Unten ODER “Da sie wahrscheinlich gar nichts merken.” Vor diesem – dem einundzwanzigsten – Coronajournal. Freitag, den 24. April 2020.

 

(Vorweg, weil’s nicht ohne Witz ist: Daß, mögli-
cherweise, → Raucher geschützt vor Corona sind!)

[Arbeitswohnung, 7.10 Uhr
David Ramirer, → inversus REMIX]
Doch nicht nur das, sondern immerhin auch Ramirers neue Musik baute mich wieder etwas auf, die gestern nachmittag im Briefkasten lag, nicht sie selbst, klar, Freundin, aber die CD. Sowie eine persönliche Karte Gaga Nielsens. Denn vorabends hatte ich von einem meiner Verlage eine Nachricht erhalte, die mich komplett hilflos machte, auf die zu reagieren ich deshalb den Schlaf einer ganzen Nacht und das Gespräch mit einem anderen Verlag brauchte, wo mir geraten wurde; ebenso fragte ich bei meiner Lektorin, die überhaupt zu informieren ich allerdings zögerte, weil ich sie nicht belasten wollte.
Kurz: grauenhafte Verkaufszahlen. DIE DSCHUNGEL dagegen wächst und wächst, deutlich nehmen die Zugriffe wieder zu, haben noch nicht ganz, aber nähern sich ihm wieder, die außerordentlichen Zugriffszahlen, die ich aus twoday-Zeiten gewohnt war. Wie, frage ich mich, ist beides zu erklären? Alleine damit, daß für “reale” Bücher Geld ausgegeben werden muß? Vielleicht. Doch was kostet ein Gyros beim Griechen, ja ein Kinobesuch? Um von den astronomischen Summen zu schweigen, die für den Besuch eines einzigen Pop-Konzertes ausgegeben werden, ein-, manchmal zweihundert, ja dreihundert Euro, für ärmere Leute bis zu einem Drittel ihres Monatssalärs.
Wie auch immer, ich war, um’s im ekligen Neudeutsch zu sagen, down. Dabei hatte ich gerade wieder den richtigen Ton für → das vorletzte Béartgedicht gefunden, kam mit der Nabokovreihe weiter, und insgesamt zu meinen Gedichten schrieb mir die wunderbare Daniela Danz ein paar noch wunderbarere Zeilen, über deren unterliegende Botschaft sich’s freilich meditieren läßt:

Frauengedichte sind es sowieso nicht, das muss man sagen … Aber wer hätte das erwartet. Zum Beispiel dieses schöne schöne “Kokelndes Kind..” aus “Der Engel Ordnungen”, das ja nicht von einem Kind, sondern von einem Mann handelt und von dem für mich Erstaunlichen, das mit einem Jungen passiert, dass er all diese ihm zugetrauten Dinge tut, wohl nur, weil jemand sie ihm zutraut und er sie sich dann zutraut. Und dann gibt es diese Drehungen und Spiegelungen in den Gedichten, die so eine einfache, liedhafte Oberfläche haben und dann wie ein ganzes Spiegelkabinett sind, physikalische Gebilde quasi wie die “Ballade aus der Zukunft”. Die 2018er Bände sind dann schon wirklich ein wenig entrückt vom Wettrennen, aber das hat Dir ja schon immer gut gestanden, ein alter Mann zu sein, weshalb Du es jetzt vermutlich so wenig wie damals bist. Und auch die Unzeitgemäßheit ist darin noch stärker.

Über “das Wettrennen” muß ich nachdenken und drüber, daß es mir um so eins gar nicht geht, ich auch nicht weiß, was es eigentlich meint. Ebenso die Unzeitgemäßheit. Was denn soll ihr Gegenstück, “Zeitgemäßheit”, sein? Zu schreiben, wie es ‘in’ ist? Es gibt eine innere Logik der poetischen Geschehen, die nicht den breiten Rhein meint, auch nicht den Mississippi — und alles wälzt sich ins versumpfende Delta?
Das von Daniela Danz speziell gemeinte, sehr kurze Gedicht setze ich hier noch einmal für Sie hin:

KOKELNDES KIND AUF DER KIESTERRASSE

Im Nieseln hockt er konzentriert
den kleinen Rücken gewölbt
und brennt die Welt an

Ein kleiner Gott
probiert an ihren Mächten Gegenmacht:
was ein Mann ist unter dem Himmel

 

Ich muß ihr unbedingt zurückschreiben. Zuerst aber war auf das Verlagsschreiben zu reagieren:

Deine Nachricht macht mich in mehrfacher Hinsicht hilflos und mir – was Du gewiß nicht beabsichtigt hast – ein starkes Schuldgefühl, mit dem ich nicht wirklich umzugehen weiß. Die Zahlen freilich sind niederschmetternd – doch auch deshalb, weil ich so etwas vorausgeahnt und Dir ja auch mehrmals gesagt hatte, wie schwierig mein Stand im deutschen, bzw. deutschsprachigen Literaturbetrieb ist und lange schon war: daß ich ihm durchweg eine persona non grata bin. Selbst das Traumschiff (…) ging letztlich daran unter. (…) Auch hier war es so, daß sich die Feuilletons – bis auf wenige – weigerten, das Buch überhaupt wahrzunehmen. Und wo dann doch Kritiken erschienen, in nicht mehr als drei Zeitungen, erschienen sie sowohl (…) viel zu spät als auch vor allem zu weit voneinander jeweils entfernt, um eine Wirkung zu entfalten. 
Das war nicht zufällig so, sondern hatte Methode. (….) Die poetische Kraft in meinen Büchern ging den auf einen banalen “Realismus” gebügelten Literaturbetrieblern, die anderes nur bei Autorinnen und Autoren des Auslands erlauben, von Anfang an gegen den Strich.
(…) Als ich anfing zu schreiben, beherrschte die Linke den Betrieb, und ich schoß gegen sie, ebenso wie ich’s gegen rechts tat. Sehr früh, geprägt von Adorno, griff ich den Pop an, nannte ihn später “die Ästhetik des Kapitalismus”, wies seine Banalität nach, den Verlust an Formen usw., und überdies lehnte ich – und tue es noch – die hochkapitalistischen Panem-et-circensis-Shows des Fußballs entschieden, ganz entschieden ab, schon weil es seinen Grund hat, daß es so Widerliches wie Hooligans gibt (von denen, nach Spielen hier im Schmeling-Stadion, लक्ष्मी tätlich angegriffen wurde, mehrfach, was dazu führte, daß sie zu solchen Zeiten das Haus nicht mehr verließ) . 
Was nun, Fußball wie Pop, einer ganzen Generation zur quasi Ersatzheimat wurde, weil es nicht mit der Hitlervergangenheit belastet war, klagte ich der Affirmation und des Formverrats an – nicht anders, als es Nabokov lebenslang mit dem Kommunismus getan hat. (…) Das wurde und wird mir nicht verziehen; ich bin ein Nostalgie-Nestbeschmutzer.
Es ist egal, (…) ob jemand gut schreibt oder gar bedeutend; ein Autor, oder eine Autorin soll sich, wenn sie oder er aus Deutschland stammt, dem Mainstream unterstellen. Unterdessen bin ich noch verschärft zur persona non grata geworden, weil ich die Gender-Ideologie nicht mitmache, sondern für nicht nur falsch, sondern schwer verlogen halte: Sie existiert alleine aus Gründen des Machtinteresses und eines diktatatorischen Willens (zur) Deutungshoheit (…).
Es ging aber schon früher los, wegen meines (…) vitalistischen und zugleich erhöhenden Verhältnisses zur Sexualität, meiner Ablehnung der ideologischen Monogamie (der meine Ablehnung des Monotheismus entspricht); kurz wegen meiner als unzulässig empfundenen Darstellungsfreiheiten erotischer Vorgänge, die ich eben nicht moralisiere. Schon bei Erscheinen meines ersten Romans, 1983, weigerten sich sämtliche bayerischen Buchhandlungen (das Buch erschien bei List in München), mein Buch öffentlich auszulegen – weil ich auf der ersten Textseite eine Szene aus Tinto Brass’ 1979 herausgekommenem Spielfilm “Caligula” (mit Peter O’Toole) nacherzähle, die mit der – gezeigten – Kastration einer der Figuren endet – eine Szene, die mir, nachdem ich den Film sah, entsetzlich nachgegangen ist und verarbeitet werden mußte. Seither stand auch in den Kritiken folgender Bücher immer wieder der Hinweis auf meine in sexueller Hinsicht Amoral – was den Gipfel erst fünfundzwanzig Jahre später erklomm, als “Meere” erschienen war und der Prozeß um das Buch lief. Da verlor ich sogar meine Verlage und brauchte fünf Jahre, um zurück auf die Beine zu kraxeln. In denen aber ich DIE DSCHUNGEL gründete, quasi aus Notwehr, um nicht stummgemacht zu bleiben. Die Wut darüber, daß man mich nicht wegbekam, einfach nicht töten konnte, nicht einmal erwürgen, wo man mich doch am liebsten mit dem Beil zerhackt hätte, muß grenzenlos gewesen sein – zumal ich mir jetzt noch, eben mit der Netzpräsenz, viele der wenigen, die noch auf meiner Seite standen, ebenfalls zu Gegnern machte (etwa Gerd-Peter Eigner und Paulus Böhmer), weil ich angeblich “die Literatur verriet”.
Es folgte die Phase, in der, was immer ich poetisch unternahm, verschwiegen wurde. Es brauchte über zehn Jahre, nämlich bis zum Traumschiff, bis wieder über irgendeines meiner Bücher eine Kritik in einer überregionalen Zeitung erschien. Nur einige wenige Getreue ließen sich zu ihnen noch ein, entweder aber im Netz-selbst oder im Rundfunk. Im klassischen Feuilleton niemand.
Die Buchhandlungen sperrten sich weiter und sperren sich noch. Als skandalös gilt, daß ich gehypte Achteltalente wie Juli Zeh öffentlich so auch nenne, nämlich Achteltalente – was aber noch euphemistisch ist. Du kannst Dir sicher sein, daß die Buchhandlungen auch Thomas Pynchon nicht führten, wäre er nicht US-Amerikaner, schon gar nicht nach Gravity’s Rainbow, worin u.a. die Liebesgeschichte eines jüdischen Jungen zu einem NS-Offizier geschildert wird, dem sich der Bub dann auch noch freiwillig zum Opfer darbringt. Ein Vertreter (…), der meine Bücher nicht unterbrachte, erzählte, die Buchhändler hätten “sowas wie Angst vor Herbst”. Du kannst Dir denken, wie sie da bereit sein werden, eines meiner Bücher ihrer Kundschaft auch noch zu empfehlen.
Ich bin kein Einzelfall. Es gibt noch andere, vielleicht nicht viele, aber doch einige, die nicht vorkommen sollen. Der grandiose Kieler Romancier Christopher Ecker etwa, aber auch bei Böhmer war es über Jahrzehnte so. Wie in Deutschland und wohl auch in Österreich mit nichtkonformen Künstlerinnen und Künstlern umgegangen wird, läßt sich am Beispiel Hans-Jürgen Syberbergs besonders deutlich zeigen, dem es nicht einmal half, längst eine internationale Größe zu sein. Man kickte ihn schlichtweg raus, nachdem in seinem Hitlerfilm eine Wandtafel gezeigt wurde, auf der auf der einen Seite die Klarnamen korrupter Künstler und Kritiker standen, u.a. Bernhard Wickis, und auf der anderen zum Beispiel, als nichtkorrumpierbar, Helmut Käutner.
Ich glaube also an (die) These von dem zu hohen Buchpreis nicht. Vor der Währungsreform, also der Einführung des Euros, wurden Buchpreise mit 10 Pfennig pro Seite kalkuliert; nach der Währungsreform entsprach das 5 Cent pro Seite – womit wir bei 30 Euro pro 600 Seiten absolut korrekt liegen — aber wohlgemerkt nach dem Stand von vor 2000; da ist keineswegs die Inflationsrate und also die Kostenerhöhung nahezu sämtlicher Lebens- und Konsumbereiche mit eingerechnet. Demzufolge sind wir sogar zu billig.
Allenfalls wäre zu überlegen gewesen – oder könnte nach wie vor überlegt werden -, ob man nicht einen besonderen Preis für die Kundinnen und Kundin nimmt, die beide Bücher zugleich kaufen, sozusagen einen Paketpreis, sagen wir: 49,80. Das könnte sich rechnen, aus preispsychologischen Gründen. Hilft aber über das Grundproblem nicht hinweg.
Wie stark der Widerstand gar nicht so sehr, wahrscheinlich, gegen meine Ästhetik, vielmehr gegen mich als Person ist, zeigt der Umstand, daß wir (…) weder in Wien (…) noch in Berlin (…) einen Präsentationsort bekommen haben. 
(…)
Ich weiß keinen Ausweg. Eine geringe Hoffnung bleibt, daß sich die Angelegenheit nach meinem Tod dreht, wenn ich den Betrieb nicht mehr stören, sondern man mich – “Ich hab es ja immer gewußt!” – fröhlich vereinnahmen kann. Dann allerdings käme auch DIE DSCHUNGEL ins Rampenlicht, und darin stehen zu viele Namen, und zu viele Betriebshudeleien sind offenbart, die dann in die Literaturgeschichten eingingen. Also, nein, auch nach meinem Tod wird sich vermutlich nichts ändern. Der einzige Ausweg, den ich noch sehe, ist der übers Ausland – wenn es Übersetzungen gäbe, die dort Aufmerksamkeit erregten (…).
Also was soll ich Dir jetzt sagen, erwidern, wie kann ich mich entschuldigen? Und wie halten wir es in Zukunft (…)
(…)

Ich bin (…) ein nicht durchsetzbarer Autor, und zwar, mag sein, ein, wie Du mehrfach sagtest, “internationaler ohne Übersetzungskosten”, halt aber auch ohne Internationalität. Und gänzlich ohne Lobby.
(…)

Ich habe, Geliebte, den Brief dort gekürzt, wo er für die Öffentlichkeit zu sehr ins Private geht und/oder noch einmal illustrierend zu sehr ausholt. Es gibt ja weit mehr zu erzählen, und aber jedes weitere Detail erhöht meine Verzweiflung. Ein Satz meiner Mutter echot im Ohr: “Finde dich ab!” Was ich aber so wenig vermag, daß gestern abend, als ich mit meiner nahsten Freundin sprach, sie vor Hilflosigkeit zu weinen begann und das Gespräch abbrechen mußte. So daß ich, meinerseits nur noch niedergedrückter, dachte: Ich muß den Kontakt zu allen mir Lieben meinerseits, und zwar insgesamt, abbrechen, darf nicht mehr mit ihnen sprechen, weil sich meine Situation auf sie, sie schwer belastend, überträgt — weil Depressionen tatsächlich ansteckend sind. Eine andere, aber nicht unähnlich, Form von Corona. Möglichst immer einen Mundschutz tragen, nicht um mich selbst, sondern um meine Liebsten zu schützen. Sich komplett zurückziehen und kommunizieren alleine noch über DIE DSCHUNGEL. Fast kommt mir Corona nun wie ein Spiegel nach draußen meines Inneren vor. Einsamkeit als nunmehr status quo.
Aber das ist privatistisch. Allerdings Briefe einzustellen, sie zu dokumentieren, wie hier jetzt getan (was mir verübelt werden wird, auch von Freunden, wie ich weiß), bedeutet, mir nicht auch noch meine Wehrfähigkeit nehmen zu lassen, eben nicht einzuknicken, sondern zu bezeugen und zu zeigen — nicht zu klagen, sondern anzuklagen. Und zu beharren, auf einer Poetik zu beharren, die da ist, auch wenn man sie nicht will. Bedeutet weiterhin, Haltung zu zeigen, anstelle daß man sich beugt. Solange ich so etwas tue, resigniere ich nicht, egal wie groß die Depression ist. Denn diese ist allein persönlich, nicht aber der Kampf um Ästhetik. Denn der ist allgemein.

So ist meine Stimmung heute vormittag wieder besser, auch wenn ich gestern abend noch ein Gedicht schrieb, das etwas anderes aussagt. Gegen Mittag wohl werde ich’s, ein nur kleines, ziemlich simples Ding, hier einstellen. Und auffällig, als ich gestern die ersten Pfingstrosen kaufte, die derart schnell aufgingen, daß eine von ihnen jetzt schon verblüht ist — auffällig also die fast durchgehende Freundlichkeit der Menschen, auch und gerade von Verkäuferinnen, in den Zeiten der Corona.

 

Ihr ANH

P.S.:
Was ich abends noch dachte? Daß mir besonders verübelt wird, wie gerne ich lebe, wie gerne gelebt jedenfalls habe. Während ich jetzt immer wieder spüre, es sei vorbei. Daß ich zu leben gefeiert habe, es mir ein Bedürfnis in meiner Literatur war und eigentlich immer noch ist (nur daß ich derzeit den Ton kaum mehr finde). Vielleicht ging den Menschen diese Art Optimismus auf den Keks, diese Begeisterung, die immer auch Begeisterungsfähigkeit war. Die unentwegte Kraft von Hoffnung, die ich hatte, seltsam durchwirkt vom Trotz — diesem meinem nach wie vor DENNOCH! Die Hitze, die mich trieb und trug. Und meine unbändige Lust an der Bildung. Sie wurde mir nicht geschenkt, ganz sicher nicht vom Elternhaus, das eher gedrückt und verbissen war. Ich wollte sie einfach, nahm sie mir —  heraus. Nein, nicht ohne das Unrecht zu sehen, im Gegenteil. Ich sah es sehr scharf und zeigte es auch; doch mein Grundton ist immer Begeisterung gewesen, nicht Skepsis. Schon damit stand ich völlig quer in der Welt, die sich am mea culpa rieb und, wie ich schon sehr früh formulierte, einem “negativen Selbstheroismus”, der vor allem deshalb ekelhaft war, weil er feige ist, im allerinnersten feige. Und deshalb tief korrupt.

“Wenigstens”, sagte die weinende, mir so sehr vertraute Freundin, “kannst du dich im Spiegel ansehen, ohne dich schämen zu müssen.” Was ich da in mir dachte, verschwieg ich ihr besser, sie war schon viel zu erschöpft: “Das können die anderen auch. Da sie wahrscheinlich gar nichts merken.”

[Giuseppe Sinopoli, Lou-Salomé-Suite No 1]

IHR WOLLT EIN WORT VON MIR. EIN SCHICKSAL SOLLT IHR HABEN. Eine literarische Spekulation über Hans Henny Jahnn und Medea.

 

Hier wirken Triebe, die die Not und das falsche Bewußtsein von ihr nur freilegen, die aber nicht von heute sind. Sondern ein Stück fossiler Mond scheint, darunter ist ein Weg, an den man sich seltsam er­innert.
Ernst Bloch, Erbschaft dieser Zeit


I

Wenn ein Schriftsteller von einem anderen schreibt oder über einen anderen spricht, ist das stets ein Stückchen eigener Standortbestimmung. Und also eigene Literatur. Sie wird dem an­deren nicht gerecht, oder nur aus Zufall. Sie will ihm auch gar nicht gerecht werden, sondern sich selber ordnen anhand von Nähen und Fernen, Abstoßungen, ja bewußten Fehldeutungen. Das andere wird dem eigenen rücksichtslos einverleibt oder aus sich hinausgestülpt, je nach Richtung des Verfahrens, der Ideologie, der Neigung. Ist das fremde Werk aber tatsächlich fremd, wird man sich nicht darum kümmern. Ich gehe also von Nähe aus, einer negativen, einer positiven, einerlei: Nähe. Dieses bei allem, was ich sage, zu bedenken, bitte ich Sie. Es schränkt meine Spekulationen im selben Maß ein, wie es ihnen ihr Recht und möglicherweise ihre Wahrheit gibt.
Hans Henny Jahnn reizt mich. Das Wort “reizen” ist ambivalent und durchaus erotischer Terminus. Ich erinnere mich an eine verbissene und langweilige Lektüre meiner Nachpubertät. Pubertär auch der Text: Dunkel, morastig, vergoren, zerwühlt und von demselben Auserwähl­theitsalpdruck zusammengehalten, der mich zusammenhielt. Ich hatte keine masochistische Neigung und also das Verlangen, aus meinem Stallgeruch von verschwitztem Geschlecht und dumpfer Neurose mich hinaus- und zu mir selbst herauszuwühlen, indessen Jahnn mir vor­kommt wie einer, der immer weiter hineinwill in seinen Pfuhl aus Kot und geronnenem Eiweiß. Vermutlich war er wie ich früh traumatisiert, beide liebten wir Musik, Mozart und Bach, und beide strotzten wir vor Pathos und platzten vor fantasierter Gewalt. Ich selbst wurde dann eine Zeitlang tatsächlich kriminell. Ich sehnte mich nach Mädchen, die mich mieden. So fing ich zu schreiben an. Als mich das erste Mädel in den Arm nahm, legte ich Jahnn beiseite. Die Sache ging aber schnell an meinen Verklemmungen und also meinem Größenwahn schief. Ich watete im Selbstmitleid und las abermals Jahnn. Ich flog von der Schule, ich haute von Zuhause ab, wurde aufgegriffen, haute wiederum ab, vaterlos haßte ich meine Mutter und erging mich in brutalen Szenarien der Sehnsucht. Meine Mutter gab mich, den schwer Erziehbaren, weg, ich lernte meinen innerlich längst abgestorbenen Vater kennen, auf einem Bahnübergang zwischen Bassum und Syke schlugen wir uns, ich ging nach Bremen, begann eine Lehre und wurde, na ja, einigermaßen normal. Interessanterweise schrieb ich weiter. Und las auch weiterhin Jahnn. Doch plötzlich, ich war so um die einundzwanzig, hörte er auf, für mich von noch irgend einer Bedeutung zu sein. Ich legte ihn wenige Seiten vorm Epilog des Flusses ohne Ufer weg. Im selben Moment legte ich Kafka ab, Beckett ab und Artaud ab. Sie interessierten mich einfach nicht mehr. Punkt. Eine Häutung. Ich entdeckte den Spott. Ich glaubte an den freien Willen, an Entwicklung, an Fortschritt. Außerdem war ich ständig verliebt. Das schloß fatalistische Au­toren aus.
Etwa zwei Jahre später schickte mich mein Lehrer am Abendgymnasium in den Bremer Schlachthof. Das war passend. Frank Patrick Steckel hatte Jahnns Krönung Richards III. in­szeniert, auf allen Stockwerken, das Publikum war gebeten worden, in Kleidung zu erschei­nen, die man hinterher entsorgen konnte. Eine Orgie der Schreierei und roten Farbe und ex­pressionistischen Sprache. Rainald Götz und Einar Schleef heute verzehnfacht aufeinanderge­schichtet reichen an die orgiastische Entgrenzung nicht heran, nur ihr modernes Vorbild, Otto Mühl, und der Archetyp: die dionysischen Mysterien. Daher ist es nämlich genommen, aber invers. Die Menschenopfer, das Zerreißen der Muttertiere, das Verschlingen rohen Fleisches, die Selbstverstümmelungen. Dionysos ist der Sohn Semeles, der Mondgöttin, und als Stier ge­dacht. Darauf werden wir zurückkommen müssen. In ihm wurde der Phallus verehrt, und zwar nicht patriachal. Die dionysische Kraft ist nicht licht, Dionysos ein Gegenspieler Apolls bis in seine Banalisierung zum Bacchus hinein. Seit Nietzsche ist die Dualität dionysisch/apollinisch Zitat. Dionysos zugehört Demeter und Kore, jene wiederum ist aus der kleinasiatischen Kybe­le, bzw. Hekate herübergewandelt. Auch dies werden wir wieder aufnehmen müssen. DI-YO­NI-OS: Die zweifache göttliche Vulva. Die beiden Hörner des Stiers plus dem Phallus = den drei Phasen des Mondes, die Gezeiten und Menses regeln. Dionysos wird, wie Osiris vor dem Weltuntergang, zerstückelt.
Ich war völlig benommen und versuchte es mit Jahnns Prosa neu. Ich war angewidert und ent­setzt von soviel brütender, zugleich frigider Kraft. Bilder wie irisierendes, ionisiertes Blei. Al­les schwer. Eine Perspektive auf die Welt, als hätte man wen in einen Gulli gesperrt und der beginnt nun, in seinem Gefängnis unablässig zu onanieren, wie es Affen in Käfigen tun: Ma­nieristischer Hospitalismus, fieberndes Monologisieren. Ich wandte mich anderen Autoren zu.
Erst 1983 verfiel ich neuerlich auf Jahnn, diesmal indirekt. Martin R. Dean machte mich auf den Schweizer Dichter Guido Bachmann und seine Trilogie Zeit und Ewigkeit aufmerksam. Es ist für mich eines der wichtigsten Bücher geworden, die in den letzten Jahren erschienen sind. Über Bachmann lernte ich Gilgamesch und Enkidu kennen, Bachmann richtete meine Recher­chen auf die Mythologie und die führte mich nun abermals zu Jahnn und erlaubte mir, erst­mals zu trennen das, was ich schätzte, von dem, was mich störte, ja mit beinahe phylogeneti­schem Ekel erfüllte. Beides hing auf eine ungute Weise zusammen, eines verwies aufs andere. Ich begriff, daß Jahnns Prosa keine Personen hat, sondern immer nur sich selbst, aber so, als wäre er in lauter Archetypen, in ewige Monaden zerfallen, die sich, auf ein Rad genagelt, das sich dreht, um diesen Autor drehen. Ein permanenter Zirkel. Zirkularität gehört unabdingbar zu matriachalen Vorstellungswelten. Und dann erfaßte ich, was mich so anwiderte: Die Ideo­logisierung seiner vorgeblichen Homosexualität. Ich sage bewußt: nicht die Päderastie als Spielfigur einer im großen und ganzen reifen Sexualität, sondern ihre Ideologisierung. Die ist in manchen intellektuellen Kreisen in den letzten Jahren modern, nämlich Markt geworden, und ich mag insofern die derart vor sich hergetragene Homosexualität als hysterische Selbst­befreiung nicht glauben, nicht den Kreisen und schon gar nicht Jahnn. Ich erinnere an DI-YONI-OS und komme auch hierauf zurück.

SCHNITT. — Etwa acht Jahre lang keine Zeile Jahnn. Nur indirekt: Meine Studien übers Ma­triarchat, bis zurück in die Edda, den europäischen Sagen- und Märchenkreis abgeschritten. Das war der “Wolpertinger“.

SCHNITT. — Frühjahr 1994, Medea im Berliner Gorki-Theater. Eine sehr laute – zu laute – Aufführung. Im Theater muß ja immer geschrien werden, weil die Leute Hörschäden haben. Das ist, an Madonna und Prince zu denken, verständlich. Jahnn fügt sich, was die Phonstärke angeht, da ziemlich gut rein. Oder nicht? Inszeniert mit Oskar-Schlemmer– und Travestie-Zitaten. Der Transvestismus paßt, Schlemmer liegt irgendwie schief. Das läßt mich aufmerk­sam werden. Bauhaus und Jahnn. Seltsam. Warum wählte Jahnn diesen Stoff? Ausgerechnet ein grübelnder misogyner Schwuler macht sich über eine Kindsmörderin her. Was treibt ihn zu ergründen, was sie treibt? Das ist mir neu an Jahnn: Distanz. Identifiziert er sich mit Jason? Das wäre selbst für ihn zu billig. Aber mit Medea? Welche Söhne hat er umgebracht oder fan­tasiert er, umbringen zu müssen? Ist Jahnn eine Frau? Der Stoff ist zu weit von Norwegen und Deutschland entfernt, um seinem Blut der rechte Lehm zu sein. Der ausgetrocknete korinthi­sche Staub klebt schlecht an den Stiefeln, macht sie nicht schwer und zwingt sie schon gar nicht ständig in den Morast zurück. Der Anruf vom Literaturhaus Frankfurt am Main, Jahnn-Symposion, ob ich usw. Ich sage spontan zu, nenne Medea als Thema und beginne den 2. Teil meines Vortrags.

II

Ich sagte, Homosexualität sei modern geworden. Das ist nicht mehr aufgeklärte Freiheit, schon gar nicht Toleranz, sondern sowohl Regression wie ästhetische Doktrin. Ich spreche hier nicht vom Freund, der mit dem Freund schläft. Ich spreche von einer abstrakten Heroisierung, die aus der gleichgeschlechtlichen Liebe eine säkularisierte Religion abziehen will und ganz bewußt das andere, das Zweigeschlechtliche, ausgrenzt, also – mag sein: aus Notwehr – in die­selben restriktiven Mechanismen verfällt, von der der Heros bedroht war. Ausgrenzen heißt immer: Wegbringen, Umbringen. Der beglückte Heterosexuelle hackt ja auch nicht auf Schwulen und Lesben herum. Sie interessieren ihn einfach nicht genug, als daß er sich über sie aufregen könnte. Der gesellschaftliche Haß auf Homosexualität ist Homosexualität, nämlich eine verdrängte. Damit sind wir mitten im Thema. Haß auf Heterosexualität ist niemals homosexuellen Ursprungs. Und sein Auswurf, der Frauenhaß, entstammt einem schlechten, ich möchte sagen: bösen Gewissen. Indem alle drei – Homosexualität, Heterosexualität, Frau­enhaß – eine starke ideologische Komponente haben, stimmt etwas in ihrem Selbstbewußtsein nicht. Das heißt, ihre Entwicklung ist schiefgelaufen. Um es zu wiederholen: Die individuelle Homosexualität interessiert mich hier nicht. Ein junger Mann, der Liebeskummer hat und seiner Freundin ein trau­riges Gedicht darüber schreibt, interessiert mich ebenfalls nicht. Ich mache auch nicht aus einer Diarrhöe, die mich gelegentlich anfällt wie jede und jeden, Literatur. Mich interessiert genauso wenig, ob ein Autor lieber Hähnchen oder Schweinefleisch ißt, nudistische Vorlieben hat oder AIDS. Mein Interesse gilt der Diarrhöe als Ideologie und Literatur.

Frühes Trauma – Abwehr – Latenz – Ausbruch der neurotischen Erkrankung – teilweise Wie­derkehr des Ver­drängten: so lautete die Formel, die wir für die Entwicklung einer Neurose aufgestellt haben. Der Leser wird nun eingeladen, den Schritt zur Annahme zu machen, daß im Leben der Menschenart Ähnli­ches vorgefallen ist wie in dem der Indivi­duen,

schreibt Freud. Und weiter:

Also daß es auch hier Vorgänge gegeben hat sexuell-ag­gressiven Inhalts, die blei­bende Folgen hinterlassen ha­ben, aber zumeist abgewehrt, vergessen wurden, nach lan­ger La­tenz zur Wirkung gekommen sind und Phänomene, den Symptomen ähnlich in Aufbau und Tendenz, geschaffen ha­ben.

Jason soll für Pelias, Tyrann von Jolkos, von Aia, also Kolchis, das Goldene Vlies holen. Dann, so verspricht Pelias, wird er die Jasons Vater Aison weggerissene Herrschaft wieder abtreten. Jason macht sich auf den Weg nach Osten, und erreicht Aia, tritt vor Aietes und verlangt das Goldene Vlies, das in einem Eichenhain aufgehängt und von einem Drachen be­wacht ist. Aietes verweigert das nicht, will aber erst drei Aufgaben gelöst bekommen: Jason soll zwei feuerspeiende, erzhufige Stiere vor den Pflug spannen, dann Drachenzähne in die Furchen säen und schließlich den Wächterdrachen töten. Medea, eine Tochter Aietes’, hat sich in Jason verliebt. Sie ist zauberkundig und steht ihm bei. Mit ihrer Hilfe löst er die Aufgaben, allerdings, das ist mythisch-symbolisch wichtig, tötet er den Drachen nicht, sondern dieser wird in tiefen Schlaf versetzt, so daß man das Goldene Vlies unbehelligt stehlen kann. Das Drama zeigt, wie der Drache dann später in Medea erwacht. Aietes verfolgt die Fliehenden. Vor den Augen des Vaters zerstückelt Medea ihren kleinen Bruder Apsyrtos und wirft die Ka­daverteile ins Meer, wo sie der unglückliche Vater auffischen muß, so daß die Fliehenden ent­kommen. Nach Jolkos heimgekehrt, wird gefeiert. Jasons Vater ist zu gebrechlich, um dabei­sein zu können. Durch Zauber verjüngt ihn Medea. Nun legt Jason Pelias das Vlies vor. Der weigert sich, das Reich herauszugeben. Medea rächt das. Also müssen sie und Jason wieder­um fliehen. In Korinth finden sie Asyl. Sie bekommen zwei Kinder. Aber Jason verliebt sich in die Tochter König Kreons und will die Ehe mit Medea lösen. Die Vermählung mit Kreusa-Glauke wird bestimmt. Medea fügt sich scheinbar, schickt Kreon und Glauke je ein Gewand, sowie die beiden es anziehn, werden sie von Feuer verbrannt. Dann tötet Medea ihrer und Jasons Kinder und fährt auf einem Drachen-, resp Schlangenwagen davon.

Ich referiere nach Ernst Kroker, Katechismus der Mythologie. Im übrigen beziehe ich mich auf Euripides und Ovid.
Bei Jahnn geht die Geschichte etwas anders:
Nicht Jasons Vater verjüngt Medea, sondern ihrem Mann schenkt sie ewige Jugend, indessen sie selber altern muß. Das ist an sich schon seltsam und nicht sehr weiblich gedacht. Warum läßt Jahnn seine Medea dieses Eigentor schießen? Antwort: Es ist nötig, damit das Stück funktioniert. Symbolisch aus noch einem anderen Grund, den ich später erkläre. Zu Beginn des Stücks ist Medea schon alt, Jahnn verwendet viel Energie, sie sich als schwabblig und unan­sehnlich schildern zu lassen. Der Ehemann hingegen strotzt vor geiler Jugend. Er pflegt, sei­nem älteren Sohn beizuschlafen. Medea bettelt um eine Liebesnacht. Nach vielerlei Hin und Her verspricht Jason sie ihr. Der ältere Sohn hat sich in Kreons Tochter Glauke verliebt (ihr Name wird, das ist wichtig, bei Jahnn nicht genannt) und bittet den Vater, für ihn bei Kreon um ihre Hand anzuhalten. Gleichzeitig bittet der jüngere Bruder, der immer der Mutter zuge­schlagen wird, den älteren darum, ihn in die Mannbarkeit einzuführen, das heißt: mit ihm zu schlafen, wie der Vater es mit jenem tat. Der Bruder verspricht’s, aber dann kommt ihm eben das Mädel dazwischen. Der Vater geht zu Kreon, verguckt sich selbst in die Deern, verleugnet seine Ehe, seine Kinder, läßt Kreon Medea verstoßen. Dem Boten, der Medea die Nachricht bringt, läßt sie die Augen ausreißen. Danach geht die Geschichte, mit entsprechenden psycho­logischen Varianten, weiter wie oben, nur daß Jahnn den Drachenwagen durch einen Pferde­wagen ersetzt.
Ich komme auf Freud zurück und kolportiere ihn: “Der Leser wird nun eingeladen, den Schritt zur Annahme zu machen, daß in der Literatur Ähnli­ches vorgefallen ist wie im Leben der Menschenart.” Ich bitte Sie also, die Annahme zu machen, die Verdrehungen Jahnns seien nicht oder nicht nur auf seine persönlichen, sondern auf einen gesellschaftliche und ideenge­schichtliche Defekt zurückzuführen. Wobei gewiß auch Ovid und Euripides schon defizitär, bzw. bewußt ideologisch-politisch sind. Das wird sich, wenn wir meine Spur verfolgen, im ne­benhin zeigen. Dazu nochmals Freud:

Wenn wir den Fortbestand solcher Erinne­rungsspuren in der archaischen Erbschaft an­nehmen, haben wir die Kluft zwischen In­dividual- und Mas­sen­psychologie überbrückt, können die Völ­ker behandeln wie den ein­zelnen Neurotiker.

Al­lerdings schränkt er ein:

Zugege­ben, daß wir für die Erinnerungsspuren in der ar­chaischen Erbschaft der­zeit keinen stärkeren Beweis haben als jene Resterscheinungen der analyti­schen Arbeit, die eine Ableitung aus der Phylogenese erfordern, so erscheint uns dieser Beweis doch stark ge­nug, um einen solchen Sachver­halt zu postulieren.

Jason zieht nach Osten, zum sagenhaften Kolchis. Die Tatsache, daß Pelion den ihm gefährli­chen Jason ausgerechnet dahin schickt, zeigt schon, daß er nicht glaubt, jemand komme von dort heil wieder zurück. Zwei verfeindete Völker? Das reicht nicht: Ganz Griechenland liegt miteinander im Krieg. Hier geht es um zwei Prinzipien. Bei Jahnn wird das durch weiß und schwarz symbolisiert. Die Griechen halten sich viel auf ihre weiße Haut zugute, und Medea und ihre Kinder, die Mischlinge sind, werden als dunkelfarbige Ausländer, geradezu als Un­termenschen, verachtet. Zu diesem Mechanismus Bloch:

Die tieferen Motive des Judenhasses wurzeln in längst vergangenen Zeiten, sie wirken aus dem Unbe­wußten der Völker (…). Ich wage die Behauptung, daß die Eifersucht auf das Volk, wel­ches sich für das erstgebo­rene, be­vorzugte Kind Gottvaters ausgab, bei den anderen noch nicht überwunden ist, so als ob sie dem An­spruch Glauben geschenkt hät­ten. (…) Und endlich das späteste Motiv dieser Reihe, man sollte nicht vergessen, daß alle diese Völker, die sich heute im Judenhaß hervortun, erst in späthistori­schen Zeiten Christen geworden sind, oft durch blu­tigen Zwang dazu getrieben. Man könnte sagen, sie sind alle ‘schlecht getauft’, unter einer dünnen Tünche von Christen­tum sind sie ge­blieben, was ihre Ahnen waren, die einem barbari­schen Polytheismus huldigten. (…) Ihr Judenhaß ist im Grunde Chris­tenhaß (…).

Jahnns Helden sind so schlechte Homose­xuelle wie Antisemiten gute Christen, ihr Frauenhaß ist im Grunde heterosexuell. Sie sind ge­schlechtsindifferent. Ich bitte Sie, hier wieder an die Ideologisierung zu denken; sie erklärt sich jetzt.
Jahnns Medea ist wie viele seiner Frauenfiguren Negerin. Negersein hat offenbar Symbolwert für Jahnn. Der Neger ist das Frühere, Archaische und Gebärfähige. Neger sind schwarz, die Griechen haben eine weiße Haut. In Griechenland herrschen Männer, Frauen spielen eine eher untergeordnete Rolle. Auch in Kolchis regiert ein Mann, doch dort, bei den Negern, scheint die Tochter stärker zu sein als er. Man vergleiche das ganz andere Frauenbild in Kreons Tochter: Erst hat sie sich in den Sohn verliebt, aber kaum sagt ihr Vater, sie solle Jason nehmen, fügt sie sich ganz ohne Widerstand. Medea hingegen tut, was sie will. Sie ist Priesterin der Hekate, der großen Göttin, die im Himmel, auf der Erde und in der Unterwelt wirkt. Ihr Gestirn ist der Mond. Und hier denken Sie bitte daran, daß Dionysos Mondsohn ist. Das ist nötig, um die Blutorgien bei Jahnn zu verstehen. “Nur drei Nächte noch fehlten, bis gänzlich die Hörner des Mondes/ Schließend zum Kreise sich fügen”, heißt es bei Ovid in einer von Medea veranstalte­ten Zauberszene. Sowohl bei Ovid als auch bei Euripides taucht in Kolchis geradezu geknüllt matriachales Symbolgut auf: Die Farben weiß/rot/schwarz, die Trinitäten (später vom Chri­stentum abstrakt pervertiert), der Stier, die Mondallegorik. Alles da. Jahnn scheint das gewußt zu haben. ME ist sumerisch und bedeutet die 100 göttlichen Kräfte, um die ständig gestritten wird. ME+DEA heißt “Göttin der Me”. Sumer ist das Sinear der Bibel. Das Wort “Schumer” bedeutet “Kulturland”, die Schumerer sind Kulturbringer, und zwar cultura im Sinne von Ac­ker. Bis nach Rom hinein waren es Göttinnen, die den Ackerbau und die Handwerke, also das Überleben lehrten. Die Sumerer nannten sich selbst “Schwarzköpfe”. Da ist es zur Negerin Medea nicht mehr weit. Sie sehen, das geht bei Jahnn alles prima zusammen. Und er hat es gewußt. Medea nämlich ruft:

In meiner Brust bleibt nur der Anunnaki
höhnendes Gelächter.

Und als das Unheil überm Haus hereinbricht, ruft auch der Sohn:

Sind die Götter
geflohen vor den Anunnaki?

Die Anunnaki sind die Engel der Erde, die beim Weltuntergang den gro­ßen Brand auslösen. Es sind fünfzug, wie die Besatzung der Argo! 50 wie­derum ist der dynastische Stellenwert des babylonischen Marduk, des Sohnes der assyrischen Tiamat. Als Babel später Gegenspieler des Einzigen Gottes, also des Monotheismus, ergo des Wortes gegen die chthoni­schen Müttergöttinnen, die im Heidentum immer wieder durchbrachen, ja in der Jungfrau Ma­ria bis heute weiterwirken. Der Ältere sieht das über ihn hereinbrechende Unheil also als Nie­derlage des Patriachats. Die Anu selbst sind ein Negerstamm, der Altägypten gründe­te. Osiris war ein Anu. Die Deutschen nannten sich einst “Volk der Göttin Anu”, nämlich Tuatha de Danwn (Tuatha=Volk; altir. Tu-Ath; altfrs. Thi-Ude; altsächs. Thi-Oda; altnie­derfränkisch Thi-At, woraus 920 regnum teutonicum). Diese vielleicht auf ersten Blick abseitige Ableitung ist wichtig um zu verstehen, weshalb Jahnn so hartnäckig darauf pocht, ein Deutscher zu sein. Wenn nun noch meine These stimmt, derzufolge Jahnns Helden keine eindeutige Geschlechts­zugehörigkeit haben, dann wird hinreichend klar, weshalb dieser Autor sich aufs patriachale, aber heidnische, nämlich päderastische Griechenland bezieht und in seinen sodomitischen Fan­tasien immer wieder zitiert und das entwickelte Patriachat des Monotheismus ablehnen, ja als Gefahr und Unheil bannen muß. Stellte er sich ihm, müßte er erwachsen werden. Medea ver­bietet Jason, erwachsen zu werden, indem sie ihm ewige Jugend schenkt. Bei Jahnn ist das nicht-erwachsen-werden-Können die Geschlechtsindifferenz. Diesem zirkulären Widerspruch liegt sein schwelender Antisemitismus zugrunde, der ihn noch 1946, als Auschwitz längst be­kannt ist, einen ungeheuerlichen Brief schreiben läßt:

Wenn erst Presse, Rundfunk, Palästina, Theater und Atombomben gänzlich in jüdischen Hän­den sein werden, wird jeder Fabrikarbei­ter und Bauer wissen, daß er für die beste Sache der Welt arbeitet. Dann brauchen wir nur noch den Numerus clausus, daß alle Gojjm von den in­tellektuellen und geistigen Berufen aus­geschlossen werden, um Idealstaaten zu schaffen.

Ebenfalls hierher rühren seine Erwählt­heitsfantasien, die um so morastiger werden, als er sie sich ja im selben Atemzug vernich­ten muß. Wir werden des öfteren sehen, warum. “Wenn man der erklärte Liebling des gefürchteten Vaters ist,” heißt es zynisch im Drehbuch von Syberbergs >>>> Hitlerfilm, “braucht man sich über die Eifer­sucht der Geschwister nicht zu verwundern.”

Keine Frage also mehr: Kolchis steht für das alte Matriachat. Noch hat es Macht und wird erst mit Troja und dann Kreta niedergezwungen werden. Was aber will ausgerechnet Jahnn mit dem Matriachat? Warum macht er Medea zur Heldin? Antwort: Aus Ambivalenz. Er lei­det unter Wiederholungszwang. Diesen grundiert ja gerade ein zirkulärer und darum unlösba­rer innerer Widerspruch. Er wiederholt die Niederwerfung der Mütter. Und zwar eben als Homosexueller, der eigentlich keiner ist. Ich definiere nach Laplanche:

Wiederholungszwang ist ein auf der Ebene der praktischen Psychopathologie nicht bezwingbarer Prozeß unbewußter Herkunft, wodurch das Subjekt sich aktiv in unangenehme Situationen bringt und so alte Er­fahrungen wiederholt, ohne sich des Vorbilds zu erinnern, im Gegenteil den sehr lebhaften Endruck hat, daß es sich um etwas ausschließlich durch das Gegenwärtige Motivierte han­delt.

Wiederholungszwang gilt als nicht heilbar, seine Ursache läßt sich nicht außer Kraft setzen. Interessanterweise befaßt Freud den Wiederholungstrieb als Teil des Todestriebes. Das geht in Jahnn geradezu lehrbuchartig zusammen. Denken Sie an die unzähligen Stellen seines Werkes, in denen er Frauenkörper zerfleischen läßt. Immer wieder. Persönlich gesehen sind diese Zerstückelungsorgien Perversion, gehören vielleicht auf die Couch, haben aber die Öf­fentlichkeit nicht zu interessieren. Ich schnüffle nicht gern in der Unterwäsche von Kollegen herum, will sagen: das Privatleben von Dichterinnen und Dichtern ist tabu. Aber vergessen Sie Dionysos nicht und nicht die Zirkularität. Mit ihnen ist der Wiederholungszwang durch Jahnn Literatur geworden: er beschreibt sozusagen ein pervertiertes Matriachat. Wie nämlich schil­dert der ältere Sohn seine erste Begegnung mit Kreons Tochter?

Milchweißer Hengst, wie meine Stute weiß

immer wieder weiß, die Farbe der Reinheit und des Todes! –

…wie meine Stute weiß;
auf seinem Rücken trug er, der fast unregierte,
ein Amazonenkind voll Lachen.

Die Amazonen schlugen sich auf Seiten Trojas gegen das pa­triachalisch-militaristische Griechenland, und zwar durch Kopieren des Militärs. Der Sohn sieht also als erstes eine als Mann verkleidete Frau. Nur eben, daß sie als Mann verkleidet ist, erlaubt ihm, sie zu sehen. Der ältere Sohn ist Jason zugeordnet. Symbolisch: Er vernichtet die Frau. Der Wiederholungszwang schlägt durch. Es darf jetzt nicht übersehen werden, daß sich die Homosexualität als staatskonform institutionalisierte und eben ideologisierte, als man die Mütter gewaltsam niedergeworfen hatte. Die waren auszuschließen von der Regierungsgewalt. Wie dürften sie also, und sei es über die Sinne, den Mann denn beherrschen? Nur ein Mann darf’s oder, die Amazone nämlich, ein fast-Mann. Noch Cato sagt von den Frauen: “Wären Sie uns gleichgestellt, so wären sie uns überlegen.” Hochinteressant also, daß Jahnn beim ersten Anblick auch Kreons Tochter geschlechtsindifferent macht und das sich anbahnende Verhält­nis erst einmal homosexuell faßt. Insofern folgt Jahnn Ovid und Euripides. Die Entstellung reicht bis zu Freud und findet dort ihre geschickteste Ausprägung: “Ein Held ist, wer sich mu­tig gegen seinen Vater erhoben und ihn am Ende siegreich überwun­den hat.” Sowie: “Nach diesen Erörterungen trage ich kein Bedenken auszusprechen, die Menschen haben es – in jener beson­deren Weise – immer gewußt, daß sie einmal einen Urvater besessen und erschlagen ha­ben.” Was, wenn es denn eine Urmutter war? Das nähme der Methode nicht ihr Recht, der Akzent gibt aber einen kulturhistorisch völlig anderen Klang. Jahnn weiß das. “Die Vater­schaft ist eine Erfindung der Zivilisation”, schreibt er in “Gesund und Angenehm”, “die Mut­terschaft ist uranfänglich.”
Die Liebesszene zwischen dem älteren Sohn und der Amazone gibt insgesamt viel her. Nicht nur reitet der Sohn die Stute und die Tochter den Hengst, sondern der Koitus wird erstmal auf die Tiere geschoben. Der Hengst besteigt die Stute, die Reiter bleiben aber in den Sätteln da­bei. Der ältere Sohn wird von dem Hengst fast erdrückt: Jahnn gelingt hier eine ganz große Gestaltung einer sexuellen Angstfantasie. “Gefesselt, mehr: gewürgt, bedroht am Leben/ mußt ich ertragen den erregten Pferdeleib”. Er wird hier sogar im Bild ver–klemmt. Die Tochter aber jubelt und treibt den Hengst noch an. Das Männlein fällt nach dem Tierorgasmus pa­rasympathikoton vom Pferd. Das Mädel springt ihm bei, beugt sich über den Knaben und “Leidenschaft brach aus”.
Wiederholungszwang ist in “Jenseits des Lustprinzips als “Widerstand gegens Erinnern” ge­faßt. Literatur aber, so glaube ich, erinnert sich auch gegen ihren Autor, und zwar aufgrund einer ästhetischen Notwendigkeit, die sich durch sämtliche Entstellungen hindurch behauptet. “Es ist besonderer Hervorhebung wert, daß jedes aus der Vergessenheit wiederkehrende Stück sich mit besonderer Macht durchsetzt, einen unvergleichlich starken Einfluß auf die Schrift­steller ausübt und einen unwiderstehlichen Anspruch auf Wahrheit erhebt, gegen den logischer Einspruch machtlos bleibt,” sagt Freud. Ich habe mir lediglich erlaubt, das Wort “Schriftsteller” hineinzuschummeln. – Wessen also erinnert sich Jahnns Text? Von Euripides bis Ovid sind die Verfälschungen leicht zu entschlüsseln: Jason fordert das Vlies, doch wel­chen Grund soll Aietes haben, es dem neuen Prinzip zu überlassen, sprich: dem aggressiven Militär? Soll es doch erst mal zeigen, ob es überhaupt lebensfähig ist, also den Boden bestellen kann. Er läßt Jason die Stiere – ureigene matriachale Symbole – vor den Pflug spannen. Sym­bolisch: Soll er zeigen, ob er den Müttern denn über ist, oder ob nicht vielmehr sie ihn einfach niedertrampeln. Wenn er’s geschafft hat, soll er in die Ackerfurchen Drachenzähne säen. Dra­chenzähne stehen symbolisch immer für Krieger. Also: Kämpfen von einem bestellten, nicht verheerten Boden aus. Beide Aufgaben löst Jason nur, weil Medea ihm hilft. Und hier die Frage: Warum tut sie es? Ovid weicht aus und beantwortet sie mit Cupidos Pfeil. Medea habe sich also in ihr Gegenprinzip verliebt. Dumm das. Sie hat in den Metamorphosen ziemliche Gewissensbisse deshalb und auch düstere Vorahnungen. Aber sie gibt dem Gefühl nach; Ovid charakterisiert sie ziemlich so, wie noch das heutige Vorurteil Frauen gern sieht.
Grundsätzlich liegt die Sache nämlich anders. Ich nehme auf den Göttin-und-ihr-Heros-My­thos bezug und referiere dazu die Frauenforscherin Göttner-Abendroth. Hieros Gamos, näm­lich die Heilige Hochzeit, vollzieht sich so: Der sakrale König oder Heros (Jason) ist Vertreter der Menschen, mit dem sich die Göttin in Gestalt ihrer Priesterin (Medea) verbindet. Dies ist die tatsächliche, von Euripides und Ovid patriachal entstellte Folie. Von hieraus wird ver­ständlich, weshalb Medea sich gegen ihren Vater auflehnt. Wahrscheinlich wird er ihr geraten haben, von Jason die Hände zu lassen. Er hat indessen keine Macht. Medea hat Jason als ihren Heros ausgewählt (zunehmender Mond), sie wird sich mit ihm in der Heiligen Hochzeit ver­binden (Vollmond), und er wird dann sterben (abnehmender Mond), verschwinden (Neumond) und als sein eigener Sohn wiedergeboren werden (zunehmender Mond). Diese Zirkularität fin­den wir in dem jüngeren Sohn bestätigt, der der Mutter Medea zugeschlagen ist. “Vielleicht erkennt der Vater sich in dir”, sagt ihm der Knabenführer bei Jahnn. Der jüngere nun muß es sein, denn im Matriachat obwaltet Ultimogenitur, das heißt die jüngere Tochter erbt. Noch bei den Griechen war die Erbfolge lange Zeit hindurch matrilinear; Land vererbte sich durch Töchter, Königreiche auch. Das macht so viele Hochzeitskriege erklärlich. Daß im Patriachat dann der älteste Sohn erbt, ist eine geradezu banale Umkehrung und eben in dieser Banalität so verräterisch. Doch führte es zu weit, hier Ovid oder Euripides auf die Finger zu hauen. Jahnn allerdings hat die Hände schon allzu bereitwillig ausgestreckt. Denn bei ihm erkennt Medea im älteren Sohn plötzlich Apsyrtos, den von ihr zerstückelten Bruder. Sie ruft sogar:

Auf ihn schaut! Meines Bruders Leib!
Ihm gleicht mein Kind. In meinem Schoß
wuchs er, ihm gleich, mein Sohn. Kaum weiß ich, ob
von Jason ich empfangen hab den Erstgebornen.

Das schlingt die Bande nur noch fester um Mutter und Sohn. Der Brudermord Medeas war nämlich zugleich Gattenmord. Dem Bruder war Medea versprochen. Geschwisterbeziehungen galten höher als die zwischen Gatten. Insofern hat Jason Medea seinen Vater erschlagen lassen. Medea dazu:

Unfaßbarer Zwiespalt:
Mein Sohn und mein Bruder. Jasons Blut.

Vermutlich unbewußt gießt Jahnn hier den Ödipus-Komplex in den Text. Umso schlimmer, als der ältere, Jason zugeordnete, Sohn ja das Patriachat vertreten soll und der jüngere mutterrechtlich verstrickt ist. An diesem Zwiespalt zwischen Vater/Bruder und Mutter kann sich auch seine Pubertät nicht vollen­den. Auch er geschlechtsindifferent.

Halb hat dein Blut, das wildverstockte, wehschreiend rot und überrot
dein Herz bedrängend, dich belehrt,
daß deines eignen Wesens zweite Hälfte
in einem andern Leib verborgen liegt

So sagt der Knabenführer. Und indessen es plötzlich den älteren Bruder zur Frau drängt, drängt es, aufgrund dieses inneren Wider­spruchs, den jüngeren Bruder zum Bruder. “Mit meinen Händen hab ich seinen Körper beta­stet”, schreibt Jahnn über seine Liebesbeziehung zu Gottlieb Harms. “Tat Friedel seiner Henny nicht dasselbe?” Um diese Indifferenz zu kaschieren, fügt er der alten patriachalen Entstellung eine neue, scheinbar homosexuell motivierte, bei, als könnte ein nächster Irrtum den vorherigen berichtigen. Einer Frau verdankt Jason sein Leben: symbolisch wie real, und real sogar mehrfach. “Das Leben Jasons war fünffach verwirkt”, sagt Medea. Nun dreht es Jahnn so hin, daß Medea Jason die ewige Jugend schenkt. Er macht sie, symbolisch gesehen, dadurch zu seiner Mutter, die sie als Priestergöttin ja auch ist. Mehr noch: Die Mutter-Medea erlaubt dem Gatten-Sohn nicht, erwachsen zu werden. Dadurch verstößt sie gegen die eigene Doktrin. Nicht daß sie ihm die tödlichen Aufgaben bestehen half, ist ihr Vergehen, sondern sie hätte ihn nach der Heiligen Hochzeit töten müssen wie Artemis den Hirsch, damit er wiederge­boren werden kann. Statt dessen schenkt sie ihm ewige Jugend, jedenfalls solange sie selber lebt.

Sie altert, damit sich am Ende erfülle,
an uns auch das Schicksal der Menschen,

be­richtet der jüngere Sohn. Beide Söhne und Jason bleiben also permanent abhängig von Medea. Es kann sich kein Abnabelungsprozeß und keine Reifung erfüllen. Insofern verdoppelt sich Jason, anstatt erwachsen zu werden, ganz so wie sich Gustav Horn in Alfred Tutein verdop­pelt. Die Verdoppelung wird zur narzißtischen Identifikation, und wenn dann, das ist völlig logisch, Jason anstelle seines Sohnes Kreons Tochter erst begehrt, dann ihm wegnimmt, ist das für ihn eigentlich kein Unterschied. Er kann die Differenz nicht sehen. Bei Jahnn ist Aison, Jasons Vater, ausgespart, Jason gewissermaßen vaterlos. Symbolisch gesprochen: Er hat von seiner Mutter zwei Kinder. Ödipus ruft hier nicht, sondern schreit. Aber nicht habe Jason aus Tumbheit mit der Mutter geschlafen, sondern weil ihm die Mutter erst als Frau erschien und dann sich zu seiner Mutter demaskierte. Als hätte Jason nicht genau gewußt, welches Land Kolchis ist! Das wirft ihm Medea denn auch vor, womit sie recht hat. Insofern ist schon Jasons ewige Jugend Medeas Rache, und zwar an sich selbst. Das Patriachat bleibt jung, und das Matriachat ist alt und unansehnlich geworden. Letztlich ist jenes aber ohne dieses nicht le­bensfähig. Also trägt Jason das Schuldgefühl jedes Knaben aus, der sich von seiner Mutter lö­sen möchte. Zwar kommt ihm Kreons Töchterlein gerade zurecht, Jason will bei Jahnn ja nicht einmal mehr heim, und erst, als Medea ihn lächerlich macht, stellt er sich ihr. An dieser Stelle des Dramas ist bei Jahnn anstelle einer Ehezerrüttung ganz offensichtlich ein Abnabelungsver­such dargestellt, das Verhältnis einer Mutter und ihres adoleszierenden Sohnes. Das alles geht fürchterlich schief, die Mutter ermordet ihm die Frau. Sehr früh im Drama klagt Medea schon:

Ich bin den Toten fast gleich in meinen verdumpften Gemächern

und weiter unten:

Zersägt in zwei Hälften ist dieses Haus,
geschieden in Traurig und Lichtes, in Altes und Neues,
(…)
Gesellig und Einsames. Was wirfst du mir vor?
Bin ich verbrannt denn und blutlos,
nur Asche und tot? Fließt in meinen Adern
rollend kein Blut mehr? Ist schwarz meine Leber
durch Alter geworden? Ist dir zuwider
mein Kuß, der Hauch meines Leibes?

Deutlich. Eine Mutter klagt, daß ihr Sohn sie verläßt. Und Jason antwortet als Sohn:

Ich bin nicht schuld an deinen Leiden,
lieb ich dich doch ganz nach dem Maß
der fortgeschrittnen Jahre.

Wenn die Mutter ihn nicht gehen läßt, wird daraus Haß. – Einzigartig an der Medea nun ist – und deshalb habe ich für meinen Vortrag dieses Stück ausgewählt -, daß die Mutter dem Sohn nicht mal mehr das Schlachtfest erlaubt, ihm jeglichen Dionysmus entzieht und sprichwörtlich leer zurückläßt. Jahnn wäre zu weit gegangen, hätte er in seiner Version der Medea nun Medea hinschlachten lassen. Er hätte dann auch nicht mehr den Urvorwurf des Sohnes vorbringen können: Du läßt mich nicht gehen, denn hier wäre dann endlich der Sohn gegangen und also erwachsen geworden.
Die Medea beschreibt, wofür sich alle anderen Texte Jahnns rächen. Das von der Parthenogenese träumende Patriachat kann sich nicht aus sich selbst erhalten, geschweige selbst erzeugen kann. “Ich konnte mir denken”, schreibt Jahnn, “daß ich ein Kindlein trüge und es gebäre und tränkte. Ich deuchte mir ernst und schwer genug für solches Amt; aber ich war ein Mann.” Deshalb müssen die Frauen zwar hingenommen, aber erniedrigt und ständig aufs neue niedergeworfen werden. Damit man sie auch glauben kann, muß man die Zerschlagung des Matriachats stets neu inszenieren. Wiederholungszwang. Im Epilog des Flusses ohne Ufer heißt es von den Frauen, sie seien “Etwas mechanisch Erwärmtes, das man nach dem Ge­brauch vergessen darf.” Und weiter vorne: “Sie alle haben Brüste. Sie alle haben die Gleit­bahn, auf der wir ausrutschen.”

Ecco.

ANH, Oktober 1994
Frankfurt am Main

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