| Der Sommer auf Ardis ODER Dein Afrika hinauf |
Nabokov lesen, 39: Ada oder Das Verlangen, 1
Teil I, Kapitel 1 – 26

 

 

“Wir waren schändlich verdorben, nicht wahr?” [die erwachsene Ada, ANH]
“Alle klugen Kinder sind verdorben.” [der erwachsene Van, ANH]
Ada oder Das Verlangen, S. 142
(Dtsch v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

Sie betrachtete ihn. Ein feuriges Tröpfchen im Winkel ihres Mundes betrachtete ihn. Ein dreifarbiges, samtenes Veilchen, das sie am Abend aquarelliert hatte, betrachtete ihn aus einer kannelierten Kristallvase. Sie sagte nichts. Sie leckte an ihren gespreizten Fingern, noch immer ihn ansehend.
Van, da er keine Antwort erhielt, verließ den Balkon. Sanft zerbröckelte ihr Turm in der süßen, schweigenden Sonne.
Ada, 99

 

Was wir, geliebte Frau, zuerst verstehen sollten und es – sofern wir uns eingelassen haben – spätestens auf der Seite 77 verstehen auch werden, geht aus folgender, dort so kurzen Klammerbemerkung hervor, daß sie durchaus überlesen werden kann:

Mit zehn oder früher hatte das Kind – genau wie Van – Les Malheurs de Swann gelesen (…)
Ada, S. 99

Mit zehn, Proust! Und mehr noch: als kleine Russin auf Französisch … Sofort, wer sich da nicht wehrt, hat das Bild eines besonderen – begnadeten nämlich – Kindes vor Augen. Begnadet von Herkunft und Erziehung, was für Ivan Veen, Adas sofortig-innigstem Freund, ebenso gilt wie für beider (ich meine die Landschaft, die sie umgibt) märchenhaft heilem Daheim. Was alles Folgende, grad auch das Erotische, zutiefst bestimmt und glaubhaft macht.

Wir befinden uns jetzt auf einer Weideninsel mitten im ruhigsten Flußarm des blauen Lador, feuchte Felder auf der einen Seite und auf den anderen eine Ansicht von Bryants Château, fern und romantisch schwarz auf seinem Eichen-Hügel (…)
Ada, 260

So denn auch Ardis Hall selbst,

ein prächtiges Landhaus, drei Stockwerke hoch, gebaut aus fahlen Ziegeln und violetisch schimmernden Steinen, deren Farbschattierungen und Substanz sich bei bestimmten Beleuchtungen auszutauschen schienen. Der Vielzahl, Fülle und Lebhaftigkeit großer Bäume zum Trotz, die längst die zwei ausgerichteten Reihen stilisierter Schößlinge ersetzt hatten, (lag) das Herrenhaus (…) auf einer Erhebung (…)
Ada, 53

Wer Nabokovs bisherige Bücher kennt, die ich in dieser Reihe besprach, wird sofort spüren, was der Autor hier schildert, daß er seine eigene Kindheitslandschaft, die verlorne und lebenslang vermißte, schildert, doch sie uns nun zur Gegenwart macht: zu einer gewesenen Zukunft. Und wir begreifen unmittelbar, weshalb er dafür eine Gegenwelt schafft, bezeichnenderweise Anti-Terra genannt, worin zwar die Geographien mit unserem Heimatplaneten identisch sind, nicht aber ist es — um Zukunft zu sein, kann sie’s nicht sein — ihre politische Wirklichkeit (Nationalgrenzen verlaufen dort völlig anders, und die imperialen Gewalten liegen in anderen Händen). Ebenso die Technologien; auch sie stimmen nicht überein. Alleine dafür, dieses klarzumachen, dienen die ersten beiden Kapitel, die deshalb so komplex sind und für verwirrend gelten, weil es dem Dichter tief mißhagt, den Sachverhalt pur zu referieren, also die Gebote eleganten Erzählens zu mißachten. Weshalb er einsteigt, als wüßten wir alles bereits. Denn ihm – Ivan Veen, der als alter Mann seine Erinnerungen schreibt – ist seit Kindheit ja alles bekannt, und seiner ersten Leserin, der geliebte Ada, nicht anders. Da hilft uns der dem Buch vorangestellte Stammbaum erst einmal wenig:

Wir werden später dazu übergehen, ihn zu “dechiffrieren”; ein einundsiebziger Mann, der mit seiner fünfundzwanzigjährigen Frau zwei Kinder zeugt, die quasi Ahnen aller jetzt lebenden Hauptpersonen des Romans sind, ist auch als Fürst nicht common sense. Wichtig ist erst einmal nur zu verstehen, daß Ada und Van, die von mir in der Abbildung türkis markierten Helden der Geschichte, miteinander verwandt sind — dem Stammbaum nach Cousine und Cousin, nämlich die Kinder des Zwillingspärchens Aqua und Marina. Die Wahrheit allerdings finden diese Kinder selber heraus; sie wird ihr Leben ebenso überschatten, wie es ihre Leidenschaft bis zum Tod hell befeuert – keinem schnellen, einem späten. Van ist in den Neunzigern, als seine nur zwei Jahe jüngere Geliebte das Manuskript liest (und gelegentlich kommentiert), das unterdessen wir vor uns als Buch liegen haben.
Nein, wir müssen uns nicht kirremachen lassen. Sehen Sie es, Freundin so: Wenn wir zum ersten Mal ein fremdes Land betreten, ja noch über Monate, wofern wir so viel Zeit dort verbringen, kennen wir auch nicht den andren kulturellen Code. Sondern erfassen ihn allmählich. Nicht anders in diesem Buch. Indem wir indessen erlernen, statt schon immer gleich zu wissen, werden wir sehr reich. Um uns zumindest geographisch zurechtzufinden, genügt die folgende Karte vollauf:

(©: Dieter E. Zimmer)

Wir sind also, nach unsrer Welt, im westlichsten Kanada, oberhalb des Staates (“unseres”) New York — ganz nahe nämlich dort, wo James Fenimore Coopers erste LEDERSTRUMPF-Erzählung spielt, eines andren großen Buches. Wäre das Land nicht derart kultiviert, wir spürten noch Nat Bumppos Atem — ja, selbst der See ist noch da, auf dem Tom Hutters, des Pelzjägers, und seiner beiden Töchter, Judiths und Hettys, Holzhütte schwamm.  Das liegt allerdings an die einhundertfünfzig Jahre zurück.

Zeichnung: Zdnek Burian

Und wir sind nicht weit von Alaska entfernt, auf der anderen Seite nur, das von Rußland an die USA erst 1867 verkauft worden ist — ein für Nabokovs Konstruktion entscheidender Umstand: bloß siebzehn Jahre, bevor Van zum ersten Mal nach Ardis kommt. Seelisch ist Rußland also ganz nah, was es dem Dichter eben erlaubt, Ardis nahezu ganz mit der eigenen Kindheit zu füllen. Daß er das dortige Klima subtropisch sein läßt, geht poetisch mit dem Thema des Romans, der erotischen Liebe, zusammen, die immer geistig auch sein muß, sonst wär sie nicht erotisch, sondern nichts als grob sexuell. Außerdem liegt Ardis ein bißchen nördlich Bostons auf dem, was wir schnell vergessen, Breitengrad von Rom. Schon verstehen wir Nabokovs geographische Wahl, zudem er selbst viele Jahre in ungefähr einer ähnlichen Gegend verbracht hat, etwa in Wellesley — sehr weit weg vom westlichen, bei Nabokov (russisch-)französischen Kanada nicht.
Doch muß uns selbst das noch nicht scheren. Es zeigt nur, wie komprimiert die vierundddreißig Seiten der ersten drei Kapitel sind, die wir Peter Urban zufolge → “besser auslassen” sollen.

(Nur noch nebenbei bemerkt, war die französische Sprache im späten zaristischen Rußland ein Abgrenzungsmerkmal der Oberschicht. In Ada kann Nabokov sie und sein Russisch mit dem Englischen vereinen, in dem das Buch geschrieben ist — in Europa, übrigens, wieder, nämlich in Montreux und also der Französischen Schweiz.)

Ivan “Van” Veen ist also vierzehn, als er in Ardis den Sommer verbringt und Ada, die vermeintliche Cousine, die zwölf ist, kennenlernt. Dabei ist es kein Zufall, daß er, nachdem er

mit seinen zwei Koffern (…) in den sonnigen Frieden des kleinen, ländlichen Bahnhofs
Ada, 53

ausgestiegen war,

von wo eine gewundene Straße hinauführte nach Ardis Hall,
Ada, 51,

die “zufällige Gelegenheit eines Transportmittels” wählt, denn Automobile gibt’ schon sehr wohl,

das ihm ein zufälliger Knick im Gewebe der Zeit zur Verfügung gestellt hatte,
Ada, 53,

nämlich eine Kalesche. Und nachdem er in ihr angekommen ist und erstmal, auf Vorschlag des Butlers, eine tour du jardin unternommen hat, auf der er irrtümlich die noch ganz kleine Cousine für die etwas ältere hält, fährt nahe der Terasse eine Viktoria vor:

Eine Dame, die Vans Mutter ähnelte, und ein dunkelhaariges Mädchen von elf oder zwölf, vorweg ein herabfließender Dackel, stiegen aus. Ada hielt einen unordentlichen Strauß wilder Blumen. Sie trug einen weißen Rock mit einer schwarzen Jacke, und in ihrem langen Haar war eine Schleife. Er sah diese Kleidung nie wieder an ihr, und wenn er sie bei rückblickender Betrachtung erwähnte, beharrte Ada darauf, daß er geträumt haben mußte, sie hatte nie so etwas besessen, konnte niemals an einem so heißen Tag einen dunklen Blazer getragen haben, aber er hielt an seinem allerersten Blick von ihr bis zum Schluß fest.
Ada, 55

Also bis er in den Neunzigern war, mithin um 1960, als Nabokov diesen Roman zu scheiben begann. Es ist dies eine wichtige Bestimmung. Und nur drei Seiten weiter fangen Schlüsselsätze an, die das gesamte Zentrum der Erzählung umspannen:

“Du kannst den ‘See’ vom Bibliothekszimmer sehen,” sagte Marina [Adas Mutter, ANH]. Ada wird dir jetzt alle Räume des Hauses zeigen. Ada?” (Sie sprach es auf die russische Weise aus, so daß es fast wie “Ardor” klang.
Ada, 57/58

“Ardor” ist Englisch für “Glut”, “Leidenschaft” (so daß ich am deutschen Mittitel DAS VERLANGEN durchaus bißchen Zweifel habe — ein D’Annunzios IL PIACERE nicht unähnliches, als Übersetzung, Benennungsproblem).
Ein wenig später wird das Motiv noch verstärkt, und zwar überaus typisch für die schwindelerregend gebildeten Dialoge der beiden Fastnoch- und doch Schonlangenichtmehr-Kinder:

“Unsere Leselisten stimmen nicht überein”, erwiderte Ada. “Jenes Palace in Wonderland gehörte für mich zu der Art Buch, von der jedermann so oft behauptete, ich würde [es] innig lieben, daß ich eine unüberwindbare Abneigung dagegen entwickelte. Hast du irgendeine von Mlle Larivières [ihrer Gouvernante, ANH] Erzählungen gelesen? Nun, du wirst es noch müssen. Sie glaubt, daß sie in irgendeinem früheren Hindu-Stadium ein ‘Boulevardier’ in Paris war, und schreibt entsprechend. Wir können uns von hier aus durch einen Geheimgang in die Eingangshalle winden, aber ich glaube, wir sollten uns noch die grande chêne ansehen, die in Wahrheit eine Ulme ist.” Mochte er Ulmen? Kannte er das Gedicht von Joyce über die beiden Wäscherinnen?
Ada, 74.

Die Zwölfjährige spricht hier von FINNEGAN’S WAKE!

Er kannte es tatsächlich. Mochte er es? Ja. In der Tat begann er arbors und ardors und Adas sehr gern zu mögen. Sie reimten sich. Sollte er’s erwähnen?
Ada, ebda.

“Arbors” sind Lauben, aber auch Wellen. Doch zur vorigen Stelle nochmal zurück, die fast schon alles verrät — noch bevor es die “Kinder” ganz selber entdecken:

“Warum müssen Treppenstufen nur so entsetzlich knarren, wenn zwei Kinder hinaufsteigen”, dachte sie [also Marina: Adas “High-Society”-Mutter, ANH], während sie zum Geländer emporblickte, auf dem sich zwei linke Hände mit verblüffend gleichen Griffen und Zügen fortbewegten, wie zwei Geschwister bei ihrer ersten Tanzstunde.
Ada, 58.

Wie sie wirklich mieinander verwandt sind, entdecken die zwei auf Ardis Hall‘s Dachstuhl:

Der Boden. Dies ist der Boden. Willkommen auf dem Boden. Er beherbergte eine große Anzahl von Truhen und Kartons und zwei braune Couches, eine über der anderen wie kopulierende Käfer, und Mengen von Bildern, die mit den Gesichtern zur Wand in Ecken und auf Borten standen wie gedemütigte Kinder. (…) Dank einer Mischung sich überlappender Stile und Ziegel (…), als auch eines gewissermaßen zufälligen Kontinuums von Ausbesserungen, bot das Dach von Schloß Ardis ein unbescheibliches Gewirr von Winkeln und Flächen, von blech-grünen und blatt-grauen Oberflächen, von ausblickenden Firsten und windgeschüzten Ecken.
Ada, 64

Dort nun finden sie — übrigens gleich in Kapitel 1, das wir ja Kritikern zuliebe “auslassen” müssen (sei milde mit ihnen, oh Göttin!) —

in einem anderen Karton in einer tieferen Schicht der Vergangenheit: ein kleines grünes Album mit säuberlich eingeklebten Blumen, die Marina [Adas Mutter, ANH] in Ex, einem Gebirgskurort (…), wo sie vor ihrer Ehe in einem gemieteten Chalet weilte, selber gepflückt oder sonstwie erworben hatte. (…) Diese einleitenden Seiten enthielten weder botanisch noch psychologisch Interessantes (…); aber der mittlere Teil (…) erwies sich als regelrechtes kleines Monodram,
Ada, 18

aus dem die beiden Kinder, längst schon, vorsichtig gesagt, “innig” miteinander, treffend erschließen (und denken Sie jetzt wieder an den von Nabokov gern angespielten Sherlock Holmes):

“Ich deduziere,” sagte der Knabe, “vor allem drei Tatsachen: daß die noch nicht verheiratete Marina und ihre verheiratete Schwester [nämlich seine, vorgebliche, Mutter, ANH] an meinem lieu de naissance überwinterten (…) und daß die Orchideen von Demon [seinem Vater, ANH] kamen, der es vorzog, an der See, seiner dunkelblauen Urgroßmutter zu bleiben.”
“Ich kann hinzufügen,” sagte das Mädchen, “daß das Blütenblatt zu der gemeinen Schmetterlingsorchidee gehört; daß meine Mutter noch verrückter als ihre Schwester war; und daß die Papierblume, die so beiläufig bezeichnet worden war, eine durchaus erkennbare Nachahmung der Frühjahrs-Sanikel ist, die ich im verganenen Frühjahr an Kaliformiens Küsten sah. (…)
(…)
“Gut gemacht, Pompeianella (die du aus den Bilderbüchern von Onkel Dan [Adas vermeintlichem Vater, ANH] kennst, wie sie ihre Blumen ausstreut, aber die ich im letzten Sommer in einem neapolitanischen Museum bewunderte). Nun sollten wir aber doch unsere Hemdchen und Höschen wieder anlegen und hinuntergehen und dieses Album sogleich vergraben oder verbrennen, Mädchen. Stimmt’s?”
Ada, 19/20

Zweierlei zeigt, wie raffiniert Nabokovs Konstruktion ist. Zum einen: Um diese zwei Stellen wiederzufinden, brauchte ich, obwohl ich sie angestrichen hatte, lange. Denn ich wähnte sie viel, viel weiter hinten. Sie hatten sich meinem Gedächtnis also chronologisch eingeschrieben, komplett anders, als sie im Buch stehn. Zum zweiten hat Nabokov schon hier den, so würden dumme Erwachsene sagen, “frühreifen” Charakter seiner Liebeskinder vorgeführt, die auf den eigentlichen Skandal, der sie vielleicht erschüttern hätte müssen, komplett pragmatisch reagieren. Wir lieben uns und lassen es uns nicht zerstören, auch von keiner Moral. Besser deshalb, wir vernichten den Beweis — daß sie Geschwister sind.
Übrigens wird auch schon ganz zu Anfang erzählt, in höchster Dezenz nebenbei, wie und weshalb Marinas Erstgeborene der Zwillingsschwester Aqua (daß beide zusammen einen Aquamarin ergeben, ist eine poetenhimmlische Zutat) unterschoben wurde, die am selben Tage niederkam, doch mit einer Fehlgeburt. Was die psychisch da schon schwerkranke Frau nicht ertragen hätte. – Daß sie fortan immer mal wieder von Zweifeln geplagt wird, ob Van ihr Sohn tatsächlich sei, sei nur am Rand erzählt – ebenso, wie tief Nabokovs Erzählraffinesse im Erdreich der Geschichte wurzelt: “Pompeianella” (weibliches Pompeji’chen) bezieht sich auf Pompejis Untergang 79 a.C. durch den Vesuvausbruch, der zur Zeit Kaiser Titus’ stattfand, an den wiederum Shakespeares Titus Andronicus anklingt. Andrej aber lautet der Vorname desjenigen Mannes, der 1893 Ada heiraten wird — ein Glück, das ihr und Van versagt bleiben muß. (Alexey Sklyarenkos interpretierende Spekulation fand ich soeben → dort.)

Daß erotische Geschwisterliebe ein mythisches, geradezu Urthema ist (etwa Tethys/Okeanos, Theia/Hyperion, Rhea/Kronos; selbst der Stammvater Israels, Abraham, war mit Sarah, seiner Halbschwester, verheiratet) muß ich Ihnen, Freundin, nicht schreiben; wahrscheinlich auch nicht, wie weit das Motiv in unsere literarische Gegenwart reicht. Ich nenne nur Thomas Mann mit Der Erwählte und Robert Musil im Mann ohne Eigenschaften. Davon abgesehen waren solche Ehen in der feudalen Oberschicht aus Machtinteressen durchaus üblich; vergesse wir nicht, daß Nabokovs Roman in der Oberschicht von Estotiland spielt. Aber schon Kleopatra war die Gattin ihrer Brüder.
Doch geht es darum gar nicht so sehr. Nabokov erreicht mit seinem Setting etwas ganz anderes, Bedeutsames. Wir müssen uns nur vor Augen halten, daß Ada eine Nymphe ist; mehrfach wird sie “Nymphette” genannt und so auch beschrieben,

(…) einem keuschen Kinde gegenüber (…), dessen Reiz zu unwiderstehlich war, um nicht insgeheim gekostet, und zu heilig, um offen verletzt zu werden (…).
Ada, 124

Nabokovs ureigenstes Motiv kehrt zurück; das des Inzensts, mit dem er Ada auch sprachspielen läßt, verschleiert dies nur – hier in einem Anagrammspiel (Nabokov liebte und nutzte Anagramme immer wieder und ausführlichst):

Auf dem Bauch liegend, die Wange in die Hand gestützt, betrachtete Van den geneigten Hals seiner Geliebten, während sie englische Anagramme mit Grace spielte, die voller Ungeduld insect vorgegeben hatte.
“Scient”, sagte Ada und schrieb es nieder.
“Oh, nein!” protestierte Grace.
“Oh, ja! Ich bin sicher, das gibt es. Es ist ein großer ‘Sciet’. Dr. Ensic was scient in insects.
Grace dachte nach, wobei sie sich mit dem Radiergummi-Ende des Bleistifts an die gerunzelte Stirn klopfte, und brachte hervor:
“Nicest!”
“Incest”, sagte Ada sofort,
Ada, 110/111

Die Stelle ist entscheidend, insofern sich die erwachsene Ada – 212 Seiten später! (an so etwas erkennen wir wahre Romankunst)– an genau diese Szene erinnert:

“Als Heldin in einem alten Roman sprechend, scheint es mir so, so lange her zu sein, davnym davno, daß ich hier mit Grace und zwei anderen entzückenden Mädchen englische Wortspiele gespielt habe. Insect, incest, nicest.”
Ada, 323

Wobei durch die Vertauschung der Reihenfolge letztbeider Wörter der Inzest nun sogar zum nicest, dem Allerschönsten, wird, wenn auch ein bißchen ironisch. Bitte vergessen Sie nie, daß nichts bei Nabokov zufällig ist, sondern alles, alles ist Komposition.

Was also erreicht seine Nymphophilie durch die Geschwisterkonstruktion eigentlich?
Es ist sehr einfach. Er legitimiert sie, und zwar beides. Zum einen ist so jungen Menschen, die fast noch Kinder sind, ein Inzest kaum zu verübeln, zumal dann, wenn sie nach Wesen und Bildung einander so sehr ähneln, daß überhaupt kein anderer Mensch ähnlich vertraut infrage käme. Zum zweiten darf der vierzehnjährige Van das kaum jüngere Mädchen so wahrnehmen, wie es der viel ältere Nabokov oder irgendein anderer erwachsener Mann eben nicht dürfte, und darf auch ohne Rechtsfolgen mit ihr, ich sag’s mal ernüchternd, “verkehren”. Ja, mehr noch. Indem er dabei alle Emphase aufbringt, derer verliebte Jugendliche überhaupt fähig sind, kommen seine Beschreibungen und Schilderungen dem Wesen der Liebe auf manchmal vor Schönheit geradezu schmerzende Weise nahe. Genau deshalb → sprach der sogenannte Kritiker Gresser , und andre taten’s mit ihm, von Kitsch und führten ihn auf “Altmännergeilheit” zurück. Indem Nabokov sich erlaubt, mit aller entzündeten Klarheit durch die Augen eines Jungen zu sehen, legt er bloß, was den meisten von uns verloren ist oder sogar: ihnen ganz entging. Die Gressers konnten nicht lieben, es blieb ihnen bitter versagt. Sie konnten und können so nicht einmal sehen:

Dieser russische Routine-Schmaus bestand im Ardis-Haushalt aus prostokascha ( (…) “Dickmilch”), deren düne, rahmglatte Oberschicht die kleine Miss Ada behutsam aber gierig (Ada, diese Adverbien kennzeichneten viele deiner Taten!) mit ihrem besondern ∀-Monogramm-Silberlöffel abschöpfte und aufschlecke, ehe sie die amorpheren Quark-Tiefen in Angriff nahm (66) — Ihr schwarzes Haar fiel in Kaskaden über ihr Schlüsselbein herab, und die Bewegung, mit der sie es nun zurückwarf, und das Grübchen auf ihrer blassen Wange waren Enthüllungen, die ein Element unittelbarer Kenntnis offenbarten (79/80) — Ihre Gesichtszüge wurden von der dicklichen Form ihrer trocknen Lippen vor elfenhafter Hübschheit bewahrt (80)

Oder diese Beobachtung:

Am nächsten Morgen erspähte er Ada zufällig, als sie Gesicht und Arme über einem altmodischen Becken auf einem Rokoko-Ständer wusch, das Haar oben zusammengeknotet, ihr Nachthemd um die Hüfte geschlungen wie eine unordentliche Blumenkrone, aus der ihr schlanker Rücken emporwuchs, die nahe Seite rippenbeschattet. Eine fette Porzellanschlange ringelte sich um das Becken, und da beide, das Reptil und er, innehielten, um Eva und das weiche Schwappen ihrer Knospenbrüste im Profil zu beobachten, schlüpfte ein großes Stück maulbeerfarbener Seife aus ihrer Hand, und ihr schwarzbestrumpfter Fuß hakte die Tür zu mit einem Päng, das eher das Echo zum Aufprall der Seife auf dem Marmorbecken als ein Zeichen schamhaften Mißfallens zu sein schien. (82)

Und auch folgendes gehört zu dem, für was sich der profanen Welt Gressers so rächen (→ Richard Kämmerlings kluge Rezension nehme ich selbstverständlich davon aus):

Sehr sanft ließ er die trockenen Lippen über ihr warmes Haar und ihren heißen Nacken wandern. (…) Er hätte für immer auf dem kleinen Mittelknopf abgerundeter Wonne auf dem Rücken ihres Halses verweilt, wenn sie ihn für immer geneigt hätte – und wenn der unglückliche Knabe fähig gewesen wäre, den Rausch dieser Berührung unter seinem wachs-starren Mund sehr viel länger zu ertragen. (126)

Nabokovs ungemeines Kunststück – eines der Wunder dieses Buches – besteht darin, die Liebenden zwar sehr junge Menschen sein zu lassen, aber solche mit dem Geist und der Kenntnis höchst kultivierter, erwachsener Personen — ja sie sind denen über, durchschauen sie. Genau dafür, dieses glaubhaft zu machen, war die Erfindung Anti-Terras nötig, ADA OR ARDORs traumpoetische Gegenwelt, indessen deren Realität in der höchst konkreten Erinnerung an eine in jeder Hinsicht privilegierte Herkunft wurzelt.
Was auch Schattenseiten hat, deutliche, auf die ich im nächsten, ADA gewidmeten Beitrag zu sprechen kommen werde – auf beider, vor allem bei dem späten Van, der ja als Autor dieses Buches fungiert, mitunter schwer erträglichen Arroganz. Doch möchte ich darüber später erst sprechen, weil es uns hier den Blick verstellen würde, den auf die Utopie eines liebenden Zueinander- und genau deshalb, nicht aus  vermeintlich pornographisch-“altersgeilen” Gründen immer wieder explizit geschilderten, obsessiven Ineinandergehörens:

Endlos, beharrlich, zart fuhren Vans Lippen über ihren Mund und schürten dessen brennende Blume, vor und rück, recht, links, Leben, Nichts, schwebend in Spannung zwischen der luftigen Zärtlichkeit eines offenen Idylls und dem groben Blutandrang des verborgenen Fleisches.
Es kamen andere Küssse. “Ich möchte gern”, sagte er, “das Innere deines Mundes schmecken. Gott, wie gern wär ich ein koboldkleiner Gulliver und erforschte diese Höhle.”
“Ich kann die meine Zunge leihen”, sagte sie und tat’s.
Eine große, gekochte Erdbeere, noch sehr heiß. Er saugte ein, soweit er konnte. Er preßte sie an sich und leckte ihren Gaumen. Ihrer beider Kinn wurde völlig naß.
Ada, 129

Ist solches noch uns allen, hoffentlich, bekannt (wurden wir damit gesegnet), enfaltet sich die, wie ich es eben nannte, Utopie dieser Liebe in ihrer fast gänzlichen Unvoreingenommenheit gegenüber den Körpern und ihren Begehren. Es waltet bei beiden, wenn sie Leibliches anschauen, eine Art einfühlsamster Ästhetizismus, der – bei beiden, eben! – nicht das mindeste Verklemmtsein kennt. Sie bangen nicht, sie haben keine Scheu zu “versagen”, sind voller Grundvertrauen in ihre Lust. Vor allem an dem Mädchen fällt dies auf, indessen Van schon mit dreizehn seine ersten paar Abenteuer hinter sich hat – was spannenderweise bewirkt, daß er Ada gegenüber anfangs dann doch, in beider ersten Begegnungen, von einer gewissen Scheu ist:

War sie wirklich hübsch, mit zwölf? Begehrte er – würde er je begehren, sie zu liebkosen, richtig zu liebkosen? (79)Und in der jähen Sonne wurde ihm klar, daß er, der kleine Van, bis dahin eine blinde Jungfrau gewesen war (82) – Ihren ersten offenen und ungestümen Liebkosungen war eine kurze Zeitspanne seltamer Täuschung, kriecherischer Heimlichkeit vorausgegangen. Der maskierte Angreifer war Van, der arme Junge, aber ihre passive Hinnahme seines Benehmens schien stillschweigend zu bestätigen, wie verrufen und geradezu ungeheuerlich es war. Ein paar Wochen später sollten beide diese Phase seiner Werbung mit amüsierter Herablassung betrachten; im Augenblick jedoch verwirrte die implizierte Feigheit sie und quälte ihn (122)

Dieses aber, in der Tat, währt kurz, allenfalls paar Tage, für die indes bezeichnend ist – als weiterer Lichtwurf in die Wesensfalten Adas  –, daß Vans Feigheit das zwölfjährige Mädchen verwirrt: als wär ihr längst bewußt, was sie noch gar nicht kennen kann,

weil sie mit elf (…) sich immer noch recht unklar darüber war, wie Menschen sich paarten. Sie war natürlich sehr aufmerksam und hatte ganz aus der Nähe verschiedene Insekten [die sie in Terrariern aufzieht, ANH] in copula beobachtet, aber in dem besagten Zeitraum hatte sie klare Beispiele säugetierhafter Männlichkeit kaum zu Gesicht bekommen und war von jeglicher Vorstellung oder Möglichkeit sexueller Funktion unberührt geblieben (…).
Ada, 138

Dies ändert sich nun unmittelbar, und zwar in einer der ganz großen Szenen der ersten 250 Seiten.  Es ist von erotisch bezwingender Innenlogik, daß ihr Rahmen der eines Brandes ist: Auf Ardis Hall hat die “herrschaftlich” genannte Scheune Feuer gefangen, brennt schon, gewaltig lodernd, lichterloh, und alles, alles rennt aufgeregt hin.
Nur die beiden Kinder nicht.

Die Schotten-Toga um sich geschlungen [darunter ist er nackt, weil er so zu schlafen pflegt, ANH], begleitete Van seinen schwarzen Doppelgänger [also seinen Schatten, ANH] die Zusatz-Wendeltreppe hinab, die zur Bibliothek führte. Er stützte ein bloßes Knie auf den zottigen Divan unterhalb des Fensters und zog die schweren roten Vorhänge zurück.
Ada, 143

Als wenig später auch Ada dort erscheint,

in ihrem langen Nachthemd mit einer brennenden Kerze in einer Hand und einem Schuh in der anderen (…), als ob sie den verspäteten Ignicolisten [i.e. den Helfern und Gaffern, ANH] nachschlich. Doch es war nur ihre Spiegelung in der Scheibe. Sie ließ den aufgelesenen Schuh in den Papierkorb fallen und kniete sich neben Van auf den Divan.
“Kann man irgend etwas sehen, oh, kann man`s sehen?” wiederholte das dunkelhaarige Kind dauernd, und hundert Scheunen loderten auf in ihren bernstein-schwarzen Augen (…).
Ada, 145

Irgendwann hat er eine Hand zwischen ihr Gesäß und ihre Fersen gschoben, auf denen sie sitzt, jedenfalls saß; jetzt nämlich tut sie’s zu Teilen auf ihr. Als sie — draußen der Brand scheint gelöscht zu sein, hat sich in diesen beiden Kindern versteckt — die Wölbung seiner Erregung bemerkt:

Oh, Van,

kommentiert sehr viel später die schon alte Frau ihres Geliebten Manuskript,

in jener Nach, in jenem Augenblick, da wir Seite an Seite im Kerzenlicht knieten wie Betende Kinder auf einem sehr üblen Bild,

typischer Nabokov: Er beschwört herauf, was er als Dichter als zu Banales vewirft

und zwei Paar weichfaltige, einstmals Baumtier-Sohlen zeigten (…), wollte ich dich (…) unbedingt um eine kleine, rein wissenschaftliche Auskunft bitten, weil mein heimlicher Blick —
Nicht jetzt, jetzt ist es kein schöner Anblick, und es wird gleich noch schlimmer werden (oder Worte in dieser Richtung).
Van konnte nicht entscheiden, ob sie wirklich äuerst unwissend und so rein war wie der – nun seiner Feuerfarbe beraubte – Nachthimmel, oder ob völlige Erfahrenheit ihr riet, sich ein kaltes Spiel zu erlauben (…).
Sie bestand darauf: möchtgernfragen, möchtgernwissen —
(…)
“Möchtgernwissen”, widerholte sie, als er gierig sein heißes, blasses Ziel erreicht.
“Ich möchte dich gern fragen”, sagte sie ganz deutlich, aber auch ganz außer sich, denn seine aufwärtswühlende Hand hatte sich unter der Achelhöhle hindurch einen Weg gebahnt, und sein Daumen auf einem Brustwärzchen ließ ihren Gaumen prickeln (…).
Ada, 147/148

So daß er sich ihr endlich öffnet, die Toga also öffnet.

“Ach je”, sagte sie wie ein Kind zum anderen. “Es ist ganz gehäutet und roh. Tut es weh? Tut es schrecklich weh?”
“Faß an, schnell”, flehte er.
“Van, armer Van”, sprach sie weiter mit jenem kleinen Stimmchen, mit dem das süße Mädchen zu Katzen, Raupen, sich verpuppenden Welpen sprach, “ja, ich bin sicher, daß es schmerzt, würde es helfen, wenn ich anfaßte, bist du sicher?
“Und ob!” sagte Van. “On n’est pas bêtes à ce point.”
Ada, 149

Und nun wird es so schön, daß das Märchenhafte an allem zur pursten Konkretion wird, und achten Sie, Geliebte darauf, wie die gleich zu lesende ironische Benennung Adas die Intensität des Geschehens noch auflädt:

“Relief-Karte”, sagte die Primel-Pedantin, “die Flüsse Afrikas.” Ihr Zeigerfinger folgte dem blauen Nil hinab in seinen Dschungel und wanderte wieder nach oben. “Und was ist das hier? Der Hut vom Roten Boletus ist nicht halb so samtig. Wirklich (regelrecht daherplappernd), ich fühle  ich an die Geranien- oder eher an die Pelargonienknospe erinnert.”
“Gott, wer wohl nicht”, sagte Van.
“Oh, ich mag diese Textur, Van, ich mag sie! Ganz bestimmt!”
Ada, ebda.

Fortan kommen die zwei zueinander, wann immer es geht. Und obwohl, wie der alte Diener Boutteillan bemerkt, die Winde der Wildnis indiskret seien, gibt es nur eine einzige Person, die diese Liebe wirklich bemerkt, sie jedenfalls spürt: Lucette, Adas kleine Schwester. Doch dazu dann im nächsten Teil. Hier alleine noch — denn der Sommer auf Ardis geht nun zuende —, weil der Dialog erneut die Charaktere unseres Paares aus dem Rauch der, selbst wenn gebildet, allgemeinen (smalltalkenden, sich an glittrigen Oberflächen und Luxus delektierenden) Tumbheit aufflammen läßt … allein also noch, mit welchen Worten Ada ihren längst nicht mehr Knabengeliebten aus beider sinnlichem Bullerbü auf seine Frage hin entläßt, ob sie ihm auch treu bleiben werde:

“Ich weiß es nicht. Ich bete dich an. Ich werde nie im Leben wieder jemanden so lieben, wie ich dich anbete, niemals und nirgendwo, weder in Ewigkeit noch auf Erdigkeit, weder in Ladore noch auf Terra, wohin angeblich unsere Seelen wandern. Aber! Aber, mein Liebster, mein Van, ich bin körperlich, furchtbar körperlich, ich weiß nicht, ich bin offen, qu’y puis je? O Lieber, frag mich nicht, in einer Schule ist ein Mädchen, das in mich verliebt ist, ich weiß nicht, was ich rede —”
Ada, 196

Die Antwort darauf:

“Die Mädchen zählen nicht”, sagte Van, “die Knaben sind’s, die ich umbringe, falls sie in deine Nähe kommen. Gestern abend habe ich versucht, ein Gedicht für dich zu machen, aber ich kann keine Verse schreeiben; es fängt an, fängt nur an: Ada, our ardors and arbors — aber der Rest ist völliger Nebel, versuch, dir den Rest auszudenken.”
Ada, ebda.

Und ohne sich umzusehen, geht er fort — floh er, wie Nabokov schreibt.

 

Ihr ANH

P.S.: Er wird zurückkommen, ja. Das, Geliebte, verspreche ich Ihnen.

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“Es war einmal ein Mann, den habe ich geküßt.” Nabokov lesen, 32: Das wahre Leben des Sebastian Knight.

 

Zwei seiner Lebensmotti befragen sich gegenseitig,
und die Antwort ist das Leben selbst — näher vermag man einer menschlichen Wahrheit überhaupt nicht zu kommen.

Das wahre Leben des Sebastian Knight, 175/176
(Dtach. v. Dieter E. Zimmer)

 

So leichtfüßig dieses Buch auf sein erstes Lesen daherkommt, so verzwackt sind indes die Perspektiven, unter denen wir es aufnehmen können, sogar müssen — nämlich als Frage nach der eigentlichen Erzählerinstanz: Wer repräsentiert sie, ist der Autor dieser Suche nach einer Biografie – tatsächlich der genannte “V.“? Das hier mitschwingende (auto)biografische Thema – “das”, so Dieter E. Zimmer in seinem Nachwort, “schwindelerregende Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit” –  ist in diesem Roman auch immanent wirksam, indessen gerade seine Qualität, daß wir es lange nicht merken, und manche von uns trotz der häufigen Fingerzeige wahrscheinlich überhaupt nicht. Genau deshalb will ich Ihnen, Freundin, dazu auch nichts weiter schreiben. Verzeihen Sie mir, aber es wäre hübscher, Sie würden dieser bestimmten und den Roman sogar bestimmenden Qualität von ganz alleine gewahr.

Der Sebastian Knight ist Nabokovs erster auf Englisch geschriebener Roman. Da muß es niemanden wunder nehmen, daß der Verlust der eigentlich-eigenen Sprache das Buch unterschwellig, aber deutlich durchzieht:

Mitte Januar 1936 erhielt ich einen Brief von Sebastian. Seltsam genug war es ein russischer Brief.
Sebastian Knight, 237

Entsprechend erzählt “V.”, Knights bemühter Biograf (von dem wir letztlich, siehe oben, nicht wissen, wer er tatsächlich ist; immerhin könnte V. auch für “Vladimir” stehen) … also erzählt er,

wie seltsam es für mich gewesen sei, mit seiner Schwester [i. e. der eines entfernten Bekannten, ANH], jetzt einer rundlichen Mutter zweier Knaben, über einen fernen Sommer im Land der Träume, in Rußland, zu sprechen [Hervorh. v. m., ANH].
Sebastian Knight, 179

Und Nabokov selbst schildert die Notwendigkeit, fortan auf Englisch zu schreiben, folgendermaßen:

Als ich mich 1940 entschloß,

das Jahr, in dem er Frankreich verließ und in St. Nazaire mit seiner Familie zur Passage in die USA die Gangway der Champlain betrat,

 

in die englische Sprache überzuwechseln, bestand mein Unglück darin, daß ich vorher schon mehr als fünfzehn Jahre lang auf Russisch geschrieben und mein Werkzeug, mein Medium bereits geprägt hatte. Beim Wechsel in die andere Sprache sagte ich mich somit nicht von der Sprache (…) los, (…) mit einem Wort, nicht von der allgemeinen Sprache, sondern deren individuellem, ganz persönlichem Dialekt (…) — und die ungeheuren Schwierigkeiten der bevorstehenden Veränderung, das Entsetzung bei der Trennung von einem lebendigen, zahmen Wesen versetzten mich zunächst in einen Zustand, über den sich auszubreiten hier nicht nötig ist; ich will nur sagen, daß vor mir kein Schriftsteller eines bestimmten Niveaus derartiges durchgemacht hat.
Zit. n. Dieter E. Zimmer, Sebastian Knight, Nachwort, 270

Doch als Schriftsteller hätte er in den USA keine Chance gehabt, wo es eine russische Emigrantenszene wie in Berlin und Paris nicht gab, zudem er noch für Jahrzehnte in Rußland-selbst ein verbotener Autor blieb, das er zudem unentwegt attackierte — ein Umstand, der ihn, wie bisweilen zu lesen ist, den Nobelpreis ebenso gekostet haben könnte wie sein lebenslanges Ätzen gegen “die” Psychoanalyse (von der er allerdings, ich schrieb es schon, nicht so arg viel Ahnung hatte).

Wie kaum mehr anders zu erwarten, geht er das Problem höchst artifiziell an, indem er nämlich einen Helden wählt, der Russe ganz wie er selbst ist und mit der Biographie des ausgesprochen britisch geprägten Halbbruders ebenfalls ein erstes englischsprachiges Buch beginnt, wobei die “britische Prägung” eine ist, um die sich Sebastian Knight bisweilen ziemlich komisch bemüht hat, und zwar so lange, bis er

sich selber zum Trotz mit einer Art hilfloser Verwunderung [begriff] (…). daß er selber, oder vielmehr der kostbarste Teil seiner selbst – gleichgültig, wie verständig und gefällig seine neue Umgebung den alten Träumen entgegenkam – genauso hoffnungslos einsam blieb wie immer (…,) und je gütiger das Schicksal zu erreichen suchte, daß er sich zu Haus fühlte, indem es mit Geschick nachbildete, was er zu begehren meinte, um so deutlicher wurde er seiner Unfähigkeit gewahr, sich dem Bild, irgendeinem Bild, einzufügen. Als er dies endlich von Grund auf begriff und grimmig daranging, seine Zurückhaltung zu kultivieren, als wäre sie eine seltene Begabung oder Leidenschaft — erst dann verschaffte ihm ihr kräftiges und wucherndes Wachstum Befriedigung, und er hörte auf, sich um seine peinliche Unverträglichkeit Sorgen zu machen (…).
Sebastian Knight, 57

Schon an dieser Stelle ist abermals zu bemerken, mit welch einer Perfektion Nabokov seiner Figuren zu gestalten versteht, hier zumal über die Spiegelung in der Sicht eines anderen, nämlich des Autors V. — ein nicht unbedingt neues Verfahren, das mit Serenus Zeitblom auch Thomas Mann kultiviert hat, sowie sehr viel später der von beiden geprägte Eigner, wobei allerdings Nabokov seinen beiden Figuren, sowohl dem Biografen V. als auch dem Schriftsteller Knight, auf eine Weise eigene Charakterzüge und Erinnerungen verleiht, wie wir es bereits aus seinen russischen Romanen kennen. Daß Knight ein Schriftsteller ist, wie nicht wenige der nabokovschen Helden, unterstreicht die Natur des literarischen Kosmos, durch den sich Nabokov bewegt, und erlaubt ihm völlig organisch, seine auch poetologischen Vorstellungen darüber zu vermitteln, was Literatur zu sein habe, sofern sie denn gut ist:

Er hatte die seltsame Angewohnheit, auch seine grotesken Figuren mit dem einen oder andern Einfall, Eindruck oder Wunsch auszustatten, mit dem er selber spielte.
Sebastian Knight, 145

Auch der von V. auf eines der Bücherregale Knights geworfene Blick – nämlich auf das am sorgfältigsten geordnete – ist hier sinnvoll (und eben nicht “beliebig” von Nabokov erzählt — sowieso nie bei einem Autor wie ihm …):

Hamlet, Le mort d’Arthur, The Bridge of San Luis Rey, Doctor Jekyll and Mr. Hyde, South Wind, The Lady with the Dog, Madame Bovary, The Invisible Man, Le Temps Retrouvé, Anglo Persian Dictionary, The Author of Trixie, Alice in Wonderland, Ulysses, About Being a Horse, King Lear …
Sebastian Knight, 54

Ein jedes Buch ist ein poetologisches Ausrufezeichen: Shakespeare, Flaubert, Stevenson, Proust, Joyce, nochmals Shakespeare. Dazu Thornton Wilder, Norman Douglas, Anton Tschechov (hier interessanterweise auf Englisch), der seit je geschätzte H. G. Wells und ein mir bis dato unbekannter William Caine (aufschlußreich indes, dazu → diesen Netzeintrag zu lesen). Schießlich Lewis Carroll noch sowie die Autorin (:unwahrscheinlich) oder der Autor von “About Being a Horse”, die, bzw. den ich nicht finden konnte. Zusammengenommen ergeben sie alle ein gutes Bild der von Nabokov akzeptierten Kollegen, mithin auch seiner eigenen Poetik, zu der eine, von Joyce abgesehen, deutlich konservative Skepsis gegenüber sogenannt avantgardistischen Stilexperimenten gehört:

Aber da er [der futuristische Dichter Alexis Pan, eine Travestie auf Chlebnikov, ANH] sein Bestes tat, die Leute mit einem enormen Schwall nichtssagender Worte zu schockieren (…), scheinen seine meisten Produkte heute so läppisch, so altmodisch [zu sein] (hypermoderne Sachen haben die seltsame Angewohnheit, schneller als andere zu veralten), daß nur noch wenige Gelehrte[n] um seine Verdienste wissen (…)
Sebastian Knight, 38

Das schließt übrigens Nabokovs kindheitserinnerten Ausflüge, siehe Jules Verne oder auch Conan Doyle, durchaus mit ein. So wird von Sebastian Knight erzählt, daß er

nicht gegen Groschenschmöker [hatte], denn die Alltagsmoral scherte ihn wenig; was ihn aufregte, war nicht das Dritt- oder n-t-klassige; es war das Zweitklassige – denn hier, auf lesbarer Ebene, begann die Gaukelei, und das war im künstlerischen Sinn unmoralisch.
Sebastian Knight, 117

Wobei ich, Freundin, Ihnen von → Nabokovs Klassizismus, literarhistorisch Neoklassizismus, mehrfach schon geschrieben geschrieben habe. Es scheint mir aber wichtig zu sein, abermals darauf hinzuweisen, weil er einer der die unmittelbare Wirkung dieser Romane – ihre Sinnlichkeit eben – bestimmenden Faktoren ist, und zwar trotz ihrer hohen Komplexion. Dieses, kein Zweifel, hat Nabokov dem verehrten James Joyce deutlich voraus. Dazu gehören unbedingt Formulierungen wie:

Der kleine Mann trug seine Verse mit so lauter, dröhnender Stimme vor, daß er an eine kreißende Maus erinnerte, die einen Berg gebiert. (39) | (…) und ich wollte ihm etwas Richtiges sagen, etwas mit Flügeln und einem Herzen, aber die Vögel, die ich mir wünschte, ließen sich auf meinem Kopf und meinen Schultern erst nieder, als ich allein war und sie nicht mehr brauchte. (42)

Gerade dieses “nicht mehr brauchte” erzählt eine Tragik, die unendlich sanft in Prozessualität dieses Satzes gewirkt ist. Es waltet in ihm ist eine noble, distinguierte Dramaturgie. Ebenso

die herzzerreißende Schönheit eines Kiesels unter Abermillionen von Kieseln, die alle ihren Sinn haben, aber welchen?
Sebastian Knight, 65

Dies freilich verbunden mit einer geradezu poetologischen Selbstoffenbarung Nabokovs, die als V.s Blick auf Sebastian Knights Romane kaschiert und obendrein jemandem anderes in den Mund gelegt ist, den V. mithin nur “zitiert”:

Ich fragte ob sie [die Bücher, ANH] ihm gefallen hätten. In gewisser Weise schon, sagte er, nur [scheine] ihm der Autor ein fürchterlicher Snob [zu sein], in intellektueller Hinsicht zumindest. Als ich um einer Erklärung bat, fügte er hinzu, daß Knight ständig ein selbsterfundenes Spiel zu spielen scheine, ohne seinen Partner die Spielregeln wissen zu lassen.
Sebastian Knight, 65

Das entspricht vielem, was über Nabokovs eigene Bücher – inkl. diesem – oft zu lesen ist, wenngleich von Aficionados in bewunderndem Ton. Denn in der Tat sind es die Spielregeln literarischer Kunstwelten und eben nicht banale Abbildungen der Alltagsrealität, womit sich aus ihnen auch keine irgend gearteten Direktiven für sie ablesen lassen, jedenfalls nicht unmittelbar, wie es unterdessen schon nahezu verlangt wird. Dennoch gibt es Brücken wie etwa eine Seite des Romans V.s quasi Zusammenschau seiner Bemühungen um Sebastian Knights, des Menschen, Geschichte zeigt:

Der seltsame Traum, den ich gehabt hatte, der Glaube an eine gewichtige Wahrheit, die er mir vor dem Tod mitteilen würde — das alles schien jetzt vage und abstrakt [zu sein], als wäre es in dem Strom einer einfacheren, menschlicheren Empfindung ertrunken, in der Aufwallung von Liebe, die ich für den Mann verspürte, der auf der anderen Seite dieser halbgeöffneten Tür schlief.
Sebastian Knight, 259

Wie wohltuend, nebenbei, ist hier die “alte” deutsche Rechtschreibung, die “halbgeöffnet” als ganzes Wort in rhythmischem Fließe noch zuließ, ebenso wie “selbsterfunden” drüber! Besonders schon glänzt es im “mildfarbenem Wein” der Seite 231. Denn

Nicht auf die Einzelteile kommt es mehr an, sondern auf ihre Verbindung.
Sebastian Knight, 225

Für den Roman als Geschöpf gilt das ganz genauso. Es ist eben dieses, was uns das Gefühl ermöglicht,

irgendeine wichtige Arterie des Buches entlangzugleiten.
Sebastian Knight, 224

“Entlangzugleiten” — ein Wort, eben! Es wird so sehr Zeit, mit dem schädlichen Wirrzeug ein Ende zu machen, daß die neue deutsche Falschschreibung uns eingebrockt hat. Denn zwar, wir deutschen Dichterinnen und Dichter können uns ihrer mit künstlerischer Freiheit noch erwehren, nicht aber Übersetzerinnen und Übersetzer aus anderen Sprachen, und zwar auch dann nicht, wenn sie selbst imgrunde Dichterinnen und Dichter sind.
Weil aber Nabokov (bzw. V.) an der eben zitierten Stelle schon so körperlich ist, jetzt über den Pfad einer selbstironischen Bemerkung zu einem auch biografisch wichtigen Thema hinüberbalanziert, zu nämlich NABOKOV UND DIE FRAUEN:

Sie sah weg. Ihr kleiner, harter Busen wogte (Sebastian schrieb einmal, daß er es nur in Büchern tue, aber hier war der Beweis, daß er sich geirrt hatte).
Sebastian Knight, 214

Ich weiß nicht mehr, wo ich es las, aber entweder Dieter E. Zimmer oder jemand anderes ließ durchblicken, daß Nabokov von weiblichen Autoren kaum viel gehalten habe; ich kann’s noch nicht überprüfen (Erinnerung sprich liegt ja noch vor mir), sehr deutlich aber, immer wieder, wird sein Frauenbild, das sich von seiner Nymphophilie nicht gänzlich ablösen läßt: zu denen, die ganz Frau noch nicht sind; wirklich noch Mädchen, also Kind, sind sie aber auch nicht. Deshalb ist der Begriff “Pädophilie” — ich wiederhole auch diese Anmerkung mit Nachdruck — völlig fehl am Platz. Schon für → Lolita geht er in die Irre. Statt dessen richtet sich die Neigung viel mehr auf Frauen in der Gestalt von Knaben. Dem entspricht Nabokovs verschleierte Homophobie. Daß er einen 1945 im Konzentrationslager Neuengamme umgekommenen homosexuellen Bruder hatte, Sergej, hat sie, möglicherweise schuldgefühlshalber, verstärkt und genau darum nach einem poetischen Ausdruck gesucht, der eine abgewehrte Homosexualität mit der genital-reifen Sexualität eines heterosexuellen Mannes zu einen versuchte. Versteckt tritt dieses psychodynamische Phänomen auch im Sebastian Knight auf, und zwar insofern Knight eine vielleicht nicht ganz so “ansehnliche”, aber verläßlich-heilsame Gefährtin, Clare Bishop, gefunden hat, die er für eine andere, höchst schillernde Frau verläßt. Indirekt erzählt Nabokov hier eine eigene Affäre mit, die seine Ehe ausgesprochen belastet hat. Anders aber als Knight entschied er sich nach langem inneren Chaos für den, ich sage mal, klugen Bestand.
Dieser Befund ist poetologisch wesentlich. Er erinnert an meine eigene Entscheidung, nachdem sich meine tief Geliebte von mir trennte, eben nicht, wie ich verzweifelt erwog, das Land zu verlassen, sondern meines kleinen Sohnes wegen hierzubleiben, so schmerzlich es immer auch war. Genau das ermöglichte aber Meere, worin Fichte tut, was ich nur erwog, dann verwarf. Genau diese Grundkondition bestimmt den Roman — weshalb nicht zuletzt es so falsch war, ihn “realistisch” zu lesen.
Interessant ist nun aber, wie Clare Bishop beschrieben wird, das, was sie so gut eben macht, also eigentlich, für ihn:

Sie war hübsch, von einer ruhigen Schönheit,

indessen er höchst unruhig ist,

– bleiche, schwach sommersprossige Haut, leicht hohle Wangen, blaugraue kurzsichtige Augen, ein schmaler Mund. Sie trug ein graues Schneiderkostüm mit einem blauen Schal und einen kleinen dreieckigen Hut.
Sebastian Knight, 92

Dagegen Knight selber wird folgendermaßen beschrieben:

Er sah elegant und frisch aus. Sein feingestaltetes weißes Gesicht mit den schwachen Schatten auf den Wangen (…) wies nicht die Spur jener stumpfen, ungesunden Farbe auf, die es sonst hatte
Sebastian Knight, 92

So gut also hat ihm Clare getan. Und nun wieder sie:

Sie benutzte ein angenehmes, kühles Parfum
Sebastian Knight, ebda.

Also Clare “insgesamt” ist hübsch, ruhigleicht hohlwangig, kurzsichtig, schmallippig, grau — mithin in keiner Weise auffällig, sondern entspricht dem “klassischen” Bild jener Frauen, die, wie es lange hieß – selbst meine Mutter hat es noch gepredigt –, “hinter jedem großen Mann stehen” und ihn (und nur ihn) befördern. Um es mit dem Roman selbst zu sagen, dort allerdings über eine noch andere Frau, in der V. anfangs die, ich sage mal, böse Verführerin irrtümlich wähnte:

Frauen wie sie zerstören das Leben eines Mannes nicht — sie bauen es auf.
Sebastian Knight, 175

Wozu auch folgende Bemerkung paßt:

Ich erinnere mich, daß er [Sebastian Knight, ANH] zu sagen pflegte, leichte Mädchen seien schwer von Begriff,

schon  das, wie sich herausstellen wird, ist ein Irrtum,

und es gebe nicht Langweiligeres als eine hübsche Frau, die sie gern amüsiert; mehr noch: wenn man sich das hübscheste Mädchen genau ansehe, während es eine Blütenlese von Gemeinplätzen von sich gebe, entdecke man mit Sicherheit irgendeinen winzigen, seinen Denkgewohnheiten entsprechenden Makel in seiner Schönheit.
Sebastian Knight, 190/191

Da tanzt dann in der Tat das Patriarchat, und ich mag meine Schadenfreude nicht verhehlen, wenn daran jemand strauchelt.
Dagegen also jetzt die wider Nabokovs und seines V.s Willen Helene von Graun, die sich allerdings erst einmal, um V. zu täuschen (was ihr mit hinreißender Bravour gelingt), als Madame Lecerf ausgibt — also diese – die Männer eben in Schweine verwandelt (wozu aber gesagt werden muß, daß ihre Insel die Wildschweininsel genannt ist – Circe, um derentwillen Knight seine Clare verläßt und derenthalben er letztlich ins Unglück stürzt ..:

Es war (…) eine kleine, zierliche, blasse junge Frau mit glattem schwarzen Haar. Ich meinte, niemals eine so gleichmäßige blasse Haut gesehen zu haben; ihr schwarzes Kleid reichte hoch bis zum Hals, und sie benutzte eine lang, schwarze Zigarettenspitze.
Sebastian Knight, 191/192

Deutlich also ein Vamp, der sofort durch seine konversierende Schlagfertigkeit und dem entsprechenden Spott auffällt:

“Ganz recht”, sagte sie vergnügt. ” (…) Liebesbriefe sollten unbedingt verbrannt werden. Die Vergangenheit macht vorzügliches Brennmaterial. Möchten Sie eine Tasse Tee?”
Sebastian Knight, 193

Nicht aber wirklich ihretwegen wird Sebastian Knight irre an der Frau, sondern letztlich – ecco! – aufgrund der ihm eigenen männlichen Überhebung. In keinem der bisher besprochenen Bücher war mir diese derart deutlich. Und wenn V. davon schreibt, er habe eine Sherlock Holmessche Kriegslist angewandt, als er einen vorherigen Informanten gefragt, ob Knights Geliebte eine hübsche, dunkle Frau sei, er hingegen annimmt, Knights Verhängnis habe blondes Haar, erwidert dieser

“Genau”, (…) und nahm mir damit den Wind aus den Segeln.
Sebastian Knight, 195

Den an anderer Stelle eben diese Frau dann hineinbläst. Er übersieht einfach, daß er in diesem Stück nicht den Holmes, sondern Doktor Watson gibt. Es ist aber auch genau das, seine zwar farblose, doch solide Rechtschaffenheit, was ihn davor bewahrt, Frau von Graun ganz ebenso zu verfallen, wie’s dem verehrten Bruder geschah. Die das selbst auf den Punkt bringt:

(…) Ich sagte einmal einem Arzt, daß bis auf Nelken und Narzissen alle Blumen dahinwelken, wenn ich sie berühre — merkwürdig, nicht?”
Sebastian Knight, 212

Rote Nelken symbolisieren Leidenschaft (weiße hingegen die Ehe), und Narzisse ist V. nun erst recht nicht, sondern eben nur des Schriftstellers Halbbruder, grad auch in Leidenschaft und Geist. Genau daran, es ist seine Nase, die ja fürs Gemächt steht, führt Frau von Graun als noch immer Lecerf ihn ständig durch die Räume ihrer drei Gespräche.
Es lohnt sich, genauer hinzuhorchen:

(…) Ich glaube nicht, daß er ein Verwandter von Ihnen war,

betonen Sie das bitte auf “glaube”,

er war Ihnen so unähnlich — soweit ich das nach dem, was sie [die vorgebliche Freundin, Knights Geliebte, ANH] mir erzählt hat und was ich von Ihnen bisher zu sehen bekommen habe, beurteilen kann, natürlich. Sie sind ein netter, rühriger Junge –
Sebastian Knight, 195

Junge!

und er, nun, er war alles andere als nett — er wurde geradezu bösartig, als er entdeckte, daß er sich in Helene verliebte. O nein, er wurde nicht zu einem sentimentalen Hundchen, wie sie erwartet hatte.
Sebastian Knight, 203

Und jetzt achten Sie bitte auf die emanzipierte Kritik, die diese Frau und wie sie sie einfließen läßt:

Er sagte ihr bitter, daß sie billig und eitel sei, und dann küßte er sie, um sich zu vergewissern, daß sie keine Porzellanfigur war. Nein, das war sie nicht. Und schon hatte er auch entdeckt, daß er ohne sie nicht leben konnte, und sie, daß sie genug davon hatte, ihn von seinen Träumen und den Träumen in den Träumen und den Träumen in den Träumen seiner Träume reden zu hören. Bitte, ich verurteile keinen von beiden. Vielleicht hatten sie beide recht oder vielleicht keiner – aber sehen Sie, meine Freundin war nicht ganz die gewöhnliche Frau, für die er sie hielt — ach, sie war etwa ganz anderes, und sie wußte ein bißchen mehr vom Leben und vom Tod und von den Menschen, als er selber zu wissen meinte.
Sebastian Knight, ebda.

Es ist ein poetisches Wunder für sich, mit welcher Grandezza es Nabokov wider eigenem Willen gelingt, das Portrait einer tatsächlich ungewöhnlichen Frau zu gestalten. Schauen Sie sich allein die Lebendigkeit an, mit der Frau von Graun, alias Lecerf, am zweiten Tag vor V. in ihren Salon tritt:

Endlich öffnete sich die Tür, und die Dame, mit der ich am Tag zuvor gesprochen hatte, seitelte herein — seitelte, sage ich, weil sie den Kopf nach hinten gewandt und gesenkt hielt; sie redete nämlich auf ein Wesen ein, das sich als eine froschgesichtige, knurrende, schwarze Bulldogge erwies, die offenbar keine Lust hatte, in das Zimmer zu watscheln.
Sebastian Knight, 196

Merken Sie, Freundin, wie geschickt es von Nabokov ist, diese tatsächlich hinreißende Frau zwar nicht mit der standardisierten Begleiterin der Hexen, einer Katze, auszustatten; dennoch ist diese allein in dem “schwarze” zugegen, wobei die Farbe zudem (die in Wahrheit ein Kontrast ist) mit dem von der Frau tags vorher getragenen Kleid korrespondiert.
Aus der ersten Begegnung mit V. stammt auch das zweite wiederaufgenommene Motiv: Der Vamp trägt nämlich einen scharfen, mit großem Stein besetzten Ring, an dem sich V. beim Abschied fast schnitt. Jetzt, als allererstes, warnt sie ihn, durchaus höchst symbolisch:

“Denken Sie an meinen Saphir”, sagte sie, als sie mir die kleine, klamme Hand reichte.
Sebastian Knight, ebda.

Wenn Sie mich berühren, heißt das, werden Sie sich verletzen. Und wirklich, er ist nahe daran:

(…) ich glaube, es könnte den Leser erheitern (und, wer weiß, auch Sebastians Geist), wenn ich sage, daß ich einen Augenblick lang daran dachte, mit dieser Frau anzubändeln. Es war wirklich sehr merkwürdig – gleichzeitig ging sie mir ziemlich auf die Nerven – ich meine das, was sie sagte. Irgendwie verlor ich den Halt.
Sebastian Knight, 215

Den er eigentlich erst wieder gewinnt, als ihr mokantes Gaukelspiel … nein, nicht auffliegt, sondern sie selbst hebt den Vorhang — typischer-, stilvollerweise vermittels einer Anspielung, die weit vorher im Buch ein Motiv war. Und verfolgen Sie seine, V.s, Reaktion, tun Sie’s, Freundin, präzise; sie wird meisterhaft in dem beschrieben, was und wie er sieht:

“Es war einmal ein Mann”, sagte sie sanft, “den habe ich geküßt, nur weil er seinen Namen verkehrt herum schreiben konnte.
Der Stock fiel mir aus der Hand. Ich starrte Madame Lecerf an. Ich starrte auf ihre glatte weiße Stirn, ich sah ihre veilchenfarbenen Augenlider, die sie gesenkt hatte, vielleicht, weil sie meinen Blick falsch verstand – sah ein winziges blasses Muttermal auf der blassen Wange, ihre zarten Nasenflügel, die gekräuselte Oberlippe, als sie ihren dunklen Kopf neigte, das matte Weiß ihrer Kehle, die lackierten rosenroten Nägel ihrer schmalen Finger.
Sie hob den Kopf, ihre merkwürdigen Samtaugen, deren Iris ein wenig höher lag als üblich, blicken auf meine Lippen.
Sebastian Knight, 219

Was er ihr nun entgegnen will — Nabokov erzählt es erst, als ob V. es täte —, entgegnet er allerdings nicht, sondern behält es für sich, als sollte er es Circes weiteren Schlagfertigkeiten besser nicht aussetzen, damit es ihm Gewißheit bleibt, eine deshalb so hohle, weil sie nur für ihn selber besteht. Der Abschluß dieser Szene stellt – versehentlich vielleicht … nein, sondern weil große Literatur Wahrheit auch gegen ihre Autoren vertritt – die gesamte Schwäche der patriarchalen Männerwelt bloß. Genau damit ist Nabokov die Schilderung einer der größten Frauenfiguren gelungen, wenn nicht die größte insgesamt, die ich in seinen Büchern bislang gefunden.

Dennoch, auch auf Clara Bishop soll die poetische Gerechtigkeit ihr Licht noch werfen, auch die meine: Indem an Sebastian Knight nämlich vorgeführt wird, was geschieht, als er seine treue Gefährtin wegen Frau von Graun verläßt, erzählt Nabokov quasi im Krebsgang, was ihm selbst nicht geschah und was ihm mehr schließlich wert war als eine ihm ohnedies nicht liegende rauschhafte Selbstauflösung in Leidenschaft. Er ist aristokratisch gesonnener Klassizist, wir sollten das niemals vergessen.
In ungefährer Mitte des Buchs wird Knight Abschiedsbrief an Clara wiedergegeben. Weil eine der wissendsten Liebeserklärungen, die ich kenne, ist er extrem berührend, weshalb ich diese Besprechung mit ihm auszugsweise beenden und weiteres nicht mehr hinzufügen möchte:

Dies wird Dir wehtun, meine arme Liebe. Unser Picknick ist zu Ende; die dunkle Straße ist holprig, und dem jüngsten Kind im Wagen wird gerade schlecht. Ein billiger Tor würde zu Dir sagen: Du mußt jetzt tapfer sein. (…) Das Leben mit Dir war wunderschön — und wenn ich wunderschön sage, so meine ich Wunderblumen und Tausendschön und samtene Weichheit, das lange, sanfte rosa ‘n’ in der Mitte, und wie sich Deine Lippen zu dem ‘sch’ rundeten. Unser Leben zusammen war alliterativ, und wenn ich an all die Kleinigkeiten denke, die sterben werden, nun, da wir sie nicht mehr teilen können, ist mir fast, als wären auch wir tot. Und vielleicht sind wir es wirklich? Je größer unser Glück war, desto verschwommener wurden seine Ränder, als schmölzen seine Umrisse dahin, und nun ist es ganz und gar zerronnen. Ich habe nicht aufgehört, Dich zu lieben; aber etwas in mir ist abgestorben, und in dem Nebel vermag ich Dich nicht zu erkennen … All das ist Poesie. Ich belüge Dich. Hasenherzig. Es gibt nichts Feigeres als einen Dichter, der Ausflüchte sucht. Ich glaube, Du hast erraten, wie die Sache steht: die dumme Formel ‘Eine andere Frau’. Ich bin verzweifelt unglücklich mit ihr — das wenigstens ist wahr. Und ich glaube, über diese Seite der Sache gibt es nicht viel mehr zu sagen.
Das Gefühl, etwas stimme grundsätzlich nicht mit der Liebe, will mich nicht loslassen.
(…)
Lebe wohl, meine arme Geliebte. Ich werde Dich nie vergessen und nie ersetzen. Es wäre absurd von mir, wollte ich Dir einreden, daß Du die reine Liebe warst und diese andere Leidenschaft nur eine Komödie der Sinne ist. Alles ist Sinnlichkeit und alles Reinheit. Aber eines ist gewiß: Ich war glücklich mit Dir, und nun bin ich elend mit einer anderen. Und so wird das Leben weitergehen.
(…) Aber das wird nicht heißen, daß ich glücklich sein werde ohne Dich … Jedes noch so winzige Ding, das mich an Dich erinnert – der mißbilligende Blick der Möbel in den Zimmern, wo Du die Kissen zurechtgeklopft und mit dem Feuerhaken gesprochen hast, jedes noch so winzige Ding, das wir zusammen entdeckt haben – wird für mich immer nur die eine Hälfte einer Muschel, die eine Hälfte einer Münze sein, von der Du die andere behalten hast. Lebe wohl. (…) Vergiß mich jetzt, aber erinnere Dich später an mich, wenn die Bitterkeit vergessen ist. Dieser Klecks rührt von keiner Träne her. Mein Füller ist kaputt, und ich schreibe  mit einem dreckigen Federhalter in diesem dreckigen Hotelzimmer. (…) Ich glaube, Du hast noch ein oder zwei Bücher von mir – aber das ist nicht wirklich von Bedeutung. Bitte schreibe nicht. L.”
Sebastian Knight, 144/145

 

 

Darüber, Geliebte, hinaus ist wirklich nichts mehr zu sagen.

Ihr ANH

 

 

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“Du mußt nur die Laufrichtung ändern.” Nabokov lesen, 25: Lushins Verteidigung.

 

 

 

(…) jene physiologische Empfindung der Harmonie,
die Künstlern so vertraut ist.
Lushins Verteidigung, 245
(Dtsch.v. Dietmar Schulze, bearb. v. Dieter E. Zimmer)

 

 

Der Junge Lushin wächst nicht sehr anders als sein Creator auf, geschützt im Zauberreich eines Landguts, darin die ihn umsorgende französische Gouvernante seine Phantasie mit den Abenteuern des Grafen von Monte Cristo in einem Sommer beseelt,

der hauptsächlich von drei Gerüchen erfüllt gewesen war: [dem von] blauem Flieder, frisch geschnittenem Heu und trockenem Laub,
Lushin, 9

in dem allerdings seinem Vater die Befürchtung eine Änderung dieser paradiesischen Umstände nahelegt, in denen er, der Junge, einer Mücke zusehen konnte,

die sich an seinem zerschundenen Knie vollsog und dabei beseligt ihr rubinrotes Hinterteil anhob[,]
Lushin, 11

daß der Bub,

wenn er erst erführe, wozu diese Sineus und Truwor so ohne jedes charakteristische Merkmal, wozu die Liste der russischen Wörter mit einem ‘Jetj’ und die Hauptflüsse Rußlands nötig seien, sich genauso anstellen würde wie vor zwei Jahren, als langsam und massig, vom Geräusch knarrender Treppenstufen, knackender Dielen sowie hin- und hergerückter Koffer begleitet, die französische Gouvernante erschienen war und sich mit ihrer Person im ganzen Haus breitgegemacht hatte.
Lushin, 12

Da war der Junior nämlich ausgerückt, man hatte ihn suchen müssen — und tatsächlich, genau dies geschieht nun erneut, da ihm eröffnet wird, fortan in der Stadt leben zu müssen, um die Schule zu besuchen. Der größte Schock dabei ist für ihn, fortan mit Vaternamen genannt zu werden, Lushin mithin: ein radikales, fürwahr!, Symbol der nunmehr geendeten Kindheit.

Vorbei war es auch mit dem süßen Sichgehenlassen nach dem Mittagessen auf der Couch unter der Tigerdecke und der genau um zwei gereichten Milch in der silbernen Tasse, die ihr einen so kostbaren Geschmack verlieh (…).
Lushin, 12

Und vorbei mit dem märchenhaften Privileg, privat gebildet zu werden. — Der Knabe sah es damals schon richtig: Das allgemeine Schulsystem,  mit zwei es zutiefst charakterisierenden Wörtern, ist scheiße — der auf Gruppengeist, eine contradictio in adiecto, trimmende Sportunterricht allem voran (angemessen allein ist, von “-ungeist” zu sprechen):

Nach jedem Schubs krümmte er sich noch mehr zusammen und verbarg sich schließlich im Halbdunkel. So saß er etwa zweihundertfünfzig große Pausen hindurch, bis man ihn ins Ausland brachte.
Lushin, 24/25

Zur Milderung seiner Not — ja sie erfüllen statt ihrer sein Innres, lassen es blühen: — entdeckt er zwei Bücher, von denen eines, bzw. die ihm folgende Serie an Erzählungen, → auch mich tief geprägt hat. Ich habe in dieser Nabokovreihe den Umstand schon mehrfach erwähnt.

Aber nicht die Sehnsucht nach ferner Wanderschaft ließ ihn Phileas Fogg folgen, nicht das kindliche Gefallen an geheimnisvollen Abenteuern zog ihn zu dem Haus in der Baker Street, wo sich der hagere Detektiv mit dem Falkenprofil eine Kokainspritze gegeben hatte und träumerisch Geige spielte (…), sondern ihre sich folgerichtig und schonungslos entwickelnde Handlung.
Lushin, 31

Es ist rasend interessant, daß Nabokov, wenn auch indirekt, den Grundstein seiner Poetik genau hier gelegt sieht. Welch ein, bei ihm doch ganz und gar unvermutbar, Ausdruck künstlerischer Demut! Zugleich erklärt es seine sogenannte Arroganz. Sie ist, wie Holmes einmal ausführt, nichts als geäußerte Erkenntnis eines tatsächlichen Seins. Zu sagen, was tatsächlich sei (daß etwa er über eine Beobachtungsgabe verfüge, deren Fenster bei den allermeisten bretterartig verdunkelt sind), habe nichts mit mißachtetem Understatement zu tun, sondern zeige die innere Klarheit. Nicht anders ist Nabokov mit seiner ja tatsächlich begnadeten Erinnerungskraft und der Fähigkeit umgegangen, ihr einen sprachlichen Ausdruck zu verleihen, der uns, seine Leserinnen und Leser, geradezu bildlich an ihr teilhaben läßt. Dabei sollte nicht vergessen werden, daß solche Fähigkeiten immer auch ein Fluch sind, zumindest indem sie unentwegt verpflichten. Und wie ließe sich Nabokovs Gabe anders beschreiben, als wie in der kurzen, einem anderen zugesprochenen Huldigung, daß nämlich Holmes

der Logik den Zauber eines Tagtraums verlieh.
Lushin, ebda.

Geschieht bei Nabokov nicht eben das in Gestalt der Fiktionen, die er aus seinen Erinnerungen entwarf?

Aber zu Lushin zurück, Lushin junior, der einer solchen Zauberwelt bedarf, um in der, wie man es nennt, “Realität” überhaupt bestehen zu können. Der Weg dorthin führt ihn über schließlich riesige Puzzlebilder zur ersten Begegnung mit einem Schachspiel, in das er die innigste Einführung erfährt, die sich denken läßt, und zwar von einem Musiker:

“Welch ein Spiel, welch ein Spiel,” sagte der Geiger und schloß das Kästchen behutsam wieder. “Kombinationen sind wie Melodien. Verstehen Sie, ich höre einfach die Züge [Sperrung von mir].”
Lushin, 42

Das Motiv wird siebzehn Seiten später poetisch noch verstärkt:

(…) und als Lushin nun die Schachpartien aus der Zeitschrift nachspielte, entdeckte er an sich selbst bald eine Eigenschaft, auf die er einst neidisch gewesen war, als sein Vater bei Tisch zu jemandem sagte, er begreife nicht, wie sein Schwiegervater stundenlang in einer Partitur lesen könn[t]e und beim Überfliegen der Noten alle Bewegungen der Musik höre.
Lushin, 59

Und schließlich, durchaus bereits als ein Meister des Spieles gefeiert, gelangt Lushin genau dort hin, wo auf anderem Feld sein Autor brilliert, der — wie es auch → Gerd-Peter Eigner tat, Nabokovs Bewunderer und wie dieser geprägt von Flaubert — seine Romane im Kopf entwirft, bevor er sie in einem Zug niederschreibt, gestützt nur noch auf Karteikartennotate. Lushin also spielt nur noch im Kopf. Dies allerdings kennzeichnet auch sein Verhältnis zur Wirklichkeit:

Man brauchte sich nicht mit den sichtbaren, hörbaren, greifbaren Figuren abzugeben, deren gekünsteltes Schnitzwerk und hölzerne Gegenständlichkeit ihn immer störten und ihm stets als eine grobe irdische Verkörperung der sublimen, unsichtbaren Kräfte erschienen, die dem Schach innewohnten.
Lushin,103

Entsprechend vernachlässigt er seinen Körper, geht mehr und mehr in die Breite, wird nahezu unbeweglich. Deshalb ist es schon gut, daß er an seiner Seite den wenn auch durchaus eigennützigen Walentinow als sozusagen Impresario hat, der

dessen Begabung unausgesetzt ermutigt und weiterentwickelt [hatte], ohne sich dabei auch nur einen Augenblick um den Menschen Lushin zu kümmern (…). Wie ein belustigendes Monstrum führte er ihn reichen Leuten vor, verschaffte sich dadurch nützliche Bekanntschaften, veranstaltete zahllose Turniere, und erst, als er den Eindruck gewann, daß sich das Wunderkind einfach in einen jungen Schachspieler verwandelte, brachte er ihn zu dessen Vater nach Rußland zurück, nahm ihn später aber wie eine Kostbarkeit wieder mit, als er meinte, daß er vielleicht einen Fehler gemacht habe und sich mit diesem Monstrum noch ein, zwei Jahre etwas anfangen ließ.
Lushin, 102/103

Das allerdings auf seinen Turnierreisen, auf denen Lushin — bis zu seinem Lebensende wird es so bleiben — von den geradezu weltweit besuchten Städten nie etwas anderes zu sehen bekommt als sein Hotelzimmer und die oft sehr verrauchte “Location” des Spiels, dennoch durch mehr oder minder Zufall, und zwar im Park eines Kurhotels, die Bekanntschaft einer Frau macht, der nämlich besonders gefiel,

daß er keine Notiz von ihr nahm und anders als die übrigen unverheirateten Herren im Hotel keinen Vorwand suchte, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie war nicht besonders hübsch, irgend etwas fehlte ihren zierlichen, ebenmäßige Zügen, so als hätte ihnen die Natur einen letzten, entscheidenden (…) Stups vorenthalten, der sie zur Schönheit gemacht hätte.
Lushin, 93/94

Ecco, die beiden kommen zusammen und heiraten sogar. Womit in Lushins Leben eine Wendung eintritt, mit der in keiner Weise zu rechnen war. Nicht nur, daß es Nabokov höchst ungewiß sein läßt, ob die zwei jemals wirklich intim miteinander verkehrten — es ist eher unwahrscheinlich. Weshalb, das möge die folgende Szene des Hochzeitsantrags illustrieren:

Er platzte bei ihr herein, als [hätte] er die Tür mit dem Kopf aufgestoßen, sah sie undeutlich in ihrem rosa Kleid auf einer Couch ausgestreckt, sagte hastig: “Tag, Tag”(,) und begann[,] im ganzen Zimmer herumzumarschieren, überzeugt, daß sein Erscheinen ungezwungen, witzig und charmant wirken mußte, und gleichzeitig vor Aufregung ganz außer Atem. “Um übrigens auf das zuletzt Gesagte zurückzukommen, habe ich Ihnen mitzuteilen, daß Sie meine Frau werden, ich beschwöre Sie einzuwilligen (…),” und damit setzte er sich auf einen Stuhl am Heizkörper, verbarg sein Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus; dann machte er Anstrengungen, die Finger einer Hand so zu spreizen, daß sie sein Gesicht bedeckte, während er mit der anderen sein Taschentuch suchte, und durch die zitternden, nassen Spalten zwischen seinen Fingern sah er ein doppeltes rosa Kleid raschelnd auf sich zukommen.
“Nun, genug, genug”, wiederholte sie beruhigend. “Ein erwachsener Mann und so zu weinen.” Er faßte sie am Ellbogen und küßte etwas Kaltes und Hartes — ihre Armbanduhr.

Lushin, 114/115

Und etwas später:

Anfangs versuchte sie[,] ihn auf die eine oder andere Art in den Kreis ihrer Verwandten einzupassen, in ihre Umgebung, ja sogar in ihre Wohnungseinrichtung [Unterstreichung von mir].
Lushin, 114/115

Doch

diese imaginären Besuche endeten alle mit einer ungeheuren Katastrophe.
Lushin, 116

Und sehr viel später noch:

(…) Lushin rieb seine Wange an ihrer Schulter, und dunkel war ihr bewußt, daß es vermutlich noch andere Freuden gab als die des Mitleids, daß diese aber nicht sie betrafen. Sie kannte nur eine Sorge im Leben, nämlich die unaufhörliche Anstrengung, Lushins Interesse für die Dinge der Welt zu wecken und seinen Kopf über dem dunklen Wasser zu halten, damit er ruhig atmen konnte.
Lushin, 219

So viel also zur Leidenschaft. Wobei die Lushins Gattin so treibende Sorge durchaus nicht ohne Gründe ist. Nicht nämlich die Ehe, ich schrieb es schon, ist, was die Wendung bringt und bringen mußte, so daß dem weltfremden Mann diese Welt schließlich selbst zu einem Schachspiel wird, dessen nahezu unbezwingbarem Gegner, der Lushin aber herausgefordert hat, mit einer Verteidigung begegnet werden muß, die sein, Lushins, Leben fortan so radikal bestimmt, daß er nun erst recht an ihr scheitert. Nämlich während eines entscheidenden Spiels gegen den mächtigen Spieler Turati bricht Lushin unversehens zusammen:

Nur noch eine letzte, ungeheure Anstrengung mußte er machen, so schien es, und er fände den geheimen Zug, der zum Sieg führte. Plötzlich geschah etwas außerhalb seines Wesens, ein beißender Schmerz — und er stieß einen lauten Schrei aus, schwenkte die Hand, die mit dem Streichholz in Berührung gekommen war, das er angezündet und dann an die Zigarette zu führen vergessen hatte. Der Schmerz verging sofort, aber in dem feurigen Spalt hatte er etwas unerträglich Schreckliches erblickt, das ganze Grauen der unergründlichen Tiefen des Schachs. Er warf einen Blick auf das Schachbrett, und sein Gehirn welkte dahin in einer nie zuvor empfundenen Müdigkeit.
Lushin, 219

Die Zeitungen nachher sprechen von einem Nervenzusammenbruch, der Lushin denn auch in psychiatrische Behandlung überführt, als deren Folge wiederum der kranke Mann ein für alle Mal aus den Fängen des seinem Nervengefüge so unzuträglichen Schachspiels herausgerissen werden soll. Jede weitere Berührung wäre von niemals mehr heilbarem Schaden. Doch wie dies erreichen, wenn für den allein im Geist — darin indes geniehaft — flinken, im übrigen schweren, behäbigen Lushin doch das “wirkliche Leben das Schachleben” war,

harmonisch, überschaubar und voller Abenteuer, und mit Stolz empfand Lushin, wie leicht er in diesem Leben herrschen konnte, wie hier alles seinem Willen gehorchte und sich seinen Listen und Plänen unterordnete [und] alles außerhalb des Schachs nur ein bezaubernder Traum war, in [dem] das Bild einer lieben, helläugigen Dame mit bl0ßen Armen schmolz und zerging wie der goldene Dunst des Mondes [?]
Lushin, 152

Zumal immer wieder — wenn auch die Gemahlin sämtliche an diese andere, für Lushin einzig wahre Welt erinnernden Utensilien aus seinem Zugriff fortschafft — Versuchungen an ihn herantreten, die er erst selbst abwehrt, dann ihnen heimlich nachgibt, bis er eben begreift, daß nunmehr das Leben selbst zum Schachspiel wurde:

Von diesem Tag an gab es für ihn keine Ruhe mehr — er mußte, wenn das möglich war, eine Verteidigung gegen diese tückische Kombination finden, sich aus ihr befreien, und dazu mußte er ihr endgültiges Ziel, ihre verhängnisvolle Richtung vorhersehen,
Lushin, 247

schon weil der Herausforderer dieser Partie schlimmer, weit schlimmer als Turati war, ein nämlich göttlicher, quasi, Turati, gegen den uns zu verteidigen wir schließlich alle versagen. Da, als er es vielleicht schon begreift, sieht er es, vorher bereits, auf der Seite 181 nämlich:

Und nach Ablauf vieler finsterer Jahrhunderte — einer einzigen Erdennacht — wurde es wieder hell, und plötzlich barst etwas strahlenförmig, das Dunkel zerriß und blieb als ein verblassender, schattiger Rahmen zurück, in dessen Mitte sich ein strahlendes himmelblaues Fenster befand.
Lushin, 181/182

Die Erwähnung genau dieses Fensters, im Badezimmer, das erst ganz am Ende des Romans wieder auftaucht, ist ein ebenso ungeheurer Trick Nabokovs wie es für Lushin die ihn durchziehenden finsteren Jahrhunderte sind, die im nicht verstehenden Anblick genau dieses Fensters kulminieren, so daß er selbst, Nabokov, sich sicher war, es würde diese Stelle überlesen. Deshalb weist er 1963, nicht ohne Stolz an seiner Konstruktion und durchaus als Attacke, im Nachwort zur englischsprachigen Ausgabe eigens darauf hin. Im Buch kommentiert er — Achtung, ducken!: Baumpfahl, geschwenkt — das Fenster acht Seiten weiter folgendermaßen:

Eine jede Zukunft ist unbekannt — manchmal aber hüllt sie sich in besonders dichten Nebel, als wäre der natürlichen Zurückhaltung des Schicksals noch eine andere Macht zuhilfe gekommen und hätte diesen elastischen Nebel ausgebreitet, an dem jedes Denken abprallt.
Lushin, 200

Und dann taucht Walentinow, der alte Impresario, wieder auf. So bleibt, letztlich, nur die Flucht, und als nach ihm, dem geflohenen Lushin, die Menschen in der Wohnung suchen, brechen sie schließlich das Badezimmer auf. Mehr mag ich nicht erzählen. Lesen Sie, Freundin, lesen Sie’s selbst.

 

Ihr ANH

 

 

 

 

 

 

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Sherlock Holmes.

Hält sich, der typische Hochbegabte, nicht an soziale Usancen. Nirgendwo wird das deutlicher als >>>> in den Granada-TV-Verfilmungen mit dem kongenialen Jeremy Brett. Wie der Mann da ausflippt, welche Ausbrüche er hat, wenn es nichts zu denken gibt, wie er sich den Leerlauf durch selbstgespritzte Kokaingaben erträglich machen muß – nicht um besser denken zu können oder weniger schlafen zu müssen, nicht um das Selbstbewußtsein aufzupuschen, wie das bei gewöhnlichen Koksern der Fall ist – also nicht aus Mangel an Begabung -, sondern des Übermaßes wegen, das eben in diesen Zeiten nichts zu kauen bekommt: all dieses zeigt gleichfalls an, daß Holmes ein sekundäres Genie ist, ein reproduzierender Künstler. Dem primären widerführe solcher Leerlauf nicht: Der nämlich e r s c h a f f t seine Gegenstände. Holmes hingegen bedarf der bereits geschriebenen Musik. Wäre er – bei seinem „Sujet“ – primär genial gewesen, er hätte seine Fälle e r z e u g t und wäre deshalb – Verbrecher geworden. Der ihm nun die Partituren erst vorlegen muß, an deren Interpretation sich seine Meisterschaft erweist.

(CCCLXXXXI).

Realitätsverschiebungen, 2: Selbstfiktionen (ff)

I

„Wer lange genug Genie spielt, wird eines.“ – Dieser Satz Dalís, den ich → Marcus Braun verdanke, kann fast als verhaltenstherapeutisches Muster für den dann immer weniger alltäglichen Umgang gelesen werden; er hat etwas von sich realisierender Selbsthypnose. Denn ihm zu folgen, bedeutet ja, Konsequenzen zu tragen, die ohne ihn kaum je in den Horizont gerieten; will sagen: Solche Selbst-Stilisierungen verlangen die Realisierung, machen also Arbeit. Und zwar nicht wenig. Es will etwa ein Werk vorgelegt werden, das man ja auch schreiben/erfinden/malen usw. muß. Denn unabdingbar kommt es zur Nagelprobe. Wer dann nicht hält, fällt tief. Und hat zur Hybris noch den Spott zu tragen.
Zugleich ist solche Stilisierung ein Weg zur Weltveränderung; ich meine den Begriff nicht pathetisch, sondern nüchtern: Es wird zur Welt etwas hinzugetan, das vorher nicht da war. Welt wird bereichert, wie ja Leben sich ohnedies dadurch auszeichnet, daß immer mehr Neues hinzukommt. Das Ganze hat selbstverständlich einen hochliterarischen Aspekt: Ob es Sherlock Holmes gab oder nicht, findet einen je unterschiedlichen Reflex in der Welt (den Köpfen, die sie schaffen), und zwar unabhängig davon, ob es ihn „wirklich“ gab oder nicht. Fiktionen seien realitätsbildend, schrieb ich anderswo. Interessant ist nun, solche Fiktionen nicht allein auf Kunstwerke, bzw. Gedankengebilde anzuwenden, sondern tatsächlich auch auf sich selbst und damit dann wie bei einem „Feldforschungs“-Projekt herumzulaufen und die Reaktionen anderer nicht nur zu beobachten, nein, das wäre allzu distinkt, nahezu feige, – sondern sie auf sich wirken zu lassen und entsprechend seinerseits zu wirken. Daraus ergeben sich dann höchst komplizierte, teils auch höchst heitere Dynamiken, die ihrerseits Innenbilder (Projektionen) anderer prägen. Insofern ist Welt tatsächlich „ein Text“, allerdings einer, der auch mit Blicken geschrieben wird. Und mit Haut.
Nicht nur das: Man selbst verändert sich dabei.

II

Etwas ganz Ähnliches, vielleicht sogar Gleiches geschieht, wenn man reist, um jemanden zu treffen, mit der man bis dato nur chattete, bzw. über Webcams kommunizierte. Allerdings gibt die Cam äußerliche Kriterien hinzu, modifiziert also die Projektionen der Spielpartner, so daß eine „Ent/Täuschung“ nicht mehr in derselben Weise zu gewärtigen ist, wie wenn es sich allezeit vorher um „reine“, also verbal entstandene Fantasien handelt. Allerdings kann mich die „Täuschung“ dann auch nicht mehr in einem Maß berauschen, wie es der „zufälligen“, schlagartigen Übereinstimmung gegenseitiger Projektionen mit Gerüchen, Haut, Lachen, Augenblitzen vermöchte.

Und dann ist doch alles irgendwie anders: Man sieht sich, und anfangs ist da Scheues, Rückweichendes, das aber wiederum auch lockt. Woraufhin sich, was im Chat einmal erreicht war, bestätigend wiederholt und wiederholen muß: Doch jetzt weiß die Verführung, worauf sie hinauswill. (Übrigens ist sie wechselseitig. Sage also niemand, das Internet schaffe nicht neue Realitäten!)

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Realitätsverschiebungen 1 <<<<

W e l l e n. Weblogbuch Freecity. (Das Leben als einen Roman begreifen).

 

[Weblogeintrag des Samstags, den 11. Oktober 2003, 18:46]

 

“Wenn es das Wahrscheinliche nicht ist, dann
muß es, Watson, das Un wahrscheinliche sein.”
Holmes bei Conan Doyle

FÜR LEUTE, DIE EINEN MOMENT LANG NACHDENKEN MÖCHTEN

1) Man kalkuliere Gerichts- und Anwaltskosten. Man rechne das mit dem Risiko hoch. Man frage sich: Wer kann das zahlen.
2) man schaue in ein Buch und vergesse einmal die Liebesgeschichte. Man sehe, daß eine Familie verhandelt wird, die von extrem hohen Nazis stammt.
3) man schaue, welche Funktionen die Nachkommen gegenwärtig innehaben. (Handelsregister)
4) man erstaune, daß in keiner Kritik von so etwas die Rede ist.
5) man frage sich: Wer – außer dem vorgeblich in seinen Persönlichkeitsrechten Geschädigten – kann ein Interesse daran haben, daß solch eine Geschichte erzählt wird.
6) Man ziehe einen Schluß.

Dies ist, ich gebe es zu, ein Roman. Na gut: Das Exposé eines Romans. Aber ein gutes.

ANH, nachts, Buchmesse 2003

Wellen (ff). Notat von 2003, in der Buchmessennacht.

[Eintrag vom 11.10.2003 / 01:32
Nachts, Buchmesse 2003]

 

FÜR LEUTE, DIE EINEN MOMENT LANG NACHDENKEN MÖCHTEN:

Wenn es das Wahrscheinliche nicht ist,
dann muß es, Watson, das Unwahrschein-
liche sein.
Holmes bei Conan Doyle

1) Man kalkuliere Gerichts- und Anwaltskosten. Man rechne das mit dem Risiko hoch. Man frage sich: Wer kann das zahlen.

2) man schaue in ein Buch und vergesse einmal die Liebesgeschichte. Man sehe, daß eine Familie verhandelt wird, die von extrem hohen Nazis stammt.

3) man schaue, welche Funktionen die Nachkommen gegenwärtig innehaben. (Handelsregister)

4) man erstaune, daß in keiner Kritik von so etwas die Rede ist.

5) man frage sich: Wer – außer dem vorgeblich in seinen Persönlichkeitsrechten Geschädigten – kann kein Interesse daran haben, daß solch eine Geschichte erzählt wird.

6) Man ziehe einen Schluß.

(Dies ist, ich gebe es zu, ein Roman. Na gut: Das Exposé eines Romans. Aber ein gutes.

 

NACHTRAG, März 2020:
“Wellen” war der von mir
für die damaligen Dschungel-

beiträge gewählte “Tarnname”
für Meere.

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