerfiel. Dieses Nichtschlafenkönnen ist wirklich zermürbend; die Tabletten, die ich bekam, wirkten nicht oder kaum; ich hatte den Eindruck, man habe mir zum Schlafen Placebos gegeben. Dann aber mußte ich an El’Aurences Marsch auf Aqaba denken

und war mit meinem, nun jà, Schicksal versöhnt. Schlimmer als in der Nefud der Durst kann meine Schlaflosigkeit, trotz der Schmerzes, kaum gewesen sein. Und Lawrence of Arabia ist nach wie vor einer der mir nahsten Helden meines Lebens – nicht zuletzt auch deshalb, weil er und die gesamte arabische Welt wie ihrer beider Streben nach Freiheit derart verraten worden sind. Einem wie mir taugt das ganz gut zur Identifikation. Außerdem rasiert sich Lawrence in der Wüste – mit Wasser, für den Schaum. Wie rar es immer auch sein mag, und kostbar. Ein absolutes Sinnbild europäischer Hochkultur.

Von halb vier bis fünf Uhr schlief ich danach so tief und gut in der Wüste, daß ich kaum später komplett erfrischt aufstand, mir das antierotische Nachthemd wieder überzog (da ich bekleidet noch niemals schlafen mochte) sowie in den Cardinmantel schlüpfte und in die indischen Sandalen. Derart angetan schritt ich hinaus und langsam zum Empfang, um mich am Rolltisch des Pulverkaffees zu bedienen. Die Tasse in der ruhigen Hand begab ich mich in mein Zimmer zurück und begann am Zenbook die Erzählung, diese hier, die Sie nun gelesen haben.

Ihr, in Erwartung seiner Entlassung,
ANH
Um 9.27 Uhr

 

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