Die Nefud lebt: Donner und Lavendelregen. Dazu das Unterwüstenschiff. Aus der Nefud, Phase II (7, Tag 12). Sonnabend, der 13. Juni 2020. Krebstagebuch, fünfundvierzigster Tag.

[صحراء النفود. عالم آخر, Morgenlager, 7.53 Uhr
Peter Maxwell Davies, Streichquartett (2015)
73,6 kg]

Da brach dann das Gewitter los. Es hagelte sogar – Körner von Taubeneigröße! Und in Sekunden, so weit ich sehen konnte, verschlammte die Wüste zu einem sich ganz gewiß über den Horizont ins Weltall hinabstürzenden, wenn auch untiefen See, aus dem sich die jetzt strömungsumzischten Granit- und Sandsteinfelsen des uns allezeit begleitenden Gebirges wie die Trutzmauern der Burgen Ymirs erhoben, aus dessen zerstückeltem Körper bekanntlich die Welt komponiert worden ist – wobei Midgard langsam zerfällt, weil es aus meinen Augenbrauen entstand, die mir jetzt auszufallen beginnen, quasi “pünktlich”: – “nach etwa vier Wochen”, hatte Faisal angekündigt, direkt bevor wir in die Nefud eingeritten sind. “Eine Strahlungsfolge”, vor allem, ließ er indirekt einfließen, seit die USA nicht nur, wie bekannt, im heimatlichen  Nevada (“Nicht in den Lichtblitz schauen!”), sondern auch hier eine ganze Reihe selbstverständlich inoffizieller Atombombenversuche, habe durchführen lassen. Eine Bemerkung, deren Wahrheitsgehalt ich allerdings auch dann zu bezweifeln wage, wenn Jordanien de facto dem wirtschaftsimperialistischen Westen der verläßlichste arabische Partner sein sollte. Auch wir Deutschen haben da ja Truppen im Land.

Übrigens, Aqaba — Berlin. Machbar, nur billig würd’ es nicht:

Wie auch immer, der Tag hatte mich gebeutelt, Li also, nicht er. Wie schon am Ende des ersten Höllenkreises gingen auch jetzt die Brustschmerzen wieder los. Sie stehen horizontal auf dem Sonnengeflecht, als ob sie links das Herz und rechts die Brust durchstießen, sich aber nicht bewegen, sondern stille, fast wie in Habacht, begutachten, wie ich mich verhalte.

Ich verhalt mich gar nicht, muß einfach meinen Sitz auf Röhrerich behalten. Was schwierig ist, wenn man sich ständig krümmt. Und da in solchem Zustand weder das Dronabinol noch die THC-Tropfen helfen, nehme ich ich halt doch vom Novamin. Auch hier schlagen besonders die Tropfen sehr schnell an, und man kann zur Tagesordnung übergehen. Lästig ist sonst nur noch, bei jedem Schnäuzen, das dauernde Nasenbluten sowie weiter unten, nämlich hinten das, ebenfalls eine Folge der Wüstenstrahlung, Jucken. “Nicht schlimm, nur, das ist das Wort, lästig“, wie ich’s gegenüber Faisal abtat. Aber Röhrerich schwankt ganz im Gleichtrott meiner Stoik —

— als dieses KRACH!!!en losging, ein Riesenknall, der gleichsam die Sonne ausknipste, im Bruchteil einer Zehntelsekunde, alles war schwarz, alles schrie durcheinander, auch die Träger und Dromedare schrien, die Scouts, unser Kaffeekoch, und die Sintflut donnerte, donnerte, donnerte!! auf uns herunter. Keine Sünde hatte jetzt noch Chancen, die Kamele steckten, sogar Rih, die Köpfe in den Sand, was, dachte ich, wir Menschen hätten besser ebenfalls getan, nur daß wir unsere Nasen, die natürlich auch nicht schlitzförmig sind, weder gegen den Sand verschließen können, noch vermögen sie,  den Wasserdampf der ausgeatmeten Luft zur Kühlung von Blut, Augen und Gehirn wieder aufzunehmen. Das haben uns diese Wüstenwunder sehr weit voraus. und läßt uns darüber hinwegsehen, daß sie sich bisweilen wie Vögel Strauße verhalten (allerdings bin ich mir unsicher, ob sie dieses vielleicht nur in Anwesenheit ihrer Menschen tun, vielleicht, um sie zu beruhigen; zumindest Röhrerich hat eine deutlich pädagogische Ader). Jedenfalls riß mich eine auf mich herabgestürzte Wassersäule, die an beiden Flanken Rihs ablaufen wollte, aber nicht -“lief”, sondern -“stürzte”, aus dem Sattel, wobei sich mein Leib nicht entscheiden konnte, ob nach links hinabstürzen oder nach rechts, so daß es mich erstmal fast entzweiquetschte, bevor mich durch heftiges Schütteln Röhrerich endlich erlöste und ich zwischen seinen Schwielensohlen in den kochenden Sand knallte. Es war nämlich nicht etwa kühler geworden, die Nefud brodelte. Als auch noch der Boden aufbrach und … tatsächlich,  nicht zu fassen, Faisal konnt mich grade noch wegreißen, andernfalls ich in den Malstudel gestürzt und in die Tiefe teils geschleudert, teils gezerrt worden wäre, die sich gurgelnd unter dem zu unserem Entsetzen auftauchenden monströsen Untersandboot auftat. Was einerseits an meine geliebte Orion erinnerte, aber andererseits halt in der Wüste sich zutrug, so daß meine Liebe zur Raumfahrt mit einem sozusagen Pompeji kollidierte, das wir nun hinterlassen würden, Faisal, ibn Gamael, die Scouts, des Kaffeekoches kurz unsere Bedienstetinnen. Würde ich, schoß es mir durch den Kopf, jetzt überhaupt noch die nächste Relaistation, محطة التميمي بالرديفه , erreichen? Oder hatte unsere Nefuddurchquerung tatsächlich ein ungewolltes Ende erreicht? Ah, ich spürte Liligeia jubilieren! Sie trat gleich noch mal nach … stach nach, muß ich es nennen, das war alles nicht sehr schön und ging wie einer jener diamantbewehrten Schneckenbohrer in meine Organik, wie sie sich “quasi reibungslos in den Sand der” hier nun nicht innerasiatischen, sondern eben saudiarabischen Wüste gruben, “die Tiefenruder bewegten sich geschmeidig und vergößern den Tauchwinkel”, der jetzt, beim Aufstieg an die Oberfläche, deutlich kleiner wurde, aber genau deshalb die Fliehkräfte des Sandes geradezu anpeitschte. “Ein auf einer nahegelegenen Düne stehender Beobachter hätte, vielleicht erfüllt von abergläubischem Entsetzen, sehen können, wie das Boot gemächlich” aus der “lichtlose(n) Welt dort unten” auftauchte und schließlich hälftig, und als würde es mächtig schnaufen, auf dem Sand flach liegen blieb, “wobei sich dort, wo das Heckruder gewesen war, nur ein flüchtiger Staubwirbel erhob”. Wozu Inspektor Clouseau (als Dr. Nemo Seltsam) später, der uns mehr oder minder gewaltsam hatte an Bord hatte bringen lassen, folgende Erklärung abgab, derweil der ziemlich mißtrauische Ned Land (in der Rolle unsres Kaffeekochs), Peter Lorre (als Lars ibn Gamael), Faisal (Professor Annorax) sowie James Mason als ich selbst mit  ihm am Tisch der Nautilus saßen und Wüstenwürmer probierten, deren Aroma sich durchaus mit Muscheln vergleichen ließe, wären sie Fleischmassen nicht derart gewaltig (dennoch: “Sandmuscheln, ja, gibt es auch”) … — also die folgende Erklärung:

“Bei den”, begann Dr. Seltsam, “nächtlichen Ritten auf seinem Kamel hatte Lindsay Noseworth herausgefunden, daß er es nun tatsächlich genoß, allein zu sein, dem unablässigen Chaos der alltäglichen Deckwache enthoben – das Blickfeld sternengetränkt. Vierdimensionalität in reinster Form, mehr Sterne, als er je gesehen hatte, doch wer hatte schon die Zeit gehabt, sie zu betrachten, da so viele kleine Aufgaben die Auen auf die Banalitäten des Alltags zwangen. Um ehrlich zu sein, hatte er nach und nach Zweifel am praktischen Nutzen des Sternenlichts entwickelt. Er hatte in letzter Zeit große historische Schlachten studiert und versucht herauszufinden, wie die Lichtverhältnisse während er Gefechte gewesen sein mochten, und schließlich hatte ihn sogar der Verdacht beschlichen, das Licht sei möglicherweise eine geheime Domäne der Geschichte – die Frage war ja nicht nur, wie es ein Schlachtfeld oder eine gegnerische Flotte beleuchtet hatte, sondern auch, wie es während einer entscheidenden Staatsratssitzung durch ein bestimmtes Fenster gebrochen worden war, welchen Eindruck es, ausgehend von der jenseits eines bedeutenden Flusses versinkenden Sonne, erweckt hatte oder welchen ganz besonderen Schimmer es auf dem Haar einer in politischer Hinsicht gefährlichen Ehefrau, deren ich zu entledigen man entschlossen war, erzeugt und dadurch die Exekution verzögert hatte.”

(Peter Sellers bediente sich der Übertragungen Dirk van Gunsterens und
Nikolaus Stingls — die selbstverständlich hier genannt werden müssen.)

“Oh wie incorrect!” rief ich aus, aber mehr, um davon abzulenken, wie entscheidend mir die Dominante der Geschichte auch für unsere Nefuddurchquerung zu sein schien. Denn klar war mir, daß wir so schnell wie möglich aus dem Untersandboot wieder hinauskommen mußten; irgendetwas an Dr. Seltsam war seltsam, er hatte so einen Tick mit dem Arm. Und vor allem, da war es wieder (“Ach … Verd ..!” entrang sich sogar Faisal), war es wieder, das fatale Wort, das ich, auf Anweisung der Ärzte, nicht aussprechen, ja nicht einmal lautlos artikulieren durfte.

RRRUMMMMS !!!!

“Ein Rohbruch! Sandeinbruch!”

Bloß weg.

Draußen röhrte Röhrerich, und seine Gefährten röhrten mit ihm. Ich sah Peter Sellers zerfließen, er wurde selbst rein Sand. Nur daß Peter Lorre jetzt den Gamael aufgab, sich Lars’ Gesicht vom Gesicht zog, es war eine hauchdünne, hauchenge Maske, seinen Ausweis hervorholt, Bundesnachrichtendienst, Wir beobachten Sie seit langem, Kommen Sie unauffällig mit, meine Güte, also jetzt doch noch (dabei saß ich ganz gewiß nicht in Professor Jostings Infusionszimmer und → sah auf die Geheimdienstgebäude hinaus; meine dritte Chemo steht “real” für den kommenden Dienstag erst an) … doch nochmals

RRRUMMMMS !!!! Krkrrrrrrrrrrrrrrrrrrk !!!

Prkztzkrrrrssss (!)

und laaaaangsam tat sich die Wüste unter dem Schiff wieder auf, stülpte die Lippen suckelnd des Sandstroms, der sich schon wieder zu drehen begann, um das Unterwüstenboot und schluckte es, derweil wir Freunde losgespritzt und durch die Bullaugen waren, hinaus, weil die Matrosen sie zum Lüften noch offengelassen hatten. So konnten wir, derweil das Ungeheuer versank, uns retten —

— na gut, mich rettete eher wohl Faisal; ich war wegen der Schmerzen, in denen Liligeia ganz begeistert tobte, denn doch etwas behindert und wußte dann auch gar nicht, als ich wieder zu mir kam, ob das WüstenUntersandBoot nicht eher eine THC-bedingte Halluzination, allenfalls eine hochgespülte Erinnerung gewesen war. Tatsache allerdings war nun etwas anderes, nämlich hatte dieser gewaltige Regen aufgehört und die Wüste sich beinah wieder ausgetrocknet, in allerdings lavendelnder Pracht. Die Blüten überzogen das gesamte, gleichsam auferstandene Wadi:

Doch damit nicht genug. Nachdem ich die Schmerztabletten geschluckt und sie zu wirken begonnen hatten, machten wir uns auf den Weg zum, so hat “Gebirg der Wüstensänge”, den wir, heißt es, heute gegen abend erreichen werden und wo es, auf der Dunckerstraße, ein “Fensterkonzert geben soll”: von den geöffneten Scheiben des ersten Stockwerks des Haus Nr. 67 auf uns, die Kamele und alles Lavendel hinab. Ich werde die Klänge, denke ich, mitschneiden.
Jetzt aber müssen wir eilen.

ANH
(bislang schmerzfrei, heute)

 

 

Auch ich war in Arkadien ODER Die Gärten der Nefud: Aus der Nefud, Phase II (6, Tag 9). Als Krebstagebuch vom Morgen bis zum MIttag des Mittwochs, den zweiundvierzigsten Krebstag 2020, geschrieben.

 

[صحراء النفود, Morgenlager
7.15 Uhr, 74.5 kg]
[Peter Maxwell Davies,
Symphony III (1984)]

Wir sind etwas spät heute dran, aber was ich sofort bemerkte,, als ich zwischen meinen Teppichen unter dem sandleuchtenden Planenhimmel meines Zeltes erwachte, war eine mir unterdessen ungewohnte Klarheit, die, möchte ich sagen, feste Kontur, die die Gegenstände sogar hier drinnen angenommen hatten. Daß außen in der Wüste nichts wirklich fest ist, wundert uns nicht; auch sie ist ein Meer, das, wie wir spätestens → seit Thomas Pynchon wissen, von Untersandbooten durchpflügt werden, die wir deshalb nie bemerken, weil sie nur selten in Flachsand, statt dessen meist in großer Tiefe tauchen, nicht selten in Höhe der Erdölblasen, wo es allerdings ausgefuchster Lotsen bedarf. Jedenfalls kann ich mir moment  überhaupt nicht mehr vorzustellen, daß sich die drei Sitzpuffs dort nicht verrücken, ja nicht mal anfassen ließen. Ich kann es sehr wohl, sie anfassen, und habe es eben, einfach für meine innere Sicherheit, erfolgreich probiert. Verrücken läßt sich auch der kaum zwanzig Zentimeter hohe, doch bestimme einen halben Meter umfangende Tisch mit den bunten Glasarbeiten in der von silbernen Mäandern aus Kalligraphien eingefaßten Ebenholzplatte; hauchdünn muß sie aber sein, sonst wäre er nicht so leicht. Doch die schmalen, entspiegelten Teegläser in ihren durchbrochenen, rosanen Bechern trägt sie wie das zum Service gehörende Kännchen. Das ibn Gamael oder jemand anderes unserer … ich schreibe so ungern “Diener”, und “Bediensteter” ist häßlichst abstrakt, zumal mit fiesem Doppelsinn in der weiblichen Form, sofern wir nicht das aber dann noch abstraktere “Bedienstetin” verwenden … – oder also jemand anderes hat das Kännchen bereits vorbereitet, während ich noch schlief. Wiederum Faisal kommt, wenn unser Nachtlager so lange steht, stets erst gegen neun zum Gespräch, auch zur Andacht. Mitunter fällt er in Abwesenheit, dann, spüre ich, spricht er mit seinem GOtt, oder dieser hat sich an ihn gewandt. Diese, ich schreibe einmal, Absencen sind ihm nicht unangenehm, auch nicht zu privat. Im Gegenteil scheint meinem Freund gerade der ihnen zugrunde liegende Glaube nicht nur Grund, sondern auch die Notwendigkeit zu sein, sie niemals zu verbergen. Herodes Satz, über Jochanaan, fällt mir da ein, wiewohl Dr. Faisal nun ganz sicher kein Prophet ist, auch wenn er, wie bisweilen gesagt wird, im Nebenberuf politische Ambitionen habe; sie seien seinen an den Einzelpatienten orientierten medizinischen Interventionen, wenn auf die ganze Gesellschaft übertragen, durchaus kongruent. “Der Finger Gottes hat ihn berührt!”

The finger of God has touched him, → Wilde. Und noch eine Li! Ah, verstehen, Freundin, Sie? Das Wadi der Verstrickungen — DIE STÖRUNGEN DER SALOMÉ: LULU sollte ein Performance-Theaterstück heißen, das ich in den frühen Neunzigern vom Verlag der Autoren bereits in Auftrag hatte, doch wegen des damaligen noch Mißerfolgs meiner UNDINE niemals fertig stellte, die ja erst fünfzehn Jahre nach ihrem Erscheinen → uraufgeführt wurde und aber auch da nicht von einem großen Theater, sondern dem allerdings hinreißend engagierten Off-Ensemble der Gütersloher Weberei. Auch sie, wenn auch in sehr viel milderem Sinn, auch Undine also ist eine Li – nur möchte sie nicht töten, sondern raus aus der mythischen Bestimmung. Was ihr wie uns mißlingt —

— und somit  mich aufs Thema der Nebenwirkungen zurückbringt. Nun jà, sie sind nicht schlimm, erzählte ich gestern ich weiß nicht mehr wem, sondern in meinem Fall allenfalls lästig. Genau, das sei das Wort (und ist es), lästig. Etwa die dauernde Nasenbluterei, wenn ich schnaube; nur aber dann, tatsächlich. Schnaube ich nicht, juckt es bloß, doch ebenso dauernd. Nett ist die Parallele am untren Ausgang gegenüber, immerhin dort ohne Blut. Doch die Schleimhäute sind ziemlich angefaßt, schnell wachsendes Gewebe eben, das von der Chemo abgeschossen wird. Gestern abend dachte ich sogar, auwei, jetzt sind die Augenbrauen doch noch dran. Sie wirkten lichter an den Seiten. Ich zog an ihnen, ob sich etwas wegfluffen lasse. Nö, hielt. Auch jetzt sind sie noch da. Aber vielleicht doch etwas lichter. Hm.
Was ich definitiv sagen kann, ist, daß der Bartwuchs deutlich nachläßt; es reicht momentan, mich alle zwei Tage zu rasieren; normalerweise muß ich es, gehe ich abends nich aus, stets ein zweiten Mal tun. Und gestern bei der Fußpflege … — Fußpflege? Wie? In der Nefud? Ich kann mich nicht erinnern, eine … – egal. Faisal fragen. Moment, ich notier mir das eben, vielleicht kommt auch Vergeßlichkeit, ein bißchen aber nur, hinzu. Also meine Fußpflegerin, die da erst von Liligeia erfuhr, bemerkte, es sei auch auffällig wenig Hornhaut diesmal an den Füßen. Wobei ich genau da, als ich bei ihr saß, meiner Krebsin Nachricht mit dieser Frucht bekam. Ja, → Sabine Scho, an eine Papaya hab ich auch zuerst gedacht: Dann aber …. Phyllis Kiehl, abends in Facetime, nannte es ein Drachenei, indessen ich selbst, oh Li, erneut an → SPECIES denken mußte, Sil, und dachte an den Kokon, der das → Wadi der Verstrickungen in einem gewissen, nein, ungewissen Sinn mit Sicherheit gewesen ist. Den ganzen Tag über hing es mir nach, hing er pulsend in mir, und nachdem bei der Fußpflegerin wieder hinaus war und auf Röhrerich stieg, der liegend-sanft gewartet hatte, und als das riesige Tier dann zu schwanken begann, führte sie, die Frucht, zu unentwegten Erscheinungen, wie sie in einer Wüste wahrscheinlich noch niemand so gehabt. In keinem Fall, auch nicht bei Pynchon, habe ich von dergleichen gelesen, auch schon bei Karl May nicht (Durch die Wüste, 1892), weil, wahrscheinlich, in seinen Quellen-Baedeckers von den verwunschenen Pfaden nirgends was zu lesen war, noch vierunddreißig Jahre später in Thomas Edward ben Iinjiltiras → SEVEN PILLARS OF WISDOM, derer nun aber ich auf jeden Tritt Röhrerichs gewärtig wurde. Eben noch stehen mir im Osten an die fünfzig Meter hohe Dünen zur Seite, muß ich nur das Gesicht nach Westen wenden, um einen Vorhang Grüns zu erkennen in den hinein ich Rih denn auch treibe. Schon öffnen sich die verschwiegendsten Wege meditierender Parks.

Nein, es sind dies keine Oasen; zumindest den Beduinen wären sie bekannt. Vor allem sehen aber die Gefährten sie nicht; Faisal läßt sich nur gerne erzählen und notiert dies und das in seinem Merkbuch. “Keine Araber liebt die Wüste”, sagte er, “aber was Sie nun zu sehen bekommen, liegt vielleicht genau daran.” Ich hätte entgegnen können, daß Lawrence, der die Wüste liebte, auch keine Gärten gesehen hatte. Doch schluckte ich die Bemerkung nicht nur deshalb hinunter, weil damals die → FLOT-Prozedur noch nicht bekannt war, von der eine Freundin mit die durchaus arabesklen Zeilen schrieb:

Hinter der Entwicklung des FLOT Schema steht ein ungewöhnlicher 50 jähriger (arabischer/ palästeninscher Herkunft) Professor, der Gedichte schreibt und malt und der ärztl. Direktor des Instituts für Klinisch-Onkologische Forschung am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main ist. Auf AEG Tumore spezialisiert, hat er die Kombi ab 2003 entwickelt und betreut mehrere Multi-Center Studien: Prof. Dr. med. Salah-Eddin Al-Batran. Sie tragen alle wundersame Namen: Renaissance (FLOT5), Petrarca (FLOT6), Ramses (FLOT7), Dante (FLOT8).
Vielleicht auch das eine Option, mit den behandelnden Ärzten zu besprechen, ob die Rekrutierung in eine der derzeitigen Studien in Frage käme, sobald die Immunhistochemie bekannt ist, bzw. der Herceptin-Status.

Wie auch immer, statt realistisch zu sein, gab ich die etwas, zugegeben, großspurerische Antwort zum besten, es liebe ja auch niemand seine Krebsin so wie ich und wahrscheinlich seinen Tumor insgesamt keiner, egal ob der ein Mädchen oder Junge. Wobei ich schon einsehe, daß wirklich allein die Idee ein bißchen lebensmüde ist oder doch zu sein scheint. Denn das eben bin ich ja nicht, im Gegenteil. Ich bin quickespritzlebendig. Und tauchen in den nächsten Blätterwald dieser Wüste schon ein, mein Röhrerich und ich:

 

 

Damit ihn die Eindrücke nicht allzu überfordern, wann sieht ein solches Dromedar schon derart solches Grün?, heiß’ sanft ich ihn, sich zu legen und gleite von ihm herab. Unterdessen schon Routine, wobei ich gestern allerdings noch unter THC stand, das, ich hab’s wohl schon erzählt, in diesem zweiten Nefud-Höllenkreis eine engste, nämlich geradezu intime Verbindung mit den Zylostatica eingegangen zu sein scheint und mir vielleicht deshalb erlaubt, die verborgenen Gärten wahrzunehmen. Ich dachte an Semiramis’, nur daß die ihren künstlich angelegt gewesen waren, auf den Terrassen einer unterdessen allerdings mythischen Stadt, und zwar, ja, im Orient, daran gibt es keinen Zweifel, doch eben nicht in der Wüste. Diese Parkwege hingegen, diese Park- und Gartenanlagen durchziehen die Nefud quasi unentwegt, weniger, doch → auch da schon, in ihrem ersten, von uns seit Tagen verlassenen Kreis, mehr nun, entschieden mehr, im zweiten. Es ist ein, kaum laß ich meine Spannung über des Dromedars gestrengelte Lederzügel baumeln, anstell’ die straff zu halten, unentwegter Beschuß aus riesigen Wasserpistolen, ich meine diese gewehrartigen Wasserschußkolben für Kinder, nur daß aus den Mündungen nichts Nasses herauskommt, sondern ein lappiges, wilde wucherndes Grün spritzt. Und sich immer wieder zu verzauberten, in jedem Fall geheimen Wegen zusammenzieht, die sogar den Sand beiseitewischen und gänzlich vergessen lassen, dessen Metamorphose sie aber nur sind. Wer kann da widerstehen? Oder schauen Sie, Geliebte, dort:

Wer nicht stellt’ sich am Ende dieses Pfades solch ein Gelege vor? Bitte, Freundin, spüren Sie nach!

 

 

Und all dies auf dem Rücken meines Rihs, denn selbstverständlich bildete ich mit immer nur ein, daß ich abgestiegen sei, andernfalls meine kleine Karawane ganz sicher hätte nicht gemeinsam das nächste Tagesziel erreichen können; zumindest ich wäre in den ewigen Sanden verloren gegangen.

 

 

 

Heute allerdings sollte ich mich nicht mehr ablenken lassen; insofern kommt mir die jetzige Klarheit sehr zupaß, zu deren weiteren Beförderung ich bis zum späten Abend meine Hände vom THC lassen werde. Denn für morgen steht die Kontrolluntersuchung zu dieser Chemophase an, bevor wir dann doch zusehen müssen, den zweiten Nefudkreis allmählich zu verlassen, um rechtzeitig am kommenden Dienstag die nächste Relaisstation erreichen zu können, die sich neben die dritte Höllenpforte, heißt es, duckt. Wobei ich fürcht’, es gehe mir wie Don Giovanni, der’s in der inferioren Hitze einem Mann wie ihm zumindest →  angemessener fand, als in dem hohen Paradies nicht nur, peinlich genug, mit Flügelchen von Putten schlagen, sondern obendrein – auch noch mit nacktem Arscherl – fades Zeug dazu singen zu müssen. Besser doch, daß

(-) Don Juan, zum Acheron gestiegen,
Charon den Sold gezahlt für Totenschiff,
Ein Bettler stolz, wie die sich selbst besiegen,
Mit rachefestem Arm die Ruder griff.
(..)
Da lachte Sganarell und sprach vom Lohne,
Indes Don Luis auf den Frevler wiese,
Und alle Toten blickten nach dem Sohne,
Der weißem Haupte Schmach gedeihen ließ.
(…)
Ein Mann aus Stein, den strenger Harnisch schützte,
Am Steuer stand und schnitt die schwarze Flut.
Doch still der Held, der auf sein Schwert sich stützte,
Zum Strudel blickt und nichts zu sehn geruht.
Charles Baudelaire, Don Juan in der Hölle
(Dtsch. von Carlo Schmid)

Und aber doch — oh doch, oh doch! Es geht jetzt mit dem Haareausfalln los. Eben sah ich es im Spiegel. Noch, an den Augenbrauen, läßt es sich freilich kaschieren. Noch lohnt sich’s nicht, es Ihnen fotografisch zu dokumentieren. Doch geschehen wird es. Denn was ich spontan eben dachte, ist nicht ganz ohne Nachschrecksstolz: — daß ich erst nun, wenn ich alles Haar verloren, das Gütesiegel meines Krebses trüge: Auch ich war in Arkadien.

Und werde dort noch bleiben.

Ihr und, Lilli, Deiner
ANH

Schwimmen in Luft durch die Wüste: Aus der Nefud, Phase II (3). Krebstag 37: Zum Wadi der Verstrickungen. Am Freitag, den 5. Juni 2020.

 

[عالم آخر.صحراء النفود
7.35 Uhr | 72,9 kg]

 

 

Wir durchreiten die Region der Nefud, von der gesagt wird, ihre starke Strahlung bewirke den Ausfall jeglichen Körperhaars, also auch was bei mir sehr, wenn möglicherweise auch als einziges auffallen würde, der Augenbrauen; ansonsten sind wir draußen ja meistens noch bedeckt, in der Wüste eh, um sich nicht noch einer anderen Gefährdung als derjenigen auszusetzen, derethalben dieser, nun  jà, “Marsch” auf Aqaba eigentlich stattfindet.

(Ein Kommentatorbei Facebook schrieb in einer persönlichen Nachricht
übrigens von → Heldenreise, woran insofern etwas ist, als ich, wenn wir
angekommen sein werden, Liligeia werde ganz allein gegenübertreten
müssen; die Gefährten sind eben das, aber nur das: mit auf selber Fahrt
(daher nämlich kommt Gefährte),  nicht hingegen in selber Gefahr.
Der Kommentator also → schrieb folgendes:

Egal! Mich bewegt Ihr Kampfeswille, die literarische Wucht, mit der Sie der Krankheit begegnen und auch die Metaphorik, die Ihren Weg nachgerade zu einer Heldenreise im besten Sinne machen.

Ich zitiere es hier nicht, weil ich mich für einen Held halte (ich bin alles
andere als das), sondern weil es Dr. Faisals, seines Dieners Lars ibn Gamaels
und meine Reise einem Genre zuschlägt, an das ich selbst überhaupt
nicht gedacht habe, das aber völlig auf der Hand, und flachst auf
seiner Fläche, liegt. Damit reiht sich die Erzählung in einer
Traditionslinie ein, die ich, als ich dieses Projekt begann, eben-
falls nicht im Blick hatte.
ES
| reiht sich ein.)

Noch habe ich aber keinen Haarausfall festgestellt, obwohl ich morgens jetzt immer genau gucke. Noch sind die Brauen wölfisch wie je. Doch irgendwann, fiel mit heute früh ein, werde ich mich rasieren nicht mehr “müssen”. Allerdings war ich da noch immer bekifft. Denn das ist momentan die spürbarste Nebenwirkung dieses neuen, meines zweiten Nefud-Höllenkreises: Ich reite, gehe, schwanke wie unter einer milden, doch dauernd wirkenden Droge. Das hiesige Klima tut freilich einiges hinzu. Losgehn damit tat’s aber bereits vorgestern, fast unmittelbar nach den Infusionen, daß ich das Gefühl bekam, nicht Luft mehr zu atmen, sondern warmes, angenehmes Wasser – durch mir gewachsene Kiemen, die den Sauerstoff herausfiltern, und zwar in einer Reinheit, die unsre Atemluft nicht kennt. Wenn Röhrerich dann, maßvoll vor sich hintrottend, über die Dünen schwankt, war und ist es noch, als säße ich umschlossen in einem Wasserballon und würde mit zeitlich je leichter Versetzung in seinen Binnensögen und -strömen her- und hingespült. Das ist wie eine unentwegte Liebkosung, ich nahm gestern mittag sogar noch zwei THC-Tropfen drauf, weil ich das Gefühl hatte, der cannabiole Wirkstoff (den ich mein Lebtag doch nie spürte) sei eine Liaison mit den Zytostatica eingegangen. Immer wieder schienen sich die neuen Partner zu küssen, ja voneinander zu lecken. So erlebe ich jetzt diese zweite Phase meiner Reise als eine hoch erotische Ausfahrt ins gar nicht mehr Unvertraute und doch exotisch Fremde. Deshalb stimmt das Wort von der Arabeske beinah genauso wie die Heldenfahrt. Ein Tumor als erotische Arabeske; es braucht nicht viel Fantasie, um die bildlichen Kalligraphien der arabischen Schriften sich zu einer klimtschen Muse verdichten zu sehen. Bereits jetzt, um 9.30 Uhr morgens, haben wir knapp dreiunddreißig Grad Celsius; auf weit über vierzig wird’s heute noch hinaufgehn. Und Faisal, der meinen Zustand deutlich im Blick hat, band mich heute auf Röhrerich sogar fest – also an dem für Kamelritte Ungeübte klug ausgetüftelten Gestänge des Dromedarsattels; ich kann nun zwar mitschwanken, was sich eh nicht vermeiden ließe, aber bin nicht in der Gefahr herunterzurutschen. “Konzentrieren Sie sich”, riet Faisal, ” auf das, was Sie wahrnehmen. Sie sind jetzt in einem außergewöhnlichen Zustand höchster Sensibilität und genau deshalb nicht … ich sage es mal so: fahrtüchtig. Wer sich allein auf sich gestellt durch Raum und Zeit bewegt, darf nicht alles wahrnehmen, was auf ihn einwirkt, sondern muß filtern. Da aber wir Sie jetzt führen, können Sie sich davon lösen. Sie müssen nur Vertrauen haben. – Sonstige Nebenwirkungen?”
Nun jà, schon. Am blödesten (das wirklich treffende Wort), daß es mit der, so Josting auf einem Rezept, “chemobedingten Obstipation” wieder losging, heute früh gleich, doch zu ahnen bereits gestern, als ich mich um 22.30 Uhr in mein Zelt zwischen die Teppiche legte. Also sofort nach dem Kaffee gegengesteuert, den unser Kaffeekoch erst aufwallen ließ, ihn wieder herunterklopfte und ein Geflecht aus Palmfasern vorbereitete, um ihn vor dem Einschenken zu filtrieren. Kaffeesatz in der Tasse gilt hierzusands als schlechte Sitte. Gut, also kaum hatte ich genippt, mußte ich auch schon los, um  gegenzusteuern …  – nicht ganz lange, in einer aber doch etwas längeren Sitzung über dem in die leeseitige Düne gegrabenen Sandloch, worin ich, was endlich herauskam, schließlich verscharrte. Bekifft, wohlgemerkt, immer noch und weiterhin bekifft, weshalb es mich in keiner Weise störte, ja sogar amüsierte, daß mir eine mit schätzungsweise einem dreiviertelmeter Länge recht mächtige, doch wohl noch nicht völlig erwärmte Sandrasselotter (tatsächlich gehört die Art zu den Vipern) bei meinen Bemühungen ausgesprochen stoisch zusah; ich meinerseits hatte sie erst ausmachen können, als ich das dörre Buschwerk begutachtete, bevor ich mich davor hinhockte, um es als Sichtschutz zu nutzen. Was ich dann doch besser unterließ. Man k***t doch besser mit der Schlange Aug in Aug. Und da hockte ich nun also drückend, pressend, ächzend und auch ein wenig fluchend, und die Viper sah nur zu, wie ich immerhin noch nichts herausziehen mußte; dennoch, im Lager wieder zurück, ließ ich mir von Faisal gleich ein Mittelchen geben, dessen Wirkung wir vor unserm Aufbruch besser noch abwarteten, um später nicht in Verlegenheiten zu geraten. So umständlich dies nun auch klingen mag, tatsächlich ist momentan nichts geeignet, mich auch nur entfernt zu verstören; ich, weiterhin, schwimme in der Wüstenluft. Und bin bereits versucht, dieses Gefühl einer totalen Osmose mit Welt abermals vermittels zweier oder dreier Tröpfchen zu verstärken… nein, zu → firmen. Denn tatsächlich ist mein Impuls wenn nicht religiös, so doch in hohem Grad spirituell. Er werde mir, kündigte Faisal mir obendrein an, nachdem sein Gamael und er mich am Sattel festgebunden hatten, unbedingt von den Derwischen erzählen müssen, auf die wir spätestens im dritten Höllenkreis treffen würden. “Wirbel”, sagte er, “Lebenswirbel des Glaubens. Und auch Sie sind jetzt einer, der auf der Türschwelle steht.”
Einer, der auf der Türschwelle steht: Der Satz geht mir so wenig nun mehr aus dem Kopf, daß ich darauf fast fiebere, Faisal möge mir sein Rätsel lösen. Nur hatte ich es, da waren wir schon auf der Strecke, momentlang erneut mit dem lästigen Fingerkribbeln zu tun, eine Docetaxel-Folge, die über Nacht zu einer Art leichter Stumpfheit der ganzen rechten Hand geführt hat und auf jeden Fall ebenso beobachtet werden sollte wie seit gestern abend und noch heute früh eine gewisse Steifigkeit im Nacken — alles nicht wirklich schlimm, aber bißchen lästig.
So schwanke ich im Wortsinn durch die Wüste, lasse mich schwanken, nehme nur wahr, als wären nicht nur meine Körpergrenzen Übergänge, die an wehende, dennoch sehr schwere, sich an ihren Säumen weitläufig zerfransende Stores aus opaken Nesseln erinnern, sondern auch die Konturen der Dünen sind nur ungefähre, ebenso wie sogar die von Zeit zu Zeit aufragendenden windbizarren Felsgebilde, durch deren Schluchten wir zu reiten scheinen — sie wirken wie Höhen aus Treibsand, vor dem wir uns in dieser Phase ohnedies sehr vorsehen müssen. Allzu schmerzhaft erinnere mich daran, wie sich damals mein junger Diener Daud nur ein paar wenige Schritte auf diese Düne vorgewagt hatte und der allzuweiche weiße Sand sich auftat, um ihn für immer, sich einrieselnd, hinabzuziehen. Von Anfang an war der Junge nicht zu retten. Es ging mir entsetzlich ans Herz. Und zwar hat man mir später meine Erzählung nicht geglaubt, ja sie für Unfug erklärt, so etwas wie diesen Treibsand gebe es nicht — lange, sehr lange indes nach meinem Motorradunfall und indem ich mich an geeigneten Orten mal hier, mal dort reinkarnierte, kam es zu einer Versuchsreihe, die mich fast vollständig rehabilierte. (Ich weiß genau, wie gerne man mich als Großmaul diffamieren wollte – was zuzeiten leider auch gelang.)  Wie auch immer, in der Trockenheit der Nefud können Sandwehen sich wie Wasser verhalten. Besonders luftig rutscht das Sandgranulat durchs ständig neu Aufgewirbeltwerden ständig ineinander, vierzig Prozent des Volumens ist reine Luft. Deshalb, so → bestätigte mir 2004 endlich DIE ZEIT (achtundsiebzig Jahre, nachdem → mein Buch erschien!),

könnten solche Sandbetten durchaus eine Bedrohung für Menschen darstellen, (…) und Berichte, nach denen Reisende und ganze Fahrzeuge plötzlich darin verschwunden sind, erscheinen im Licht unserer Experimente glaubwürdig.

***

 

Es geht auf den Mittag zu, ich brauche, denk ich, eine Rast. Die weise Wüste weist den Ort: das Wadi der Verstrickungen, das wir bis übermorgen abend durchzogen haben müssen, liegt dahinter. Es ist von Gespinsten aus Legenden gesäumt, die von Ferne den Eindruck eines Waldes aus Geysiren, heißt es, vermitteln. Aber selbst Faisal war noch nie in der Nähe, hat von dem Tal nur immer, besonders in der Kindheit, gehört. So sind wir alle mehr als gespannt — und ich, nun jà, immer und immer noch bekifft. Und spüre solch eine Weichheit plötzlich, eine sich senkende Woge aus Kreislauf, ach eine solche Müdigkeit —

Ihr ANH

Oh Liliebste, Lilliste! ANH an Liligeia, siebenter Brief. Am siebenunddreißigsten Krebs- und zweiten Tag im zweiten Höllenkreis der Nefud, donnerstags nämlich, den 4. Juni 2020.


Berlin.Nefud, den 4. Juni 2020
Frank Martin, Messe für unbegleiteten
doppelten Chor (1922/26 | 1963)

5.31 Uhr]

Oh, wie war ich gestern fast den ganzen Tag lang – … nein!, Dir “wie bekifft” zu schreiben, wäre, Lilli, falsch. Vielleicht rührte mein Zustand nur daher, daß ich bereits mittags, nachdem ich von meinen beiden Arztterminen zurückgekommen war, zwei Tropfen des cagliostroschen THC-Öles in das Muldchen hinter meinem musculus gegeben und von dort weggesaugt, es aus der Haut gelutscht habe, was mir zusammen mit der wunderbaren selbst für Berlin fast schon Hochsommerwärme, dem blendend höllenhimmlisch Wüstenlicht über unsrer Andersstadt und vor allem meiner seit heute früh währenden wiederSchmerzfreiheit diesen nahezu dauernden Rauschzustand schenkte. Nicht, daß ich hätte, bewahre, Halluzinationen gehabt! Aber mein Kreislauf, so ist’s am ehsten zu erzählen, schwamm, und zwar, als ob er schwebte, unter Wasser also schwamm und gänzlich ohne Luftnot, wie wenn ich Kiemen hätte.
Ich hatte gestern Kiemen. Wär mir, meine Lilli, solch eine Erfahrung auch ohne Dich zuteil geworden? Das fragte ich mich mehrfach, zu vielem anderen hinzu Und muß Dir noch mehr zugestehen,als ich bislang schon tat.
Ja, Du hast mich drei volle Tage lang mit Brustschmerzen gequält, die sich vom THC nicht, nicht vom Dronabinol, sondern alleine noch von zweimal Gaben Novamins und auch dann nur langsam in den Griff bekommen ließen. Also hast Du getobt, und ich wußte den Grund. Wir wissen ihn beide. Du hattest Dich von der ersten Chemo leidlich erholt, deshalb konnte ich Dich wieder so tief einatmen fühlen, daß es neuem Tumorwachstum gleichkam, jedenfalls es anregte. Das erlebt der Mensch als Schmerz.
So hat es mir mein Körper erzählt, mit dem ich immer einig war oder doch nur selten nicht. Und was glaubst Du? Als ich es gestern vormittag Matthias Biebl weitererzählte, mit dem ich auf Dr. Faisals, ich meine Professor Jostings Rat das Drittmeinungsgespräch im Virchow-Klinikum der Charitè geführt habe,

[Frank Martin, Passacaglia für Orgel solo (1944)]

da konnte er nur bestätigen, daß es genauso sei: “Nach der Infusion wirken die Medikamente eine Woche lang kräftig auf den Organismus ein, dann schwächt es sich ab, so daß nach den vierzehn Tagen die nächste Salve nötig wird.” Das hast Du mich spüren lassen – was von Dir  nicht klug war. Denn es provozierte meinen Willen, Dich wieder ruhigzustellen in mir; so formulierte ich’s ja auch (wozu Du, klar, jetzt schweigst): “Sie muß mal wieder einen auf den Deckel kriegen”, eine idiomatische Wendung, die mir allerdings etwas unangenehm ist. Denn in unserem speziellen Verhältnis von Krebsin und Gemahl scheint sie meinen vorgeblichen Machismo leider zu unterstreichen. Vergiß aber nicht, daß der Angegriffene ich bin. Du könntest Dich auch ruhig verhalten, einfach bleiben, wo Du bist, auf weitres Wachstum und vor allem darauf verzichten, doch noch Kindlein zu streuen, es sei denn, daß wir uns gemeinsam anders entschieden und Du mir auch ein Sorgerecht gäbest. Dann würde ich’s mir mit der weiteren Chemo überlegen und vielleicht auch auf die große Operation verzichten, durch die ich allerdings, so Professor Biebl, recht gut kommen würde, meines guten Allgemeinzustandes wegen; “Ihnen kann man auch getrost eine etwas heftigere Operation zumuten” — was im Klartext, er ließ da wenig offen, die Resektion wahrscheinlich des gesamten Magens bedeutet; also nicht nur Du würdest herausgeschnitten werden und großzügig einige organische Umgebung, sondern es müssen halt auch die Lymphknoten des Magens weg, und zwar aus Sicherheitsgründen. Man könne nicht sehn, ob sie befallen seien, müsse sich von Wahrscheinlichkeiten leiten lassen umso mehr, als ein Magenkrebs, der zurückkomme, in aller Regel nicht mehr heilbar sei. Doch wie genau das Verfahren auszusehen habe, auch ob, wohin er, Matthias Biebl, tendiere, minimal invasiv oder mit radikaler Öffnung des Brustkorbs vorgegangen werden sollte, entscheide sich eh erst am Ende meiner präoperativen Chemotherapie, also nach dem dritten (meine, nicht seine Worte) Nefud-Höllenkreis. Dann erst sei ja zu sehen, wie sehr und ob überhaupt der Tumor geschrumpft sei; allerdings habe es eine Chemo wie die meine gar nicht so sehr auf Dich, Ligeia, abgesehen (weshalb Dein Wüten ein bißchen unnötig war, verzeih die leise, noch immer mitgeschleppte Kritik), sondern vor allem auf möglich sich bildende Metastasen. Die schössen wir schon im Vorfeld mal ab. — Du willst jetzt nicht im Ernst von Kindsmord sprechen, oder? Ich hätte so gerne noch, wie Du gut weißt, Kinder, weitere, gehabt. Aber, Lilli, für das Leben, nicht eine Totgeburtmaschine, wie sie → Giger und einige Zeit lang wohl auch → Fichte vorschwebte, als er ein noch junger Künstler war, von dem aber ich mich spätestens mit dem TRAUMSCHIFF gelöst habe. Womöglich deshalb, weil ich milde wurde, fandest Du den Weg an meine Magenpforte, wo seit der Kindheit mein Unglück immer schon zumindest mitbehandelt wurde. Nun, da ich aus neuen, mildgewordnen Augen sah, “die für die Literatur zu gutmütig” (→  Nabokov) waren, warst Du sehr verärgert. Du hast Milde immer als Schwäche betrachtet und Schwäche stets verachtet. Nein, das war kein Männer”ding”, sondern enorm weiblich: “Ich lasse kein schwaches Spermium an mein Ei” — oh die Biologie, die wir erst leugnen können, seit eine andere Fortpflanzungstechnik am Horizont schon leuchtet, im Wortsinn → τέχνη die überdies, so man Geld hat, höchst verträglich mit der Demokratie ist. Nur vergaßest Du, daß meine Wandlung das Ergebnis bereits einer eigenen Nahtoderfahrung war, einer freilich, die mir zwar poetisch widerfuhr, nicht physiologisch, aber durchaus nicht mit geringeren Folgen und vor allem sich über nahezu vier Jahre erstreckten, sozusagen, Vorfolgen. Die sind, meine Lilli, niemandem ein Vergnügen gewesen, auch mir nicht, schon aber gar nicht für die Löwin und wen immer auch noch meiner Lieben.

Aber so sehr Du mich nun auch gequält, mir jedenfalls deutlich zugesetzt hattest, spürte ich schon vorgestern vormittag dem Tröpfeln aus dem ersten der vier Infusionsbeutel an, wie Du Dich wieder zu beruhigen begannst – na jà: eher wir Dich Stück für Stück sedierten. So daß Du Dich einkapseltest, allerdings abends mit einer Überraschung aufzuwarten kamst, von der ich → dort schon erzählt habe. Inwieweit sie sich als Nebenwirkung ernstnehmen läßt, steht noch auf einem keinem eingehefteten Blatt. Die, kann ich das sagen? Schluckbeschwerden? sind auch nicht schlimmer geworden, haben sich eher abgeschwächt, obwohl mir gestern gesagt worden ist, es könne durchaus der Anfang einer Speiseröhrenschleimhautentzündung sein, gegen die man mit sofort etwas aufschreiben werde. Das Medikament werde von der Apotheke dann zusammen mit der Astronautennahrung direkt an mich geliefert werden, um die ich bei der Gelegenheit gleich gefragt habe. Denn die Freundinnen und Freunde haben mich damit bislang besorgt versorgt, weil ich so abgenommen hatte. Doch wenn’s das auf Rezept gibt … Und dann eben —

dann eben ging es, Lilli los. Schon auf dem Rückrad durch die Sonne begannen die Straßen weich zu werden, und meine Seele dehnte sich ins Licht aus. Gar kein Schmerz mehr, meine Güte! Es geht halt doch a bisserl an die Nerven, wenn man sich selbst beim Gehen zurückhalten muß und ist doch ADHSler-von-Berufung. Solange wir’s aushalten müssen, na, tun wir’s selbstverständlich auch, und zwar ohne Mucken, aber dann, wenn es vorbei ist — welch zweifache Genuß der Befreiung: zum einen vom Schmerz selber, doch das ist nur banal; spannender ist die Verdopplung durch  den Wegfall der inneren Haltung. Da sie nicht mehr nötig ist (oder lächerlich wäre, ohne noch Grund), beginnt das ganze Leben um dich herumzutanzen und reißt dich mit. Deshalb war es, als ich, Lilli, wieder an meinem Schreibtisch saß, ein sehr bewußter Wille zur Verstärkung, daß da bereits – mittags! – wenn auch nur zwei THC-Tropfen gönnte. Und wußte, daß ich Dich liebe.

Ja, Ligeia, Du liest richtig. Muß ich Dich wirklich Landra nennen, wieder? (Finden wir uns | so erneut?) – Noch ein altes Projekt, das ich schmählich liegen ließ. Gerade in dem warst Du bereits extrem zugegen. Und ich muß Dir abermals danken, weil mir so vieles nun klar wird, Du es für mich klar werden läßt. Du bist — laß es mich so sagen — mein Krebs, für keiner und keines anderen Körper noch Seele erschaffen, den Seelenkörper also auch meines utopischen, entgrenzenden Geistes, der uns schon zusammen entweder uns ins Unendliche verströmen (oh → die Romantik) oder ineinandergewrungen (oh, oh → oh Romantik) untergehen sieht — am Ende indes eines durchgelebten erfüllten, na gut: fast erfüllten, doch runden´und nicht aus Not oder Mutlosigkeit abgebrochenen Lebens. Und jetzt, mein Lilliliebst, erweist sich “die Frage” (als ob’s denn eine wäre) als eine ganz andere, die denn tatsächlich einen Lebensabschnitt ein-, nun jà, schon wieder sowas begrifflich Ermattetes: “läutet“, gegen das ich mich in den vergangenen fünf Jahren so vergeblich gestemmt habe und sicherlich, mit allen depressiven F9lgen, weiterstemmen würde, zwängst jetzt nicht Du mich mit durchaus derselben Gewalttätigkeit zum Einhalt wie ich meinerseits Dich mit meiner Durchquerung der Nefud. Schon hieraus ist zu erkennen, wie zugehörig wir einander sind, ausschließlich füreinander gedacht, Du Tumorin, ich Dein Haus, das Du wieder mit Licht, dem poetischen, statt mit organischen Schmerzen auffüllen mögest, wie Du’s bis vorgestern mir angetan und wahrscheinlich in etwas mehr als einer Woche antun erneut wirst, wenn’s auf den dann Dritten Nefudkreis der Hölle zugehen wird.

Die so höllisch aber auch heute nicht ist, am dritten Tag der zweiten Chemophase. Nachts, muß ich Dir erzählen, wachte ich gegen halb drei von dem Kribbeln in den Fingerspritzen auf, einer typischen “Neben”wirkung des Oxaliplatins, das vor allem in Kombination mit den anderen Zytostatika zu Neuropathien führen kann, die, liebste Lilli, so lustig nicht sind. Nur muß ich hier einfach wiederholen, daß dieserhalben ich | Grund zu klagen gar nicht habe; bislang steckt mein Körper den → “extremen Stresstest” extrem gut weg.  Was nicht Wunder nehmen muß, da ich mit Hitze schon immer gut klar kam, ja sie bei mir sogar eine Voraussetzung für besonders effektives Arbeiten ist. Ich muß es also witzig umdrehen, Liebste: Die Nefud tut mir gut. Wie wird es dann erst in Aqaba werden, wenn wir uns nicht nur fühlen, sondern einander gegenüberstehen werden! Und beieinander liegen? Ob Du mich entlöst? (Nicht “erlöst”, nein, wovon denn? Das Jammertal steht voller duftendem Oleander, unter dessen dichten Büschen von natürlichem Becken zu natürlichem Becken der Anapo rauscht; es ist ein Paradies und wird es, unsres, bleiben. Du fernstes, jetzt, Sizilien.)

Du entlöst mich von unmöglicher noch immer, immer Hoffnung., entlöst mich vom nochzeigenMüssen und einem Leid an der Irreversibilität des, Ligeia, Zeitstrahls, dem Du aber selbst entkamst, bei Poe; indes Du nun aus eignem Willen den Hals in seiner, des Strahles, Guillotine Mulde zusammen mit dem meinen legst, als nähmest Du nicht nur eines Sterbenden Hand, der auf dem Lager liegt, um ihn zu halten hier, solang es geht, sondern hättest schon selbst die Flügel Dir anspannen lassen, unter denen Du Euch hinaufschwingen wirst, wenn  nur die Köpfe erst gefallen. Und einst wie mein Vater, → was unvergesslich seine Freundin erzählte, fliegt Ihr als Vögel für immer durchs Fenster hinaus:

„Es entwich ihm, weißt du, ein Vogel – so leicht war er plötzlich, dein Vater. Ich hielt ihn, glaub mir, ich sah ihn.“
Bringen die Spatzen die Seelen wohl auch wieder heim in die Halle? Wo sie den Ruf ihrer nächsten, und besserer, Eltern erwarten? So im Bewußtsein zerstreuen sich alle, die Spatzen, die Seelen? Ging’s, Vater, s
o, daß man Dich schließlich befreite? Nun darfst Du, ein Samen schon wieder, nicht Spreu, ruhig erwarten, durch Guff gestreut, daß Dich auch will, wer Dich ruft?
Das bleibende Thier, S. 134

Um mich, mein Vater, solche Klage | mußt’ ich niemals führen und werd es auch nie müssen. Doch sollt’ ich auf die Krebsin hören — wie es doch immer meine Art war, mit Bedrohendem umzugehen: zu schauen, was ich an ihm mag und es mir einzutun, mich damit auszukleiden und uns zu amalgamieren. Wie es die Kunst seit jeher tut – die schärfste aller Gegnerinnen der Fremdenfeindlichkeit. Du bist mir, Lilli, keine Fremde.

Deiner
(Ob wohl auch ich Dich trösten könnte, einestags? In Dir umarm ich, wen ich liebe.)

[11.07 Uhr
Pettersson, Sechste Sinfonie]

Es hat geklingelt. Der Apothekenbote hat geklingelt, um die Gurgellösung anzuliefern. Drei Sätze Fresubin dabei — was nun noch eine Absurdität ist, die mir zumuten zu können Dich wahrscheinlich unentwegt vor Dich hingrinsen läßt. Da ich nach der Diagnose so abgenommen hatte, nahezu sechs Kilo, die aber eben unbedingt wieder drauf sollten, und mehr, haben mich – ich hab es schon erzählt – die Freunde auf ihre KOsten mit dieser “Astronautennahrung” versorgt. Billig ist das nicht. Aus Frankfurtmain kamen Päckchen von Do, und Ricarda Junge brachte welche mit dem Wagen. “Sie müssen etwas zuzusetzen haben!” hatte ein väterlicher, von sehr Ähnlichem betroffener und unterdessen geheilter Mann mir deutlichst zugerufen. Was ich auch einsah, ja, sofort. Bizarr ist nur, daß ich jetzt nach jahrelangem Sport Fett zusetzen muß, etwas, das ich an mir wie andren hasse, jedenfalls nicht mag. Mir ist es stets auf Muskeldefiniertheit (nicht auf -masse) angekommen und auf Kondition, auf einen, hätt ich gern gehabt, Pantherkörper. Gespannt wie eine Prosa, an du du deinen Pfeil gelegt und spnnst sie immer mehr, um ihn dann abzuschießen. Und aber jetzt — Fett? Ich? Wär’s nicht so verdammt ironisch, ich würd’ mich maßlos ärgern, weiß aber bereits, daß mein Körper es zur und nach der OP restlos alles aufzehren wird. Deshalb also strenge ich —ich! — mich an, Fett auf den Leib zu kriegen das ich zuvor nie haben wollte und möcht’s auch nach wie vor nicht haben. Aber, aber. Muß. Lilligeia, Lillili.

Du meine lilliste von allen.

“Kunst ist nicht relativ.” Statt eines Arbeitsjournales ein paar poetologische Anmerkung zum Krebstagebuch und zur Nefud. Mittwoch, den 3. Juni 2020: Krebstag 36, Chemo II/2.

 

[Arbeitswohnung, 5.34 Uhr
Allan Pettersson, Erstes Streicherkonzert]
[Vorschlafs nach quer liegenden Brustschmerzen 30
Tr Novamin plus 3 THC. Mit knappen Zweistunden-Unterbrechungen bis fünf durchgeschlafen und
– ab-
gesehen von einer sehr leichten Übelkeit, die an

eine kosmisch-persönliche Hintergrundstrahlung er-
innert – beschwerdefrei aufgestanden. In die Morgens-arbeitsklamotten, Latte macchiato, Schreibtisch.]

Erster Tag nach den → Chemo-II-Infusionen. Schon auf während der letzten zwanzig Minuten des knapp einstündigen Spaziergangs in die Praxis hat Li mich zu quälen begonnen, ein stegender, nach links und recht querer Schmerz, der nicht nur das Herz sich melden läßt (das aber de facto gar nicht betroffen ist), sondern auch das Gefühl vernittelt, daß man bald schon nicht mehr atmen könne. Es ist dies Einbildung, der Körper interpretiert lediglich sein ungewohnt schnelles Erschöpftsein — von einem Spaziergang, ich bitt’ Sie! kaum vier Kilometer sind es hin … Oh werde Liligeia deshalb schreiben, wollte es eigentlich eben schon tun, doch wäre der Brief nicht rechtzeitig fertig, um vor meinem heutigen Aufbruch, in zweieinhalb Stunden nämlich, bereits gelesen werden zu können. Auch Sie bekämen ihn frühestens am Nachmittag zu lesen, muß und will aber in dieser metaphorisch wüsten Zeit für eine kontinuierliche Leserinnenschaft sorgen, weil nur gelegentlich hier StöberndInnen die Anschlüsse entgehen müßten, die zum Verständnis, vor allem aber dem viel wichtigeren mitfließenden Fühlen notwendig sind. Es geht um eine poetische Komplexität, die sich mit der Komplexheit der Welt so auszubalancieren versteht, daß diese beiden Kinder auch Freude an der Wippe haben. — Wie dem nun sei, auf jeden Fall muß ich um Viertel vor neun aufs Rad, um ins Virchowklinikum der Charité zu radeln und mir dort auf Faisals, ich meines Onkologen Jostings, Rat hin Matthias Biebles Zweitmeinung einzuholen, wobei es mir eigentlich nur darum zu tun ist, mich für eine bestimmte Operationspraxis zu entscheiden, nachdem ich je Vor- und Nachteile abgewägt habe. Allerdings ist mir klar, daß darüber imgrunde erst gesprochen werden kann, wenn die letzte CT vorliegt, wie also wissen, ob Li sich operationswillig gezeigt hat … na gut, “willig” ist ein sicher nicht angemessenes Wort; imgrunde nötige ich sie. Jedenfalls werde ich ab Viertel vor neun erstmal weg sein; nach Professor Biebl muß ich auch noch zu Josting, um die Pumpe abzugeben, die ich seit gestern wieder am Körper trage, damit zur Tränkung Lillifees das Mittel nach und nach in ihn geträufelt werden kann.

Poetologisch also diese Anmerkung:
Was mich ein wenig schmerzt, ist, daß ich mit einem Prinzip brechen muß, das, abgesehen vom sehr bewußten und als Abwesenheit konstruierten “Fall Buenos Aires”, meine Arbeit grundlegend mitbestimmt hat: nämlich, egal, wie phantastisch des fertige Gebilde anmuten möge oder auch sei, nur von Orten zu erzählen, die ich tatsächlich gesegen, erlebt, in denen ich getrunken, gegessen, geliebt, mich vielleicht geprügelt habe, gleichviel. Ich muß mich mit ihm real ausgetauscht haben. Bevor wir etwas schreiben, sollten wir mit einer Hand die Erde berühren, am besten mit ihrer ganzen Fläche.
Dies werd ich nun nicht tun könnne, dort — in Aqaba, auf das doch alles hinauszulaufen scheint. In Aqaba wird die große Krebs-Operation stattfinden; gleichgültig, ob das Klinikum Sana oder Charité heißen wird oder gar MHH; auf metaphorischer Ebene wird es in Aqaba die Große Vereinigung geben, auch wenn es eine chirurgische Trennung sein wird; das gestern → dort eingeschleuste Venusbergmotiv macht es nur allzu deutlich. Vergessen Sie, Freundin, nie daß das erotische → Verschmelzungsmotiv ein Übergangsbereich vom Leben in den Tod ist, (“romantisches”) Todesmotiv eben auch.

Normalerweise jedenfalls suchte ich mir jetzt sofort einen Flug heraus, buchte ihn und recherchierter in der Stadt dreivier Tage lang nach den möglichen Spielorten udn dem, der es dann wirklich wird. Erst dann kann ich micht auf meine poetische Wahrheit verlassen. Nur, jetzt ist mir genau dies nicht möglich, zum einen der ja doch weiterhin laufenden Reieeinschränkungen coronahalber, zum anderen weil ich es nicht riskieren mag, irgendwelcher nicht vorhersehbaren Verzögerungen wegen die Chemotherapie unterbrechen zu müssen. Auch wäre schon zu wenig Zeit für eine Planung unter schlichten Alltagsbedinungen. Denn die OP soll ja nun schon im Juli stattfinden.
Gut, falls aus diesem Tagebuch ein tatsächliches, also materielles Buch entstehen sollte (Anfragen erreichten mich schon), was ich allerdings vom Ergebnis der Therapie abhängig machen will, werde ich die Reise nachholen könndieen, um daraufhin den Text insgesamt zu modifizieren, schon weil sich auch im Fall der FENSTER VON SAINTE CHAPELLE gezeigt hat, daß ein ästhetisch angemessener Übergang von Netz- zu Buchliteratur solcher Eingriffe dringend bedarf. Es ist nicht egal, in welchem Medium was und wie erscheint.

Weiters.
Metaphorik und “Realität” müssen im Krebstagebuch gleichwertig nebeneinander herlaufen, also die Fiktion der Metapher und die Fiktion der Realität; sie können und sollen austauschbar werden (nicht zu verwechseln mit der Realität-“selber” und der der Fiktion, die Geschichte, in die jene überführt wird – wobei diese, die Geschichte, so wenig voraussetzungslos ist wie der Krebs; beide haben lang zurückreichende Ursachsverläufe. Deshalb erzählte ich einen Film nach und erfinde keinen neuen). – In jedem Fall müssen die Ebenen der Erzählung nebeneinander gleichberechtigt dastehen, die Chemo als Wüstendurchquerung, die Briefe an die Krebsin und ihre Nachtbillets an mich, die bisweiligen nicht-verwandelnden – herkömmlichen, quasi – Arbeitsjournale. Jedes dieser Elemente soll von selber Wahrhaftskraft, “Wahrhaftigkeit”, sein (also die Illusion eines inneren tatsächlichen Geschehens auslösen, etwa, als sähen wir uns einen Spielfilm an); darüber hinaus sollen und müssen sie möglichst organisch ineinander übergehen können, ohne harte Schnitte: kein Cutup, sondern Modulation (Musik also, wie bei mir quasi immer; bildl.: Collagetechnik der unsichtbaren Klebung). Und indem ich die Chemotherapie – wie die, nun jà, Erkrankung (ich habe meine Zweifel; es könnte der Anfang einer Art Gesundung sein, die mir noch bis vor kurzem spinnefremd gewesen) – als ein Abenteuer begreife, muß ich eben auch begriffen haben, was ein Abenteuer ist: nämlich vor Hunger auf das Leben (eine Freundin schrieb mir zurecht von ihrer “Gier”) bewußt ein Risiko einzugehen, das den eigenen Tod mit einschließt. Genau das ist meine Ausgangssituation seit der Diagnose. Von ihr aus ein Abenteuer zu gestalten, das mit, nicht gegen den Tumor agiert, es zumindest unternimmt, weist mit Würde von sich, daß man ein Opfer sei. Wir sind es, Opfer, nicht; es sei denn, daß wir’s wollen. Was es leider, häufig, gibt.

Doch dazu, zum “Opfer”, schreibe ich Liligeia getrennt. Jetzt muß erst einmal wieder aufgesessen werden. Vor uns liegt der zweite Höllenkreis der Nefud, von dem zumindest soviel bekannt ist, daß er sehr viel heißer noch als der erste sei und Wasser noch viel seltener. Bis zum Abend müssen wir es auf den Paß der جبال الدم, “chiwal’odammi“, geschafft haben: Wir würden “des Blutgebirges” sagen, ein Name, bei dem einem schon ein bißchen mau zumute werden dann. Davon indessen später erst mehr.

Ach so, seit der Chemo gestern ein seltsames Kratzen im Hals, wann immer ich seither was trinke. Nur dann – nicht beim Essen, also Schlucken. Als rieben sich mit hoher Geschwindigkeit aufgebrochene, so sehr kleine Körner, daß ihre Minischeite nur um so spitzer sind, an miner inneren Speiseröhre. Seltsam. Wäre eine “Nebenwirkung”, von der ich noch nirgens gelesen habe. Nachher abklären. Jetzt aber erst einmal dieses durchkorrigieren, dann einstellen, mich umziehen und ab aufs Rad: nämlich zugleich mit den Gefährten in der Nefud. Simultanität ist ein poetisches Grundgesetz; deshalb hat ihre, der Dichtung, Wahrheit immer etwas Zeitloses an sich. Kunst ist nicht relativ.

ANH

Im Relais bei بجده : Aus der Nefud, Phase I (4). Geschrieben am Donnerstag, den 28. Mai 2020, in den Freitag – also heute, den 29. – hinein und eben einem Boten mitgegeben. Krebstagebuch, Tag 31 auf 32.

 

 

 

 

[صحراء النفود, 28. Mai Relaisstation bei بجده, was “Großvater” bedeutet, gesprochen ungefähr “Bijadewè”, das “j” wie “Schorsch”.
13.36 Uhr]

Wir erreichten “den Großvater” bereits gestern, lange noch vor Sonnenuntergang, hatten allerdings eilen, die Tiere ziemlich unbarmherzig antreiben müssen, weil es geheißen hatte, es sammle sich für den Abend ein هبوب, Habub, also ein für die Sahara ziemlich typischer, heftiger Sturm, der normalerweise den Sand selbst bei extremen Winden nur wenige Meter über dem Boden mit fortreißt, diesmal indes bis in fast einen Kilometer Höhen aufwirbeln könne. In dann so etwas mochte wirklich keiner von uns hineingeraten.
Dennoch, es war ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem mir nun wirklich einmal schlecht wurde, aber nur der Bewegung meines Dromedars wegen – mit dem ich andererseits unterdessen Freundschaft geschlossen habe; “mein Röhrerchen” nenne ich das Tier, weil es, wenn ihm etwas nicht paßt, höchst bezeichnende Geräusche von sich gibt, von denen ich einfach nicht herausbekomme, ob es sie nur im Rachen oder mit Rachen und Nase erzeugt. Man könnte sie ein gezogenes, bisweilen genervt aufbrüllenes “sonores Röhren” nennen. Doch hören Sie, liebste Freundin, am besten selbst, ich habe mein Aufnahmegerät ja immer dabei, auch hier in der Nefud. Wer weiß, vielleicht bekomme ich ja doch einmal wieder den Auftrag für ein Hörstück? Wie auch immer, ich wünsch(t)e es mir.
Nun indes voilà mein Kamel:

Jedenfalls da war der Name, Röhrerchen also, in der Welt. Wie Sie hören können (und bestimmt gleich schon dreimal wiederholt haben), hatte der Bursche entschieden keine Lust aufzubrechen  hätte sich vor dem Sturm lieber untergestellt, was zwischen den ausgeblichenen Granit- sowie den deutlich spröderen Sandsteinfelsen gut möglich ist, die allerdings seit der Antike schon stehen. Hinter solch einen also sich in den Windschatten ducken im Kreis seiner Liebsten und vielleicht sogar, wenn sie nicht hersehen, tun, was bei stürmender Gefahr sonst nur Straußenvögeln nachgesagt wird. Das hätt zu meinem “Röhrerchen” gepaßt. – Übrigens täuscht sein Diminutiv doch sehr; Röhrerchens Schulterhöhe beträgt über zwei Meter– und so gelassen schaut es auf seine Stuten hinab. (Tatsächlich findet das soziale Leben dieser stolzen Tiere in, ecco!, Haremsgruppen statt). Den überm Höcker befestigten Reitsitz habe ich Ihnen gewiß schon gezeigt. Falls nicht, dann also nunmehr hier:

Um darauf das Gleichgewicht zu halten, braucht es doch einige Übung — vor allem, wenn so plötzlich wie gestern zum Aufbruch, was sag ich? zum Lossturm aufgeblasen wird. (Natürlich wurde nicht “geblasen”: Selbst in der Wüste herrscht Gegender viel zu viel; Faisal, der ebenso korrekte wie entschieden moderne, war lange schon vor mir den correcten Lauf der Zeit mitgegangen. Er will sich wahrscheinlich nicht nachsagen lassen, zu den “alten weißen Männern” zu gehören. Da er ziemlich dunkelgebrannt ist –  seines fast ebenhölzernen AlecGuiness-Anlitzes Schnitzwerk tat ich ganz sicher schon Erwähnung –, muß er es kaum befürchten. Das “weiß” ist schon mal weg.)

Tief nordwest nun aber schon ballte sich am Horizont das Blauschwarz eines zorn’gen Passats gen Osten herüber, und immer wieder kam es mir vor, als blitzen darin Milliarden Atome aus in den hochgeputschten Sanden gelösten Metallen — in solcher Entfernung ganz sicher eine, also meine Täuschung. Dennoch, wir mußten in die Sättel, Dr. Faisal, sein, ich sage einmal, Leibknecht Lars ibn Gamael, ich selbst sowie die andern acht, die uns begleiteten (Barbier, Koch, die beiden Kamelpflegerjungs, der Sanitäter aus Medina und zwei Trägerscouts) – mithin eine veritable Kleinkarawane, deren Zentrum allerdings ich blieb, mit Faisal als meinen Leibarzt an der Seite. Es geht ja nicht mehr gegen “die” Osmanen, sondern eigentlich nur → Li, die nun schon → wieder nicht zufrieden ist und von der ich weiß nicht mehr welche Legende erzählt hat, sie habe ihre Heimstatt in Aqaba und dies ihr Domizil mit vier Höllenkreisen umschlossen. Deren erste Relaisstation wir, kämen wir denn endlich los, am Abend erreichen wollten. Und ja tatsächlich erreichten. Wobei ich für unsren vor den geblähten Monsterbacken dieses drohenden Sandpassates einherstürmenden Relaisritt dennoch Lawrence selbst zitieren muß, demzufolge wir uns gerade in dieser Situation “winzig klein” fühlten, “und unser Vorwärtshasten durch solche Unermesslichkeit war fast wie ein Stillstand. Kein Laut war zu vernehmen, außer dem hohlen Echo der polternden Steinplatten unterm Tritt der Kamele und dem harten Rascheln des Sandes, der vor dem heißen Wind langsam nach Westen zu über den rindenartig verwitterten Sandstein hin kroch.“ Aber er erreichte uns, der Sturm selber, erst, als wir die Zuflucht schon gefunden. Dennoch versetzte er uns in Panik — als kämen wir hier niemals wieder hinweg. Es war ein Brüllen, schlimmer, viel schlimmer als Röhrerichs, war ein unentwegtes, die Gehörgänge zerreißendes Pfeifen, war sogar das Prasseln zentrifugaler gleichsam Sandschleudern gegen die geweißten Wände der Station, und nicht selten kreischten sie entsetzlich auf, denn es war, als schnitten sie sich ins aus bedachtem Grund wenige, doch schußsicheren Glas der Quaderseitenfenster. Derart tobte ein جنيweiß berliozscher Songe d’une nuit du Sabbat. Doch als ich heute sehr früh hinaustrat, war von alledem nichts mehr zu merken, ja schon nachts, was in der Nefud etwa 22.30 Uhr für ich bedeutet, so daß ich mit Leichtigkeit um fünf von meinem Lager rolle, und bestgemut – also schon nachts ließen mich die unterdessen drei, bzw. bereits vier Tropfen THC-Öls das Wüten draußen fast vergessen. Als ich um halb drei erstmals zwischenwachte, war der Sturm schon selbst nur Traum, und heute früh erglänzte die Wüste in psychedelischstem Rot.

Ich schritt ein wenig aus. Es war noch Zeit. Meine indischen Sandalen stäubten den Sand, lauter Fahrwasser-Trömbchen im Windzug von Gang und Thawb (ثوب, Gewand). Faisal hatte mir bereits gestern gezeigt, wohin ich heute vormittag kommen müssen; doch nicht vor  zehn, er und Gamael hätten erst ein paar Vorbereitungen zu treffen, vor allem die Funktionalität der Geräte zu überprüfen. Zwar, Araber seien in medizinischen Belangen gewiß versierter als ihre christlichen Kollegen, doch Napoleon Bonapartes Marsch durch Ägypten wirke weiter bis noch heute, böse weiter. Die arabische Welt habe ihr Selbstvertrauen da verloren (deshalb übrigens auch die dem Biedermeier abgeguckte fundamental-rigide Sexualmoral); der – bis heute typisch für die kolonialen Mächte  Sykes-Picot-Betrug habe es nicht besser gemacht.
Im Vergleich mit der unseren verläuft die Zeit im Orient nicht minder anders als, noch einmal differierend, → in den Oasen ihrer Märchen.
Bis zehn war also noch Zeit. Ich war nicht einmal nervös, hatte und habe einfach das Gefühl, daß der Tumor schon geschrumpft sei und die Nefud ihm also bereits gutgetan hab, was natürlich schlechtgetan heißen muß, aus Liligeias Perspektive. Auf deren Nachtbillet ich morgen antworten will, eingehend, wenn wir bereits auf dem Weg zum zweiten Höllenkreis unterwegs sein werden.

Entfernt pulkten vierfünf voneinander separierte Dromedarharems; in ihrem einen deutlich gegen das Morgenlicht erhoben, reckte sich mein Röhrerich. Doch kam mir der Name jetzt lächerlich vor; ich will das Tier wirklich nicht beleidigen, werde ihm heute noch eine andere, tatsächlich arabische Ansprache geben. Kara ben Nemsi hatte benamst ja nur ein wenn auch höchst berühmtes Pferd; El Aurence wiederum hinterträgt uns die möglichen Namen seiner Kamele nicht, oder ich habe die entsprechenden Stellen → in dem enormen Buch vergessen. Ich werde nachher auch diesbepaarzeht Faisal um Rat fragen — der sich jetzt aber erst einmal auf Liligeia konzentrieren soll.
Es war aber noch immer Zeit, ich hatte Lust, mich zu setzen, einfach in die steigende Sonne, mein Gestirn, zu meditieren und – derart nachdrücklich zum ersten Mal wieder seit ich’s “gesteckt” habe, also nach sechsundzwanzig unterdessen nur noch leidlichen Entzugstagen – zu rauchen. Ach, eine Zigarre jetzt, wenigstens einen Cigarillo! Und doch, wie froh ich war, nichts dergleichen bei mir zu haben. Und die strohigen Zigaretten unserer Helfer lockten mich nicht.

Ah, jetzt wird’s aber Zeit. Aus dem Bodensitz hinauf, mich strecken, meinen hellen Thawb zurechtgezogen, wieder in die indischen Sandalen und langsam zum Eingang der Station. Wobei ich mich nun doch über den hauchigbauchigen Schaum wunderte, der den längst wieder verwehten Pfad wie eine Schneegischt bedeckte, die ganz offenbar der nächtliche Sturm neben dem vielen Sand mitgeführt hatte. Von immerhin diesem war keine hundert Meter weg eine riesige Düne neu entstanden. Und auch sie war von diesem Schaum bedeckt:

Woran ich allerdings am interessantesten finde, daß es auf frappierende Weise einem Bild von Anselm Kiefer ähnelt, → dem da nämlich (im unteren, dem Boden!teil).

Derart in Gedanken trat ich ein, die Pforte war nicht verschlossen, und ich hatte mir die nun zurückzulegenden recht engen Gänge gut eingeprägt, fand deshalb leicht ans Ziel, wo mich Faisal auch schon erwartete und, während mich Lars (ibn) Gamael erst einmal auf die Waage stellte (mit Schuhen, Hosen, Hemd 73,5 kg, also runden 72), den Ultraschall vorbereitete, zu dem ich mich endlich auch begab und legte, nachdem noch eine tiefverschleierte (ob nur Coronas halber, erfuhr ich nicht) Helferin mir zwei Röhrchen Blutes abgenommen, dessen erste Werte allerbestens waren.
Nun läßt sich noch die schönste Krebsin im Ultraschall kaum sehen, doch aus dem Umstand, daß ich keinerlei Schluckbeschwerden mehr verspürte, schien es Faisal nahezuliegen, bereits auf Erfolge zu schließen, die unser Ritt durch die Nefud in nur einer einzigen Woche erbracht. Er wirkte mehr als zuversichtlich und war jetzt, nach meinem Bericht, sogar mit dem THC-Öl einverstanden, das mir लक्ष्मी mit Hilfe Cagliostros besorgt; ich möge nur bitte, wenn ich denn wieder Schmerzen hätte, nicht den Lawrence spielen —————————

“Was ist der Trick?” – “Es gibt keinen.”:

—————————, sondern mich des Novaminsulfones bedienen. “Ihr Schmerzgedächtnis wird es Ihnen danken. So, und jetzt mal locker bitte, wird kurz kalt.” Was mich an dem Foto aber nervt, ist, daß das um den Nabel herum wegen der Laparoskopie rasierte Haar immer noch nicht nachgewachsen ist, so daß ich fast schon denken mußte, es sei nun sozusagen vor-ausgefallen. Da aber Faisal nichts sagte, schwieg auch ich.
Doch, er sagte was: “Das sieht ja alles gut aus. Und die übrigen Laborwerte bekommen wir heute gegen Abend. Lassen Sie uns deshalb diesen Tag dem Insichgehen widmen. Vielleicht machen Sie mich später ja erneut mit einer für mich neuen Musik bekannt, die aus dem Dschanna ruft.”

 

[29. Mai
صحراء النفود, 7.13 Uhr
Relaisstation bei بجده.
72,2 kg]

Wir sind doch über Nacht noch geblieben, nicht bereits nach meiner Untersuchung aufgebrochen. Nach nunmehr vier THC-Tropfen zur Nacht erstmals komplett ohne Unterbrechung durchgeschlafen. Aber daran werden auch, von gestern, die guten Ergebnisse mitbedankt werden müssen.

So … – Witzig: Röhrerich ruft mich … er röhrt (“sonor”), soll das heißen, nach mir. Er nach mir! Ich lasse ihm den Namen vielleicht doch.

[Arbeitswohnung, 7.38 Uhr
Georg Friedrich Händel: → Alcina]

Was ich aber noch vergessen habe: Heute wurden wir bewaffnet – wobei es eher angemessen ist, von einer geradeu Aufnötigung zu sprechen. Natürlich wollten die allzu, schien es mir, Besorgten ihren Schnitt machen. “Unterschätzt nicht die Gefahr!” Der Weg zum Eingang des zweiten Höllenkreises sei ständig von Banditen bedroht. Wobei ich nicht wirklich eine Ahnung habe, wie mit Gewehren umzugehen. Liligeia, oh, was Du mich alles lernen läßt! Ich fühl mich fast → an Arndt erinnert.

Ihr ANH

Schmelings Oase: Aus der Nefud, Phase I (3). Geschrieben vom sechsten bis siebten Morgen, nämlich des Krebstagebuches sieben- und achtundzwanzigster Tag.

Wer hätte dieses je geglaubt? In einer Wüste Mittendrin! Wo sonst nur Sand und Sand und wenig Sukkulenten … da … da … — Lilifee-Kastanien! Wie ausgemalt von meiner Lili, da sie noch keine fünf gewesen – also die in ihr lebende Sídhe oder Sirene, ich bin noch uneinig mit mir.  Nur ist → ihr Körper jetzt nach wie vor noch keine fünf. Sonst wär ich doch schon hopp …

Aber dieses, dieses das Tor. Anders, erklärte Faisal, als sich hier durchzubeugen, komme niemals jemand herein. Daß die unfaßbare Oase allerdings nach einem deutschen Schwergewichtsboxer benannt worden sei, habe gewiß nicht Allahs Zustimmung gefunden, doch leider, vor 1917, des Osmanischen Reiches; was umso bezeichnender sei,  als der spätere Weltmeister da noch keine zehn Jahre alt gewesen sei.  Woher wußten die Türken also um seine erst folgende Bekanntheit? – Faisal murmelte etwas von einem “alten Berge”, gab aber sonst keine Antwort. Es war angesichts solcher Schönheit auch völlig egal.

Aber eins nach dem anderen.

[Montag, 25. Mai 2020, 9.29 Uhr: Zwischenhalt (für den Mokka und zur Orientierung);
Aufbruch morgens: 6.36 Uhr]

[Aus fernster Ferne: Henze, Streichquartett Nr. 4 (1976)
Kamelröhren. Auf die Smartphones schauen: Kompasse und Uhren vergleichen]

[70,5 kg – also vier der zuletzt verlorenen Funde wieder drauf. Beruhigend. Dafür wirkte das THC-Öl nur noch bedingt. Es riecht seit vorgestern abends auch seltsam – wie Japanisches Heilkräuteröl, nicht die Spur mehr nach Marihuana. So bereits um halb drei Uhr nachts aufgewacht und dann eben doch, weil die heutige Tagespassage anstrengend zu werden sei es verspricht, sie es droht, eine halbe Zolpidem geschluckt, die bis halb sieben.mich weiterschlafen. Doch wie auch immer, erneut komplett beschwerdenlose. aufgewacht. Nicht die geringste “Nebenwirkung” der Nefud mehr.
Dennoch, mit dem Öl stimmt etwas nicht. Wie hat es Cagliostro hinbekommen, daß es so schnell die Aura wechselt? Oder liegt es an mir, an einer Veränderung des Geschmackssinns? Da ich Faisal dazu nicht konsultieren darf, der, wie mir Lars ibn Gamael, sein vertrauter Diener, steckte, auf im weitesten Sinn “Drogen” nicht gut zu sprechen sei, muß ich auf die nächste Möglichkeit, eine Lappenschleuse zu erwischen, warten, um es direkt mit लक्ष्मी abzuklären.]

[Ah, erneuter Aufbruch!]

Darüber konferierte ich gestern lange mit meiner Contessa: Wie sich mein Schönheitssinn geschärft, etwa, wenn ich spazierengehe. Selbst hier, in der Wüste, erkenne ich die Schönheiten der Straßen, Häuser, Parks Berlins — hier sogar besonders. So ist es mir selbst auffällig, mit welcher Freude ich derzeit flaniere (habe mir überdies einen hübschen Gehstock gestern ersteigert; in der Nefud zwar nicht sehr sinnvoll, doch in den Folgen meiner Heimkehr um so mehr). Und ich spaziere umso lieber herum, als mich die Nebenwirkungen fast gar nicht anrühren, die nach allem, was ich vor meiner Nefudreise gehört und mit betrachtet habe, viel eher Kollateralschäden zu nennen wären, und zwar massive: Den Hauptterroristen weggebombt, fünfundzwanzig Leute aber mit ihm, die halt zum falschen Zeitpunkt da gewesen: Kinder sowieso, auch ein paar Alte, die eh bald weggewesen wären, doch leider auch noch junge Pärchen, um von Mägden und Knappen zu schweigen, die sich als künftge Konsumenten recht gut geeignet hätten. Blöddas, doch cioè la guerra.
Daß wir vom Tod Befallenen Schönheit ganz besonders wahrzunehmen verstünden, erklärte mir die Contessa, sei aber doch bekannt. Es ließe sich fast  als ein Symptom der Krebsdiagnose-selbst verstehen – etwas, das wiederum mir völlig neu war. Ich hatte es lediglich bei meinen Gängen bemerkt, und jetzt, ich meine: gestern nachmittag, bekam es märchenhaften Glanz.
“Es ist ein Geheimnis”, erzählte Faisal leise, sein schöngeschnitztes Männergesicht regungslos wie üblich: ein dunkelsamtig lasiertes Holz, aus dem der gepflegte Prophetenbart nicht sprießt, nein, eher, ich sage einmal, stehend fließt.  “Es ist ein Geheimnis, wie ineinander die Welten – sämtliche – gehören. Geht es Ihnen gut? Fein. Dann lassen Sie uns absteigen und zu Fuß weitergehen.” Sich umwendend: “Gamael!”
Schon folgte auch der Diener, indes ich ja noch die heikle zweite der Sitzungen vor mir hatte, von denen ich → gestern Ligeia geschrieben. Und die eben hier, in dieser Oase, stattfinden sollte, bzw. tatsächlich mußte. Es war dafür einfach genügend Wasser vonnöten.

Aber schauen Sie, wir klettern über diese Düne, kommen oben an, ich nehm noch eine Hand voll Sand, den ich durch meine Finger rieseln lasse (meine Art, die Erde zu küssen), richte mich wieder auf …

— und sehe, was ich, geliebte Freundin, Ihnen schon zu Anfang dieses Journales gezeigt:

Und dahinter, in voller Weite, das:

 

 

 

 

 

 

 

Man muß mit solchen Wechseln umgehen, muß sie durchschreiten können, um wirklich in dieser unsrer Welt zu sein. Da wird das Wort “Fremdheit” dann plötzlich zu dürr, zerfasert auch schon in der Brise, die an diesem Sonntagnachmittag durch die Max-Nefuder Schmeling-Oase blies, durch unseren Sonntag, Dr. Faisal Jostings, seines Dieners Lars Gamaels sowie dem meinen (der ich dennoch dauernd nach einem angemessenen Häuschen schaute); außerdem brauchten wir neue Gummihandschuhe, im Zweifel besser auf Vorrat. Es würd sich doch wohl hier ein gutsortiertes Späti finden. Andererseits durften wir uns in der Zeit nicht verlieren, denn zu dem von Faisal so genannten “Geheimnis” gehört auch, daß sich Oasen (und überhaupt Orte wie diese) unversehens wieder verschließen können: Sie schlüpfen in die Zeitfalte zurück, aus er unser Sesamöffnedich sie gelockt hat, und stecken wir selbst dann noch drin, finden wir nicht mehr heraus, sondern werden von den nächstem gefunden, aber längst gestorben dann, die die Öffnungsformel wissen. Insofern war wegen meiner Erledigung denn doch ein wenig Eile geboten. Dennoch, es blieb sogar – alles in der Nefud, vergessen Sie dies nicht! – Zeit für ein, ich schreibe mal, italienisch-deutsch-syrisches Speiseeis in der Waffel. Corona, jedenfalls, hier, war nicht einmal zu ahnen.
Es ist ein großes Privileg Berlins, ja zeichnet sie aus, diese Stadt, daß sie keine modischen Vorurteile kennt; man darf hier morgens auch in Bademantel und Puschen zu seinem Bäcker schlurfen, ohne daß irgendjemand stehen bleibt und gafft. Also fiel auch Faisal nicht auf, während meine hautkutüre Exzentrik ohnedies in das Stadtbild gehört — und ich gebe gerne zu, es jetzt, in meiner neuen, an sich ja beklemmten Situation höchst bewußt wieder auszukultivieren, wie ich’s einst, in meiner Frankfurtmainer Zeit, schon getan habe, dessen in Berlin aber müde geworden war, weil der Stil des persönlichen Aufzugs hierzustadt keine und keinen int’ressiert, jedenfalls nicht wirklich. Das ist befreiend, macht aber die Inszenierung der Kleidung politisch ziemlich sinnlos; statt dessen wird sie zu einem beliebigen Spiel, das nur noch Zugehörigkeiten aufzeigt und aufzeigen will. — Nun allerdings, mit meiner Diagnose: nämlich angesichts der ungeheuren Li, füllt sich die Inszenierung mit Sinn wieder an, läßt sie sich anfüllen, und ich spüre es bei jedem Spaziergang. “Das ist mal ein eleganter Mann!” riefen drei Osmanen aus, die vor dem Aufgang zum Birkenwäldchen taten, was Allah so nicht sehen sollte. (Und Faisal übersah es, arrogantfeudal; na sowieso, “die” Türken … ) – “Oh”, entfuhr es drei Mädchen, die  mir oben entgegenkamen (und die nun ihrerseits Faisal nicht sahen, aber Gamael wahrscheinlich ebenso wenig). “Das ist mal ein Style!”
So geht’s momentan quasi ständig. Ich muß nur runter vom Kamel (was für die Arbeitswohnung fort vom Schreibtisch und hinaus! heißt), drunten durch den ersten Hinterhofsausgang, die schwere Tür, die aber nicht mehr so wie zu → THETISanfang quietscht, aufstemmen und erhobnen Kopfes auf die Straße treten, um weiten Schrittes und rechts geworfnen Gehstocks auszuschreiten. – Der, den ich gestern orderte, wird so aussehen:
Sie müssen das, bitte, Freundin, verstehen; es ist ein Ausgleich, ein neues Gewicht, auf die leere Balance meiner Zukunft zu legen, dem Sitz auf meiner Seite der Wippe unsres Lebens zu, das nun Verzicht zu leisten hat, wo’s das nicht will … — noch etwas, das ich Ligeia → einfach so stehen ließ, ohne dagegen noch aufzubegehren (es wäre nämlich arg zu sinnlos): Die Nefud, gar kein Zweifel, schädigt die Keimdrüsen. Die Notwendigkeit ihrer Durchquerung ist deshalb wahrscheinlich eine rein logische, also ausgesprochen kalte Folge der Entwicklungen vorher, als ich ohnedies von meiner Hoffnung Abschied nehmen mußte, noch einmal Vater werden zu dürfen — Sie wissen, Freundin, wie sehr mir das zugesetzt hat. Jetzt, das es mir immer noch zusetzt, macht die Nefud schlichtweg Nägel mit Köpfen, indem sie die Nägel einfach aus mir rauszieht.
Auch dieser Punkt geht deshalb an Ligeia. Mir dagegen beschwichtigend zuzusprechen, nun wohl, so mußt du niemals mehr Präservative benutzen, wären der Füchse unter den Trauben denn doch ein paar zu viel. Der Schmerz drob, in Wahrheit, wird mir bleiben – doch als ein unumkehrbarer, irreversibler. Weiterhin gegen ihn anzuzürnen, wäre wie der Wutausbruch über eine Sturmflut oder eine Strafanzeige, die ein Erdbeben anklagt und Schmerzensgeld da herausschlagen will. Statt dessen, wenn es kalt ist, dann zieht man sich was an. Ich geh mit Gehstock wieder. Und Ligeia schafft Endgültigkeiten, wo ich noch Jahre hätte hoffnungslos gehofft. Es ist auch Recht an ihr. Ich werd das nicht verleugnen.

(Wieso aber fällt mir das alte Wort “Hagestolz” jetzt ein? → Kluge, spannend: (< *9.Jh., Form 13.Jh.) […] Die mittelhochdeutsche/neuhochdeutsche Form ist sekundär an stolz angeglichen. Die deutsche Bedeutung ist im Prinzip “unverheirateter Mann, Junggeselle”, die nordische und englische eher “junger Krieger”. Die Bestandteile sind offenbar Hag und die Entsprechung zu gt. staldan, ‘besitzen’ – alles weitere ist unklar und spekulativ.) Wiederum “stolz”, sehr hübsch: (< 12.Jh.) Mhd. stolz. mndd. stolt, auch afr. stult, Herkunft unklar – vielleicht zu Stelze im Sinn von ‘hochtrabend’. Auch eine Entlehnung aus l. stultus, ‘töricht’, ist denkbar setzt aber einen ungewöhnlichen Bedeutungswandel voraus. Abstraktum: Stolz. Verb — und darum geht es hier ja grade — : stolzieren.)

Die Kastanienbäume waren berückend, berührend, becircend, ach meine Freundin (ach auch Ligeia, erregendste Feindin meines, und zwar in ihm, Bluts). Dagegen war der Flieder dieses Jahr nur jung, weil im zweiten Hinterhof aus mit schleierhaften Gründen furchtbar zurückgekappt, -geschnitten. Dabei sind es mal, aus Flieder, Niagarafälle gewesen – da schrieb ich damals dieses Gedicht (heut steht’s im UNGEHEUER MUSE):

Sommermorgens westwärts
Berliner Hinterhof 2008

„die Augen sind nestwärts gewandt“
Strittmatter

Die Tauben gurren auf dem Hof
Der Flieder blüht in schweren Dolden
zwischen den engen hohen Häusern,
die nach altem Deutschland riechen

Noch steht die Bank in der siechen Farbe
kariöser Zähne dicker Mütter,
deren Männer aus dem Mund
nach ihrer Wäsche Grobripp müffeln
und Beuteln für die Butterstullen
zum billigen Bier bei der Sause

Wo in der Mittagspause Kumpels
am Sonntag ihre Hoffnung grillten,
lackieren heute junge Frauen
plaudernd ihre schicken Zehen
im Graskraut auf den Stühlen
bei Latte macchiato und Aperol Spritz

Nur Morgens krakeelen noch Elstern
die mit den wehen Schnäbeln
gleich Säbeln den Nachlaß durchwühlen
dann krächzend westwärts flattern

___

Zweitausendacht, meine Güte! Aber bei den Kastanien muß ich an den Fehler in BUENOS AIRES.ANDERSWELT denken, den mir Bruno Preisendörfer zurecht sehr dick aufs Brot seines Feuilletons strich. Er mochte das Buch, anders als den WOLPERTINGER, insgesamt nicht; wahrscheinlich den ganzen Entwurf → dieser “Anders”welt nicht, war damals aber selbst im Aufbruch, von einem der besten der einmal werdenden Literaturkritiker zu einem, nun jà, Schriftsteller-selbst zu werden … also er warf mir zurecht vor, daß mitnichten noch im Juni Kerzen auf den Kastanienzweigen stehen, wobei andererseits im Buch direkt eingewendet wird, es sei doch erst Mai, ein Monat mithin, an dem diese Kerzen keine Fehler wären, davon ganz abgesehen, daß in der dritten Zeitebene des Romans soeben der furchtbare November anhebt. Deshalb komm ich grad drauf, weil auch hier die Zeiten divergieren, in allen Zauberoasen wie in allen Hügelstätten. Mal geht’s ineins, mal nicht..

Doch wie auch immer, Mai. Jetzt, noch. Im Zaubergarten der Nefud. Und aber Kerzen auf den Zweigen, deren Blüten freilich bereits ockern eingewelkt; schon schneien sie als Flockenflut zu einer grauen, braunen Flur herab, aus der sich der Kastanienbaum erhebt wie aus gefallnen tausend Bienen, die heute schon der Herbst ge-,nicht “poppt”,sondern –popt. Und dann wieder dreh ich mich um, hinter mir die Wüste:

… dreh mich zurück … — und sehe dieses nun:

Wer denn wohl, selbst wenn er “gehen” müßte, tät es hier denn gerne nicht? Und wenn Faisal recht hat, daß sich die Zeitrelationen nur für den Momentraum der gegenseitigen Öffnung synchronisieren, um, sowie die Dimensionen wieder impermeable werden, umso heftiger zu differieren, ja auseinanderzuexplodieren (wie im übrigen mein Darm, wenn ich nicht gleich was tu, sehr schnell, dagegen) … — wenn Faisal also recht hat, wer sagt uns denn, daß wir nicht, stecken wir in der Oase quasi fest, für Ewigkeiten leben, wenn sie sich schließt, und öffnet sich der Zaubergarten eines Tage wieder und man findet allein noch unre Skelette, dann mögen die indessen schon vor Jahrhunderten dahingegangen sein. Aber … oh, da … “Schaun Sie”, ganz ohne Ausrufezeichen Faisal.
Eine Hütte, und draußen war ein Schlauch geringelt und niemand in der Nähe.
Ich nickte meinem Leibarzt zu, der sich dezent zurückzog; dezent, auf den spitzen Schnäbeln seiner roten Schnabelschuhe, huschte der Diener hinterdrein. Damit mit diesem Thema endlich Schluß.

*

Es wurde Zeit, den Rückweg anzutreten. Gummihandschuhe mußten noch besorgt werden, sicherheitshalber. Was aber in der Oase kaum ging, doch außen, es gab einen durch einen hohen Zaum markierten Zweitausgang, da wohl … Ich konnte auch geachtelte Industriebautchen erkennen und las mit einem Mal den Schriftzug

, was mich auf → meine Sashimi-Idee brachte, von der ich Ihnen Freundin, → schon gestern abend geschrieben und nun die dort versprochene Erklärung nachgeliefert habe. Dann tatsächlich ergatterte ich noch Filets von Lachs und Victoriabarsch, die wir selbstverständlich ziemlich sorgsam kühlen mußten; wir erstanden also, bevor es in die Nefud zurückging, nicht nur auch die Gummihandschuhe noch, sondern zudem eine besondere Hightechtüte für Gefriergut, die ihrem Dienst auch wirklich nachkam.
“Wie gehn wir? Außen herum?” Doch woher sollten wir die wirkliche — wahre — Ausdehnung dieses Zaubergartens kennen? Wir hätten uns möglicherweise werweißwohin verirrt. Drei Bücher habe ich über sowas geschrieben! Und mußte deshalb warnen.
Was gar nicht nötig war; Faisal von sich aus schlug vor, genau den Weg zurückzunehmen, den wir gekommen waren. Und so taten wir’s denn auch, ließen die Kastanienpforte hinter uns — sie schloß sich mit leisem Rauschen wie ein Riesenlid —, noch stand die Sonne ziemlich hoch und bei den drei Kamelen (Faisals, ibn Gamaels und meinem) der den Parkplatz besorgende Sandlungerer, dem wir sie anvertraut hatten. Dreimal schnalzte er um Bakschisch, mehr, mehr, mehr, gib mehr. Erst nach wir ihm gewährt, wes’ er verlangte, führte er unsere Tiere herbei. Und aber, als ich mich auf meines, das sich – ohne sich aber ganz zu legen – in die Vorderbeine tief hinabgebeugt hatte, hinaufschwingen wollte und es schon tat, und schon kam auch das Tier vorn wieder hoch, da ging mit einem Mal ein Reißen durch mein Becken, daß ich momentlang keine Luft bekam. Genau im Kreuz, genau die Beckenmitte. — Was ist denn das?
“Sie sind es nicht gewöhnt, auf dem Kamel zu reiten”, erklärte Faisal. “Es war ein bißchen viel.” Womit er freilich recht hatte, auch wenn ich zumindest für Berlin weiß, daß solche Rückenschmerzen auch eine “Neben”wirkung meines Chemostoffes Oxaliplatins sind, also mit Lawrence of Arabia weniger zu haben, als mir recht sein kann. Doch als ich dies einwandte, sehr viel später, bereits am Feuer vor unseren Zelten, zuckte Faisal nicht mal mit den Schultern. “Wo ist denn da der Unterschied?” fragte er lediglich.
Er hat auch völlig recht. So daß nur eines noch für diesen Tag zu klären war; ich mußte dringend लक्ष्मी erreichen, weil Faisal ja nichts wissen darf, also vom THC. Weil, wie eine Freundin, deren Brief mich als Email erreichte, schrieb, Medizinerin sie selbst, wir beide wüßten, “dass es sich hier im Wesentlichen um pharmazeutisch-finanzindustrielle Komplexitäten handelt, wenn sich das Eine gegen das Andere durchsetzt”, was die schulmedizinisch-pharmakologische Therapeutik gegenüber allem meint, was nicht fest genug in der Hand der Wirtschaftsführer (und -führerinnen!) liegt. Gerade die teuren Chemotherapien stehen hier im absoluten Focus. Darüber indes ist mit Faisal nicht zu sprechen. Doch gestern abend kam keine Satellitenverbindung mehr zustande, so daß ich eigenentschlossen meine Dosierung von dem einen auf drei Tropfen erhöhte und  ________________]

[26. Mai, 8.34 Uhr
Stenhammar, Sechstes Streichquartett d-moll]

[________________ tatsächlich bis 5.56 Uhr problemlos durchschlief. Auch beim Erwachen, außer leider noch immer dem Rückenschmerz, einem hellen, pochenden, keine Beschwernisse, und ich hoffe, dieses neue verläßt mich bald wieder. Sonst werde ich, zumindest für meine Spaziergänge, doch wieder Novamin nehmen müssen. Was ich gern vermiede. Doch werden’s die beiden heute und morgen vor uns liegenden, besonders langen Reittouren mir möglicherweise abpressen, bevor wir die Ralaisstation dieser Nefudphase erreichen, wo Faisal alle Gerät hat, um seine ersten Kontrollen an mir durchzuführen und danach, vierfünf Tage später, in der Nefud zweiten Höllenkreis mich einreiten zu lassen.
Prima wiederum; ein weitres neues Kilo drauf, 71,5 heut früh. Der unentwegten Abmagerei scheine ich also erfolgreiches Pari geboten zu haben.

 

 

 

 

Ah, der neue Ruf!
متابعة, weiter! Aqaba!”

 

 

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