Ukraine-Dialoge IX: “Erst schießen, d a n n denken”. Kaleb Utecht | ANH (2): Chat in Signal.

 

Montag, den 14. März 2022, 13.52 Uhr

Utecht
Merke, Du bist sehr aktiv auf Deiner www-Präsenz. Ich kann das wegen erheblicher Ablenkungen (euphemistisch formuliert) leider nur überfliegen, mir fehlt auch faktisch die Zeit für substanzielle Kommentare in ordentlicher Qualität. Schreibe Dir das, um Dich wissen zu lassen, daß trotz “Abwesenheit” mein Interesse ungebrochen ist. Wünsche mir im übrigen deutsche Politiker, die mutig vor die Mikrophone treten und “ihrem Volk” klar machen, daß es Zeit ist, Farbe zu bekennen und mithin in der Folge der wirtschaftlichen Konsequenzen den Gürtel tapfer eng zu stellen. Es wird immer noch zuviel überlegt statt gehandelt. Das kostet zu viel Zeit gegen einen Gegner wie Herrn Putin und Co. Und das erinnert mich sehr an ein Interview, das Michael Ryan (ein WHO-Direktor und unser Ebola-Besieger) schon im März 2020(!) gab, als die Pandemie noch kleingeredet wurde und er schon wußte, wie sich sich der Gegner “Virus” verhalten wird. Man tausche seinen Pandemie-Content gegen den derzeitigen Imperialismus-Content aus — und hat sofort die einzig hilfreiche politische Handlungsanweisung für “den Westen”… Ich finde dieses kurze, aber bemerkenswerte Video und sende es Dir. Vorerst abschließend hier in der Folge zunächst eine Karikatur, die meine derzeitige Haltung ganz gut widerspiegelt:

[Zeichnung ©: → Patrick Chapatte,
DER SPIEGEL]

Hier ist der → Link zum Video, eindreiviertel Minuten eindrucksvolle Klarheit. Die ersten einführenden 15 sechs kannst Du überspringen… (…15 Sekunden! scheiß Autokorrektur):

 

ANH
Danke, gesehen und gehört. “Erst schießen, dann fragen”, sagt bei Godard schon → Lemmy Caution (Eddie Constantine). Nur ging es da nicht um einen möglichen Atomkrieg. Ich werde mich also nicht, ganz wie ich’s schrieb, für ein Überflugverbot aussprechen, sondern im Gegenteil hart d a g e g e n kämpfen. Es geht hierbei vor allem darum, meine Kinder zu schützen. Vielleicht muß man, um das zu verstehen, Kinder auch haben, also eigene. In einem konventionellen Krieg würde ich für sie auch, und zwar sofort, kapitulieren und mich unterwerfen. → Auch das schrieb ich sowie, daß dann für mich der Kampf im Untergrund weiterginge. Aber sich auf das Risiko eines atomaren Krieges einzulassen, wäre ein ebensolches Völkerverbrechen, nämlich möglicher und sogar wahrscheinlicher, und zwar bewußter, Völkermord, wie es jetzt Putins Invasion ist – und in noch größerem Ausmaß. Ich glaube auch nicht, daß Ryan sich in dieser Situation, angesichts solcher Bedrohung, auch nur ungefähr ähnlich eingelassen hätte. Und außerdem, wenn wir aufgeben, nach dem Richtigen zu fragen, also die ethischen Fragen, auf denen unsere Gesellschaft beruht, “hintanstellen”, sind die Menschenrechte von uns selber gebrochen worden. Wir wären dann keinen Deut besser, als Putin ist und Mussoloni war, den Wladislaw Inosemzew → in jenem wiedererkennt.

Utecht
Bezüglich Flugverbotszone und ähnlich Eskalierendem in Richtung Atomwaffeneinsatz sind wir uns doch einig, ich bin zwar etwas “militanter” sozialisiert als Du, aber doch nicht blöder. (lächelt) Ich leide lediglich unter der Erkenntnis, daß unsere schärfsten ökonomischen Mittel nicht eingesetzt werden, weil man die Reflexkonsequenzen dem Deutschen Michel nicht zumuten will. Auf diese Weise werden wir Demokratie, Menschenrechte und individuelle Selbstbestimmung nicht erfolgreich verteidigen können — nicht gegen einen Gegner, der auf diese Werte scheißt. Und im Übrigen: Herr Putin hat Ryans Strategie verstanden; er hält sich konsequent daran — allerdings ist für ihn die Demokratie das Virus… Uns läuft die Zeit davon. Ich finde dies einen zumindest bedenkenswerten Ansatz und möchte ihn nicht dadurch disqualifiziert sehen, weil ich nicht für leibliche, sondern “nur”(?) für wahlverwandte Kinder bereits wie ein Löwe gekämpft habe. Dieser implizite Vorwurf hat mich verletzt.

ANH
Verzeihung, das wollte ich nicht. Ich habe einfach nur ständig die Atomdrohung im Bewußtein. Hingegen daß wir ruhig mal einen Winter “frieren für den Krieg” können, sehe ich wie Du. Habe damit auch Erfahrung, nämlich einmal drei Jahre hintereinander im Winter nicht geheizt, einfach, um zu erfahren, ob und wie ich das hinbekomme, und dann noch einmal, um meine Erfahrungen zu firmen. In Der Dschungel lassen sich diese Winter nachlesen (→ etwa 2009). In Japan ist dieser ungeheizte Zustand bei Minusgraden teils sogar noch Usus. Etwa besuchte ich in Kyoto den in einem → Tatamihaus[1]Die ebenfalls aus Reisstrohmatten bestehenden Wände bieten quasi keine Isolation gegen die Außentemperaturen. lebenden Freund eines Freundes, der es wie viele der Japaner hielt. Man trifft sich im Waschhaus und heizt dort, wie es heißt, die Organe auf, also legt sich für einige Zeit in ausgesprochen heißes Wasser. Danach trocknet man sich nicht, sondern tupft sich nur leicht ab und zieht sich dann an. Der jetzt zwischen Haut und Kleidung stehende Dampf isoliert die Körperwärme. Es funktioniert faszinierend, hält gute zehn Stunden an. Dann muß man halt abermals in heißes Wasser. (Ein Dusche tut es wahrscheinlich genauso).

” … weil man die Reflexkonsequenzen dem Deutschen Michel nicht zumuten will” finde ich im übrigen eine arrogante Diskriminierung, wenn ich dagegen Habecks Bedenken und also → seine Gründe halte, gegen eine komplette Einfuhrsperre aus Rußland zu sein.

References

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1 Die ebenfalls aus Reisstrohmatten bestehenden Wände bieten quasi keine Isolation gegen die Außentemperaturen.
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