“Ein bißchen schaurig ist das s c h o n.” Das Gänsehautjournal des Sonntags, den 27. November 2022.

[Medikamentenversuch Pregabalin → Fünfter Tag]

 

[Arbeitswohnung, 11.44 Uhr
France Musique Classique plus:
Richard Strauss, Letzte Lieder (Jessey Norman)]
Gestern mit dem achtundzwanzigsten Triestbrief tatsächlich fertig geworden und dabei sogar, nach → diesem vermeintlichen Ende einen guten Übergang für den neunundzwanzigsten, also letzten Brief des Romanes hinbekommen. Sehr erleichternd. Also werde ich heute damit zu tun haben, den Brief korrekturzulesen, vielleicht auch noch die eine und/oder andere Änderung, bzw. Schärfung der Szenen einzufügen und ihn dann für den Typoskriptband auszudrucken und drin abzuheften. Daß ich bereits dazu kommen werde, den neunundzwanzigsten Brief zu beginnen, glaube ich hingegen nicht, schon weil ich, da wir solch ein sonniges Wetter haben, gerne einen ausgebigen Spaziergang machen möchte. Womit ich nicht lange warten sollte. Es wird doch in dieser Jahreszeit stets so übel schnell dunkel, und ich brauche Licht.

Außerdem an einer nächsten Ergänzung der zweiten Tattooerweiterung gefriemelt, erst mit Filzer, dann, weil der wieder mal nicht hielt, mit schwarzem Nagellack – was beides aber viel zu dicke Striche ergibt. Denken Sie sich sie feiner, sehr viel feiner, liebste Freundin, so, wie die Realisierung am Hals. Jedenfalls sagte gestern abend auf Broßmanns wunderbarem Fest jemand mir übrigens ausgesprochen Sympathisches, schon, weil er einerseits hochintelligent nicht nur wirkte, andererseits aber selbst sehr hell – und sportlich-elegant dazu, mit berückendem Lachen: “Das ist aber nun ein Statement!” Zu sehen war selbstverständlich nicht das Tattoo insgesamt, sondern nur mein auf die Oberseite der rechten Hand mit zumal linkisch mit links aufgetragener Entwurfsversuch.
Tatsächlich emfand ich für Tattos Hände stets als Tabu. Doch war mir schleichend klargeworden, daß ich auch dieses würde brechen müssen, wenn ich es denn mit der Selbstermächtigung über meine Versehrung ernstmeinen wolle. Zumal auch dies wieder in den Triestroman hineinspielt und möglicherweise in ihm selbst noch Thema werden wird, ganz sicher aber in meiner nun fest eingeplanten Yōsei/Horu-Shi-Novelle. Ein kleiner Ärger allerdings, daß es keine wasserfesten Hautfarben gibt, die sich mit einem Stift auftragen lassen und zumindest die Haltbarkeit von Henna haben. Sonst würde ich erst einmal damit operieren und schauen, wie ich in, sagen wir, einzwei Monaten zu diesem Wechsel meines Geschmacksempfindens stehe. Aber so nehme ich das Risiko halt an, hat auch was von einem Rausch, der allerdings dem einer Selbstüberhebung eher gleicht als nur jener der -ermächtigung. Was ich mit ausgesprochenem Interesse, sozusagen gehobener Augenbraue, beobachte. Doch ist ja auch dieser Komplex stets in meiner Dichtung zugegen. Die sowas von “neben der Zeit” liegt! Nicht “gegen” sie, nein, nur neben, im Wortsinn, ein ganz eigener paralleler Zeitverlaufsstrang, von dem ich freilich weiß, daß er nicht ohne Wurzeln, sondern Fortführung vorheriger simultaner Nebenstränge der poetischen Ästhtik ist, die es – neben – ebenfalls waren. Erzählt indes, in den Feuilletons, wird fast immer nur der Hauptstrang (“Mainstream”); anscheinend Abseitiges – das später einmal, wie Kafka und Kleist, das zentrale “Narrativ” der Literaturgeschichtsschreibung zur Ästhetik werden könnte – wird umso seltener auch nur besprochen, desto querer (nicht “queerer”!) es zur allgemeinen Gutmeinung steht. Insofern muß es mich, auch wenn es mich sehr wurmt, nicht wundern, daß etwa die Béarts in den “offiziellen” Feuilletons nicht vorkommen, abgesehen von → Carsten Ottes SWR-Besprechung selbstverständlich. Dabei w e i ß ich von Rezensionen, die schon geschrieben und längst abgegeben worden sind, die aber ganz offenbar von den Reaktionschefs und -innen zurückgehalten werden. Es zeigt dies die journalistische unterdessen nicht nur noch “Tendenz”, nicht bloß tendenziös zu schreiben, sondern auch bewußt zu verschweigen, und wiederum mit anderem, das die Zustimmung eines vorgestellten Publikums zu garantieren scheint, also mit schlichtweg der Masse zu laufen, selbst wenn sie gar keine ist, sondern nur aus einigen wenigen besteht, aber aus lauten, sozusagen “moralischen” Schreihälsen, die die Meinungshoheit okkupierten. So daß es nicht einmal mehr theoretisch um Objektivität, sondern darum geht, sich den Mehrheiten, der “Quote”, anzudienern. Na gut, solln sie. Ich weiß, an was ich arbeite, und weiß auch, warum. Auf jeden Fall bleibe ich frei von grobem ideologischen Unfug. Mitunter komme ich mir wie ein Warner unter all den Intellektuellen vorm Ersten Weltkrieg vor (auch Thomas Mann war dabei), die sich jubelnd darum drängelten, Mitmorden und Mitgemordetwerden zu dürfen. Ein bißchen schaurig ist es s c h o n, daß sich offenbar so gar nichts in den Psychodynamiken ändert.

Ihr, Begehrte,
ANH

[France Musique Contemporaine:
Jana Kmitova, Gesichtsstudien für Orchester (2017)]

Ach so, falls Sie noch ein so ausgefallenes wie edles Weihnachtsgeschenkt brauchen: Diaphanes’ Sonderausgaben des Béart-Gedichtzyklus sind jetzt erhältlich. Näheres → dort.

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[20.04 Uhr
Tschaikowski, Sinfonie Nr. 3 (Vinyl, 70er Jahre)
Eine LP, die ich mit siebzehn oft, sehr oft gehört habe.
Diese Dritte war mir neben Tschaikowskis Fünfter
die damals immer liebste.]
Fertig geworden mit Korrektur und Ausdruck des achtundreißigsten Triestbriefs, den ich jetzt auch eingeheftet habe. Wie ich’s mir heut morgen gedacht habe, war es doch noch einige Arbeit. Aber insgesamt bin ich fast erstaunt, wie gut er nun “läuft”. – 424 Seiten hat das Typoskript unterdessen, was übern Daumen rund 500 Buchseiten entspricht, eine ziemliche Menge holzhaltigen Papiers. Wobei dieser achtunddreißigste mit seinen zweiundzwanzig Seiten der deutlich längste ist bislang und was nur noch der letzte “toppen” könnte, aber nicht soll.

Gut, “Feierabend”. Jetzt wird Peter Giacomuzzis “Briefe an Mimi” zuende gelesen; zwischendurch kommen die bereits vorbereiteten grünen, reisgefüllten Paprikaschoten in den Ofen; der Sugo dazu ist schon fertig. Zum also Nachtessen dann gibt’s vielleicht noch ein oder zwei Folgen “Babylon Berlin”. Genießen auch Sie Ihren Feierabend.

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Yōsei ODER Die Leaves of Grass der Horu-Shi. Berliner Tattoo-Convention, September 2022. Briefe nach Triest, 65.

[Aus dem Achtunddreißigsten Brief:]

(…)

Du wirst, nehme ich an, die Arena Treptow nicht kennen. In einem der Gänge hatte Gerald für die Tattoo Convention einen nicht sehr großen Stand angemietet, zwei auf drei Meter, die Rückwand mit einer linksläufigen giftgrünen Triskele auf braunschwarzem Grund tapeziert, deren Arme in eine Art Schlangenköpfe ausliefen, die aber keine waren. Erst bei nahem Herantreten offenbarten sich statt dessen Schriftzeichen, eine Mischung aus Hiragana- und Katakana-Moren sowie vielleicht Runen, aber auch etwas, das ans Feanórische Alphabet2 erinnerte, die aber alle insgesamt, doch eben nur aus der Entfernung, die Konturen der drei, und nur dieser, Schlangenköpfe formten, denen inhaltlich jedoch kein oder ein so geradezu phylogenetisch fremder Inhalt entsprach, daß wahrscheinlich nicht einmal Yōsei selbst zu sagen wußte, was sie bedeuteten. Das zeigte sie freilich nicht; wurde sie um ihn befragt, dann lächelte sie nur.
Senkrecht zum Gang war, auch als Abgrenzung des Standes, eine hüfthohe, mit einer ornamental gemusterten Plane bespannte Liege aufgestellt, neben der die Ablage der Tätowierinstrumente stand, übrigens keine modernen, sondern traditionelle Teburistichel, die auch nur anzusehen wie selbst schon Schmerzen auszuhalten war. Es sind ja tatsächlich oft nur vermittels eines äußerst feinen Seidenzwirns an den Griffeln befestigte kaum sichtbare, so dünn sind sie, Metallnägel, die, nachdem sie, um die Farbe aufzunehmen, in einen damit getränkten Schwamm gedrückt worden sind, in die Haut gestochen werden. Der, ich möchte fast schreiben, „Delinquent‟, der aber, wenn er sich wieder erhob, ein für immer Erhobener war, legte sich mit dem Kopf zum Publikum, je nachdem, wo das Motiv appliziert werden sollte, auf den Rücken, auf eine Seite oder Brust und Bauch, und die Künstlerin beugte sich so nahe über ihn, daß fast ihr Mund den Körper berührte, die Augen keinen Zentimeter von den schnell wie offene Ritznarben aussehenden Einstichstellen entfernt. Und Yōsei berührte ihn wirklich, ich stand ja dabei und konnte es sehen. Ja aber was tat sie denn da? Die Tätowierer und Tätowiererinnen der anderen Stände, ich hatte es jetzt ein paarmal beobachtet, wischten das wenige austretende, stets mit der Farbe gesättigte Blut immer schnell vermittels feiner Lappen hinweg, die sie zwischen den vorderen Fingergliedern ihrer meist linken Hand hielten. Einstechen, wischen, einstechen, wischen, das war die Bewegung. Yōsei aber leckte, züngelnd flink wie Schlangen. Und wenn sie den Körper des andren so berührte, ging durch ihn ein Schauern, dem ein leises Stöhnen, das des zu Erhebenden, den irdischen Klang gab, den sonst nur Seismographen vernehmen.
Vielleicht war ich der erste, der es vernahm und alles andre mitbekam, aber ich blieb nicht allein. Es ging durch uns Zuschauer, die wir uns vor dem kleinen Stand unterdessen schon drängten, etwas hindurch wie über Whitmans Leaves of Grass3, die sich in der gesamten Breite beugten ihrer Weite, der Prärie – bis an den fernen Horizont heran, und wir hörten das seismographische Schauern als einen Wind durch unsere Ohren wie in eine Seemuschel fahren. Nur aber ich erkannte, als Yōsei – war sie bereits fertig? pausierte sie nur das Viertel einer Minute? – ihren Kopf hob, welchen Spuren die ihren ähnlich sahen, die sich von den Mundwinkeln abwärts zogen, als wären rote Tränen gelaufen, nicht ganz bis zum Kinn, nur ein winziges Stückchen, doch aber sichtbar. Ja, die Lippen insgesamt waren unversehens zu denen der Carsomarer Venus geworden, nachdem sie wiedergefunden in Lenzens Grenzhäuschen war; hier aber diese Spuren noch frisch, ein nicht leuchtendes, aber doch schimmerndes Rot. (Auf den Fotos, die später in einer Szene-Zeitschrift erschienen, aber wie eingetrocknet erblaßt; sie gingen dennoch um die Welt). Weiters erkannte man in Geralds Tätowierungen zwar ein bildliches Motiv, doch welch ein, w a s es also zeigte, vermochte niemand zu sagen, und zwar umso weniger, je mehr Zeit seit der … – man sprach bald nur noch von Performance … – verging. Ja, anfangs … anfangs hatte noch Leute gesagt: ein Tiger, ein Drache, ein Olivbaum, aber wurden sich stetig unsicherer, und traten sie näher an das Tattoo heran, waren nur genau solche Zeichen zu erkennen wie die der vermeintlichen Schlangenköpfe am Ende der Triskelenarme. Indessen ich | nichts als Deine Lippen sah.

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Briefe nach Triest 64<<<<
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Frage an die Tattoo Convention Berlin, nämlich Briefe nach Triest, 64, diesmal zur Recherche. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 26. November 2022.

 

An info@tattoo-convention.de
25. November 2022, 18.28

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leute,
ich sitze an einem Roman, in dem eine Szene auf der Tattoo Convention Berlin im September dieses Jahres spielt, also September 2022. Was ich dafür noch wissen muß, ist, wie hoch da die Standkosten sind. Es soll ein nur kleiner quasi Privatstand für eine junge, in der Szene bis dahin noch völlig unbekannten Künstlerin sein, die unter dem Namen Horishi-Shi[1]Ein Fehler, den ich im Typoskript gestern abend noch korrigiert habe. Korrekt muß Yōseis Künstlerinnenname Horu-Shi lauten; Horushi ist sozusagen Berufsbezeichnung im Plural. ANH auftritt.  Meine Erzählung ist insgesamt eher dem phantastischen Genre zuzuordnen; umso wichtiger ist, daß die realen Grundlagen stimmen.
Für Auskunft wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Mit besten Grüßen,
ANH
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→  Briefe nach Triest 65
Briefe nach Triest 63
[Arbeitswohnung, 10.17 Uhr
Beethoven op. 95, Koeckert-Quartett]
Hoffentlich bekomme ich Antwort. Sonst werde ich fantasieren müssen, wo ich fantasieren nicht will. Doch den Entwurf der – wenn eben auch noch nicht vollständigen – Szene, auf die ich mich in der Mail beziehe, werde ich heute nachmittag gesondert in Der Dschungel einstellen. Hier aber möchte ich erst noch ein zweites Mal an Werner Ost erinnern, dem ich gestern → diesen kleinen Nachruf schrieb. Ich bin mir, Freundin, nämlich unsicher, ob Sie ihn bereits gesehen haben. Menschen, wie er war, sind mir wichtig.

“Nebenbei” laufen meine Pregabalinprotokolle weiter; heute früh schrieb ich → das vierte. Und vorgestern, weil ich mich wieder einmal durch sämtliche – abgesehen von den Nres 1 & 2 und dem ohnedies Schmock der Neunten – Sinfonien Beethovens durchgehört habe, die folgende Notiz:

Ich kann’s nicht anders sagen. Beethovens Kammermusik ist “einfach” um Dimensionen besser als seine Sinfonien:

Welche geradezu Erholung jetzt diese noch nicht ganz späten Quartette! Zumal von dem famosen, heute “historisch” zu nennenden Koeckert-Quartett, dessen magischem Klang ich erstmals in einer Aufnahme von Schuberts D.810, Der Tod und das Mädchen, verfiel, auf Vinyl zeitlogischerwiese, wahrscheinlich – in Stereo “transkribiertes”[2]stereo transcription steht unten vorn auf der Plattenhülle. Mono – aus den Fünfigern, an der einem allerdings der Kommentar eines nicht genannten Autors (einer Autorin in dieser Zeit wohl eher nicht) die Fußnägel hochbiegt:

Und da es Musiker von deutscher Eigenart sind. vermögen sie den seelischen Tiefen und hintergründigen Zusammenhängen eines solchen Werkes intensiv nachzuspüren.

Auf die kaum zurückliegende Shoa völlig vergessen, und das Völkerrechtsverbrechen des gesamten Weltkriegs. Da will ich nur noch kotzen — doch die trauernde Eleganz der Einspielung ist ja dennoch da, der Schlüssel unseres Lebens unentwegte Ambivalenz.
Immerhin sind d
ie Triestbriefe jetzt am geradezu, burschikos ausgedrückt, “Rennen”. Heute werde ich den achtunddreißigsten, nämlich vorletzten beenden und gleich mit dem letzten anfangen. Womit ich sehr gut im Zeitplan liege; für Ende Dezember habe ich den Abschluß der ersten Fassung geplant. Dann werden zu Beginn der zweiten sämtliche Notate ins Typoskript eingepflegt werden müssen, bevor ich damit beginne, den Roman noch einmal ganz von vorne durchzuarbeiten. Das wird bis etwa Ende Februar gehen; wahrscheinlich kann Elvira dann schon dran – auch wenn ich eigentlich immer gern noch eine dritte Fassung erstelle. Aber vielleicht geht es diesmal parallel, etwas, das allerdings mit niemandem sonst als ihr denkbar ist, geschweige denn auch möglich wäre. Ich brauche aber noch einen guten Schluß für diesen achtunddreißigsten Brief, einen der von der jetzt letzten Szene noch einmal die Fäden aufnimmt, die nach Triest zurückführen; daran werde ich etwas herumdenken müssen, außerdem sind einige noch lose Fäden miteinander zu verbinden; der des Yōsei/Tattoo-Motivs soll der einzige offene bleiben, und zwar, weil aus ihm ein eigenes, ein späteres Buch entstehen soll, achmaler als dieses, eine, wie im Roman-selbst angekündigt, Novelle wahrscheinlich. Die dann wunderbar zu Elfenbein passen dürfte. Der Verleger wartet ja schon länger auf ein schmales Buch von mir.

Gut, jetzt zweites Frühstück, dann einkaufen gehen, danach gleich an Triest.

Lassen Sie sich, Freundin, von dem nun einmal normalen Novemberwetter nicht ergrämen.

ANH
[Schubert, D.810 “Der Tod und das Mädchen”, Koeckert]

References

References
1 Ein Fehler, den ich im Typoskript gestern abend noch korrigiert habe. Korrekt muß Yōseis Künstlerinnenname Horu-Shi lauten; Horushi ist sozusagen Berufsbezeichnung im Plural. ANH
2 stereo transcription steht unten vorn auf der Plattenhülle.

Auf zur Contessa!

 

 

 

[Flixbus 050 nach Hamburg
12.12 Uhr]
FWP‘s Weihnachtsfeier, abends im MIRROR ROOM TORTUE, und ich schon jetzt, um mir Schlepperei zu ersparen, im Smoking; nur die Fliege werde ich kurz vorher erst binden sowie die Lackschuhe anziehn. Dresscode Black tie. Ich hab ja sowas manchmal sehr gerne; es darf nur nicht zur Uniform werden. – Übernachten werde ich fast direkt an der Außenalster bei einem, lebte ich denn in Hamburg, ganz sicher sehr viel mehr als nur “befreundeten Bekannten”, für den ich immer mal wieder tätig war, formulierend. Daß ich den Flixbus nehme, wiederum, und nicht einen Zug, hat damit zu tun, daß ich sehr, sehr gerne hier vorn am “Panoramaplatz” sitze, nämlich sehr viel mehr von der Landschaft sehe als in einer Bahn und es gerade sehr genieße, wie unversehens gleißend die Sonne durchgebrochen ist, nachdem heute früh auf den Dächern meines zweiten Hinterhauskomplexes der erste Schnee des Jahres lag, wenn auch dünn noch und bereit, noch bevor er entschmelze, fortgepustet zu werden, mit Rücksicht, wahrscheinlich, auf ihn, eiseskalt. Was ich am Bussteig 5 des ZOBs ziemlich deutlich zu spüren bekam. Eine halbe Stunde vor Abfahrt war ich dort, nachdem der Vormittag mit etwas Packerei, der Zubereitung des täglichen Zweibananen-Eiweißdrinks mit dem Saft dreier Zitronen sowie damit vergangen war, daß ich “schnell noch” einen Beitrag in Die Dschungel einstellen wollte, der meine Triestbrief-Arbeit vom gestern sozusagen vorstellen sollte. Mein Vorhaben wurde dann aber sehr komplex, weil ich wieder auf meine Fotos aus Triest zurückgreifen wollte und sie, also für die Erzählung passende, erst heraussuchen und dann in Die Dschungel laden mußte. Da drängte dann plötzlich die Zeit. Und vergessen hatte ich außedem, wie meine Fliege zu binden; selbstverständlich wollte ich’s – ebenfalls “mal schnell” – vorher ausprobieren. Peinlich, daß ich schließlich auf ein Tutorial zurückgreifen mußte. Aber die letzte, nun jà, “Gelegenheit” oder “Notweniigkeit” liegt drei Coronajahre zurück; sowas vergißt sich da schon mal. Und nun geht’s auch wieder aus dem Kopf.
Der Flixbus braucht von Berlin nach Hamburg drei Stunden und fünfzehn Minuten, quasi doppelt so lange wie ein Zug. Aber ich will ja eh arbeiten, habe zudem zu lesen, da vergeht die Zeit im Nu. Und der Fahrpreis ist unschlagbar.

Gut, dann schreibe ich mal weiter:


ANH

P.S.:
Den “eigentlich” für heute vorgesehenen Text stelle ich dann morgen ein – oder einen andren, dann neu geschriebenen.

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[Frühabends.]

 

 

 

 

 

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[Nachts.]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Rossis zweite Begegnung mit der Lydierin. Briefe nach Triest, 62.

 

[Siebenunddreißigster Brief, Fortsetzung:]

*

Kein Tag, Ersehnte, vergeht, ohne daß ich Dir schreibe. Manchmal braucht solch ein Brief aber zwei Tage, nur selten noch mehr. Doch Du erkennst die Wechsel an den Sternchen. Ob ich aber eine Fahrt nach Triest schon gebucht habe, verrate ich nicht, schon gar nicht, wenn, für wann. Nach jedem Brief aber brauche ich etwas Erholung, für, wie gesagt, wenigstens vierundzwanzig Stunden, also seit Lars mich nicht mehr beauftragt. Es ist da vielleicht eine Leere. Außerdem habe ich ein paar Tage lang vermutet, daß meine Erschöpfung von der Anstrengung rührt, diese Trauer zu füllen und zugleich eine gewisse Angst niederzudrücken, die sich aus dieser, wie ich früher leichtsinnig schrieb, Realitätskraft der Fiktionen ergibt; ich habe meine Helligkeit von früher nicht mehr. So daß ich mich manchmal fragen muß, ob Lars’ Erkrankung damit zu tun hat. War ich diesem schwierigen Mann tatsächlich derart nah? Es kann aber ebensogut, also -schlecht, am Älterwerden liegen, an etwas mithin, das mich Lars jetzt voraussein läßt.
Seltsamer Gedanke. Ich muß ihn dennoch weiterspinnen. Ist er jetzt ein männlicher Sídhe, einer, der mich besetzt hat? Nein, das ist Unfug, sonst hätt ich bei meiner Begegnung mit der Lydierin – mit, meine ich, ihrer Sídhe – nicht plötzlich solch eine Panik gehabt. Aus der mich allein, daß Du hinzugekommen bist, gerettet hat; Du weißt schon, vor der Haustür der Giacomo di Monte 2. Als Du mich für Jan Rossi hieltst, aber die Lydierin es nicht tat. Genau, ich wollte ja erzählen, wie es mit ihr und ihm, Jan, nach der ersten Begegnung weiterging. Davon zu berichten, wird mich aus meiner Bedrückung holen. Wenn ich erzähle, bin ich daheim.
Er sah sie also auf der Terrasse des TOMMASEOs sitzen und gab sich einen Ruck.
„Wir sind einander schon begegnet.‟ Was stimmte, es war dies eine banale Anmache nicht. Das ließ ihn rundum seriös wirken, trotz seiner etwas abenteuerlichen Jünglingskleidung. Nur daß die Lydierin erst keine Lust auf neue Bekanntschaften hatte, aus, je nach den Versionen unserer Erzählung, sehr verschiedenen Gründen. Nach der menschlichen, in der sie und Zoë mit Jessir und Lenz als Patchworkfamilie leben, weil für noch einen Mann nun wirklich kein Platz mehr ist; nach der anderen, weil Lenzens Tod sie noch zu sehr beschäftigt, was wiederum sie sich hat Jessir wieder anschmiegen lassen, und schon ihrer Tochter wegen will sie diese mehr oder minder Harmonie nicht gefährden. Noch war Lenz freilich nicht tot, in dieser nunmehr dritten Version; denn darin stürzt er vor den Treppenstufen erst, nachdem die Venus aus dem Hafenbecken stieg, freilich in derselben Nacht. Doch ist es ungewiß, ob es schon bekannt ist. Wir wissen ja nicht, wie viele Tage seit der Lydierin und Jans erster Begegnung vergangen sind; außerdem, wäre Lenz schon aufgefunden worden, hätte IL PICCOLO ganz gewiß von der Wiederentdeckung der Venere di Carsomare berichtet. Es konnte aber ebenso sein, daß die Lydierin, ganz wie zum Beispiel Judith, prinzipiell Abstand von Männern genommen hat, weil ihr die Selbstbestimmung zu wichtig war, also jenseits ihrer Mutterschaft einfach Raum zu haben für sich allein. Wir können sagen, sie habe ihre Symbiontin fast schon erdrückt. Was ihr wirklich Freiheit gab. Sie nun ausschließlich entschied für sich. Außer Zoë und den Notwendigkeiten ihres Berufs hatte niemand und nichts einen Anspruch mehr, und unter Auftragsmangel konnte sie nicht klagen. An den fast-Zusammenprall erinnerte sich aber die Sídhe allzugut, und sozusagen wachte sie auf. Was der Lydierin Abwehr ein wenig unglaubwürdig wirken und Jan deshalb hartnäckig bleiben ließ. Er ging sogar in die Vollen: „Sie werden es nicht glauben, aber ich habe Sie tatsächlich da ins Wasser springen sehen.‟ Er streckte den linken Arm Richtung Pier aus. „Ja, ich weiß, es ist verrückt, war einfach nur eine Vision. In der aber sah ich Sie …‟ „Wie, ins Wasser springen?‟ So daß Jan tatsächlich alles erzählte. Nur die pikanten Einzelheiten ließ er besser aus. Doch es gelang ihm nicht, denn die Frau fragte nach: „Mit allen Klamotten?‟ Als er herumstockte, mußte sie lachen. „Ich werde doch wohl die Unterwäsche anbehalten haben?‟ Auch vor i h r füllte ein sibernrundes Tablett die Platte des Tisches fast ganz aus. Als sie Jans verlegenen Blick auf das Gedeck bemerkte – sie hatte die cicheti fast nicht angerührt –, rief sie leise auflachend aus: „Nun setzen Sie sich meinetwegen, Sie machen den Eindruck, hungrig zu sein. – Was trinken Sie? Ich lade Sie ein. Nein, keinen Widerspruch bitte.‟ Die Färbung ihres Apérol Spritz paßte geradezu vernichtend auf seinen wie stets Friaulan. Ohne seinen Eindruck zu erklären, sagte Jan gleichsam hilflos: „Ob wir noch weitere Gemeinsamkeiten haben?‟ „Oh, auch Sie springen gern ins Hafenbecken nackt?‟ „Nur bei Tag, nicht am Abend.‟ „Ah, jetzt verstehe ich, weshalb Sie mir nicht nachgesprungen sind.‟ „Das hatte einen anderen Grund.‟ „Nämlich?‟ „Als ich den Pier erreichte, waren Sie schon untergetaucht.‟ „Und haben meine Kleidung einfach da liegenlassen? Wie uncharmant!‟ „Ich hätte nicht gewollt, daß Sie am Ende Ihres Schwimmausflugs nichts mehr anzuziehen haben.‟ „Ein Cavaliere hätte die Kleidung b e w a c h t.‟ „Sie haben recht. Verzeihen Sie. Die Dessous waren dann auch weg.‟ Sie hob eine Braue. „Dessous?‟ „Aubade.‟ Was er nur wissen kann, weil er, ohne das zu wissen, nur mein literarischer Stellvertreter, also meine Fiktion ist. Doch das bislang noch etwas verschlafene Interesse der Symbiontin stand unversehens in Feuer; sie loderte, die Sídhe, der Lydierin aus den Augen. Was die reale Frau einigermaßen in eine scheinbar durch sie selbst bewirkte Bedrängnis brachte. Lecker sei er ja schon, mußte sie befinden und warf auf seine Finger einen Blick, ob da ein Ehering …. – Keiner. Nun gut. Nur war ja auch sie nicht verheiratet und lebte dennoch als Paar oder in dem Patchwork. Andererseits, Jessir war mal wieder auf Reisen, Zoë längst Teenager, und Lenz eremitete wie seit je vor sich hin. Zeit hätte sie heut abend schon. „Und womit beschäftigen Sie sich, wenn Sie grad mal nicht spannen?‟ „Ich bitte Sie, das habe ich nicht! Also gespannt. Ich habe nur nicht weggucken können.‟ „Scusi, ich meinte es nicht so. Wirklich nicht. Ihre Geschichte ist halt nur etwas bizarr.‟ „Ich habe einen Jazzclub.‟ „Oh, ein Freund von mir liebt Jazz!‟ „Dann lassen Sie uns uns doch treffen. Ja, gerne auch zu dritt. Bringen Sie ihn mit.‟ „Wahrscheinlich kennt er Ihren Club?‟ „Das mag sein. Gibt ja nicht so viele.‟ Da legte die Lydierin ihre Sídhe wieder an die Leine. Nichts überstürzen. Und deshalb: „Morgen abend?‟ „Da findet aber kein Konzert statt, nur der übliche Barverkehr.‟ „Vielleicht ganz gut so. Und ich bringe Pietro mit.‟ Jan erhob sich. Auf ihren irritierten Blick: „Nein, nein, ich habe Sie lange genug belästigt.‟ „Aber woher wissen Sie ‚Aubade‛?‟ Was sollte er da antworten? Wenn er noch nachgesetzt hätte, was ihm spontan einfiel, nämlich Sensory illlusion, wovon er aber doch keine Vorstellung hatte, er wäre erst recht in die Klemme geraten. „Ich habe geraten‟, gab er, und zwar eben deshalb, zur Auskunft. So sagte sie es: „Sensory illusion.‟ „Bitte?‟ „Das Modell. Und es stimmt. Ich kann den Zweiteiler seit neulich abend nicht mehr finden, weiß einfach nicht, wo ich ihn abgelegt habe. Seltsam, oder? Denn daß ich nicht nackt in ein zumal derart verschmutztes Hafenbecken springe, müßte Ihnen eigentlich klar sein. – Wir sehn uns dann morgen Abend. Aber darf ich noch nach Ihrem Namen fragen?‟ „Jan. Wenn Ihnen das zu unbequem ist, dürfen Sie auch Andrea sagen. Mein zweiter Vorname.‟ Das kam ihr entgegen. Noch ein Crucco[1]Seit dem Ersten Weltkrieg (nord)italienisches Spottwort für “Deutscher”; abgeleitet aus dem Kroatischen, “cruch” = “Brot”, um das die Gefangenen bettelten.
wäre ihr zuviel gewesen, schon weil das croce drin mitschwang. „Via dei Cavazzeni 10A‟, erklärte noch Jan. „Geht hoch von der Cavani ab.‟ „Wo der Grieche ist?‟ „Um die Ecke, ja. Quasi gegenüber dem Albergo James Joyce[2]Dort..‟

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Briefe nach Triest 63
Briefe nach Triest 61

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References

References
1 Seit dem Ersten Weltkrieg (nord)italienisches Spottwort für “Deutscher”; abgeleitet aus dem Kroatischen, “cruch” = “Brot”, um das die Gefangenen bettelten.
2 Dort.

Gestern abend vorm Tommaseo. Briefe nach Triest 61.

Das TOMMASEO ist mein, sofern es sich während der → Triestrecherchen einrichten läßt, allabendlicher quasi Meditationsort, an dem alle Personen des Romans verkehren, die hier leben — teils allerdings, ohne sich zu kennen; eine Konstruktion, aus der sich durchaus witzige Situationen ergeben, die ich dort hockend ersinne. Es ist dies nebenbei eine kleine Anspielung sowie Erinnerung an das (leider nicht mehr existente) Berliner SILBERSTEIN der Andersweltromane; allerdings ist das TOMMASEO für die Triestbriefe nicht ganz so zentral, eher ein Nebenschauplatz – was, “Schauplatz”, Sie bitte wörtlich nehmen möchten, liebste Freundin. Denn genau gegenüber, im neben der Molo Audace nordnordöstlichen Hafenbecken, springt nicht nur die Lydierin kopfvoran in das Wasser, sondern genau gegenüber und in diesem grandiosen Licht steigt eine Gesandte der Venere di Carsomare aus der See und schickt sich an, zu der so rätselhaften Statue zu werden, daß sie in die depositi des Museos Revoltella verbracht werden muß, aus denen sie noch später unter noch rätselhafteren Umständen wieder verschwindet.

***

Heute beginnt der vierte Recherchetag und damit zweite Abschnitt meiner Reise. Denn um zehn Uhr werde ich, muß vorher allerdings noch tanken, den geliehenen Wagen wieder abgeben und also alles übrige zu Fuß erledigen. (Ich bin tatsächlich derart eng getaktet, daß ich längere Arbeitsjournal oder überhaupt welche kaum schreiben kann. Doch können Sie die Reise über meine “Stories” bei Instagram verfolgen.)

Ihr ANH
Via Tigor 14, 7.11 Uhr

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Briefe nach Triest 62

Briefe nach Triest 60

Figur im Eingang des Hauses meiner Unterkunft.

Der Recherche dritter Tag. Briefe nach Triest 60: Planänderung.

Da einiges bereits am Vortag erledigt sowie hatte Sconicos Orto botanico carsiano, als ich gestern nach dem Besuch der Grotta gigante gegen 16 Uhr ankam, bereits geschlossen. Er ist, anders als ich voraussetzte, nur halbtags geöffnet.

 

 

Also:


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