Novemberwien, Eins. Des Freitags bis Samstags Arbeitsjournal vom 13. 11. 2021.

[Wiener Schreibplatz Lorbeer, 7.18 Uhr]

Liebste Freundin,
erst einmal muß ich mich entschuldigen, fast bin ich ein wenig zerknirscht. Denn genau einen Tag, bevor vorgestern früh ich die Reise nach Wien antrat – präziser: am späten Nachmittag des Donnerstags – sah es so aus, als hätte ich die Videoarbeit zur zwölften Bamberger Elegie endlich, endlich, endlich fertig. Und entdeckte d o c h noch einen Fehler, leider, der sich am selben Tag nicht mehr hätte beheben lassen; eine Kleinigkeit nur, doch nach all der intensiven ja nun wochenlangen Arbeit an dem, muß ich schreiben, Film hätte sie mich sehr gestört, ich wäre unzufrieden geblieben. Also dachte ich, gut, du kopierst jetzt alles auf die transportable 2TB-Festplatte und löst das Problem am Wiener Schreibtisch, der zwar nur Sekretär, siehe Bild, ist und also nur wenig Arbeitsplatz bietet – aber nicht dies stellte sich nun als Hindernis dar, sondern daß meine mitgeführten Arbeitskopien in Adobes Schnittprogramm einzelne Clips entweder gar nicht oder aber, was noch schlimmer ist, verändert wiedergaben und -geben. Sie gaben mithin wider. S o, daß sich’s sinnvoll in keiner Weise arbeiten läßt und ich also doch meine Rückkehr nach Berlin, in sechs Tagen, abwarten muß. Und Sie müssen’s leider nun gleichfalls. Ein großes Hindernis ist aber auch schon der kleine Laptopbildschirm; für die sehr feinen Schnitte brauche ich wirklich einen großen Screen und am besten zwei Screens, wie ich sie halt auch habe in meiner Berliner Arbeitswohnung.
Insofern ist es gut, daß mir mein Elfenbein-Verleger gestern die eingescannte Digitalversion der “Verwirrung des Gemüts” zugeschickt hat, die, ähnlich dem → New-York-Buch, in deutlich überarbeiteteter Fassung im kommenden Frühjahr neuerscheinen soll – nach in diesem Textfall achtunddreißig Jahren. Ich war, meine Güte, sechsundzwanzig, als ich ihn schrieb! Und die Titelvariante, die ich damals gewählt habe, aber nicht durchsetzen konnte, wird jetzt verwendet werden, nämlich wird das Wort “Gemüt” → in kantschem Sinn mit “th” erscheinen: Gemüth. So nämlich steht es in meiner 19.-Jahrhundert-Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft. Um nun aber gewisse/ungewisse Unzulänglichkeiten meines seinerzeitigen Stils sensibel prüfend auszugleichen, wird → wie dort auch hier Elvira M. Gross alles noch einmal komplett neu lektorieren. Es geht tatsächlich nicht nur um die, in der 1983 erschienenen List-Ausgabe, vielen falschen Konjunktive, die mir damals Armin Ayren in der FAZ um die Ohren schlug – woraus ich dann radikal lernte (mich rächen für seine Vernichtungsattacke tat ich auf andere Weise; lesen Sie einfach die erste Abteilung des → Wolpertingers nochmal) –, sondern auch manch stilistisch Sprachliches dürfte revidiert oder sogar ins Eigentliche herausgeschnitzt werden müssen, ein seinerzeit nur Gewolltes, noch handwerklich nicht erreichbar Gewesenes, das sich aber jetzt mit fast leichter Hand herstellen könnte.
Insofern, wenn meine Videoarbeit nun aussetzen muß, bis ich an den eigenen Schreibtisch zurückbin (einem Bildschirm-Cockpit unterdessen), kann und will ich die Wiener Zeit zu meiner Bearbeitung dieses alten, doch, meine ich, nach wie vor wichtigen Textes nutzen (immerhin ist er der Nucleus des Wolpertingerromans und der Andersweltbücher, begründet die, sagen wir, “Serie”). Die Zeit bis zum Frühjahr ist ohnedies knapp.
Auch damit aber, dieser Überarbeitung, werde ich kaum fertig werden, da ich mit meinem Arco-Verleger über anderweitig gleichfalls anstehenden Projekten sitze (etwa die Herausgabe des großen nachgelassenen autobiografischen Romanes Der blaue Koffer von Gerd-Peter Eigner und einem geplanten Gedichtband Helmut Schulzes (→ Parallalie), für den aus der Menge der Gedichte ausgewählt werden muß; für letztres beides kam ich eigentlich her – und, selbstverständlich, um Elvira M. Gross endlich wiederzutreffen, die ganz wie ich darauf wartet, daß Die Brüste der Béart endlich herausgekommen sein werden, die aber leider von den gegenwärtigen Lieferengpässen, in ihrem Fall des ausgewählten Spezialpapiers, betroffen sind. Doch auch der nötige zweite Fahnengang ist noch nicht getan. Und hier, meine Freundin, werden Sie sich mitgedulden müssen, es tut mir wirklich leid. — Nein, keine Floskel!
Alles in diesen Zeiten der Corona verlangsamt sich, scheint’s. Sogar, vielleicht, die Liebe.

Was mich tatsächlich beschwert allerdings, z u d e m, was meine hiesige Arbeit beschwert, ist, daß ich meine Pfeife nicht rauchen darf; der Tabakgeruch belästigt den Freund zu sehr, bei dem ich untergekommen bin, setzt ihm lähmend zu. Dabei hatte er meine Pfeifen bisher immer unproblematisch gefunden. Mit einem Mal ist es anders. — Für mich war’s wie ein Schock. Spontan (aber ich verschwieg es) wollte ich abreisen, sofort nach Berlin zurückreisen, aber ich muß am kommenden Donnerstag noch nach Frankfurtmain und habe die Fahrscheine schon alle gekauft, sehr preiswert, ja billig, doch deshalb nicht stornierbar; doch zusammengerechnet nicht nur ein riesiger Zeit-, sondern auch Geldverlust eben doch. Also habe ich, was mir gar nicht bekommt, wenn ich sie rauche, wieder Zigaretten gekauft, für die ich mkich nun von Zeit zu Zeit in den Hausflur anm einj geöffnetes Fenster stelle. Es geht auf einen ummauerten Hof hinaus, in dem sich immerhin eine Taubenkolonie eingehend beobachten läßt. Ihr Gurren füllt den siloartigen Raum bis zu den Dächern hinauf.
Wie auch immer, für meine nächsten Wienaufenthalte werde ich mir etwas anderes überlegen müssen. Klar, ich habe noch vorgestern nacht nach AirBnbs in Wien gesucht, für sofort, aber die Preise übersteigen auch da meine Verhältnisse. So grollte ich heimlich dem Freund und weiß doch zugleich, wie unrecht es ist. Auch deshalb schwieg ich, schweige – nicht ohne Schuldgefühl – nach wie vor. Aber na gut, vielleicht finde ich in Wien ein Raucherlokal, wo sich’s am Laptop arbeiten läßt.

Heute mittag nun, oder frühnachmittags, eine Veranstaltung auf der “Buch Wien”, nicht meine eigne, sondern eine, auf der der Freund moderiert. So werd ich diese Messe denn auch einmal sehn und hoffe zudem, dort meinen Septime-Verleger anzutreffen, der auf meine letzten Nachrichten schlichtweg geschwiegen hat, schon seit Wochen, eine Art Nachrichtensperre, die ich schon deshalb nicht begreife, weil er immerhin → eine meiner mit wichtigsten Ausgaben herausgebracht hat. Ich weiß, er hatte sich einen besseren Verkauf vorgestellt, aber das der nicht war, jedenfalls bislang nicht, sondern traurig dümpelt, läßt sich schwerlich m i r anlasten, der ich im Gegenteil immer gewarnt habe, indem ich den Mann wieder und wieder auf meine problematische Stellung im deutschsprachigen Literaturbetrieb hinwies. Und solange der Buchhandel nicht angemessen bestellt, können Leserinnen  und Leser kaum  von mir, also meiner Arbeit, wissen. Niemanden muß das wundern.
Das Problem betrifft auch den New-York-Roman oder könnte ihn betreffen. Auf der Frankfurter Buchmesse war es so, daß geradezu jede und jeder, die und der den Roman durchblätterte, von der Ausstattung derart becirct war, und zwar zu recht, daß man ihn sofort kaufte. Am Ende der Messe war  nicht ein einziges Buch mehr da, selbst der Verleger fuhr ohne ein Exemplar für sich selbst heim, ließ mir Bücher sofort von der Auslieferung schicken, damit ich die numerierten Widmungsexemplare an alle jene auf den Weg bringen konnte, die diese ungewöhnliche Ausgabe maßgeblich mitermöglicht haben; und von dem, was dann bei mir noch blieb, habe ich zehn Exemplare eingepackt und mit hierher gescheppt. – Doch was ich sagen will: Wenn der Roman nicht im Buchhandel liegt und niemand ihn also aufschlagen kann, kann er genauso wenig wie meine anderen Bücher gut verkauft werden; die Menschen wissen ja nichts von ihm. Solange aber ich mich den scheinmoralischen “Gender”-Diktaten nicht beuge, zudem, b l e i b e ich Kritik und Betrieb das schwarzes Tuch und Schaf. Da kann man Wolf sein, wie man will.
Allerdings ist auch das ein Grund zu klagen immer noch nicht. Ich spüre vielmehr in den letzten Monaten deutlich, daß sich etwas ändert und mehr und mehr Leute begreifen, was ich poetisch tue und getan habe. Nur sind solche Prozesse des Umdenkens quasi naturgemäß langwierig zäh, gar eines Umschwenkens dann. Es ist eine Art Evolution, nicht etwa Mutation, und in den Künsten fast wie ein Gesetz. Doch daß ich das heute so sehen kann und imgrunde beruhigt bin, also nicht mehr in schwarze Galle verfalle, habe ich letztlich → Liligeia zu danken. Es klingt absurd, ja bizarr, aber die Krebsin, irgendwie, hat mir gutgetan.

Dennoch, mich erreichen nun vermehrt besorgte Mails, weil es kaum noch Arbeitsjournale gibt; manche Menschen bringen zum Ausdruck, wie sehr sie ihnen, ja, fehlten, und es wird befürchtet, mein Schweigen hänge mit meinem gesundheitlichen Zustand zusammen. Die Wahrheit indes ist anders. Ich bin einfach zu sehr von den Videoarbeiten, besonders → denen zu den Bamberger Elegien, aufgesogen, um noch fürs Plaudern Zeit zu haben. Außerdem, was soll ich Ihnen erzählen? Daß ein Leben ohne Magen auch seine Schwierigkeiten hat? – geringe, wenn Sie bedenken, daß ich noch lebe und zwar gerne, nach wie vor wahnsinnig gerne. Sie nerven dennoch, besonders die Polyneuropathie in den Füßen. Doch drüber zu schreiben, gar, sagen wir, “leidend” – es wäre Blasphemie. Nein, sowas mache ich alleine mit m i r aus. Dazu gehören auch meine Einsamkeiten und das Bewußtsein, daß mir – der  solch einen Wunsch hatte, noch einmal Vater zu werden – die Chemo jede Chance darauf zerstört haben dürfte. Und also ward ausgerechnet ich, der hingegebene, leidenschaftlich wilde Erotomane, an die R ä n d e r des Eros gerückt, von wo aus ich heute,doch jedesmal beglückt, beobachte, wie zweie von der Aphrodite an der Hand, den Händen ihrer Geschlechter, genommen und dorthin geführt werden, wo sie sich in ihnen begibt. Und wenn der Vorhang fällt, zwischen die beiden und mich, die Venus selbst läßt ihn herab, dann muß ich ein jedes Mal lächeln. Als wäre ich es, der nun liebt. So daß auf durchaus magische, jedenfalls so empfundene Weise das Glück der andern meines wird. Es ist egal, ob es mich meint. Es soll nur weitergehen, immer weitergehen, so, wie ein Fluß fließt zwischen unbegradigten Ufern. Das ist es,was ich will.
So also, Freundin, mein seelischer Grundzustand zur Zeit. Er ist voller Dankbarkeit. Denn was die zwei da nun erleben, habe ich selbst so oft erlebt, erleben dürfen, und wenn es nun halt vorbei ist, so war es eben doch und wird so in mir bleiben. Nein, es gilt weiterhin, was ich schon oft gesagt: Ich werd das Leben nicht beklagen.
Also machen auch Sie, liebste Freundin, sich bitte um mich keine Sorgen. Unterm Strich habe ich alles an Leben (und also nämlich Liebe) bekommen, was ich nur wollte, und bin von daher privilegiert, nach wie vor. Dazu muß ich nur einmal meinen Sohn betrachten und zuschaun wie jetzt e r lebt. Das ist für mich ein rasendes Glück. Ich selbst muß es gar mehr sein — und eben deshalb bin ich’s.
Jetzt vielmehr geht’s um ein andres, nämlich irgendwie eine Formklammer um mein Leben, das heißt besonders: meine Arbeit, zu legen, es sozusagen einzurahmen, um Bild zu werden für das, an was ich glaubte und glaube. Dazu braucht es keine Vollständigkeit, es genügt der tätige, also weiterhandelnde Wille. Alle Leben, notwendigerweise, enden fragmentarisch, wenn wir sie als einzelne sehen. Betrachten wir jedoch die Generationenfolgen, dann sind sie, siehe oben, ein unabgerissener, unabreißbarer Fluß, und wenn es gutgeht, dann zwischen, ecco!, unbegradigten Ufern. Darum, denk ich, gilt es zu kämpfen: daß niemand von uns begradigt wird. Nicht Weibchen, nicht Männchen, nicht, was es dazwischen noch alles gibt. Und meinethalben nennen Sie’s “queer”. Ich werd mir nur sagen nicht lassen, was ich (noch) sagen darf und was nicht. Und wenn’s mich n o c h so viel kostet —

Ihr ANH

 

Über erheblich jüngres Gestein ODER Die Geschichten fließen. Jan Kjærstad zur, indes nicht nur, Poetik der Romane.

 

 

 

Die Geschichten fließen voneinander fort und aufeinander zu. Nicht zufällig hat bei der Weiterentwicklung der klassischen literarischen Form xiãoshuō sowie bei der eher erkenntnis-theoretischen gùshi wén der Einfluß gewisser geologischer Formen eine Rolle gespielt. Genau wie die Erde befinden sich auch die großen Erzählungen in langsamer Veränderung, und besonders nach den erschütternden Erfahrungen in Zusammenhang mit Punkt Y war es natürlich, nach narrativen Parallelen in geologischen Prozessen zu suchen. So wurde zu zeigen versucht, wie Geschichten — und insbesondere Familiengeschichten — sich erheben und wieder einbrechen, sich verschieben und kollidieren, gespalten und wieder zusammengeschweißt werden. Auch auf der erzählerischen Ebene können Verwerfungen und Rißbildungen entstehen, auch Berichte können kräftig verformt und gefaltet werden. So, wie wir von Sedimentgestein sprechen, laäßt sich auch von sedimentierten Geschichten sprechen etc. Alles das ist übrigens in Überseinstimmung mit der bereits erwähnten Vorstellung der jiãoshī de mìngyùn zu sehen, einem Verständnis für die Verflechtung von Schicksalen.

… vergleichbar, wie die geologisch beeinflußte Erzähltheorie uns lehrt hat, einer älteren Felsschicht, die sich über erheblich jüngeres Gestein geschoben hat.

Jan Kjærstad, FEMINA ERECTA, 346 & 446
Dtsch. v. Bernhard Strobel

 

 

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Das Arbeits&Journal-vor-der-(Nach)OP — nämlich des Donnerstags, den 12. November 2020. Darin bereits einige Worte vorweg zu Marius Felix Langes Carmen von Bizet sowie zu Kjærstads Femina erecta.

Das habe ich mir gestern nicht nehmen lassen, nach den OP-Vorgesprächen im Sana, nun doch → noch einmal zu laufen, bevor ich nach der OP erneut in eine Warteschleife geschickt sein werde, die der junge Anästhesist ungefähr sechs Wochen dauern lassen würde, wobei die Klinik selbst zwei Monate empfehle, “doch was Sie privat tun, kann Ihnen ja niemand vorschreiben”. Und habe mir nicht nehmen lassen, zum ersten Mal wieder volle zehn Kilometer durchzulaufen, ohne vor den beiden letzten eine Gehrunde einzulegen; ich lief sogar ein wenig mehr, begab mich dann in die Gehrunde und, schon um nicht in der Streckenlänge zurückzufallen, lief noch einmal eine aber nur kleine Runde — was letztres 1,3 Kilometer und auf der runden Laufstrecke dieses Volksparks eigentlich “genau eine Runde” bedeutet . Meine “großen” Runden betragen deshalb ziemlich genau 2 Kilometer, weil ich eine ganze Menge Umwege, Umschlupfungen usw. mitlaufe, manchmal mitten auf eine Wiese um einen bestimmten Baum, dann ein Stück ganz anderen Weges und dieses wieder bis zu meinem eigentlichen Parcours zurück. Auf der Karte, die meine Laufapp stets mitzeichnet, können Sie’s, o Freundin, recht gut erkennen:

Wie auch immer, es war fast gar keine Anstrengung mehr, die Beine liefen wie von selbst, auch wenn meine Barfußlaufschuhe nun schon sehr heruntergerubbt sind, an den Seiten bereits aufreißen und spätestens zum Frühjahr hin ersetzt werden müssen. Leider. Ich hänge an solch treuen Gefährten.

Und nun aber — heute noch ein- und ebenfalls zum vorerst letzten Mal Sling- nämlich Muskeltraining — wieder pausieren mit dem Sport; das ist als OP-Begleitung wohl das eigentliche, sogar einzige Elend; alles andere wird sich auf einer Achtel Arschbacke aussitzen, bzw., im Sana, -liegen. Trotzdem ist’s selbstverständlich blöd. Heiter indes, daß es gestern, als des Krankenhauses Computer abstürzten, offenbar alle zugleich desjenigen Hauses, in dem ich wartend saß … – daß es da also hieß, nun könnten auch erstmal die Arztgespräche nicht geführt werden, denn man müsse sie ja dokumentieren. Woraufhin ich: “Na, dann dokumentieren sie halt erstmal auf Papier und übertragen das dann später in den Computer.” Die verständnislosen Blicke, Freundin, hätten Sie da sehen sollen! Papier? Welch eine Zumutung! So daß ich mir rein instinktiv ersparte, die Bemerkung nachzulegen, es hätte ja sonst vor vierzig Jahren Arztgespräche überhaupt nicht geben können. Doch so heiter blieb ich eben auch und blieben dann beim Laufen meine Beine. Nachdem ich schließlich geduscht hatte, war ich nicht einmal sonderlich erschöpft. Sondern setzte mich an den Entwurf meiner Kritik zu  Marius Felix Langes → famoser Carmen-Bearbeitung, auf die ich Sie → eingehend ja schon hingewiesen habe. Ob ich diese Rezension allerdings vor der OP noch fertig bekommen werde, steht in den Sternen, die wir halt nicht sehen am Tag.

[Arbeitswohnung, 7.55 Uhr
Bizet, Carmen]
Ich habe diese Oper nie gemocht, sie immer für einen Schmock gehalten; in mir zünden auch die angebliche zündenden Melodien nicht, ich empfinde sie als schweren, geradezu folkloristischen Kitsch — und die Aufführung der Pariser Bastille-Oper, in die ich schon gestern abend hineinhörte und die jetzt parallelläuft, bestätigt es mir. Dabei wird immer wieder gesagt, “Carmen” sei die Oper schlechthin. Find’ ich nicht. Doch bei Lange dreht sich alles, das Stück gewinnt an gewaltigem Ausdruck und wird im allerbesten Sinn – modern. Zum ersten Mal begreife ich, was Nietzsche meinte, als er in bewußtem polemischen Irrtum Bizets Stück über Wagner stellte, ja, nun, → einhundertzweiunddreißig Jahre später verhilft Lange dem Philosophen zu endgültigem Recht. Es ist wirklich frappierend. Wenn ich von den zwei großen Schlagern des Stücks absehe, der Habanera und dem Torerogegröhle, die beide “natürlich” dennoch nicht fehlen dürfen, ist jetzt die gesamte Faktur dieser Oper sowohl feinsinniger als auch raffinierter und vor allem – radikal.
Ah, nun schreibe ich doch schon zu dem Stück, muß mich beherrschen, nicht weiterzumachen, denn will ja die Kritik bei Faustkultur sehen, wo sie eine deutlich größere Reichweite haben wird als ihr Die Dschungel geben können.

Also laß ich’s hierbei erstmal bewenden und schließe auch das Arbeitsjournal. Für heute.

Nein, noch nicht ganz. Noch ein Wort zu Kjærstads FEMINA ERECTA, die ich im Krankenhaus sicherlich werde zuendelesen können. Es wird mich auch niemand besuchen, wie ich gestern hörte, und also kann mich keiner dabei stören, und keine.
Ich tu mich immer wieder schwer mit diesem Buch, zum ersten Mal bei diesem von mir doch so bewunderten Romancier. Nur einmal war es ähnlich, aber da lag es an der Übersetzung. Die ist es hier mit Sicherheit nicht. Sondern über weite Strecken wirkt das Buch referiert, nicht erzählt. Liegt es daran, daß Kjærstad ganz offenbar dem Zeitläuften folgen und eben, nach den großen Portraits seiner Männerfiguren, auch eines einer großen Frau schreiben wollte, die ihrerseits dafür kämpft, daß Frauen sich aufrichten (daher “erecta”) im und gegen das Patriarchat? Und nu’ merk ich die Absicht und bin verstimmt, weil der Bewunderte derart arg mit der Bananenseite nach den Affen wirft? Doch des Referierens ist einfach kein Ende, auch schon der Grundkonstruktion wegen, die ich schon anderweitig, da aber noch verheißungsvoll, angedeutet habe. Doch dann ward es richtiggehend elend, “altfränkisch”, wie Delf Schmidt immer sagte — Einschübe wie “haben wir uns dafür entschieden, an dieser Stelle einen Teil ihrer fiktionalisierten Geschichte einzufügen” (186) und “Zu dieser Zeit, möchten wir der Ordnung halber hinzufügen, war das Radio ein sehr beliebtes Medium” (261) sind leider leider Legion. Es geht schon ganz am Anfang, etwa auf der Seite 9, mit der für eine Erzählung extrem ungelenken Wendung “oder anders ausgedrückt” los und setzt sich in so dauernden Nachstellungen fort, daß es irgendwann nur noch nervt: “die sich mit Architektur auskannte zu einer Zeit”. Wieso wird das Prädikat vorgestellt? Auf diese Weise macht man aus möglichen poetischen Sätzen Module, das Satzteil wird zum Baustein, bzw. Container und also, ja, marktwirtschaftlich. Oder geht diesem Romandichter, weil er müde wird, die Gestaltungskraft verloren?
Und doch muß ich weiterlesen, denn immer wieder leuchtet unversehens der mir bekannte Kjærstad durch, gewinnt seine Größe zurück, erzählt dann wirklich — und erwischte mich nun ausgerechnet mit einer Liebeserklärung an den Pop. Mich! Nicht zu fassen. Das ist dann wirklich Kunst. (Daß er die auch von mir sehr geliebte Joni Mitchell zum Pop zählt, lasse ich mal dahingestellt.) – Ein bißchen aus dieser Erzählung habe ich Ihnen, Freundin, bereits gestern abend → zitiert.

Doch nun. Tatsächlich. In den Tag!

ANH

“The Blue Norwegian” ODER Harmonie, Verliebtheit & Inspiration. Jan Kjærstads Blue Bård Berger.

 

 

 

Es kam zu einer Wiederentdeckung komplexer Harmonien und Rhythmen und der ihnen innewohnenden Fähigkeit zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts in einem Reich. Die “Quartalsfestivals” der Gegenwart, bei welchen, von Trommeln begleitet, auf Hunderten in Serie montierten Bronzeglocken gespielt wird, zeigen in aller Deutlichkeit, über welche Macht die Musik verfügt, eine Macht, die mit nichts anderem zu vergleichen ist. Nichts – weder Worte noch Bilder – vermögen unsere Sinne in solchen Tiefen zu erreichen. Schon Bård Berger muß dies zur Genüge demonstriert haben. Nicht so sicher allerdings sind wir uns hinsichtlich der Frage, in welchem Grad seine Harmoniefähigkeit, fast wie ein Zwilling, mit einer anderen Eigenschaft in Verbindung stand: der Fähigkeit, sich Hals über Kopf zu verlieben. Wenn das der Fall gewesen sein sollte, fehlen uns vorläufig Belege, die zeigen könnten, ob diese Eigenschaft auch bei späteren Generationen noch mitgeschwungen ist.
(…)
Bård erkannte, daß die blaue Gemütsverfassung ihm Zugang zu einer Schaffenskraft gewährte, wie er sie nie zuvor erlebt hatte. (…) Es war ein Zustand voller Schmerz, aber auch voll jammernden Wohlbefindens, und irgendwann begann er, den Tag zu fürchten, an dem der Liebeskummer überwunden wäre, er fürchtete, diese innere Flamme zu verlieren, die fast wie eine Droge auf ihn wirkte. “Troubles, troubles, troubles”, sang er und war glücklich.
Jan Kjærstad, FEMINA ERECTA, 322/330
Dtsch. v. Bernhard Strobel

 

 

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Das Erledigungs(2)journal sowie (Nach)krebstagebuch des Dienstags, den 10. November 2020. Mit Benny Profane, dem Pluto Symphny Orchestra und am Abend Langes Carmen von Bizet.

[Arbeitswohnung, 14.22 Uhr
Hans Abrahamsen, → Let me tell you (2013)]

November. Irgendwie mag es den ganzen Tag über nicht hell werden. Dennoch schoß ich um sechs aus dem Bett, denn das da war nun → auch noch, und zwar extrem dringend, zu erledigen:

Und je früher ich im Waschsalon wäre, desto höher die Chance freier Maschinen. — Tatsächlich war, als ich zwanzig Minuten später eintraf, niemand da außer mir. So konnte ich auf die Maske noch verzichten, wie ich’s schon in auf den Latte macchiato in der Arbeitswohnung getan hatte. Ich hatte lediglich einen Espresso gestürzt.
Fünf vollste Ladungen wurden es. Als alle sich drehten, zurückgeradelt, dort das Bett neu bezogen, von gestern abend abgewaschen, kurz in die Post geschaut, Nachricht von diaphanes war da, Elvira und ich sollen uns für die letzten Korrekturen der Béarts soviel Zeit  nehmen, wie wir brauchen, aber der Verleger freue sich auf das fertige Typoskript sehr, — da waren die mir verbliebenen fünfzig Minuten bis zur Waschzeit der jedenfalls 30-Grad-Maschine fast schon vorüber, und also ging’s wieder an die → Danziger/Ecke Eberswalder. Mittlerweile drehten sich vier weitere Maschinentrommeln außer den meinen; da war aber immer noch niemand. Die meisten nutzen die direkten Waschzeiten für anderes, nur wenige warten den gesamten Prozeß vor Ort ab.
Doch nun beginnt der eigentliche Arbeitsteil: die fertigen Maschinen leeren, die Wäsche je in die Trockengeräte umfüllen, darin je an die zwanzig Minuten trockenwerfen, also sehr warm durchblasen lassen, dann herausnehmen und sorgsam Stück für Stück zusammenlegen. Bei den für mich üblichen Wäschemengen bin ich damit gut anderthalb Stunden beschäftigt. Dann alles vorsichtig in den großen Rucksack einlegen, teils auch a bisserl stopfen, nicht immer geht alles hinein, dann musses innen Fahrradkorb, gesondert; wie diesmal eben auch. Und erneut zurück. Dort den Rucksack dann leeren und alles einräumen, was in einer so engen Wohnung wie der meinen auch, ebenfalls wie heute, bedeuten kann, die anderen Stöße zur Neuordnung aus den Regalen nehmen usw. Außerdem war noch der Duschvorhang wieder anzubringen, den ich meistens mitwasche, weil sich im Bad so das Schimmeln verhindern läßt und der Vorhang lange, sehr lange hält. Eigentlich ist er so gar nicht kaputtzukriegen.

Nun war es tatsächlich elf Uhr. Um zwölf wollte ich zum Laufen los, auch wenn mir der permanenten Dämmrigkeit wegen durchaus flau war. Daß ich dann tatsächlich nicht lief, lag nicht nur an der Müdigkeit, die mich deshalb überkam, sondern sie wurde noch sehr viel dunkler, nachdem ich mir die Spritze gesetzt hatte. Als Folge der Magenresektion und also des Krebses wird sie von nun an vierteljährlich zu meinem Alltag gehören. Nix Bedeutendes, “nur” → Vitamin B12 — für dessen körperinterne Aufnahme ein spezielles Eiweiß nötig ist, das beim Menschen  nur in der Magenschleimhaut wirkt. Kein Magen also, ergo kein solches Vitamin, was wiederum die Bildung der roten Blutkörperchen blockiert. Dort → einige der möglichen Folgen.
Mithin muß ich mir dieses Vitamin in regelmäßigen Abständen, laut meinem Onkologen vierteljährlich, künstlich zuführen. Die geradezu leuchtend rote Flüssigkeit wird aus kleinen Glasampullchen je auf eine Spritze gezogen und irgendwo in den Muskel injiziert; ich wähle den Oberschenkel, weil sich da ganz gut eine Delle zusammenpressen läßt, in  die ich die Nadel steche. Was überhaupt kein Problem ist, es tut auch nicht weh. Von dort wird das Vitamin zur Leber transportiert, die es speichert.
So weit, so immer noch sehr gut. Aber dann ging die Müdigkeit erst richtig los, obwohl ich nicht wirklich sagen kann, daß es an der Spritze lag. Es geschah nur so auffallend gleichzeitig. Kurz, ich mußte mich legen. Und schlief ein.
Als ich eine Dreiviertelstunde später aufwachte, wurde mir bewußt, daß ich heute noch überhaupt nichts gegessen hatte. Ich soll aber aufpassen, nicht zu sehr abzunehmen, vor allem jetzt, wo ich solche Kalorienmengen beim Sport verbrenne.
Suppe von gestern abend aufgewärmt, gelöffelt, da ging es mit den Bauchschmerzen los, genau unter dem Bruch wie nun schon die ganze Zeit, seit es zu ihm gekommen ist. Was blieb mir übrig, als mich abermals hinzulegen? Jetzt schlief ich zwar nicht mehr, aber lauschte ruhend dem ziemlich heftigen Gegurgel in meinen Eingeweiden. Irgendwann, wahrscheinlich als es endlich aufgehört hatte, schlief ich doch noch mal ein. Und nun ist es schon nach drei Uhr frühnachmittags, ich spüre bereits den Abend sich senken, mag gar nicht hinausschauen, fröstele auch und lasse das heutige Joggen also bleiben. Es sind auch Briefe zu beantworten, darunter dringende Fragen meines Elfenbeinverlegers zu nötigen Korrekturen im Satz der sehr bald herauskommenden Neuausgabe des WOLPERTINGER-Romans. Und Arco bittet um den Entwurf einer Vorschautextes der Neuausgabe meines New-York-Buchs. Unter anderem möge ich bitte die unterdessen fast historische Lesart herausstellen, da es seinerzeit (1999/2000) noch die Türme des World Trade Centers gegeben habe, auf einem derer eine Szene spielt, aber nicht nur das: Sondern sie geben gleichsam das Maß der Under Manhatten genannten Gegenstadt ab, in der der große utopische Konzert des Pluto Symphony Orchestras stattfindet, eines nur aus Obdachlosen bestehenden Orchesters, die ihre Bleibe in verlassenen Gängen des UBahn-Netzes haben, sehr knapp nur über den → von Krokodilen bewohnten Abwasserkanälen, in denen sie Benny Profane jagt (folgen Sie, Freundin, dem letzten Link, dann können Sie es hören).
Außerdem möchte ich Knelangen antworten, der privat einige Korrekturen zu den Béarts und auch Einwände geschickt hat, die ich aber alle selbstverständlich mit meiner Eckermännin besprechen werde, bevor ich entscheide.

Und aber nun ist es fast schon halb vier. Immerhin habe ich diese Müdigkeit jetzt zumindest im Griff und werde wohl arbeiten tatsächlich etwas können. Im übrigen läse ich gerne in Kjaerstads FEMINA ERECTA weiter.

Ihr ANH

Und ab 19.30 Uhr >>> das:

 

In Marius Felix Langes, coronahalber, Bearbeitung für kleines Ensemble. Insofern eine, nämlich, Uraufführung.
(Ich wäre gern selbst hingefahren, aber mir fehlt derzeit das Geld, in diesem Fall für Bahnfahrt und ggbf. Übenachtung; außerem  sitze ich nicht so gerne zweieinhalb Stunden lang  mit Maske da. Und habe ja morgen vormittag den nächsten Covid19-Test wegen der OP am Freitag, zudem das Gespräch mit dem Anästhesistin.)

ANHs DIE UNHEIL in Zeiten des Corona-PENs
Literarische Texte zur Pandemie from PEN-Zentrum Deutschland on Vimeo

 

Alban Nikolai Herbst from >PEN-Zentrum Deutschland on Vimeo.

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[Siehe auch >>>> dort, da der Beitrag fast allzu dazu paßt.]

Welch geradezu metaphysische Ergänzung der “Fenster von Sainte Chapelle”! Currentzis dirigiert zu ihren Wurzeln Byzantinik.

 

 

 

(2011)

>
Durch die Fenster drangen weder Stimmen noch selbst ein Hupen – von, dachte ich, jenseits der Insel. „Du mußt wieder lernen zu sehen.“
Es war die kleine Algerierin. Wie ist sie hier hineingekommen? Ist wohl aus einem der farbigen Fenster getreten? Ist sie zu mir heruntergeschwebt?
„Ich möchte dich heilen“, sagte sie, „selbst den Teufel kann ich heilen. Er muß es aber wollen.“
Ich sah auf meine linke Hand, die sich unterdessen über einer aus grünen Stoffen gewebten Lichtbahn ausgestreckt hatte. Die unversehens durch den Wolkenvorhang gebrochene Sonne hatte sie schräg herab durch eines der Fenster gleiten lassen. Sekundenlang blieb diese Lichtbahn stehen. Sie ruhte dort, und meine gestreckte Hand, so auf sie gelegt, konnte ebenfalls ruhen. Darüber breitete sich eine zweite Lichtbahn, die selber Hand war, und eine dritte noch, die rot war. „Maria“, dachte ich —
 

 

 

 

 

 

— in der Neufassung (2019):

 

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