Eggebrecht ODER Soeben. (An einen Leser).

 

Guten Morgen, haben Sie Dank.

Aber was immer Eggebrecht → da schreibt (→ Hadelich läßt er einfach aus), ich bin der Klagen überdrüssig, die “wahre Selbstvergewisserung” sei nur im live-Konzert möglich. Schon das Wort “wahre” ist in diesem Zusammenhang nicht nur absurd, sondern ekelhaft kitschig. Wenn ich sowas lese, will ich sofort duschen, und zwar mit viel, viel Seife. Leute wie Eggebrecht inszenieren ihre Unfähigkeit, sich auf die virtuelle Welt einzulassen (und wahrscheinlich ihre schreiende Angst davor) als autoritätsgebende Nobilität, indes sie doch, was Moderne anbelangt, einfach nur, nein, nicht dumm, sondern eben unfähig sind. Daß solchen Typen in wichtigen Feuilletons immer noch Platz gegeben wird, läßt die Zeitungen mir vollem Recht langsam absterben.

In den Morgen,
Ihr ANH

Das dritte, nun wieder zweifelnde Coronajournal: glauben müssen. Montag, der 16. März 2020. Mit unter anderem Wolfgang Wodarg.

 

[Arbeitswohnung, 5.34 Uhr
Bereits der Amselhahn wieder.]
Wir leben jetzt in einem Netzwerk
aus Imaginationen,
täglich herge-
stellt von Zeitungen Werbung Fern-
sehen.
Wir glauben, was uns gezeigt
wird. Wir haben den Golf
krieg ge-
glaubt, wir haben den Aufbau des
Zellkerns ge
glaubt. „Gesehen“ hat
beides von uns keiner, jedenfalls 

nicht im vom bürgerlichen Roman
gemeinten körperlich-
autonomen
Sinn.

ANH, → Das Flirren im Sprachraum (2000)

Was aber? — fangen wir jetzt damit an:

 

Wir können, müssenglauben. Nur aber: Wem? → Wodarg ist kein Irgendwer; indessen → Drosten auch nicht. Hier läßt sich’s mit dem in unserer Zeit bequemsten – weil rhetorischen – Abwehrwort, → Verschwörungtheorie, nicht recht handhaben. An Wodargs Argumenten ist etwas, so mein Eindruck. Oder tut er sich nur wichtig? Überprüfen können wir es nicht, ebensowenig allerdings die offiziellen Bekanntmachungen. Und dann steht da — erschütternd — auch noch → das:

 

Ich habe nicht gut schlafen können, das Hin und Her zog durch meine Halbschlafträume.  Seit erstem Schlagen des Amselhahnes, bereits um 4. 30 Uhr, lag ich wach. — Wie akut sich meine damaligen, da noch nur poetologischen Überlegungen nunmehr realisieren!
— daß wir glauben müssen und ebendies ein signifikantes Kennzeichen schon der jungen, geschweige späteren Moderne war und zunehmend, immer mehr, wird, macht mir schwer zu schaffen. Wir bricolieren Wirklichkeit, also ihr für wahr erachtetes Sosein. Das nähert die erfahrene Realitität der Dichtung immens an, und/oder umgekehrt, ganz wie ich’s → vor zwanzig Jahren beschrieb. Nur ist es jetzt kein, sagen wir, poetologisches Spiel mehr.
Was wir indessen glauben, hängt von unseren Prägungen ab, von unserm “Programm” — und zunehmend mehr von dem, was die meisten glauben und am lautesten kommuniziert wird. Nur daß sich über Wahrheit nicht abstimmen läßt. Sie ist keine demokratische Kategorie.

Ich bin also verunsichert, sehr. Hatte mein → unverhohlender Hohn nun vielleicht doch recht? (In Sachen Dekadenz hat er es — so oder so — ohnedies.) Und mein, ich sage mal, Instinkt lag richtig (wie er’s in meinem Leben doch meistens tat)? Denkbar ist, daß Hintergrund all der nunmehrigen, für eine freiheitliche Gesellschaft eigentlich unfaßbaren Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte — mittlerweile läuft es auf eine praktizierte Notstandsgesetzgebung hinaus — auch ein Feldversuch in Massenlenkung sein kann, auf dem, wovor ich seit langem warne, längst schon ausgetretenen Weg ins Replikantentum.  Denn das ist Gesetz:

Was gedacht werden kann, das geschieht.

Zugleich nun der Fall einer bereits schweren Erkrankung direkt in meiner nahsten Umgebung. Im Freundeskreis. Und aus Österreich die Nachricht von Freunden, auch bei ihnen seien Kinder “positiv”. — Was aber heißt das? Wodarg bestreitet ja nicht den Virus, ebenso wenig wie seine rasende Ausbreitung. Er sagt “nur”, die tatsächlichen Folgen, etwa Letalität, wären für die meisten von uns gar nicht spürbar, darin dann tatsächlich vergleichbar mit den “Normal”grippetoten. Er zöge, der Virus, einfach durch uns hindurch, verursachte in aller Regel nicht mehr als Schnupfen, Husten, auch Fieber, man heile aus, und vorbei wär’s. Er werde sich halt als ein weiterer Krankheitserreger weltweit etablieren. Sowas sei seit alters bekannt. Schon bei der Schweinegrippe, dann bei der Vogelgrippe  hatte er sich entschieden gegen jede Panikmache gestellt — zurecht, wie sich nachher herausgestellt hat.
Und aber … — wenn er diesmal unrecht hat?
Wem also glauben? Wir sind in eine Verantwortung, und Verantwortlichkeit, gezwungen, deren Gründe wir nicht nachprüfen können. Wir sind abhängig. Das eigene Dafürhalten, die eigene Haltung wird entmachtet.
Dazu der wirklich nicht fernliegende Gedanke, den Wodarg auch schon bei den früheren Epidemien lautwerden ließ: Im Hintergrund stehe eigentlich, und fast nur, Geschäft, hier der Pharmamindustrie. Um von direkt-Politischem zu schweigen: Keine Proteste möglich auf den Straßen gegen Defender Europe 20. Die USA voll dabei, sozusagen NATO-Fête (für die es halt einen Club gar nicht braucht, schon gar nicht den TRESOR, um vom, als Raum, grandiosen BERGHAIN und den kleinen Orten, feinen – BEATE UWE etwa–, ganz zu schweigen). Mehr als fünf Leute dürfen in Österreich nicht mehr zusammenkommen, bei Defender sind’s über 35.000. Europa ist nach wie vor ein Brückenkopf der USA, mit einem üblen, gemütslosen Macho an der Spitze, der bekanntermaßen “America great again” machen will. Corona erlaubt’s ihm, und sein richtig feines Grinsen. Und auch um die Fliehendenkatastrophe, derzeit im alleingelassenen Griechenland, schert sich eigentlich kaum jemand mehr. So betrachtet, ist Covid-19 ziemlich praktisch.

Und dennoch, es läßt uns unsre Verletzbarkeit spüren, wieder spüren, nach sehr, sehr vielen Jahrzehnten. Dafür ist es egal, ob ein realer, tatsächlich katastrophal wirkender Grund vorliegt. Selbst wenn er nichts wäre als ein medialer Budenzauber, läßt er → die Menschen zusammenrücken, uns. Vieles, was vorher noch ein Problem war — ein dekadentes, wie ich betone (ein erwachsener Mann, der in der Bibliothek einen kleinen Jungen auf einen Kakao einlädt, ist bereits ein Kinderschänder, in jedem Fall verdächtig, böse pädophil zu sein —, relativiert sich. Wir proben die Ausnahmesituation und ob wir miteinander noch umgehen können.
Meine Generation ist quasi die erste deutsche, die niemals einen Krieg erlebte, nicht die Einschränkungen, die Nöte. Unsere Ängste waren sämtlichst vorgestellt, auch die vorm Atomkrieg in den Sechzigern (was etwa mich sehr geprägt hat). Sogar die Umweltnöte sind für uns nie mit konkreten Einschränkungen oder gar Existenzbedrohung verbunden gewesen. Und für die allermeisten Deutschen sind selbst die Jahre der RAF eine Art Tatortlive gewesen.
Wir können Covid-19 auch als unsre Truppenübung ansehn, ein anderes Defender Europe 20, ohne Waffen, rein zivil. Aber müssen vor Augen behalten, was zugleich auf dem Spiel steht, derzeit bedroht ist, an ziviler Freizügigkeit. An Freiheit mithin, das bißchen, das noch in uns liegt, jenseits jeglichen Mainstreams allein in uns selbst. Was sich persönliche Haltung nennt — individuelle jenseits der marktkonformen Herden- und Hordenmentalität des → Pops. — Geist, mithin.

Wir wissen nicht nichts, aber wenig.

***

Dazu mein eignes Persönliches, das ich freilich, jedenfalls bin ich mir sicher, mit vielen anderen Künstlern teile. Mir knallen feste Aufträge weg, andere sind noch “nur” gefährdet. Es betrifft fast alle Selbständigen, soweit sie in Feldern tätig sind, die konkret an eine öffentliche Präsenz gebunden sind. Ich habe keinerlei finanzielle Rücklagen, hatte sie nie. Im Dezember zwang mich das, zum Jobcenter zu gehen. Nun bekomme ich eine geringe Hilfe (tatsächlich insgesamt 720 Euro monatlich; hinzuverdienen, ohne sie abführen zu müssen, darf ich noch 100; ohne finanzielle Hilfe von Freunden, Leserinnen und Lesern geht es da nicht). Bis zum Coronaausbruch sah es aber so aus, als käme ich von dieser — für mein Verständnis von persönlicher Würde auch psychisch höchst unangenehmer — Klemme ab Juni, spätestens Juli wieder los. Doch jetzt ist alles, was bereits vereinbart und in trockenen Tüchern war, fraglich geworden, die Tücher sind wieder klitschenaß, ob nun die Hochzeitsreden (eine davon in Italien), ob die Seminare; ja selbst der mir in Aussicht gestellte Lehrauftrag dürfte längst schon wackeln, weil nicht klar ist, inwieweit und ab wann der universitäre Betrieb überhaupt wieder aufgenommen werden kann. Zumal ich hin- und herreisen müßte.

Und dann, für mein abendländisches Bewußtsein, das eben eines der gemeinsamen Kultur ist (für mich viel stärker, ja grundlegend, verbunden mit Nahost als mit den USA), geradezu mitverheerend (“Der große Marsch in den Osten”, → SÜDDEUTSCHE ZEITUNG): Die innereuropäischen Grenzen werden geschlossen. Ein Vereintes Europa? War einmal. Offenbar liebt Corona den Nationalismus. (Macht Wisconsin die Grenzen zu Illinois zu, Texas zu Oklahoma, New York zu Pennsylvania?) Hiergegen steht einzig noch das Internet — wie gegen die Isolation der Einzelnen. Als Netzbürger bleiben wir frei.

Ihr ANH
8.35 Uhr

Was jetzt hilft? Das Apfelbäumchen Weiterdichten.

Der Untergang des Abendlands 3.0
Bemerkungen zur Dekadenz anläßlich der abgesagten Buchmesse Leipzig
Als Arbeitsjournal des Dienstags, den 4. März 2020

[Arbeitswohnung, 7.32 Uhr]
[Wieder morgendliches Vogelkonzert bei weit geöffnetem Oberlicht.
Ich mag gar keine Musik hören — so schön bereits klingt der schon rufende Frühling.]

Bei meinem Apothekerteam hängt hinter den Verkaufstresen ein auf DIN-A4-Papier ausgedrucktes, quasi, Schild:

Bitte?” frage ich. “Sind jetzt schon Hamsterkäufe im Gang?”
Der junge Apotheker lächelt gequält. “Nun jà”, sagt er, “da von morgens bis abends in keinem Radioprogramm noch von etwas anderem die Rede ist … Die Leute geraten in Panik.”
Und später am Tag lese ich die Nachricht, es hätten selbst Krankenhäuser einen Engpaß bei den Desinfektionsmitteln.
“Eine prima Methode”, sage ich, “von den wirklichen Problemen abzulenken. → Schauen Sie nur an die griechische Grenze, dieses erneute furchtbare Flüchtlingssterben …”
“Es ist sogar schon wieder von Schießbefehlen die Rede …”
Manchmal wird mir schwindlig, wenn ich bedenke, wie viel von all dem, was ich in → THETIS erzählt habe (“utopistisches Tamtan”, → Hubert Winkels), innerhalb der seither vergangenen zweiundzwanzig Jahre über uns bereits hinweggeflutet ist und ist. Wir haben uns längst dran gewöhnt. Da kommt der neue Virus wahrlich fürpaß. Und nachmittags knallt dann der Knoten:

Vormittags noch hatten Cristoforo → Arco und ich dessenthalben Mails gewechselt; ich meinerseits war zuversichtlich gewesen, es würde solcher Unfug nicht geschehen; er hingegen äußerste sich mehr als nur skeptisch. Und bekam nun recht.
Da war ich wirklich fassungslos. Dreihundertneunzig Infizierte — in Zahlen: 390 — sind bislang für Deutschland bekannt, denen gegenüber am Influenzavirus, Zitat von → dort, “laut Robert Koch-Institut (RKI) in der laufenden Grippesaison bereits über 3500 Patienten so schwer [erkrankten], dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. 32 Menschen, die an Grippe erkrankten, sind sogar gestorben”, — an einer Krankheit mithin, die sich ganz ebenso “gut” auf Buchmessen verbreitet. — Und hat schon mal, Leserinnen, wer davon gehört, daß aufgrund der im vergangenen Jahr 3059 Todesfälle im Straßenverkehr — bei auf den Straßen verletzten 384 000 Personen —  auch nur erwogen worden wäre, den Verkehr ganz einzustellen? Wie viele Todesfälle sind es hierzulande beim Coronavirus bisher? Acht, neun, zehn? Und kann es nicht jeder und jedem von uns selbst überlassen bleiben, ob wir das Risiko eingehen, uns möglicherweise zu infizieren? Sind wir freie Menschen oder längst schon an Fäden geführt?
Es ist zum Verzweifeln. Die Verlage und Aussteller jedenfalls, die an der Buchmesse teilnehmen wollten, hatten — außer einem chinesischen oder japanischen Manga-Verlag (ich finde gerade den entsprechenden Artikel nicht mehr, er stand in der Süddeutschen)— ausgesprochen deutlich gemacht, sich an der Hysterie nicht beteiligen zu wollen, schon gar nicht an ihr mit schuldig zu werden. Sie alle wollten kommen.

Was wirkt hier, also außer einer gesetzlichen Bestimmungsmanie, die noch das allerletzte Risiko wegschreiben will? Sie ist ja wirklich erhellend, diese Begründung der Leipziger Stadt, → sie habe der Aufforderung des Bundesgesundheits- und des Bundeswirtschaftsministeriums zu folgen (“habe zu folgen“, deutscher geht’s nicht), daß “eine Rückverfolgbarkeit von Kontaktpersonen bei Großveranstaltungen” gewährleistet sei. “Es verfügte u.a., dass jeder Messeteilnehmer schriftlich belegen müsse, nicht aus definierten Risikogebieten zu stammen oder Kontakt zu Personen aus Risikogebieten gehabt zu haben.” Das sei angesichts von rund 2500 Ausstellern und rund 280.000 erwarteter Besucher nicht sicherzustellen. — Ja, in der Tat, das wäre es nicht gewesen.
Sicherheit wird Gesellschaften offenbar zum Fetisch, die sicherer leben als jemals zuvor. Halten wir uns zugleich den, seit Beginn der Siebziger, → Rückgang der Intelligenz vor Augen und mischen die → zunehmende Unfruchtbarkeit, bzw. Zeugungsunfähigkeit der in den wohlhabenden Industrieländern jungen männlichen Weißen hinzu, bleibt eigentlich nur noch eine Erklärung:

Dekadenz.

Ihr Zeichen war es stets, daß Bauchnabelsausen zu gefühlte Katastrophen wurden, so, als gäbe es im Menschen ein Bedürfnis nach Bedrohung — vielleicht um erweisen zu können, man sei ihr gewachsen, mithin ein Mensch, der tatsächlich lebt —, und da es nun objektiv fehlt, muß es konstruiert werden. Das permanente → sich Belästigtfühlen, die Empfindung, von geringsten Unannehmlichkeiten persönlich bereits verletzt zu sein, die Absurdität, daß bereits ein Mißbrauch sei, wenn ein, sagen wir, Straßenarbeiter — der es, im Schweiß seines hart schuftenden Körpers, fast dankbar als momentane Erlösung erlebt, wenn eine hübsche Frau an ihm vorbeiflaniert — einer hinterherpfeift, die ihm gefällt … meine Güte, kann er etwas dafür, daß ihm diskretere Wege nicht beigebracht worden sind, sein Gefallen zu zeigen? — ach stimmt ja, er darf es sowieso nicht mehr …; überhaupt #Metoos  sensibelchenst → Genderfinessen (und ihre, wahrhaft, Raffinessen!), meine hart im Leben gestandene Großmutter hätte “Fisimatenten!” geächzt; und insgesamt das Risiko als etwas zu betrachten, das eine und einen klein werden läßt, statt daß es, wie es in Wirklichkeit ist, uns groß machen könnte (Thomas Erdlmeier: “Ich bin nicht auf der Welt, um klein zu sein!”), all das paßt erschreckend ins Bild.
Manchmal seufze ich dankbar auf, wenn ich die Flüchtlinge sehe in ihrem tatsächlichen Existenzkampf — und daß vielleicht sie nun dem vor sich hin larmoyierenden Europa neue Kräfte schenken, und sei es nur, weil eben ihre Zeugungsfähigkeit (und ihr Zeugungs- und Empfängniswille) noch intakt ist. Ja, illusionär, ich weiß, angesichts von → داعش, mittelalterlichem Patriarchat und Bildungsnotstaat — aber dennoch. Oder, wie es im Vorspiel zu THETIS heißt:

Bürgersteige ebnen, damit man die Straßenseiten leichter wechseln kann, heißt: einen geheizten Aufzug auf den Mt. Everest installieren: Alles soll allen zu­gänglich, alles soll zu kaufen sein. Und dann sitzen sie auf den herrlichsten Gipfeln der Welt bei Schwarz­wälder Kirsch und Prosecco und machen es den Lebenden bitter, noch irgend einen Gipfel in Lust auf Schweiß und Gefahr hinaufzuklimmen, weil, was sie oben dann fin­den, vergammelte Coca-Cola-Dosen sind. So ist es auch mit den Städten. Dein Atem, Buenos Aires, wird Dir weg­gepflastert werden, und an den roten, normiert zugeschnit­tenen Industrie­sandsteinen wirst Du ersticken, und all die Abweg­senken für Kinderwa­gen und Fahr­radwege werden dich kotzen ma­chen, und das Gut­gemeinte wird Dir die Seele Stück­chen für Stückchen ziehen.
Thetis.Anderswelt, 22

Fast möchte ich mit → Gloucester ausrufen:

– / – / –   | I cannot tell: the world is grown so bad,
That wrens make prey where eagles dare not perch
!
Shakespeare, Richard III, 1,3

Wie also soll das jetzt werden? Machen wir die Opernhäuser zu, die Theater, die Kinos? Dann gleich die Schulen mit, die Universitäten, und schließlich erfolgt ein Ausgehverbot? Plätze, auf denen viele Menschen zusammenkommen, werden eh gesperrt? Ach, und die Straßenbahnen, UBahnen, Busse! Die Deutsche Bahn stellt sowieso den Verkehr ein, Supermärkte werden nur noch nach vorherigem peinlichen Gesundheits-Check betreten, Einkaufsarkaden prinzipiell geschlossen. Welch Sieg der social networks dann! Irre modern. Die Flüchtlinge freilich — nicht Kinder, sondern Fliehende sind es, voller Panik und in Not — hält solcher Unfug mit Recht nicht ab, denn dieser Virus — hab ich’s schon gesagt? — hat selbstverständlich auch einen, da sieht’s die AfD mal wieder, wenn auch nicht grad islamischen, so doch → konfuzianischen Migrationshintergrund, zudem kommunistisch … fremd ist fremd, “deutsch” sowas nicht.
Indes, auch “wir” ham unsre Märchen und könnten es verstehen: “Etwas Besseres als den Tod findest du überall …”. Schon setzen sie alle sich Masken auf ihre so fremden Gesichter, Esel und Hund, Katze und Hahn, krabbeln aufeinander und lassen furchtbar Gezeter erschallen, so daß wir Räuber selbst hinaus, sämtlichst aus der Festung Europa, nur so stieben! Und niemand von uns ward mehr gesehen. Das wär “Überfremdung”? Nein — Erneu’rung vielmehr, Gesundung unsres Abendlands.

Die Leipziger Buchmesse 2020 ist also abgesagt. Wie lächerlich dies alles, wenn es, ach, nicht eigentlich nur peinlich wäre …

Ihr ANH
11.20 Uhr

NACHTRAG, 12.18 Uhr:
Die eigentliche Pandemie verschuldet nicht der Coronavirus, sondern der Virus renuntiationis:

Alban Nikolai Herbst
Die Anderswelt-Trilogie
Bei Elfenbein

 

 

 

Thetis. Anderswelt
Fantastischer Roman
2., überarb. Aufl. 2018, geb., 895 S.
€ 39 [D] / € 40,20 [A] / sFr 47
ISBN 978-3-941184-22-0
Bestellung

 

 

 

 

 

 

 

Buenos Aires. Anderswelt
Kybernetischer Roman
2001, 2. Aufl. 2016, geb., 272 S.
€ 19 [D] / € 19,60 [A] / sFr 27,50
ISBN 978-3-941184-23-7
Bestellung

 

 

 

 

 

 

Argo. Anderswelt
Epischer Roman
2013, geb., 872 S.
€ 39 [D] / € 40,20 [A] / sFr 47
ISBN 978-3-941184-24-4
Bestellung

 

 

 

 

________________
[Rezensionen
→ dort]

„Ich schäme mich für meine Kollegen.“

Sagte mir soeben ein befreundeter Kulturjournalist, der in der Süddeutschen Zeitung die heutige MEERE-Mitteilung las und mir davon berichtete. Sie trägt, sic!, den Titel „Ahoi!“, der ungefähr dem Kalauergeistchen des dortigen Literaturchefs entspricht, der Freddy Quinn jedem Allan Pettersson vorzieht, und ist nach allen Kräften, das heißt mit sämtlichen Fehlern, abgeschrieben. Und zwar bei der FAZ, die den Unfug bereits letzte Woche brachte. „Aber es ist gut, daß man mal die Informationswege so genau nachvollziehen kann“, sagt resignierend der Freund. Also: Die FAZ berichtet falsch… „Landgericht Hamburg“, wo es „Landgericht Berlin“ hätte heißen müssen; das richtige Landgericht war der Redaktion eigens dabei mitgeteilt und darüber hinaus der Link auf meine öffentliche Erklärung geschickt worden. Aber man glaubt mir ja nicht. Und sowieso, Genauigkeiten fruchten bei manchen Journalisten wenig; mag sein, daß sie sie für leserfeindlich halten. Egal. Jedenfalls kupfert‘s die Süddeutsche ab, und weil er glaubt, Ahoi!, so in Fahrt zu kommen, setzt der zuständige Redakteur volle Segel, denn er hat eben auch in den SPIEGEL geschaut, mochte aber dessen juristisch abgeklopften Termini nicht trauen, sondern ihm war nach Shanties. So ist denn von einem gar nicht zuständigen Gericht eine Einstweilige Verfügung, die z w e i war und die sich erledigt haben, „aufgehoben“ worden. Was juristisch gar nicht ging, aber Seglerlatein ist Seglerlatein. Und ein Buch, das s o nie gefangen war, ist plötzlich frei.
Immerhin, auf >>>>Volltext wurde verwiesen:

[Meere, Letzte Fassung (4).]

3 <<<<

ANDERSWELT. Ein poetologisches und rezeptionsästhetisches Lehrstück. (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

 

[Arbeitswohnung, 13.10 Uhr]

Man nehme eine (oder mehrere) tatsächlich existierende Personen und bringe sie mit den fiktiven Personen eines Romans zusammen. Es braucht gar nicht lange, da gehorchen sie denselben poetischen Gesetzen wie die erfundenen Figuren; sie haben rein denselben Atem und werden sich auch völlig anders verhalten. Sie werden also Avatar. Das ist eben das Interessante daran, eine genuin künstlerische Bewegung vollzieht sich, der die Realität völlig entspricht. – Darauf brachte mich eigentlich erst → meine Börsenzeit. Du hörst ein Gerücht oder setzt es in die Welt, es läuft als stille Post weiter und weiter… – und die Kurse ändern sich, was wiederum direkt marktwirtschaftliche Folgen hat und das Wohl und Wehe ganzer Familien bestimmt, aber auch die Technologie selbst. Ohne die großen (mythischen) Fantasien hätte es wahrscheinlich ganze Stränge technologischer Entwicklungen nicht gegeben.
Ich rede mir seit Jahren den Mund deshalb fusslig, der Literarbetriebler hört kaum zu und erwartet – vorgeblichen, logisch, aber er hält ihn für das – „Realismus“. Da holt sich – wenn Ralf Berhorst in der Süddeutschen schreibt, die einstweilige Verfügung kassiere die Grenze zwischen Literatur und Leben – mit einem Mal „Leben“ einen Anteil „Literatur“, den es ja sowieso schon hat, und zwar auch und gerade im Fantastischen. D a s ist das bedenkenswert Bedenkliche. Im Grunde muß es jetzt auch darum gehen, → dieses Verfahren mitzuschreiben und zu poetisieren. Kühlen Herzens sein, wo es doch jagt.

Mein Kopf arbeitet auf Hochtouren, hier kommen Einfälle um Einfälle, und ich muß sehr genau gucken, da man doch einen Strick schon dreht, den man mir um den Hals legen will. Bei aller Provokation, so kannte ich das bisher noch nicht.
Einwand des Freundes vorhin: Ich hätte das mit Rauschenbach nicht schreiben sollen, das sei doch Selbstbespiegelung. Nun ja. Aber weshalb soll ich einen Impuls von Stolz unterdrücken, wenn ich ihn habe? Weil es sich gehört, bescheiden zu sein? Wer hat das den Leuten eingehämmert und warum? Nervig wird solche Freude doch nur, wenn einer sie dauernd erzählt. Mal abgesehen davon, daß im Moment von „Freude“ eh keine Rede sein kann; ich hätte wirklich alles andere lieber als diese Schlammschlachten, die sich etwa da bereits andeuten, wo von den „pornographischen Stellen“ in → MEERE die Rede ist. Ihre literarische Funktion ist doch klar, die → SM-Fantasien werden von mir erzählt, weil ich sie und ihre Realisierungen, die ja tägliche Mode geworden sind, in den Zusammenhang mit der kybernetischen Entkörperung von Welt stelle: „Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was dem Subjekt widerfuhr: Tattoo, Branding, Piercing, Body Art und der Einzug des Sadomasochismus in den Chic sind letzte aufbegehrende, perverse Akte der Selbstvergewisserung von Körpern.“ Das formulierte ich bereits in meinem Aufsatz „Das Flirren im Sprachraum“ (Schreibheft 56). In einem Roman, der die Geschichte einer zugleich tiefen Liebe wie exponentiell verlaufenden Obsession und ihrer Explosion erzählt, kann ich das gar nicht ausklammern, sofern ich nicht völlig neben der Zeit schreiben will, in der ich lebe. Es gab ja schon ganz die gleiche Dynamik in → THETIS: Dieses Buch mußte den Völkermord auf dem Balkan mitprotokollieren und poetisch in Bewegung setzen. Es wäre sonst ein rein-distanziertes, ja: germanistisches, akademistisches Buch – also Gelaber – geworden. Daß man mir hinterher die vielen geschilderten Grausamkeiten vorwarf, wunderte mich zwar nicht, machte die Notwendigkeit aber sogar noch im Nachhinein zwingend.

So, jetzt muß ich mir Ekelhaftes tun, wegen dieser MEERE-Sache. Was ich hier notiere, kann vielleicht wirklich einmal → eine Poetik werden. Ich schreibe (fabulierte) jetzt lieber weiter.

[Poetologie]

 

Wellen (ff): I) Verfügungen, einstweils, II) Kritiken. | (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

I
Zweite e.V.

Also jetzt noch das: Ich soll tatsächlich nicht mehr „aus dem Kopf rezitieren“. Formulier ich also: „Blablablablablblabla“ – womit ich meine, daß mir kalt ist -, dann ist mir dies fortan untersagt. Jedenfalls so. Immerhin meint „rezitieren“ ein belegbares Zitat. Von „Paraphrase“ ist in dem Beschluß keine Rede, was Varianten auf Alltagssätze, zum Beispiel „brrrr, kalt isses“, in meinem aktiven Wortschatz am Leben hält. Eigentlich finde ich das eine gute Sache. Man spricht nun nicht mehr „aus dem Bauch“, sondern schult sich selbst im Alltag in Anti-Schludrigkeit. Die Poetisierung jedes Einkaufs bei NETTO steht in die Welt. Mein gesamtes sprachliches Leben wird Poesie, und zwar scharf geränderte, sonetten sozusagen. Das kommt meiner Ästhetik in der Tat entgegen, verpflichtet mich sogar auf sie. Ich liebe ja auch in der Umgangssprache den Konjunktiv, der das “würde” vermeidet. Hegelsch gesprochen, komm ich zu mir. Ich sollte dankbar sein. Allerdings wird man mich nun für einen Manieristen halten… na gut, einige tun das seit langem, doch daß sich das bei den Vietnamesen herumspricht, von denen → Hans Deters seine Schmuggelzigaretten bezieht, ist neu. – Hans Deters? Ei, merken Sie, wie vorsichtig ich bin?
Aber, andererseits, dieses Weblogbuch findet sich ja aus guten Gründen unter „Dichtungen“, weshalb Sie – unvergleichbar mit anderen, sehr viel berühmteren Tagebüchern – nicht befürchten müssen, daß ich Sie über den Aggregatzustand meiner Stoffwechselabfälle unterrichten werde. Versprochen. Wen sowas interessiert, findet bei Powys’ auf Jahre Befriedigungsmaterial. Nur so als Lesetip für anal Interessierte.
Was ich bereits im vorvorherigen Weblocheintrag träumte und worauf ich mit dem „Schwarzen Buch“ präventiv reagierte, hat sich also realisiert. Das ist wie bei meinen Büchern: Ich schreibe was, und es tritt ein. Sogar die Zerstörung der World Trade Towers nahm ich im Apokalyptischen Kapitel von THETIS vorweg. Ob eigentlich ich der terroristische Kopf bin… ich meine: versehentlich und aus geheimen poetischen Gründen?
Der juristische Angriff geht diesmal gegen die fiktionäre Website, insoweit sie für MEERE wirbt. Wir haben deshalb die Links rechtssauber modifiziert. Immerhin ist der Gegner nicht damit durchgekommen, mir den Mund verbieten zu lassen: Sprechen darf ich noch über das Buch, auch den Fall MEERE reflektieren, öffentlich, etwa hier. Nur werblich aufs Buch hinzuweisen, würde teuer. Dreht also jemand, zum Beispiel morgen der RBB, mit mir einen Film, dann darf ich das – z. B. unter „Termine“ – nicht mehr bekanntmachen, weil das als Werbung auslegbar wäre. Es sei denn, es geht um sagen wir ANDERSWELT. Über die Zusammenhänge öffentlich nachdenken darf ich aber. “Im übrigen wird der Antrag abgewiesen”, schreibt das Gericht. Und genau das – abweisen und nachdenken – tu ich hier.

Wer sich fortan über XXXX (selbstzensiert) informieren will, möchte, so bitt ich, die Suchmaschinen bemühen. Das ist an sich ja wohl kein Problem. Zu ANDERSWELT finden sich bei google → enorm viele Links.

II
Kritiken

Bin gespannt, wo XXXXX (selbstzensiert), wenn man das Buch überhaupt noch behandelt, verrissen werden wird. Ich tippe auf mindestens zwei wichtige Zeitungen, ja bin mir bei DIE ZEIT und SÜDDEUTSCHE ZEITUNG geradezu sicher, weshalb mich eine Lust auf Wetten angeflirtet hat. Meeresquoten erfinden. Welch hübsche Idee! Ich würde das Wort gern urheberrechtlich schützen. Man macht es sich ja für gewöhnlich nicht klar, aber in Rezensionen werden auch Feindschaften ausgetragen. Womit ich nicht persönliche, sondern ästhetische meine. Ein Blick in meine Pressemappe (laden Sie sie sich unter „Presse“ herunter) genügt, um vieles zu erhellen. Auch ohne die einstweiligen Verfügungen wäre das mit XXXXX abermals geschehen. Nur diesmal besonders. Denn es geht um deutsche Geschichte und Folgen, die diese ganz bestimmte Form von Verarbeitung auf eine ganze Generation gehabt haben. Auch dies ist eines der wichtigen Themen von XXXXX. Das Buch nimmt die „Walser-Diskussion“ wieder auf, allerdings inniger, ja verletzlich und als Frage. Der Zusammenhang ist in der Tat so heikel, daß es einer Liebesgeschichte bedurfte, um ihre Valenz jenseits aller vorgeblichen Philo- und Antisemistismen plastisch und sinnlich erkennbar zu machen. Es muß von Gefühlen gesprochen werden, Normen und moralische Verdikte nützen da wenig. Sie sind im Gegenteil kontraproduktiv, denn sie halten die Erinnerung ans Unheil als Verdrängung aufrecht. Verdikte wollen nämlich nicht verarbeiten und bewältigen lassen. Auch das wird in dem Buch geschildert, das fortan WELLEN heißen wird, daß die Erkenntnisprozesse ihren Grund also in einer sinnlichen, wenn auch ästhetischen Erfahrung haben und genau deshalb so wirkungsvoll sind. Es handelt sich nicht – oder selten – um Rationalisierungsprozesse. Ihre Valenz wird deshalb größer als eine analytisch hergestellte empfunden. Deshalb wird auch eher ein Prozeß gegen einen Dichter geführt als einer gegen einen Wissenschaftler. Dieser bewegt sich im determinierten Raum – auch dann, wenn er moralisch fragwürdige Experimente durchführt -, jener hält sich im ungefähren Raum auf. Dieses Ungefähre ist, was weg soll. Die Äquivalenzform, so schrieb ich einmal, wird total.

 

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