Zu Kongreß und Hauptversammlung des PENs Berlin. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 4. Dezember 2022. Darinnen zu Johannes Schneider, online der ZEIT, und seitenhieberlnd Thea Dorns. Mit Stephan Wackwitz, kurz auch Ralf Bönt und ein bißchen idiotischer Satzungerei, die auch funtionärstaktirisch gewesen sein könnte.

[Arbeitswohnung, 7.51 Uhr]
Noch liegt dünn Schnee, gestern abend waren die Straßen noch vereist, als ich, kurz auf einen alkoholfreien Cocktail, und er, Stephan Wackwitz, Wein in der sehr schönen Halle der Bar des → Telegraphenamtes eingekehrt, von der Jahreshauptversammlung des PENs Berlin heimradelte, Stephan etwas in Sorge um mich, weil die Bahnen so rutschig waren. Ging aber, ich fuhr auch völlig sicher. Es wird wohl leider schon wieder schmilzen, dieses unser Schneechen; die Wettervorausschau sagt Temperaturen um 3 Grad an, plus wohlgemerkt, und “leider” umso mehr, als mir bislang nicht das geringste ausmacht, daß ich nicht heize(n kann). Obwohl meist das Oberlicht offensteht, wie im Sommer. Sie wissen doch, Freundin, daß ich verrauchte Räume nicht mag.
Jedenfalls das Telegraphenamt selbst ist eine Entdeckung, auch wenn sein Preisniveau meine Möglichkeiten leicht übersteigt; zu meiner Stammbar sollt’ ich es besser nicht machen. Andererseits ist, wo ein Wille, stets auch ein Busch. Vedremo (oder auch nicht).

Zu diesem → PENBerlin-Kongreß läßt uns Johannes Schneider, der als Wohnsitz netterweise “Berlin Kreuzberg” angibt — in Betracht einer bundesweit bedeutsamen und auch international beachteten Zeitung s c h o n eine linksliberale Kleinbürgerei, von der wir nicht einmal einschätzen können, ob sie nur auf dem Bedeutsamkeitserhuldungstrip des Autors fußt oder eine feine Rancune der Hamburger Redaktion gegen den Buntheitsunhold Berlin ist —, eine an sich recht treffende Einschätzung zuteil werden, und zwar auf ZEIT online; Parteilichkeit ist ja auch dann erlaubt, wenn sie eine nur Eingeweihten kenntliche Sottise enthält: Die von dem Herrn Schneider → in seinem Artikel “ältere Herren im Publikum” genannten Personen, die über das erste “Panel” des Kongresses schimpften, waren nämlich — ich. Die ebenfalls treffliche Formulierung “unter RTL-Niveau” — performt wurde billigstes Unterhaltungsgesülze (“ich habe mal bei einer Miss-Wahl mitgemacht, und da waren lauter große Blondinen”) —  war nämlich so sehr m e i n e, daß nächstentags, auf der Hauptversammlung, ein von mir geschätzter Kollege zu mir kam, um weniger fragend-zu-fragen als bestimmt: “Das kam doch von dir?” Ich konnt’ da nur lachen. Zum “älteren Herrn” nun denk ich mir, im Geist bin ich allemal jünger als der junge Mann, der das unbeachtliche Handwerk der —  so nennt es → die Lee/hranstalt (man würd achso gerne meinen, selbstkritisch) selbst! — Institutsprosa “kreativen Schreibens” in Hildesheim erlernt, etwas, das ich selbst nicht nötig hatte und gewiß auch nicht getan hätte, hätte es diese niedersächsische Grundschule des “Realismus” zu meiner Zeit schon gegeben, bevor ich durch meine Ästhetik auf die Wanderschaft ging. Und nicht mal das hat er belletristisch zur wenigstens, sagen wir, Stiefmütterchenblüte gebracht. Möglich aber auch, daß der junge Mann mich sehr wohl erkannte, aber nennen nicht wollte – oder es nicht durfte; denkbar durchaus, daß etwa Iris Radisch eingekniffener Lippen gesprochen: “Dieser Name kommt hier nicht vor”. In jedem Fall ist der Artikel aber erhellend, ich empfehle ihn gern.
Die folgenden “Panels” waren denn auch besser als das peinliche erste, nicht enorm, um einiges aber doch; man amüsierte sich auf zumindest akzeptablem Niveau. Ich mag dem Herrn Schneider hier weitgehend folgen. Doch nach den Gesprächen wurde es laut, was ich auch schon befürchtet hatte, musikantisch laut, wenn auch kaum musikalisch. Disko halt, zumal berlinfremd ohne Techno. Ich für meine Person, den Wackwitz im Schlepptau, nahm schnellstens Reißaus. Bin an den Ohren empfindlich.

Nun die Hauptversammlung gestern:

Es ließ sich, also mich, über manches ärgern, anderes trieb Wackwitz’ und meine, Ralf Bönts manchmal auch, Spottlust vor sich her, doch insgesamt war das Treffen angenehm, oft klug, auch intelligent geführt; man begegnet einander auf Augenhöhe, Rancune ist nur selten zu spüren, Überheblichkeit gar nicht, von Thea Dorn vielleicht abgesehen, die —ich habe ihr nach Adorno gemünztes, eine Art fledderndes, an was frau nicht reicht, Pseudonym schon immer geschmäht; neben diesem nehme ich ihr nach wie vor ihr heute freilich vergessenes Buch über, sozusagen, Gary Bertiny übel, dabei liegt mir Nachtragen gar nicht (ermessen Sie daraus, liebste Freundin, die Schwere ihrer Verfehlung) — … – also abgesehen von ihr, die mich nur ansah, so vom Kragen bis zum Umschlag meiner in der Tat edlen Hose hinunter, und “Nadelstreifen” abfällig sagte. Mehr miteinander sprachen wir nicht, ich hätte, was, auch gar nicht gewußt. Daß ich gut gekleidet war, spielte ansonsten keine Rolle, war im Gegenteil eher gern gesehen, vor allem von den Damen. Gilt für Joachim Helfer ganz genauso, der aber, seiner übrigen Haltung gemäß, stets auf Unerstatement bedacht ist. Ich meine das Wort “bedacht” überlegt. Übrigens versteht er es, auf das brillanteste scharf zu formulieren, wenn ihn denn etwas wurmt — nicht selten auch das derart fein, daß nicht mal die Gemeinten es bemerken. So etwas hören zu dürfen, sind für mich in Worte gesetzte Blitze der Lust.

Eine ausgesprochen klare Versammlungsführung ließ uns alle gut durch die Diskussionen kommen; hineißend dazu die, mir selbst völlig abgehende, Besonnenheit Alexandru Bulucz‘, die mir auf die allersinnlichste Weise klarmachte, daß ich selbst, so gern ich auch dabeisein würde, im “Board” genannten Vorstand dieses PENs zu suchen wirklich nichts hätte; ich wäre als eine Art so unbestimmter wie unbestimmbarer Zeitbombe da drinnen katastrophal. Dies ist nun wirklich meine Lehre aus den vergangenen zwei Tagen. Ich kenne, wenn ich mich ärgre, nicht Freund noch | noch Feind und schon gar nicht mehr gruppendynamische Psychologie. Für die Dichtung ist das gut, hingegen für Vereine und überhaupt Gemeinschaftsfunktionen ..? Das | ganz gewiß nicht. Dennoch ärgerlich, daß an Satzungsbestimmungen festgehalten wird, wo sie irre werden, momentan irre, nicht generell. Etwa wurde abgestimmt, Diskussionsbeiträge zu einem Punkt dürften nicht länger als eine Minute währen. Schon nach dem ersten Beitrag war klar, welch ein Unfug das war. Er durfte aber nicht zurückgenommen werden, weil halt abgestimmt worden war. Mich erinnerte das an Bauaufträge, die vor Jahren beschlossen, von denen aber – sie waren noch nicht ausgeführt – nach diesen Jahren deutlich wurde, welch Unheil sie anrichten würden. Mußten aber dennoch durchgeführt werden, weil halt einmal beschlossen. So geschehen etwa beim heute genau deshalb verschandelten Strandbad Mitte. Selbst die Architektengruppe, die damals den Zuschlag erhielt, wollte ihren Entwurf nicht mehr durchführen. Aber sie mußte, gesetzlicherweise. Nun gut, das ist Schilda Berlin. In meinem “Fall” ging es um einen Zuwahlvorschlag, also der Aufnahme eines weiteren möglichen Mitglieds. Wurde satzungsgemäß abgeschmettert. Eine geradezu paragraphenblasige Dummheit. Michele Sciurba nämlich – ich → schrieb schon über ihn – , den Verleger von faustkultur, wollte ich im PEN sehen, immerhin des unterdessen wichtigsten Kulturmediums deutscher Sprache im Internet, sowie der edition faust, um dessen Zuwahl sich bereits Harry Oberländer, und zwar schriftlich zuvor, bemüht hatte, “zu spät”, wie es auch bei ihm schon hieß. Es wäre wiederum mir ein leichtes gewesen, ihn der Jahreshauptversammlung kurz und dringlich genug vorzustellen, um ihn aber sofort zum Mitglied zu machen. Niemand hätte hier opponiert. Aber nö, paßte in den Paragraphenkram nicht. Das sind dann immer so Situationen, in denen ich denke, was suche ich hier, also überhaupt in einem Verein? Wir brauchen Grandezza, nicht die Oberhoheit von Paragraphen, die d a wichtig sind, w o sie’s halt sind, nicht indes in Situationen, die ganz gewiß keine juristische Anfechtung nach sich ziehen. Andererseits kam es zum, ich schreibe mal vorsichtig, von meiner ästhetischen Warte aus witzigen Umstand, daß wir fürs “Board” eine neue Beisitzerin wählten, die noch gar nicht Mitglied war; das wurde sie erst am Nachmittag bei eben diesen Zuwahlen. Ich muß, was ich hier schreibe, aber namentlich noch einmal überprüfen. Außer mir jedenfalls, wenn es denn stimmt, merkte es niemand. Oder niemand wollte es merken, auch und grade das Board nicht. Was ich verstehen kann; diese Frau an Bord zu haben (ich nenne ihren Namen bewußt nicht; sie hat mit dem heiklen Verfahren ja gar nichts zu tun), halte ich für tatsächlich wichtig, da sind mir Paragraphen egal. Eben das aber meine ich: Freiheit ist gefordert, Grandezza, ecco!, nicht Enge.

Anders als beim alten PEN (dem “PEN Darmstadt”, wie wir sagen) gilt meine Kritik aber lediglich zu starr befolgten Versammlungsformalien, dem Miteinander hingegen nicht oder kaum, indem sich spürbar – und zwar über die, ich formuliere mal, “ideologischen Gegensätze” hinweg – Menschen begegnen, als Literatinnen und Literaten, und eben nicht Positionen, abgesehen allenfalls von LGBTQ-Aktivistinnen und -Aktivisten; doch selbst sie brachten ihre Einwände nahezu ohne die sonstige Aggressivität vor, was ihnen, den Einwänden, ein sehr gutes Recht gab; sogar ich spürte das, der, Sie wissen es, alles andre als ein Freund dieser der Zahl nach winzigen, doch ziemlich erfolgreich um die Deutungshoheit fechtenden Gruppierung ist. Und war dann später sogar bereit, mit ihnen an einer entsprechenden Arbeitsgruppe teilzunehmen – neugierig drauf, was ich da lerne. Nein, das ist kein Spott, nicht einmal Süffisanz. “Was willst ausgerechnet du da?” wurde ich später gefragt, privat. Im übrigen spielt die Auflösung anthropologischer Grenzen in meinen Arbeiten schon seit dem Wolpertinger seit jeher eine Rolle; daß ich als, sagen wir, zementierter Macho gelte, zeigt imgrunde nur, daß meine Bücher nicht gelesen werden, jedenfalls nicht von vielen. Und manche derer, die sie lesen, tun es denn nur durch die Vorurteilsbrille.
Übrigens ist es ein Hintertreppenwitz unter, egal ob für die FAZ, informationsbehinderten oder böswilligen Skribenten, der PEN Darmstadt sei für den intellektuellen Austausch, hingegen der Berliner für die mediale Tortenschlacht da. Offenbar ist keiner von denen dort je gewesen; meist entzünden sie sich an Deniz Yücels Temperament, das in der Tat manchmal schäumt. Aber besser doch allemal das, als ins trockne Nudeln zu verfallen, ohne daß überhaupt schon Wasser im Topf wär, geschweige, daß es schon kocht. Ich liebe dieses Temperament, auch wenn ich bisweilen die Meinungen Yücels nicht teile. Sie sind in jedem Fall gelebt, und durchlebt überdies, indes bei seinen Kritiker sogar schon von “leben” so richtig die Sprache nicht sein kann. Ja, er schießt bisweilen über, ganz genauso wie ich. Genau aber das gibt ihm den menschlichen Wert, einen hohen. Und daß er manchmal taktisch “trickst”, nun jà, er hat ein Ziel. Da ist mir, ob er von Dichtung etwas versteht, so ziemlich egal. Wir sollten im PEN Berlin nur darauf pochen, daß sie nicht hinten runterfällt. Doch dafür steht u.a. Bulucz ein, und mit ihm tun es viele. Wir müssen nur erst unsere Sprache dafür, eine dieser Vereinigung angemessene, finden. Und sind auch schon dabei.

Ja, verehrte Freundin, ich bin gern im PEN Berlin. Wir werden uns da häufig streiten, doch immerhin streiten, und öfter aber werden wir Freude aneinander haben. Und miteinander sowieso. Über die Positionen hinweg — als ein kleines Europa der Landschaften und eben nicht der Nationen.

Und jetzt werd ich weiter an den Triestbriefen schreiben.

Ihr ANH
12.10 Uhr

Krank. Da war denn mit Arbeiten nichts. Als Arbeitsverhinderungsjournal des Mittwochs, den 21., auf Donnerstag, den 22. September 2022.

[Arbeitswohnung am Donnerstag, den 22. September 2022, 7 Uhr
Stille (außer etwas Spatzenstreiterei auf dem zweiten Hinterhof)]
Abends zuvor, also Dienstags, war noch nichts zu spüren; doch gleich gestern morgen Schwindel beim Aufstehen und heftiges Gliederreißen, geradezu Muskelschmerz, in den Beinen, und nach der langen, wirklich langen heißen Dusche — ich heize ja nicht, und mir war kalt — ging es mit einem Schüttelfrost los sondergleichen, so daß ich mich nach dem Latte macchiato und wenigen Blicken ins Netz gleich wieder hinlegte — bekleidet und mit Krawatte klugerweise, um dem Körper zu signalisieren, nein, ich lasse mich nicht wieder ins Bett zwingen, auf dem ich freilich nun dennoch lag —, um anderthalb weitere Stunden erst einmal, vielleicht fünfzehn Minuten lang vor mich hinzuzittern, mich hinwegzuschlafen. – Als ich aufwachte, war die Zitterei vorbei, dafür hatte ich Fieber.
Mein erster Gedanke war, scheiße, jetzt hast du schon w i e d e r Corona, was wegen der überfüllen Zugfahrt von Wien nach Berlin hätte gut möglich sein können, nunmehr wahrscheinlich der Omikron-Virus, der die bisherigen Impfungen bekanntlich unterlaufen kann und also auch den Genesenenstatus. Doch der Schnelltest sprach ihn frei. Das war erstmal erleichternd. Dennoch, Druck auf die Lunge, das Fieber … na gut, 38,2 ergab die Messung, die mittags von einer zweiten bestätigt wurde; also nur der Anfang von Fieber. So daß ich den Tag mit wechselndem Liegen & Schlafen und hin und wieder am-Schreibtisch-sitzen verbrachte, für die Arbeit indes unkonzentriert, und zwar komplett. Ein bißchen Husterei, sonst aber nichts außer diesem Lungendruck und einer teils heftigen … ich möchte es eine “Wirklichkeitsunsicherheit” nennen, die schon eingesetzt hatte, bevor ich — gegen die möglicherweise Entzündung sowie vor allem, um Appetit zu bekommen; auf keinen Fall wollte (und will) ich abermals unter 65 kg rutschen — … bevor ich also zu den THC-Tropfen griff, die dann auch wieder gut funktionierten. Erstens mußte ich dauernd, sowie ich wieder wach wurde, etwas essen, zweitens ist heute morgen die möglicherweise Entzündung schon wieder eingedämmt. Genauso war es in meiner Coronawoche gewesen, bestätigt sich mithin. Ich kann Ihnen, Freundin, also nur nochmals Dronabinol empfehlen, sollte der Virus auch bei Ihnen auf die Lunge schlagen. Wobei selbstverständlich das, was ich eben “Wirklichkeitsunsicherheit” nannte, durch Cannabis weißGöttin nicht behoben wird, sondern eher verstärkt. Aber der Tag war eh für die Arbeit dahin.
Um siebzehn Uhr dann ein feines Whatsapp-Videogespräch mit der ausgesprochen elegant wirkenden Löwin, die in alles einigen Witz brache, auch in das, was das Geschehen des Sonntags anbelangt, das mir immer noch nachging und möglicherweise Anteil daran trägt, daß ich mir diesen offenbar Infekt eingefangen habe. Ich meine, da ich keinen Magen mehr habe, kann mein Körper auf solch schmerzhafte Hilflosig-, ja Geworfenheiten nicht mehr “klassisch” reagieren, nämlich mit meinen Magenkrämpfen, und sucht sich nun wohl andere Wege, die er, da er nach wie vor stark ist, halt auch findet. Und schickt mich auf die Ersatzbank, wo ich ausharren muß, bis der Körper dem Virus genügend in den Arsch getreten hat, physisch, und, psychisch, Geist & Herz die Kränkung überwunden haben. In aller Regel, ich merke es schon jetzt, geht das schnell — relativ schnell, selbstverständlich; einzwei Tage muß ich schon rechnen.
Jedenfalls legte ich mich, komplett ungewöhnlich, bereits um 22 Uhr zur Nacht, scheine auch sofort eingeschlafen zu sein; wie immer, wenn ich krank bin, TShirt an und Socken, etwas, das ich gesund nicht ertrage. Meinen Abendwein hatte ich mir komplett gestrichen und tagsüber auch die Pfeifen extrem reduziert, wobei es ein Vorteil ist, daß ich im Bett noch nie rauchen konnte, ich habe liegend einfach kein Bedürfnis danach, was sich geradezu schlagartig  ändert, sowie ich wieder aufstehe. Der Turnus eine Stunde am Schreibtisch/anderthalb Stunden schlafen/eine Stunde am Schreibtisch/anderthalb Stunden schlafen usf. war insofern auch Lungenschutz. Und einmal ging ich hinaus, um von Lindner das – im freien Handel –  unübertreffbare italienisches Brot zu besorgen und auch sonst noch einige nötige Einkäufe zu tätigen, dies alles zu Fuß, nicht mit dem Rad, für das ich einerseits zu zittrig gewesen wäre; vor allem aber war es nach einmal fünf und zweimal vier THC-Tropfen aus Gründen der Verkehrssicherheit zu meiden. Ich wollte zudem das Gefühl zu gehen genießen und kam, obwohl ich’s schlendernd tat, ins Schwitzen. Ahà, Bestätigung. Später wieder die drei Stockwerke hochzusteigen, machte mir indes nichts aus, ein angenehmes Indiz dafür, daß die, wenn es denn eine beginnende war, Lungenentzündung bereits gut abgewehrt wurde. Danke, Körper, danke.
Dennoch, obwohl ich heute morgen zwar noch nicht völlig wiederhergestellt bin und besser noch, wie meine geliebte Großmutter zu sagen pflege, “langsam machen” sollte, habe ich → die Hamburger Veranstaltung des kommenden Sonntags abgesagt, schon, weil Lou Probsthayn ja Zeit haben muß, das Hotel zu stornieren; er reagierte traurig:

… das ist wirklich „bitter“, zumal es das 15 jährige des Literatur Quickies ist. Sehr, sehr schade, da einige der Gäste nur deinetwegen usw. Ansonsten Dir gute Besserung. Und sieh in Deinen Kalender, prüfe die ersten 5 Monate 2023 und vielleicht schickst Du mir einen Terminwunsch. Es ist immer der letzte  Sonntag eines jeweiligen Monats.

Ich werde ihm noch heute Vormittag antworten. Es wär jedoch ohnedies ein knapper Ritt gewesen, weil ich am Montagvormittag darauf einen wichtigen Termin bei meiner Angiologin bekommen hatte, der, reiste ich noch so früh von Hamburg zurück, möglicherweise nicht einzuhalten wäre. Nun werde ich den quasi freigewordenen Termin nutzen, um an Katharina Schultens‘ → Einführungsfest als neuer Chefin des Hauses für Poesie teilzunehmen — sofern der Infekt denn auch wirklich aus meinem System gefeuert worden sein wird.

 

Bin weiterhin etwas zittrig momentan, ja, aber arbeiten werde ich heute schon wieder können. Wichtig dabei, immer wieder Form, – noch sitz ich eingemummt in den Winter(!)bademantel hier – daß ich mich wieder kleide, auch Hemd und Krawatte tragen werde, ganz wie ich’s bereits gestern tat, um dem eignen Geist deutlich vorzuführen, man(n) lasse sich auch von Infekten nicht beugen oder schlüpfe gar unter eine der Nacht vorbehaltene leinenbezogene Bettdecke, ziehe sich gleichsam zurück. Oben schrieb ich ähnlich ja schon. “Erlaubt” und wohl auch nötig ist, sich hinzulegen, wenn der Körper neu gesteigerte Schwäche zeigt, aber eben nur bekleidet und unter eine Steppdecke auf das gemachte Bett (bei mir bekanntlich sowieso Couch).

Noch immer bin ich mir uneines, ob erst die letzten beiden → Triestbriefe schreiben und dann erst die Umarbeitung zur Zweiten Fassung oder ob umgekehrt. Ich werde die bislang letzten zwei bereits fertigen Briefe nachher noch einmal lesen und danach entscheiden. Vor allem muß ich auch Einfälle haben. Aber die Löwin hat schon recht, als sie mir gestern sagte: “So durchgetaktet und minutiös, wie du sonst arbeitest, wirst du die erste Fassung erst einmal beenden müssen, bevor du die zweite angehen kannst.”

Ihr ANH
[9.55 Uhr]

 

“Nie ein Teil davon zu sein”: Zurück. ||| Das trauernde Arbeitsjournal des Montags, den 19. September 2022. Auch als Briefe nach Triest, 62.

[Arbeitswohnung, 9.07 Uhr
Hans Werner Henze, Ode an den Westwind (1953)]
Es war einer der für mich schlimmsten, schmerzhaftesten Vormittage, derer ich mich entsinnen kann. Gestern, am Sonntag, den 18. September 2022, einen Tag vor dem, der mir wäre ein  Jubeltag gewesen. Weshalb es gestern so schmerzhaft war, möchte ich nicht erzählen, nur, daß ich vor fast panischer Nervosität nur noch auf- und ablief, hospitalisiert gleichsam hinter den tausenden Stäben, doch die Welt eben wenn nicht im Blick, so doch in meinem gradezu grellen Bewußtsein; sie war noch da, dahinter, aber ließ mich nicht mehr in sie hinein. Dann mußte ich wirklich aufbrechen zur SBahn, mit der dann weiter nach Meidling zum Zug. Besser, noch einmal auf die Toilette. In meiner panischen Hektik drehte ich mich einmal ungelenk herum, es war eng, und schlug mit dem linken Arm derart heftig gegen ich-weiß-nicht-was, daß meine geliebte wunderschöne Girard-Perregaux zersprang — was ich aber erst in dem Örtchen merkte, als ich das Schutzglas zu berühren meinte, es tatsächlich aber das Ziffernblatt war. Und der feine goldene Sekundenzeiger fehlte. Dennoch, der andre Schmerz war größer, dieser, der zweite, jetzt eigentlich nur noch seine nicht mehr symbolische  Materialisierung. Wir krochen nachher, mein Verleger und ich, am Boden herum und suchten. Das Schutzglas lag da, auch die goldene Innenblende. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich den Zeiger mit allem, was hinuntergespült werden auch sollte, hinuntergespült habe. So ist die Uhr nun in Wien verblieben, um zu meinem Uhrmacher gebracht zu werden, den ich zwei Tage vorher längst aufgesucht hatte, weil eine Geringfügigkeit zu justieren war, und der die Uhr ganz nebenbei so sehr auf neuen Hochglanz gebracht hatte, daß ich sie dauernd anschauen mußte. Ohne zu wissen, daß es ein quasi Abschied war, wenn auch da noch eben nur symbolisch. Und noch am SBahnhof Mitte ging ich minutenlang wartend auf und auf, bis ich mich endlich zusammenriß und eine frühere Bahn als geplant nahm. Schließlich im ICE – ein Segen, daß ich reserviert hatte – brachte ich es zwar fertig, meine noch nicht in die Datei überführten Triestnotate in sie zu übertragen, aber alles dieses mechanisch. Denn ich fing an, das gesamte Romanprojekt zu bezweifeln. Dabei war selbst meine Lektorin wie aufgerührt von dem gewesen, was ich ihr in unseren drei Tagen daraus vorgelesen hatte. Nahezu alle, denen ich vorlas, sind es, mein Verleger auch. Aber mit einem Mal war das Buch sinnlos geworden. So geht es mir noch jetzt. Wie ich nun die letzten beiden zu verfassenden Briefe noch schreiben soll, weiß ich nicht. Momentan ist es mir nicht möglich. Was ich könnte, wäre, aber auch das eher mechanisch, die bisher stehende Erste Fassung bereits zur Zweiten insofern ergänzen, als ich die Notate nun nach und nach einbaue, neue Übergänge schaffe, die Orte mit meinen Erlebnissen abgleiche usw., dieses alles ja. Und später dann, wenn damit fertig, die beiden noch fehlenden Briefe ergänzen. Nur daß ich gerade nicht mehr weiß, wozu.
Das Geschehen, das ich Ihnen, Freundin, nicht erzählen möchte – oder soviel vielleicht  doch, daß ich es als einen tiefen Vertrauensbruch empfinde, ja als menschlichen Verrat -, war um so schlimmer, als insgesamt wundervolle Tage vorhergegangen waren, pralle, lebensfrohe, ja begeisterte voller Ideen, in denen auch die Triester Erfahrungen nachschwangen. Nun war es, als würde ich bestraft für sie werden. Wie in büßender Trance trat ich an die zwölf Stunden später in meine Arbeitswohnung ein. Was mir half, war allein, daß als Rezensionsexemplar im Briefkasten diese CD lag, die ich gerade höre, nämlich Henzes Musiken für Violoncello und Orchester. Und ich w e r d e sie besprechen, vielleicht noch heute, wenn ich doch sowieso an den Roman nicht gehen mag, nicht gehen kann. – Lieferbar wird sie ab dem 14. Oktober sein; sie ist noch nicht einmal auf Berlin Classics Website annonciert.

Sie werden, Freundin, verstehen, wenn ich jetzt noch nicht, obwohl ich es vorhatte, von meiner Triestreise erzählen kann, nicht nur nicht mag. Da muß erst dieser Schatten weg, der seit gestern morgen drüberliegt. Aber vielleicht kann ich zumindest ein Notat zitieren, das ich als quasi Briefentwurf für meine Lektorin in der kleinen, mir vom Arco-Verleger empfohlenen “Degusteria” km 0 in mein Notizbücherl geschrieben habe, wobei ich – weil es, hätte ich ihn abgesendet, ein Privatbrief gewesen wäre – Klarnamen hier umerfinde. Und merke unvermittelt wieder, wie gut es mir tut, die Trauer auszu… — nein, mir m e i n e Trauer auszuschreiben:

(Settembre 9, sera)
[1]Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die … Continue reading

Was ich gerade erlebe, habe ich erst ein­mal zuvor erlebt – als ich damals „Meere‟ schrieb. Ich bin völlig allein, es schnürt mir die Luft weg; zugleich bin ich in rasender Gesellschaft meiner „Figuren‟. Sie sprechen zu mir, wider­sprechen oder geben mir recht – doch alles ganz von oben herab. Indessen begründet. Ich darf nicht einmal ihre Wohn­orte aussuchen, alles tun sie selbst, einfach, weil ich genau sein will und muß. Die Sídhe wohnt jetzt dort (→ Bild) schon we­gen des Caffès San Marco gleich unten nebenan ( Bilder). Für mich selbst heißt das, ganze schon fertig gewesene Strukturen noch ein­mal (fast) völlig umzuwerfen. Und aber wer mir hel­fen könnte, hält sich – aus nachvoll­ziehbaren Gründen – zu mir in Distanz. Mit sowas muß man(n) leben können. Unterm Strich bleibt eine insofern eigenartige, aber schwere Einsamkeit, als ich ja ständig in Ge­sprächen bin – aber eben mit Figuren. Wenn die bei einem schlafen, ist da keine Wärme und kein Pulsen der Haut. Dies ist wohl das einsamste, den Rest eines Lebens allei­ne zu schlafen und allein aufwachen zu müssen. Was ich tu und arbeite weiter an dem Ro­man. Der nicht tut, was ich will, sondern mir vor­schreibt, was sein Interesse ist. Für mich ein ziemlich wilder Spagat. Bislang habe ich aber al­les „gepackt‟. – Helmut gestern in Skype: Er habe meine Pläne gesehen und nur gedacht, “unmög­lich, sowas zu schaffen. Niemals!” Ihm mache das eine ‚riesen‛ Angst. – Mir auch. Nur daß er auf die Angst hört und es nicht angeht, indes ich es da erst recht tu. (Das ist meine Verbindung zu Jessir, dem Kriegsberichtfotografen. Wir sind uns nah. Nur deshalb darf ich – ethisch Mariannes Geschichte verwenden und die ihres einstigen Partners. Wie Corinnas davor.) | Ich sitze hier und denke: Gleich breche ich zusam­men. Aber das werde ich nicht, sondern erfüllen, was ich mir vorge­nommen habe. Es gibt in mei­nem Leben für Schwächen keinen Platz; ich könnte denn meine Arbeit nicht zuendebringen.
Kopfhaut (wenn Haar darüber) ist
nie braun, sondern immer hell. (Bei Wei­ßen).
Immer noch in diesem „Risto­rante‟:
Die Menschen sind ein Zusammen­hang. Was aber, wenn jemand in keinen ge­hört? Ich gucke es mir an und finde es so toll – doch kann daran nicht teilnehmen. (Ich fühle keinen Neid, nur Zunei­gung, aber auch, nie ein Teil davon zu sein.)

***

Daß die russische Übersetzung des Traumschiffs, Корабль-грёза, jetzt erschienen ist, wissen Sie → seit vorgestern und ahnen, denke ich, meine Ambivalenz, die vor allem darin besteht, mich freuen zu wollen, es aber angesichts des Krieges nicht zu können. Was gegenüber Tatiana Baskakova ein fast schreiendes Unrecht ist, zumal sie von allem Anfang an eine entschiedene Gegnerin Putins war und es nach wie vor ist. Ich kann wirklich nur Abbitte leisten und innig auf Zeiten hoffen, die es wieder möglich machen, stolz darauf zu sein, in Vladimir Nabokovs bis zu seinem Tod geliebte Muttersprache übersetzt worden zu sein — und mit welcher poetischen Akribie! Allein die fast einhundert zusätzlichen Seiten Kommentar sind eine Ehrung. Und dennoch, dennoch, dennoch. Dagegen an will ich aber doch wenigstens die Würde zeigen, das Buch auch zu annoncieren, selbst wenn ein befreundeter Kollege mich schon vor Wochen gewarnt hat: “Wenn du das tust, warte nur, wie schnell sie dich einen Putinfreund nennen werden.” Habe ich je aus egoistischen “Karriere”gründen besser mal den Mund gehalten? Nein. Es soll sich auch nicht ändern:


Ihr ANH

***

___________________
Briefe nach Triest 61 <<<<

References

References
1 Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die Einbettung in das Typoskript. Wobei ich während der Übertragung aus der Handschrift meist schon umformuliere und/oder aus der Erinnerung ergänze, die von der Wiedervergegenwärtigung aktiviert wird.

Um 16.20 Uhr Aufbruch zur Triest- und Karstrecherche vom 6. September morgens bis zum 13. mittags zur Weiterreise nach Wien. Briefe nach Triest 59, Planungen & Pläne.






***

___________________________
>>>> Briefe nach Triest 60
Briefe nach Triest 58 <<<<<

%d Bloggern gefällt das: