Ukraine-Dialoge XIII: Wenn wir’s dann noch schaffen. Elfenbeinverlag | ANH

 

 

Freitag, 25. März 2022, 12.53 Uhr

Elfenbein Verlag
Wie geht es → der Verwirrung?

ANH
Du, ich bin ziemlich verzweifelt, kann an nichts mehr denken und auch über nichts mehr schreiben als den Ukrainekrieg – und biete momentan all meine Kraft auf, um gegen den von jetzt so vielen gerade Künstlern geforderten NATO-Eintritt anzuschreiben, der mit hoher Sicherheit einen atomaren Krieg bedeuten würde oder, um es sehr böse zu sagen: Wenn die Ukraine untergeht, gehen halt wir alle unter.
In meinem Leben habe ich noch nicht solche Angst gehabt, nicht um mich, aber um meine Kinder. Gegen diese Gefahr ist alles, was ich schreibe, überarbeite und versuche von ungeheurer Lächerlichkeit, sinnlos, banal, ein luxuriöser Pups. Wenn ich nicht jeden Tag gegen diesen Kriegsvirus anschriebe, hinge ich in tiefster verstummter Depression.

Elfenbein Verlag
Ich verstehe Dich. Du musst anderes schreiben. Mach das. Ich kann die “Verwirrung” auch in der alten Fassung wiederauflegen. Bin sowieso davon überzeugt, dass man an Altem nicht herumdoktern soll, sondern Neues wagen. Aber bitte denke positiv: Dum spiro, spero.

ANH
Bitte, bitte nicht die alte Fassung! Sie ist teils unerträglich! Ich habe nur noch hundert Seiten vor mir und schon so viel Zeit hineingesteckt, konnte nur nach diesem Kriegsausbruch nicht mehr weiter – mit nichts. Ich kriege es nicht einmal mehr hin, die dringend nötige Coronahilfe-Abrechnung zu machen. Aber auf keinen Fall die alte Fassung! Wenn d i e neu herauskommt, werde ich ein für alle Mal zu schreiben aufhören. Daß sie als alte Fassung im Antiquariat zu kriegen ist, ist in Ordnung, gehört zur Geschichte. Als Neuausgabe aber wäre es ein Armutszeignis, das durch mein gesamtes Werk einen Strich macht.

Elfenbein Verlag
In Ordnung, dann warte ich weiter. Gib Dir einen Ruck, ich mache ja auch alles weiter. Denk an Martin Luther, an den Apfelbaum.

ANH
Ich versuche es heute mit Lexotanil, ein Mittel, daß mir bei schweren Depressionen fast stets geholfen hat. Ich muß es vorsichtig dosieren, da das Suchtpotential extrem ist. Aber pro Woche eine halbe Tablette geht, vor allem, weil sich das, sind die Emotionen erst mal gedämpft und nur noch die kalten Verstandeskräfte da, bei mir immer als ein selbst weitergaloppierendes Phänomen herausgestellt hat. Selbst nach meinem Suizidversuch anfang der Achtziger reichten insgesamt ein oder zwei Tabletten hin, mich in kürzester Zeit wieder auf Reihe zu bringen. Ich habe dann zwar keine Gefühle mehr, aber kann strikt vor mich hinarbeiten.

Elfenbein Verlag
Es tut mir alles sehr leid, lieber Alban. Denk an Deine Kinder. Sie brauchen Dich. Mit Optimismus. Das ist auch Teil unserer Vaterrolle. Und unter uns: Es wird keinen Atomkrieg geben. Vorher werden sich die Russen schon von Putin befreien.

ANH
Doch. Es wird ihn geben bei Intervention. 1) Hat Putin bisher alles getan, was er angekündigt hat, 2) Sprach Lawrow heute davon, der Westen habe Rußland den “totalen Krieg” erklärt, 3) hat Putin bereits 2018 vor einem Presseclub die eigene Märtyrerbereitschaft bekundet, und zwar 4) immer und immer wieder mit Bezug auf die Offenbarung des Johannes. Wer da in den Krieg reingeht und, wie mein PEN-Präsident tat, sagt: Putin werde es schon nicht tun, geht ein Risiko ein, das nur noch verbrecherisch genannt werden kann.
Meine Kinder: Mit लक्ष्मी und meinem Sohn habe ich abgesprochen, daß sie so schnell wie möglich ihre Reisepässe gültg bereitliegen haben müssen und möglichst auch schon ein 3-Monats-Visum in ein Land ihrer Wahl. Bei लक्ष्मी und den Zwillingen wird es Indien, nämlich Agra, sein, wo ihre Tante am College lehrt, oder Kolumbien, wo ihre beste Freundin lebt; bei Adrian wahrscheinlich ebenfalls Südamerika. Wo er hingeht, werde auch ich dann hingehen. Wenn wir’s dann noch schaffen.

Sergej Lawrow und der – angeblich des Westens – Totale Krieg. Sowie zur nicht nur militärischen Technik des Desinformierens.

Wenn es denn stimmt, was → seitens der USA vertreten wurde, bzw. wird – daß nämlich Putins Vorwurf, die Ukraine experimentiere oder habe experimentiert mit biologischen Vernichtungswaffen, darauf deute, daß er selbst die Absicht habe, solche einzusetzen, dann ist → die neueste Äußerung Lawrows eine ungeheure nächste Drohung, die einen atomaren Krieg, sollte die NATO intervenieren, erst recht wahrscheinlich werden läßt:

 

 

 

 

ZEIT online Ukrainekrieg Liveblog

Nun wird eine NATO-Intervention noch riskanter, als sie ohnehin schon gewesen wäre; weltpolitisch betrachtet, wäre sie auf verbrecherische Weise verantwortungslos. Noch zwar wird sie abgelehnt, weiterhin, doch der moralische Öffentliche Druck nimmt zu, und vor allem kann nach außen hin vertreten werden, was nur will — was tatsächlich längst schon vorbereitet liegt, wissen wir nicht. Die Propaganda- und Desinformationsmaschinerie läuft wahrscheinlicherweise nicht nur in Rußland, dort zwar besonders rigide, sondern Desinformation, → worauf vor Jahren schon Watzlawick hinwies, ist eine Grundtechnik jeglichen Geheimdienstes, mithin auch des unseren sowie – aus nachvollziehbaren taktischen Gründen – des Militärs. Putin wird alles, was im Westen öffentlich geäußert wird, mitlesen und auswerten lassen. Wir wiederum können nicht entscheiden, welche der uns zugänglichen Informationen aus Rußland nicht hier vor Ort gefiltert sind. Was wir können, ist, aus verschieden lautenden Nachrichten und Kommentaren Ergebnisse sozusagen interpolieren, die immer noch spekulativ sind.
Das einzige Argument, das risikosachlich für eine Intervention spricht, ist eine Annahme: – daß der Krieg mit Rußland “sowieso” käme. Dies läßt sich auch ein Glaube nennen, der für manche Interessen vielleicht sogar eine Hoffnung ist. Denen aber sind Menschenleben egal, sowohl für die Ukraine als auch für die übrige Welt. Irgendwo wird ein Plätzchen schon bleiben, wo der Champagner sich weiterhin entkorken läßt. Die Kisten dort hin sind vielleicht schon gebracht.

Kriegskrank nun auch ich, eher aber trifft “gelähmt”. Das Weiterhinnichtarbeitenkönnenjournal des Dienstags, den 22. März 2022. Fast nur noch Ukraine.

[Arbeitswohnung, 9.25 Uhr
Kinderrufen vom Pausenhof. Sonne.]

Daß mir ein Frühlingsanfang, noch dazu ein solcher, einmal keine Freude oder nur so geringe würde bereiten, hätte ich niemals geglaubt. Im Thälmannpark, jetzt schon, sind die Kirschblüten aufgesprungen, die von Mord nichts wissen, schon gar nicht vom Morden in der Ukraine, an das zu denken ich nicht wegkomme, so daß ich über nichts anderes mehr schreiben kann, will ich nicht komplett erlahmen.
Es sind Arbeiten dringend zuende zu stellen, es gibt Fristen, nicht nur solche, die mich selbst betreffen; Elfenbein kündigt die Neuerscheinung der Verwirrung des Gemüts jetzt mit Mai an, und ich sehe auch da nicht, wie das einzuhalten ist; für Arco ist das Nachwort zu Gerd-Peter Eigners nachgelassenem, nun endlich erscheinendem Der blaue Koffer zu verfassen, ich schaffe täglich, wenn überhaupt, dreivier Sätze und mehr nur, wenn ich ein Zitat einkopiere. Eine Coronahilfe von vor anderthalb Jahren ist abzurechnen, auch das krieg ich nicht hin, um von der Wiederaufnahme der → Videoserie zu schweigen. Fast alles, was mit meiner und überhaupt Literatur zu tun hat, kommt mir banal, luxuriös, unsinnig und manchmal sogar zynisch vor, sinnlos in jedem Fall. Ich höre nicht einmal mehr, oder kaum noch, Musik, bin vorgestern sogar der → Verdipremiere ferngeblieben, obwohl ich eine Pressekarte hatte. Jetzt werde ich einen Entschuldigungsbrief schreiben müssen, was ich schon gestern tun wollte und ebenfalls so wenig zuwege bekam wie den Brief → an Andreas. Nämlich gar nicht. Das einzige, was ich noch vermag, ist, dauernd die neusten Nachrichten zu lesen und gegen den Kriegseintritt der NATO anzuschreiben, also den unsern. Ich träume davon schon, sah heute nacht zum letzten Mal meinen Sohn, die Zwillinge, लक्ष्मी. Es tat einen ungeheuren Knall, dessen Wirkung so groß war, daß ich nicht einmal erwachte. Erinnre mich erst jetzt. Ich trug Gefechtsuniform, also Tarndress. Aber selbst da noch Krawatte. Dann warn wir tot.
Nein, ich habe davor keine Angst, nicht um mich selbst. Ich hab eh ein zweites Leben, nach dem Krebs, der, so gut die Werte auch sind, womöglich besiegt noch nicht ist. Auch darauf kommt es nicht an. Was mir Sorge bereitet, ist das Leben meiner Liebsten, das ich nicht geopfert sehen will. Ich will meine Kinder nicht leiden sehen, Punkt. Dabei kann ich mir gut – also schlecht – vorstellen, daß ich, ging’ es nur um mich, ebenfalls nach dem Kriegseintritt rufen würde, um das Gemetzel zu stoppen, jedenfalls das Gefühl zu haben, es zu tun oder zu versuchen doch. Auch wenn ich wüßte, daß Krieg auf Krieg keine Antwort ist, sondern ihn perpetuiert. Was wir Menschen immer wieder sehen. Manchmal bleiben uns einige Jahrzehnte, in denen er ruht, um sich gegen den Frieden zu wappnen. Dann wacht er, und bedrohlicher noch, waffenstarrend wieder auf.

Die → Dämonisierung des Gegners → schreitet voran[1]Lawrow einen “Aristokraten der Apokalypse” zu nennen, ist, mit intellektuell feiner Feder, genau das. Der hier unter dem Pseudonym “Severyn Korab” schreibende ukrainische … Continue reading, selbst Biden warnt nun, in diesem Zusammenhang nachvollziehbarerweise und so wahrscheinlich auch nötig, mit “einer starken Reaktion der NATO”. Die Spirale dreht sich und dreht sich, schraubt sich und schraubt sich hinauf. Was ich völlig vergaß – daß vor der letzten Eskalationsstufe noch, der der atomaren Schläge, die biologischen Massenvernichtungswaffen stehen, die abermals an → thanatische Ursachen denken lassen, denn von solchen Mitteln des Krieges bliebe Rußland-selbst nicht verschont und Belarus schon gar nicht. Thanatos als Messias, doch nicht einmal der, der er, mit Hypnos verbunden, s a n f t das ewige Zuende gibt – sondern die

Keren in dunkler Gestalt, mit weißen Zähnen erklirrend,
Grass, und düsteres Auges, und blutbesprengt, und unnahbar,
Hatten um Fallende Zank: denn jegliche wollte begierig
Trinken das schwarze Blut; und erhaschte sie einen gestreckten,
Oder an frischer Wund’ hinfallenden, schleunig um diesen
Schlug sie die mächtigen Klaun; und es fuhr die Seele zu Aïs,
Tief in des Tartaros Schauer hinab: war ihnen das Herz nun
Satt des Menschenblutes, zurück dann warfen sie jenen,
Wandten sich um, und durchstürmten der Feldschlacht Lärm und Getümmel.[2]Hesiod, Der Schild des Herakles, 234-253; Übersetzung von Johann Heinrich Voß

Lesen Sie nur, o Freundin, diese Conclusio des Pulitzer-Preisträgers Chris Hedges[3]Auch ihn habe ich recherchiert, um nicht möglicherweise einem Verschwörungs”theoretiker” aufzusitzen; genauer noch ist → die englische Wikipedia: → Waltzing to Armageddon[4]Daß Hedges derselbe Begriff in den Sinn kam wie Der Dschungel → dort, belegt eine sehr ähnliche Perspektive auf die Endgültigkeit, nämlich Irreversibilität, dessen, was uns bei unserm Eintritt … Continue reading; soeben schickte mir Schelmen-
zunft
den Link:

(…) Germany, for the first time since World War II, is massively rearming. It has lifted its ban on exporting weapons. Its new military budget is twice the amount of the old budget, with promises to raise the budget to more than 2 percent of GDP, which would move its military from the seventh largest in the world to the third, behind China and the United States. (...) NATO battlegroups are being doubled in size in the Baltic states to more than 6,000 troops. Battlegroups will be sent to Romania and Slovakia. Washington will double the number of U.S. troops stationed in Poland to 9,000. Sweden and Finland are considering dropping their neutral status to integrate with NATO.
This is a recipe for global war. History, as well as all the conflicts I covered as a war correspondent, have demonstrated that when military posturing begins, it often takes little to set the funeral pyre alight. One mistake. One overreach. One military gamble too many. One too many provocations. One act of desperation. (…)
The Dr. Strangeloves, like zombies rising from the mass graves they created around the globe, are once again stoking new campaigns of industrial mass slaughter. No diplomacy. No attempt to address the legitimate grievances of our adversaries. No check on rampant militarism. No capacity to see the world from another perspective. No ability to comprehend reality outside the confines of the binary rubric of good and evil. No understanding of the debacles they orchestrated for decades. No capacity for pity or remorse.[5]Deutschland rüstet zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder massiv auf. Es hat sein Verbot, Waffen zu exportieren, aufgehoben. Der neue Militärhaushalt ist doppelt so hoch wie der alte, und … Continue reading

Und aber hier rufen jetzt schon so v i e  l e: “Mitmachen! Mitmachen!” Und berufen sich, mehr oder minder direkt, auf die militärische – und aber eben in einem Weltkrieg – Befreiung von der Hitlermonstrosität. Also denken sie den Weltkrieg schon mit, nähmen ihn zumindest inkauf, um von der atomaren Bedrohung ganz zu schweigen. — Nein, ich stehe nicht, und stand da noch nie, auf Seiten Putins. Ich rufe weiterhin: “Миру Україні!” Und wünsche mir Putins, Lawrows und all der andern Verbrecher Ende. Nur arbeiten, arbeiten kann ich nicht. Nicht anders jedenfalls, als gegen diese Bedrohung anzuschreiben und mich ihr täglich, stündlich, minütlich zu stellen. So gesehen, bin kriegskrank nun auch ich, anders aber → als jene.

Entspannung, ein bißchen, geben mir die wenigen Treffen mit लक्ष्मी, meinem Sohn und der Familie, mit den Freunden; dann komme ich momentlang aus der Schwärze heraus, manchmal etwas länger. Und kann dann sogar lachen. Die Schwärze aber frißt mich auf, frißt meine poetische Leidenschaft auf, wahrscheinlich auch meine Fähigkeiten oder, becheidner, mein Talent. Denn sie schließt mich von aller Begeisterung aus. (Gegenüber den Leiden der bombardierten Menschen ist das ein Pups, das ist mir wohl bewußt.)

Ihr ANH
11.50 Uhr. Der Amselhahn singt.

References

References
1 Lawrow einen “Aristokraten der Apokalypse” zu nennen, ist, mit intellektuell feiner Feder, genau das. Der hier unter dem Pseudonym “Severyn Korab” schreibende ukrainische Autor – oder die Autorin – typisiert, und zwar säkularmythisch. Es entsteht die Figur eines sozusagen technokratischen Vampirs, nicht eines Menschen.
2 Hesiod, Der Schild des Herakles, 234-253; Übersetzung von Johann Heinrich Voß
3 Auch ihn habe ich recherchiert, um nicht möglicherweise einem Verschwörungs”theoretiker” aufzusitzen; genauer noch ist → die englische Wikipedia
4 Daß Hedges derselbe Begriff in den Sinn kam wie Der Dschungel → dort, belegt eine sehr ähnliche Perspektive auf die Endgültigkeit, nämlich Irreversibilität, dessen, was uns bei unserm Eintritt in der Krieg bevorzustehen droht: daß der noch begrenzte Schrecken zu einem in jedem Sinn unbegrenzten würde.
5 Deutschland rüstet zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder massiv auf. Es hat sein Verbot, Waffen zu exportieren, aufgehoben. Der neue Militärhaushalt ist doppelt so hoch wie der alte, und es wurde versprochen, den Etat auf mehr als 2 Prozent des BIP zu erhöhen, was das Militär von der siebtgrößten in der Welt auf die drittgrößte Position hinter China und den Vereinigten Staaten bringen würde. (…) Die Größe der NATO-Kampftruppen in den baltischen Staaten wird auf mehr als 6.000 Mann verdoppelt. Gefechtsverbände werden nach Rumänien und in die Slowakei entsandt. Washington wird die Zahl der in Polen stationierten US-Truppen auf 9.000 verdoppeln. Schweden und Finnland erwägen, ihren neutralen Status aufzugeben und sich in die NATO zu integrieren.
Dies ist ein Rezept für einen globalen Krieg. Die Geschichte und alle Konflikte, über die ich als Kriegsberichterstatter berichtet habe, haben gezeigt, dass es oft nicht viel braucht, um den Scheiterhaufen in Brand zu setzen, wenn das militärische Getue beginnt. Ein Fehler. Eine Übertreibung. Ein militärisches Wagnis zu viel. Eine Provokation zu viel. Ein Akt der Verzweiflung. (Übersetzung: deepl)
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