Büßerinnen und aber die Augen der Damen im Schatten:

 

31.8.20-2.9.20
… aber mitten in der Wirth-Erzählung1
angeödet abgebrochen, auch der
Krichbaum2 danach taugt sprachlich nichts.

A

1) im Netz → dort
2) → Jörg Krichbaum

Wobei man sich in der Tag fragen muß, welcher, um es explizit zu sagen, Idiot die beiden vorgenannten Möchtegernler in ein- und demselben Band mit Meistern wie Jean-Louis Bouquet und Julio Cortázar abdrucken ließ, überdies bei Suhrkamp. Der dafür verantwortliche Lektor gehörte kastriert.  Allerdings könnte er schon längst, gerechterweise, verschieden sein. Denn dieses Buch kam bereits 1979 heraus:

 

 

Dafür erreichte mich heute, zur Wiedergutmachung quasi, Peter H. → Gogolins soeben erschienener Erzählband, der gleich mit einem grandiosen  Text beginnt: AUGEN EINER DAME IM SCHATTEN, darin es den wundersam poetischen Satz gibt

Die einzigen Frauen, die sein Leben beständig begleitet hatten, hießen so wie die Gesangsrollen, von denen sie dort im Schatten der Logentür sprach (,)

die Dame nämlich, SIE, deren Augen-allein wir zu sehen vermeinen.

 

 

 

 

ANH

“Vom Existieren”: Kritik. Wanderer bei AISTHESIS:

Sehr schöne und höchst angenehm persönliche Besprechung der “Wanderer” bei Aisthesis:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Abbitte. Mahler IX. Für Leonard Bernstein. Am Mittwoch, den 27. Mai 2020, notiert als kleines akustisches Arbeitsjournal.

 

[Arbeitswohnung, 14.38 Uhr
Krebstag 29/Chemotag 8 | beschwerdefrei, 71,5 kg]
 

Mit großem Dank an Albert Meier

Mahler, Symphonie No 9
Berliner Philharmoniker, Leonard Bernstein
Aufnahme des RIAS Berlin anläßlich der Berliner Festwochen 1979 zugunsten Amnesty International.

 

Ganz meine Skepsis ab– und die CD einlegen, starten, zuhören (unabgelenkt; auf dem Musikstuhl, der zwar geräumig, doch dessen Sitz zu hart ist, um eines Sessels, also zu kommod zu sein).

Und es nicht fassen können: “Das ist dir bislang entgangen?!”

Allein die Aufschreie in den hohen Streichern, das graunzende Grummen der tiefen sowie der Pauke unschönes, weil zu helles Pochen und insgesamt die oft unvermittelten, quasi, Tempiwechsel! Genau, wie ich mir diese Neunte immer vorgestellt habe, daß sie so klingt, durcheinanderrasend, wild, wieder gefaßt und im erneuten Absturz schon. Es ist völlig richtig, was mir, siehe drunten, Albert Meier schrieb: Bernstein holte dies aus einem Orchester heraus, das 1979 völlig anders, von nämlich ausgerechnet Karajan geprägt war — und vielleicht ließ es sich eben genau deshalb, alleine deshalb aus ihm herausholen. Es ist der Aufnahme keinen Moment lang ein sentimentales Nachlassen der Spannungskraft anzumerken, wie ich’s bei Bernstein mit Mahler monieren zu müssen immer wieder Anlaß fand, das er sich hier aber hätte, den Kopf ins klaffende Maul des diktatorischen Löwen gelegt, auf keinen Fall erlauben dürfen. Gar nichts davon! Im Gegenteil, die hohe Nervosität Georg Soltis und Wyn Morris´ scheint sich vor den Berliner Philharmonikern mit Barbirollis dunkel glühendem, zugleich brummend insistierendem Temperament verbunden zu haben, ja sogar der Eindruck entsteht, es atme dieses Orchester unter Bernstein derart auf, weil es zum ersten Mal seit Jahren  wirklich eine Sau herauslassen darf, die bürgerliche Anstandregeln und sonstige Einschränkungen der Ausdrucksfreiheit rebellierend ein- und umreißt. Und wir geraten in die rasende Ekstase sich aus den Bindungen befreiender, nämlich aufbegehrender Klänge — ohne die, wie Mahlers IX oft interpretiert wird, schießliche Resignation. Bei Bernstein verklingt die Sinfonie eher als gutes, sanftes Entschlafen nach einem ziemlich harten Tag, der bis beinah ganz zuletzt noch in brodelndstem Saft stand. Und ebenfalls zurecht spricht Meier von seiner, Mahlers, “Gewalttätigkeit der Komposition”, die freilich nicht ihre (also deren), sondern die nichtverdrängte, nichtgeschönte dieser Welt ist.


Bestellen!    Sie haut um”!

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Aus der vorhergegangenen Korrespondenz:

Ihre kürzlichen → Bemerkungen zu Mahler unter Inbal, Solti usw. bringen mich – in Verbindung mit Ihrer Freude an Shostakovitschs Streichquartetten– zu der Frage, ob Sie Mahlers Neunte unter Leonard Bernstein mit den Berliner Philharmonikern kennen (live 1979). Ich habe die Einspielung erst kürzlich entdeckt – sie haut um.

Oh, diese Aufnahme kenne ich tatsächlich noch diese! (Ich hatte mit Bernstein und Mahler immer ein bißchen Probleme, weil es mir oft zu sein schien, als glitten ihm die kompositorischen Zusammenhänge vor lauter Ergriffenheit wie zu lockere Zügel aus dem Griff, manchmal gingen die Bögen tatsächlich momentlang auseinander – was etwas anderes ist, als es bei Barbirolli die harten Risse sind oder bei Tennstedt sogar Schnitte; Bernstein, den ich nach wie vor liebe, wenn er Neue Musik dirigierte (es gibt für mich keinen Vergleich zu seiner Einspielung von Bergs Violinkonzert mit Isaac Stern und dem NY Philh), war mir bei Mahler immer zu sentimental; er weinte halt auch immer schnell (und hielt, was ich ihm schwer verüble, die Beatles für ernstzunehmende Musiker) – ähnlich ist sein Tristan, etwa gegenüber Soltis oder noch moderneren Auffassungen wie Naganos, Metzmachers u.a.
Doch wenn Sie jetzt derart ausholen für diese Neunte unter Bernstein, dann will ich sie unbedingt hören und werde mal schauen, sie zu besorgen.
Dann geht die CD am Montag auf den Weg zu Ihnen (Dunckerstraße, nicht wahr?). Ihre Einwände gegen Bernsteins Mahler würde ich ohnehin nicht so einfach gelten lassen. Immerhin ist Mahler wohl derjenige Komponist, der den schlechten Geschmack in der guten Musik sinnvoll gemacht hat (hierin vermute ich derzeit den Grund, warum Thielemann mit Mahler nicht zurechtkommt). Und doch ja: auch die Beatles …
Der schlechte Geschmack in der Musik, darüber ließe sich lange streiten. Ich kann ihn bei Mahler nicht sehen,  nur, daß er sich Musiken bedient hat, die sehr wohl dazugehören, sie aber eben gewandelt hat … überhaupt nicht anders, im Prinzip, als es das Kunstlied mit Volksweisen getan, auch mit schlechten… und ich gebe zu, auch aus einem noch so entsetzlichen Beatles-Song läßt sich mit Gewißheit großartige Musik machen, grad im Jazz ist das immer wieder geschehen, selbst durch Jarrett. Da ist der Beatles-Song aber nur Anlaß – für sich selbst bleibt er unanhörbar, oder man muß sich übergeben. Das hört sofort auf, wenn Form ins Spiel kommt. Nur deshalb funktioniert der Kitsch bei Mahler, ohne es zu sein, also Kitsch.
Ich gebe des weiteren zu, daß wir, damit es zu solchen Prozessen kommen kann, das Mindere dringend brauchen, also den Kitsch, die Banalität usw. – alle, was die sogenannten einfachen Menschen halt bewegt. Um aber Kunst zu werden, braucht es den Transformationsprozeß. Nie und nimmer also würde ich die Beatles (oder den Pop, den Mainstream usw.) abschaffen, verbieten oder sonstwas wollen. Nein, das Schlechte muß da sein, die Welt wäre ohne es arm. Dennoch bleibt es schlecht und für elaboriertere Geister unerträglich (deshalb Beethovens Wutausbrüche über Rossinis Erfolge) […]
Eben: Kitsch ist etwa bei Mahler nicht mehr ‘Kitsch’, obwohl er zu den Bestandteilen der Komposition gehört (Kuhglocken!). Wie grässlich ist auch die Idee, das “Veni, creator spiritus” mit dem Schluss von “Faust II” zu kombinieren – in jeder Hinsicht abwegig, bloß dass es musikalisch/emotional nun mal umwerfend funktioniert. Aber gerade deshalb sind meines Erachtens auch Bernsteins Formlosigkeiten mehr als bloß legitim, weil sie dieser Brüchigkeit des musikalischen “Materials” (bei Adorno-Zitaten wird mir seit Jahrzehnten zwar übel, weil ich mich einst daran so überfressen habe, aber manchmal müssen sie halt doch noch sein) gerecht werden bzw. sie hörbar machen – in aller Gewalttätigkeit der Komposition wie der Interpretation. Gefallen resp. überzeugen muss das freilich nicht in jedem Fall. Für mich selbst kann ich ja auch auf die leichte Muse nun mal nicht verzichten.
Ich bin gespannt auf Ihre Meinung zu Bernsteins Berliner Neunten, bei der er immerhin ein Orchester auf seine Linie hat bringen müssen, das unter Karajan ganz und gar anders gepolt war. Er hat das dann ja auch nur einmal machen dürfen.

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[Poetologie zur Musik]

NACHBEMERKUNG
Nicht ganz ohne Witz, übrigens, wie physiognomisch ähnlich Bernstein auf dem Coverbild seinem dirigentischen Gegenspieler ist: Lenny Herbert Karastein.

“Daß heute Sonntag ist!” Und daß wir Weltgeschichte erleben!
Im zwanzigsten Coronajournal des nämlich 19. Aprils, darinnen Vorarbeiten für Ada: “Ada”, 0.3, nämlich Nakokov lesen, 36. Mit einer Bemerkung zur “Geilheit” alter Männer.

[Arbeitswohnung, 10.01 Uhr]

In der Tat, liebste Freundin, mit diesem inneren Ausruf über etwas, das mich seit gestern überhaupt nicht verwundern sollte, dennoch solchem Staunen saß ich, vor anderthalb Stunden um halb neun, am Schreibtisch: “Daß heute Sonntag ist!” Das darin gespürte Ineinderfließen des sonst von streng definierten Modulen getakteten Zeitstroms → hat gestern auch Bruno Lampe formuliert, und es wird vielen von uns ganz ähnlich ergehen. Nur hätte mich dieser Sonntagsumstand schon deshalb nicht verwundern können, weil es mir schon gestern genauso erging, als ich noch damit beschäftigt war, was im Titel dieses heutigen Arbeitsjournals “Vorarbeit für Ada” heißt — die wiederum dazu führte, daß ich dreivier schon publizierte Einträge der Nabokovlesen-Reihe, und zwar ihre Numerik betreffend, revidieren mußte: aus “1” wurde “o.1”, aus “2” “0.2”, nämlich sowohl für ERINNERUNG, SPRICH als auch für ADA. Dazu dann weiter unten. Die eigentlichen Ordnungszahlen werden jeweils folgen, wenn direkt-das-Buch besprochen werden wird. Deshalb hierüber nun “Ada, 0.3”. Doch hatte dies logischerweise zur Folge, daß ich auch noch einmal die Binnenverlinkungen revidieren mußte. Sie werden sich, Geliebte, vielleicht eine Vorstellung des kleinen Aufwandes, auch an Zeit, vorstellen können, den sowas bedeutet.
Und dann dies, daß wir Weltgeschichte erleben, unmittelbar miterleben, indem wir spürbar, alle, zu auch politisch wirkenden Faktoren werden, sich, so gesehen, unsere eigentliche und tatsächliche politische Hilflosigkeit als eine Aktivität erweist, die unser Verhalten, ob Furcht oder Einsicht, bestimmt und an das sich Fragen knüpfen, deren Beantwortung Zukunft gestaltet. Es ist ausgesprochen erhellend, dieser Tage eine Presse zu verfolgen, die jedenfalls ich – spezialisiert auf literatur- und musikästhetische Belange – normalerweise nicht auf dem Schirm habe. Die der Wirtschaft nämlich. Und da findet sich dann so etwas, im MANAGER-MAGAZIN!, wie → das. Entsprechend geriet gestern meine Antwort → dort.
Teils erschütternd wiederum, in nicht selbem, aber verbundenem Zusammenhang, Frau von Stieglitz’ sehr persönliche Einlassungen → da, unter einem, wohlgemerkt, Text von 1995, den zu (sozusagen) reaktivieren zwar eines kleinen Tricks bedurfte (ihn nämlich für einzwei Tage auf die aktuelle Hauptsite zu stellen, bevor er unter seinem eigentlichen Datum abgelegt wurde); dennoch wurde und wird nun zu etwas weitergesprochen, das fünfundzwanzig Jahre alt ist. So etwas gelingt in den Gefilden der Literatur eigentlich nur kanonisierten Büchern und Texten, höchst selten hingegen so wider- wie randständigen Autoren wie mir. — Aber was mich dabei besonders bestätigt, ist, daß diese besondere Sicht einer, sagen wir, älteren Frau – ihre Beklemmung dürfte einiges Stellvertretende haben – Sprache im Umfeld eines Mannes bekommt, nein, sie mit allem Recht fordert, der gemeinhin für einen Macho gilt, weil er sich weigert, sich den Gender-Ideologemen zu beugen. Daß das, banal gesprochen, “Problem” körperlicher Vereinsamung auch eines älterer Männer ist, habe ich in einer meiner Antworten angedeutet; ich weiß es nur zu “gut” von mir selbst.

Womit ich zu ADA schon überleiten kann und es will.

Anders als für alle anderen Bücher der Serie — die ich nicht schon von fremden Einlassungen präformiert, sondern allein aus der Sicht meiner eigenen ästhetischen Überzeugungen schreiben will und schreibe — bereite ich mich diesmal vor; Sie haben’s, Freundin, schon gelesen. Der Grund ist, daß ich das Buch, wie ebenfalls bereits erzählt, längst kenne, auch wenn meine Lektüre zwanzig Jahre zurückliegt. So ist ADA für mich sozusagen ein Abschluß, auch dann, wenn danach noch ERINNERUNG, SPRICH, aber auch das posthume MODELL FÜR LAURA (die Sendung kam gestern an) vor mir liegen sowie Nabokovs Gedichte. Aber um diese wird es insgesamt kompliziert bestellt sein: Es gibt keine nennenswerten Übersetzungen ins Deutsche und außerdem extrem wenige. Dieser Umstand wird möglicherweise zu etwas führen, zu dem ich auch aus strategischen Gründen noch nichts hier schreiben will; außerdem sind starke poetologische Probleme in Sicht. So möchte ich erst einmal den Eingang der bestellten COLLECTED POEMS abwarten und in sie hineingelesen haben. Danach, Geliebte, erst werden wir diesbezüglich weitersehen können. Für LAURA allerdings gilt etwas, das in den meisten Kritiken, die ich las, auch schon die Übersetzung ADAs begleitet hat; eine Ausnahme hier war meines Wissens allein die, fand ich, → einfühlsame Besprechung des viel zu früh verstorbenen Oleg Jurjews, dem Lebenspartner der Bachmannpreisträgerin Olga Martynova, mit denen beiden ich locker befreundet bin, bzw. – ach Oleg! – war. — Alle mir bekannt gewordenen anderen Besprechungen von Nabokovs nachgelassenem Fragment waren und sind in einem Ton geschrieben, der sogar mich Anstand davon nehmen ließ, mich mit dem Buch zu beschäftigen. Erst als ich nun auch Kritiken zu ADA las — weshalb, das erzähle ich gleich —, deren Ton beinah noch schlimmer war, wurde mir klar, den Feuilletonisten unbewußt auf die Schippe gesprungen und ihrem manipulativ-, ja, -Gehässigen selbst zum Opfer gefallen gewesen zu sein. Wir bilden uns unsere Meinung nicht, wenn wir die anderer übernehmen, und seien sie noch so sehr “ausgewiesene” “Experten”. Sie alle nämlich haben — Angst, und zwar um so mehr, wenn sie es nicht wissen. Und da auch wir sie haben, sind wir durch deren im eignen Entscheiden verletzbar.
Worum es sowohl bei ADA als auch LAURA immer wieder geht, in den Kritiken also, ist die eben nicht-beifällig so genannte “Altmännergeilheit”. Es gibt viele Beispiele, wo sie als “Argument” gegen etwas laut wird. von Günter Grass bis zu noch in diesem Jahr wahrscheinlich mir selbst, wenn die Béartgedichte erscheinen werden (so ich die fehlenden anderthalb Stücke bis Ende Mai denn noch fertigbringe). Ja, auch mir wird man(n) dann diese “Geilheit” vorwerfen, wobei es hoch interessant ist, daß es ihr weibliches Pendant nicht zu geben scheint, “Altfrauengeilheit”. Nennte man sie einfühlsam in das um, was sie ist und, so sie nicht zugegeben wird, wäre, nämlich eine Sehnsucht, die ihren Abschied mitträgt, kommen wir dem tatsächlich wirkenden Zusammenhang nahe; auch hier wieder Angst, nämlich entweder vor der eigenen unabwendbaren Zukunft oder davor, eine, mit Alexander Mitscherlich gesprochen, Trauerarbeit zu leisten, die, in jedem Fall als poetische, Trauerbearbeitung ist. Genau sie soll nicht stattfinden, weil man(n) sie dann ja selbst leisten müßte, anstelle zu verdrängen. Weil wir klarwerden müßten, wo wir lieber den Schleier des Nichtnennens drüberziehen wollen, das empfängnisbehinderndste und damit lebensfeindlichste Kondom, das es gibt.
Zum Beispiel lesen wir in ausgerechnet Peter Urbans für den Deutschlandfunk 2011 geschriebener Besprechung den kompletten Unfug, man lasse besser die ersten drei Kapitel zu lesen ganz aus, denn sie

klären nichts, sie sind vielmehr verwirrend und abschreckend – nicht wegen „exotischer, russischer Namen“ (wie Nabokov insinuierte), sondern weil sie angestrengt, schwülstig und überladen [sind].

Ich zitiere Ihnen einmal Beispiel, die man besser nicht zur Kenntnis nehme, weil sie eben in diesen ersten drei Kapiteln stehen:

In späteren Jahren mochte er Proust nicht mehr lesen (wie er auch das parfümierte Gummi türkischer Paste nicht mehr genießen mochte), ohne eine Woge des Überdrusses und das Raspeln griesigen Sodbrennens zu verspüren (S. 21) — Ihr Zusammentreffen mit Baron O., der aus einer Seitenallee herausgeschlendert kam, mit Sporen und grünen Schwalbenschwänzen, entging gewissermaßen Demons Aufmerksamkeit, so betroffen war er von dem Wunder jenes jähen Abgrunds absoluter Wirklichkeit zwischen den zwei fingierten Blitzlichtern vorgetäuschten Lebens (S. 24) — der Baron wählte [für ein Duell, ANH] Degen; und nachdem eine gewisse Menge guten Blutes (…) zwei behaarte Oberkörper, die geweißte Terrasse, die Freitreppe, die in einem ergötzlichen d’Artagnant-Arrangement in den ummauerten Garten führte, die Schürze eines rein zufällig anwesenden Milchmädchens und die Hemdsärmel beider Sekundanten (…) bespritzt hatte, trennten die beiden zuletzt genannten Herren die Duellanten, und Skonky starb, nicht “an seinen Wunden” (…), sondern an einer schwärenden Erinnerung auf seiten des Geringsten unter ihnen, nämlich sich möglicherweise selber zugefügt ein Stich in der Leistengegend, der Kreislaufstörungen verursachte, während zweier oder dreier Jahre mit langwierigen Aufenthalten im Aardvark-Hospital in Boston (…). (S. 28)
(Dtsch v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

Allein die Hypotaxe des letztzitierten Satzes hat es an brillanter erzählerischer Infamie in sich, was wir aber eben, wie empfohlen, nicht zur Kenntnis nehmen sollen. Doch auch die das dritte, ziemlich beklemmende Kapitel bestimmende Schilderung der schweren psychischen Krankheit von Adas, der Heldin, Schwester, sollen wir nicht wahrnehmen, obwohl sich darin geradezu ein Schlüssel für das gesamte Werk findet, indem er nämlich seine Namensgebung aufschließt, und zwar in der Signatur dieser Schwester, die sie unter ihre auf der Buchseite 47 wiedergegebene letzte handschriftliche Notiz setzt:

Meiner Schwester Schwester, die jetzt iz ada (“aus der Hölle”) ist

Ada und Hölle — wen schaudert’s da nicht? Aber insgesamt wird schon bei Urban die eigentliche Zielrichtung deutlich: vorgebliche “Schwülstigkeit” — der Altmännergeilheit (ecco!) “Ausfluß”. Allerdings direkter, weil tatsächlich diffamierend, → Markus Gresser in der FAZ, 2010 (die Titelwahl bereits ist widerlich: Einladung zur Peepshow auf dem Planeten Antiterra):

Er [Nabokov, ANH] scheiterte (….), erfand sich Figuren (…), die nie zum Leben erwachen, affektierte Erotikmarionetten eines Gepetto, der offenbar letztmalig die ganz große Sau rauslassen wollte – aber nicht grob lüstern natürlich, sondern fein ziselierend wie ein Hieronymus Bosch. (…) Nach der Pädophilie in „Lolita“, auf die Nabokov in „Ada“ mehrfach paradiesvogelstolz verweist, stand nur noch ein Tabu zur Verletzung an: das des fröhlichen Geschwisterinzests. Doch konnte Nabokov kaum weiter gehen als in „Lolita“ mit der Masturbationsszene Humberts angesichts seiner wie toten Stieftochter in spe (…). Die im lasziv klebrigen Nebel verirrte Handlung dieses als Autobiographie des Privatgelehrten Van Veen getarnten Romans überhaupt wiedergeben zu müssen, kommt der Zumutung gleich, Veens Lieblingsbordell „Villa-Venus-Club“ beitreten zu müssen.

Der Mann, igittigitt, geht ins Bordell! — und so weiter immer fort. Von solchem Zeug — ekelhafter waren auch “meine” schlimmsten Kritiken nicht — findet sich im Netz sehr, sehr sehr viel mehr. —Übrigens, Gresser. Wer ist denn Markus Gresser, der gleich zu Anfang süffisant darauf hinweisen muß, daß Nabokov siebzig Jahre alt war, als ADA erschien? Und ach, kein bißchen altersweise … (Ich meinerseits habe bis dahin immerhin noch fünfe Jahre der Gnade.)
Nein, Geliebte, suchen Sie selbst! Ich werd den Beelzebuben tun, den Schreiberling durch einen Link noch zu ehren. (“Tintenfingel” nannte den Typos Dr. Lipom).

Aber wirklich, so fragen Sie mich nun, weshalb tut ANH sich’s an, solch einen Müll zu lesen? — Deshalb, liebste Freundin, weil ich im Netz auf der Suche nach einem Personenverzeichnis war. Das ich bislang nicht fand und werde nun wohl selbst anlegen müssen. Doch geriet ich in den Genuß mancher Trouvaille, etwa einer Karte der auf dem nordamerikanischen Kontinent handelnden Spielorte, die über die seinerzeitige Realität (etwa gab es noch die Sowjetunion) eine poetische, sagen wir, Durchpause legt. Wir haben es ja mit einem phantastischen Raum zu tun.
Ich habe sie mir ausgedruckt und hinten in das Buch geklebt; außerdem haftet nun eine etwas größere Kopie links an der laufenden Projekten dienlichen Pinnwand:

Weiterhin fand ich sämtliche Spielorte auf “Antiterra”, von Dieter E. Zimmer auf Englisch gesammelt und erklärt und gleich von mir selbst, leichterer Handhabung wegen, ins Deutsche übersetzt, siebeneinhalb enggedruckte DIN-A4-Seiten. Sowie eine, ebenfalls von Dieter E. Zimmer, “Timeline of Ada”, erarbeitet von August 2009 bis Februar 2010.
Und weiteres und weiteres ist → da und → dort zu finden; außerdem gibt es noch → ZEMBLA — wobei ich “natürlich” mit dem Gedanken herumgespielt habe, meinerseits um Mitgliedschaft bei den → Nabokovians zu ersuchen, dies aber flugs verwarf, sowohl meines Autoren-Selbstbewußtseins halber (“Ich habe ein eigenes Werk!”) als auch, weil mein gesprochenes und geschriebenes Englisch zu erbärmlich ist, um dort von irgendeinem anderen Nutzen zu sein, als mich indirekt mit fremden Federn zu schmücken, was dann wieder mein Selbstbewußtsein störte.
Um es deutlich zu sagen, bin ich kein Interpret des originalen Nabokov-Werkes, sondern ein poetischer seiner deutschen Übersetzungen, und auch das nur, insoweit es die belletristischen Bücher betrifft. Darüber werde ich kaum jemals mehr hinausgelangen. Wesentliche Privilegien, die Nabokovs Dichtung bis ins hohe Alter nährten, sind mir nicht zuteil geworden, worüber ich nicht klage; statt dessen fand ich meine eigenen Wege. Sehen aber tu ich’s klar. Und bin auf seltsame Weise froh, mit diesem Mann, abgesehen von ADA, niemals früher in lesenden Kontakt gekommen zu sein. Und auch sie schon, diese mit Van Veen untrennbar verbundene Frau, trat in mein Leben erst, als meine eigene Ästhetik längst “stand”; wäre Ada früher erschienen, ich weiß nicht, woher ich den Mut, ja die Hybris genommen hätte, selbst noch etwas in die Regnitz zu tun. Hingegen diejenigen Autorinnen und Autoren, die mich prägten, etwa Aragon, mir auf eine Weise nahe waren, die immer zugleich unsere Fremdheit unterstrich; so konnte ich nicht einmal Epigone werden. Sie fast alle hatten etwas, das ich verabscheute, Aragon die miese Autoritätsgläubigkeit, sei es anfangs gegenüber Breton, später im klebrigen Verhältnis zum Sowjetkommunismus; Pound und, gelinder, D’Annunzio wie Pirandello beider Faschismusnähe wegen; Dostojewski wegen der kriecherischen Glaubenstümelei; Nietzsche aufgrund des “Übermenschen”; Christa Reinig wegen ihres hardliner-Feminismus und Marianne Fritz wegen der psychotischen Schreiberinstruktur; ebenso Kafka, nur muß da das geschlechtskorrekte “in” weg; Beckett wegen seines existentialistisch-grotesken Nihilismus; Bernhard wegen seiner von dem elastischen, rhythmischen Stil nur allzu kläglich kaschierten Larmoyanz; Benn und Niebelschütz wegen der Nähe zum Nationalsozialismus. Und so weiter. Doch alle sie waren und sind für meine Arbeit und ihrer Entwicklung von enormer Bedeutung; ich schulde ihnen einen Riesendank. Ah, Thomas Mann vergaß ich, dessen sich selbst erhöhenden Sätze mitunter unerträglich gelockt sind, und doch unersetzlich. Indessen Nabokovs kristallene Prosa mich hätte zumindest als jungen Mann eine Nähe imaginieren lassen, unter deren Last ich poetisch verstummt wäre: “Daran ist nie zu gelangen für einen wie dich!” — so daß ich heute vielleicht ein passabler Jurist oder begüterter Mensch wär’ im Börsengewerbe. Vielleicht hätte ich nach dem DOLFINGER (also der “Erschießung des Ministers”) noch EINE SIZILISCHE REISE geschrieben, aber weder der WOLPERTINGER noch eines der späteren Bücher, auch nicht die BAMBERGER ELEGIEN und TRAUMSCHIFF, hätten entstehen können, um von MEERE vollends zu schweigen; und meine poetologische Arbeiten sowieso nicht.

Ihr ANH,
den Sie Sie erfinden ließen.

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“Berstend vor kelterreifem Verlangen.” Nabokov lesen, 35: Das Bastardzeichen. Dazu zwei kleine – von García Márquez und Kubin – Endspielstücke.

 

(…) vom ersten Treppenabsatz warf sie einen Blick zurück; dann enteilte sie aufwärts, ihren Schal mit allen seinen Sternbildern hinter sich herschleifend — Kepheus und Kassiopeia in ihrem immerwährenden Glück und die hellglänzende Träne Kapella und Polaris die Schneeflocke und das grauschimmernde Fell des Großen Bären und die ohnmächtigen Spiralnebel — diese Spiegel der Unendlichkeit qui m’effrayent, Blaise, genau wie dich, und wo Olga nicht ist, aber die Mythologie starke Zirkusnetze spannt, auf daß der Gedanke in seinem schlechtsitzenden Trikot sich nicht den alten Hals breche, statt mit Heidi und Hopsa auf- und abzuschnellen — und dann hinunterzuspringen in das urindurchnäßte Sägemehl, den kurzen Weg zu durchmessen, in der Mitte die halbe Pirouette zu vollführen und mit amphiphorischem Akrobatengruß darzulegen, wie äußerst einfach der Himmel letztlich sei, mit den freimütig geöffneten Händen, die einen knappen Beifallsschauer hervorrufen, indes er zurückgeht, sich wieder in seine Männlichkeit findet und das kleine blaue Taschentuch auffängt, das seine muskulös fliegende Gefährtin nach der eigenen Anstrengung aus ihrem erhitzten wogenden Busen gezogen hat — und ihm zuwirft, damit er seine schmerzenden erschlaffenden Handflächen trockne.
Das Bastardzeichen, S. 73/74
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Hier, in diesem rhythmisch hochgradig hypotaktischen, die Treppe hinaufsteigenden Fluß, ist Nabokov stilistisch ganz bei sich selbst, das heißt: in seiner Figur, dem ohnedies unangepaßten Philosophen Adam Krug, dessen gerade verstorbene Frau Olga im Hinaufschreiten einer fremden jungen Dame kurz in ihm aufsteigt, die, nachdem sie sich aus der Umarmung ihres jungen Freundes gelöst, um dem älteren Mann den Durchgang zu ermöglichen, hinter sich diesen Schal herschleift, einem momenthaft zur Ewigkeit werdenden, in die die Gattin verschwunden. Krugs Schmerz darob wird zu verheißender Mythologie — einer innenleuchtenden Realität neben der äußeren nicht nur profanen, sondern politisch mehr als beklemmenden. Doch findet diese Beklemmung erst ganz zum Schluß des Buches Einlaß in den Mann, der sich der bösen Wirklichkeit gemäß dem ihm eigenen Trotz verweigert hat, dafür nun den gequälten Tod seines kleinen, jetzt mutterlos hinterbliebenen Sohnes hinnehmen muß, was ihn mit Wahnsinn und schließlich dem eigenen Ende bestraft:

In jähen, kräftigen Sprüngen stürzte Krug auf die Mauer zu, wo Paduk, das Gesicht in Angstschweiß gebadet, von seinem Stuhl rutschte und zu verschwinden suchte. Im Hof tobte wilder Tumult. Krug wich der Umarmung eines Gardeoffiziers aus. Dann schien die linke Seite seines Kopfes in Flammen aufzugehen (diese erste Kugel hatte ihm einen Teil des Ohrs weggerissen), doch frohgemut stolperte er weiter (…). Er sah die Kröte [Paduks Spitzname, ANH] am Fuß der Mauer kauern, zittern, zerfließen, schrille Beschwörungen ausstoßen, sein verschwimmendes Gesicht mit einem Arm bedecken, und Krug stürzte auf ihn zu — und den Bruchteil einer Sekunde, bevor eine zweite und besser gezielte Kugel ihn traf, rief er noch einmal: du, du — und die Mauer verschwand wie ein schnell zur Seite geschobenes Diapositiv,

und jetzt kommt eine der für diesen Roman typischen Perspektivwechsel mitten in der Sequenz, ein Sprung ins Innere des Autors-selbst,

und ich reckte mich und erhob mich aus dem Chaos beschriebener und umgearbeiteter Seiten, um nachzusehen, was da plötzlich gegen die Drahtgaze vor meinem Fenster geklirrt war.
Bastardzeichen, S. 272

Es ist ein Nachtfalter, der ungewissermaßen die innere Balance des vom Geschehen beklemmten Schreibenden wiederherstellt, das unbedingte klassizistische Müssen des Ausgewogenseins poetischen Anschauns, um das Barbarische wenigstens in der Erzählung bannen zu können:

Die verschiedenen Bestandteile meiner vergleichsweise paradiesischen Umgebung – die Nachttischlampe, die Schlaftablette, das Glas Milch – blicken mir völlig unterwürfig in die Augen. Ich wußte, daß die Unsterblichkeit, die ich dem armen Kerl [i. e. Adam Krug, ANH] verliehen hatte, ein schlüpfriger Sophismus war, ein Spiel mit Worten. Doch diese letzte Runde seines Lebens war glücklich gewesen, und es war ihm bewiesen worden, daß der Tod lediglich eine Frage des Stils war
Bastardzeichen, S. 273

sowie

eine Frage des Rhythmus.
Bastardzeichen, ebda.

Selten zuvor wurde der Charakter der nabokovschen Poetik so deutlich wie in dieser Passage.

Aber was wird erzählt? — Die U4 meiner rororo-Taschenbuchausgabe vom Februar 1987 stellt es so dar:

Eine blutige Revolution hat die “Kröte” an die Macht gebracht,

blöder, weil den Textern schlichtweg unterlaufender Reim in dieser Zusammenfassungs”prosa”,

wie der Volksmund den Diktator Paduk nennt, und mit ihm die ‘Partei des Durchschnittsmenschen’,

über die Enzensberger sich wahrscheinlich → billig freute,

ein ebenso banales wie brutales Gelichter. Mit aller Präzision seines Stils zeigt Nabokov die totalitäre Welt als das, was sie ist: eine ‘bestialische Farce’, ein Gemisch aus Lächerlichkeit und Grauen. Auch in diesem seinem düstersten Buch erweist sich Nabokov als ein Meister des Grotesken.

In “diesem seinen” Geplapper ist der Klappentext ein Graus und grotesk im Roman leider gar nichts, vielmehr bitter in gleich mehrfacher Hinsicht, sei’s wegen der tatsächlichen Realität des Nabokov sich zur Vorlage geradezu angeschmissenen Sowjetkommunismus, sei’s wegen des auf hochgebildet-intellektuelle Weise verqueren Trotzes Adam Krugs selbst, der sich der neuen Situation zu stellen sogar gedanklich weigert und meint, vermittels eines deftigen Hohns das Grauen von sich fernhalten zu können. Diese Haltung wird am Ende tragisch, wenn sogar das eigene Kind ihr zum Opfer gebracht wird — nein, nicht willentlich, doch als kollaterale Folge. Was dem Helden erst klar wird, als es zu spät ist.
Die Dynamik ist aber noch komplexer. Denn die “Kröte”, zur Schulzeit, wurde nach Kräften von Krug und seinen Kumpels gequält. Ihre Erhebung über den schwächlichen Jungen, der später zum Diktator aufsteigt (und da immer noch, letztlich, den Zuspruch seines Schulquälers sucht), ist wirklich derart bodenlos, daß der Gedanke sich nicht ganz von der Hand weisen läßt, an Paduks späterer Grausamkeit trage Krug durchaus nicht wenig Mitschuld. Seine, Krugs, gesamte Konstitution ist sogar psychisch die der Überhebung — besonders über geistig, aber auch körperlich Schwächere.
Der Paduk als noch Schulbub galt ihr als hochwillkommenes Futter:

(…) ich pflegte ihm ein Bein zu stellen und mich dann auf sein Gesicht zu setzen — eine Art Sitzkur”(,)
Bastardzeichen, 61,

erklärt er seinen Kollegen, die ihn bedrängen, das Rektorat der neu zu organisierenden, vom Regime noch geschlossenen Universität zu übernehmen, was er erstens keineswegs vorhat und weshalb er zweitens beharrt:

“Fünf Schuljahre lang habe ich Tag für Tag auf seinem Gesicht gesessen (…), das dürfte zusammen ungefähr tausend Sitzungen machen.”
Bastardzeichen, ebda.

Und – noch nachtretend – schränkt er böse ein:

Ich habe doch wirklich nichts Schlimmes gesagt, oder? Ich habe zum Beispiel nicht behauptet, daß heute, nach fünfundzwanzig Jahren, das Gesicht der Kröte immer noch die unverwischbaren Spuren meines Gewichts trägt. Damals war ich zwar schmächtiger als jetzt —”
Bastardzeichen, 61

Daß sich die Machtverhältnisse nun gegen ihn, den gleichsam Gewinner von Geburt (auch im Sport war er ein As) verkehrt haben sollen, da Paduk und seine Kretins den Staat erbarmungslos an Zügeln halten, will ihm nicht in den Kopf. Zugleich allerdings ist er, Krug, mit dem ständigen seelischen Aufwand beschäftigt, den Verlust seiner geliebten Frau sich erträglich zu machen. Das geht mit seinem durchaus begründeten, tatsächlich extremen Selbstwertgefühl die schließlich tragisch endende Allianz ein, das ihn nahezu allen andren Menschen gegenüber so überlegen sein läßt. Zu unrecht mit Recht, muß ich schreiben.
Aber hören Sie, Geliebte, wie der Paduk-als-Junge uns Leserinnen und Lesern vorgestellt wird, körperlich vorgestellt. Es ist dies nicht ohne Infamie, insofern es Paduks infame Idee seiner “Diktatur der Gleichen” geradezu biologisch, ja physiologisch begründet, als ein gleichsam angeborenes Böses — das sich schon darin habe gezeigt, daß er, Paduk, zu den

saftpupen (Muttersöhnchen) [gehörte], die auf den breiten Fensterbänken hinter dem Garderobenständer dösten, und Paduk (…) aß etwas Süßes und Klebriges, das ihm ein Hausmeister (…) zugesteckt hatte. Wenn es klingelte, wartete Paduk, bis sich der Aufruhr gelegt hatte und die geröteten, schmutzigen Jungen zurück ins Klassenzimmer gestürmt waren, ehe er, eine seiner klebrigen Handflächen tätschelnd auf das Geländer gelegt, verstohlen die Treppe hinaufschlich. Krug, der aufgehalten worden war (…), überholte ihn und zwickte im Vorbeigehen sein  fettes Hinterteil.
Bastardzeichen, S. 80/81

Hören Sie sich jetzt noch die Herkunft des kleinen Jungen an:

(…) Paduks Mutter, eine schlappe, tranige Frau aus der Marsch, war im Kindbett gestorben, und bald darauf hatte der Witwer ein körperbehindertes Mädchen geehelicht (…).
Bastardzeichen, ebda.

Und weiter in des Jungen Beschreibung:

Als Kind hatte Paduk ein teigiges Gesicht und einen grauen, beuligen Schädel (…); außerdem hatte er einen leicht watschelnden Gang und trug Sandalen, die eine Menge bissiger Bemerkungen auf sich zogen. (…) Seine Hände waren ständig klamm. Er sprach seltsam ölig durch die Nase, hatte einen starken nordwestlichen Akzent und die aufreizende Angewohnheit, aus den Namen seiner Klassenkameraden Anagramme zu bilden (…), weil man unablässig im Sinn behalten sollte (…), daß alle Menschen aus den gleichen, nur verschieden gemischten fünfundzwanzig Buchstaben bestehen.
Bastardzeichen, ebda.

Was später die Grundlage seines quasikommunistischen Regimes des “Volkes” als eines der Immergleichen werden wird. Auch dessen, des Regimes, Gemeinheit sei aber schon im Kind angelegt:

Paduk jedoch war trotz all seiner Verschrobenheiten langweilig, platt und unerträglich gemein. Wenn man es sich jetzt vor Augen führt, kommt man zu dem unerwarteten Schluß, daß er auf dem Gebiet der Gemeinheit geradezu ein Held war

nicht etwa Krug, der den Jungen quälende Mitschüler,

denn jedesmal, wenn er sich etwas Derartiges leistete, muß er gewußt haben, daß er sich wieder auf dem besten Wege zu jenem höllischen physischen Schmerz befand, den seine rachsüchtigen Klassenkameraden ihm unweigerlich zufügten.
Bastardzeichen, S. 80/81

Wobei Nabokov pluralmajestätisch noch hinzufügt, daß “wir uns” seltsamerweise

eines bestimmten Beispiels seiner Gemeinheit (…) nicht entsinnen können, obwohl wir uns lebhaft daran erinnern, was Paduk als Vergeltung für seine abstrusen Verbrechen auszuhalten hatte.
Bastardzeichen, ebda.

Wenn der ängstliche Bub also “gemein” war, dann ziemlich sicher aus Notwehr. In jedem Fall war er ein gequältes, gestoßenes Kind, dem, daß er es war, die anderen Kinder nicht nur obendrein zum Vorwurf machten, sondern sie “bestraften” ihn dafür — der “beethovensche” (“nur daß er intelligenter war”, S. 56) Adam Krug allen voran, dessen tief sitzende Abneigung gegen Schwächere uns Nabokov als seinerseits, krugseitens, Unrecht durchaus bemerken läßt und es uns ganz so leicht nicht macht, uns affirmativ mit dem Mann zu identifizieren. Wir müssen nur genau lesen:

“Das reicht mir jetzt!” sagte Krug, der plötzlich einen seltsamen Schuß Vulgarität, ja Grausamkeit an den Tag legte, denn nichts in dem harmlosen und wohlmeinenden Geschwätz des jungen Forschers (den ganz offensichtlich jene Schüchternheit so redselig gemacht hatte, die für überreizte und vielleicht unterernährte junge Leute, Opfer des Kapitalismus, Kommunismus und der Onanie, so charakteristisch ist (…)), rechtfertigte die Grobheit des Einwurfs (…).
Bastardzeichen, S. 71/72

Allein diese Trinität nachzuschmecken, Kapitalismus, Kommunismus und Onanie ..! Wer nämlich spricht hier? Adam Krug durch den auktorialen Erzähler oder dieser selbst? Erinnern Sie sich aber des schon erwähnten Stilmittels, aus der Er-Erzählung geradezu unmittelbar ins Ich zu wechseln, das ganz genauso bisweilen Adam Krugs, dann aber wieder, siehe oben, der Erzählers selbst ist. Diese unauflösbare, weil ineinandergewachsene Ambivalenz prägt den gesamten Roman.
Doch zu Krug-direkt zurück: Als Sohn eines “angesehenen Biologen” (S. 80) ist er nicht nur von Herkunft und Bildung, sondern eben auch körperlich derart privilegiert, daß selbst der von ihm einst gequälte, nunmehr zum Diktator aufgestiegene teigige Paduk nach wie vor um ihn, es ist nicht anders zu nennen, buhlt. Krugs ihm freilich in keiner Weise gewachsenen Freidenkerfreunde sind dagegen alle längst verhaftet oder haben ihr Heil in der Emigration gesucht. Alleine der Querkopf hält stand, will nicht. Noch jetzt, zu Beginn der Erzählung, ist er

ein großer, schwerer Mann, früh in den Vierzigern, mit unordentlichen, staubigen oder leicht angegrauten Locken und einem grob gehauenen Gesicht, das an den ungeschlachten Schachmeister oder den mürrischen Komponisten [gemeint ist eben Beethoven, ANH] erinnerte, nur daß er intelligenter war. Die kräftige, gedrungene, düstere Stirn hatte das eigentümlich hermetische Aussehen (…) von Denkerstirnen. (…) Was sonst noch? Ach ja — daß sein Zeigefinger unablässig geistesabwesend auf der Stuhllehne trommelte.
Bastardzeichen, S. 56/57

Selbstverständlich ist er nicht leidfrei, schon gar nicht nun, da seine geliebte Frau verstorben, die ihm immer und immer wieder in seinen Gedanken aufsteigt, nicht selten mit fast realer Präsenz — was diesem Roman eine mitunter geradezu mythische Klangfarbe gibt, die zur von der neuen Diktatur verschuldeten Beklemmung im Wortsinn ebenso unheimlich paßt, wie die aus Metapher, Beobachtung und Rhythmus gewobene Dichte des Stils, die sich häufenden Hypotaxen eingeschlossen, derart enggeführt ist, daß wir die Enge der neuen Gesellschaftsform quasi aus jeder Seite spüren. Und es ist allein der trotzige Witz Krugs, der daraus bisweilen erlöst, etwa schon am Anfang des Buches, da eine Brücke überschritten werden muß, an deren beiden Seiten Soldaten zur Überprüfung der Ausweise stehen. Pikanterweise ist die eine Flußuferseite mit Analphabeten besetzt, was dazu führt, bzw. führen könnte, daß ein Passant nun lebenslang zwischen den Posten immer hin- und hergehen muß, weil die drübige Seite einen Passagevermerk verlangt, den die hiesige mangels Schreibfähigkeit zeichnen gar nicht kann. Halten wir uns vor Augen, daß die analphabeten Soldaten für ihre Bildungsschwäche sicherlich nicht verantwortlich sind – für Dummheit könnten sie schon gar nichts  –, wird uns fast schmerzhaft klar, wie ätzend Adam Krugs Spott ist, zudem er zu Formulierungen greift, die sich dem Verständnis der Soldaten schon terminologisch komplett entziehen:

“Nein, nein”, sagte Krug. “Ich nicht aus Kahn klettern. 

Ich nicht aus Kahn klettern: Schon diese Reduktion eines einfachsten Satzes auf die unvollkommene Grammatik des Achtelgebildeten ist hämisch. Unszulande wurden so, und werden teils noch, Migranten der  sogenannten Unterschicht sprachlich persifliert. Aber jetzt kommt’s!

Ihr kapiert es immer noch nicht. Ich will es so einfach wie möglich ausdrücken. Die vom solaren Ende [also der gegenüberliegenden Brückenseite, ANH] sehen heliozentrisch, was ihr Tellurier geozentrisch saht, und wenn diese beiden Aspekte nicht irgendwie kombiniert werden, muß ich, das ins Auge gefaßte Objekt, in der universalen Nacht für alle Ewigkeit hin- und herpendeln.”
Bastardzeichen, S. 24

Allerdings geht er, also Krug, mit sämtlichen Menschen so um, die, ob tatsächlich oder eingebildet, an seinen Verstand nicht reichen, darin seinem Autor nicht völlig unähnlich, der etwa ein Parlamentsmitglied einen “Mann von mildem Stumpfsinn” (S. 44) nennt oder die ohnedies schon scharfen Nägelkanten seiner ironisch gezügelten Misogynie noch zufeilt und dann den Hornstaub von den Fingerkuppen bläst, damit das kristallne Glitzern dieses Satzes von gar nichts, gar nichts getrübt sei:

Sie war eins jener dünnblütigen helläugigen reizenden schlimmen schleimigen Schlangenmädchen, die zugleich hysterisch begehrlich und hoffnungslos frigide sind.
Bastardzeichen, S. 135/136

Imgrunde ist Krug — wo der aus gequälter Kinderseele zur unbegrenzten, sich fortan schadlos haltenden Macht gelangte Paduk ein zugleich tief feiger wie so sadistischer Mann wurde, daß er auch nicht davor zurückschreckt, Kinder foltern lassen, woran er möglicherweise sogar eine Art umgekehrter Stockholm-Genugtuung hat — ein mit genossenen Privilegien und Geist ausgestatteter Unhold, jedenfalls nur für diejenigen ein Sympathieträger, denen, ihrerseits hämisch, seine Rücksichtslosigkeiten gefallen. Und doch sind wir notwendigerweise näher bei ihm und leiden mit ihm mit, weil eben sein Leid auch vermittelt wird, vor allem der verlorenen, eher unbewußt als zugelassen betrauerten Gattin wegen, und weil uns seine Widerständigkeit gefällt. Und wir, ganz wie er selbst, übersehen das Risiko, dem er sein eigenes Kind damit aussetzt, übersehen sie auch, weil Krugs im Geiste schlichten Freunde sie nicht übersehen und wir uns einfach nicht vorstellen können, ein Mann von, Nabokov legt den Vergleich nicht nur einmal nahe, beethovenschem Format gerate auch nur in Gefahr, anders als sie sich zu irren. Dabei warnen sie ihn und warnen —
Dieses ist für mich eines der absolut meisterhaften Konstruktionsprinzipien des Romans, der nach dem beinah leichtfüßigen Sebastian Knight mit der ganzen atmosphärischen Dichte der russischen Gabe, zugleich einer bedingungslosen Schwere und doch auch auf das sanfteste eingewobenen Meditationen über Erinnerung daherkommt:

Und später dann, als du zwanzig warst und ich dreiundzwanzig [war], lernten wir uns auf einer Weihnachtsfeier kennen und entdeckten, daß wir jenen Sommer vor fünf Jahren Nachbarn gewesen waren — fünf verlorene Jahre! Und genau in dem Augenblick, da du in erschrecktem Staunen (erschreckt von der Stümperei des Schicksals) deine Hand an den Mund legtest, mich mit runden Augen ansahst und leise sagtest: Aber dort habe auch ich gewohnt! — da durchfuhr mich wie ein Blitz die Erinnerung an einen grünen Pfad in der Nähe eines Obstgartens und an ein kräftiges junges Mädchen, das behutsam einen verirrten flaumigen Nestling trug, aber ob du es wirklich warst, konnte alles Forschen und Fahnden weder bestätigen noch widerlegen.

Fragment eines Briefes an eine Tote im Himmel von ihrem Gatten im Rausch.
Bastardzeichen, S. 158/159

Oder wenn der hierüber noch berauschte Krug beinahe nüchtern über seinen kleinen Sohn sinnt:

Und welche Qual, dachte Krug der Denker, ein kleines Geschöpf so wahnsinnig zu lieben, das auf geheimnisvolle Weise ( uns heute geheimnisvoller noch als den ersten Denkern in ihren bläßlichen Olivenhainen) aus der Verschmelzung zweier Geheimnisse entstanden sind, oder vielmehr aus zweimal einer Trillion Geheimnissen; aus einer Verschmelzung, die zugleich eine Sache des Willens, eine Sache des Zufalls und eine Sache reinen Zaubers ist; ein Geschöpf, das solchermaßen entstanden und dann frei ist, Trillionen eigener Geheimnisse anzuhäufen; das Ganze durchströmt von Bewußtsein, welches das einzig Wirkliche auf der Welt ist und das größte Geheimnis von allen.
Bastardzeichen, S. 213/214

Auch das ist eben Adam Krug, inwendig zart, dieser “bäurische Bär” (S. 242), wenn er liebt. Wäre indessen nicht denkbar, daß Paduk auch, wenigstens als er noch Kind war, ähnliche Empfindungen hatte, die sich aus seiner Qual heraus schließlich pervertierten? Diese Perspektive nimmt weder Nabokov noch Adam Krug jemals ein, wir können Sie aber von uns aus mitbringen. Das Buch, wenn wir genau lesen, läßt uns diesen Raum, auch wenn unsre Sympathien —selbstverständlich, möchte ich fast schreiben — alleine deshalb auf der Seite “Beethovens” stehen, weil der Mut seines Trotzes so beeindruckend ist, und wir, Hand aufs Herz, gerne eigentlich ebenso wären, nicht kompromittierbar nämlich und niemandem sonst, als unserem eigenen, mit vielen Gründen, Dafürhalten verpflichtet. Es ist diese Geste, mit der der tatsächliche Beethoven die Widmung an Bonaparte durchstrich, wütend sie löschte.

[Detaillierter zu Nabokovs Beethovenmotiv
siehe meine Anmerkung → dort
.]

Es gibt im Bastardzeichen aber auch menschliche Einsichten, die Nabokov/Krugs überheblichen Gestus komplett unterlaufen, und zwar so sehr, daß sie — eine bei Nabokov mindestens ebenso wirkende “Meinungs”strategie — gegen die schlechte Realität eine quasi phantastische des inneren Raums setzen, den in der hiesigen Erzählung vorwiegend die Erinnerungssequenzen an die geliebte verstorbene Ehefrau beleuchten, aber nahezu unvermutet in einer längeren Passage ausgeführt werden, die sich um den vermeintlichen “Spießbürger” dreht — hier durch eine in-der-Fiktion-fiktive Person namens Etermon vertreten:

Allerdings war Skotoma das Opfer eines weit verbreiteten Irrtums geworden: Den “Spießbürger” gab es nämlich nur als Etikett auf einem leeren Karteikasten (der Bilderstürmer [nämlich Skotoma, ANH] verließ sich wie alle Leute seines Schlages ganz und gar auf Verallgemeinerungen und war völlig unfähig, etwa von der Tapete in einem zufälligen Raum Notiz zu nehmen oder intelligent mit einem Kind zu sprechen). In Wahrheit hätte man mit ein wenig Umsicht manches Merkwürdige über die Etermons erfahren können, manches, [d]as sie so sehr voneinander unterschied, daß Etermon höchstens als die vergängliche Ausgeburt eines Karikaturisten existieren konnte. Plötzlich verwandelt, schließt sich Etermon (den wir doch eben noch harmlos im Haus herumtrotten sahen) mit seiner Beute im Badezimmer ein — einer Beute, die wir lieber nicht beim Namen nennen; ein anderer Etermon stiehlt sich aus dem armseligen Büro geradewegs in eine Bibliothek, um sich an gewissen alten Landkarten zu erbauen, über die er zu Hause kein Wort verlieren wird; ein dritter Etermon berät mit der Frau eines vierten besorgt die Zukunft eines Kindes, das sie ihm heimlich geboren hat, dieweil ihr Mann (jetzt wieder daheim in seinem Lehnstuhl) in einem entlegenen Dschungelland kämpfte, wo er seinerseits Nachtfalter von der Größe eines geöffneten Fächers und des Nachts rhythmisch pulsierende Bäume voller Leuchtkäfer gesehen hatte. Nein, die durchschnittlichen Gefäße sind gar nicht so einfach, wie sie [zu sein] scheinen: Sie gehören einem Zauberer, und niemand, nicht einmal der Magier selbst, weiß, was und wieviel sie fassen.
Bastardzeichen, S. 93/94

Selbstverständlich wird hier der Irrsinn der Annahme (und der politischen Doktrin) einer Gleichheit aller Menschen demontiert, damit der Kommunismus, dessen unerbittlicher Feind Nabokov zeitlebens blieb. Allein dann die Beschreibung der – auch weiblichen – Schergen des Machtapparates lassen einen schauern. In der Tat, nach Lektüre dieses Romans kann sich nur bodenlos schämen, wer jemals auch nur entfernte Sympathien für die marxistisch-leninistische Praxis gehegt hat. Denn was der Klappentext meines Taschenbuches “Groteske” nennt, ist in derartigen “Systemen” eben scheußlichste Realität — bis hin zu dem “Irrtum”, in dessen Folge Krugs kleiner, nun wirklich schuldloser Sohn zerbrochen wird, was folgendermaßen vonstatten geht:

Nun ja, das Gehege, in dem die ‘kathartischen Spiele’ stattfanden, war so gelegen, daß der Direktor aus seinem Fenster und die anderen Ärzte und wissenschaftlichen Kräfte, Männer und Frauen (Frau Doktor Amalia von Wytwyl zum Beispiel, eine des faszinierendsten Persönlichkeiten, die man sich denken kann (…)), von anderen gemütlichen Warten aus den Verlauf beobachten und sich Notizen dazu machen konnten. Eine Krankenschwester führte die ‘Waise’ die Marmortreppen hinab. Da Gehege war eine wunderschöne Rasenfläche (…) und erinnerte an jene Freilichttheater, die den alten Griechen so teuer waren. (…) Nach einer Weile wurden die Patienten oder ‘Insassen’ (acht im ganzen) in das Gehege geführt. Zunächst hielten sie sich in einiger Entfernung und beobachteten den ‘Kleinen’. Es war interessant zu sehen, wie sich allmählich er Gruppengeist geltend machte. Waren es bislang rohe, gesetzesscheue, unorganisierte Individuen gewesen, so verband sie jetzt etwas, der Gemeinschaftsgeist (positiv) gewann die Oberhand über die privaten Grillen (negativ); zum ersten Mal in ihren Leben waren sie organisiert. Frau Doktor von Wytwyl pflegte zu sagen, daß die ein wundervoller Augenblick sei. (…) Und dann begann der Spaß. Einer der Patienten (…) ging zum ‘Kleinen’ hinüber, setzte sich neben ihn auf den Rasen und sagte: “Mach mal den Mund auf.” Der ‘Kleine’ tat wie geheißen, und mit unfehlbarer Sicherheit spuckte der Jüngling einen Kieselstein in den geöffneten Mund des Kindes. (…) Manchmal begann das ‘Kneifspiel’ gleich nach dem ‘Spuckspiel’, doch in anderen Fällen nahm die Entwicklung von harmlosem Knuffen und Puffen oder gelinden sexuellen Investigationen zum Gliederverrenken, Knochenbrechen, Augenausstechen und so weiter geraume Zeit in Anspruch. Todesfälle waren natürlich unvermeidlich, häufig jedoch wurde der ‘Kleine’ noch einmal zusammengeflickt und munter ein zweites Mal auf die Walstatt geschickt. Nächsten Sonntag darfst du wieder mit den großen Jungs spielen, Liebling. Ein zusammengeflickter ‘Kleiner’ stellte ein besonders befriedigendes ‘kathartisches Werkzeug’ dar.
Bastardzeichen, S. 248/249

Wohlgemerkt dies alles zur Stärkung des Gemeinschaftsgeists. Auf wen dieses das Organisationsbewußtsein des Volkes stärkende ‘Verfahren’ abzielt, wird vier Seiten später klar, als im selben Zusammenhang das Wort Jarowisierung fällt, im Stalinismus zeitweise Wissenschaftsdoktrin — auf Menschen bezogen eine deutliche Parallele zu den nationalsozialistischen Kälteversuchen.

Nun gehört zwar nicht Ästhetisierung des Grauens unbedingt zum Charakter der Kunst, wohl aber seine Einbettung in ästhetisch geformte Erscheinungsfelder, ästhetische quasi Magnetfelder, weshalb bei allem Entsetzlichen auch und gerade das Bastardzeichen voller Schönheiten, nämlich sprachlich oft hinreißend schöner Gestaltungen ist. In anderem Zusammenhang habe ich mehrmals schon von der perversen Bewegung der Künste gesprochen, die eben die Wahrnehmung und Wahrnehmungsnotwendigkeiten ihrer Rezipienten mit einschließt. Es gehört zu den Eigenheiten aller Kunst, daß sie das Unerträgliche insofern erträglich macht, als seine Darstellung zu Genuß führt — freilich einem, dessen Empfinden abhängig von Vorbildung sowohl des Wissens und Mehrwissenwollens als auch der Bereitschaft, sich auszusetzen, ist. Deshalb ist es kein Wunder, daß wir durch das Bastardzeichen wie berauscht hindurchziehn, ja von diesem Roman, der wirklich kein Wohlfühlbuch ist, gar nicht mehr lassen können. Mehrmals während meiner Lektüre war mein poetischer Instinkt versucht, sowohl Vergleiche mit García Márquez’ hierzulande kaum bekanntem → Herbst des Patriarchen und Alfred Kubins → Die andere Seite herzustellen, bin dem aber noch nicht wirklich nachgegangen. Zwei Zitate mögen erstmal genügen:

García Márquez:
Während des Wochenendes fielen die Aasgeier über die Balkone des Präsidentenpalastes her, zerrissen mit Schnabelhieben in innen erstarrte Zeit auf, und im Morgengrauen des Montags erwachte die Stadt aus ihrer Lethargie von Jahrhunderten in der lauen, sanften Brise eines großen Toten und einer vermoderten Größe. (…) Es war, als traumwand[e]l[t]e man durch den Bereich einer anderen Zeit, den die Luft war dünner in den Trümmergruben der weiten Höhle der Macht, und die Stille war älter, und die Dinge wurden nur mühsam sichtbar in dem altersschwachen Licht. In dem weiten ersten Innenhof, dessen Fliesen dem unterirdischen Druck des Unkrauts nachgegeben hatten, sahen wir die verwüstete Wachstube der geflüchteten Wachposten, die in den Waffenschränken zurückgelassenen Waffen, den langen Plankentisch mit den halbgefüllten Tellern des von panischem Schrecken unterbrochenen Sonntagmittagessens (…) und die Berline aus den Zeiten des Aufruhrs, den Pestkarren, die Staatskarosse aus dem Jahr des Kometen (…,) und alle bemalt mit den Farben der Landesflagge.
S. 5/5 (Dtsch. v. Curt Meyer-Clason)

Sowie Kubin:
Am Bahnhof fraß der Sumpf. Das Gebäude hatte sich geneigt, der Perron war mir Schlamm und Schilf überdeckt, durch die verfaulten Türen kroch der Morast in die Wartesäle, von den Bänken und Polstern ertönten Wehmutslieder der Unken. Über die Büffets krabbelten Molche und kleine Käferlarven. Die unzähligen Geschöpfe, welche Perle durchwandert, die Gärten verwüstet und die Menschen geängstigt hatten, alle stammten sie aus dem Sumpfe, der sich viele Meilen ins Dunkel erstreckte.
S. 168/169

Klingen nicht beide Textstellen nach mächtigen historischen Endbeben dessen, was der längst entflohene Nabokov erzählt und Krug, noch mitten darin, es zu fliehen leider nur gedankenspielt? —nämlich so:

Gab man zu, daß Raum und Zeit eins waren, so wurden Flucht und Rückkehr. vertauschbar. Es hatte den Anschein, als könn[t]e ein Land, in dem sein Kind in Sicherheit, Freiheit und Frieden aufwachen durfte (ein langer langer Stand, übersät mit Körpern, Sonne und Wonne und ihr latin satin– die Reklame für irgendwelchen amerikanischen Ramsch, irgendwo gesehen, irgendwie behalten), die Vergangenheit in all ihrer Eigentümlichkeit (ein Glück, an dem er damals achtlos vorübergegangen war, ihr feuriges Haar, ihre Stimme, die dem Kind von kleinen, vermenschlichten Tieren vorlas) ersetzen oder zumindest nachahmen. Mein Gott, dachte er, que j’ai été veule, vor Monaten schon wäre es vonnöten gewesen, er hatte ganz recht, der Ärmste: Die Straßen schienen voll von Buchhandlungen und trüben kleinen Kneipen [zu sein]. Da wären wir. Bilder mit Vögeln und Blumen, alte Bücher, eine polkagesprenkelte Porzellankatze. Er trat ein.
Bastardzeichen, S. 205

Und versucht endlich, eine Fluchtpassage aus dem gepeinigten Land zu bekommen, aber zu spät.

 

NACHSPIEL, NÄMLICH PFÜTZENSPIEGEL

“Jede Pfütze Ozean” heißt es in THETIS.ANDERSWELTs Vorspiel. Hier ist die Pfütze ein Spiegel, in dessen – sic! – andere Seite wir schauen. Denn so beginnt das Buch:

Eine längliche Pfütze, in den groben Asphalt gedrückt; wie ein phantastischer Fußstapfen, der bis zum Rand mit Quecksilber gefüllt ist; wie ein spatelförmiges Loch, durch das man den unteren Himmel sieht. Umgeben, bemerke ich, von den Fühlern einer diffusen schwarzen Feuchtigkeit, in der ein paar stumpfe schwärzliche Blätter kleben. Vermutlich ersäuft, ehe die Pfütze auf ihre jetziger Größe zusammenschrumpfte.
Bastardzeichen, S. 7

Und es endet:

Auch den Glanz einer Pfütze vermochte ich zu erkennen (derselben, die Krug irgendwie durch die Schicht seines Lebens wahrgenommen hatte), eine länglichen Pfütze, die der unveränderlichen spatelförmigen Form einer Bodenvertiefung wegen nach jedem Regenguß unfehlbar die gleiche Gestalt annahm. Möglicherweise darf etwas Ähnliches in Bezug auf den Abdruck gesagt werden, den wir in der inneren Textur des Raumes hinterlassen. Peng. Eine gute Nachricht für die Nachtfalterjagd.
Bastardzeichen, S. 273

 

Ihr, Geliebte,
ANH

 


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“Niemand soll mich mir nehmen”: Nabokov lesen, 30. Einladung zur Enthauptung ODER “Der letzte Mensch”.

 

                                                Dies ist das blinde Ende                                                                        dieses Lebens, und ich hätte                                                              Rettung nicht innerhalb                                                                       seiner Grenzen suchen sollen.
                                                   Nabokov, Einladung zur Enthauptung, S.195
                                                                     (Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Zuerst fiel mir — wie manchen Interpreten vor mir — Franz Kafka ein. Es war, als hätte Nabokov DER PROZEß und DAS SCHLOß zusammengelegt und teils travestiert, teils aber mit seinen sinnlichen Sätzen angereichert; schon aber mußte ich an Gogols surreale Groteske DIE NASE denken und ihrethalben wiederum an Pirandellos EINER, KEINER, HUNDERTTAUSEND, was aber auch nur ungefähr stimmt; auch will das Ende, also Nabokovs, dazu gar nicht mehr passen, das ich aber nicht verraten will, ein bißchen aber, → mit Shakespeare, andeuten muß:

Think but this, and all is mended,
That you have but slumbered here
While these visions did appear.

Bei Kafka hingegen gibt es keine Erlösung; sein Gelächter im Dunkel ist stetig. Auch kennt er kaum die Farbigkeit der Fantasien, die Nabokovs Helden durch die Finsternis helfen, der, für dessen russische Romane ungewöhnlich — dies ist, 1935 bis 1936 als Fortsetzungsroman erschienen, ihr letzter —, Cincinattus C. heißt. Auch die Abkürzung zwar des Nachnamens könnte auf Kafka verweisen, nur daß Cincinnatus sehr genau weiß, weshalb er angeklagt wurde und, auf die Hinrichtung wartend, in seiner Zelle sitzt. Außerdem hatte Nabokov, eigenem Bekunden und seinen Biographen zufolge, zu der Zeit Kafka noch gar nicht gelesen, und in

Kafkas grüblerischer, bedrückender Welt hallen die geschlossenen Türen um so unheilvoller, je lauter Joseph K. an sie klopft, [anders als in] Nabokovs viel hellerem Universum[, in dem] Cincinnatus (…) ein Loch in die Welt (reißt), um sich jenseits von ihr seinesgleichen anzuschließen.
Brian Boyd, Vladimir Nabokov — Die russischen Jahre 1899 – 1940
(Dtsch. v. Uli Aumüller, Sabine Baumann, Ursula Locke-Groß, Kurt Neff und Hans Wolf)

(Ich weiß, daß ich hier, abgesehen von Nabokovs eigenen Anmerkungen und Dieter E. Zimmers Kommentaren zum ersten Mal ein Werk der Sekundärliteratur herbeiziehe, aber ich war mir bezüglich Kafkas wirklich unsicher und vertraue Nabokovs Aussage nicht, er habe niemals Deutsch gekonnt; die auch zeitliche Parallelität zu Kafkas Prosa liegt zu nahe, um sie kurzerhand beiseite zu schieben; tatsächlich aber wurde dessen Werk in den Dreißigern erst allmählich bekannt, das Bewußtsein der Bedeutung dieses tschechischen Deutschen oder deutschen Tschechen setzte sich nur zäh durch.) 

Zumal gibt es in diesem Roman zwei grundlegend verschiedene Welten, die der vermeintliche Zellenrealität —

die Wände, die Arme um die Schultern gelegt wie ein Quartett, das unhörbar flüsternd ein quadratisches Geheimnis bespricht
Enthauptung, 32

mit ihren teils extrem absurden bis surrealen Personen und Geschehen:

Die schattenhaften Gestalten der Angestellten näherten sich [der Gefängniszelle, ANH] respektvoll im Gänsemarsch: hinter dem Direktor wartete schon eine ganze Schlange von Menschen darauf, auch einen Blick hineinzuwerfen; einige hatten ihre erstgeborenen Söhne mitgebracht
Enthauptung, 58

— und Cincinnatus’ von Erinnerungen, Farben und Gerüchen vibrierende Innenwelt, die sehr viel sinnlicher und deshalb glaubwürdiger als die scheinbare Realität wirkt:

In meinen Träumen war die Welt edler, geistiger; Menschen, vor denen mich im Wachzustand grauste, erschienen dort in schimmernder Brechung, ganz als wären sie von jener Lichtvibration durchtränkt und eingehüllt, die bei heißem Wetter selbst die Dinge mit Leben erfüllt; ihre Stimmen, ihr Gang, der Ausdruck ihrer Augen und sogar ihrer Kleidung — erhielten eine erregende Bedeutung; einfacher gesagt: in meinen Träumen wurde die Welt lebendig, wurde so einnehmend majestätisch und, frei und ätherisch, daß es später bedrückend war, wieder den Staub des gemalten Lebens zu atmen [Unterstr. v. mir, ANH].
Enthauptung, 88

Das ist nun wahrlich nicht Kafka. — Dazu die erinnerten Landschaften voller Licht, auch hier zehrt Nabokov von den eidetisch eingespeisten Bildern seiner Kindheit:

Weiter entfernt beschrieb die von Sonnenlicht überflutete Stadt einen geräumigen Halbkreis; manche der runden Häuser setzten sich in Begleitung runder Bäume in geraden Zeilen fort, während anderswo krumme Häuserreihen Hänge hinabkletterten und dabei auf die eigenen Schatten traten; man konnte den Verkehr auf dem Ersten Boulevard erkennen und an seinem Ende, dort, wo der berühmte Brunnen war, einen amethystfarbenen Schimmer; und noch weiter weg, in Richtung der dunstigen Hügelfalten, die den Horizont bildeten, sah man die dunklen Tüpfel von Eichenwaldungen mit hier und da einem wie ein Handspiegel glänzenden Teich, während sich helle Wasserovale, die durch den harten Dunst leuchteten, weiter drüben im Westen sammelten, wo die Quelle der sich durchs Land schlängelnden Strop war.
Enthauptung, 42

Oder eine Nachtszene:

An der Balustrade spähte Cincinnatus unbestimmt in die Dunkelheit, und wie auf Wunsch erbleichte sie in eben diesem Augenblick verlockend, als der Mond, klar jetzt und hoch oben, hinter einem schwarzen Wolkenvlies hervorglitt, die Sträucher firnißte und sein Licht im Teich tremolieren ließ.
Enthauptung, 178

Schmecken Sie, Freundin, der Dieter E. Zimmer zu verdankenden Binnen-Alliteration von “Vlies” und “Firnis” nach, beschlossen im Satz mit dem “ließ”, und überhaupt seinem Spiel mit den “i”s.  Wobei ich allerdings, siehe das Zitat darüber, nur am Rand vermerken möchte, daß grad in diesem Buch seine, also Zimmers, “wo”-Anschlüsse nicht immer optimal sind. Zwar letztlich ist’s Beckmesserei, doch auf der Seite 175 störte es mich schon recht gewaltig:

Indessen dieses wirklich nur als bescheidene Kritik eines Bewunderers dieses Übersetzers, aus dessen alleine Wortschatz ich, seit ich mein Nabokovlesen begann, unentwegt lerne; allein in der Enthauptung etwa

glabellarer Streifen (21)—  Thespianer (74)wammige Päonien (76)— ein gaurrierter Papierfächer (154)ein Karotte (176)Barsois (203)— krängen (204)
Enthauptung, 110

Ja, solche Wörter, während jeder Lektüre, notiere ich mir, um sie dann zu lernen. — Doch zurück in den Roman:

Nicht nur in der Zelle versteht man Cincinnatus nicht, nicht allein das Gefängnispersonal kann diesen Insassen nicht begreifen, der hier für den letzten wirklichen Menschen steht:

“Und Sie — möchten Sie nicht fliehen?” — “Was meinen Sie damit, ‘fliehen’?
Enthauptung, 110

Sondern es war auch früher, war schon immer so:

Die Abneigung der anderen Kinder gegen meine Beteiligung an ihren Spiel und die tödliche Verlegenheit, Scham und Niedergeschlagenheit, die ich selbst empfand, wenn ich mich zu ihnen gesellte, ließen mich jenen weißen Schlupfwinkel des Fensterbretts vorziehen, der durch den Schatten des halboffenen Fensterflügels scharf abgegrenzt war.
Enthauptung, 95

Genau deshalb ist er, Cincinnatus, angeklagt und verurteilt worden, seiner “gnostischen Verworfenheit” wegen, die so wenig zu den Bedürfnissen und Selbstverständnissen nahezu aller anderen paßt,

daß Umschreibungen wie “Undurchdringlichkeit”, “Opazität”, “Okklusion” benutzt werden mußten.
Enthauptung, 70

Was freilich auch ein Hieb des der Heimat verloren gegangenen Emigranten auf den Gleichheitswahn der jungen (und späteren) Sowjetunion ist, in deren Gebiet sowohl den meisten Namen nach als auch der beschriebenen Orte halber dieser Roman deutlich spielt; doch insgesamt wird hier das Leid eines sensiblen, die Welt phantastisch erhöhenden Außenseiters beschrieben, der sich “mit gesetzwidriger Klarheit ” (S. 87) an sich selbst erinnert:

Ich bin mein eigener Komplice gewesen, der zuviel weiß und darum gefährlich ist. Ich stamme aus so brennender Schwärze, ich drehe mich wie ein Kreisel und mit solchem Schwung und solchen Flammenzungen, daß ich bis auf den heutigen Tag gelegentlich (manchmal im Schlaf, manchmal, wenn ich in sehr heißes Wasser tauche) jene meine uranfängliche Zuckung spüre, diese erste prägende Berührung, die Triebfeder meines Ichs! Wie ich  mich hinauswand, glitschig, nackt! Ja, aus einem Reich, das anderen verboten und unzugänglich ist, ja. Ich weiß etwas, ja …
Enthauptung, 87

und

für dieses Verbrechen zum Tode durch Enthaupten verurteilt
Enthauptung, ebda.

wird.
N
och deutlicher fünf Seiten weiter:

Als ich noch ein Kind war und in einem kanariengelben, großen, kalten Haus lebte, wo sie mich und Hunderte anderer Kinder auf die sichere Nichtexistenz erwachsener Attrappen vorbereiteten, in die sich alle meine Altersgenossen mühe- und schmerzlos verwandeln ließen;
Enthauptung, 92

also in damals schon das, was derart viele Jahre später ich → Replikanten nenne;

schon in jenen verfluchten Tagen inmitten von Leinenbüchern und buntbemalten Unterrichtsmaterialien und Luftzügen, die die Seele erstarren ließen, wußte ich es, ohne zu wissen, wußte ich es, ohne zu staunen, wußte ich, so wie man von ich selber weiß, wußte ich, was sich nicht wissen läßt — und wußte es, möchte ich sagen, klarer als heute[,]
Enthauptung, ebda.

da es nunmehr an Cincinnatus’ mitunter panische Angst vor dem Tod gefesselt worden ist:

Aber wie krank bin ich vor Angst. Aber niemand soll mich mir nehmen. (…) Ich zittere über dem Papier, kaue den Stift bis aufs Blei, krümme mich nach vorn, um mich vor der Tür zu verbergen, durch die mich ein durchdringendes Auge in den Nacken sticht, und es scheint, ich bin im Begriff, alles zu zerknüllen und zu zerfetzen.
Enthauptung, 88

Denn fast noch tragischer ist, daß sich Cincinnatus’ frühe Erfahrungen bis selbst in die — noch immer gefühlte — Liebe zu seiner Ehefrau fortgesetzt haben, von der er genau weiß, daß auch sie eine Pappfigur, Replikantin nämlich, ist.
Freilich, als eine Art nahem Hoffnungsschimmer ist auch die Enthauptung von einem Nymphchen durchtrippelt und -geistert, denn

der Direktor hatte eine kleine Tochter
Enthauptung, 34

genau an der uns schon bekannten ungefähren Grenze zwischen noch Kind und beinah schon Teeny, die Cincinnatus anfangs ein bißchen “beängstigend” findet. Doch sie nähert sich ihm schließlich fast schon intim immer mehr an, in jedem Fall zärtlich:

Als letzte flog Emmi bleich, tränenüberströmt, mit geröteter Nase und zuckendem Mund auf ihn zu; sie sagte nichts, aber plötzlich reckte sie sich mit leisem Knacken auf die Zehen, schlang die heißen Arme um seinen Hals, flüsterte Unzusammenhängendes und seufzte laut.
Enthauptung, 1o2

Bis auch sie sich,  der so ersehnte wie unerlaubte Gegenentwurf zu seiner Frau, als eine Stellvertretin der Attrappenwelt erweist, und so kommt er von jener nicht los, die ihn über jedes Maß gequält hat, einfach weil sie ganz nicht versteht, was solch eine Liebe bedeutet. Dabei geht es gar nicht darum, daß Marthe untreu ist, nun jà, so etwas kommt vor, sondern daß das Gesetz der Transparenz verlangt, es ihrem Mann nach jedem neuen Mal zu erzählen: “Du weißt doch, wie ich bin.” Anstelle ihn gütig zu schonen.

Nun schreibt er ihr einen langen, fast ergebenen Brief. Und darauf sie?

Das war ein gräßlicher Brief, das war eine Art Fiebertraum, ich habe ihn sowieso nicht verstanden; man hätte denken können, daß du hier alleine mit einer Flasche gehockt und geschrieben hast. (…) Ich will nicht wissen von deinen Angelegenheiten, du hast kein Recht, mir solche Briefe zu schreiben, mich hineinzuziehen in deine kriminellen — (…) Ach. Cincinnatus, in was für eine Lage hast du mich gebracht — und die Kinder — denk an die Kinder … (…) bereue, bitte — auch wenn du deinen Kopf nicht rettest, denk an mich —”
Enthauptung, 190/191

Sein Verbrechen, wohlgemerkt, ist seine Phantasie und daß man ihn nicht verstehen kann, daß seine Wahrnehmung von Welt zu tief ist, zu vielschichtig und deshalb → nicht genügend plan. Und worinnen er jetzt gefangen ist, ist nicht einmal dies, sondern daß er bis fast ganz zum Ende des Buches hin seine Strafe, trotz der Angst, akzeptiert — anstelle allem (dem Gefängnisdirektor, der fliegend Zellenwärter wird und gleich schon wieder zurück; dem Anwalt; dem Cincinnatus als Mithäftling untergeschobenen Henker, der sich mit ihm befreunden soll, bevor er das Beil hebt; seiner Frau und ihrer Verwandtschaftsbagage) den Mittelfinger zu zeigen und darauf, daß sie stinken. Was eigentlich schon mehr ist, viel mehr, als sie’s tatsächlich können. Das Schlimme ist ja, sie haben nicht mal Geruch.
Wobei die Einladung zur Enthauptung, die noch während der Arbeit an Die Gabe begonnen wurde, der sie ihr Motto von Delalande verdankt (der in der Gabe erfunden wurde), auch der Verzweiflung etwas verdankt, nämlich den Umgang mit der dort so genannten “Dissoziation”, also einer Spaltung auch Cincinnatus’, die zu Anfang allerdings häufiger stattfindet, wenn sich “reale” und imaginierte Szenen nahezu unmittelbar ineinander verschränken und, von uns meist erst nachher erkannt, mit- und auseinander fließen:

Beim kulminierenden Ton schmetterte Rodion den Krug auf den Boden und glitt vom Tisch. Ein Chor setzte seinen Gesang fort, obwohl er allein war.
Enthauptung, 30

Sowie etwas später:

Hier begannen die Zellenwände[,] sich wie Spiegelungen in bewegtem Wasser zu wölben und zu wellen; der Direktor begann sich zu kräuseln, die Pritsche wurde ein Boot. Cincinnatus klammerte sich an der Seite fest, doch die Dolle löste sich unter seinem Griff, und bis zum Hals im Wasser begann er unter tausend gesprenkelten Blumen zu schwimmen, verhedderte sich, begann unterzugehen. Die Ärmel aufgerollt, machten sie sich daran, mit Stoßstangen und Enterhaken nach ihm zu stochern,
Enthauptung, 56,

alles in der Zelle!

um ihn zu fangen und an die Küste zu ziehen. Sie fischten ihn heraus
Enthauptung, ebda.

Und der Arzt des Gefängnisses, der sogleich wieder zu seinem Direktor, dann schon erneut der Wärter wird, sagt:

“Die Nerven, die Nerven, ein regelrechtes Frauchen (…). Frei atmen. Sie können alles essen. Schwitzen Sie nachts manchmal? Machen Sie nur so weiter, und wenn Sie sehr brav sind,
Enthauptung, ebda.

brav!

dann dürfen Sie vielleicht einen raschen Blick auf den neuen Jungen werfen…”
Enthauptung, ebda.

Allerdings werden solche Szenen mit der Zeit weniger oder sind doch nicht mehr ganz so enggeführt, insofern bald von dem “einen” Cincinnatus und dem “anderen” Cincinnatus gesprochen wird, weil eine Überraschung ohnedies nicht mehr eintreten würde, sondern es den Eindruck einer “Masche” machen könnte, etwas, das Nabokov strikt, schon aus Distinktion, vermeidet. Man muß Einfälle nicht totreiten, wenn man ihrer Tausende hat, sie sich dem Romancier quasi von selbst aus seinen beiden Ärmeln schütteln.
Und hier liegt gleich der nächste Unterschied zu Kafka, auf den ich nur deshalb doch noch einmal zurückkommen will.

Autoren wie Kafka (bedingt auch Bernhard und Beckett) sind in ihren Tonlagen und (Bild)Welten fast immer gleich; das zeichnet sie aus, läßt sie uns stets erkennen als sie, bläht aber auch ihren Einfluß bis zur Abhängigkeit, aus der fast ausschließlich Epigonen hervorgehn. Kurz gesagt, sie sind nicht schulfähig, poetologisch können von ihnen nicht lernen, imgrunde nicht mal stilistisch. Und doch sind fast alle von uns, meist in unsrer Jugend, beeinflußt von ihnen worden. Das ist auch gut so. Aber es muß der Tag kommen, an dem wir einen Schnitt machen und den symbolischen Vatermord begehen oder einen, je nachdem, Muttermord. Wer das nicht schafft, wird sich niemals lösen und niemals etwas Eigenes zuwege bringen, bleibt immer Magd oder Knecht. (Für Adorno, übrigens, gilt das genauso in der Philosophie). Und es gibt Autoren wie Nabokov, die derart reich an Einfällen, vor allem aber Form- und Stilmitteln sind, daß sich Buch von Buch extrem unterscheiden. Nabokocs Spanne reicht vom realistischen, nahezu naturalistisch entworfenen Roman bis zur Phantastik, ja Sciencefiction. Dennoch erkennen wir ihn nicht minder als die Kafkas wieder. Hier allerdings können wir lernen — und sollten es, müssen es sogar, nämlich genauso, wie eines seiner Bücher aus dem und all seinen vorigen lernte. Ähnlichkeiten finden sich dann lediglich in, ich sage einmal, “Phasen” der poetischen Entwicklung. Daß die frühen Emigrationsromane miteinander auf das engste verwandt sind, ist natürlich; aber auch daraus bricht der große Schriftsteller, die große Schriftstellerin irgendwann aus. Das Geheimnis liegt im Mord an den Eltern — ja, wie ich anderwärts schrieb, werden wir auch im alltäglichen Leben erwachsen erst dann, wenn sie nicht mehr sind. Wir verlassen das Vertraute, öffnen uns Neuem, auch auf die Gefahr hin, daß es erst einmal schief geht oder nicht ganz so perfekt wird, wie wir es von uns erwarten oder gewöhnt sind.

Es war genau dies, was mich beim → Gelächter im Dunkel so aufmerken ließ und dessenthalben ich bei der → Mutprobe kristallklar begriff, welch ein Abschied der Pfad war, der am Ende des Buches in den märchenvollen Wald, nämlich zurück ins Kinderbettchen führt. Da es ein solches Zurück real nun nicht gab, schon gar nicht für den russischen Emigranten, gab es nur noch Voran. Nabokov ist kein Samsa, niemals einer gewesen. Er ist Aristokrat-imWesen, das Gegengeschöpf jenes Krabbelinsekts, das sich schließlich selbstschuldhaft hinwegkehren läßt, und zwar auch und gerade dann, wenn der falsche Mitgefangene und in Wahrheit Henker ihn, Cincinnatus,

Freund meines Herzens, Küchenschabe unterm Herd
Enthauptung, 106

nennt und das sogar noch wiederholt. Weil er die Schabe eben nicht ist, nur darum kann das Ende der Einladung zur Enthauptung tatsächlich so sein, wie es ist, und darum nur ist Cincinnatus’ sinnliches Erinnerungsfeuer von so großer und gegenüber der Gefängniswelt alleiniger Wahrhaftigkeit.

Auf etwas dergleichen, wovon wir Romanschreiber lernen können, und meine Kolleginnen auch — etwas zugleich, das “nur”-Leserinnen und -Leser, wenn sie’s erkennen, entzückt — möchte ich zum Schluß noch zu sprechen kommen. Es ist ein Motiv, mit dem der Roman imgrunde beginnt, nämlich der Bleistift, mit dem Cincinnatus seine Gedanken und die kommenden Geschehen notiert. Das Motiv durchzieht die Enthauptung wie der gelbe Markierungspfahl die Verzweiflung. Anfangs noch unbenutzt, spitz und

lang wie das Leben jedes Menschen mit Ausnahme von Cincinnatus und mit einem ebenholzschwarzen Schimmer auf jeder seiner sechs Facetten[,]
Enthauptung, 14

ist er auf Seite 196, unmittelbar vor der beschließenden Hinrichtungsszene, nur noch ein Stummel und also dann doch ebenso lang gewesen, wie Cincinnatus’ Leben noch hätte gewährt, dem in der Zelle, hätte er nicht zu seinem Befreiungsschlag endlich, endlich ausgeholt:

und alles löste sich auf. Alles fiel. Ein Wirbelwind packte und ließ kreisen: Staub, Lumpen, Splitter ausgemaltem Holz, Stücke vergoldeten Stucks (…); und inmitten des Staubs, inmitten der fallenden Dinge (…) schritt Cincinnatus in jene Richtung, wo, nach den Stimmen zu urteilen, ihm verwandte Wesen standen.
Enthauptung, 216

Tatsächlich ist dieser Bleistift nicht nur, wie es der Markierungspfahl war, strukturierendes Leitmotiv, sondern lebt mitund stirbt (hat sich ausgeschrieben), als Cincinnatus ins wirkliche Leben erwacht.

 

Ihr ANH

 

 

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Nabokov lesen 29, Verzweiflung, 2.

 

(…) dieses Buch ist durcheinander in allen meinen fünfundzwanzig Handschriften geschrieben, so daß der Setzer oder irgendeine mir unbekannte Stenotypistin (…) auf den Gedanken verfallen könnte, an der Niederschrift meines Buches hätten mehrere Personen Anteil gehabt (…)
Verzweiflung, S.63
(Dtsch. v. Klaus Birkenhauer)

Damit hatte ich nicht gerechnet, daß dieser Roman vor allem in romanästhetischer Hinsicht bemerkenswert ist. Hatte ich in einem Gespräch mit Peter H. Gogolin noch die Meinung vertreten, Nabokov habe erst spät, nämlich mit Pnin und Ada, also im Spätwerk, ästhetisch neue Pflöcke in den Boden der Literaturgeschichte geschlagen, sei im übrigen von vor allem, wie er’s auch selbst gerne nennt, klassizistischer Grandiosität, so stimmt dies bei Verzweiflung (1934; engl.: Despair, 1937) tatsächlich nicht. Wobei Nabokov allerdings schon in einigen → Erzählungen formal und perspektivisch experimentiert hat, aber dort eben in nur kurzen, übersichtlichen Stücken.
In Verzweiflung äußert es sich nicht nur vermittels selbstironisch hineingeschobener Wendungen (“Ich bin irgendwie durcheinandergekommen”, S. 30), sondern vor allem in ständigen bewußten Inkorrektheiten, die der Ich-Erzähler dann jedesmal wieder geraderückt, etwa

die Sache mit meiner Mutter — das war eine bewußte Lüge. In Wirklichkeit war sie eine Frau aus dem Volke, einfach und derb, schlampig mit einem Kittel bekleidet, der locker um ihre Hüften hing. Ich hätte es natürlich durchstreichen können, aber ich lasse es mit Absicht stehen — als Beispiel für einen meiner wesentlichen Charakterzüge: meine leichtherzige, einfallsreiche Lügenhaftigkeit.
Verzweiflung, 12

Bisweilen läßt sich von einer geradezu “Unterbrechungsästhetik” sprechen, für die wie  in einigen der Erzählungen auch die direkte Ansprache an den Leser typisch ist:

Ich entschuldige mich gern für die Irrungen und Wirrungen meines Berichts, doch gestatten Sie mir zu wiederholen, daß nicht ich ihn schreibe, sondern mein Gedächtnis, das seine eigenen Launen und Regeln hat.
Verzweiflung, 45

Dies führt zu für Nabokov höchst ungewöhnlichen Abschweifungen, die indes zwischen seinem Icherzähler Hermann Karlowitsch und ihm über den perfiden Umstand hinaus, daß jener sich als überzeugter Marxist gibt, eine deutliche Trennlinie ziehen, wiewohl er, Nabokov, seinem Hermann — der obendrein wie er selbst

immer schon ein kamerartiges Gedächtnis besaß
Verzweiflung, 51

nicht wenige seiner eigenen Ansichten unterschiebt, die also mit solchen aufs dichteste amalgamieren, die ihm komplett wider den Strich gehen müßten — ein Verfahren, das er lebenslang gerne gewählt hat und sein Gipfelstück in den → Harlekins fand. Als quasi Anhänger der Sowjetunion versucht Hermann sogar, sich ihr, bzw. ihr das Manuskript seiner Erinnerungen anzudienern, wobei die “Argumention” dieses Gedankenspiels eine von Nabokov gezielt inszenierte, ausgesprochen offensichtliche Verhöhnung des kommunistischen Systems ist.
Um die Subversivität dieser komplett affirmierten Stelle ganz zu erfassen, müssen Sie sich, liebste Freundin, einfach nur die Grundgeschichte des Romans vergegenwärtigen: Ein eigentlich Halunke von wirtschaftlich recht gesichertem Hintergrund, überdies ein gräßlicher Aufschneider und Stutzer, stöbert er während eines Ausflugs ins Grüne einen schlafenden Landstreicher auf und stellt zwischen diesem und sich selbst eine nahezu fassungslos machende Ähnlichkeit fest, die ihn nahezu zugleich auf eine perfide Idee bringt, an die der Vagabund sein Leben verlieren wird. Zwar spricht der Erzähler selbst von “Dissoziation” — eine Wähnung, in deren Richtung der Roman häufig interpretiert wurde, Faßbinder machte sogar → einen entsprechenden Spielfilm daraus —, die mir aber dennoch fehlzugehen scheint. Denn eigentlich hier rechnet der höchst distinkt gesonnene Autor poetisch mit dem Kommunismus und seiner Idee von Gleichheit ab. Und also lautet die sie verhöhnende, schon formal zu infame Stelle, als daß sie sich auf eine psychische Störung des Protagonisten zurückführen ließe folgendermaßen — nein, hier ist politische Absicht am Werk, und Nabokovs ebenfalls ständiger Gegner, die Psychoanalyse, kriegt eine Ohrfeige gleich noch mal mit, in den nämlich schweinslederdünnen Handschuhen einer knappsten Parenthese:

Diese bemerkenswerte physische Gleichheit sagte mir wahrscheinlich (unterbewußt) als Versprechen jener idealen Gleichheit zu, die in der klassenlosen Gesellschaft der Zukunft die Menschen verbinden soll; und nachdem ich einen Einzelfall zu nutzen suchte, erfüllte ich, wenngleich noch blind für gesellschaftliche Wahrheiten, nichtsdestoweniger eine gewisse gesellschaftliche Aufgabe. Und dann ist da noch etwas anderes; die Tatsache, daß es mir nicht vollends gelang, diese Ähnlichkeit zwischen uns praktisch zu nutzen, läßt sich durch rein sozio-ökonomische Gründe erklären und damit aus der Welt schaffen, will sagen, durch die Tatsache, daß Felix und ich verschiedenen, scharf abgegrenzten Klassen angehörten, deren Verschmelzung mit eigener Hand nerbeizuführen sich niemand erhoffen kann, besonders heutzutage nicht, da der Klassenkampf in ein Stadium eingetreten ist, [für das] ein Kompromiß außer Frage steht. 
Verzweiflung, 114/115

Hermann Karlowitschs Wahn — dieses angeblich “persönlichkeitsgespaltenen” Helden, der seinen Lebensbericht schreibt — erweist sich als eine personengewordene Travestie auf das marxistische Heilsideologem, die individualpsychologisch weder stimmt noch stimmen muß. Insofern aber widerspricht Nabokov selbst seiner vor allem in den Vor- und Nachworten → immer wieder herausgestellten Abwehr gegen seinen Büchern eingeschriebene vorgeblich moralische und/oder politische Absichten. Vielmehr gibt er ihnen sehr wohl einigen Raum, verstellt dies aber, versteckt es unter Fiktionen und vermischt diese mit der eigenen Biografie. Einerseits entsprechen Hermanns romanästhetische Anmerkungen geradezu durchweg Nabokovs zutiefst eigener Ästhetik; zum anderen distanziert er sich von seinem Helden auf das schärfste und geht in dem um fast drei Jahrzehnte später, 1965, für eine weitere englischsprachige Ausgabe geschriebenen Vorwort so weit, gegenüber Hermann seinem wohl auch längst postmortnem → Humbert einen grünen Pfad zuzugestehen; der Nymphophilie wird aus der Hölle ein gewisser Freigang hoch ins Paradies erlaubt:

Hermann und Humbert gleichen sich nur in dem Sinne, wie zwei Drachen einander ähnlich sehen, die von demselben Künstler in verschiedenen Lebensabschnitten gemalt wurden; beide sind neurotische Schurken; doch gibt es im Paradies einen grünen Pfad, wo Hubert einmal im Jahr zur Dämmerzeit lustwandeln darf; die Hölle dagegen wird Hermann nie auf Bewährung entlassen.
Verhängnis, Vorwort, 8

Wobei festzuhalten ist, daß Hermann Karlowitsch— trotz dieser gewissermaßen abstrakten, politisch sogar intentiösen Konstruktion als Figur — in seinem fiktionalen Umfeld extrem gut funktioniert; er wirkt in keiner Weise, wie zu vermuten wäre, “künstlich” (was eine Romanfigurin jedem Fall, ist), sondern lebt, ganz wie Nabokov immer wieder verlangt, in einer ihm vollkommen entsprechenden Welt. Nur wer den Fehler begeht, Romane mimetisch zu verstehen, kann auf den Irrschluß kommen, hier werde tatsächliche Psychologie verhandelt. Genau das nämlich weist Nabokov mit allem Recht von sich — und legt doch zugleich die Fehlspur selbst:

Zum Beispiel lag ich mit Lydia im Bett und brachte gerade die kurze Folge vorbereitender Liebkosungen hinter mich, auf die sie ja ein Recht haben soll, als mir ganz plötzlich bewußt wurde, daß der Kobold der Spaltung das Kommando übernommen hatte. Mein Gesicht war in den Falten ihres Halses vergraben, ihre Beine hatten damit begonnen, mich einzuklemmen, der Aschenbecher purzelte vom Nachttisch herunter, das Weltall folgte —

Wie grandios übrigens, dieses Nebenbei des dem Aschenbecher folgenden Weltalls!

aber gleichzeitig, unbegreiflich und herrlich, stand ich nackt in der Mitte des Zimmers, die eine Hand auf die Lehne des Stuhls gestützt, über den sie Strümpfe und Höschen geworfen hatte.
Verhängnis, 28

Auch wenn Nabokov dieses Motiv noch ein paar Seiten lang ausschmückt, hat es dennoch nichts mit der vermeintlichen Ähnlichkeit von Hermann und Felix zu tun. Wir werden nur suggestiv manipuliert, es zu glauben. Daraus entsteht dann dieses vermeintlich stimmige Weltbild, aber eben das eines Romans. Insofern verführt er uns, also Nabokov tut’s, die politische Motivation zu übersehn, die ihn solch einen Helden erfinden ließ, und Hermann kommt uns nur umso glaubhafter vor. Doch ist und bleibt es eine Täuschung, bzw. eine, um Hermanns Lieblingswort zu verwenden, Lüge. — Auch auf diesen Begriff sind wir in dieser Serie schon einige Male gestoßen. Denn tatsächlich, es gibt in der natürlichen Welt kein Präludium mit Fuge BWV 846, außer eben sie selbst und ihre → Interpretationen. Sehr wohl aber können die Welten, und tun es, aufeinander verweisen.
Daß die Geschichte dennoch “realistisch” wirkt, liegt an Nabokovs Kunstgriff (der möglicherweise mit zu dem Borderline-Irrtum geführt hat), daß er seine erfundene Welt für die Leserpsychologie an einige Bedingungen der realen angepaßt hat, etwa der Umstand, daß Hermann der einzige ist, diese seine von ihm fast als physische Identität empfundene Ähnlichkeit mit Felix wahrzunehmen. Der Landstreicher selbst zweifelt zu Anfang sehr, drückt bloß bald seine Skepsis angesichts einer zu erwartenden guten Summe Geldes weg; sozusagen läßt er sich auf ein Spiel ein: darin uns Leserinnen und Lesern gleich — und wie wir schon drin gefangen.

Neben dem — dies die als solche kaum spürbare, aber tatsächlich satirische Schattierung des Romans — Hohn auf den Kommunismus wirkt durch das Buch eine noch weitere und darin innerliterarische Auseinandersetzung, nämlich mit Dostojewskis (den Nabokov lebenslang nicht nur abgelehnt hat, sondern er hielt ihn für sträflich überschätzt) Преступление и наказание (je nach Übersetzung Schuld und Sühne/Rodion Raskolnikoff/Verbrechen und Strafe). Immer wieder, nicht selten direkt, nimmt Hermann auf dieses Buch Bezug, um dann sogar noch von dem

ganzen trüben und düsteren Dosto-Zauber der Hysterie [Hervh. v. mir]
Verhängnis, 135

zu schreiben und eine Seite später Rodion Raskollnikoff “Rasknallnikoff” zu nennen.  Was zu Hermann obendrein paßt, der Reue nun wirklich nicht kennt, und zwar schon deshalb nicht, weil er Planung und Durchführung der Ermordung Felix’ fast ausschließlich unter (eben Nabokovs!) ästhetischen und Kriterien der Romankonstruktion betrachtet, also als Kunstwerk. Einem solchen ist Moral prinzipiell fremd, sie würde die Harmonie des Baus gefährden, wenn nicht letztlich zerstören.

(…) zwar hegte ich im Innersten meiner Seele keinerlei bange Zweifel an der Vollkommenheit meines Werkes und war überzeugt, in jenem schwarzen und weißen Wald liege ein toter Mann, der mir vollkommen ähnlich sehe, doch als Novize von natürlicher Begabung, der mit dem Geschmack des Ruhms noch nicht vertraut, aber mit jenem Stolz erfüllt war, der sich mit Selbstzucht paart, verlangte ich fast schmerzhaft danach, daß mein Meisterstück (…) von einem Menschen gewürdigt werde, oder mit anderen Worten, daß die Täuschung — und jedes Kunstwerk ist eine Täuschung [ANH: ecco!]— erfolgreich ihre Wirkung tue (…).
Verhängnis, 128

Was Hermann schließlich in Rage und Not bringt, so daß er seine Erinnerungen genauso nennt wie Nabokov den Roman, Verzweiflung, ist der Umstand, daß die Täuschung — also sein Werk — nicht gelang und das für Hermann bis fast zum Schluß perfekte Verbrechen alles andre als perfekt war — wenn auch eben “nur” aufgrund der allerersten Falschannahme, also der wahrgenommenen quasi-identischen Ähnlichkeit von ihm und dem Landstreicher Felix. Wider Nabokovs Versicherungen läßt sich auch dies wieder als klare politische Botschaft verstehen, vielleicht sogar als eine Art Hoffnung: Ist nämlich die Grundannahme falsch und wissen es auch viele, vielleicht sogar die meisten, dann wird sich das an der russischen Heimat begangene, als scheinbar perfekte (gerechte) Revolution dahergekommene Verbrechen eines Tages als ein solches enthüllen. Was auch geschah, nur daß Nabokov es nicht mehr erlebt hat — wobei wir uns allerdings fragen könnten, ob er denn die heutige Oligarchie gutgeheißen hätte.

Dies also die, ich schreibe einmal, Grundfabel.
Wenn Sie mir, Freundin, soweit folgen mochten, wird Ihnen ganz sicherlich die besondere Raffinesse nun wieder dieses Romanes deutlich sein, der sich tatsächlich auch dann sehr entschieden von dem vorhergegangenen → Gelächter im Dunkel absetzt, wenn Nabokov abermals auf die persönlichen Kindheitserinnerungen weitgehend verzichtet, die seiner frühen Prosa, teils aber auch den späten Romanen noch, diesen meiner Leseerfahrung nach unvergleichlichen Schmelz seiner klassizistischen Stilistik verleihen. Wo im Gelächter der Eindruck einer nicht blinden, sondern eben sehend-kalten Mechanik entstand, über sich nur erheben kann, wer sie zynisch verlacht (nämlich ein Gott oder der auktoriale Erzähler — Moral, wie gesagt, ist romanästhetisch so wenig erlaubt wie “Dostos” gläubiges Mitleid —), öffnet hier die subjektive Erzählperspektive aus der Sicht einer komplett-fiktiven Person einen fast ganz neuen Weg, indem nämlich dem Helden, der ein höchst unsympathisches, komplett egozentrisches Arschloch ist — ein, klinisch gesprochen, Soziopath —, ästhetische Ansichten zugesprochen werden, die Nabokovs wirklich eigenen sind, wobei die Soziopathie in den ihn selbst durchaus mitbeschreibenden Narcissusmythos hineinläuft, eines allerdings,

der die Nemesis an der Nase herumführt, indem er seinem Spiegelbild aus dem Bach heraushilft.
Verhängnis, 18/19

Nabokov tut eben dies in Gestalt des Romans, in dem

die künstlerische Erfindung weit mehr innere Wahrheit [birgt] als die Wirklichkeit des Lebens.
Verhängnis, 91

Für das perfekte Verbrechen jedenfalls gilt, was den großen Roman ganz genauso ausmacht, dessen Genialität allerdings ebenso wenig

Anklang unter den Menschen findet und sie nicht zum Träumen und Staunen hinreißt; vielmehr bemühen sie sich nach Kräften, etwas herauszupicken, worauf sie nach Kräften herumhacken und das sie zerstreuen können, etwas, wofür sie den Autor die Sporen spüren lassen können, um ihm  so weht zu tun wie irgend möglich.
Verhängnis, 92

Genau das war Nabokov mit seinem gesamten bisherigen Werk widerfahren — bekannt war er nur unter russischen Emigranten —, und es blieb so, vergessen wir das nicht, bis zum Erscheinen von → Lolita. Da war er bereits 56.

Und wenn sie den winzigen Fehler, hinter dem sie her sind, entdeckt zu haben glauben, dann höre man nur ihr Gewieher und Hohngelächter! Doch in Wahrheit haben sie sich geirrt, nicht der Autor; ihnen fehlt seine Scharfsichtig, und sie bemerken nichts Ungewöhnliches, wo der Autor ein Wunder erkannte.
Verhängnis, ebda.

Und auch das Folgende ist ganz Nabokov-selbst; denken Sie an seine Forderung der unbedingt wortgetreuen Übersetzung – selbst wenn dabei, im Fall von Gedichten, die Reime geopfert werden müssen:

— nun ja, um es freimütig zu gestehen, ich bin recht eigen, was meine literarische Koloratur betrifft, und fest davon überzeugt, daß der Verlust einer einzigen Schattierung oder Modulation das Ganze hoffnungslos verunstalten würde.
Verhängnis, 114

In jedem Fall erhalten bleiben müsse der Sinn — habe, so Nabokov (→ erzählt Dieter E. Zimmer), erhalten zu bleiben. In seinem Vorwort zur englischspachigen Ausgabe des auf Verzweiflung folgenden Romans, Einladung zur Enthauptung, allerdings zeigt er sich sehr viel strenger:

(…) daß die Treue zu seinem Autor allem vorangeht, egal wie bizarr das Ergebnis, Vive le pédant, und nieder mit den Einfaltspinseln, die glauben, alles sei in Ordnung, wenn nur der “Geist” wiedergegeben wird (während die Wörter, sich selber überlassen, auf einen naiven und vulgären Bummel gehen (…).
Einladung zur Enthauptung, Vorwort, 9
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Wie auch immer, Hermann jedenfalls, direkt nach dem Mord, spricht von eigentlich poetisch

geheimnisvollen Augenblicken (…), und dies war einer. Wie ein Autor, der sein Werk tausendmal durchliest und jede Silbe prüft und abklopft und schließlich von diesem Wörtergeflimmer nicht mehr sagen kann, ob es gut ist oder schlecht, so geschah es mir, so geschah es — Aber dann war da die geheime Sicherheit des Schöpfers, die niemals irren kann. In jenem Augenblick, da alle erforderlichen Züge gebannt und erstarrt vor mir lagen, war unsere Ähnlichkeit dergestalt, daß ich wahrlich nicht zu sagen vermochte, wer getötet worden war, ich oder er.
Verhängnis, 124

Daß er dann eines ganz anderen Fehlers als der gar nicht vorhandenen Ähnlichkeit halber als Mörder erkannt wird, einer peinlich banalen Nachlässigkeit wegen, die nämlich die Identität des Ermordeten offenbart, läßt noch einmal das Gelächter im Dunkel erschallen und macht den in seiner Schöpferehre verwundeten Mörder zerknirscht sich zu stellen bereit:

Hören Sie, hören Sie! Selbst wenn sie seinen Leichnam für meinen gehalten hätten, hätten sie trotzdem diesen Stock gefunden und mich gefangen, in der Meinung, sie hätten ihn geschnappt — und das ist 

für Narcissus

die größte Schande (,)

nicht als er erkannt zu sein!

Denn mein ganzes Gedankengebäude ruhte ja gerade auf der Unmöglichkeit eines Fehlers, und jetzt stellte sich heraus, daß mir ein Fehler unterlaufen war — und einer von der gröbsten, komischsten, abgedroschensten Sorte.
Verhängnis, 145

Da ist sein Unterschlupf — das möblierte Zimmer über einem dörflichen Lebensmittelladen —  bereits umstellt, und Gaffende schauen herauf,

Männer in Blau, Frauen in Schwarz, Metzgerjungen, Blumenmädchen, ein Priester, zwei Nonnen, Soldaten, Zimmerleute, Glaser, Postboten, Büroangestellte, Ladenbesitzer … 
Verhängnis, 151

und mit den Worten “Ich komme jetzt heraus” tritt er vor sie hin. Wobei man sich in einem Dorf und vor allem im Plural “Büroangestellte” nicht so recht vorstellen kann und es allerdings dreißig Seiten vorher ein Alternativende gab, das Nabokov so geschickt als reales Geschehen erzählt, nämlich im Präsenz als ein — für Hermann — Happyend, daß wir erstmal völlig überrascht sind, Hermann wieder in einem zweitklassigen Hotel zu finden, seiner in diesem Buch vorletzten Station. Die tatsächlich letzte wird wohl das gelbe Schafott sein, auf das Hermann ausgerechnet von einem Gendarmen des Dörfchens hingewiesen wird. Diese Guillotine ist aber aus einem ganz anderen, einem formalen Grund bedeutsam: Ihre Farbe ist ein Leitmotiv, das den Roman fast rhythmisch durchzieht. Gelb sind die von Hermann getragenen Handschuhe, und gelb ist der Pfahl, der die Einfahrt zu dem Grundstück des Mordes markiert. Er taucht in meiner Ausgabe, einem so kleinlettrig gesetzten rororo-Taschenbuch von 1972, daß es den gegenwärtigen Zustand meiner Augen mitunter überforderte, zum ersten Mal auf der Seite 33 auf:

Auf der rechten Straßenseite erhob sich ein leuchtend gelber Pfahl, und an diesem Punkt zweigte im rechten Winkel ein kaum erkennbarer Weg ab, das Gespenst [!, ANH] eines nicht mehr benutzten Weges, der alsbald zwischen Kletten und wildem Hafer verlosch.
Verhängnis, 33

Arno Schmidt spricht in solchem Zusammenhang vom “Spurenlegen” als einer Grunderfordernis der Romankunst; hier winkt die Spur eben nicht mit dem Zaun- sondern dem Markierungspfahl: alles ist schon sich tückisch abzuspulen bereit,

irgendeinem unbedeutenden Gegenstand [gleich], der irgendwo früher im Roman nur eben so vorbeigeflattert ist.
Verhängnis, 129

Und obendrein kennt Verzweiflung auch noch ein nicht begreifbares Wunder: Es schaut nämlich an einer, zugegeben, schnell überlesbaren Stelle bereits auf den Titel von Nabokovs größtem Spätwerk, Ada or Ardor, voraus:

“Als erstes”, sagte Ardor-lion [der nur einmal so, hier, sonst aber immer Ardalion genannt wird, ANH] zu seiner hübschen Cousine, einer grausamen Spötterin, “solltest du meinen Namen richtig schreiben lernen” [,]
Verhängnis, 80,

was die Anspielung geradezu noch unterstreicht. — Wie beim Himmel kann das sein, 1934/37?
Mich selbst beruhigend, wähn ich mal, er habe den Schnipsel erst später in die englische Übertragung eingefügt. Ich müßte mit dem russischen Original vergleichen. Doch wie kann ich? Oh, mir sausen plötzlich die Sinne! Da wende ich mich besser schnell den abschließend, wie Sie es gewöhnt sind, noch nachzutragenden Schönheiten zu:

(…) der mächtige Solemnibus meiner Geschichte (11) — eine Wäscheleine und daran ein paar Hosen, die der Wind zu trügerischem Leben blähte (13) — dessen Lippen so dünn sind, daß sie wie weggeleckt erscheinen (21) — Lassen Sie mich den Gürtel meiner Geschichte ein Loch enger schnallen (24) — Und diese Kiefern vor mir, deren Rinde an rotes, straff gespanntes Schlangenleder erinnerte (34) — den Rauch mit schiefem Mund zur Seite (zu) blasen — rührte den Rest seines Tees auf deutsche Weise um – nämlich nicht mit dem Löffel, sondern durch eine Kreisbewegung aus dem Handgelenk (43) — Orlovius, bei dem Kurzsichtigkeit eine Form von Dummheit war (48) — Hinter einem schwarzen Baum kam geräuschlos ein trüber, fleischiger Mond hervor (61/62) — Die Idee Gottes (…) stinkt zu sehr nach Menschlichkeit (…), als daß man an ihre azurne Herkunft glauben könnte (77) — mit jener besonderen, satten Langsamkeit, die den erfahrenen Arbeiter kennzeichnet (87) — ein göttliches Lächeln, bei dem ihre langen Wimpern in die Höhe rauschten (93) — weil die Verbindung von Anständigkeit und Sentimentalität genau das gleiche bedeutet wie ein Narr zu sein (98) — und streckte (…) seine unschüttelbare Hand in meine Richtung (100) — Unser Gespräch war schrecklich; immer wieder bedeckte er meine Hand mit Küssen und sagte mir Lebwohl. Sogar die Kellner weinten. (102) — und verfiel sogleich in ein behagliches, nasales Zischen (109) — als die Zeiger meiner Geschichte stehenblieben (115) — Ein kräftiger Wind (…) verwirrte den Küken-Flaum der Mimosen (130) — eine unmenschliche, mittelalterliche Purgierung (140)
Verhängnis, 80,

 

 

Ihr ANH

 

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P.S. für unterdessen Eingeweihte:
Auch Thomas Mann bekommt sein Fett wieder ab:

(…) und derselbe Fotograf nahm mich auch noch in einer anderen Pose auf, bei der ich einen Finger an die Schläge lege und unter geneigten Brauen hervor bedeutsam zum Betrachter aufblicke: so lassen sich deutsche Romanschriftsteller gerne fotografieren.
Verhängnis, 139

 

(Fotografie ©: S. Fischer Verlag)


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