“Dies viele, viele Grün!” Aus der Nefud, Phase III (Tag 9): Mittwoch, den 24. Juni 2020. Das heute staunende Krebstagebuch, Tag 56.

Allabends wird die Nefud grün. In einer Wüste hätte ich so etwas niemals für möglich gehalten. Doch wir müssen nur unser Abendlager aufgschlagen haben und ich mache mich für den täglichen Spaziergang bereit, der mein Lauftraining vielleicht nicht grad ersetzt, aber in der Nefud sinnvollwerweise seinen Platz eingenommen hat, beginnt die Landschaft, üppig vor Leben zu werden. Ich sehe dann sogar Straßencafés voller teils so junger Erwachsener, daß sich all meine Sorgen wegen eines WeitersderWelt von selbst zerblasen; überall Gelächter, überall Kinder, und Eis wird geschleckt, bei Hokey Pokey, aus mir schleierhaften Gründen – die seit über zwei Jahrzehnten betriebene Kleine Eiszeit ist ebenso gut und aber deutlich preiswerter, nur halt nicht ganz so “hip” – stehen die Leute nach quasi Kilometern an; der auf Coronas Abstand bedachte Flaneur verläßt den Bürgersteig hier besser und schreitet auf dem Fahrdamm weiter. Und wir verlassen die Wüste immer mehr, indessen doch die Wahrheit diese ist – jedenfalls für mich:

Ich weiß es. Ich komme damit klar. Einen Großteil meines Lebens war ich uneinverstanden; zwar einverstanden mit dem Leben immer, indes mit den Sozialitäten nicht, nicht mit den Hierarchien und darunter der Gleichmacherei. Nicht mit dem gleich zu denken. Jetzt spielt es keine Rolle mehr. Auch hier bin ich jetzt einverstanden, schau’s mir an und lächele. Will ja gar nicht, daß all das vorbei sei, im Gegenteil. Selbst ihra Musi sulln’s nur spüü:n. Und dann kommt, am Ende des aus dem Mauerpark hinausführenden Birkenwäldchens, nicht nur der erste Free Climber in Höhensicht, hier an einem Massiv am Wulst des Wadis Rumادي رم), sondern vielleicht anderthalb Kilometer weiter erblickte ich dies da – zweifellos eine Geschichte für sich, die erzählt werden sollte:Irgend jemand ist bis hierhin geradelt (was mich an eine weitere Prägung meiner späten Kindheit erinnert, nämlich an Heinz Helfgen) und hat das Rad mitten in der Nefud stehen lassen, aber irrerweise angeschlossen. Dann ist er oder ist sie aus höchst rätselhaften Gründen zu Fuß weitergegangen, indessen das Rad, als ob’s im tiefsten Dschungel gestanden, gleichsam Wurzeln in der Wüste schlug, aus denen Ranken, Blätter, schließlich violette Blüten das verlassene Gefährt nach und nach umschlangen, bis es, das Fahrrad, zu einer Oase-in-der-Gestalt-eines-Fahrrades ward:

 

 

 

Solches, ja, sind während der allabendlichen Spaziergänge — sie dauern je zwischen einer und zwei Stunden — meine Wahrnehmungen, von denen ich aber gar nicht bestreiten will, daß auch sie sie Nebenwirkungen der Strahlungen sein können, denen Li und ich hier ausgesetzt sind — beide gleichermaßen: Wer also wollte behaupten, daß ich zur Krebsin unfair sei? Dafür bin ich viel zu dankbar, der Welt dankbar, daß sie mich in ihr ließ und körperlich mir immer gut war, egal, wie sehr ich’s hedonistisch übertrieb. Jetzt läßt sie mich noch einmal schauen. Und gestern abend dachte ich, da war ich erst so spät aufgebrochen, daß ich nicht früher heimkam als 21 Uhr … dachte ich also, wenn ich dies überlebte (es sind bis zur OP nur noch etwa drei Wochen, etwas, das ich dauernd vergesse), dann würde ich gerne noch einmal ein paar Stätten sehen, und Städte, um dort ein wenig zu verweilen:

* Die Ciane– und Arethusa-Quellen auf Sizilien, sowie ebenfalls dort Catania und Palermo je für paar Tage
* Napoli und beim Freund in Amelia
* die Serengeti noch einmal sowie im Kruger → OLIFANTS
* Mumbai mit Mahalakshmis Bucht
* die Isola del Giglio für einen letzten Tauchgang
* Paris und Wien je für ein paar Tage
* Soufrière auf St. Lucia und – zu Fuß durch die Dschungel hinauf – den kochenden See auf Dominica

 

 

 

 

  • Und gerne, einmal, bei St. Helena dreißig Meter unter den Blauwalen tauchen:

Doch alles dies mit Nefudblick auf Aqaba, Lis und meinem Ort der schließlichen Vereinigung, von der wir nicht wissen, ob sie nicht doch zu einer wird im Tode — vor dem ich mich schon deshalb nicht fürchte, weil er das Leben garantiert, ein Weiterleben und nicht-enden eben, wenn auch, gerechterweise, anderer als mir, denen die Herrlichkeiten dieser Welt genauso wenig vorenthalten werden dürfen, wie sie mir vorenthalten wurden. Ich habe das meiste, was zu sehen war, gesehen und ausgeschöpft, was immer an Genuß es gab (zu dem auch Leid gehört, selbstverständlich).
Aber immer wieder auf meinen Abendspaziergängen kehren hierhin meine Gedanken zurück. Auch gehe ich durch den Prenzlauer Berg wie einer, der schon nicht mehr ganz dazugehört. Und falle natürlich auf, trage es an mir, verberge es nicht; bereits die Kleidung ist ein Spiegel:

 

Vieles steht so auf Abschied, einem ruhigen, besonnenen, der auf getanes Werk zurückschaun kann; alles Weitre wäre eh der Nachwelt, einer auch, die noch mir Mitwelt ist, aber wie ich vielleicht schon spürt. Und selbst, wenn meine Krebsin und ich Aqaba überleben sollten, würde das Leben ein anderes werden, wie es jetzt bereits schon ist. Denn auch das ist mir bewußt, daß das Wort “geheilt” auf die Tumorin schon deshalb nicht angewandt werden kann, weil sie eben keine Krankheit ist; und genau deshalb würde ich auch nach solch einer “Heilung” mit ihr für immer weiterleben müssen, vielleicht sogar wollen. Denn jederzeit wird zu gewärtigen sein, er sei, der Krebs, “zurück”; “jederzeit” bedeutet: in den kommenen fünf Jahren. Hält Li sich da bedeckt, könnten wir neunzig werden zusammen; sollte sie zu ungeduldig sein, werde ich froh sein müssen, wenn wir die siebzig erreichen. – Ich sollte meiner Krebsin vielleicht → wieder schreiben, sie meinerseits locken, mit einer, sag ich mal, anderen Erotik zu “Dingen” verführen, die auch sie begeistern könnten, obwohl ich so genau nicht weiß, was de facto sie bedeuteten: etwa daß ich, sollten sie und ich überleben, auf jeden Fall LSD ausprobieren möchte, ebenso Mescalin, ebenso chemische Drogen – alleine, um auch das erlebt zu haben … und um zu erfahren, wie sich meine Poetik möglicherweise dann noch ändern würde, ja, ob es überhaupt einen Einfluß auf mich hätte. Was ich annehme, aber faktisch wissen nicht kann.

So schaue ich ziemlich neugierig dem Kommenden entgegen, so angstfrei auch deshalb, weil ich in einen sehr guten Tag erwachte, zwar nochmals abgenommen habe (71,4 kg heute), aber nahehzu beschwerdefrei nach abermals sechs Stunden tiefen, ununterbrochenen Schlafes erwachte; selbst die Füße sind nicht geschwollen, kribbeln allerdings weiter, und das bißchen dauerndes Nasebluten … nun jà … – zudem sich ein nächstes, bislang nicht aufgetretenes Blutungsphänomen dazugesellt hat, und zwar an Stellen, die ihr Haar verlieren, besonders der Bartbereich, der jetzt ohne Bart ist, dafür wie in der Pubertät Pusteln bekommen hat, die eben bluten, wenn ich an ihnen kratze. Neu ist auch ein ständiges Jucken in den Achselhöhlen – ebenfalls an den Haarwurzeln. Da ich sie seit Jahren rasiere, kann ich nicht sagen, ob dort noch etwas wächst; mein Eindruck ist hingegen: nein. Wiederum bin ich am Körper nach wie vor behaart; ich wäre mir ein Fremder, wäre es anders, und werd ein solcher wohl noch werden. Doch am Brustpelz kann ich noch, auch härter, zupfen, ohne daß die Haare “abgehn”; nur wächst nichts nach, wo aus medizinischen Gründen wegrasiert werden mußte. Die Gegend um meinen Bauchnabel, nach → der Laparoskopie, ist geblieben, als was Herrn Straussens Haushofmeister Ariadnes  Naxos bezeichnet, zwar eine “wüste” Insel nicht (allenfalls im Sinne der Nefud, ich meine, auch sie, Ariadne, erwartete eigentlich Hermes – als Walkürich in diesem Fall), aber jämmerilch halt doch, so nackt im dunklen Haarmeer meines Bauchs.

Ich will jetzt eine Stunde schlafen; die Kontrollstation, in der wir für mogen um neun Uhr gemeldet sind, haben wir fast schon erreicht. Ich bin grad gut zu Dromedar: kein Schwindelgefühl, keine Übelkeit, keine Schwächeanfälle, kein Schmerz. Zum ersten Mal tut mir eine Chemo gut, wenn sie wieder abklingt; bislang war es genau umgekehrt. Dafür spinnt mein Verdauungssystem auf alles andere als noch verstopfende Weise, und zwar so drängend-dauernd-klecklich (kläglich), daß es nicht gut ist, sich allzu weit von möglichen Örtchen zu entfernen. Aber auch das ist eher lästig als schlimm.

Ihr ANH

[صحراء النفود.عالم آخر, Mittagslager
13.35 Uhr
)

 

 

Die Königsgärten des Abdulls: Aus der Nefud, Phase III (Tag 8): Dienstag, den 23. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 55.

[صحراء النفود. عالم آخر
  5.10 Uhr, 71,7 kg
Maxwell Davies, Naxos Quartet No 9]

Wir haben tatsächlich einen ganzen Tag Pause gemacht. Nicht nur das Wunder dieses Ortes erheischte sie, sondern meine Zustand war in der Tat … nein, nicht “bedenklich”, das ist er eh seit der Diagnose, doch dieser dritte Höllenkreis kostet enorme Kraft. Ich schrieb es Ihnen, Freundin, schon. Es ist nicht eine Qual, bewahre, sondern aushaltbar, nicht ständig angenehm, Sie spüren einfach, daß Sie Ihren Körper seit nunmehr viereinhalb Wochen unentwegt vergiften (sämtliche Zytostatica sind hochtoxisch), das hat Folgen im allgemeinen Zustand, vor allem auch der Konzentration, wenn man sich dauernd irgendwo ausstrecken und die Augen schließen möchte. Auch insofern war Faisal leicht zu überreden. Aber er selbst, die diese Gärten wie ich zum ersten Mal sah, mochte eigentlich nicht wieder fort, nicht gleich jedenfalls. Zudem er mit dem Herrscherhaus nicht nur über den gemeinsamen Glauben verbunden ist.
Wie auch immer, dieses war und ist der richtige Platz. Mehr noch, er wäre ein Ort, um aufgehoben zu sterben. Du hast ja das Paradies schon erreicht. In meiner Berliner Parallelwelt trudelte sogar die Fantasie eines Anrufs aus Riyad auf mich hernieder (es drehn sich fallende Buchenblätter so); man sei dort wegen meiner Erzählung aufmerksam gewesen, zu der verwendete Bilder sie, die Anrufer, geleitet hätten; und erst zwar sei man aus rechtlichen Gründen ungehalten gewesen und habe rechtliche Schritte erwogen, lächerlich, ich möge bitte verzeihen, – aber dann habe man verstanden, worum es eigentlich gehe und was ich poetisch versuchte, weshalb der — ich weiß nicht mehr, ob der freundliche Anrufer “Sheik” oder “König” sagte (er sprach ein deutlich arabisches Englisch) … weshalb der also DER mir das Angebot unterbreite, mich in den Flieger zu setzen (“nach Aqaba? nein, nach Riyad doch!”) und am Hofe (sagte er das, am Hofe?) ein Quartier auf Lebenszeit zu nehmen mit jederzeitigem Zugang zu den Gärten. Als einzige Gegenleistung werde erwartet, nein, nicht zu konvertieren, aber doch täglich den Koran zu lesen und ihn in meine Dichtung ebenso einfließen zu lassen wie → mein großer Vorgänger es getan, “ein viel größerer, wir wissen, ja … doch wenn Sie sich die profanen Zeitläuft’ betrachten …” — Hm. Unwahrscheinlich, daß er “Zeitläuft'” gebrauchte, zumal mit der Apostrophierung; ich wüßte nicht einmal, wie das Wort-selbst ins Englische zu bringen; da werd ich’s kaum verstanden haben. Doch kommt es nicht darauf an.

Wie erzählt und → dort auch längst nachgetragen (19.31 Uhr), waren wir bereits am Sonntag abend angekommen. Der Tag war ein bißchen besser als der Sonnabend gewesen, nicht gut, aber besser. Schon beim Losritt war es so gewesen, auch wenn ich nur wenig geschlafen hatte, durch”gehend” kaum mehr als drei Stunden, noch zwar, wie auch jetzt, kribbelt’s in den Finger und Füßen, aber die leichte Dauer-Übelkeit hatte sich verflüchtigt, wozu der arabische Kaffee unseres Kochs sein übriges Bestes hinzutat. Und wiewohl Riyad von der Nefud nun wirklich fast eintausend Kilometer entfernt ist, war niemand verwundert, als sich vor uns die Pforten dieser wahrhaft orientalischen Zauberwelt plötzlich erhoben… eine abgeschlossene, erst einmal, wie so vieles in der arabischen Welt hinter wie undurchdringlichen Mauern, die sich bis an den Horizont ziehen können, rechts vor dir, links von dir, und du gehst diese enge, enge Unendlichkeitsgasse entlang. Ganz selten eine Tür, ob in der Mauer links, ob rechts, Fenster aber nie. Hier war es aber nur eine einzige Mauer, die sich nach Art der Chinesischen quer durch die in unserm Falle Wüste zog, und sie war war derart quitte-, quittegelb, daß zu schreiben nicht falsch ist, sie habe sich uns, sich jähe aus dem Sand erhebend, in den Weg gestellt. Ja, sie verlangte, daß wir an ihre Pforte pochten. Alleine deshalb gab Faisal gab seinem Diener das Zeichen.
Lars glitt vom Kamel, federte auf, hob den rechten Arm vor der feinen Metallarbeit der, so schien es, durchbrochenen Kalligraphie, mußte mit den Knöcheln aber gar nichts berühren, da schob sich bereits hinter ihr die Abdeckung fort.
Eine Greisin öffnete uns, wie zu erwarten in völligem Schwarz. Nur nahm sie von Lars nicht die geringste Notiz und irritierenderweise auch von Doktor Faisal nicht, dem nun deutlich Führer und Herrn unserer kleinen Karawane. Sondern sie wandte sich ausgerechnet an mich, Alban ben Nemsi. “Da sind Sie ja endlich, sagte sie. “Auch wenn Sie kein Rechtgläubiger sind, grüßt Sie dieser Ort. Treten Sie ein mit Ihrem Gefolge, und wenn Sie mögen, dann sterben Sie in Frieden hier.”
Ich weiß nicht genau, weshalb, aber mußte an Marah Durimeh denken, die meinem Vorerzähler May allerdings in Weiß erschien und hier, im islamisch-patriarchalen Zusammenhang, eine höchst unwahrscheinliche “Sultanin” war. Außerdem, seit wann empfangen Fürstinnen und Fürsten ihre Gäste selbst und stehen dazu auch noch am Tor bereit, um den Fremden mit eigner Hand zu öffnen, wie eine Burgwache oder jemand vom Wachschutz bei TIFFANYS? – Später behauptete Faisal denn auch (was nicht minder irre war), die Greisin sei eine “Malukkin” gewesen. Vielleicht hat er aber → Mamlukin gesagt? Für die arabische Geschichte sicherlich näher liegend, auch wenn es wiederum zweifelhaft ist, daß es weibliche مماليك gegeben hat, also leibeigene Söldnerinnen, die besonders als osmanische militärische Elite im arabischen Raum selbst kulturgründend wurden, indes seit Bonapartes Ägyptenfeldzug nach und nach in den Bevölkerungen aufgingen und ihre kulturellen Konturen verloren.
Es spielt allerdings auch keine Rolle, weil Frau Durimeh, nachdem sie uns einen Wohnbereich zugewiesen hatte, überhaupt nicht mehr erschien. Mit wem meine Gefährten und ich noch Kontakt hatten, war lediglich das um unsere Wohlfahrt besorgte Gesinde — alles sehr leise, schnell vorüberhuschende, vorübertrippelnde ausgesprochen schöne junge Männer; Frauen bekamen wir keine mehr zu sehen, wirklich nicht eine einzige – ein Umstand, der mich gerade wegen meiner erotischen Neigung zu Orientalinnen normalerweise betrübt hätte, nun indes mich nicht einmal befremdete. Ich spüre, daß die Strahlungen der Nefud meine Zeugungsfähigkeit bereits zerstört haben, womit sie aber ja nur etwas sozusagen firmen, das mir schon seit vier Jahren schmerzlich bekannt ist: daß ich nicht mehr Vater werde. Nun muß ich darob nicht mehr klagen. Es hat keinen Sinn, sich nach etwas zu sehnen, das nie mehr werden wird; die Nefud hat diese Sehnsucht, hinge ich ihr weiter an, schlichtweg lächerlich gemacht, sie also gegen meinen Stolz gestellt, einen trotz der chemotoxisch herbeigeführten Unfruchtbarkeit männlichen Stolz. Und als ich gestern, ganz für micb allein, die weiten Anlagen durchschritt, kam mir die Erkenntnis, es werde, sofern ich alles überlebte, jetzt Zeit, mich zu vergeistigen. Nicht, um den Körper zu schmähen (“schwaches Fleisch” – welch widerlicher Unfug!), sondern um ihn auf andere, für meine Arbeit und also mein Sein neue Weise zu ehren. — Aber, Freundin, schreiten Sie erst mal ein bißchen mit mir herum, ergehen auch Sie sich (damit Sie verstehen), doch schalten Sie den schrecklichen Ton aus, den es in der Realität auch gar nicht da gibt:

Und selbstverständlich sind wir, anders als in dieser Animation, miteinander allein; wir brauchen gewiß auch die “Picnic Areas” nicht — eine für die Nefud unnötige Bemerkung, weil wir ja eben nicht wirklich in Riyad waren, sondern King Abdullah’s Gardens sich, läßt sich das so schreiben?, alleine meinetwegen derart weit von ihrem wahren Ort entfernt reinkarniert (?) hatten und noch haben. Vielleicht eher doch Lis wegen, von der mir zunehmend schwante, daß sie mit Frau Durimeh, wer immer die in Wahrheit sei, ein ausgesprochen vertrautes Verhältnis habe. Ich will es sogar so formulieren: Die beiden sind ein- und dasselbe Geschöpf, nur in anders dimensionalen Zuständen – insofern Lilly nämlich, falls ich sterbe, mit mir sterben, Marah Durimeh aber bleiben, sich freilich auch niemals konkret in jemanden einnisten wird. Sie verhält sich wie die Idee zu ihrer Konkretion, ist reine, allerdings wirkende Allegorie — und muß schon von  daher älter, sehr viel älter als Liliy, muß uralt sein, tatsächlich. Wie Frau Durimeh es auch ist. Wobei, daß sie sich nicht mehr gezeigt hat, sehrehr wahrscheinlich an meinem Entschluß liegt, in den Gärten nicht zu sterben. Obwohl ich gestern sehr versucht war, es zu tun. Denn nach unserem, Freundin, langen, langen Rundgang kam ich so abgeschlagen in das mir gegebene Zimmer zurück, daß ich mich sofort aufs Dunckerlager legen und ausstrecken mußte; an sich hätte ich etwas essen sollen, aber mir war leicht schlecht, so daß ich überhaupt keinen Hunger hatte, um von “Appetit” besser zu schweigen, und entsprechend habe ich auf heute früh wieder an Gewicht verloren. Wie gut, daß ich genügend Fresubin in den Reisetaschen habe! (Eine ist von den vielen, vielen Fläschchen wirklich prall). Allerdings hängen sie noch an Röhrerichs Sattel, und ich weiß nicht, wo die Stallungen sind – sagt man so auch bei Kamelen? Wobei ich jetzt eh nicht mehr losgegangen wäre.
Wie froh ich war zu liegen! Dabei war es wirklich noch hell. Ich wollte mich aber auch nicht ablenken, sondern mich gewissermaßen um mich selbst zusammenziehen. Und nahm die Stax-Hörer. Die Zeit war gekommen, der von mir als dringlich empfundenen → Anregung FJKs nachzukommen:

Sie müssten jetzt nach dem molto espressivo Bernstein den kühl (!) intellektuellen (!!) Karajan mit seiner – d.h. Gustav Mahlers (ANH) – 9. anhören. Das ist, obwohl … etc. pp., eine „gültige“ Interpretation.

Womit er, mit dem “gültig”, komplett recht hat, nur daß ich nicht weiß, ob ein “leider” dahintersetzen; denn Knelangens “obwohl … etc. pp.” ist ja dummerweise wahr. Hohe, in mir, Ambivalenz also. (Doch wo wäre meine Musikkenntnis stecken geblieben, hätte ich nicht seine, Karajans, Salome mit der jungen Behrens, nicht seinen Ballo in maschera  noch gar seinen Otello jemals kennen gelernt?)
Und also auch, wenn ich in diesen eine Stunde zwanzig währenden Momenten eigentlich bereit zu sterben war, etwas tatsächlich weder Vorhersehbares noch auch Wiederholbares hielt mich im dämmernden Leben. Ich habe es Herrn Knelangen vorhin schon privat geschrieben:

Was soll ich, kann ich sagen? Enorm, Karajan läßt keinen Schmerz aus (der in der Komposition selbst steckt, in ihrer Faktur), mildert nichts, läßt aufeinanderprallen, auch wo’s unschön wird … wobei ich dann auch noch eine akustische Vision hatte: In den vierten Satz bricht plötzlich ein weiterer Satz ein, eine “Rohfassung” des Stücks aus jüngeren Jahren, ungebremst, expressionistisch, auch etwas grob… Daran schloß sich ein erklärender Traum an: Mahler habe dieses Stück (ähnlich der “Todtenfeier”, die später Satz 1 der Zweiten wurde) als Jugendlicher komponiert, dann verworfen, aber jemand habe die Partitur einer Zeitung zugespielt, die – die Zeitung! –sie dann ohne Mahlers Einwilligung, ja ohne sein Wissen habe aufführen lassen. Daraufhin habe er einen Prozeß angestrengt, aber schnell wieder aufgegeben, weil was geschehen, geschehen….
Jedenfalls dieser rohe, harte, auch grobe “Vor-Vierte-Satz” brach unversehens über mich herein, während ich den “richtigen” noch hörte.
Spätestens da wußte ich, auf einen schweren Trip gegangen zu sein.

Doch eben auch, daß es zu sterben noch die Zeit nicht war.

Ich hörte die Sinfonie liegend, fast starr, ganz zuende. Dann war es nachtdunkel im Raum. Von draußen hörte ich, aus Vitrinen wahrscheinlich, Vogelrufe. Im Hinterhaus leuchteten hinter vier Scheiben noch Lampen. Ich sah nicht zur Uhr, hing nur wieder die Kopfhörer in ihre Halterung hinter meinem Schreibtisch. Dann rauschte ich, fast selber ein Wind, in die Gärten der Nefud zurück, schmiegte mich an — und schlief sechs Stunden durch.

Ich muß, denke ich, nicht erzählen, daß ich nicht etwa in dem Gästeraum erwachte, sondern wieder in meinem Zelt, das mit den anderen Zelten diesmal am Fuß eines Granithangs errichtet worden war. Woran ich freilich überhaupt keine Erinnerung hatte, nämlich so wenig wie Faisal an die Gärten oder gar an Marah Durimeh. “Wir haben befürchtet”, erkläre er, bevor wir uns auf die Dromedare machten, “Sie hätten extrem hohes Fieber. Denn tatsächlich haben Sie gestern abend vor Schwäche wild fantasiert. Sie hatten aber keines, waren nur kraftlos, mußten unbedingt ruhen, schafften es aufs Lager alleine aber nicht. So daß wir mit vereinten Kräften … Und Sie, Sie haben die ganze Zeit vor sich hingesprochen. Keine Sorge, es war fast nichts zu verstehen. Nur, daß es offenbar um Musik ging. Ich gab Ihnen noch ein paar Tropfen zum Durchschlafen. Ihre Füße sahen gräßlich aus. Aber schaun Sie, sehr viel besser heute vormittag, ich kann direkt wieder Zehen erkennen. Das ist doch schon mal was. Richtiggehend menschlich.”

An Faisals Witze muß man sich gewöhnen. Er kommt auf sowas aber nur, wenn ein besonderer Druck auf ihm lastet, den er wegscherzen will. Ich weiß, das überrascht auch Sie. Habe ich von ihm  bisher ein zu hehres Bild gezeichnet? —
Wie auch immer, der Druck ist objektiv, unseren nächsten Posten, als Kontrollstation, müssen wir übermorgen erreicht haben. Und dann wird’s strammen Rittes dem vierten Höllenkreis entgegengehn, vor dem’s mich diesmal, zugegeben, denn doch etwas bangt. Danach indes kommt Aqaba — kommst, Liligeia, Du.

ANH

 

 

HÖRKUNST
Othmar Schoecks Stimme des Windes von Lenau

 

 

 

Und ausgerechnet da, nachdem wir abends angekommen waren, hörte ich es zum ersten Mal, hörte ich’s, wiewohl ich es schon oft gehört und nun nicht weiß, weshalb ich’s immer, scheint’s mir, überhört, nie bewußt gehört hatte — die Kunst nie gehört, beider, der Dichtung wie Musik. Es hat die Nefud gebraucht, mich vorzubereIten, vielleicht sogar sie selbst, Liligeia, -gäa, mich bereit zu machen hierfür, bis ich es selbst, für solche Wahrheit klingendes Gefäß, war:

In Schlummer ist der dunkle Wald gesunken,
Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen,
Den Blütenduft zu tragen, und es schweigen
Im Laub die Vögel und im Teich die Unken.

Leuchtkäfer nur, wie stille Traumesfunken
Den Schlaf durchgaukelnd, schimmern in den Zweigen,
Und süßer Träume ungestörtem Reigen
Ergibt sich meine Seele, schweigenstrunken.

Horch! überraschend saust es in den Bäumen
Und ruft mich ab von meinen lieben Träumen,
Ich höre plötzlich ernste Stimme sprechen;

Die aufgeschreckte Seele lauscht dem Winde
Wie Worten ihres Vaters, der dem Kinde
Zuruft, vom Spiele heimwärts aufzubrechen.

Das Wunder war nicht, daß Abdullahs Gärten von Riyad so unvermittelt in der Nefud, so muß ich es sagen, erschien, sondern daß ihre orientalische Planzenarchitektur so viel vom Norden und seinen dunklen Wäldern wußte, deren Sänger sie da ward. Und ich verstand, → was Goethe im Westöstlichen Divan bewegt und als ein ganz eigenständiges poetisches Vermögen empfunden hat, unter dessen sanftem Mandelblick unsre Härten sich vor jedem Lächeln, das einlenkt, verneigen — auch wenn ich dazu momentan die Welten wechseln und nur für diese Schallplattenlänge in meine Arbeitswohnung aus der Wüste zurückkehren mußte. Denn “meine” Aufnahme ist auf Vinyl, und selbst in diesen Gärten gibt es keinen Plattenspieler. Dennoch, wiewohl ich mit den Kopfhörern auf meinem Dunckerlager lag, vernahm ich das Lied in den Gärten. Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen. Spüren Sie dennoch, Freundin, was dieser Vater will, wenn er uns zuruft, langsam heimwärts aufzubrechen?

Wo werde ich morgen erwachen?

Schwindelritte und fast Sturz bei Ave Stella Maris. Aus der Nefud, Phase III (Tag 6): Sonntag, den 21. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 53. Darinnen Die Brüste der Béart, 52.

[صحراء النفود.Anderswelt, 12.10 Uhr (Mittagslager)
Peter Mawell Davies, Ave Maris stella für Klavier, Klarinette, Flöte, Marimba, Bratsche und Violoncello (1976)]

Denn das wurde mir gestern völlig bewußt, daß ich das gesamte Wortmaterial des Ave  Maris stella in das letzte Béartgedicht einbauen muß, wobei mir noch nicht klar ist, nach genau welchen formalen Gesichtspunkten; aber alleine dieses garantierte die Ersetzung des monotheistisch-patriarchalen Konzepts durch eine matriarchale Grundbewegung (der übrigens die Trinität im Christentum ausgesprochen entspricht – bis zu Annaselbdritt und den vorhergegangenen ähnlichen Formen etwa der drei Nornen sowie Kore/Persephone als sowohl Toten-, Unterwelt– wie Fruchtbarkeitsgöttin.
Daran habe ich gestern, soweit es mir möglich war, den ganzen Tag über gebastelt — was ‘nachgesonnen’ bedeutet, während ich alle Mühe hatte, auf meinem Röhrerich sitzenzubleiben, der unversehens alles andere als noch ein Rih! war, statt dessen nix als schaukelndes Grauen. Denn habe, bzw. hatte ich die ersten beiden Höllenkreise der Nefud als höllisch imgrunde nicht erlebt, kam nun, nach التميمي und وادي جريفز , das sozusagen dicke Ende nah. Zwar, wie nach Einritt in den zweiten Höllenkreis war mir abermals, als wäre ich permanent bekifft, nun aber nicht mehr in dem angenehm sozusagen sensationsreichen Modus neuer Erfahrungen, sondern belastend, niederdrückend, fast ein bißchen paranoid, doch körperlich-paranoid. Nicht mein Geist drehte durch, sondern gleichsam streckt mein Körper alle Viere von sich. Ergab such. Was auf keinen Fall sein durfte, geschweige so bleiben kann. Wie dick allerdings es noch werden wird, keine Ahnung. Doch schrieb ich Ihnen, Freundin, → schon gestern, wie schwer es gerade ist und daß ich nun doch auf einige der Medikamente zurückgreifen mußte und muß, die Faisal gegen die Strahlungen mitführt. Zwar, die blauen Fische vermochte ich nach wie vor zu vermeiden, doch zum Novamin mußte ich gestern gleich dreimal greifen, zweimal in der Tropfenform, einmal als Tablette; der Druck auf der Brust war zu stark. Dazu, was mich wirklich kirre macht, die geschwollenen Füße, die aber selbst morgens, wenn sie nach der Ruhe abgeschwollen sind, weiterhin kribbeln, zugleich sich taub anfühlen und mich ziemlich unsicher auftreten lassen.
Am unangenehmsten allerdings ist die Kraftlosigkeit, die mich vorgestern und gestern geradezu in sich eintunkte, so daß ich auf mein Dromedar erst gar nicht draufkam. Jedenfalls nicht ohne Hilfe. Vielmehr mußten mich Ihn Gamael und einer der Scouts geradezu hochheben und draufschieben, wiewohl Röhrerich doch zum  Aufsitzen lag, und mußten mich erneut im Sattel festbinden, der ich noch dagegen ankämpfte, mich zu übergeben (was ich tatsächlich in nur äußerstem Notfall tue; eher dekontaminiert mein Stoffwechsel, was mich gefährdet). Dann war fürs Übergeben keine Zeit mehr, weil Röhrerich schon losgetrottet war und ich das arme treue Tier nicht beschmutzen mit mit wollte; schon gar nicht sollten die Gefährten zu Zeugen meines Selbstverlustes werden, nämlich an Haltung. Wie sagt bei Niebelschütz der Graf Godoitis? “Dafür war man ja ein Herr, daß man Katastrophen mit sich selbst abmachte.”
Dennoch sackte ich mehrfach während unseres Tagesrittes hinweg, der bei gelbem, undurchdringlichem Licht eine unendliche Hitze durchwankte; zweimal kam ein leichter Sandsturm auf, ich ließ mich einfach nach hinten fallen, die Kopfhörer auf den Ohren, so lag ich, stellte ich mir vor, dreimal je mehr als eine Stunde geschlossener Augen auf meinem Lager und hörte erst Maxwell Davies’ beinah psychedelisch wirkenden Naxos-Quartets, dann seinem, ecco, Ave Maris stella zu, von dem ich anfangs hoffte, es vertone direkt → den Text – doch auf Latein? auf Englisch? welche Wörter verwendete er? – Keine, leider, es ist ein Instrumentalseptett. Doch meine lauschende Meditation half bereits sehr, übrigens auch dabei, mich meinen eigenen, den physischen Zustand so sehr vergessen zu lassen, daß ich sogar die Nefud-selbst vergaß und, als ich abends unter meinem Zeltdach in die Teppiche  schlüpfte, nichts anderes als ungefähr sechs Stunden so unentwegten wie nahezu ausschließlichen Musikhörens in der Erinnerung hatte  das allerdings von dem rhythmischem Klopfen strukturiert war, mit dem ich, ganz offenbar im Sattel noch, mögliche Verswörter hier- und dorthin gesetzt hatte. Wo sie aber wahrscheinlich nicht blieben, weil ich weit von jedem Zustand entfernt gewesen war, der es hätte möglich sein lassen, auch nur kleine Notizen ins Handmanuskript zu kritzeln. Sowas ist auf einem Dromedar eh schon schwer genug. Aber ich fand es in meinem Zustand auch überhaupt nicht, also das Manuskriptbuch; erst als wir am Nachtlager angekommen waren, noch war es hell, und ich mit den vereinten Kräften der Freunde von Röhrerich herabgezogen und vor mein Zelt erst einmal hingesetzt worden war, fand ich es gleich neben mir im Sand und nahm es auf, um endlich jetzt die nötigen Notate einzufügen:

 

 

 

 

 

____________
>>>> Béart 53 (folgt)
Béart 51 <<<<

Dann sackte ich bereits nach hinten quasi weg. Der Schmerz hatte wieder begonnen.
Faisal ließ dreißig Tropfen sich in die Mulde eines Holzlöffels  fallen, und später, statt, wie normal zur Nacht, Cagliostros THC, gab es eine Zolpidem, die mich tatsächlich auch durchschlafen ließ – abermals bis sieben Uhr in der Frühe. Da waren auch meine Füße wieder abgeschwollen, sahen richtig schön aus, gliederig, wie es sein muß, doch ohne daß dieses Kribbeln aufgehört hätte, das sich wie eine Ameisenstraße durch das rundum unheimliche Taubseins wegen der möglicherweise beginnenden Neuropathie hindurchbewegt, vor der mich Faisal als einer Auswirkung der Wüstenstrahlungen gleich zu Beginn schon gewarnt hatte. Da war er noch Professor Josting gewesen. WIe auch immer, ich war und bin nicht unvorbereitet. So daß mir vorhin der Rat einer diese Reise still begleitenden Freundin genau richtig einzutreffen schien, wiederum eine ihrer Freundinnen aufsuchen, die, so ließ sie mich wissen, in Berlin praktiziere und deren chinesische Akupunktur sich “bei diesen Indikationen und gleichzeitiger Chemotherapie als sehr wertvoll” erwiesen hätten.
Sowie zurück in Berlin, werde ich dem gerne, sehr gerne nachkommen. Danke, ein  großes Danke schon einmal dafür.

Allerdings, es ging mir heute vormittag insgesamt wieder deutlich besser; die Allgemeinschwäche ist weiterhin spürbar, ja, doch sehr viel geringer als gestern. Und die ständige Nasenbluterei hat aufgehört, was ausgesprochen angenehm ist. Dennoch kann ich die Siesta gleich gut brauchen. Zumal ganz ohne Schmerzen. Noch auch sind die Füße nur noch schon leicht geschwollen (“noch schon“!), nicht so elephantiatisch wie gestern abend. Was sich im Anschluß an unseren, nachher, Nachmittagsritt leider, fürchte ich, wieder geändert haben wird.

Wir werden freilich sehen. Denn → das da, leider, stimmt.

ANH
Maxwell Davies, Naxos-Quartet No 4

[19.31 Uhr, Abendlager]

Meine Güte, sie haben mich nicht wachbekommen … nach mehr als zwei Stunden nicht! Aber wir hätten weitergemußt. Also haben sie mich – erzählten sie, ich kann es nur glauben – zu dritt ans Kamellager getragen und auf Röhrerich – – –  draufgebunden! Nicht zu fassen. So sei es dann ab- und weitergegegangen.
Zu mir kam ich erst irgendwann auf dem Weg. Da war es bereits halb siebzehn Uhr. Es war, als hätte man mir Zeit aus meinem Leben herausgeschnitten, die nun hinter mir in der Wüste verdirbt. Es wäre doch Béartzeit gewesen! Oder hat in der Absence mein poetisches Gehirn einfach weitergedacht? Doch bleibt das Gefühl einer für immer verlorenen Zeit.
Aber vielleicht, daß jemand anderes sie eines Tages findet, der an der “richtigen” Düne vorbeireitet, und da leuchtet sie ihm derart entgegen, oder ihr, daß sie Halt macht, behend vom Rücken ihres Dromedars rutscht, die paar noch fehlenden Schritte tut, sich vorbeugt, bückt und die verlorene Zeit aus dem Sand herauszieht, um sie zu sich zu stecken und fortan am Herzen mitzutragen.
Dieser Wunsch, der erlebte Fantasie ward, milderte meinen Verlust ganz enorm. Und dazu auch noch das:

Da möchte ich jetzt gerne → allein mit Othmar Schoecks op.70 sein und mir dazu leise, leise das Abendessen richten —

Zur dritten Chemo: Krebstagebuch, Tag 52 | Arbeitsversuchsjournal: Sonnabend, den 20. Juni 2020.

[Arbeitswohnung, 9.01 Uhr
Schostakovitsch, Zweites Cellokonzert (Sol Gabetta)]

Das erste Mal, daß ich wegen der Chemo das Gefühl einer leichten Überforderung hatte; dieser dritte Zyklus ist deutlich stärker spürbar, doch, was es problematisch macht, unkonturiert. Seit gestern mittag begann der Kreislauf zu streiken; nie als wirkliches Warnzeichen, doch so, daß ich mich legen muß und das auch mehrfach tat, jeweils mit den Kopfhörern über den Ohren und entspannt dann eine/anderthalb Stunden lauschend. Was freilich meine Arbeit nicht voranbringt. Dennoch habe ich es fertigbekommen, der Lektorin das erste Béartgedicht schon mal einzusprechen und ihr das Tonfile zu schicken. Das werde ich jetzt jeden Tag so machen, also jeden Tag eines. Und dazu arbeite ich, zähe, aber entschieden, an dem Finaltext weiter, der sich aber noch nicht fügt, als könnte er sich nicht entscheiden, wohin er tatsächlich will. Ich fühle mich somit in etwas ein, oder versuche es, das es noch gar nicht gibt.

Jedenfalls der Kreislauf. Vielleicht liegt’s auch am Wetterumschwung. Gestern abend war ich bereits um 21 Uhr derart müde, daß ich um 21.30 zu Bett ging und tatsächlich, abgesehen von einem kurzen Nachterwachen um halb zwei, bis morgens um Viertel nach sieben durchschlief — nun  allerdings, vorhin, nicht unbeschwert wie fast sämtliche Tage vorher erwachte, sondern erstmals seit Beginn der Chemo war mir richtig schlecht. Es half auch nichts, sich zur Seite zu drehen. Ich spielte tatsächlich mit dem Gedanken, einen Blauen Fisch einzuwerfen, doch widerstand, brauchte das Gefühl eigenen Willens – und bekam die Übelkeit tatsächlich mit ihm weg … fast: im Hintergrund grummelt es, doch aushaltbar, weiter.
Dazu die ständig, jetzt schon tagsüber, geschwollenen Füße, für mich vor allem ein ästhetisches Problem. Doch das ständige Kribbeln nervt, weil es der Fußsohlen Tastwahrnehmungen so sehr einschränkt, daß die Trittsicherheit nicht völlig gegeben ist. Ich merke es beim Spazierengehen, wenn ich wie ein Beschwipster “die Spur nicht halten” kann, unversehens nach recht oder links abdrifte, ohne daß dem eine Entscheidung vorausgegangen wäre.  Tatsächlicher Hintergrund sind mögliche Nervenschädigungen durch eines des Zytostatica, die sogenannte Neuropathie.
Wie nun auch immer, wenn ich die Chemos bislang vergleichsweise locker an mir runterlaufen lassen konnte, dreht sich da grad was. Es macht sich nicht so sehr speziell bemerkbar, Füße, Übelkeit, Nasenbluten, als mehr als Gefühl einer allgemeinen und grundsätzlichen Schwächung, der mein wieder deutlich zurückgegangener Appetit entspricht: seit vorgestern von den guten knapp 74 kg wieder auf 72,6 runter. Auch “Schwächung” ist eigentlich falsch ausgedrückt, präziser wäre: Weichung, Erweichung der wahrgenommenen Außenkonturen: Ich lege die Hand an eine Wand an, die sich aber wie eine Stoffdecke anfühlt – als ob ich die Wand nach innen eindrücken, sie wie ein Marshmallow durchdrücken könnte. So dann auch manchmal ein leichter Schwindel, der nicht mit Übelkeit verbunden ist, sondern bloß die momentane Balance gefährdet. Man kippt nicht gleich um, bewahre, doch spürt, daß so etwas in den Bereich des Möglichen eindringt … geschehen könnte eines Tags, und dies aber bereits wird schon als Gegenwart erlebt. Und wieder lege ich mich auf mein Lager, in die Musiken versunken, die Lider geschlossen, völlig entspannt, nein, ausgegossen, ein Wasser ohne Flußbett. Es ist dabei heller Tag. Ein schwüler Tag. Der Himmel jetzt einmal bedeckt, seit gestern, vorgestern schon, dazu die hohe Luftfeuchtigkeit, die mir aber ebenso guttut wie sie meine Körperempfindung weiter und weiter aufweicht. Es ist durchaus anspruchsvoll, hiergegen den Arbeitswillen aufrecht zu erhalten, der ein notwendigerweise stets konturierter ist und selbst konturieren muß.  → In der Wüste fällt das leichter als am “realen” Schreibtisch — weil sie fordert und nicht “nur” das eigene Mögen oder Wollen.

Also sollte ich, bevor ich hier weiter vor mich hinsinniere, schnellstens wieder → auf mein Rih. Es ist eine nicht ungeschickte Strategie, innere Prozesse nach außen zu projezieren, sie dort dann aufzulösen und als gelöste wieder in sich hineinzunehmen, eine imgrunde dem mathematischen Vorgang des Ausklammerns analoge Strategie. Ausklammern also, um zu objektivieren: In uns selbst haben wir keine Distanz, die es erlaubte, das Skalpell auch anzusetzen.

Am, nun jà, “schlimmsten” ist aber diese Dauermüdigkeit, die ich – wiewohl mir beizeiten prophezeit – jetzt erst, in dieser dritten Phase, zu spüren bekomme. Sie erwischt mich auf der Hinterhand, und entwischen – wenn – kann ich ihr einzig in der Nefud. Denn dabei gibt es → keinen Trick. Und ich habe so gut wie keinen Bartwuchs mehr, sehr irritierend für jemanden, der sich, bevor er abends ausgeht, in aller Regel ein zweites Mal rasieren muß. Es ist sogar so, daß mein üblicher Dreitagebart — ausfällt: deutlich sichtbar in der Mulde zwischen Kinn und Unterlippe. Immerhin, noch halten sich die Augenbrauen.

ANH, 10.24 Uhr
Schostakovitsch,Cellosonate d-moll (Rostropovitsch, Schostakovitsch)

 

Aus der Nefud, Phase III (Tag 4): Freitag, den 19. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 51. Nacht der Stelen, Fortsetzung.

 

… — und war schon ziemlich gleich wieder wach. Tatsächlich waren zweidrei Stunden doch vergangen, aber doch aus Osten noch kein Licht; indes ihm der Mond aber schon das Firmament hinab quasi entgegenrutschte und dabei sein eigenes, also das geliehene, von ihm nun reflektierte Licht sichtbar verdampfte — was eine, jedenfalls in dieser Situation, völlig unangemessen realistische Betrachtungsweise war. Ihr zufolge hätte ich auf dem Betonquader nicht so ruhig und weich schlafen können, wie ich’s getan, noch dazu mit diesem Sirenen- oder Fatamorganenleib neben, an und auf mir. Dieser Duft.
Übrigen schlief Li weiter, ich konnte mich unter ihrem rechten Arm leicht hinwegziehen; die Krebsin lag mit dem Bauch an meinem Rücken, Schoß an Gesäß, den linken Arm zwischen meinem Hals und der Platte durchgestreckt, ihr leicht aufwärts gewandtes Gesicht in die hintere Mulde meiner Halswirbel schmiegend. Die Lider vielleicht nur geschlossen; typischer wäre freilich, daß die Tumorin durch mich hineinblickt (: nein, keine danebengegangene Formulierung). Aber sie schlief tatsächlich. Und sah glücklich aus. Obwohl ich ja weiß, wie sehr die Strahlungen ihr wehtun, gerade zu Anfang jeder der vier Chemophasen. Ich hingegen, erneut, jetzt im dritten Kreis der Nefud, bin in der ersten Woche nahezu beschwerdefrei, von kleineren Lästigkeiten einmal abgesehen; doch wenn die Wirkung der Zytostatica sich allmählich ausläuft und dem Körper eine gewisse Zeit zur Rekonvaleszenz gegeben werden soll, wird es für mich schwierig, weil Li diese Pause natürlich sofort nutzt.
Ich saß mittlerweile auf dem Quader, hielt allerdings Lis Schultern und Kopf, mochte nicht von ihr lassen, bettete schließlich ihr Haupt auf meinen Oberschenkeln, legte mein eigenes in den Nacken und schaute in das ein vollkommenes Schwarz durchfunkelnde Lichtpunktmyriadum. Die Grabplatten glänzten, wie wenn sie selbst Lichtflächen wären. Meine Perspektive war dennoch klaustrophobisch. Doch ohne daß es mich bedrohte; ich konnt’, und tat es, nüchtern konstatieren. Weil mir auch wieder Kubrick einfiel, vor allem, wenn ich denke, daß

it is found to be a black cuboid whose sides extend in the precise ratio of 1 : 4 : 9 (1² : 2² : 3²) and is sitting on a platform of the same material above undisturbed rock,
→ Wikipedia,

wobei zu vermuten, es erstrecke sich die derart materialisierte Sequenz dieser ersten drei Quadratzahlen in weit höhere Dimensionen als die für uns sichtbaren. Genau deshalb sind Eisenmanns Betonstelen und Clarkes geheimnisvoller Monolith diese Symbiose eingegangen, wobei es am Jupiter dann zu ihrerseits Hunderten Monolithen kommt, die um den Planeten schwirren und ihn vorbereiten für die Wandlung und zugleich doch an diese Nekropole denken lassen, denken lassen müssen.

Allmählich wurde es heller, ich konnte umherschreiten. Ohne jede Beschwerde war ich nach fünf komplett durchschlafenen, weil, ich bin mir sicher, durchliebkosten  Stunden hell erwacht, und daß Li schlief und schlief und mich gänzlich für mich ließ, war ein ebenso gutes Zeichen. Als ich überm nun schon quittegelben Himmel ein Rauschen vernahm … darüber, ja. Was aber erst wie eine Luftflut Krähen aussah, wurde zu einem Himmelstsunami der Stelen – als hätte eine irdisch jede in der Höhe einen Spiegel bekommen, aus dem sie alle ihre Klone entließen, Ableger in jedem Fall, vielleicht tatsächliche Kinder.
Kurz geriet ich in Panik. Doch dann, so muß ich es nennen, segelte ein kleiner Monolith auf meine Hand herab, wurde schon im Anflug Spatz und landete auf der gleichsam Reling, zu der mein linker Zeigefinger wurde, um die sich sanft die Krällchen rollten. Schon verdrehte der Miniaturableger eines Lillisaurierputs putzig sein Köpferl und tschilpte mich an. Wovon die Sonne nun endgültig aufging, aber genau deshalb ein weiteres Wunder geschah: Je heller es wurde, desto durchsichtiger ward die Totenstadt. Die gesamte Nekropole, ja. Nein , keine optische Täuschung! Vielmehr, je durchsichtiger alles wurde, desto durchfaßbarer auch, was eben faßbar bedeutet, endlich faßbar. Erst wie durch schweres Wasser, dann wie durch Öl, nun schon durch Luft konnte ich die Stelen durchschreiten, sie wehten einfach, quasi, weg. Und Lis Gesicht, Krönung der antiken Kuppel, erlosch. Die Sonne fing zu brennen an, alles war nur noch Düne, Fels, bisweilen etwas Gestrüpp. So das Wadi der Stelen übertag, so die Gräber nachts. Und so die Deutsche Bahn. Die Geleise.
Meine Gleise eben auch. Aus denen, so begriff ich, Li mich hatte herausrollen lassen, erst, wenn auch da aus anderen, im Wadi der Verstrickungen und nunmehr heute hier. Ich drehte mich zurück. Nur noch das Tal aus Sand und wie es sich drüben in die Erhebungen des Randgebirges schmiegt, und da die Grabmonolithen verschwunden waren, war Lilly es genauso. So blieb mir nichts, als mich erst einmal zu orientieren. Ich hatte ja nicht einmal eine Erinnerung, wie weit meine Krebsin und ich heute nacht spazieren gehen mußten, bis wir angekommen waren, ja nicht einmal die Ahnung, in welche Richtung ich mich halten mußte. Ich hatte weder mein Ifönchen noch ein anderes Funktelefon bei mir, dachte aber, die Geister werden mich leiten und schritt auf gut Glück aus. Doch wären mir nicht längst schon die Freunde entgegengekommen, nachdem sie morgens vergeblich für den Kaffee auf mich gewartet und deshalb in meinem Zelt nachgeschaut hatten, ich hätte mich gewiß verirrt. Es war aber ibn Gamael, Lars also, der auf seinem Dromedar mir entgegenstürmte, im Gefolge noch zwei unserer Scouts. “Effendi! Effendi!” Wobei mich schon irritierte, daß dieser überhaupt-nicht-Hadschi-Halef-Omar das türkische Wort für “Herr” verwendet. Täte ein Beduine das? Und ganz am Anfang nannte er mich Sihdi, was aber maghrebinisch ist, auch in Ägypten verwendet wird, arabisch aber sagte man Sayyid (سَيِّد ). Bitte machen Sie sich, Freundin, klar, daß Karl Mays ersten Orientromane in den 1870er/80ern spielen, zu einer Zeit also, da die arabische Welt unter der osmanischen Knute litt, aus der der andere Kara ben Nemsi Effendi, Lawrence ben Albion, sie zu befreien versprach. Der ihnen, den Arabern, damals  angetane Betrug bestimmt bis heute das geradezu unauflösbare Nahostproblem zumindest maßgeblich mit.
“Sayyid, Sayyid, wir haben uns solche Sorgen gemacht!”
Ich strahlte ihn an. “Es geht mir gut, und ich habe Hunger.”
“Steig hinten auf, Sayyid, steig auf.”
Durchaus erstaunlich, welche Kraft der androgyne Mann in alleine einem Arm hat! Er zog mich quasi aufs Reittier hinauf, hieb ihm die Hacken in die Flanken, und wir stürmten davon. (Sind Sie schon mal Galopp geritten über Dünen? Und nicht auf einem Pferd? Alles, was Sie tun können, ist, irgend festzuhalten, was sie am Körper tragen. Mißachten Sie’s, wird alles aus Ihnen herausgeschüttelt, was mit Ihnen nicht verwachsen ist, egal ob ein in der Hosentasche mitgeführtes Portemonnaie, ob die Wegzehrung, ob zu lockre Zähne.)

Fast eine halbe Stunde dauerte der Ritt. Diese ganze Strecke waren Li und ich nachts zu Fuß gegangen? Völlig unwahrscheinlich. Aber es war ja nicht so, daß ich geträumt hätte. Ich saß tatsächlich hinter Lars im Doppelsattel. Und unser Lager kam in Sicht.
Morgens war, als ich noch im Wadi der Stelen, ein Bote gekommen und hatte Post sowie für mich ein Päckchen mitgebracht, das mir Faisal hatte vor mein Zelt legen lassen.
Das war nun eine Freude! Phyllis Kiehl die Vertraute, hat es zu mir auf die Reise geschickt. Es zu öffnen … selbst nach dieser ereignisreichen Nacht konnte ich es nicht lange hinauszögern. Zum Vorschein kam ein kleiner Koffer, der aber groß gefüllt war: Nüsse, Nüsse, nochmals Nüsse, zwei Nuxe-Miniaturen, zwei Umschläge mit verschweigbarem Inhalt, den ich umso manifester derzeit brauche.
Viel Zeit, mich zu erfreuen, hatte ich nun allerdings nicht. Faisal drängte zum Aufbruch, ließ sich dennoch von meiner Nacht ausführlich erzählen, schon weil ihm die Existenz des Stelen-Wadis zuvor nicht bekannt gewesen war, so daß er sich in die These verstieg, meine nächtlichen Visionen – das nämlich, Visionen, seien sie gewesen – habe ein Zauber Lis ganz allein für mich erzeugt: “Sie legt kulturelle Codes aufeinander, die an sich miteinander nichts zu tun haben, in Ihnen aber doch. Deshalb kann niemand sonst sehen, was sie Ihnen zeigt. So ist sie zugleich das Symptom und Ihre Therapie.”

Dann wurde es so heiß, daß wir so wenig sprachen wie nur möglich. Ich war nur froh, daß diese ersten Chemotage eben ohne große Einschränkungen an mir ablaufen. Und nun ist’s schon der nächste Tag, die Nr. 4 der Phase III, und geradezu Erlösung, abgesehen von den neuerdings sehr anschwellenden Füßen – auch aber nur nervig, nicht wirklich schlimm. Wobei es die Hitze freilich nicht grad besser macht. Dennoch, dies muß ich unbedingt noch sagen, bin  ich sehr sehr froh darüber, meine Diagnose in der hellen Jahreszeit gestellt bekommen zu haben und mit Li im Licht des Sommers verhandeln zu können. Ob ich auch im November so zuversichtlich gewesen wäre, wie ich es bin, ist mehr als nur fraglich.

Ah, wir sind fast am Mittagslager. Die Siesta heute kann ich brauchen. Vielleicht, daß Li sich wieder zu mir legt.

ANH

[Shostakovitsch, 13. Sinfonie, Gergiev
13.10 Uhr, 73,5 kg
صحراء النفود.Anderswelt]

 

وادي المقابر, fahl. Aus der Nefud, Phase III (Nacht von Tag 2 auf 3). Donnerstag, den 18. Juni 2020: Krebstagebuch, Tag 50.

 

[صحراء النفود.عالم آخر, Abendlager, 17.43 Uhr]

 

Doch es war – von vorgestern auf gestern – Nacht noch, als ich an meinem rechten Ohr die Stimme vernahm, die ich schon immer, muß ich beinah denken, kenne, seit also je — was selbstverständlich die Lebenszeiten ausschließt, die noch keine Erinnerungen bewußt bewahren; ob aber unbewußt, stellt sich bisweilen in Psychoanalysen heraus. Wobei nicht-bewahrte Erinnerungen auch mit dem noch unentwickelten Sprachbewußtsein zusammenhängen. Was ich erinnere (sofern ich das Verb einmal aktivisch verwenden darf, was unterdessen zwar usus, grammatisch dennoch falsch ist), muß ich benennen können, ansonsten ich allenfalls von Ahnungen, in keinem Fall aber Erinnerungen sprechen kann.
Es war also noch Nacht, die allzu bekannte Stimme allzu schlafnah, doch so jenseits der Membran, daß sie mich wirklich weckte. Ohne aber, daß ich sofort verstand, daß dies bereits die oder doch eine Wirkung des nunmehr dritten Kreises sei, in den wir eingeritten sind, und nach dem zweiten Tag schon! So wirken hier die Strahlungen.
“Steh auf, mein Schöner, komm!”, so säuselte die Wüstennixe sanft, ihre Stimme – Häuten von Schlangen gleichend, wenn sie noch leben – ein gekühlter Samt. Auch konnte ich sie riechen, den für sie, sobald erregt, typisch puderigen Duft des Nackens, in dem nur wenig Säure spielt, doch sie ist’s, die uns Männer hinzieht, sofern sie klandestin bleibt und also unsren Fetisch Autonomie so spöttisch wie bestimmend unterläuft. Nahezu alle meine Frauen hatten diesen Korridor, innen, der aus dem Schoß zum Nacken aufgeleitet. So daß ich’s kribbeln spürte zwischen meinen Teppichen. Bis ich dann wirklich wach war.
Sehen konnte ich sie nach wie vor nicht, auch nicht, als ich die Augen öffnete. Das Licht des Mondes war derart hart, daß es durch die Planen meines Zeltes wohl nicht wirklich schien, aber genügend hereinsinterte, daß ich mich gut zurechtfinden konnte, meine entäußerte Krebsin dennoch zwar spürte und, wie erzählt, deutlich roch, aber einfach nicht sah.
“Vertraue”, hauchte sie, gurrte sie.
Dann zog sie mich zum Ursprung.
Hinaus.
Zu einem ihrer Ursprünge, nicht meiner. Ich bin damit lediglich geboren. Was es bedeutet – oder, damals, bedeutete – hat zuerst sie austragen müssen. Denn

(w)er die Last für etwas tragen soll, das er sich nicht vorstellen kann, muß es sich erfinden. Er wird sonst krank oder verstummt. Sicher, vorstellen kann es sich jeder irgendwann, deshalb gibt es ja Geschichte als Lehrfach. Aber wie sollen wir es fühlen, wie Buße für etwas tun, innen, in uns, wenn wir uns nicht persönlich erinnern, wenn der Raum, in dem angeblich unsere Schuld sitzt, leer ist?
ANH,
Meere

Mit dieser, wie wir sie → in meiner Analyse nannten, schuldlosen Schuld wuchs ich auf, die auch allenthalben vorgeworfen wurde und aber zuhause kein Thema war, weil schon mein Vater ihrerseits sich geduckt hatte und verschwunden war und meine Mutter den wirtschaftlichen Vorteil sah, der in diesem Namen steckte. Den sie auch nach der Scheidung weiternutzte. “Du wirst auch einmal aufgehängt wie dein Großonkel”, auch der Satz steht in MEERE. Ein Lehrer sagt ihn dem Buben vor versammelter Klasse und feixt sich eins, dies linke Arschloch. Ich weiß natürlich noch heute nicht, schon gar nicht in der Nefud, welches Trauma der damals durchaus noch sehr jungen Pädagoge quasi aus Notwehr weiterreichen wollte; jedenfalls ist es ihm gelungen.
“Schau nur die …” säuselte Liligeia flatteratmig in mein linkes, dann “… vielen schönen Toten!” in mein rechtes Ohr.
Wir warn schon draußen vorm Zelt. Es war empfindlich kalt, aber das lichtdurchfunkelte Firmament sensationell. Ich hatte mir über den Thawb noch zwei Ziegenfelldecken, die nach ihren unfreiwilligen Spendern selbst noch hier draußen durchaus rochen, um Schultern und Brust gezogen. So ging es einigermaßen. Und in dem extrem harten, fast schmerzhaft weißen Mondlicht, war irgendetwas von Lilly schon zu sehen, eine Art schweifender, oft zerfransender, dann wieder sich nach DNA-Manier zu wenigstens zwei, ich glaube aber eher vier bis fünf matt-opaken Strängen einrollender, allenfalls zu einem Siebtel materieller Hauch, der mal voranschlängelte, dann stehenblieb, was bedeute: meinen Körper orbitierte, schneller wurde, und der Nacken duftete hindurch. Schon war ich erneut an den Händen, ja, beiden, gefaßt und weitergezogen.
Da wurde die Blickfläche weit und das eigentliche Tal erst sichtbar, dahinter der nächste Höhenzug, auf den ganz offenbar das in Sicht gekommene, offenbar granitene  Mementum zur Hälfte hinausführte – die Kuppel der krönenden Rotunde oder was immer es war, riesig mußte sie sein, mit einer der Büste von Lillys Kopf … nun  jà, geschmückt? Es war durchaus zum Erschrecken. Zumal auch die Zeitabläufe wieder durcheinander gerieten. So kam es mir vor. Der Mond wie auf den rechten Hang gepinnt, sein Licht eher nicht nach Naturgesetzen strahlend.

“Was soll ich hier? Was muß ich hier?”
“Deine Angst verlieren.”
“Welche Angst?”
Lilly mußte lachen. Lachte sie wirklich? “Sie natürlich erst mal zugeben”, lachte, nein, kicherte sie. “Das fiel dir doch immer am schwersten. Und dann … dann  kannst du sie verlieren. Also komm schon weiter! Sie werden dir verzeihen, die Schuld von dir nehmen, die auf die nicht ist.”
Wen meinte sie mit ‘sie’?
“Doch mußt du zuhören.”
Weh Dir, mußte ich denken, daß du ein Enkel bist! Momentlang schwoll mir der Groll wie ein Hahnenkamm auf. Schuld als genetische Erbschaft ist eine Idee des Faschismus:

Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der die Missetat der Väter heimsucht über die Kinder ins dritte und vierte Glied, die mich hassen.
5 Mose 5:9

Wieso ist ausgerechnet Charlotte Auerbachs schmales Buch, das eher eine Einführung als , als eines der ersten in meine gerade entstehende Bibliothek gelangt? Ich kann da noch keine zwölf/dreizehn gewesen sein. Auch dies einer der monatlichen Vorschlags”bände” des Bertelsmann-Buchclubs, dem meine Großeltern ebenso selbstverständlich angehörten, wie sie Brathähnchen nur beim Wienerwald aßen? Die Billigbroiler kamen damals gerade erst aus. Als ich, bei KARSTADT, eines klauen wollte, wurde ich erwischt und saß dann drei Tage Einzelhaft in der Jugendstrafanstalt … oh, wie kann ich jetzt ihren Namen, ihren Ort vergessen haben? – ist es das bleiche Licht, sind es die namenlos Toten, die mir die Erinnerung plötzlich verwehren? Auch an dem Ort, in den ich gesperrt war, waren Hinrichtungen sogenannt unwerten Lebens wie am Schnürchen weggespritzt worden. Jede Wand atmete noch Schreie aus. Die Wärter hieben, wenn ich mich tagsüber auf die Pritsche legte, mit ihren Hartgummistöcken auf die Tür ein. Bis ich mich zurück an den Tisch gesetzt hatte. Ich sollte meine Schuld überdenken und zur lebenslangen Reue finden. Deshalb war mir kein Buch erlaubt, nichts dergleichen, auch kein Papier, um zu schreiben, ein Stift war es sowieso nicht. Ich war da, glaube ich, fünfzehn. Seither kann ich nicht mehr bei geschlossenem Fenster schlafen.
“So nahe warst du ihnen schon. Dann leg dich doch zu ihnen, jetzt. Ich lege mich dazu. Ist es nicht sowieso mein Platz, zu dem ich dich nur hole?”
“Der Toten nicht alleine wegen.”
“Nein, es geht auch nicht um Schuld. Es geht um Schuldgefühle, die nicht zugelassen werden.”
“Ich hätte dazu keinen Grund gehabt.”
“Doch: Gesund zu bleiben. Wer sich nicht anpaßt, der wird krank. Oder ausgesondert. Auch das ist ein Naturgesetz. Die Welt ist nicht moralisch. Du warst, mein Freund, zu hart.”
Wir hatten die Nekropole unterdessen betreten, schritten durch die Reihen der meist liegenden, indes im Zentrum stehenden Betonquader, mir drückte es das Herz, zumal ich einmal im Hintergrund ich etwa Liligeias Kopf, sondern das Label der Deutschen Bahn aufragen sah, der Vorläuferin die Lagertransporte besorgt hat. So bleibt die Kontinuität heute noch zu spüren. Und mein Vater, das Wasser steht zum Herzen, und jede Vene ist verkrebst, fällt vor seiner Finca ins Koma, wird gefunden, nach Deutschland überführt, wo er vergeblich stirbt, mit etwas über sechzig. Er sprach nicht mehr, nun wollt’s er’s nur noch, mit seinem Vater etwas, dem da noch lebenden Südtiroler Nationalsozialisten mit Hitlerbild auf dem Altar. Wolf Graf Welsperg, so durch die Entnazifizierung geschlittert und deshalb schon nicht willig, mit seinem ‘Sozialistensohn’ (womit er ihn als SPD-Parteimitglied meinte) auch nur ein einzges Wort zu wechseln. Meine Mutter fand diesen Mann charmant, der meinen Vater um mehr als dreißig Jahre überlebte, unserer, meines Vaters und meiner, Schuldgefühl völlig bar, die hätten müssen seine. Wir trugen sie für ihn.
“Verstehst Du noch nicht? Auch so fängt sowas an. Aber nun lege dich schon her zu mir. Laß uns hier einfach schlafen, bis uns die Sonne weckt, und mit den Toten träumen. Sie wissen gut zu singen.”
Da ward das Mondlicht fester und fester, wurde schmiegsam, anschmiegsam, legte sich um beide uns, und als wäre ich gar nicht erwacht, sondern läge weiterhin zwischen den Teppichen im Zelt, so war’s mit einem Mal. Nur lag nun außen Li an mir, direkt an meiner Haut, war nicht nur mit unter die Ziegenfelle´geschlüpft, nein hatte es auch irgendwie geschafft, unter mein Gewand zu kommen, doch immer nun, wenn ich kurz davor war, wegzunicken, pustete sie in eines meiner Nasenlöcher, dieses muntre, ungebundne Kind. In seinem – ihrer, diese Krebsin – Kichern schlief ich denn ein … —

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