Yōseis Tätowierkunst im Arbeitsjournal des Dienstags, den 21. November 2022, worin die Triskele | radikal zum Rhizom geworden und damit — literarisch a u c h.

[Arbeitswohnung, 6.43 Uhr
Erste Morgenpfeife, Latte macchiato
Kaija Saariaho, Nymphea]
Es gibt Komponistinnen und Komponisten, die ihre musikalischen Themen vollendet melodisch schon haben, bevor sie ihre Verarbeitung, die “Arbeit am Material” (Adorno), beginnen, und solche, die sie während dieser Arbeit erst finden. Ich hörte viel Rautavaara, nun die von mir fast geliebte Saariaho; er gehört in die erste, nun jà, “Kategorie”, sie gewiß in die zweite. Ganz wie ich selbst, der ich, wenn ich ein Buch beginne, zwar eine Idee verfolge, nie aber wirklich weiß, wohin sie mich führt. Dieses ergibt sich erst aus dem Schreibprozeß. Wie abermals n u n, da die zweite Erweiterung meines → Bioport-Tattoos gestern abgeschlossen wurde. Es hat jetzt, wie ich Phyllis Kiehl in Whatsapp schrieb, genau dies Organische, das mir vorgeschwebt war, als ich das Abenteuer ohne schon zu ahnen anfing, das es zugleich ein literarisches würde, und zwar sogar doppelt gebunden.
Vielleicht wäre aber absehbar gewesen, daß ich dieses Erleben in einen poetischen Text einbinden würde, in w e l c h e n, aber sicher nicht. Ich hatte ja bloß die Idee, daß eines Morgens auf Yōseis Rücken ein Symbol erscheint — es sollte anfangs → ein Drache, Ryū, sein, was ich indes, weil es Klischee gewesen wäre, sehr schnell verwarf —, von dem sie selbst gar nichts spürt; dort hinten sieht sie es freilich auch nicht. Aber ihr neuer Freund, beim gemeinsamen Aufwachen, bemerkt es, übrigens nicht auf dem Rücken, sondern inmitten ihres schmalen Nackens.

Ich mag nicht, wie mein Sohn es ausdrücken würde, “spoilern”; doch es ist ein Tattoo. Nur daß sie das Symbol, eine wie bei mir linksläufige Triskele, niemals hat stechen lassen. Und etwas geschieht mit ihm, weil das Ding nämlich lebt. Was in den Griff bekommen werden muß. Imgrunde mein Thema: Wie ermächtige ich mich dessen, was mir geschieht, und drehe also ein Geschehen, dem gegenüber ich eigentlich hilflos bin, weil ich objektiv keinen Einfluß auf es habe, so herum, daß es mein eigener Wille gestaltet. Hier sehe ich stets den künstlerischen Prozeß. So wird denn Yōsei eine Tätowiererin werden, und zwar eine meisterliche und daher radikale Künstlerin ihres Fachs. Auch dies dann wieder aus dem Leben genommen; wenn ich sie, Yōsei, bei der Arbeit beschreibe, beschreibe ich, was ich an → Elena beobachten darf.
Die zweite Bindung des thematischen Motivs ergibt sich daraus, → daß ich neulich begriff, eigentlich gehöre der Prozeß, mich, eben von dem Bioport ausgehend, tätowieren zu lassen, in das → Krebstagebuch, allerdings in seine Fortsetzung nach der noch nicht geschriebenen Klimax, für die ich erst nach Aqaba muß, um den “Spielort” der “Enteinigung”, also der OP, zu finden. Für die Reise dorthin fehlt mir noch das Geld (allerdings die Flüge dorthin → sind erschwinglich); ein guter symbolischer Zeitpunkt wäre im Februar mein Geburtstag. Nur hält mich noch mein, sagen wir, Aberglaube davon ab, mich zu verhalten, wie ich es eigentlich täte – mit dem vitalistischen Schlachtruf “Sei’s drum!” Vielleicht nämlich sollte ich warten, bis medizinisch objektiv gesagt werden kann, daß ich “geheilt” sei, bis also nach dem fünften Jahr. (Meine nächste Kontrolluntersuchung findet am 6. Dezember statt). – Wie aber nun auch immer, läßt sich dieses Tattoo-Projekt auch als eine Verbeugung vor → Liligeia verstehen, die ich als – bislang – Unterlegene e h r e. MIr ist das wichtig. Hatte ich aber s i e schon, also den Krebs, in mein literarisches Werk integriert — selbst unvollendet, gehört das Krebstagebuch bereits, wenn auch nur in Der Dschungel publiziert, zu meiner Literatur[1]Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben. —, so nun auch den, den sie “befiel”, – meinen Körper. Es ist dies eine unabdingbare Logik meiner Poetik. Was nämlich die Realitätskraft der Fiktionen anbelangt, bekommt das gesamte Unternehmen mit einem Mal sogar fiskalische Valenz, indem ich die Kosten des Tattoos von der Steuer werde absetzen können. Diese Volte ist eben nicht nur ein Schelmenstreich (ein bißchen freilich auch), sondern vor allem eine nächste Nagelprobe auf die Wirklichkeitsvalenz von Dichtung, und nicht nur der meinen. Die von mir längst nicht mehr nur projektierte Ästhetische Theorie ist, soweit nicht Praxis, durchaus normativen Charakters – allerdings im Bezug auf ihre historische Zeit. Spätere Entwicklungen der Künste (und also der Gesellschaften sowie der Naturen[2]Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich … Continue reading, in die sie eingebettet sind) werden sie relativieren.
Wiederum aber die rhizomatische Form des Tattos entspricht sogar insgesamt den auch anderweitig immer wieder attestierten prozessualen Strukturen meiner insbesondere Romane, die ich somit fortsetze auf Haut.

*** (Unterbrochen, um zu duschen usw.) ***
 

[Sophia Gubaidulina, София Асгатовна (Sonnengesang)]
Gestern kam die endgültige Zusage zur Graphik Novel; tatsächlich → der Zilts wird es werden. Nur über den Vorschuß ist noch zu verhandeln. Woran ich eigentlich gedacht hatte, was ich mir gewünscht hatte, wird wahrscheinlich zu erreichen nicht sein. Aber vielleicht doch noch genug, um mir einzwei Monate durchzufinanzieren.  Es wird doch einige Arbeit zu leisten sein, um die lange Erzählung auf Pavlenkos zeichnerische Bedürfnisse auszurichten. Gut, liebste Freundin,wir werden sehen. Mich drängt es erst einmal in die Briefe nach Triest zurück. Sie stehen ja ziemlich kurz vor dem Abschluß ihrer ersten Fassung. den ich sehr, sehr gerne noch im Dezember sehen möchte. Es wäre ein feiner Beginn für 2023. Das meiste dann wird nur noch konzentrierte Fleißarbeit sein; vor allem wird gestrichen werden müssen, aber klug. Manches, was in der Ersten Fasung jetzt steht [3]Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand., kann so nicht mehr bleiben; viel zu viele Angaben sind ungenau oder sogar unmöglich. Doch um das zu beheben, braucht es fast durchweg nur kleine Verrückungen; und einiges kann oder muß sogar ganz weg. Die Geschichte hat sich – siehe oben – geschrieben, jetzt ist die Fassung anzugleichen.

Ach so! Gestern sehr spät am Abend der plötzliche Impuls, wieder mit dem Sport anzufangen. Er hängt wohl mit meinem begonnenen alkoholfreien Monat zusammen. Wirklich wieder riesige Lust … nein, nicht zu joggen, meine 15-km-Läufe “kosten” zu viele Kalorien, die krieg ich in den Körper nicht rein. Aber neu mit leichtem Krafttraining zu beginnen, erstmal an den Slings. Zu Anfang nicht mehr als jeden Tag eine halbe Stunde, danach dann weitersehen. “Sicherheitshalber” schaute ich aber im Netz wegen des Tattoos nach. Also, ich soll noch bis zur Abheilung warten. Gut, dann hoffe ich mal, daß der Impuls bis dahin so lockend mir erhalten bleibt. Aber mir gefiel einfach nicht, daß unter dem Bizeps die Haut hängt, was mir auf Foto mit der Tattooergänzung aufiel. Wie mein, nun gut, “verkaterter” Zustand des Wochenendes war auch dies ein mir von meinem Körper, den ich achte, als “Jetzt paß aber endlich mal auf, versammt!” zugefunktes Signal. Und wie immer, wenn er mir etwas sagt, höre ich darauf. Nicht bei den Menschen, nur bei meinem Körper.

Ihr, Allerverehrteste, wie immer
ANH

References

References
1 Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben.
2 Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich auch subjektiv ändern, ist momentan ausgesprochen gut an mir selbst zu beobachten, der doch über Jahrzehnte ein Gegner von Tattoos gewesen.
3 Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand.

Abschiede, Begrüßungen. Das alte Notizbücherl, das neue. Im Arbeitsjournal des Montags, den 14. Februar 2022. Darinnen über Liebesenden. Und wieder die fiktive Macht.

[Arbeitswohnung, 6.44 Uhr
Janáček, Věc Makropulos]
Zwar sind anderthalb Seiten noch frei, aber ich wußte gestern nachmittag, ihrer mehr zu brauchen, wenn ich nachher in der Lindenoper säße und, wie immer quasi blind dann, Stichworte zur Aufführung notierte, während ich ihr zusah und lauschte (möglicherweise mitdirigierend hier und da, vorsichtig freilich, um meine Nachbarn nicht zu stören, oder Nachbarinnen, aber es ist dem Taktzucken des Fußes gleich, das, wenn eine Musik uns nah, hineingerät). Doch mitten da drin das Notizbuch zu wechseln, hätte unnötig Unruhe geschaffen und wäre vor allem profan ihm selbst gegenüber gewesen. Sie wissen, Freundin, wie ich es scheue, das, profan, zu sein. Es ehrt das Leben nicht, auf das nun gerade → Janáčeks Oper ein Gesang ist, wenn auch wider den Strich unsrer Begehren. Doch dazu dann in meiner … nun jà, ich nenne meine Überlegungen zur Musik, auch zum Musiktheater nur ungerne “Kritik”… – also dazu später (erst einmal) → bei Faustkultur.
So bereitete ich das neue Notizbuch schon mal vor, weiß gar nicht mehr, woher ich es habe. Irgend jemand wird es mir geschenkt haben, so, wie ich das nun vorherige geschenkt bekommen habe und all die Notizbücherln vorher. (Sie merken schon, ich nenne sie zärtlich). Diese bekam ich in den letzten Jahren stets von der Löwin, und es liegt von ihr seit zwei Jahren auch das nächste hier, noch ins Seidenpapier eingeschlagen und von ihr gesiegelt. Doch diese Zeit ist vorbei, so mochte ich`s noch nicht, ich schreibe einmal, deflorieren. In einigen kleinen Hinsichten bin ich, aus Liebe, abergläubisch. Nein, besser, ich schöbe ein anderes, dieses neue, dazwischen.
Die Notizbücher der Löwin sind in weiches schwarzes Leder gebunden und haben 496 Dünndruckpapierseiten, was es nötig macht, auf keinen Fall mit Tinte auf ihnen zu schreiben, weil die durchscheint. Am besten eignen sich Bleistifte, Kugelschreiber freilich auch. Doch die schiere Zahl der Seiten läßt ein solches Bücherl uns lange, sehr lange Zeit begleiten. Das, von dem es Abschied nun zu nehmen galt, diente mir, so steht es oben ganz am Anfang, vom

Das sind vier ganze Jahre plus sechs Tage. Danke, liebste Löwin. Und Dank, Notizbuch, Dir.

Ich machte mich also an die Übertragungen, denn auf den letzten Seiten sind oft gebrauchte fixe Angaben notiert, (verschüsselte) Paßwörter und sonstige (ebenfalls verschlüsselt) Zugangsdaten & PINs, Kontonummern, Kleidungsmaße, Hutmaße, Telefonnummern usw., die ich stets zur Hand haben möchte, ohne lange suchen zu müssen; sozusagen oldschool. Auch, seit → Liligeia und den Folgen, Angaben zu Medikationen. Sowie müssen auf der neuen ersten Seite, wie auf der ersten alten anfangs auch, mein Name und meine Kontaktdaten stehen für den Fall, daß ich es einmal liegen lasse, versehentlich, und jemand findet es. Tatsächlich hat dergleichen sich beim nun alten Notizbuch schon einmal ergeben, ebenso bei dem davor. Beide Male rief mich jemand an. Da sich meine Handschrift, bisweilen für mich selber auch, schwer lesbar gibt, habe ich zwar keine Sorgen, irgend etwas in den Notaten könne mißbraucht werden. (Allein mein Sohn kann alles stets auf Anhieb entziffern, ein im Wortsinn bemerkenswertes Phänomen, das ein anderes, wenn auch nur ungefähres und dennoch signifikantes Licht auf unsere Genetik wirft.) Dennoch wäre ein Verlust sehr zu beklagen. Denn viele Notate werden in aller Regel erst nach Abschluß des Bücherls in Notat-Dateien übertragen. Was mich meist zwei Tage Arbeit kostet, mitunter mehr: Ideen für neue Geschichten, Gedichtzeilen oder nur -titel usw., Beobachtungen, Adressen neuer Kontakte, alles durcheinander, aber stets datiert. So lassen sich auch Ideengenesen nachvollziehen, etwas, das mir wichtig ist, der ich die Entstehungsphasen eines Werkes als grundlegende Mitaspekte betrachte und sie stets teilhaben lasse; ohne das wäre es nicht zeitgenössisch.
Auch mit dem jetzt alten Notizbuch steht mir das nachträgliche Übertragen noch bevor. So ganz wird die Trennung also noch einige Zeit nicht abgeschlossen sein; es sind nicht immer scharfe Akte, die unsere Lieben beenden, sondern häufig gleicht es einem so milden Entschlafen, daß wir es gar nicht merken. Auch so gesehen hat es seinen Grund, daß ich der Löwin eingeseidetes Notizbuch noch nicht anrühren mochte. Ihre, Freundin, hohe Sensibilität wird es verstehen.

17.40 Uhr, ich saß bereits auf dem Platz, der große Spielsaal war fast noch leer, und bereitete mich vor. Das neue Notizbuch wird nicht so lang halten wie das alte. Keine Dünndruckpapier- sowie deutlich weniger Seiten, nämlich 176. Der Umschlag aus fester, lederfingierender Pappe, darauf in dünnem Scheingold faksimilierte Handschriftzeilen Charles Dickens’, und zwar eines Auszugs der Kapitelplanung seines letzten abgeschlossenen Romanes → Our Mutual Friend. Ich bin kein Dickensianer, hätte, hätt ich das Bücherl selbst ausgesucht, sicher nach einem anderen Autor, einer andren Autorin gegriffen. Dennoch muße ich befinden, dies sei nun ein ziemlich symbolischer Umstand, jetzt, da ich das Impressum dieses Notizbuches erst entdeckt habe und lese, “letztabgeschlossener Roman”. Doch find’ ich’s eher hübsch ironisch, denn daß es mich furchtsam werden ließe. Liegt mir eh nicht – zumal mir mein kleiner Aberglaube sagt, daß wir so einiges, das vorgezeichnet zu sein scheint und vielleicht auch ist, abwenden können, sofern wir es – benennen. Und also nicht verdrängen, sondern hinter die Türen unsrer Nachtmare schauen oder unters Kinderbett, wo, beides, sie sich gern verstecken. In diesem Augenblick ändert sich die Dynamik, was grundlegende Bedingungen des vormals Vorgezeichneten ändert. So daß es vorgezeichnet länger nicht mehr sein kann. Auch dies gehört zur Realitätskraft der Fiktionen. — Verstehen Sie, Freundin, die Bedeutung, die selbst ein Wechsel des Notizbuchs haben kann und – eben nicht profan zu sein? Wie sagte → Phyllis Kiehl? Aufladung ist das Geheimnis. In den → Béarts wird dieser große Satz zitiert.
Und, Löwin, geben Sie es zu, daß das Notizbuch zu wechseln einen angemesseneren Anlaß gar nicht haben kann als ein wirklich großes Stück Musiktheater, in dem es zumal um ein potentiell unendliches Leben und darum geht, was ein solches würde bedeuten? Und was wir Sterblichen dann wärn? S o betrat ich gestern → den Abend und schritt durch ihn und den Klang seiner enormen heißen kalten Wogen:

 

Ihr
ANH

Ohne mehr Nefud: Das Krebsbeendungs- oder doch nur neues Arbeitsversuchsjournal? nämlich des Dienstags, den 18. August 2020.

(Siehe auch >>>> Trainingsprotokoll)

[Arbeitswohnung, 7.52 Uhr | 70,2 kg
Erster Latte macchiato.
france musique contemporaine:
Penderecki, Requiem polonais]

Ein wirkliches kleines Wunder sei es schon, sagte mein Onkologe gestern, als ich unseren ersten gemeinsamen Termin nach der Großen Enteinigung wahrnahm, mit dem Fahrrad hingeradelt, … – ein kleines Wunder, wie er mich jetzt so vor sich sitzen sehe, ohne daß mir, außer daß ich etwas schmaler geworden, etwas anzusehen sei, schon gar nicht solch eine Operation, die überdies nicht einmal zwei Wochen zurückliege.
Ähnliche Sätze habe ich nun mehrfach gehört, von meinen Liebsten, von Freunden, den Verlegern, und Fremde sehen mir sowieso nichts an. Es ist, als hätte es den Krebs, meine Liligeia, nie gegeben. Ich spüre das Bedürfnis, ihr einen Abschiedsbrief zu schreiben, auch wenn es nun eine ins Meer des Lebens zu werfende Flaschenpost sein wird, weil ich über keine gültige Adresse mehr verfüge. Und bin dennoch vorsichtig. Die Krebsin kam aus mir selbst und könnte wiederkommen, jederzeit, zumal sie nämlich — “einfach” verschwand: nur noch ihr, siehe unten, Bett war zu erkennen.  “Derart perfekt haben Sie” – (was “hat Ihr Körper” meinte) – auf die vier Chemophasen reagiert, daß, erzählte mir Herr Heise, der Tumor nicht nicht nur  bei Beginn der Operation gar nicht mehr sichtbar war, sondern auch die folgende histologische Untersuchung konnte ihn nicht mehr finden, nicht einmal Spuren, so wenig wie in den dreißig mitentfernten Lymphknoten und dem Stückchen herausgeschnittener Bauchspeicheldrüse.” Und was mich da nun in eine so große Erleichterung versetzte, daß ich gleichsam von ihr geflutet wurde: “Nein, eine postoperative Chemo halte ich für unnötig, ja sogar für kontraindiziert.” Was ich mir selbst gedacht, aber befürchtet hatte, mich dem doch noch aussetzen zu müssen, also die Bauchwunde ihr aussetzten zu müssen, zumal auch meine Verdauung noch ausgesprochen heikel reagiert. Den Heilprozeß und die allmähliche Neueinstellung der Stoffwechselorganik erneut-massiv mit Zytostatica zu beschießen – diese Vorstellung war mir, seit ich Aqaba verlassen, der pure, ich gebe es zu, Horror. Der ich so etwas, also einen Horror, vorher überhaupt nicht empfunden. Sofern ich mal von dem ersten halben Tag Intensivstation absehe, der – anders als mir “prophezeit” – eine kleine Hölle war. Davon aber will ich getrennt berichten, wenn ich mir die Große Enteinigung erzählerisch-direkt vornehme. Ein paar Skizzen stehen schon.

Doch hier erstmal der histologische Befund des pathologischen Instituts der Klinik:

Immerhin bezeugt er, daß es Liligeia objektiv gegeben hat, sie nicht etwa meine Erfindung war — mit welchem Vorwurf ich möglicherweise zu rechnen hätte, einigen Freunden zufolge, die meine heikle Stellung im deutschen Literaturbetrieb gut kennen. “Wenn man dir gar nichts ansieht, wird man zumindest munkeln, du habest dich wieder mal wichtig machen wollen mit deinen von ihnen seit je abgelehnten, ja als Machismo verhöhnten Haltungen. Daß die eine solche Erkrankung zu bewältigen helfen und vielleicht sogar mehr als das, darf in der Logik solcher Kritiker nicht sein.” Denen, in der Tat, gilt schon seit je: Im Zweifel gegen die Tatsachen.
Und dennoch bin ich unruhig und mag nicht wirklich, was wohl indessen eh unangemessen, triumphieren. Denn was nicht (mehr) da ist, kann auch nicht entfernt werden; so bleibt mir Lilly zumindest imaginär allerhalten. Wir werden genau beobachten müssen, aufmerksam sein: fortan jedes Vierteljahr Kontrolle, teils mit Spiegelungen und in jedem Fall der Tumormarker. Es gilt eine Spanne von fünf Jahren gesund zu überstehen; daß ein Krebs danach wiederkommt, gilt für unwahrscheinlich, bis dahin ist allerdings das Risiko hoch. “Doch bei Ihrem histologischen Befund sind die Chancen, wieder komplett zu gesunden, ausgesprochen groß.” Wobei ich entschieden darauf beharre, krank nie gewesen zu sein, sondern einen Tumor gehabt zu haben, eine Tumorin. Das ist etwas anderes. Kurz gesagt (und auch dieses wiederholt): Ich bin kein Opfer und war auch niemals eines.

Indessen, da es nun keine Rückreise durch die Nefud mehr gibt, muß ich mich aufmachen, auf  مطار الملك حسين الدولي  beizeiten meinen Flieger zu erreichen. Doktor Faisal und Lars ben Gamael wollen mich begleiten, jener allerdings, um noch eines unserer guten Gespräche zu führen; ein wirklich guter Freund ist mir in ihm erwachsen – so, wie auf ganz andere Weise Riih, mein → Röhrerich. Doch ich denke, nach Verstreichen meiner Gesundungszeit werde ich hierher auf jeden Fall zurückkommen, dann freilich in der literarisch realistischen Form einer Reise, die sich von meinen üblichen Touren nach Italien, Nordafrika und Indien nicht mehr unterscheidet.

Ihr – “liebste Freundin” wieder –
ANH

P.S.:
Der oben benannten Fünfjahresregel zufolge müßte bis zum Ablauf dieser Frist jedes hiesige Journal Krebstagebuch bleiben. Wär das nicht aber inflationär? – Gut, ich behalte den Begriff erst einmal bei, bis meine Bauchwunde vernarbt ist, also der Schnitt sowie das zugenähte Loch der Drainage, das sich ein wenig entzündet hat; morgen wird eine sogenannte Wundschwester kommen, um es sich anzusehen; ich wußte nicht einmal, daß es diesen Berufsstand überhaupt gibt.  Oder sagen wir so: Sowie ich wieder arbeiten kann, wie ich es gewohnt bin und wonach es mich dringend sehnt, lasse ich das “Krebstagebuch” endlich fallen, Ich bin eh noch immer sehr schnell, und es ist überaus bezeichnend, daß seit der Operation das Wort “ReHa” nicht ein einziges Mal gefallen ist, weder seitens der Klinik noch gestern durch meinen Onkologen. In der Tat ist mir auch schon die Vorstellungallein ein Graus, mich in die Obhut eines, entsetzlich!, Heimes zu begeben, um mich umtüdeln zu lassen und obendrein mit angeblichen “Leidens”gefährtinnen und -gefährten mich über “die Krankheit” dauernd auszusprechen. Als ob es nicht das Leben gäbe! Viel, viel dringender bedrängt mich die Frage, wann ich meinen Sport wieder aufnehmen kann; der Onkologe wie Phyllis, die Freundin, empfehlen, jetzt schon mit dem Oberkörpertraining zu beginnen, aber eben nur, insoweit nicht der Bauch belastet wird. Hanteltraining, also der Arme und Schultern, auch ein wenig des Rückens, um den Neuaufbau zu starten. Denn in der Tat, von meinem vormals athletischen Körper ist nicht mehr viel geblieben, und meine Arme kommen mir wie Ärmchen vor, langen dünnen Ästen gleich. Daß niemand mir das ansieht, liegt schlichtweg an der Kleidung.  Und meinen Arsch will ich in Männerform behalten (kaum was ästhetisch Grauslicheres als flache und hängende Backen; nur geschwollene Füße toppen das noch. — Fahrrad fahren also, fahren, fahren und fahren.

Ich bin ein Ästhet, dessen Normen aus Gründen der Gerechtigkeit ich selbst entsprechen muß. Und will. Alleine schon aus Stolz.

[france musique contemporaine:
Klaus Huber, A l’âme de descendre de sa monture et aller sur ses pieds de soie – concerto de chambre pour violoncelle baryton contralto accordéon et percussions}

Vor Aqaba, 5: Das Krebstagebuch des fünfundneunzigsten Krebstages. Sonntag, der 2. August 2020.

[Arbeitswohnung, 78.23 Uhr
Händel, The Triumph of Truth and Time}

Es sei im Zeitlabyrinth, schrieb ich schon → dort, doch mehr Nefud, als ich ahnen sollte oder konnte. Daß sie sich aber so bemerkbar machen würde, hätte ich nicht einmal geglaubt. Und da ich nun zu kämpfen hatte, war ich des abends, wenn ich von meinen Ausflügen zurück in meine gute Bleibe kam, zu erschöpft, um nach dem Essen noch zu schreiben – zumal ich noch nie Nachtarbeiter war, sondern meine Poetik braucht das Tageslicht — auch dieses etwas, das mich von vielen Kolleginnen und Kollegen, auch den klassisch berühmten, unterscheidet. Wobei das Wort “Kollege” für Dichterinnen und Dichter etwas unangemessen Pragmatisches hat; es ist fast so, als wär von einer Art, wer in derselben Straße wohnt: Das stimmt schon nicht mal in demselben Haus. Doch dann, also wenn es dämmerte des sizilischen Morgens, wollte ich schon immer gleich hinaus, es sind doch womöglich meine letzten zwei Wochen, sind heute und morgen vielleicht die beiden letzten Tage meines Lebens. So sicher meine Lieben sich sind und auch imgrunde ich mir bin, daß ich aus Aqaba heil wieder herauskommen werde, freilich ohne noch meinen Magen, so ungewiß ist es de facto. Anders wären all die Vorbereitungen nicht nötig, die ich nah meiner Rückkehr aus Catania sofort entweder erst angehen oder beschließen mußte: etwa Verfügungen treffen für den Fall aller Fälle, vor allem auch den Zurückbleibenden, soweit es sie betrifft, sämtliche Paßworte zusammenstellen, die sich im digitalen Zeitalter für nicht nur die täglichen Abläufe (etwa Bankkonten, Kreditkarten usw.) ansammeln, sondern sie auch alle überprüfen; ebenso, beinah noch wichtiger, für meine Lektorin und die Verlage die Der Dschungel, der Computer, der Clouds. Damit hatte ich tatsächlich bis gestern, also in Berlin, zu tun. Es wirft Schatten aufs Gemüt, macht das Ende, an das man nicht glaubt, vor allem dem Romancier sehr faßbar, dessen Fähigkeit, doch auch Schicksal es ist, sich Imaginationen eben nicht nur “vorzustellen”, sondern sie im selben Moment als Realitäten zu erleben. Anders wären seine Bücher  nur Papier. — Doch. Nein. Wenn ich erwachte in dem alten großen Zimmer, dessen Wände über vier. vielleicht sogar fünf Meter zur freskenbemalten Decke hochreichten, und die ganze Nacht über hatte die Hitze darunter gestanden, als läge sie schwer auf der Haut, eine Decke aus Hitze, die mich die ganze Nacht in ihrem Schutz verbarg, — wenn da hinein nun das Dämmern zu leuchten begann, ein Licht, dessen Schatten bereits um sechs hart und scharf sind vor Kontrast, und in die Sonne läßt sich’s da schon nicht blicken, dann wollte ich stets sofort in die Gerüche, Laute, Geschmäcker Catanias hinein und vor allem “meinem” Meer so nah sein wie dem Alten, den Sie, liebe Freundin, hierneben rauchen sehen können.

 

 

 

 

Er zeigte sich mir so bei Aci Trezza, wo vor Jahrhundeten der von Odysseus geblendete Polifemo dem Listenreichen, da er floh, die Lavafelsen nachwarf. Sie ragen da noch heute aus der See, so daß wir zwischen ihnen schwimmen können. Was ich dort auch tat,

wenngleich es in den teils nun offenen Blasen schmerzte, des Mittelmeeres Salz, die meine Fußsohlen nach wie vor über- also unterzogen; immerhin desinfi|zierte es die Wunden. Dagegen fand ich weder die Muße, noch spürte ich irgendeinen, außer dem des schlechten Arbeitsgewissens, Impuls, “mein” Sizilien mit der Nefud zu amalgamieren, die durchquert ja fast nun war und von der ich mich im Zeitlabyrinth erholen sollte und wollte und dies eben auch tat. Nur daß der Arbeitsimpuls auch in Berlin nun nicht mehr zurückkam. Im Gegenteil. Dabei ist genau dieses eine geradezu → paradoxe … nein, nicht “Intervention”, aber Reaktion. Denn ich hätte allen Grund zu großer Freude und also poetischer Zuversicht gehabt. Unbedingt wollte mich mein Elfenbeinverleger sehen, und wir trafen uns → im März, wo er mir einen Umschlagentwurf übergab, der mich zugleich glücklich machte und erst einmal sprachlos

 

 

doch später führte er zu einer fies heraufkriechenden Depression, weil ich spürte, wie vergeblich auch das wieder sein würde – daß sich mein Verlag mit der schon für den November, was ich kaum glauben konnte, geplanten Neuausgabe des → Wolpertingerromans, ökonomisch schwer belasten würde, weil Betrieb und Buchhandel und also Leserinnen wie Leser das Buch ebenso weitgehend ignorieren würden, wie sie die anderen Bücher ignoriert oder, sofern sie sie überhaupt erwähnten, als Marginalien abgetan haben. Von wenigen Stimmen abgesehn, die es — ja! — → gibt, sogar deutlich und hervorgehoben, die aber nicht genug Marktstrahlkraft haben, um in der allgemeinen Wahrnehmung etwas zu verändern, oder die sogar genauso abgetan werden wie meine Arbeit, weil sie so wenig wie ich selbst in den Gemeinschaftsstall gehören und also anders riechen. Später bekam ich sogar ein schlechtes Gewissen, meinem Verleger das Projekt nicht ausgeredet zu haben. Denn für kleine Verlage kann so etwas an die Existenz gehen.
Auch Arco, übrigens, bringt eines meiner Bücher neu heraus, im kommenden Frühling, aber den sehr viel schmaleren New-York-Roman aus dem Jahr 200ß, so ist da auch dann weniger Gefahr, wenn meine Lektorin, Elvira M. Gross, und ich den Text, anders als den der Wolpertingers, noch einmal neu durcharbeiten wollen, etwas, das freilich erst nach erfolgreicher OP und meiner Wiederherstellung angegangen werden kann. – Sie sehen, Freundin, Pläne gibt es nach wie vor. Was wäre geeigneter, die Weichen fürs Überleben zu stellen? Und dennoch erwischte mich die Depression, dieses zehnmal verdammte “Wozu denn noch?” Dabei waren mein Verleger Držečnik und ich längst dabei, den ersten Umschlagentwurf zu revidieren. Mir war der erste Vorschlag zu nah an Anderswelt — zu dem der Wolpertinger allerdings auch gehört, nämlich als der Roman, der in sie hineinführt —, doch zu weit von dem entfernt, was er vor allem auch ist: ein Elfenroman. So daß der Umschlag nun so aussieht, und alle, die ihn jetzt sahen, waren davon mehr als nur angetan:

Und aber dennoch. Ich hatte die Nefudwanderung nicht mehr fortgeführt und kam auf Sizilien auch mit dem noch fehlenden letzten → Béartgedicht nicht zum Abschluß, war imgrunde komplett uninspiriert. Was daran Krebsfolge ist, oder Folge der Chemo, kann ich gar nicht sagen. Liligeia selbst verhielt sich auf Sizilien weitgehend still, aber die Füße kamen aus der enormen Schwellung nicht mehr heraus, die Blasen taten ihr eigenes, meine Bewegungslust wurde mit Kraft heruntergefahren, und auch flirten mochte ich  nicht mehr, schon der häßlichen Füße wegen, derer ich mich geradezu schämte, männlich schämte, ich bin ein ästhetisches, kein moralisches Wesen. Dennoch, Moral: Wozu denn noch die Béarts, wenn das, woraus sie leben, verboten worden ist und zum Unhold nun erst recht wird, wer es wagt, noch das Geschlecht zu besingen? die Frauen zu besingen, ohne die das Leben arm gewesen wäre, und armselig. Nun gilt schon das als Übergriff, wenn nicht gar als sexual harressment. Ich sehe die Schlagzeilen, wenn’s denn welche geben sollte und nicht wie gewohnt ignoriert werden wird, schon vor mir: Altmännergeilheit, übergriffige Lyrik, moralisch zweifelhaft usw usf. Genau daß es sich um Hymnen handelt, wird man mir zum Strick drehen. Wozu also? Warum mir das noch antun? Zweimal bereits wurden mir Literaturpreise, bzw. Förderungen versagt, weil ich immer noch an Geschlechtsunterschieden festhielte und so jemand öffentlicher Förderung nicht würdig sei. Ich hätte das Geld dringend, sehr dringend nötig gehabt. Und ich denke mir sogar, den Betrieblern wäre es nicht einmal ein nur leises Fest, nähme die Krebsin mich endgültig fort aus der Welt — doch eben dieser Gedanke war es, der mich – zusammen mit der Bemerkung Phyllis Kiehls, ihrer Beobachtung fiele ich in solche Verstimmungen jedes Mal, wenn ich aus dem Süden in den Norden habe zurückkehren müssen – … der mich aus der Depression wieder herausholte, und zwar geradezu schlagartig. Ich werde nicht zulassen, daß der Literaturbetrieb und seiner Mobberinnen und Mobber auch noch mein Leben und Sterben bestimmen – so wenig wie die moralischen, zum Kotzen eineindeutig-“sauberen” Gender-Ideologinnen und -ideologen. Im Gegenteil. Nun erst recht, dachte ich heute früh. Und wenn ich den letzten Béart-Hymnos im Krankenhaus schreibe, jedenfalls zuendeschreiben muß. Dann tue ich es halt.

Ich muß nicht erzählen wahrscheinlich, daß Liligeia meine graue Stimmung wieder genutzt hat, sich zu melden; doch mit dem Dronabinol, Cagliostros THX-Tropfen und gelegentlichen Gaben Novamin war der Schmerz recht gut in Schach zu halten. Nur vorgestern war er etwas komplizierter, weil er erst auftrat, als ich auf dem Fahrrad saß, um zum Sana-Klinikum und dem dortigen Coronatest zu fahren. Der übrigens, soeben kam der Anruf, negativ ausgefallen ist, so daß meiner morgigen Aufnahme nichts mehr im Weg steht und also auch nicht der → Großen Enteinigung übermorgen. Ich muß jetzt nur noch einen Dschungelhinweis auf Aqaba formen*), bevor ich mich unter die Messer lege.

Ihr ANH

*): Kurz hatte ich überlegt, ob ich für den Fall, daß die OP nicht gut ausgeht, einen Eintrag jenseits meines Lebens vorformuliere, aus dem Jenseits quasi, der von Lillys und meiner Vereinigung und unserer, sagen wir, Himmel-  bzw. Höllenfahrt erzählt. Aber dann überkam mich eine Art Aberglaube, der mich schließlich von diesem Vorhaben Abstand nehmen ließ. Es wäre des Blasphemischen sogar von dem Unhold, einem nämlich wie mir, zuviel gewesen. Da hätte ich meine Gegnerinnen und Gegner nun endlich einmal verstanden.

Das Leben als einen Roman betrachten (15): Krebstag 2.

[Angela Puxi, Isle of Fire]

Irgendwann ging mir die Numerierung der 2013 begonnen Serie von Überlegungen verloren, also ging nicht verloren, sondern ich vergaß – oder es war dem Antisystematiker in mir “über” –, die Texte mit Zahlen zu versehen. Was ich in anderen Fällen strikt aber weitertat. Und irgendwann war, das Leben als Roman zu verstehen, derart mit den Journalen und andren Rubriken (“Kapiteln”) verschmolzen, daß es sich eh erübrigte. Nun allerdings, in der neuen Situation, bedaure ich es, weil es die Suche nach den einzelnen Beiträgen einigermaßen mühsam macht. Mehr als für mich selbst allerdings wird es für andere später mal ein Problem sein, so es solche, andere also als mich geben wird, die DIE DSCHUNGEL durchstöbern.
Insofern hätte ich solche Numerierung jetzt gerne wieder. Das letztgezählt-ausgewiesene Stück trug die symbolisch enorme Nummer 13, auf die noch die nur im Text-selbst, nicht schon in der Überschrift, genannte → 14 folgte. Alles weitere zum Thema ist nur noch, wenn überhaupt, mit “ff”, “fff” usw. zugeordnet oder gar nicht. Dennoch wähle ich jetzt, indem ich die Serie wieder aufnehme, die Anschlußnummer 15.

Daß ich sie wieder aufnehme, ist eine poetische Notwendigkeit des ARBEIT UND STRUKTUR–Charakters meiner Poetik, doch daß ich mich auf Herrndorf und, freilich gelinder, auch Schlingensief beziehe, ein Gebot der poetischen Redlichkeit. Niemand von uns schreibt geschichtslos; das gilt in diesem Fall auch dann, wenn ich seinerzeit weder jenes noch dessen Aufzeichnungen mitgelesen habe, was bei Herrndorf daran liegt, daß ich ihn als Romancier für schwer überschätzt und gegen sein berühmtes, doch, seien wir ehrlich, reichlich schlichtes TSCHICK mit allem sowohl stilistischen wie kompositorischem Recht Kjærstads viel zu wenig rezipiertes ICH BIN DIE WALKER BRÜDER gehalten habe, worin moderne Jugendsprache eben nicht imitiert, sondern auf eine Weise erfunden wird, die sogar meinen damals noch jungenhaften Sohn, nachdem ich ihm draus vorgelesen (er hatte sich über die von der Schule geforderte Tschick-Lektüre aufgeregt, weil da “jemand so tut, als spräche er wie wir”) … also, nachdem ich ihm dreivier Seiten Kjærstad vorgelesen, ausrief: “Ja, genau! So sprechen wir!” Was nicht stimmte. Kjærstads Buch ist eine komplette Kunstsprache, aber eben poetisch von solchem Geschick gesetzt, daß sich noch Jungens und Mädchen in vierzig Jahren werden damit identifizieren können, auch wenn deren Jugendslang längst ein völlig anderer. Dabei geht es nicht nur um “in”ne Begriffe wie “ätzend” für “gräßlich”, “geil” für “klasse” (in meiner eigenen Jungenzeit sagten wir “toff”) usw., also Wörter, die so schnell veralten und ersetzt werden, daß wir dabei zusehen können, sondern vor allem um Rhythmik und also Satzbau.
Das spielt seit ARBEIT UND STRUKTUR aber keine Rolle mehr. ARBEIT UND STRUKTUR dürfte, weil “plötzlich” Existenz direkt angesehen und erlebt und eben mitgeschrieben wurde, dasjenige sein, was von Herrndorf bleiben wird – und nun mit tatsächlichem Recht und wahrscheinlich über Schlingensief hinaus, der freilich, wie Phyllis Kiehl gestern anmerkte, “auch kein Schriftsteller” war.  Deshalb muß der von mir sonst gemiedene Herrndorf hier für mich bedeutsam sein — abgesehen davon, daß mich die von ihm frei gewählte Todesart – was sie nämlich an auch moralischen Vorüberlegungen implizierte – beeindruckt hat, vergleichbar nur noch mit Gunter Sachsens, der seinen Schritt zudem mit einem Satz versah, der von mir stammen könnte (nunmehr würde der meine von ihm stammen):

Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten.

Beider Todes,ich schreib mal,technik allerdings, sich zu erschießen nämlich, wäre meine nur Zweitoption, abgesehen davon, daß es dem schwerreichen Sachs ein leichtes gewesen sein wird, sich eine Feuerwaffe zu besorgen, während es sich meiner Kenntnis entzieht, woher Herrndorf die seine bekam. Aber selbst angenommen, er hat sie auf dem Schwarzmarkt besorgt oder übers Dark Net, wird die Anschaffung immer noch einiges Geld gekostet haben. Über das meinerseits ich nicht verfüge. Herrndorf bezog deutlich höhere Tantiemen allein in einem Monat als ich in einem Jahrzehnt.

Das Leben als Roman betrachten, nunmehr mit drinnen dem Krebs. Möglicherweise ist solch eine Sichtweise nur Autorinnen und Autoren möglich, jedenfalls Künstlern, die es für ihr Werk ohnedies, nämlich notwendigerweise, gewöhnt sind, sich in fiktionalen Zusammenhängen zu sehen, ohne aber, wie seit je für mich wichtig, nur Beobachter und gleichsam Protokollanten zu sein – eine oft gängige Autorenhaltung, wie sie besonders Genazino kultiviert hat. Für mich und meine Poetik ein absolutes No-go. Sie wissen, Geliebte, wie wichtig es mir mein Leben lang war, zugleich immer mitten drin zu sein und es zu durchrauschen, zu durchleiden, mich durch es, sagen wir, durchzufuttern. Auszuschöpfen, was nur geht. Undistanziert, eben.  Aber allein der Umstand, daß wir uns irgendwann an den Schreibtisch setzen – oder wo immer wir arbeiten mögen; manche am liebsten (für mich gleichfalls unvorstellbar, doch immerhin mir ziemlich sympathisch) im Bett (oh dahingegossen, Autorinnen, auf dem Divan!)–, führt zu einer fast simultanen Spaltung ins Subjekt des Anschauens wie Angeschautwerdens. Nur in den Momenten des Glücks fällt beides zusammen, siehe Borges → dort, Das Glück ist schön für sich. Deshalb entzieht es sich der Kunst.
Anschaun indessen ist aktive Gestaltung, Angeschautwerden heißt auch: geführt sein, wenn es angeschaut wird, nämlich vom Anschauenden. Er macht sich, insofern er zu einem Teil immer die Figuren selbst sein muß, die er schafft (und die nur dadurch zu Personen werden), zum Objekt seines Gestaltens. Ich sehe einen Dichter kurz nach seinen sogenannten Besten Jahren vor mir, den der Krebs erwischt. Wie würde ich an seiner Stelle damit umgehen, wenn es das Thema eines Romans oder auch nur einer kürzeren Erzählung ist und er tatsächlich wär nicht ich “selbst”, sondern, eben, Figur? (Hier spielt jetzt die Frage der Intention eines Textes hinein, also die der Autorin/des Autors persönlich. Will er eine Botschaft vermitteln, die er schon mitbringt und die also von der Ästhetik selbst nicht abhängt, sondern diese wird nach jener gewählt und auf sie draufgestülpt, oder wird sich “die Botschaft”, wenn überhaupt, aus der Bewegung der Erzählung erst ergeben? Was wiederum bedeutete, daß diese Botschaft auch etwas sein kann, das den persönlichen Meinungen des Autors/der Autorin sogar widerspricht.) — Wie dem auch sei: Vermag die Romanperson durch ihre Haltung ihr Schicksal zumindest mitzuformen?
Daß dem so sei, ist die Hoffnung, die jedem ich schreibe es bewußt emphatisch – wahren Erzählen inneliegt.

Dies gilt nun auch für den Krebs. Das Leben als einen Roman zu betrachten, bedeutet Selbstermächtigung und möglicherweise die Initiation eines Selbstheilungsprozesses. Zwar gibt es darauf keine Gewähr, sondern alles andere als das, aber als Möglichkeit mitbestimmt sie das Geschehen auch außerhalb des fiktionalen Raums, nämlich in der Alltagsrealität. Die Haltung meines Ichs als einer Figur überträgt sich auf mein Ich als realer Person. Es ist wie mit den, im monotheistischen Verstand, Namen:

(…) außer du lehrtest mich zuvor den wahrhaften und unverstellten Namen Gottes, kraft dessen du auffährst, wenn du ihn aussprichst [Unterstreichung von mir, ANH].
Th. Mann, Joseph und seine Brüder, I,99

Denn, so eine Seite vorher (ich habe die Stelle schon oft in DER DSCHUNGEL zitiert):

Auch die Tiere schämen sich und kneifen den Schwanz ein, weil wir sie wissen und über ihren Namen befehlen und die brüllende Gegenwart ihres Einzeltums entkräften, indem wir ihn ihr entgegenhalten [Unterstreichung von mir, ANH].

Setzen wir hier an die Stelle der Tiere den Krebs, so wird Ihnen, Freundin, die beschworne Dynamik sofort klar:

Wäre er nur gekommen mit Fauchen und gehässiger Nase, lang schleichenden Trittes, so hätte er mir doch den Sinn nicht geraubt mit seinem Schrecken und mich nicht erbleichen lassen vor seinem Rätsel. [Unterstreichung von mir, ANH].

Sich den Sinn nicht rauben lassen, auch dann nicht, wenn der Löwe, der in der Erzählung gemeint ist, den, der seinen Namen weiß, dennoch reißen kann und auffrißt. Es ist dieses, was ich mit “Haltung” meine und gemeint immer so habe — auch wenn, wie Phyllis mir gestern erklärte, nachdem ich ihr von meinem Staunen, ja meiner Ergriffenheit über all die teils öffentlichen, teils privaten Nachrichten und Zuschriften erzählt hatte, die ich aufs gestrige Journal hin bekam … tatsächlich habe ich in meinem Leben niemals zuvor auch nur entfernt solche, ja, Wogen des Respekts erfahren und der Zustimmung zu meiner poetischen Arbeit … — die mir also erklärte: “Die Leute haben deine Äußerungen immer für Attitude gehalten und begreifen erst jetzt, daß es eine wirklich existentielle Haltung war, die auch dann noch hielt und hält, wenn du schwer bedroht bist. Daher jetzt die vielen Äußerungen von Respekt.”
Wobei, ob sie halten tatsächlich werden, genau jetzt in der Prüfung steht. Der Krebs und mein Umgang mit ihm wird zur Nagelprobe poetischer Wahrhaftigkeit. Genau nun dieses führt in das Leben als Roman zurück, das Leben, als Roman begriffen. So wird die alte Beitragsserie aus der inneren Dynamik DER DSCHUNGEL reaktiviert, ohne daß ich das wollte. Wer, Geliebte, wollte schon Krebs? Ein Narr, ein Idiot! Doch die Geschichte schreibt sich selbst, und ich, ihr Autor, muß nun zeigen, ob ich mit ihr und ihrer Hauptfigur standhalten kann. Die erfundene Person läuft ihrem Erfinder vorweg.

Nun gedankenspielen Sie noch folgendes mit:
Ob wir zuversichtlich oder verzagt sind, bestimmt unsere Reaktionen auf das, was uns begegnet und auf uns einwirkt, ob bedrohend oder nicht. Was Handlung von uns verlangt. Jemand Ängstliches wird sich anders verhalten als jemand voll Mut. So bestimmt denn das Innen das Außen und — schafft Realität, somit neue Wirklichkeit, also das, was wirkt (und weiterwirken wird).
Ich schreibe hier keinen Mystizismus, vertrete keine künstlerische Esoterik, sondern erkenne einen, quasi, Naturprozeß, zumindest eine ihn leitende Dynamik. Darum liegt hierin, in ihr, – oder kann darin liegen – die Kraft der Religionen (deren, aber das ist ein anderes Thema, Glaube immer an Riten gebunden ist; in der Kunst sind die Riten die Form). Ich halte es für enorm wichtig, das zu verstehen.  Es ist völlig unwichtig, ob es den EInen GOtt gibt. Allein, ihn sich vorzustellen und zu glauben, führt dazu, daß etwa von Bach die Matthäuspassion entstand, die ihrerseits, und da landen wir in der nüchternsten, meßbaren Ökonomie, zahllose Mitwirkende, in diesem Falle Musikerinnen und Musiker, faktisch ernährt. Was sich im Bruttosozialprodukt niederschlägt. Denken Sie nur: Die GOtt genannte Fiktion ein signifikanter Posten des pekuniären Volksvermögen!

Das Leben als Roman begreifen. Den Krebs als Motiv einer, vielleicht der letzten, Dschungelerzählung.

[Poetologie]


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Magenkrebs (Kardiakarzinom). Das nunmehr Coronavölligegal- und erneut, um so dringender, Arbeitsjournal des Donnerstags, den 29. April 2020. Zu Schostakovitschs Cello und Klavier.

 

… und das erste, was ich gestern tat, nachdem ich aus all den Gesprächen
heraus war, war — endlich wieder ein Brot zu backen, also den Teig anzusetzen,
mit eigenem lievito madre. Die erste Ruhephase des Teiglings endete heute
morgen um sechs. Dann noch zweidreimal falten und weitere drei Stunden Treibzeit.
Den Backofen vorheizen, den hellen Laib hinein — und voilà:

 

Jetzt muß er nur noch etwas bräunen.

 

 

 

[Arbeitswohnung, 6.18 Uhr]
Schostakovitsch, Sonate für Cello und Klavier d-moll, op. 40 (→ Schwestern Hack)]

Nein, Geliebte, ich bin völlig ruhig, sehr klar. Auch jetzt noch, am Morgen darauf. Nach dieser Diagnose, meine ich. Denn, wie ich gestern einer Freundin sagte — ich telefonierte nachher, whatsappte, facetimte quasi unentwegt; mit meinem Sohn und लक्ष्मी sprach ich persönlich hier bei mir; nachdem ich kurz nach Mittag schon zu dieser hinübergeradelt, kamen sie und er abends gegen 22 Uhr zu mir und blieben bis fast eins  … also wie ich der Freundin sagte: “Meine Depressionen? Die kann ich mir nun nicht mehr leisten.”
Es ist bizarr. Sei dem Befund bin ich als ich zurück. Was ist zu planen, wie ist zu strukturieren, was muß ins Auge genommen werden? Das beschäftigt mich. Und der erste Gedanke, der mir, der Gastroenterologin gegenübersitzend, kam, als sie den Befund – genauso nüchtern, unverbrämt, ich möchte sagen: ohne auf meiner Glatze Locken zu drehen –, war: Dann bekomme ich auf jeden Fall die Béarts noch fertig.

Doch der Reihe nach.
Gestern früh → also erst die Magen-, dann die nach sechs Jahren für mich zweite Darmspiegelung, für die mich die Ärztin ein bißchen übers Ohr hieb. Denn wieder hatte ich mich auf eine Anästhesie nicht einlassen wollen, weshalb sie einen Kompromiß vorschlug: hinwegs betäubt, rückwegs klar. “Dann können Sie den ganzen Weg der Sonde durch den Darm noch am Bildschirm sehen.” Fand ich okay, → meine erste Koloskopie war ja in der Tat, ich schreib mal euphemistisch, “anstrengend” gewesen, allerdings auch – wegen der geradezu surreal-utopischen Bildwelt, in die ich hineinsehen durfte – rauschhaft; wenn Sie mögen, lesen Sie die Erzählung nach (ich habe sie dazu noch einmal verlinkt). Und das genau, die quasi psychedelische Form- und Farbwelt, hatte ich in Speiseröhre und Magen wiederholen wollen. Das Organische war mir immer ein Wunder, und ist’s mir noch jetzt, da es sich, sozusagen wider sich kehrt, wider also gegen mich.
Die Wiederholung gelang nicht, ich war ausgeknockt. Noch guckte ich, wie immer voller Neugier zu, wie mir der Bioport gelegt wurde. Dann tröpfelte schon das Narkosemittel in mich rein. Das nächste, was ich hörte, war ein fernes, tja, “Plaudern” der beiden behandelnden Damen. Na, kann so schlimm ja nicht sein, dachte ich und fragte, als ich erwachte: “Und wann die Magenspiegelung?”
“Wieso, die ist schon vorbei.”
Grrr. Und daran, auf den Bildschirm zu schauen, hatte ich, als und während ich erwachte, komplett vergessen, mich statt dessen über das Geplauder der Damen im Wortsinn amüsiert.
“Wann werden Sie abgeholt?”
“Abgeholt? Nebbich! Ich kann alleine gehen. Außerdem steht mein Fahrrad vor der Tür.”
“Das geht nicht, aus juristischen Gründen. Dann müssen Sie ein Taxi nehmen.”
Was mir vor allem zu teuer gewesen wäre, aber auch objektiv so lächerlich war, daß es an Peinlichkeit grenzte. Ich meine, einen halben Kilometer, nicht mehr … Aber, dachte ich, red du nur. Und erstmal sollte ich sowieso nach nebenan auf die Liege, um die Narkose auszuschlafen.
Nur daß ich sie schon gar nicht mehr merkte. Fünf Minuten hielt ich hinter dem vorgezogenen Vorhang die Liegerei aus, dann schaute ich nach meiner Ledertasche, in der die ADA steckte — und begann zu lesen. Wo war mein Stift? Ah, da.
Doch ich kann im Liegen nicht lesen, konnte es, seit ich ein Mann bin, nie. Ich muß sitzen, am besten an einem Tisch und auf einem harten Stuhl. Also ließ ich die Beine lesend baumeln.
“Wie? Sie sind schon wach? Gibt’s doch gar nicht!”
“Gibt’s, is’ immer so bei mir.”
“Na dann gehn Sie besser ins Wartezimmer, wo Sie auch mehr Licht haben. Ich brauche noch eine halbe Stunde, dann besprechen wir alles.”
Noch ahnte ich nichts.
Eine ungefähr sechzigjährige, wirklich Dame betrat das Wartezimmer, eine schöne Frau von großem Chic, vielleicht ein wenig streng um die Lippen. Sie setzte sich. Und nach einem Blick auf ihre Füße konnte ich nicht anders, als leis gesprochen auszurufen: “Was sind das für schöne Schuhe, die Sie da tragen!”
Wahrscheinlich war schon das wieder genderincorrect, denn sie reagierte nicht einmal. Nur ihre Lippen zuckten an den Enden noch ein Stück weiter hinunter – als wär mein Kompliment eine Beleidigung gewesen, die frau am besten ignoriert.
Gleichwohl, ich sah sie nach wie vor an, zog mein Notizbuch hervor und schrieb die Frau mir ab. Beschrieb den Silberschmuck und die deutlich echten, in ihm eingefaßten Steine, die Haute Couture der schmalgeschnittenen, nur bis zur Hüfte reichenden Jeansjacke und dann den auffällig schmalen Schnitt der Lippen. Und ihre, obwohl sie niemals zurücksah, hellen, schmerzerfüllten, spürte ich, Augen. Als ich schon aufgerufen wurde

“Was meinen Sie”, fragte ich, “bösartig oder nicht?”
“Bösartig. Brauchen Sie erst mal Zeit, um es zu verarbeiten?”
“Was soll ich verarbeiten? Was ist, ist.” Ich war von Anfang der Eröffnung an komplett ruhig. Nicht die Spur von Panik. Die Béarts, war das erste was ich dachte, bekomme ich auf jeden Fall noch fertig. Diese Sicherheit machte mich enorm gefaßt. Später kam da noch anderes hinzu. – “Wie gehen wir vor?”
“Als erstes müssen Sie in die Klinik zur genauen Bestimmung der Tumors.”
“Und um herauszufinden, ob er bereits gestreut hat.”
“Ja.”
“Welche Klinik empfehlen Sie?”
“Sie haben zwei Möglichkeiten, entweder die Charité oder das Sana-Klinikum in Lichtenberg. Bei jener gibt’s das Problem, daß nie jemand ans Telefon geht, wenn man einen schnellen Termin ausmachen will. Zu Sana hingegen habe ich persönlichen Kontakt, weil ich dort lange Oberärztin war. Ich kann diese Kollegen nur empfehlen.”
“Dann rufen Sie an.”
Sie hatte den Hörer bereits in der Hand, sprach mit dem ihr vertrauten Kollegen. “Montag früh?” Blick zu mir. “Gut.”
“Wie lange werde ich bleiben müssen?”
“Zwei Nächte. Der Tumor wird rundum untersucht, CT, nochmals Spiegelung, allerdings mit Ultraschall kombiniert. Markerbestimmung undsoweiter. Am Mittwoch können Sie bereits wieder hinaus. Da findet dann die Therapiekonferenz statt.”
Auf der, wie ich nachher im Netz las (ich las da viel, viel, viel), die möglicherweise beteiligten Spezialisten die bestmögliche Behandlung bestimmen und danach vorschlagen.

Ich war entlassen. Nach meiner Begleitung fragte niemand mehr, und keiner wollte mich noch in ein Taxi setzen. Ich war quietsch-wach, nahm nach Hause das Rad und las erst einmal den Arztbrief, den ich für die Klinik mitbekommen hatte. Auf dem Überweisungsschein stand, also steht, “Karzinom-Magen, G.” Der Arztbrief spezifiziert es:

In Inversion Kardia morphologisch mit einer großen circumferentiellen Läsion wie Kardiakarzinom.

Das Fiese an dem Ding war (ist), daß, wenn es gestreut hat, die Bauchspeicheldrüse betroffen ist, was, ich weiß es nur zu gut (zu schlecht), bedeutet, mein Leben währt noch ein halbes Jahr. Und wieder dachte ich: Da bekommst du die Béarts auf jeden Fall fertig. Alles andre allerdings … Nun gut, wir wissen es noch nicht.
Nunmehr Statistiken gelesen. Nicht schön:

Aufgrund der zumeist sehr späten Diagnosestellung ist die Prognose schlecht und die 5-Jahresüberlebenschance liegt nur bei < 20% der Fälle.

Fünf Jahre immerhin bedeuteten, auch die Triestbriefe bekomme ich fertig. Den Friedrich allerdings … Es sei denn, formulierte ich später in Facetime, ich schiebe alles beiseite, was ich mir an Recherchen vorgenommen hatte, und schreibe “einfach” runter, allein auf der Grundlage der ANDERSWELT-Poetik, die ich ja nun eh beiziehen wollte. “Fünf Jahre, in Ordnung”, dachte ich. “Das sind noch zweieinhalb Bücher.” Hatte ich nicht, ahnend, das ganze letzte Jahr poetisch vor allem damit zugebracht, meinen literarischen Nachlaß zu sichern und es sogar hin und wieder in DER DSCHUNGEL genauso ausgedrückt? Denken Sie, Freundin, daran, daß ich sogar dazu überging, die alten DSCHUNGELBLÄTTER hier zu integrieren, aber auch nach und nach sämtliche Texte aus meinem ersten, dem Weblog bei Freecity. Auch das, auf jeden Fall, will ich noch beenden. Sie glauben nicht, wie meine Sicherheit sich da noch einmal festigte. Nicht die Spur mehr von Niedergeschlagenheit, dieser mutlosen Hilflosigkeit, von ich noch neulich geschrieben habe und die mich dazu trieb, mich ganz von mir aus, unabhängig von Corona, zu isolieren. Sondern Klarheit, ein Ziel vor Augen, den Gegner vor mir sehe, anstatt daß er sich ständig im Nebel aus Gesagtwerden, Ignorieren, schweigendem (“klandestinem”) Mobbing verbirgt. Mit dem ich derart viel Erfahrung habe. — So bizarr es klingt, diese Diagnose ist für mich wie eine Erlösung, auch – oder eben, weil – ich die sehr möglichen Konsequenzen deutlich vor Augen habe. Ansehen können, was dich bedroht. Es benennen können. Und meinem Instinkt erneut vertrauen. Denn hatte ich’s nicht schon gewußt?
In der Tat. (Seltsames Idiom, das einen Zustand als aktiv sieht). “Es ist auffällig”, sagte die Gastroenterologin, “wie absolut genau Sie mit dem Finger auf die Stelle gezeigt haben, auch wie exakt Sie, was da passiert, beschrieben haben.” Ich hatte ihr beim Vorgespräch mein Gefühl geschildert, daß sich genau der Ausgang der Speiseröhre in den Magen verengt anfühle, weil nun fast immer, schluckte ich, die Nahrung da hängenblieb, und wenn ich zum “Rutschen” nachspüle, ist es, als stünde die Wassersäule noch zwei Sekunden lang drauf, bevor sie den Bissen dann doch noch, mit einem quasi Plumps, unter sich in das Verdauungsbecken fallen läßt. Tatsächlich ist es so, daß sich der Tumor wie eine Wulst um die Kardia gelegt hat und sie langsam zudrückt.
Daß es mich dort erwischt, ist außerdem kein Wunder. Mein Magen war seit Kindheit meine “Sollbruchstelle”. Wann immer ich mich in einer als ausweglos empfundenen Situation befand, weil sich objektiv gegen sie nichts ausrichten ließ, ich also hinnehmen, mich “abfinden” mußte, reagierte ich mit meist einen Tag lang anhaltenden schweren Krämpfen. Im Schnitt einmal pro Jahr, selten öfter. Gewissermaßen kämpfte ich auf diese Weise immer weiter, nun allerdings nach innen. Da nun aber rein lebensgeschichtlich mein Zeithorizont zu nahgerückt ist, um noch, was immer meine Kraft gewesen, gegen Ignoranz und Mobbing Hoffnung und Trotz  zu stemmen, wird dieser Innenkampf genauso eng: deutlichstes rien ne va plus. Dazu, es ist mir völlig bewußt, die Raucherei — Nikotin abuses, da gibt es keine Diskussion. Aber ich bedauere ihn nicht, auch jetzt noch nicht. Denn er hat mir für meine Arbeit gedient; andere Autorinnen und Autoren brauchten Alkohol, sehr viel Alkohol, wieder andere Drogen. Wer unter Tage arbeitet, bekommt die Lungenkrankheit stets präsentiert. Doch anders als die meisten Kumpels habe ich mir meine Arbeit frei gewählt und wußte, was sie bedeuten könnte. An Hölderin zu denken und an Kleist, auch Kafka, viele andre.
Zum anderen bin ich genetisch vorbelastet. Meine Mutter starb an Krebs, mein Vater, schon mit 62, starb an Krebs, mein Großvater, mit knapp siebzig, starb an Krebs, meine Großmutter starb an Krebs. Mein Leben im dauernden Widerstand, fast durchgehende, vor allem dann seit MEERE, Erfolglosigkeit – womit ich nicht eine poetische, sondern fehlende Anerkennung meine und vor allem versagten Respekt. Poetisch ist mein Leben von Erfolg gesegnet. Auch deshalb bin ich jetzt so ruhig und seit gestern mir, also dem Rang meiner Dichtung, völlig gewiß. Es kann und muß nun darum gehen, sie zu sichern, ihr, nicht mein Überleben zu sichern. Nur mein Sohn noch kommt an Bedeutung dem gleich.
Deshalb ist dringend mit meinen Verlagen zu reden. Sie müssen, wenn es gelingen soll, zusammenarbeiten. Mit Arco sprach ich gestern schon.
Aber erst einmal rief ich nacheinander die Frauen an, die ich liebe. Und als ich Phyllis Kiehl erzählte, ich sei unsicher, oh ich in DER DSCHUNGEL über den Krebs schreiben solle – eine Frage, die sich mir auch wegen Herrndorfs ARBEIT UND STRUKTUR stellte — allzu groß ist die Gefahr, daß mir nun auch noch Nachahmung vorgehalten wird —, antwortete sie, wenngleich einigermaßen erschüttert (alle, mit denen ich sprach, waren so erschüttert; ich hatte den Eindruck, der einzige ohne Not sei ich selbst): “Das mußt du sogar. Du darfst die Ästhetik Der Dschungel jetzt nicht zerstören.”
Also, meine Liebste, werd ich hier den Verlauf der Krankheit miterzählen — “mit”, weil es zugleich dabei bleiben wird, daß ich wie stets über Poetologie schreiben werde, mit der Krankheit vermischt, wechselseitig ineinandergebettet; und alles andre bleibt ebenfalls beim “alten”, seien es die Auseinandersetzung mit nicht von mir selbst stammenden Werken wie derzeit die Nabokovlesen-Serie, seien es die Überlegungen und Kritiken über Musik, seien es die eingestellten Entwürfe meiner eigenen, primären literarischen Arbeit. Doch der Krebs, bis zu welchem Ende auch immer, wird fortan stetig dabei sein. Eine wahre Dschungel halt; wäre ich Herrndorf, würde ich sie allerdings in MÖGLICHKEITEN UND VERMISCHUNG umbenennen. Ein feiner Buchtitel übrigens:

Möglichkeiten und Vermischung
Die Dschungel. Anderswelt
2003 –20??

(Wär aber ein dickes Buch.)

Gut, meine Lektorin anrufen, die nach meinem Ableben meine literarische Nachlaßverwaltung mit sämtlichen Befugnissen übernimmt, also die Ansprechpartnerin sowohl für meinen Sohn, der mein Erbe sein wird, als auch für die Verlage sein wird. Dann schon mal eine Liste sämtlicher Paßwörter anlegen, damit sie Zugriff auf DIE DSCHUNGEL hat, und die Struktur auf meinem Computer übersichtlich genug gestalten, damit sich andere drin zurechtfinden. Aber noch keinen Zeitplan erstellen; das ist erst sinnvoll, wenn ich nächste Woche den tatsächlichen Umfang und die genaue Art des Krebses spezifiziert weiß. Wenn er bereits gestreut hat, muß anderes und anders geplant werden, als wenn ich noch die fünf, vielleicht sogar zehn Jahre (also fünf Bücher) vor mir habe.

Das also meine Situation. Wobei eines sicher ist. Nämlich werde ich mich nicht auf eine Chemotherapie einlassen; ich habe im nahen Umkreis zu oft erlebt, worauf sie hinausläuft. Es wäre kein lebenswertes, weil eben unstolzes Leben. Ich möchte gehen so, daß meine Lieben eine deutlich konturierte Erinnerung haben — um es “incorrect” zu sagen: als ein Mann. Im Zweifelsfall werde ich, wie Herrndorf tat, den Freitod wählen:

So, Sohn, vernarrt bin ich ins Leben; ich ginge freiwillig eher, als daß ich’s beklagte.
Das bleibende Thier, Neunte Elegie

Allerdings habe ich dafür einen anderen, ich sage einmal, Traum, den ich aber hier aus verschiedenen Gründen jedenfalls noch nicht erzählen will. Im übrigen gibt es auch immer noch die wenn auch sehr unwahrscheinliche Möglichkeit, daß ich einigermaßen heil aus der Geschichte herauskomme. “Leg nachher, wenn du schlafen gehst und liegst”, sagte लक्ष्मी gestern nacht zum Abschied, “einen Finger auf die Stelle und sprich in dich “heile” hinein. Werde dir dieses “heile”s gewiß.”

Ihr, um 8.35 Uhr,
ANH,
der heute vormittag einiges zu erledigen hat. Es ist ein paar Empfehlungen zu folgen, über die ich auch mit meiner Hausärztin sprechen muß.

[Schostakovitsch, Sonate für Viola und Klavier op. 147,
aufs Cello transponiert: Schwestern Hack.]

 

Die CD wurde mir gestern zur Besprechung geschickt; sie ist noch nicht auf dem Markt, wird erst ab 5. Juni zu erhalten sein
In op. 147 singt berückt Freund Hein.

*

Ecco!:

 

Unbehagen und Einsicht | sowie:
“In zwanzig Minuten bin ich dran!”
Geschrieben als elftes Coronajournal am Dienstag, den 31. März 2020. Darinnen Soforthilfe II mit den Antragswirren im Internet.

[Arbeitswohnung, 7.15 Uhr]
Anders, oh Freundin, hatte ich gestern geplant, heute früh mein Journal zu beginnen. Bereits der Titel war nicht so formuliert wie jetzt. Sondern über die Wirren wollt’ ich mich lustig machen, die mich mehr als nur zwei Tage lang mehr oder minder dauernd auf einen Bildschirm starren ließen, der ein Männchen zeigte, wie es langsam, langsam eine dunkle, doch hinter ihm sich ergrünende Zeile einem Ziele entgegen voranschritt, das mir bedeuten würde, nun “sei ich dran”:

Doch dann kam die Nacht, von der ich nicht weiß, was ich träumte vielleicht … — mir träumte, trifft es, fürchte ich, besser. Es ist wohl kein Zufall, daß ich mich gestern entschloß, von all den noch nicht in Der Dschungel erfaßten Essays ausgerechnet → diesen da jetzt einzustellen, in dem es – in poetisch weitem Sinn – um Entkörperlichung geht, die ich dort noch affirmierte, Neunzehnhundertsiebenundneunzig. Das “dort” heißt “seinerzeit”.
Viele meiner Texte hatten sich in diese Richtung bewegt. Im WOLPERTINGER streben die Geister in den Computer, um am Leben zu bleiben, Naturgeister, wohlgemerkt, und Elberich Lipom, einer ihrer politischen Führer, muß ganz am Ende beinah versagen, der er, wie seine Frau, so auf der Seite der Körper steht. Sie alle finden ihren schließlichen Platz auf etwas, das es heute und zu Beginn der ANDERSWELT-Bücher eigentlich schon gar nicht mehr gibt: auf einer kleinen Diskette, die nunmehr — der sozusagen running gag in Gestalt eines quadratisch-flachen Relikts einer technischen Vorzeit — die Trilogie von Hand zu Hand begleitet, bis schließlich ihr Inhalt in den Europäischen Zentralcomputer eingespeist wird, woraufhin, so sieht es aus, die Zivilisation gänzlich zusammenbricht und die Erde, Erda, sich aufs neue erhebt. In einer Lesart. Tatsächlich bleibt das Ende offen, ganz so wie noch heute für uns.
Vorgedacht, die Entwicklung, aber hatte ich schon. Weniger ich selbst als die Strukturen es taten, denen diese Bücher folgen: daß der Weg vom Körper weg ins Virtuelle längst beschritten. Ich sah es als quasi Evolution, als eine notwendige, wobei ich das “not” schon immer betonte, Emanzipation vom körperlichen Gebrechen, womit indes zugleich das, ich möchte schreiben, Wunder des Körpers kaputtging, das uns als Schönheit und Lust geschenkt ist.
Spätestens mit den Bamberger Elegien drehte sich meine Perspektive. Das trauernde MEERE hat dies eingeleitet, der Verlust, der das Geheimnis der Schönheit dieses Romans ist. Indes ich aber parallel, in den zwölf Jahren, → in denen ARGO entstand, dem Vorgedachten weiterfolgte: die Entkörperlichung, die Ungefugger fast calvinistisch bis zur schließlich kompletten Digitalisierung der Welt vorantreiben will und vorantreibt und die ihm und den Seinen auch beinah gelingt. Bis die Diskette dann wieder ins Spiel kommt, die eigentlich schon gar nicht mehr gelesen werden kann.
Was lief dem parallel, tatsächlich, in unserer realen Welt? Also neben den Kriegen, die auf 9/11 folgten? (Und worum wurden sie letztlich geführt?) Schon AIDS hatte mit der Unbedenklichkeit unserer körperlichen Vereinigungen Schluß gemacht; ich erinnere mich einer spöttischen Fiktion, in der ich die Krankheit hatte vom Vatikan in Auftrag geben lassen. Die “Moral” stand plötzlich immer mehr im Fokus, gegen die sich zugleich einige Szenen formierten. Während das Nahost der arabischen Welt am feudalen, feudalistischen Mittelalter hängen blieb, sich daran krampfte und ins Jerusalem der Neuzeit, New York City als Stellvertreter der gesamten westlichen Industriewelt, seine meuchelnden Kreuzritter fast genauso schickte, wie es diese, als sie selbst noch feudal war, ein paar Jahrhunderte vorher nach dort getan hatte, virtualisierte sie sich immer mehr. Donna Harraways Diagnose, daß wir alle Cyborgs längst seien, stand wie ein Mahnmal im Raum, ungeheuer. Und Judith Butlers Thesen, die schließliche, zunehmende Dekonstruktion des Geschlechts — also der irdischen Biologie, die mehr und mehr unter ein moralisches Sollen gebeugt wurde und heute fast de facto schon wird.
Dagegen mein, ich nenn es mal so, poetisches Aufschrein. Umso bedrückter, je älter ich wurde. Dabei lag alles auf genau der Linie, die ich vorher durchdacht und poetisch mitgestaltet hatte. Aber das Gefühl des Verlusts wurde größer und größer.
Zum Beispiel meine Weigerung, Brötchen bei einem Bäcker zu kaufen, deren Angestellte sich Latexhandschuhe anziehn, bevor sie sie, die Semmeln, in eine Tüte tun. Wie oft habe ich solch eine Backstube dann verlassen, “tut mir leid, ich will, daß Sie meine Brötchen berühren!” Die ständige Sorge, sich bei irgendwas zu infizieren. Der permanente Ruf nach Kondomen. Der Verdacht gegens Sekret, das doch englisch, secret, Geheimnis. Zwischen Körper und Körper, die für den Austausch geschaffen, ständige Grenzen. Und nun, mit Corona, der Mundschutz. Nicht einmal Lächeln mehr möglich.
Es muß erlaubt sein, dies in einer überblickenden Spekulation zu bedenken — zu interpretieren, heißt das; oder ihm, in meinem Metier, eine Geschichte zu erzählen, die nun, auf beklemmende Weise, ganz mit dem zusammengeht, was ich spätestens in den Neunzigern zu erzählen angefangen habe. Sie erzählt sich, diese Geschichte, furchtbar bruchlos weiter, ging über mich und meine poetische Entwicklung bedingungslos hinweg.
Das ist der Grund der Beklemmung, die ich bereits gestern empfand; aber noch schleichend nur stieg sie auf und war heute morgen beim Erwachen unabweisbar da. Indem ich die Augen aufschlug. Und den Titel änderte, kaum daß ich am Schreibtisch saß, dieses heutigen Arbeitsjournals.
Ich verstehe die Notwendigkeit, bin faktisch Drostens Meinung, daß, fortan einen Mundschutz zu tragen, auch ein Zeichen der Rücksichtnahme aufeinander ist, der Sorge füreinander, ob wir nun Symptome haben oder nicht. Aber gerade, daß ich’s verstehe, ja verstehen muß, ist ein Indiz der Unabwendbarkeit dessen, was ich abwenden unbedingt will. Die Entfernung von unsren Körpern, unsre physische Entfremdung, setzt sich fort. So gesehen, steht Corona — wie AIDS schon zuvor — Seite an Seite mit der Gender-Doktrin und diese neben der Gentechnologie zur schließlichen, einer in erster Linie “moralischen”, Replikantisierung des Menschen. Wir streben danach (werden danach gestrebt), ganz “sauber”, in Ungefuggers Worten: “rein”, und also technisch zu werden, so, wie umgekehrt die tatsächlich technischen (künstlichen) Geschöpfe der ANDERSWELT Mensch werden möchten. Deidameia, in BUENOS AIRES der Rebellinnen Anführerin, drückt es so aus:

Wir sind für Willkür, Hans Deters. Wir wollen Ekstase, nicht Ordnung. Dafür kämpfen wir, ja, auch mit Gewalt. Und meine Holomorphen… wenn sie sich wirklich autonomisieren wollen, müssen die Leidenschaft lernen. Das geht ihnen ausgesprochen gegen die Ontologie. Wer nur aus 1 und 0 besteht… (…) Nun aber vertreten wir das Menschenrecht auf Unmoral und bringen den Programmen das Tanzen bei.
Buenos Aires . Anderswelt, S. 223

Ja, es ist sinnvoll und nötig, den Mundschutz zu tragen, ist ein Zeichen der Rücksichtnahme, sogar der Solidarität, aber zugleich Symbol akzeptierter Entfremdung.

Aus einer weniger, ich schreibe mal, “geschichtsphantastischen” Perspektive hat vor vier Tagen Phyllis Kiehl sehr persönlich und mit deutlich leichterer Hand als ich beschrieben, was soeben geschieht. Fast tänzerisch → nennt sie uns Aerosolisten:

 

***

 

Da mag nun auch ich etwas tanzen.

Bekanntlich hat das Berliner Land eine Soforthilfe II auch für Künstler ins Leben gerufen. Tatsächlich platzen uns allen die Aufträge weg. Lesungen können nicht mehr durchgeführt werden, wenn wir nüchtern gucken: auf ziemlich unabsehbare Zeit. Aber auch neue zu akquirieren, ist über die sowieso schon klammen Chancen hinaus fast unmöglich geworden, einfach, weil Veranstalter keine Verpflichtungen ins Ungewisse hinein auf sich nehmen wollen. Das ist verständlich, und immer mehr verschiebt sich ins Netz, in dem wir alle aber kaum je verdienen. Auch meine ständige Arbeit, für Die Dschungel, bringt nichts ein — oder nur selten, wenn etwa eine Leserin oder ein Leser mal einen Hunderter in einen Briefumschlag tut. Kommt vor, aber ist höchst rar. Nein, keine Bitte, schon gar keine Klage. Es geht mir um Dichtung und darum, das, woran ich aus der “alten” Buchkultur glaube, in die Neue Zeit, die angebrochen ist, hinüberzuführen, vielleicht drin zu retten, nun jà, wenigstens ein bißchen was davon.
Ich empfinde es als poetische Verpflichtung. Die Teile müssen, wie in einer Collage Ror Wolfs, an den Nähten geradezu unsichtbar ins Gewebe eingefügt werden. Daran arbeite ich, seit es Die Dschungel gibt. Doch es hat mich, wie Sie, Freundin, wissen, immer wieder in ökonomische Engen gedrückt, zuletzt im vergangenen Dezember. Wovon ich grad lebe, ist weniger als wenig. Es läuft auch nur noch bis Mai. Da sollte wieder die erste große Veranstaltung sein, die etwas einbringt, und weitere würden folgen. Dessen konnt’ ich schon sicher sein. Doch dann kam Corona.
Derzeit ist quasi alles, was geplant und schon abgemacht war, in Frage gestellt. So lag es nicht nur nahe, sondern war ein Gebot der Notwendigkeit, daß auch ich diese Soforthilfe beantragen würde.
Man konnte es tun seit vorigem Freitag, mittags um zwölf.
Ich probierte es erstmals da um halb eins. Es war auf die Site kein Hineinkommen. Ich probierte es unentwegt bis 15 Uhr. Dann erwischte ich eine, sagen wir, Lücke — und war drin. Aber: Vor mir hatten schon 117.361 Leute den Antrag gestellt, ich meinerseits bekam die Nr. 124.611 und möge nun bitte auf eine Email warten, die mir bescheiden würde, jetzt sei die Bahn für mich offen — für den Antrag, wohlgemerkt. Ich möge bitte, wenn diese Email eingehe (und ich solle drauf achten, daß sie im Spamordner landen könne), möglichst sofort den entsprechenden Link anklicken, um dann das nötige Verfahren zu durchlaufen. Meine Wartezeit betrage mehrere Stunden.
Ich habe Ihnen, Sie wissen’s, dazu → schon dort geschrieben.
Auf einem meiner Bildschirme blieb nun das Postfach immer geöffnet, und dauernd, dauernd starrte ich hin. Sehr spät abends, fast halb zehn, kam die Nachricht. Und ich brach alles andere ab, ging auf die Site.
Sie öffnete sich auch, und ich begann. Schwierig war nur schon, daß ich ankreuzen sollte, nicht bereits vor dem, ich glaube, 17. 3. in Liquiditätsschwierigkeiten gewesen zu sein. War ich aber. Nur daß es ja jetzt um was anderes ging, nämlich daß mir ab dem Mai alles zusammengebrochen. Wenn ich bis dann aber wartete, wären die von Land und Staat zur Verfügung gestellten Gelder längst aufgebraucht. — Was also tun?
Doch es gab noch ein anderes Problem. Ich hatte mich als Alban Nikolai Herbst angemeldet, wie ich es immer tu, unter welchem Namen auch mein Bankkonto läuft und eigentlich alles sonstige auch — die Steuerbescheide und die Nachrichten der KSK gehen immer an beide Namen —, jetzt aber sollte ich die Nr. meines Personalausweises eingeben, in den der Künstlername zwar eingetragen ist, aber weiß ich denn, ob das dann auch bei den Bearbeitern auftaucht? Nein, wußte ich nicht. Und entschied mich, den angegebenen Namen in den Ribbentrop zu ändern und ANH in das Feld für die Firmenbezeichnung einzusetzen … war eine Lösung, ja, und auch passend, weil “Firma” schlichtweg “Name” heißt und “firmare” “unterschreiben”. Also auf ZURÜCK geklickt.
Und damit warf das Programm mich raus.
Komplett raus.
Es war auch kein Hineinkommen mehr. Statt dessen erhielt ich die Nachricht, ich sei ans Ende der Schlange zurückgeschickt worden und hätte nunmehr die Nummer 295.208. Ich möge auf die entsprechende Email warten und mich dann unverzüglich einloggen.
Ich nahm es, wenngleich verärgert, wie es war: komisch. Komisch verärgert.
Noch.
Denn zwar nutzte ich am nächsten Morgen das Kontaktformular der IBB, um den Vorfall zu schildern und vielleicht dann doch wieder vorgerückt zu werden. Aber obwohl ich zweimal alles ausfüllte und dann wegzusenden versuchte, wurde ich jeweils beschieden “Page not found”. Ich versuchte es abermals, diesmal beim für meinen Kiez zuständigen Sachbearbeiter. Doch auch da:

Gut es war Wochenende, mir taten die Mitarbeiter auch leid. Der Server sei unter dem Ansturm dort mehrmals zusammengebrochen, las ich am Sonntag.
Nun versuchte ich es gestern telefonisch, die Nummern waren angegeben, sind es noch. Nach dem Wählen einer jeden kommt das Freizeichen. Und kommt und kommt und kommt. Nicht mal ein Callcenter scheint es zu geben. Dabei hätte ich die Angelegenheit mit der Liquidität gerne ebenso geklärt wie mit meinen beiden Namen.
Keine Chance.
Dann, abermals fast nachts, die Email, ich sei nun fast dran.
Sofort hin!
Das Männchen noch ganz am Anfang der Strecke. Ich müsse mit “mehr als einer Stunde” rechnen.
Es wurden über achtzehn Stunden. Das Männlein bewegte sich Schrittchen für Schrittchen, ich starrte es immer und immer neu an. Schließlich gab es das folgende Bild, da facetime ich grad mit Frau Kiehl:

“In zwanzig Minuten bin ich dran!” rief ich aus. Und so war es schließlich auch. Wirklich. Das Verfahren lief sogar weitaus schneller als beim ersten Mal. Plötzlich gab es auch nicht mehr die Frage nach der vorherigen Liquidität. Seltsam. Auffallen tat’s mir aber erst, nachdem ich alles schon ausgefüllt und weggeschickt hatte. Wobei der letztanzuklickende Button WEGSENDEN UND DRUCKEN hieß. Das zweite geschah nicht, ärgerlicherweise, so daß ich keine Kontrolle habe, und ob erstres, kann ich jetzt nur glauben:

Unterdessen habe ich gelesen, es habe unter den Tausenden Anträgen bereits einige Betrugsversuche gegeben. Was mich zusätzlich unruhig macht. Falle ich selbst vielleicht darunter? Denn ich kann nicht, ohne die Sicherheit, diesen Zuschuß auch zu bekommen, dem Jobcenter adé sagen — was ich doch gar zu gern täte. Deshalb werde ich es folgendermaßen halten. Sollte das Geld der Soforthilfe eingehen, dann aber schon auch das Jobcentergeld, werde ich dieses umgehend zurücküberweisen und mitteilen, auf die laufende Hilfe derzeit nicht mehr angewiesen zu sein, und auch den Grund dafür nennen. 5000 Euro reichen mir für ungefähr vier, vielleicht auch fünf Monate, finanziell lebe ich durchaus genügsam. Danach werde ich weitersehen; mit ein bißchen Zuversicht werden ab September zumindest die Seminare wieder stattfinden können; dann steht auch die erste Hochzeit an, für die ich wieder einen Redeauftrag habe. Ob allerdings in Italien ..? Außerdem hat mir der Deutschlandfunk die Wiederholung eines meiner Hörstücke in vorsicht’ge Aussicht gestellt.

Dieses, Freundin, jedenfalls wollte ich Ihnen aus meiner, sagen wir, GradTagesPraxis erzählen und habe es nunmehr getan.

Ihr ANH
10.51 Uhr

P.S.:
Ich höre derzeit fast keine Musik, lausche nur immer, sowie sie drauß’ singen, den Vögeln.

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