Musik für Geist, der fühlen kann:
David Ramirers Improvisationen “Organics” auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846.

 

Wie oft habe ich, seit mein Artikel zu David Ramirers Variationen auf das bachsche ricercar a tre → bei Faustkultur erschien, nun schon mit Musikern, nun jà, gestritten, ob dies auch “richtige” Musik sei! Die Vorbehalte gegen den Computer sind enorm, anstelle daß er einfach nur als ein Instrument gesehen wird, das in die uns “natürlich” gegebenen Klangwelten hinzukommt. Zwar. er ist für die elektronische Musik auch im Bereich der sogenannten “ernsten” Künste längst anerkannt, die, wir wir wissen, auch heitere sein können; “ernst” meint vielmehr den Grad der kompositorischen Komplexion und die Abkehr vom Banalen, das die meisten Menschen aber suchen. Ohne Banalität kein Mainstream (also ohne die Ansammlung rhythmischer und melodischer Klischees in bestenfalls neu montierten Variationen). Dies ist jedenfalls Gesetz — eines, von dem sich der Computer, als er in die Musik vordrang, erst einmal deutlich absetzte, ja die er teils revolutionierte, bis man sein Modulares zur Basis gerade des Klischierten machte. Seither ist seine Gegenwart im Mainstream beinah unbedingt.
Für die ernsten Musiken wurde er nun allerdings, sofern nicht als Computer sofort erkennbar (“mit Elektronik”, was so dann auch zu klingen hat, als gleichsam Ausrufezeichen für klangliche Entfremdung oder ein Fremdes überhaupt), geradezu misfits, nicht gesellschaftsfähig: “Das ist doch keine echte Kunst!” Irgendwas klinge da “unecht” — als lägen uns nicht längst, in Hegels und Lukács Folge, Walter Benjamins Schriften zur Zweiten Natur vor, einer also Dritten, die wir doch alle, die wir ästhetisch zu denken gelernt, hätten verinnerlichen müssen.
Was nun allerdings David Ramirer unternimmt, seit bereits Jahren, ist gleichsam eine Versöhnung der Dritten mit der Ersten: Soweit ich sehe (sehen kann), dieses Musikers Alleinstellungsmerkmal. Denn seine Versöhnung ist nicht banal; sie, um Adorno gegenzubürsten, ist die Anstrengung des Klangs in Modulen, eine, die sich ausgerechnet an Johann Sebastian Bach orientiert und Les-, also Hörarten findet, die bis anhin unbekannt waren. Und es noch immer sind, aber durch ihn erschlossen werden. In seinen Bach-, und das sind sie, -interpretationen werden physisch unspielbare Fingersätze realisiert, die Ramirers Computer-Bach beinah dem biblischen WORT gleichen lassen, das — Joh. I,1 — am Anfang war. (In anderer Übersetzung war es — der λόγος).

Dennoch, auch ich nahm Ramirers Arbeiten lange Zeit als zwar hochinteressante, aber doch letztlich Basteleien wahr; mir fehlte etwas persönlich Erkennbares, eine sozusagen freie Handschrift; zwar hörte ich seine Bach-Transkriptionen (die er selbst, selbstbewußt, “Realisationen” nennt) sehr gerne, aber gleichwertig mit anderen Interpretationen, auch solchen, die sich, wie etwa Glenn Goulds, weit von den Partituren entfernen. Ich finde sowas legitim, mehr noch: künstlerisch reizvoll und nötig. In diesem Sinn verstehe ich auch Übersetzungen, vorausgesetzt, sie finden auf höchstem Niveau der jeweils eigenen Sprache statt. Zu “dienen” liegt mir nicht, → ich will’s auch nicht von andren. — Und dann wurden mir eben diese Ricercar-Variationen geschickt, die mich wochenlang berauschten und noch heute, anderthalb Jahre später, nichts von ihrer zupackenden Schönheit verloren haben.
Es lag nahe, in Ramirer zu dringen, mehr davon zu schaffen. Und nun, nun liegen seine Organics vor, die zwar nicht den reißenden Sog der Ricercar‘s entfalten, aber in anderer Hinsicht etwas verdeutlichen, was ich etwa im Jazz bislang nur in Keith Jarretts Napoletaner Konzert von 1996 gehört habe: Organics erzählt uns in klingender Form, was Musik ist.
De natura sonoris heißt eine berühmte Stückfolge Krzysztof Pendereckis. Ramirers neue CD ließe sich fast ebenso, doch De natura compositonis musicae benennen. Denn die rund 77 Minuten Musik sind in fünf Parts aufgeteilt, deren erster, sehr kurzer nichts vorführt als das reine Klangmaterial, aus dem Bach sein Präludium gewann. Aber mit gleich dem ersten Ton welch rufender Gewalt tut er das! Denn das, in der Tat, ist dieses Stück — ein Ruf, auch wenn es kurz vor der quasi-mollModulation nachdenklich wird. Eine seltsam lange Pause, dann, verhalten drängend, setzen die ausgedehnten — von hervorgehobenen Leittönen strukturierten — Improvisationen ein, rectus und inversus, also dieses als jenes genaue Umkehrung, um aber im vierten wieder sehr knappen Stück sich auf das Material selbst zurückzubesinnen und zum Abschluß partiturgetreu Bachs originale Komposition erklingen zu lassen. Spannenderweise hat dieses eigentlich schnell durchschaubare Verfahren überhaupt keinen pädagogischen Beigeschmack, obwohl, was musikalische Pädagogik leisten sollte, geleistet durchaus wird, aber spielerisch und mit dem hypnotischen Effekt bester minimal music. Genau seinethalben sollte die CD  sehr laut gehört werden: So geht sie nicht im Hintergrund unter, sondern entfaltet den für Ramirer eigentümlichen, farbintensiv-meditativen Reichtum, in dem wir Hörerinnen und Hörer nahezu ununterbrochen mitschwingen.

Dennoch, Ramirer muß etwas Fehlendes gespürt haben, das in den Ricercar-Variationen permanent zugegen war, etwas, das gegen das rein-Meditative anströmt, voranströmt und nicht mehr in irgend einer Weise “heilig”, bzw. abgeklärt, sondern sondern extrem vitalistisch ist. So daß er sich das Rectus noch einmal vorgenommen und daraus eine zweite, rectus Remix genannte CD komponiert hat, die nun tatsächlich den “unendlichen Melodien” Mahlers und Petterssons — deren Kraft — gleichend mächtig durch uns hindurchfließt, blitzendes, geschliffenes Glas auf den Wogen. Weshalb es sich empfiehlt, die beiden CDs direkt hintereinander zu hören, vom “originalen” Bach also wieder in die erneute, diesmal 69minütige Improvisation des “remixten” Rectus zu wechseln, und zwar ohne Unterbrechung. Sie werden, Hörerin, diesem klanglichen Kosmos nicht mehr entkommen. Er klingt in Ihnen selbst lange noch nach Verstummen als nahstes Fernes nach.

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ANH, Berlin

März 2020

David Ramirer

Organics in C-Dur
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

rectus REMIX
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

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(zuzgl. Versandkosten Österreich)

” … das Versprechen, verloren geglaubte Intensitäten in sich zu bergen.” (Samuel Hamen) | Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 8. Februar 2020.

[Arbeitswohnung, 12.18 Uhr
Mozart, Mithridates]

So sehr ich diesen Tag auch vorausgefürchtet hatte, dieses “Gestern” also, so teils beseelend wurde er dann doch. Zwar haute die (vorhersehbare – es ist überhaupt nicht schön, immer recht zu haben) Absage Rainer Moritzens mir erstmal einen vor den Latz, daß er im Literaturhaus Hamburg für eine Vorstellung meiner Erzählbände keinen zeitlichen, sozusagen, Raum habe (meine Freundin Nora Gomringer lädt er hingegen bis zu dreimal im Jahr ein, was ich ihr von Herzen gönne, aber einiges über, sagen wir, Vorlieben sagt). Doch da ich auf sein Nein ja gefaßt war, blieb der Schlag vom zähen Leder meines Latzes recht gut abgefangen. Zumal fast noch in derselben Minute die Nachricht von der Lindenoper kam, es liege nun tatsächlich eine Pressekarte zur Premiere → des neuen, von André Heller inszenierten Rosenkavaliers für mich bereit, so daß mir das Haus, ohne es zu wissen, das wohl beseelendste Geburtstagsgeschenk des Tages gab – neben einem Geschenk लक्ष्मीs, über das ich Ihnen, Freundin, öffentlich aber nichts schreiben möchte. (Gewiß indes werd ich es Ihnen entre nous erzählen).
Ja und d a n n! nachmittags: Samuel Hamens Rezension (der entgegen ich ebenfalls bangte) meiner beiden → Septime-Erzählbände. Doch → hören Sie (Podcast) selbst. (Als Text ist die Kritik → dort zu lesen). Besser (und gerechter) konnte es eigentlich nicht laufen. Und daß ich für meine “Gender”-Position ein paar Klöpferchen auf den Hinterkopf abbekommen würde, damit war nun eh zu rechnen. Wobei mich diesbezüglich eigentlich nur Hamens Wort “schwerfällig” etwas nervt:

Es verhindert aber nicht, dass diese Weise des Schauens, Genießens und Schreibens mehr und mehr aus der Zeit fällt. Sie wirkt schwerfällig, verteidigt zugleich voller Stolz eben diese Schwerfälligkeit als exquisiten Zugang zum Sinnlichen. Aber im Diskurs rund um sexuelle Repräsentation und die Symbolisierung von Geschlechterverhältnissen hat sich nun einmal ein Atmosphärenwechsel ereignet.

Ich hätte statt dessen “kompromißlos”, sogar “halsstarrig” vorgezogen, meinethalben auch “uneinsichtig”. Aber daß sich ein “Atmosphärenwechsel” vollzogen habe, ist zwar auch meinerseits unstrittig, sagt aber noch nicht, daß man sich ihm unterordnen müsse oder gar mitzulaufen habe. Bekanntlich halte ich an ihm vieles für grundsätzlich falsch und auch politisch gefährlich. Weshalb, habe ich in meinem Aufsatz zur “anthrologischen Kehre” schon vor Jahren ausgeführt. Und daß ich in meinen Erzählungen Frauengestalten sexualisiere — ja, tu ich —, liegt schlichtweg daran, daß sie als Frauen sexuelle Geschöpf sind — wie, ob es uns gefällt oder nicht, wir alle. Daß nicht jede Person auf jede andere eine erotische Ausstrahlung hat, mag allenfalls, nun jà, zu bedauern sein oder auch ein Glück; aber diese → “Ungerechtigkeit” gehört zu den pheromonal gesteuerten Phänomenen unserer Existenz. Darüber zu schweigen oder es gar zu verleugnen (beziehungsweise nicht mehr drüber sprechen, geschweige denn zeigen und also eingestehen zu dürfen), führt in jedem Fall nicht nur zu doppelter, nämlich in sich selbst widersprüchlicher “Moral”, sondern ins Unglück.
Doch sei es drum, Hamens literarische Kritik konnte für die beiden Bücher besser nicht aussehn, und ich bin froh, daß er so genau gelesen und eben auch formuliert hat, wie intensiv und, formal, auf welche Weise die Umwälzungen in meine Arbeiten eingegangen sind, die die technische Revolution seit über dreißig Jahren für unsere Anthropologie bedeutet — und daß ich im deutschen Sprachraum eben, Stichwort “Pionier”, zu den allerersten Romanciers gehör(t)e, die dies begriffen und künstlerisch gestaltet haben. Ebenso freue ich mich darüber, wie genau er meine Angriffe auf Uneigentlichkeit nachvollzogen hat und darstellt.
Kritiken wie diese sind de facto selten. Deshalb wirklich großen Dank, lieber Samuel Hamen.

So war ich dann doch, wo ein nächster grauer Schub hätte vorausbefürchtet werden müssen, plötzlich in lebhaftem Schwung. Dazu kam ein herrlicher Strauß aus Rosen, Mohn und Strilitzien meiner Contessa,

den ein Bote schon frühnachmittags brachte. Und wiewohl ich ja eigentlich abhauen wollte, nach Neapel – wo mich ein Freund erwartet hätte – oder Sizilien, was ich indes dann nicht, ja, durfte (aber momentan auch finanziell nicht gekonnt hätte), und mir nach allem anderen denn nach Feiern war, rollte abends die Familie ein. Was seit dem Vortag klar war. Nur hatte लक्ष्मी ohne mein Wissen herumtelefoniert und neben ihrer besten Freundin und einem Freund auch → Schlinkert “überredet”, abends bei mir einzulaufen. Ich war komplett überrascht, aber, da der Tag so nett zu mir gewesen, auf eine beglückte Weise, den ich im übrigen fast vollständig mit einer Musik verbracht hatte, die schon mein → neunzehntes Nabokovlesen abschloß: ausgerechnet ich mit Mozart, mit seiner, ich muß sagen, einfach hinreißenden Così fan tutte, die jetzt abermals in der atemberaubend remasterten Karajan-Aufnahme von 1954 läuft und deren nicht nur Mastering überwältigend ist.
James Levines von mir “zwischendurch” angehörte, technisch perfekte Stereo,na sowieso,-Studioeinspielung mit der mich eigentlich alle Distanz verlieren lassenden Kiri te Kanawa sowie mit auch noch Thomas Hampson fällt gegen die nicht nur klangliche, sondern auch interpretierende Energie Karajans und seiner Sängerinnen (Elisabeth Schwarzkopf!) und Sänger schmerzhaft spürbar ab, und auch meine anderen Aufnahmen halten in keiner Weise  mit. Dabei kann ich Karajan eigentlich gar nicht leiden, er ist mir überdies politisch suspekt. Dennoch, immer wieder, obwohl ich sein Vorgehen (etwa im Falle der blutjungen Hildegard Behrens — bezeichnend, daß mir → ihr Tod entging —, die er kalt sich da ihre Stimme für eine allerdings nie wieder, meiner Kenntnis nach, eingeholte Salome ruinieren ließ) oft nicht gutheiße, gibt es immer und immer wieder Einspielungen von ihm, die mich komplett umwerfen, auch wenn jemand wie er und ich einander im Leben höchstwahrscheinlich spinnefeind gewesen wären.

Wie auch immer, die Familie war hier und wir aßen, plauderten und tranken vom herrlichen, mir von → Le Vi Arte hergesandten 2012-er Nobile de Montepulciano, in Flaschen in der dortigen Fattoria Talosa gefüllt, den, wie mir Simone Langer schrieb, ich erzählte es schon, “die Menschen so wenig verstehen wie Deine Bücher”; dazu liefen erst → Ramirers Ricercar-a-tre-Variationen, dann die vorher zusammengestellte Playlist aus Jarretts der letzten dreißig Jahre, was wiederum, als sein Concerto a Napoli von 1996 erklang, mich dazu brachte, das zu diesem und für meinen Vater entstandene Gedicht vorzulesen. लक्ष्मीs Freundin Sarah hat es aufgenommen; ich werde den kleinen Clip in den nächsten Tagen gesondert einstellen. Als alle dann kurz vor Mitternacht aufgebrochen waren, saßen mein Sohn und ich – er einen Joint, ich meine Cigarillos rauchend – noch anderthalb Stunden hier und sprachen. Als auch er ging, um sich seinen nachtschwärmenden Freunden zu treffen, warf ich mich, ohne für irgendeine Ordnung zu sorgen, geschweige denn den Abwasch zu erledigen, auf mein Lager und wachte heute früh erst um halb neun auf. Da war vor dem ersten Latte macchiato dann doch erst mal tüchtig was zu wirbeln. Und so “richtig” zu arbeiten, dazu kam ich auch bislang noch nicht. In jedem Fall sollte ich mich mal, das ist noch immer nicht geschehen, aus den Morgenarbeitsklamotten schälen und angemessen — kleiden.

Ihr, Ersehnte,
ANH

 

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