“Ach daß ich ihn nicht nennen kann!” Das achtzehnte Coronajournal, geschrieben am 16. April 2020. Darinnen Nabokovs “Ada”, 0.2.

[Arbeitswohnung, 12,28 Uhr]

Es ist schon ein eigenartiges Grundgefühl, das in mir, so ist es am besten auszudrücken, Platz genommen hat: Entfernung, ohne tatsächlich Entfernung zu sein, die vorher nicht auch schon gewesen wäre, doch nun in der Art vermeintlicher Endgültigkeit. Als wäre etwas beschlossen, das sich doch schon lange angekündigt hat. Nicht grundlos habe ich vorhin → diese Polemik von 1995 eingestellt, die nun unangenehm parallel zu den Coronageschehnissen steht, vorhergenommen parallel, und von der aus betrachtet vieles Folgende imgrunde nur logisch erscheint, als logische Fortsetzung, insofern viel weniger überraschend ist, als der Virus selbst, sein über und durch uns Hingeschwemmtsein, von dessen Möglichkeit zumindest in naturwissenschaftlichen Kreisen → längst ausgegangen (Punkt 4 des Papiers), vor dem auch gewarnt worden ist. Nur daß fast niemand hören wollte. Und nicht nur Paul Robert Vogt erzählt es.
Für mich nach wie vor interessant (besser trifft es das Wort “beängstigend”) ist der möglicherweise, naturphilosophisch betrachtet, “selbstregulative” Nexus einerseits und andererseits eben die Fortführung einer längst begonnenen Entkörperung von Weltkontakt, die zunehmende Hinüberschiebung ins Virtuelle, sowohl von AIDS als auch Corona als material erzwungene Auslösung des Menschen aus der Physis, was –monotheistisch-religiös gesprochen – einer Erlösung aus dem “Jammertal des irdischen Lebens” entspricht — säkular allerdings, nämlich auffällig Hand in Hand mit wirtschaftlichen Multi-Interessen: dem von jeglicher Herkunft, mithin eigener Kultur, abgelösten “flexiblen” Menschen, der als Arbeitskraft eingesetzt werden kann, wo immer die Ökonomie ihn braucht, und der nicht einmal mehr das Geschlecht als eine Konstante haben soll, die ihm eine Identität sichert. Die kulturelle wiederum wird schon lange durch eine vom Pop vorgenormten unterlaufen, der auch sich selbst ständig enthistorisierend unterläuft. So soll Geschichte erst gar nicht mehr entstehen.
Entscheidend an Corona wie schon bei AIDS ist allerdings, daß es sich nicht mehr um kulturelle Deutungshoheiten handelt, die durchgesetzt werden sollen, sondern sehr offenbar um globale Tsunamis, also, jedenfalls auf den ersten und zweiten Blick, unanfechtbare Naturphänomene, gegen die es sich nicht demonstrieren oder sonstwie freiheitlich-politisch angehen läßt. Wer es dennoch tut, gilt als unmoralisch, wobei er (und sie) in der Tat zum Gefährder, zur Gefährderin wird. Der Naturprozeß selbst scheint die Einschränkung, auch eine massive, der Menschen- und Bürgerrechte zu erfordern, sogar um ihrer selbst willen. So schrieb mir ein gewiß nicht autokratiekonformer Freund:

Zwischenbemerkung: Ich (der freiheitsliebende Barrikadenkämpfer!) bin ohne Einschränkung für die vom Chaos-Computer-Club empfohlene Bluetooth-Tracking-App. Nur auf diese Weise kommen wir in der Analyse der Ausbreitungs-geschwindigkeit VOR die Welle. Alles, was wir bislang hoch-professionell tun, tun wir nämlich aus empirischen Erkenntnissen NACH der Welle!

Das politische Problem daran ist, daß er selbstverständlich recht hat, zugleich aber mit solch einer App dem Mißbrauch die Tore weit geöffnet werden, ohne daß wir noch irgend kontrollieren könnten, wer sie bewacht und welche Direktiven sie erhalten, jedenfalls nicht, solange es so etwas wie “Befehlsketten” gibt. Halten wir uns zugleich vor Augen, was Ingeborg Maus → Refeudalisierung nennt und also den Umstand, daß politische Entscheidungen schon gar nicht vom, was immer das sei, “Volk”, aber auch nicht mehr von seinen Repräsentantinnen und Repräsentanten, sondern von Lobbyisten, mithin international agierenden Firmen getroffen, im Zweifelsfall mächtig durchgesetzt werden, wird unsere ganze Hilflosigkeit auch dann klar, wenn wir den politischen Führerinnen und Führern angesichts der Pandemie zusprechen, daß sie tatsächlich um das Wohl der Menschen besorgt und bis an die Grenzen ihrer eigenen Leistungsfähigkeit bemüht sind. Ich glaube das, gehe nicht im entferntesten von übelwollenden Strategien aus. Aber eben das macht es noch einmal schlimmer.
Schauen Sie sich, Freundin, → dieses Strategiepapier an, das die mir politisch überaus nahe Organisation Diem25 verschickt hat. Nicht von ungefähr kommen darin aus dem philosophisch-politischen Anarchismus stammende Begriffe wie “Kommunalismus” vor – hier sogar als einem radikalen gefordert; des weiteren wird sehr richtig die Privatisierung öffentlichen, mithin allmenden Vermögens als “groß angelegte Umwandlung in privates Kapital” gesehen. Hierzu gehört auch die Unterwerfung der Krankenhäuser unter ökonomische Direktiven; auch Wasser- und Stromversorgung sind flächendeckend längst in privater, privatwirtschaftlicher, mithin auf Profit ausgerichteter Hand. Welche Chancen bestehen da tatsächlich, auch nur ansatzweise umzusetzen, was das Strategiepapier an Zielen uns vorschlägt, das überdies formuliert worden ist, als von Corona öffentlich noch gar keine Rede war? Zugleich ist es kein Wunder, daß in der pandemischen Krise ausgerechnet ein diktatorisches System wie Chinas angemessen, ja, durchgriff – eines, das bekanntlich Bürger- und Menschenrechte sonst in Grund und Boden tritt. Es bereitet mir mehr als nur ein leises Unbehagen, daß in solch einer Krise es die Autorität der Macht ist, was die Eindämmung der Gefahr bewirkt. Wie weit sind wir da vom freien, sich selbst bestimmenden Menschen wieder entfernt! Und es wird Soma ausgeschüttet! Ich selber, allabends, nehme davon.

Na gut, ich koche immerhin. Lese jeden Tag meine siebzig Seiten Nabokov, jetzt, mit Wiederlesen → Adas, ist es, als käme ich nach zwanzig Jahren heim. Doch dazu später, wenn ich über das Buch erzählen werde. Oh, dieses Glück vollendeter Sätze! “Ein zufälliger Knick im Gewebe der Zeit” oder

Fleisch nämlich (une chair), das seiner Frau und das seiner Geliebten, die vermischten Reize von Zwillingshuris, Acquamarina einzeln und doppelt zugleich, Mirage in einem Emirat, paarige Perle, Orgie von Epithel-Alliterationen.
Ada, S.33
(Dtsch. v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

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>>>> Ada 0.3
Ada 0.1 <<<<<

Sie werden, Geliebte, sofort verstanden haben, wie dieses Wort, Fleisch, in mich eindrang, das uns jetzt nur als Wort noch geblieben, da ich es gestern, wieder im Thälmannpark, las. Immerhin hatte ich mir vorher, morgens schon, Spargel ergattert, der zwar, wie es hieß, der fehlenden Landarbeiter wegen (polnische Tagelöhner!) teuer sei, aber das Glück führte mich an einen Stand, wo es Beelitzer für 7 Euro das Kilo gab.
Ich wollte etwas ausprobieren, was ich nach Heimkehr und Lektüre dann tat. Weißer Spargel mit Nordseekrabben (die allerdings in Marokko! geschält worden sind — auch das einer dieser ökologisch bösen Widersinne; Krabben zum Selberpulen – worin ich seit Kindheit geschult – sind nicht einmal mehr in Hamburg zu bekommen). — Wie auch immer, Helgoländer Art:

Sogar die Hollandaise habe ich selbst zubereitet (Weißwein in drei Eigelb, schaumig schlagen, dann ins Wasserbad und flöckchenweise Butter, viel Butter, einrühren, bis die Sauce cremig ist). Die Portion war dann schließlich zu groß, mehr als die Hälfte schaffte ich nicht. Eingefroren, was übrig blieb, es wird in einer Spargelcremesuppe verarbeitet werden.
Aber auch dies ein letztlich einsamer, ein monadischer Akt. Zwar hatte ich nach Gästen gefragt, die mit mir teilen mochten; man konnte nicht, man wollte nicht.

Die Sonne scheint, im Hinterhof weht baumhoch der Wind in Tausenden weißester Blüten. — Ach, daß ich den Baum nicht mal nennen kann!

Ihr ANH

Das Oster-, nämlich sechzehnte Coronojournal. Geschrieben für Sonntag & Montag, den 12. und 13. April 2020. Darinnen Nabokov lesen, 33: “Erinnerung, sprich”, 0.1 | “Ada oder Das Verlangen”, 0.1.

 

 

 

 

[Arbeitswohnung, 13.3., 10.45 Uhr]

So saß die Familie denn gestern beisammen, der große Sohn, die Zwillinge, लक्ष्मी und ich; alleine Sie, geliebte Freundin, fehlten und wären aber von allen begrüßt gewesen. Wir wissen freilich, und leben damit, weshalb es Ihnen, auch leiblich mit uns zu sein, nicht möglich. Doch hätten Sie die für einen Sonntagmorgen ausgesprochen belebten Straßen der für Prenzlauer Berge doch recht planen Trottoirs unter dem leuchtenden Hochfrühlingswetter sehen müssen, das sich heute nun wieder bewölkt hat. Doch ist’s ein leuchtendes Grau über Berlin, in das hinaufzuschauen heißt, die Augen zusammenzupetzen.
Ganz ohne Risiko war unser Frühstück nicht. Der große Sohn, ein unterdessen kräftiger, wohlgeformter junger Mann, jobbt in einer Eisdiele, लक्ष्मी arbeitet zweidreimal wöchentlich in einer Ärztinnenpraxis, wenngleich im hinteren Bürobereich, die wenigsten direkten Kontakte haben die Zwillinge und ich. Es ist eine Abwägungsfrage, die wir uns ständig auch stellen. Daß wir uns aber nicht in den Arm nehmen würden, wenigstens kurz, wäre indes unvorstellbar. Dabei hatten लक्ष्मी und ich dreivier Tage zuvor einen Streit gehabt, dessen Ursache hier nicht hingehört; es war aber Schweigen eingetreten danach. So war das Osterfrühstück auch “Vereltrung”; es sei dies als angemesseneres Wort für “Versöhnung” erlaubt. Seltsam, daß wir auch “Vertöchtrung” nicht kennen.
Hernach flanierte – ein nun rundum treffendes Wort – ich über den Helmi, aus dem die Sonnenwärme unsichtbar dampfte und dessen viele Bäume in flockigen Blüten stehen, zur Arbeitswohnung zurück und legte mich zur verspäteten Siesta. Doch als ich wieder aufstand, hielt mich der Frühling am Schreibtisch nicht. Sondern ich mußte erneut hinaus, wollte lesen im Licht.

Es ist auffällig, welch eine Scheu ich vor → ADA habe. An sich wäre dieser Roman nunmehr “dran”, insofern ich mir vorgenommen, meine Serie erst einmal auf Nabokovs belletristischen Bücher zu konzentrieren und alle anderen — meine Erzählung zum Bastardzeichen werde ich nachher zu schreiben beginnen — nunmehr hinter mir habe, was aber besser “in mir” genannt wird. Dennoch, ich stieg auf die Couch (“N” befindet sich in meinem Wandregal ziemlich weit oben) und zog den Band heraus; ERINNERUNG, SPRICH wiederum lag schon seit vortags auf dem Mitteltisch bereit, die ersten dreißig Seiten schon gelesen – aber zu viele, dachte ich, persönliche, also biografische Angaben, um die Romane unbeeinflußt weiterzulesen. Ich möchte einfach ungesteuert die poetischen Arbeiten in mir aufnehmen, auch auf die Gefahr hin, zu “falschen” Schlüssen zu kommen; doch ziehe ich nach wie vor die immanente Interpretation, wenn interpretiert werden denn muß, vor. Nur ist ADA schon durch- und durchgearbeitet, steckt voller Lesezettel mit draufgekritzelten Anmerkungen, ebenso sehen die Seiten aus, alles vom November/Dezember 2000 aus Indien, wo die damals hochschwangere लक्ष्मी und ich ungefähr sechs Wochen verbrachten; dann scheine ich die Lektüre unterbrochen, im Juli sie wieder aufgenommen und beendet zu haben. Entsprechend ist das Notat auf der Rückseite des Schmutztitels in Goa, sehr wahrscheinlich Palolem verfaßt worden:

Aus diesen meinen Handschriftshieroglyphen “übersetzt”, sagt sie:

bzgl. meines Europäerseins: Ich kehre – auf anderem Niveau – zu den Vorstellungen des “einfachen Touristen” zurück & mag mich nicht mehr fremden Kulturen “anpassen”, d.h. sie adaptieren. Solche Mimikry ist anmaßend und bodenlos. (Erinnerung an die europäischen – deutschen – Bauchtänzerinnen während des Kultur-der-Nationen–Umzugs in Berlin im Sommer 2000.
→ Vielleicht einen Aufsatz hierüber schreiben.

Hab ich wohl nie getan, bzw. diese Idee erst fünfzehn Jahre später unbewußt wieder aufgenommen, als ich auf Mauritius “Im Blick eines Mädchens von allenfalls zwölf” notierte, ein poetischer Text, der sich ausgearbeitet heute im zweiten Band meiner gesammelten Erzählungen findet.
Ich war damals, neben ADA, auch mit ganz anderem beschäftigt, schrieb, teils in einer zwischen zwei Palmen aufgespannten Hängematte, an BUENOS AIRES.ANDERSWELT, das 2001 auch erschien, damals noch im Berlin Verlag. — Dies erklärt die Unterbrechung meiner Lektüre.
Wie auch immer, ADA ist, ich schrieb es Ihnen schon, wie eingeprägt in mir als ein Wunder geblieben, und genau das erklärt nun auch meine Scheu, die ich jetzt abermals empfand, als beide Bücher – sie und ERINNERUNG, SPRICH – vor mir auf dem Mitteltisch lagen und ich mich halt entscheiden mußte.
Es vergingen gewiß zehn Minuten, in denen ich nicht einmal blätterte, nur die beiden nach Umfang und Ausstattung sehr ähnlichen Bücher besah, meditationslos über sie hinaufmeditierend. Dann entschloß ich mich, bei dem “ursprünglichen” Plan zu bleiben und also für ADA, zog schnell noch die Schuhe an (die gelben, der Sonne zu huldigen; einen Mantel brauchte man gestern nicht, nicht einmal den Schal mehr), schnappte das Buch und zog los. Doch als ich dann meinen Steinsimsplatz im quirlig belebten Thälmannpark eingenommen, erst da stellte ich fest, nun doch ERINNERUNG, SPRICH bei mir zu haben, mich schlichtweg vergriffen zu haben. Und las siebzig Seiten durch, nach denen mir klar war, es wieder unterbrechen und nun tatsächlich ADA mir vornehmen zu müssen. Womit ich nun morgen beginnen will, wenn meine Besprechung des Bastardzeichens geschrieben und eingestellt sein wird. [Nachtrag, 19.4.: → Ist sie jetzt.]

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Nabokov lesen 32 <<<<
Ada 0.1 <<<<

(Es gehört zum Charakter eines Literarischen Weblogs wie diesem, daß die Kategorien, denen Beiträge zugeordnet werden, nicht randscharf gegeneinander abgegrenzt sind, sondern sie verfließen ineinander. Für eine, wenn es sie denn geben wird – Arco spielt bereits mit dem Gedanken daran –, Buchfassung meiner Nabokovserie, wird dies geändert werden müssen. — Diese Bemerkung ist für eine der ästhetischen Diskussionen wichtig, wie ich sie soeben wieder, → dort nämlich, mit Peter H. Gogolin geführt habe.)

Etwas weiteres war wichtig.
Der Ton für die Béarts ist zurück, jedenfalls ein Ton wieder, der für die gegenwärtige Situation angemessen ist und tatsächlich ins Hymnische neu hinaufführen könnte, das diesen Zyklus grundiert. Auch wenn das “zurück” jetzt Zurückschauen werden mag, in ein Verlorenes und vielleicht tatsächlich niemals Wiederkehrendes. Ich habe diese, so empfinde ich es, Kippe gestern → im Entwurf eingestellt, nach wirklich tagelangem Hin- und Herwenden der immer wieder abgebrochenen, immer wieder stockenden Skizzen zu dem zweiunddreißigsten Gedicht. Jetzt, dort wo unten in den Klammern die drei Pünktchen stehen, kann ich auf das blicken und im Klang einer, ja, jubelnden Klage Welt erneut besingen, was danach vielleicht, in der abschließenden No XXXIII, noch einmal Utopie werden wird. Denn Elegien hab ich → schon geschrieben; das wollte ich nie wiederholen, wie ich ohnedies Autorinnen und Autoren nicht mag, deren Bücher sich permanent gleichen. Der Stil freilich, wenn sie einen haben, wird als maniera erkennbar sein, ohne aber Manier zu sein. Rollenprosa unterläuft sie zum Beispiel, und gerade Nabokov führt uns vor, wie differenzierbar selbst auktoriales Erzählen sein kann. Bisweilen frappant, wie er seinen Klassizismus unversehens in ein Ich fallen läßt, von dem wir gar nicht sagen können, wer es ist, der oder die da von sich spricht.

Zu Corona, noch einmal, ist ein Papier viral gegangen, das eigentlich Verschlußsache bleiben sollte. Sie finden es, Geliebte, → dort. Wobei man mit ein bißchen mathematischem Verstand drauf selbst hätte kommen können und nicht selten gekommen auch ist. Ich wiederum kehre auch deshalb zu der naturphilosophischen Spekulation wieder und wieder zurück, daß wir es mit einem selbstregulativen Prozeß zu tun haben, wieviel an teils heftigem Widerspruch, teils sogar Beschimpfungen ich → für meinen Gedanken auch immer habe einstecken müssen, was bekanntlich bis zum Vorwurf reichte, daß ich faschistoid sei. Meine Repliken finden sich in den Kommentaren, teils nochmals ausgeführt in den folgenden Arbeitsjournalen.
Zur Selbstregulation gehört möglicherweise auch Gleichzeitigkeit: Nabokov lesen steht neben Corona, ist in sie eingewirkt wie das Osterfrühstück und irgendein Liebesbrief, der Sie, Geliebte, vielleicht dieser Tage erreicht, und wie der Sonnenschein gestern und das Erblühen der Zweige in die Einsamkeit der Alten hinein, die in den Heimen bangen, und steht ebenso gleich neben der Anstrengung der Ärztinnen und Ärzte auf den Covidstationen und daß es in einigen Ländern längst schon so ist, daß niemand mehr weiß, wohin mit den Leichen. Und doch schwebt ein flirtender Blick von einer jungen Dame zu einem jungen Mann im Park, und immer noch wählen wir morgens den Chic, ohne zu wissen, ob wir denn im Dezember noch Einkünfte haben. Scheinbar Beliebiges wird unversehens zum Ausdruck von Kultur, kehrt zu ihm, möcht ich fast sagen, zurück. Und ich … ich schreibe Erzählungen ins Netz, die vielleicht wie Sonden sind, die wir ins völlig Leere des Weltalls schicken, über Tausende Lichtjahre hin, die wir selbst, was wir auch wissen, erleben gar nicht können. Und doch fällt einem ein Musikstück ein, daß vor 217 Jahren entstanden und dessen Schöpfer längst nicht mehr ist, und wir legen die Platte auf, erst die Aufnahme unter Konwitschny, setzen uns in den Musikstuhl und lauschen, und dann noch einmal die härtere unter Norrington – ein und eine dreiviertel Stunde lang. Auch das ist ein Wunder. Wir haben die Augen geschlossen, nippen nur hin und wieder Eierlikör aus dem Gläschen, weil zu Ostern → unsere Großmütter sowas immer bereitet haben, ein klebriges, schwer süßes Zeug, das uns seltsam selig macht.
Aber weshalb wir auf Beethoven kamen? Sicher auch, weil er in Nabokovs Bastardzeichen nicht nur mehrmals erwähnt wird, sondern für einen Charakter steht, nur sein Portrait allerdings, das den Bullenkopf zeigt, der Adam Krugs so ähnele, dem, man weiß nicht, ob naiven, ob nur allzu trotzigen Helden, dessen “allzu” für eben das steht, was Bonaparte, als er Goethes ansichtig wurde, habe ausrufen lassen: “Voilà, un homme!” Wozu uns gleich wieder zweierlei einfällt: zum einen der Spott einer Geliebten, als sie auf der Unterbauchlitze meiner engen Boxershorts hervorgehoben “HOMME” las (die gängige Firmenbezeichnung eines italienischen Herstellers maskuliner Unterwäsche) sowie daß Anthony Burgess eben dieser Sinfonie, es ist Beethovens Dritte, einen ganzen Roman gewidmet hat. Bekanntlich hatte der Komponist dieses große Musikwerk Napoleon Bonaparte gewidmet — Sinfonia eroica, composta per festeggiare il sovvenire d’un grand’Uomo —, indes erzürnt die Ehrung gestrichen, als sich der Korse die Kaiserkrone aufgesetzt. Ich ahne beinah körperlich, daß Nabokov eben das zur Charakterisierung seines Helden im Kopf gehabt hat, nur daß sich seine, Adam Krugs, Erzürnung nicht in einer solchen, sondern in nicht ernst nehmender Abfälligkeit zeigt — mit den furchtbaren Folgen, die ich in meiner Besprechung nacherzählen werde. An die ich mich gleich setzen will. Doch stehen noch zuvor, aus → Herzensbildung, einige Anrufe zu tätigen aus.

Ihr ANH

“die erste Ferngesellschaft der Menschheitsgeschichte” (Peter Weibel, NZZ): Das siebente Coronajournal. Montag, der 23. März 2020.

Und ebenfalls NZZ, >>>> dort:
Senizid

[Arbeitswohnung, 7.08 Uhr]

Und wenn er noch so viel → Unmut ausgelöst hat, die Vorstellung, es vollziehe sich derzeit ein wie nur selten spürbarer, weil unmittelbar in unser alltägliches Erleben hineinreichender selbstregulativer Prozeß, bleibt → beharrlich in mir, ob dieser uns nun schmeckt oder nicht. Er erinnert mich allzu sehr an das, was ich in THETIS die Große Geologische Revision genannt habe, seinerzeit mit Blick auf die schon Ende des vorigen Jahrhunderts mehr als nur “leicht” sichtbaren Anzeichen. Ich denke weiter und weiter darüber nach … — nein, es denkt sich nach. Und das hat nichts damit zu tun, ob man es – angeblich – gutheißt. Wer wohl täte das? Wobei der Vorgang bei allem Grauen insofern etwas “Gerechtes” hat, als der Virus unter den gefährdeten alten Menschen keine Unterschiede macht, nicht nach Vermögen (wenngleich reiche Leute deutlich mehr Möglichkeiten haben, sich ihre Quarantäne aushaltbar zu gestalten), nicht nach Geist und Bildung, nicht nach Geschlecht, nicht einmal nach Macht. Die moralischen Ausrufe hiergegen — “altersdiskriminierend” — wirken so hilflos, wie sie es sind. Weiterhin → NZZ:

Die heutigen «Alten» haben unser Land im vergangenen Jahrhundert zu dem gemacht, was es ist. Sie zu schützen, ist für die meisten Menschen die Hauptmotivation dafür, zur Eindämmung des Virus möglichst viel beizutragen. 

Daß hier im Hintergrund ein letztlich rein materielles Denken steht, sei erschauernd dahingestellt, auch wenn so etwas Kapitalismusfremdes wie “sorgende Liebe” nicht einmal Erwähnung findet. Es ist doch mehr sie, was uns Menschen umtreibt, besorgt macht und in Nöte bringt. Insoweit es unsere bedrohte eigene Ökonomie ist, die einer und eines jeden Einzelnen, bzw. der Familien, haben die alten Menschen damit nichts mehr zu tun, jedenfalls in aller Regel. Daß es an uns selbst ist, angesichts einer sich wahrscheinlicherweise über Monate erstreckenden flächendeckenden Quarantäne neue Wirtschaftsformen zu entwickeln — und die, die längst schon im Raum standen, aber aus arbeitspolitischen Rücksichtnahmen und nicht zuletzt sentimentaler Beharrung wegen verhindert oder “konservativ” hinausgezögert wurden —, ist nur allzu klar. Ich erinnere mich noch gut, mit welchen tatsächlich Vorwürfen ich es zu tun bekam, als ich in den Achtzigern bei einem großen deutschen Verlag statt eines Typoskripts eine Diskette abzuliefern wagte: Ich wurde quasi hinausgeworfen. Und nur wenig später, als ich die ersten poetologischen, auch praktischen Überlegungen anstellte, was die damals noch kommende mediale Revolution für die Literatur nicht nur bedeuten würde, sondern müsse, nannte mich ausgerechnet die von mir derart geschätzte NZZ einen Kulturverräter. Es war eine Stimmung, in der man über lange Zeit im Internet den Dolchstoß für die Buchkultur sah. Und von meinen Überlegungen zum → Literarischen Weblog als Dichtung will “man” bis heute noch nichts wissen; es stehen für die wenigen, aber machtvollen Leute im “klassischen” Literaturbetrieb zuviel Pfründe auf dem Spiel. Möglich, daß auch dies sich nun auswäscht — wenngleich ich befürchte, daß der Igel immer schon allhier sein wird, da können wir Hasen so flitzen, wie wir nur wollen. Doch ein, → so Xo dort, “no future” sehe ich nicht, im Gegenteil. Ich sehe Evolution, jetzt sogar vielleicht Mutation. Die Welt geht weiter, auch wenn ich selbst es vielleicht nicht mehr erleben werde. Und mehr noch: Ich will, daß sie weitergeht, wünsche es aus tiefstem Herzen, kann nur die schon mehrfach zitierte Stelle aus der “Sterbe-Elegie”, der neunten Bamberger, wiederholen:

um zu spüren, sie fließt noch, die Regnitz, vor meinem Fenster, und fließt in den Augen der Kinder, der deinen, mein Sohn, die deiner künftigen Frau, künftiger Frauen, ja weiß man es?, sind – und den späteren Mai­nen zu, späterem Rhein, denen viel spätere Rosen, die merklos erfrieren, nicht nachsehen in ihre späteren Meere. Den Zeitstrahl zu fühlen, worinnen wir stehen und dem wir zwar selbst nur Fragment sind, doch eines, das atmet und mittat. Das bleibt wie der Leibstoff, Körper gewesener, bleibt meines Leichnams.
ANH, Das bleibende Thier
, 99/100

Ja, ich denke viel an den Tod. Es sind in meinem Umkreis an Covid-19 jetzt Menschen tatsächlich gestorben. Aber ich denke an ihn als an etwas, das ich gegebenenfalls lieber selbst herbeiführen würde, da ich → langsam ertrinken nicht will, schon gar nicht hilflos fremdbestimmt dahinvegetieren. Nur wie soll ich’s tun, und wann könnte ich es noch, in welcher Phase der Krankheit? Wenn ich im Krankenhaus lande, ganz bestimmt nicht. Ich will aber auch niemanden schädigen, nicht bei einem Zugführer ein lebenslanges Trauma auslösen, ebenso wenig wie bei Kindern, die mich hinabgestürzt, überall Blut und Splitter, auf einem Gehsteig oder Hinterhof finden. Von einigen zugänglichen Medikamenten weiß ich, aber entweder sind sie unsicher oder aber verursachen einen mindest ebenso qualvollen Tod wie der Virus. Hätt ich doch nur darauf geachtet, genügend mir nahe Ärztinnen und Ärzte als Freunde zu haben! — Darüber, in der Tat, denke ich subkutan ständig nach. Aber auch hier gilt (ebenfalls die neunte Elegie):

Wir nicht allein, auch das Tier beißt den Feind weg. Doch weiß es, wann Zeit ist. Dann legt‘s sich und blößt seine Kehle. Besser, ihm nachtun. Das Wakizashi ergreifen, das dir der Tod reicht, bevor man es zuläßt, was ihn und das Leben entwürdigte, das du so liebtest. So, Sohn, vernarrt bin ich ins Le­ben, ich ginge freiwillig eher, als daß ich’s beklagte.
Das bleibende Thier, 97/98

Nein, ich nehme nichts zurück, bleibe von Herz, Geist und Geschlecht auf der Seite der irdischen Welt. Und versuch es auszudrücken. Wobei ich gleichzeitig dafür sorge, meine Arbeiten möglichst umfassend zugänglich zu machen, in Der Dschungel, die ich aus meinen Dateiarchiven zur Zeit mehr und mehr fülle — das hat durchaus was von Nachlaß. Sehen Sie es, Freundin, so: Jeder fühlende Mensch möchte, daß es seinen Kindern gut geht, über den eigenen Tod weit hinaus. Ich wünsche mir das für meinen Sohn, wünsche es mir für meine Zwillinge, wünsche es aber auch meinen Schriften, weil ich auch sie als meine Kinder ebenso empfinde wie erlebe. Das ist nicht egozentrisch, denn sie sind ebenfalls, in ihrer Sphäre,  nämlich der Fantasie und des Geists, zeugungsfähige Geschöpfe. Manche Bücher, manche künstlerischen Erfindungen, haben ganze Generationen verändert. Ohne Mozart hätt’s nicht einmal die Beatles gegeben. Von Bachs Einfluß völlig zu schweigen.
Ich in mir dessen bewußt und handle. Ich handle deshalb, weil Pessimismus mir fremd ist; meine bisweiligen Depressionen sind da nebensächlich: Sie sind egozentrisch, letztlich nichts als die Auswirkung narzisstischer Kränkungen. Die Bücher dagegen stehen für sich. Das ist ja das Grandiose, daß sie sich von uns, ihren Urheberinnen und Urhebern, (fast) ebenso ablösen wie unsre Kinder sich von ihren Eltern, uns. Genau das ist Zukunft. Wir selber, und später dann sie, gehen dahin.
Was danach kommt? “Ich bin unheimlich neugierig”, habe, heißt es, Ernst Bloch auf seinem Sterbelager gesagt.

Mein Pathos, jaja. Wobei die tägliche Realität eine seltsam zerfließende ist. Mehr noch (als wegen des meiner Arbeit eigenen Charakters sowieso) laufen die Tage ineinander.Neulich wußte ich nicht mehr, ob Donnerstag oder Freitag. Ich mußte im Kalender nachsehn. Und obwohl ich es gewohnt bin, mir meine Arbeitsabläufe diszipliniert selbst zu definieren, nach genauen Zeitabläufen zu schreiben, zu essen, zu lesen, abends einen Film zu sehen usw., werden die Ränder verschwimmend unscharf. (Meine bisweiligen, ich sag mal, quasi-physiologischen Ausflüge in die Pornowelt laß ich mal “außen vor”, wiewohl sie wichtig sind, um nicht nur die erotische Contenance zu wahren, sondern auch, um ein notgedrungnes Asketentum zu vermeiden, das sich ungut auf den Geist auswirken würde).
Dazu die ständig kurzen Überlegungen, muß ich eigentlich heute hinaus? Dann recherchiere ich wieder die neuen Coronavorgänge (muß gleich mal gucken, was die gestern getroffenen Ausgangsregelungen präzise bedeuten), antworte auf Kommentare bei  mir und auf anderen Sites, telefoniere, bzw. skype/facetime täglich mehrfach mit den Freundinnen und Freunden, besonders auch in Italien, spüre bei vielen eine unterschwellig steigende Furcht. Ein Freund erzählt, er kaufe nur noch mit Schutzhandschuhen ein, ein anderer hat sich tatsächlich Atemmasken besorgt. Und draußen singen die Vögel, daß es ans Herz geht, und die Pflanzen werden an ihren sprießenden Knospen verrückt. Es ist erneut kalt geworden, ja, aber — hell! Diese göttliche Sonne! Die Fassade des langen Hinterhauses, das ich von meinen Fenstern aus sehe, strahlen nur so vor Gelb! Dazu zwei Zuschriften, die ich erhielt. Die eine von einer Leserin, die schon mehrfach bei amazon Rezensionen eingestellt hat und → nun dort den zweiten ANDERSWELT-Band bespricht. Kann sich ein Romancier etwas Besseres wünschen? Aber auch zu meinem → Vortrag aus dem Hyperion kam eine Mail (ich möchte diskret bleiben und sag drum nicht, von wem):

Fast haben wir Deine Stimme nicht erkannt, so sehr ist sie da zur heute möglichen Hölderlin-Stimme geworden. 

Und in der Tat hat mir die Aufnahme eine irre Lust gemacht, den Hyperion tatsächlich selbst ganz vorzutragen — genau dieses “heute mögliche” … ja!, zu beweisen. Die Zeit haben wir jetzt, die, nun jà, Isolation läßt sich füllen … ist zu füllen. Dagegen fallen Notwendigkeiten – wie etwa, daß ich diesen Jobcentermüll endlich weiter regeln muß, geradezu weg. (Ich hätte dringend einen Brief zu schreiben und darin, um einen Bescheid ändern zu lassen, eingehend zu argumentieren. Nun kommt’s mir vor wie kinkerlitz.) Alles ist ein bißchen wie vor dem Winter die Ernte einzuholen und gut für den Winter zu lagern. Die Dschungel.Anderswelt ist mir, so gesehen, Scheuer und Silo zugleich, zusammen mit der dinglichen Arbeitswohnung ist sie ein Gehöft.

Bewußtsein der eigenen Endlichkeit. Abschiede damit verbunden. Wie Andreas Steffens schreibt: Der Horizont der noch verbleibenden eigenen Zeit rückt uns näher, fast stehn wir vor einer Wand schon daran. Was bleibt zu tun, um abzuschließen, nämlich — gut? Mehrfach, bemerke ich, schaute ich in den paar letzten Tagen intensiv zurück, erinnerte mich an grandiose Geschehen, beglückende, sinnenberauschende Erleben. zum Beispiel was Do und ich mit Nutella alles angestellt haben. Hatte ich vorher völlig vergessen. Und dann, als wir im Lager von Olifants saßen. Viele Jahre später, mit लक्ष्मी, auf der breiten Fensterbank des Havalis in Udaipur, wie, drauf beieinanderliegend, wir nach Krokodilen schauten, über den See, der unten an die Hauswand schwappte. Oder die Serengeti meiner Löwin. Und wie ich Circe ins Taxi setzte, nachts; wie ich mit einer Fee handinhand-halb eine andre Nacht durch Park und strömenden Regen schritt. Wie mein Sohn in meinen Händen zur Welt kam. Ich staune diese Hände an. Wie die Ärztin nach der Zwillingsgeburt die Doppelplazenta ebenso staunend und frappierend liebevoll aufstrich, auf zu mir sah und frage: “Darf ich sie haben? Ich möchte sie meinen Studenten zeigen.”
Wunder, Freundin, über Wunder. Mein Leben war reich.

So fühl ich Tag um Tag, auch wenn es sicherlich etwas anderes wäre, lebte ich in einer Partnerschaft oder sonstwie mit jemandem andres zusammen. Zum Beispiel, daß ich bis gestern vier Tage lang nicht mehr geduscht hatte. Morgens rein in die Arbeitsklamotten, an den Schreibtisch, bis spät in den Abends durchgemacht. Man muß sich ja grad nicht mehr zeigen, darf sich nicht zeigen. Schon sproß enorm der Bart, ich mußte an Tolstoj denken, sah mich dann im Spiegel an, erschrak, stutzte ihn auf Dreitageslänge. Das Antlitz ist dann einfach klarer, markanter. Und bloß die Kleidung endlich wechseln! Was Helles! — Den Anzug rausgesucht, dann unter die Dusche. Auch die Achselhöhlen, die Hoden rasieren. Es kommt nicht darauf an, ob jemand mich sieht, sondern auf eine innere Haltung, der wir Form auch außen geben. Wille zur Klarheit. Und zwar gerade, wenn man allein ist. Ich denke an Lawrence of Arabia, der sich mitten in der Wüste, obwohl da eben keinerlei Wasser, draußen vorm Zelt zum Unverständnis vieler rasierte. Wie man das Wasser so verschwenden könne? Soweit ich mich erinnere, antwortete Peter O’Toole mit einem einzigen Wort: “Kultur.” Meine Güte, seine irrsinnig strahlenden Augen!
Das in jedem Fall bewahren. Was immer auch kommt.

 

Ihr, um 11.59 Uhr,
ANH
der gerne auch hier noch einmal → darauf hinweist.

 

 

P.S.:
Selbstverständlich bin ich nicht allein, alles andere als einsam. Wir kommunizieren ständig. Die Göttin gebe bloß, daß uns das Netz nicht ausfällt. Aber es ist anders, ob wir uns treffen könnten, leiblich, oder nicht können. “Die erste Ferngesellschaft”, → Peter Weibel, ja. Wir werden avatar einander. Der nächste Schritt der → anthropologischen Kehre, den nunmehr Corona erzwingt.

***

[14.30 Uhr:]
Da ich meine Cigarillos brauchte, die Gelegenheit genutzt, fast anderthalb Stunden → à la Nietzsche spazieren zu gehen: Keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung — erst diagonal durch die nach den Beschlüssen von gestern doch erstaunlich belebten Straßen, wobei allerdings die meisten Menschen tatsächlich nur zu zweit flanierten oder mit ihren Hunden Gassi gingen. Nur vor LIDL pulkte sich’s, weil immer nur zehn Personen auf einmal Einlaß finden; so stand’s draußen anplakatiert.
Vorm Aufbruch die autophil höchst zärtliche Idee, vielleicht noch einmal meinen alten russischen Biberpelzmantel zu tragen, der angemessen in diesem, nun jà, Winter wirklich nur zwei Mal gewesen. Und ich hatte recht, es ist ziemlich scharfkalt draußen, unter gleichzeitig ganz enormen Sonnenfluten, durch die ich quasi tauchte. So sehr ist Frühling eben doch und von welch milder, die Augen labender Schönheit alles! Es geht bei den Krokussen los, schäumt in den Forsythien, perlt grün als sich entfaltende Knospen auf.
Da mir nach Okra zumute war, für den Abend, ich dafür einen Asia-Laden finden mußte (was mir nicht gelang, der nächste mir bekannte ist ganz anderswo), schritt ich, nachdem quer durch den Kollwitzkiez spaziert, vom Tabaccaio an die Prenzlauer Allee hoch, dann rechts in die Fröbelstraße, um schräg zum Tählmannpark weiterzugehen und nach dem kleinen Teich, fast einem Weiher nur, zu schauen, der → von Anwohnern versorgt wird, gegen einigen Widerstand des Gartenamts. Schrieb ich nicht schon mal von ihm?
Es hat sich hier eine fast ganz für sich existierende Flora und Fauna entwickelt; sogar freie Schildkröten gibt es im Wasser, die drin auch überwintern. Und was ich sah, ich sog es ein!

Diese Farben, das unversehens hörbare, früher nur nachts nicht vom nahen Verkehrslärm wegkrawallte Rauschen eines kleines Wehres, zwei Elstern elsterten lustvoll herum und ließen sich nicht stören, als ich näherkam, anstelle liebevoll diskret einen anderen Weg mir zu suchen. Ich sah zu ihnen hinauf, sie sahen zu mir herunter. Schon gurrten sie, jedenfalls schnäbelten weiter. Ich kann Ihnen, Freundin, kaum sagen, welch ein Glück ich da empfand.
Es ist auch nicht ganz ohne Witz, daß ich, der so auf die kybernetische Welt setzt, zugleich auf der anderen, der natürlichen Seite empfinde, und mit ihr. Bezeichnend, daß ich schließlich den kleinen Umweg zu dem ziemlich verrotteten Pfad nahm, der direkt an der SBahn entlangführt. Ich wollte mir nämlich zwei Zweige schneiden, um etwas von diesem Frühling in die Arbeitswohnung mitzunehmen, und dies eben dort tun, wo kein Passant sie vermißt — auch nicht etwa blühende Zweige; nein, es genügt mir das sprießende Grün. So stehn sie nun denn auch hier und über-, na gut, “-wölben” nicht grad den Schreibtisch, aber strecken sich doch über ihm aus.

Verstehen Sie, daß ich Dankbarkeit empfinde? Und meinen Eindruck, die Gefährdung schärfe meine Sinne und mache sie weiter?

Schließlich noch frischen Koriander besorgt; ich bereite mir heute ein Dal.

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