Schmelings Oase: Aus der Nefud, Phase I (3). Geschrieben vom sechsten bis siebten Morgen, nämlich des Krebstagebuches sieben- und achtundzwanzigster Tag.

Wer hätte dieses je geglaubt? In einer Wüste Mittendrin! Wo sonst nur Sand und Sand und wenig Sukkulenten … da … da … — Lilifee-Kastanien! Wie ausgemalt von meiner Lili, da sie noch keine fünf gewesen – also die in ihr lebende Sídhe oder Sirene, ich bin noch uneinig mit mir.  Nur ist → ihr Körper jetzt nach wie vor noch keine fünf. Sonst wär ich doch schon hopp …

Aber dieses, dieses das Tor. Anders, erklärte Faisal, als sich hier durchzubeugen, komme niemals jemand herein. Daß die unfaßbare Oase allerdings nach einem deutschen Schwergewichtsboxer benannt worden sei, habe gewiß nicht Allahs Zustimmung gefunden, doch leider, vor 1917, des Osmanischen Reiches; was umso bezeichnender sei,  als der spätere Weltmeister da noch keine zehn Jahre alt gewesen sei.  Woher wußten die Türken also um seine erst folgende Bekanntheit? – Faisal murmelte etwas von einem “alten Berge”, gab aber sonst keine Antwort. Es war angesichts solcher Schönheit auch völlig egal.

Aber eins nach dem anderen.

[Montag, 25. Mai 2020, 9.29 Uhr: Zwischenhalt (für den Mokka und zur Orientierung);
Aufbruch morgens: 6.36 Uhr]

[Aus fernster Ferne: Henze, Streichquartett Nr. 4 (1976)
Kamelröhren. Auf die Smartphones schauen: Kompasse und Uhren vergleichen]

[70,5 kg – also vier der zuletzt verlorenen Funde wieder drauf. Beruhigend. Dafür wirkte das THC-Öl nur noch bedingt. Es riecht seit vorgestern abends auch seltsam – wie Japanisches Heilkräuteröl, nicht die Spur mehr nach Marihuana. So bereits um halb drei Uhr nachts aufgewacht und dann eben doch, weil die heutige Tagespassage anstrengend zu werden sei es verspricht, sie es droht, eine halbe Zolpidem geschluckt, die bis halb sieben.mich weiterschlafen. Doch wie auch immer, erneut komplett beschwerdenlose. aufgewacht. Nicht die geringste “Nebenwirkung” der Nefud mehr.
Dennoch, mit dem Öl stimmt etwas nicht. Wie hat es Cagliostro hinbekommen, daß es so schnell die Aura wechselt? Oder liegt es an mir, an einer Veränderung des Geschmackssinns? Da ich Faisal dazu nicht konsultieren darf, der, wie mir Lars ibn Gamael, sein vertrauter Diener, steckte, auf im weitesten Sinn “Drogen” nicht gut zu sprechen sei, muß ich auf die nächste Möglichkeit, eine Lappenschleuse zu erwischen, warten, um es direkt mit लक्ष्मी abzuklären.]

[Ah, erneuter Aufbruch!]

Darüber konferierte ich gestern lange mit meiner Contessa: Wie sich mein Schönheitssinn geschärft, etwa, wenn ich spazierengehe. Selbst hier, in der Wüste, erkenne ich die Schönheiten der Straßen, Häuser, Parks Berlins — hier sogar besonders. So ist es mir selbst auffällig, mit welcher Freude ich derzeit flaniere (habe mir überdies einen hübschen Gehstock gestern ersteigert; in der Nefud zwar nicht sehr sinnvoll, doch in den Folgen meiner Heimkehr um so mehr). Und ich spaziere umso lieber herum, als mich die Nebenwirkungen fast gar nicht anrühren, die nach allem, was ich vor meiner Nefudreise gehört und mit betrachtet habe, viel eher Kollateralschäden zu nennen wären, und zwar massive: Den Hauptterroristen weggebombt, fünfundzwanzig Leute aber mit ihm, die halt zum falschen Zeitpunkt da gewesen: Kinder sowieso, auch ein paar Alte, die eh bald weggewesen wären, doch leider auch noch junge Pärchen, um von Mägden und Knappen zu schweigen, die sich als künftge Konsumenten recht gut geeignet hätten. Blöddas, doch cioè la guerra.
Daß wir vom Tod Befallenen Schönheit ganz besonders wahrzunehmen verstünden, erklärte mir die Contessa, sei aber doch bekannt. Es ließe sich fast  als ein Symptom der Krebsdiagnose-selbst verstehen – etwas, das wiederum mir völlig neu war. Ich hatte es lediglich bei meinen Gängen bemerkt, und jetzt, ich meine: gestern nachmittag, bekam es märchenhaften Glanz.
“Es ist ein Geheimnis”, erzählte Faisal leise, sein schöngeschnitztes Männergesicht regungslos wie üblich: ein dunkelsamtig lasiertes Holz, aus dem der gepflegte Prophetenbart nicht sprießt, nein, eher, ich sage einmal, stehend fließt.  “Es ist ein Geheimnis, wie ineinander die Welten – sämtliche – gehören. Geht es Ihnen gut? Fein. Dann lassen Sie uns absteigen und zu Fuß weitergehen.” Sich umwendend: “Gamael!”
Schon folgte auch der Diener, indes ich ja noch die heikle zweite der Sitzungen vor mir hatte, von denen ich → gestern Ligeia geschrieben. Und die eben hier, in dieser Oase, stattfinden sollte, bzw. tatsächlich mußte. Es war dafür einfach genügend Wasser vonnöten.

Aber schauen Sie, wir klettern über diese Düne, kommen oben an, ich nehm noch eine Hand voll Sand, den ich durch meine Finger rieseln lasse (meine Art, die Erde zu küssen), richte mich wieder auf …

— und sehe, was ich, geliebte Freundin, Ihnen schon zu Anfang dieses Journales gezeigt:

Und dahinter, in voller Weite, das:

 

 

 

 

 

 

 

Man muß mit solchen Wechseln umgehen, muß sie durchschreiten können, um wirklich in dieser unsrer Welt zu sein. Da wird das Wort “Fremdheit” dann plötzlich zu dürr, zerfasert auch schon in der Brise, die an diesem Sonntagnachmittag durch die Max-Nefuder Schmeling-Oase blies, durch unseren Sonntag, Dr. Faisal Jostings, seines Dieners Lars Gamaels sowie dem meinen (der ich dennoch dauernd nach einem angemessenen Häuschen schaute); außerdem brauchten wir neue Gummihandschuhe, im Zweifel besser auf Vorrat. Es würd sich doch wohl hier ein gutsortiertes Späti finden. Andererseits durften wir uns in der Zeit nicht verlieren, denn zu dem von Faisal so genannten “Geheimnis” gehört auch, daß sich Oasen (und überhaupt Orte wie diese) unversehens wieder verschließen können: Sie schlüpfen in die Zeitfalte zurück, aus er unser Sesamöffnedich sie gelockt hat, und stecken wir selbst dann noch drin, finden wir nicht mehr heraus, sondern werden von den nächstem gefunden, aber längst gestorben dann, die die Öffnungsformel wissen. Insofern war wegen meiner Erledigung denn doch ein wenig Eile geboten. Dennoch, es blieb sogar – alles in der Nefud, vergessen Sie dies nicht! – Zeit für ein, ich schreibe mal, italienisch-deutsch-syrisches Speiseeis in der Waffel. Corona, jedenfalls, hier, war nicht einmal zu ahnen.
Es ist ein großes Privileg Berlins, ja zeichnet sie aus, diese Stadt, daß sie keine modischen Vorurteile kennt; man darf hier morgens auch in Bademantel und Puschen zu seinem Bäcker schlurfen, ohne daß irgendjemand stehen bleibt und gafft. Also fiel auch Faisal nicht auf, während meine hautkutüre Exzentrik ohnedies in das Stadtbild gehört — und ich gebe gerne zu, es jetzt, in meiner neuen, an sich ja beklemmten Situation höchst bewußt wieder auszukultivieren, wie ich’s einst, in meiner Frankfurtmainer Zeit, schon getan habe, dessen in Berlin aber müde geworden war, weil der Stil des persönlichen Aufzugs hierzustadt keine und keinen int’ressiert, jedenfalls nicht wirklich. Das ist befreiend, macht aber die Inszenierung der Kleidung politisch ziemlich sinnlos; statt dessen wird sie zu einem beliebigen Spiel, das nur noch Zugehörigkeiten aufzeigt und aufzeigen will. — Nun allerdings, mit meiner Diagnose: nämlich angesichts der ungeheuren Li, füllt sich die Inszenierung mit Sinn wieder an, läßt sie sich anfüllen, und ich spüre es bei jedem Spaziergang. “Das ist mal ein eleganter Mann!” riefen drei Osmanen aus, die vor dem Aufgang zum Birkenwäldchen taten, was Allah so nicht sehen sollte. (Und Faisal übersah es, arrogantfeudal; na sowieso, “die” Türken … ) – “Oh”, entfuhr es drei Mädchen, die  mir oben entgegenkamen (und die nun ihrerseits Faisal nicht sahen, aber Gamael wahrscheinlich ebenso wenig). “Das ist mal ein Style!”
So geht’s momentan quasi ständig. Ich muß nur runter vom Kamel (was für die Arbeitswohnung fort vom Schreibtisch und hinaus! heißt), drunten durch den ersten Hinterhofsausgang, die schwere Tür, die aber nicht mehr so wie zu → THETISanfang quietscht, aufstemmen und erhobnen Kopfes auf die Straße treten, um weiten Schrittes und rechts geworfnen Gehstocks auszuschreiten. – Der, den ich gestern orderte, wird so aussehen:
Sie müssen das, bitte, Freundin, verstehen; es ist ein Ausgleich, ein neues Gewicht, auf die leere Balance meiner Zukunft zu legen, dem Sitz auf meiner Seite der Wippe unsres Lebens zu, das nun Verzicht zu leisten hat, wo’s das nicht will … — noch etwas, das ich Ligeia → einfach so stehen ließ, ohne dagegen noch aufzubegehren (es wäre nämlich arg zu sinnlos): Die Nefud, gar kein Zweifel, schädigt die Keimdrüsen. Die Notwendigkeit ihrer Durchquerung ist deshalb wahrscheinlich eine rein logische, also ausgesprochen kalte Folge der Entwicklungen vorher, als ich ohnedies von meiner Hoffnung Abschied nehmen mußte, noch einmal Vater werden zu dürfen — Sie wissen, Freundin, wie sehr mir das zugesetzt hat. Jetzt, das es mir immer noch zusetzt, macht die Nefud schlichtweg Nägel mit Köpfen, indem sie die Nägel einfach aus mir rauszieht.
Auch dieser Punkt geht deshalb an Ligeia. Mir dagegen beschwichtigend zuzusprechen, nun wohl, so mußt du niemals mehr Präservative benutzen, wären der Füchse unter den Trauben denn doch ein paar zu viel. Der Schmerz drob, in Wahrheit, wird mir bleiben – doch als ein unumkehrbarer, irreversibler. Weiterhin gegen ihn anzuzürnen, wäre wie der Wutausbruch über eine Sturmflut oder eine Strafanzeige, die ein Erdbeben anklagt und Schmerzensgeld da herausschlagen will. Statt dessen, wenn es kalt ist, dann zieht man sich was an. Ich geh mit Gehstock wieder. Und Ligeia schafft Endgültigkeiten, wo ich noch Jahre hätte hoffnungslos gehofft. Es ist auch Recht an ihr. Ich werd das nicht verleugnen.

(Wieso aber fällt mir das alte Wort “Hagestolz” jetzt ein? → Kluge, spannend: (< *9.Jh., Form 13.Jh.) […] Die mittelhochdeutsche/neuhochdeutsche Form ist sekundär an stolz angeglichen. Die deutsche Bedeutung ist im Prinzip “unverheirateter Mann, Junggeselle”, die nordische und englische eher “junger Krieger”. Die Bestandteile sind offenbar Hag und die Entsprechung zu gt. staldan, ‘besitzen’ – alles weitere ist unklar und spekulativ.) Wiederum “stolz”, sehr hübsch: (< 12.Jh.) Mhd. stolz. mndd. stolt, auch afr. stult, Herkunft unklar – vielleicht zu Stelze im Sinn von ‘hochtrabend’. Auch eine Entlehnung aus l. stultus, ‘töricht’, ist denkbar setzt aber einen ungewöhnlichen Bedeutungswandel voraus. Abstraktum: Stolz. Verb — und darum geht es hier ja grade — : stolzieren.)

Die Kastanienbäume waren berückend, berührend, becircend, ach meine Freundin (ach auch Ligeia, erregendste Feindin meines, und zwar in ihm, Bluts). Dagegen war der Flieder dieses Jahr nur jung, weil im zweiten Hinterhof aus mit schleierhaften Gründen furchtbar zurückgekappt, -geschnitten. Dabei sind es mal, aus Flieder, Niagarafälle gewesen – da schrieb ich damals dieses Gedicht (heut steht’s im UNGEHEUER MUSE):

Sommermorgens westwärts
Berliner Hinterhof 2008

„die Augen sind nestwärts gewandt“
Strittmatter

Die Tauben gurren auf dem Hof
Der Flieder blüht in schweren Dolden
zwischen den engen hohen Häusern,
die nach altem Deutschland riechen

Noch steht die Bank in der siechen Farbe
kariöser Zähne dicker Mütter,
deren Männer aus dem Mund
nach ihrer Wäsche Grobripp müffeln
und Beuteln für die Butterstullen
zum billigen Bier bei der Sause

Wo in der Mittagspause Kumpels
am Sonntag ihre Hoffnung grillten,
lackieren heute junge Frauen
plaudernd ihre schicken Zehen
im Graskraut auf den Stühlen
bei Latte macchiato und Aperol Spritz

Nur Morgens krakeelen noch Elstern
die mit den wehen Schnäbeln
gleich Säbeln den Nachlaß durchwühlen
dann krächzend westwärts flattern

___

Zweitausendacht, meine Güte! Aber bei den Kastanien muß ich an den Fehler in BUENOS AIRES.ANDERSWELT denken, den mir Bruno Preisendörfer zurecht sehr dick aufs Brot seines Feuilletons strich. Er mochte das Buch, anders als den WOLPERTINGER, insgesamt nicht; wahrscheinlich den ganzen Entwurf → dieser “Anders”welt nicht, war damals aber selbst im Aufbruch, von einem der besten der einmal werdenden Literaturkritiker zu einem, nun jà, Schriftsteller-selbst zu werden … also er warf mir zurecht vor, daß mitnichten noch im Juni Kerzen auf den Kastanienzweigen stehen, wobei andererseits im Buch direkt eingewendet wird, es sei doch erst Mai, ein Monat mithin, an dem diese Kerzen keine Fehler wären, davon ganz abgesehen, daß in der dritten Zeitebene des Romans soeben der furchtbare November anhebt. Deshalb komm ich grad drauf, weil auch hier die Zeiten divergieren, in allen Zauberoasen wie in allen Hügelstätten. Mal geht’s ineins, mal nicht..

Doch wie auch immer, Mai. Jetzt, noch. Im Zaubergarten der Nefud. Und aber Kerzen auf den Zweigen, deren Blüten freilich bereits ockern eingewelkt; schon schneien sie als Flockenflut zu einer grauen, braunen Flur herab, aus der sich der Kastanienbaum erhebt wie aus gefallnen tausend Bienen, die heute schon der Herbst ge-,nicht “poppt”,sondern –popt. Und dann wieder dreh ich mich um, hinter mir die Wüste:

… dreh mich zurück … — und sehe dieses nun:

Wer denn wohl, selbst wenn er “gehen” müßte, tät es hier denn gerne nicht? Und wenn Faisal recht hat, daß sich die Zeitrelationen nur für den Momentraum der gegenseitigen Öffnung synchronisieren, um, sowie die Dimensionen wieder impermeable werden, umso heftiger zu differieren, ja auseinanderzuexplodieren (wie im übrigen mein Darm, wenn ich nicht gleich was tu, sehr schnell, dagegen) … — wenn Faisal also recht hat, wer sagt uns denn, daß wir nicht, stecken wir in der Oase quasi fest, für Ewigkeiten leben, wenn sie sich schließt, und öffnet sich der Zaubergarten eines Tage wieder und man findet allein noch unre Skelette, dann mögen die indessen schon vor Jahrhunderten dahingegangen sein. Aber … oh, da … “Schaun Sie”, ganz ohne Ausrufezeichen Faisal.
Eine Hütte, und draußen war ein Schlauch geringelt und niemand in der Nähe.
Ich nickte meinem Leibarzt zu, der sich dezent zurückzog; dezent, auf den spitzen Schnäbeln seiner roten Schnabelschuhe, huschte der Diener hinterdrein. Damit mit diesem Thema endlich Schluß.

*

Es wurde Zeit, den Rückweg anzutreten. Gummihandschuhe mußten noch besorgt werden, sicherheitshalber. Was aber in der Oase kaum ging, doch außen, es gab einen durch einen hohen Zaum markierten Zweitausgang, da wohl … Ich konnte auch geachtelte Industriebautchen erkennen und las mit einem Mal den Schriftzug

, was mich auf → meine Sashimi-Idee brachte, von der ich Ihnen Freundin, → schon gestern abend geschrieben und nun die dort versprochene Erklärung nachgeliefert habe. Dann tatsächlich ergatterte ich noch Filets von Lachs und Victoriabarsch, die wir selbstverständlich ziemlich sorgsam kühlen mußten; wir erstanden also, bevor es in die Nefud zurückging, nicht nur auch die Gummihandschuhe noch, sondern zudem eine besondere Hightechtüte für Gefriergut, die ihrem Dienst auch wirklich nachkam.
“Wie gehn wir? Außen herum?” Doch woher sollten wir die wirkliche — wahre — Ausdehnung dieses Zaubergartens kennen? Wir hätten uns möglicherweise werweißwohin verirrt. Drei Bücher habe ich über sowas geschrieben! Und mußte deshalb warnen.
Was gar nicht nötig war; Faisal von sich aus schlug vor, genau den Weg zurückzunehmen, den wir gekommen waren. Und so taten wir’s denn auch, ließen die Kastanienpforte hinter uns — sie schloß sich mit leisem Rauschen wie ein Riesenlid —, noch stand die Sonne ziemlich hoch und bei den drei Kamelen (Faisals, ibn Gamaels und meinem) der den Parkplatz besorgende Sandlungerer, dem wir sie anvertraut hatten. Dreimal schnalzte er um Bakschisch, mehr, mehr, mehr, gib mehr. Erst nach wir ihm gewährt, wes’ er verlangte, führte er unsere Tiere herbei. Und aber, als ich mich auf meines, das sich – ohne sich aber ganz zu legen – in die Vorderbeine tief hinabgebeugt hatte, hinaufschwingen wollte und es schon tat, und schon kam auch das Tier vorn wieder hoch, da ging mit einem Mal ein Reißen durch mein Becken, daß ich momentlang keine Luft bekam. Genau im Kreuz, genau die Beckenmitte. — Was ist denn das?
“Sie sind es nicht gewöhnt, auf dem Kamel zu reiten”, erklärte Faisal. “Es war ein bißchen viel.” Womit er freilich recht hatte, auch wenn ich zumindest für Berlin weiß, daß solche Rückenschmerzen auch eine “Neben”wirkung meines Chemostoffes Oxaliplatins sind, also mit Lawrence of Arabia weniger zu haben, als mir recht sein kann. Doch als ich dies einwandte, sehr viel später, bereits am Feuer vor unseren Zelten, zuckte Faisal nicht mal mit den Schultern. “Wo ist denn da der Unterschied?” fragte er lediglich.
Er hat auch völlig recht. So daß nur eines noch für diesen Tag zu klären war; ich mußte dringend लक्ष्मी erreichen, weil Faisal ja nichts wissen darf, also vom THC. Weil, wie eine Freundin, deren Brief mich als Email erreichte, schrieb, Medizinerin sie selbst, wir beide wüßten, “dass es sich hier im Wesentlichen um pharmazeutisch-finanzindustrielle Komplexitäten handelt, wenn sich das Eine gegen das Andere durchsetzt”, was die schulmedizinisch-pharmakologische Therapeutik gegenüber allem meint, was nicht fest genug in der Hand der Wirtschaftsführer (und -führerinnen!) liegt. Gerade die teuren Chemotherapien stehen hier im absoluten Focus. Darüber indes ist mit Faisal nicht zu sprechen. Doch gestern abend kam keine Satellitenverbindung mehr zustande, so daß ich eigenentschlossen meine Dosierung von dem einen auf drei Tropfen erhöhte und  ________________]

[26. Mai, 8.34 Uhr
Stenhammar, Sechstes Streichquartett d-moll]

[________________ tatsächlich bis 5.56 Uhr problemlos durchschlief. Auch beim Erwachen, außer leider noch immer dem Rückenschmerz, einem hellen, pochenden, keine Beschwernisse, und ich hoffe, dieses neue verläßt mich bald wieder. Sonst werde ich, zumindest für meine Spaziergänge, doch wieder Novamin nehmen müssen. Was ich gern vermiede. Doch werden’s die beiden heute und morgen vor uns liegenden, besonders langen Reittouren mir möglicherweise abpressen, bevor wir die Ralaisstation dieser Nefudphase erreichen, wo Faisal alle Gerät hat, um seine ersten Kontrollen an mir durchzuführen und danach, vierfünf Tage später, in der Nefud zweiten Höllenkreis mich einreiten zu lassen.
Prima wiederum; ein weitres neues Kilo drauf, 71,5 heut früh. Der unentwegten Abmagerei scheine ich also erfolgreiches Pari geboten zu haben.

 

 

 

 

Ah, der neue Ruf!
متابعة, weiter! Aqaba!”

 

 

Heute eher Arbeitsjournal denn Tagebuch. Am vierzehnten Krebstag: Mittwoch, den 13. Mai 2020. Mit einem, völlig unversehens, Manifest und halluzinogenen Vorlebensendeplänen.

[Arbeitswohnung, 6.15 Uhr
Respighi, Semirama (ff)]

Ärztingespräch gestern, in लक्ष्मीs Beisein: Da die OP-Ansätze des SANAs und der Hannöverschen so heftig divergieren, noch die Drittmeinung der Charité einholen, die von diesen als “unnötig” abgetane (“Wir holen später sowieso alles raus”) diagnostische Laparoskopie im SANA aber durchführen lassen, sie bringe eine zusätzliche Gewißheit, und so schnell wie möglich die Chemo beginnen. लक्ष्मीs Ernährungsvorstellungen stimmte die Ärztin nahezu rundum zu und verschrieb mir gegen die Schlafstörungen als Antischmerzmittel, hierin dem SANA folgend, Novaminsulfon – das heute nacht perfekt funktioniert hat – sowie, falls es nicht anschlagen würde oder irgendwann nicht mehr sollte, Zolpidem … “da aber Vorsicht! Es macht, anders als Novaminsulfon, abhängig.” Wobei diese Gefahr bei mir nicht besteht, der ich entschieden dazu neige, gar keine oder doch zu wenig Tabletten zu nehmen, selbst wenn es nötig wäre. – Als Alternative verschrieb sie noch Melatonin, von dem mir vormittags schon meine Lektorin erzählt hatte und das auch लक्ष्मीs volle Zustimmung fand — nur durfte es, wie sich wenig nachher herausstellte, die Apotheke es jedenfalls in dieser Dosierung (5mg) nicht herausgeben, da derzeit um das Medikament ein Rechtsstreit geführt wird. Ich habe im Netz geschaut, über Prozeß und Hintergründe aber nichts gefunden; und Online-Händler teilen, etwa → dort, lediglich mit, daß das Produkt für Deutschland nicht erhältlich sei. Nun muß mich das nicht stören; ich habe Freunde in Frankreich, wo das Hormon frei verkäuflich ist, so daß sie es mir besorgen und schicken können. Doch was für ein Aufstand – und: Neuerlich kann von einem vereinten Europa die Rede leider nicht sein. Na gut, in diesem Fall gibt uns der Umstand die Freiheit, nationalrechtliche Regelungen zu unterlaufen: sozusagen gibt es einen Sherwood Forest, in dem wir untertauchen können.
Ein guter Artikel, übrigens, findet sich zu Melatonin → bei Primal State.

Wieder in der Arbeitswohnung, sofort erst beim Onkologen angerufen. Besetzt. Email geschrieben, fast unmittelbar darauf Rückruf aus der Praxis und sofort den Termin bekommen. Man möchte aber die Laparoskopie und ihren Befund abwarten, deshalb nicht schon, wie eigentlich im Kopf gehabt, heute, sondern erst am Montag. Der somit den Beginn meiner ersten Chemo markieren wird.
Dann in der CCCC-Stelle der Charité angerufen, doch zu spät, da sie nur bis 15 Uhr besetzt ist. Werd ich in zwei Stunden, pünktlich auf neun Uhr, erneut tun. (Die ganze Zeit geht mir durch den Kopf, ich könne in Hannover aus der ja tatsächlich schweren OP nicht bei vollem Bewußtsein erwachen, dort dann im Koma liegen und fern von allen, die ich liebe, vor mich hinzusterben – was so ziemlich das Gegenteil meiner Vorstellung eines ehrenvollen, stolzen WohinüberauchimmerGehens ist. Geradezu, für mich, ein Horror, schlimmer als der Krebs selbst.) Wobei meine Tiefstimmung, die den Montag so bestimmt hat, komplett vorüber ist, ich die vorherige Ruhe und Gefaßtheit wieder habe, auch die Zuversicht – darum aber auch genau sagen kann, was ich auf keinen Fall will. — Und aber dennoch, es folgt ein weitres Andrerseits: Ich sollte Hannover gegenüber vielleicht fair sein und einfach bei strahlend-schönem Wetter noch mal hinfahren und mir die Klinik dann anschauen. Vergessen Sie, Freundin, meine enorme Abhängigkeit vom Licht nicht. Wir es draußen grau, so auch mein Geist; je älter ich wurde, desto stärker zeigte es sich und hat unterdessen einen fast schon pathologischen Charakter. Jedenfalls dürfte das verregnete, zudem so klammkühle Grau des Montags auf meine Wahrnehmung der hannöverschen Klinik zumindest mitgewirkt und mein mehr depressives denn harsches, nun jà, “Urteil” ziemlich geleitet haben. Und da bis zur OP – für die Chemo werden zwei bis drei Monate angesetzt – noch einige Zeit vergehen wird, wird Hannover ganz sicher die Gelegenheit bekommen, sich mir noch einmal unter leuchtendster Sonne zu präsentieren.

Nochmal zu den für mich ungewöhnlichen Durchschlafstörungen. Zwar, ja, das Novaminsulfon hat geholfen, ja, dennoch könnte Bruno Lampe → recht damit haben, sie mehr mit dem Nikotinentzug (den ich sonst aber kaum mehr spüre, vielleicht noch zweidreimal am Tag, als kurze und schnelle Begier) als mit dem Karzinom und den (bislang noch bestens aushaltbaren) Schmerzen in Verbindung zu bringen. Denn tatsächlich erwachte ich auch heute nacht wieder gegen halb drei, huschte dann aber nur auf Toilette und unter die Decke wieder zurück, wo ich, Menschen können ziemlich irre sein, irgendeine Spur des Schmerzes aufzuspüren versuchte, denkend aufzuspüren … “richtiggehend” konzentriert. Nein, da war keiner. Konnte das sein? Also noch mal hinfühlen. Was dann offenbar derart anstrengend war, daß ich erst Schlag sechs wieder, und zwar putzmunter ausgeschlafen, erwachte, sofort quasi auf- und in die Arbeitsklamotten hineinsprang. Schon stand ich in der Küche, um den Espresso zu mahlen. Und derweil sich die Pavoni erhitzte, fuhr ich meine Computer hoch und entschloß mich, Respighis Semirama zuende zu hören, in die mich einzufinden mir gestern nicht wirklich gelungen war, so wenig wie bei seiner Lukrezia, derweil mich La Fiamma, die ich als grandiose Vinylpressung habe, seit meiner allerersten Begegnung mit dieser Musik immer wieder hingerissen hat. Weshalb die beiden andern Opern nicht auch … ich habe keine Ahnung. Oder doch, Ahnung schon. Und das da, freilich, ist toll:

Ich bin nur ein Komponist, immer ein Komponist. Ich hätte nie etwas anderes sein können. Ich glaube an die Kontinuität der italienischen Musiktradition und den unsterblichen Geist des italienischen Liedes. Aber ich glaube, dass die europäische Musik als Ganzes vor einer radikalen Krise steht, aus der sie transformiert und erneuert hervorgehen wird. Ich glaube an die Suche nach einer neuen gemeinsamen Sprache der europäischen Musik, und ich glaube, dass Italien bei diesem Streben eine Vorreiterrolle spielen kann, so wie es vor vierhundert Jahren der Fall war.
Ottorino Respighi, → 1925

Genauso könnte – und will – ich es für die Dichtung heute sagen:

Ich bin nur ein Dichter, immer ein Dichter. Ich hätte nie etwas anderes sein können. Ich glaube an die Kontinuität der deutschsprachigen Literaturtradition und den unsterblichen Geist der deutschen Poesie. Aber ich glaube, dass die europäische Literatur als Ganzes vor einer radikalen Krise steht, aus der sie transformiert und erneuert hervorgehen wird. Ich glaube an die Suche nach einer neuen gemeinsamen Sprache der europäischen Literatur, und ich glaube aber nicht, dass Deutschland bei diesem Streben eine Vorreiterrolle spielen kann (noch es sollte), wohl aber unser Verhältnis zum Internet und insgesamt zu den sogenannten Neuen Medien, in die die poetischen Traditionen von Goethe über Hölderlin und Jean Paul, Musil und Broch, Döblin über Ingeborg Bachmann bis Marianne Fritz als Traditionen eingebettet werden und erkennbar sein müssen. Erst daraus wird Avantgarde, eine wahre und lebensfähige, sei’s in der Lyrik, sei’s der Prosa sichtbar werden und überhaupt entstehen können. Und die Dichtung bleiben.

Puh. Ja, ich gebe zu: Puh.
Decke drüber
—————- und schnell noch was zum Krebs:

Es war die Rede davon gewesen, mir ein THC-Präparat zu verschreiben, was meine Ärztin auch tun will und darf. Doch sind die Krankenkassenregelungen hier ziemlich interessant. Obwohl längst fundiert ist, wie gut Medikamente auf dieser Basis anschlagen, dürfen sie dennoch erst verschrieben werden, wenn alle anderen schulmedizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind – etwas, das sich durchaus als Protektionismus der pharmazeutischen Industrien ansehen läßt. Wir dürfen nie vergessen, welche Milliardengeschäfte hinter unserem Gesundheitssystem stecken, wessen Mit-Interessen und also auch → Lobbies. Und gerade an den während der letzten Jahre → im Preis exorbitant gestiegenen Chemotherapien wird sich dumm und dämlich verdient, wobei dumm und dämlich nicht die sind, die verdienen. (Ja, geliebte Freundin, ich sehe meine Krankheit nicht “nur” poetisch, damit nämlich → mythisch, sondern auch politisch).
In meinem “Fall” allerdings wird es mit dem THC unproblematisch werden; es muß nur die Chemo begonnen worden sein und meine Ärztin der Behandlungsplan vorliegen. Dann sei es nur noch eine Formsache, die Akzeptanz der Rezeptur bei der Kasse zu beantragen und mir das Medikament zu verschreiben.

À propos. Während meines Abendspaziergangs traf ich meinen Elfenbeinverleger Držečnik, der sich mit seiner Gattin ebenfalls die Beine vertrat. – Ich sehe im Augenblick davon ab, das Lauftraining wieder aufzunehmen, nachdem es mir die letzten beiden Versuchsmale nicht so sehr gut danach ging, weil ich meinem Körper offenbar eine Kraft nahm, die er gegen → Liligeia anstemmt; das mag ich nicht wiederholen, jedenfalls nicht, bis die Chemo läuft und wenn sie gut oder einigermaßen vertragen werden von mir sollte. Aber jeden Abend eine Stunde durch die Straßen und Parks zu flanieren, ist eine feine Vorstellung – zumal ich dazu einen einer Gehstöcke nutzen, sie sozusagen ausführen kann, was dem in mir nach wie vor dann nicht mehr nur noch schlummernden Dandy Spaß macht und gestern tatsächlich zweimal zu Komplimenten führte, die mich passierende Damen mir machten, ein quasi machismo/inverser Piropo, den ich ausgesprochen genoß.
Jedenfalls da kam mir das Verlegerehepaar entgegen, und wir plauderten. Umarmen darf an sich ja derzeit nicht. Doch Ingo Elfenbein war ausgesprochen erleichtert, mich in solch gehobener Stimmung zu sehen. “Und gut, geradezu gesundheitsstrotzend siehst du aus!” rief er leise zu Anfang. Daß ich mich, sagte ich, so auch beinah fühlte. Erzählte aber vom vortagigen Tief, dann meinen Überlegungen zum Freitod … nicht, daß ich nicht gerne weiterlebte, im Gegenteil! Doch angesichts dieser Krankheit sei es sinnvoll, sich zu wappnen und gegebenenfalls vorzubereiten. Etwa. Wie wir bei geliebten Haustieren davon spräche, sie sanft einschlafen zu lassen, und es auch so praktizierten. “Schaut mal”, sagte ich, “was wiegt so eine deutsche Dogge? Sechzig, siebzig Kilogramm? Siebzig bringe momentan auch ich auf die Waage. Da wäre die Dosis doch die gleiche …” Aber dieses einmal ganz beiseite, ich hätte ja noch so viele Projekte vor mir, und er, Držečnik, habe zusammen mit Christoforo Arco ja nun alles getan, mir das Sterben schwerzumachen: “Ich habe dafür jetzt einfach gar keine Zeit. — Aber”, ergänzte ich, “bevor ich ich gehe, will ich auf jeden Fall noch erlebt haben, was ich in meinem Leben bisher, und sehr bewußt, gemieden: Ich möchte erleben, wie es ist, auf einem Trip zu sein. Pilze will ich ausprobieren, LSD will ich ausprobieren, Mescalin, Kokain sowieso und, ja, auch Heroin. Vielleicht auch mal chemische Drogen. Freilich werde ich mich um alles dieses erst nach der Operation kümmern.” Doch Ihnen, Freundin, und meinen Leserinnen sei es hier bereits erzählt; vielleicht, daß jemand mir dann helfen kann, mir solche Erfahrungen auch heimholen zu können, für deren Realisierung ich derzeit noch viel, viel zu naiv, viel, viel, viel zu naiv bin. Und was die deutsche Dogge anbelangt, so müßte ich nur im letzten Fall eine charmante, gebildete und so kluge Tierärztin kennen lernen, daß sie auch meinen Stolz so liebt wie meine Lebensliebe.

Ihr ANH
[Respighi, Maria Egiziaca]

9.38 Uhr
Grad mit der Charité telefoniert. Es gibt eine sofortigen Termine, sondern erst möchten bitte die Befunde mitsamt den Bilder-CDs hingeschickt werden. Danach werde es etwa zwei, vielleicht auch drei Wochen dauern, bis mir ein Terminvorschlag unterbreitet werde.

Bene. Dann geh ich’s mal gleich an; was ich wissen und beachten muß, fänd’ ich, hieß es, → dort.

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