Das zwölfte Coronojournal. Am Donnerstag, den 2. April 2020. Darinnen ein paar Worte zur Geschichte der Dschungelblätter und ihrem Editorial.

[Arbeitswohnung, 8.30 Uhr]
Zu Aprilscherzen gab es in diesem Jahr offenbar wenig Anlaß, auch wenn ich hätte, daß tatsächlich, vor allem so schnell, die 5000 Euro Soforthilfe II auf meinem Konto waren, für so etwas halten können. — War’s nicht, das Geld ist konkret.
Zugleich wieder meine, so muß ich es nennen, Gewissensbisse. Denn auch das Geld vom Jobcenter war gekommen, daß ich da dann sogleich, wie → dort angekündigt, zurücküberwies, auch wenn mir einige Freunde –und → auch Leserinnen – rieten, es nicht zu tun, weil doch völlig Verschiedenes abgedeckt würde. Es so lässig zu halten, hätte mir aber der Gefühl gegeben, ein sozusagen Coronagewinnler zu sein. Ein widerlicher Gedanke. Entsprechend verfaßte ich dann auch eine Mail, in der ich dem Jobcenter die Rücküberweisung mitteilte, die Bankbestätigung als PDF mit angelegt, sowie, weiterer Hilfe einstweilen nicht zu bedürfen. Wie wir nun weiter verfahren würden? Es muß ja über die Hilfezeit nun abgerechnet werden.
Mit einer baldigen Antwort rechne ich nicht; die Reaktionen auf meine verschiedenen Schreiben haben eh meistens lange gebraucht, bis sie kamen, im Schnitt an die jeweils drei Wochen, und jetzt wird die Situation für Behörden noch sehr viel schwieriger sein. Die geradezu unmittelbare Überweisung der Soforthilfe II kommt mir eh wie ein Wunder vor, das ich nach wie vor fast nicht glauben kann, nur glauben halt auch nicht muß, sondern nur hinschauen und sehen.

Weiterhin nutze ich diese Tage, nun sind es schon zwei Wochen, denen, wovon ich überzeugt bin, noch viele weitere folgen werden, mit Nachdruck für DIE DSCHUNGEL. Den Béarts fehlt weiterhin mein hymnischer Atem. Ich muß ihren  Ton gegen die Realität quasi durchsetzen. Dabei kam gestern eine nicht nur beruhigende, sondern den Gedichtzyklus auch ehrende Nachricht des Verlags:

(…) diese Krise wird vorbeigehen, sodass ich selbstverständlich grundsätzlich an unserer Publikation festhalte. Es ist aber wichtig, ein gutes Umfeld zu haben. Du hast also noch etwas Zeit. Wie wäre es mit Abgabe Ende Mai? Das Wichtigste ist doch, dass die Textsammlung bestmöglich gerät und zuallererst Du damit durch bist. Alles weitere werden wir dann in Angriff nehmen. (Sobald ich einen Moment habe, schreibe ich auch Deiner Lektorin etc.) Also alles aufgeschoben, nicht aufgehoben, denn das Konvolut ist großartig!

Ende Mai läßt mir in der Tat Luft.

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[… abgebrochen wegen Ärztinbesuchs und weiterer u. a. Wartetermine
sowie besorgungenhalber … Alles weitere deshalb morgen …]

Aber dieses doch noch:

Das gestern eingestellte, 1985 geschriebene und jetzt nachträglich → “Kampfansage” betitelte Editorial ist für meine auch poetische Arbeit von eminenter Bedeutung, sowie um zu erklären, weshalb mein Ruf in der Literaturszene so schlecht ist und blieb. Bezeichnend ist auch, daß die meist hohen Zugriffszahlen DER DSCHUNGEL bei solchen Texten schlagartig und signifikant in den Keller gehen, von gestern  auf heute ein Minus von derzeit (16.16 Uhr) 37 %. Das entspricht zu gegenwärtigen Zeitpunkt nahezu zweihundert Aufrufen weniger und macht mich durchaus nervös, weil es zu nötigen scheint, meine Themenwahl allgemein, mithin “poppig” zu halten. Es ist tatsächlich nicht leicht, dem zu widerstehen.
Ich schrieb dieses Editorial und gründete somit die DSCHUNGELBLÄTTER, nachdem ich seit Erscheinen meines ersten Romans, 1983, auf das deutlichste mitbekommen hatte, wie “der Betrieb” funktioniert(e),— nämlich von irgendeinem anderen in keiner Weise verschieden. Seine Antriebskräfte waren –und sind’s nach wie vor – Eitelkeit, Pfründe, Corps”geist” und quasiMitgliedschaften in Meinungsmacht- sowie politischen Zirkeln, nicht etwa die tatsächliche, geschweige angestrebte Kunst. So naiv, oder idealistisch, war ich gewesen, mir in der Dichtung etwas zu erhoffen, das ich de facto niemals gehabt: eine Familie Gleichgesonnen- und gesinnter, kurz: Heimat. Ich war seit Kindheit ein Augestoßener gewesen, ein von erst auch Erzieherinnen, dann Lehrern unisono mit den Schul”kameraden” verlachte, und ziemlich verhöhnte Spinner, der im übrigen zu weich war, um sich zu wehren, wenn man ihn verprügelte. Alle zwei Tage bezog ich solche Prügel. Das Schlimmste war der Gruppensport, der gefürchtete und deshalb verhaßte Fußball voran, weil er den Mob aus den Kindern holte und hämischst grölen ließ. Nur in den Büchern, die ich las, aus den Musiken, die ich hörte, versprach sich etwas anderes. Hier waren Außenseiter nicht selten Helden. Dies hat gewiß meine Berufswahl zumindest mitbestimmt. Dann aber kam die Realität. Nur waren die Hörner, die sie mir zeigte, überdies noch banal.
Damals hielt unter den sogenannten Intellektuellen die noch sogenanntere Linke den Daumen auf das, was für gut galt, oder es waren Kulturreaktionäre wie Marcel Reich-Ranicki, dessen Hohelied heute nach gesungen wird, Jahre nach seinem Tod, anstelle zu begreifen, erstens wie widerlich er sein konnte (offenbar aber nicht im Privaten) und zweitens welch unheilvolle Rolle er damit für die moderne Dichtung spielte, unter anderem maßgeblich in der schlimmen Gruppe 47., die für Paul Celan nichts als bestialisches Gelächter übrig hatte. Und ich erinnere an Ingeborg Bachmann, die er schlimmer als nur mies beschied, was ihn aber nicht davon abhielt, sich direkt nach ihrem Tod zum Sprecher der Bachmann-Preis-Jury aufzuschwingen — ein fast beispiellos stilloser Akt, zu dem indessen die Literaturschickeria — meine Wissens komplett — schwieg. Mit solchen, ich sag mal, Infamien war er freilich nicht allein, er fiel nur ganz besonders auf, und so hackte die eine Krähe nicht in der anderen Augen.
Ich selbst allerdings, das wußte ich nach einigen Kritiken schon, wäre nicht einmal entfernt wie Frau Bachmanns immerhin genannt, wäre wie einige dem Betrieb unliebsame Kollegen schlichtweg verschwiegen worden; andere hatten Reich-Ranicki und Konsorten mit Fußtritten aus der Gegenwart getreten. Mich trat man gerade, damalige “Autoritäten” wie Ulrich Greiner, Wolfram Schütte, ein paar Jahre nachher auch Iris Radisch, gefolgt von Thomas Steinfeld. Alle sie halfen nicht der Dichtung, noch helfen sie ihr jetzt. Sondern sie kochen ihre Machtsuppen und füttern sich selber und nur sich damit. Dagegen war ein Pflock einzuschlagen, in einen Boden allerdings, meinte ich, der sechsundachtzig Jahre zuvor, und zwar über mehr als ein Viertelsäkulum, von Karl Kraus vorgepflügt worden war.  Selbstverständlich bezieht sich → darauf, daß ich mich den Herausgeber nenne, also namentlich im Text gar nicht auftrete, den ich deshalb auch nicht mit “ANH” signierte. Und selbstverständlich nahm ich Kraus’sens Stilmittel auf, vermittels deren er Kritiken seinerseits kritisierte. Ich werde hier in der Folge immer mal wieder ein Beispiel aus den DSCHUNGELBLÄTTERN einstellen und habe nun dafür eine eigene Rubrik angelegt.

Nun war das Wien des Fin de Siècle und der Secession aber nicht Frankfurt am Main, schon gar nicht der nachherigen Achtzigerjahre, und es wäre illusorische gewesen, meine zehnmal jährlich erscheinenden Heftchen an den Kiosk zu bringen, damit jeder hinrennt, um zu gucken, ob diesmal er genannt ist, oder sie. Außerdem, was in der Wiener Stadt gelang, weil sie eben ein ganz interner Stadtkosmos war, konnte in einem föderalistischen Deutschland kaum reüssieren. Auch das wußte ich. Der einzig gangbare Weg war deshalb das Abonnement. Tatsächlich ließ es die DSCHUNGELBLÄTTER fast fünf ganz Jahrgänge lang gut existieren, Ich gab sie erst auf, als ich in Italien lebte, wo mir die monatliche Schau der deutschen “literarischen” Szene schnell obsolet wurde.
Übrigens stand ich mit meinem Unternehmen durchaus nicht allein. Auch Uwe Nettelbeck gab ein Periodikum heraus, das sich der FACKEL verpflichtet hatte und mindestens so unbequem war wie das meine, allerdings in politischen, nicht ästhetischen Hinsichten. Selbstverständlich hatte ich es selbst abonniert und bewahre die Ausgaben bis heute:

Nun war der fünfzehn Jahre ältere Nettelbeck mit gegenüber deutlich im Vorteil, insofern er kein Noname wie ich war, heißt: Man fühlte sich gedrängt, auf seine höchst bösen Kommentare zumindest zu reagieren, hingegen die DSCHUNGELBLÄTTER genauso wenig in die Feuilletons kamen wie viele meiner Bücher. Was mich nun ganz besonders in Harnisch brachte — so sehr, daß ich, als ich nach MEEREs Erscheinen im Vollzug des Buchprozesses — der mir ein Sprechverbot auferlegen wollte — fast genau wieder dort anknüpfte, wo ich mit ihnen aufgehört hatte. Sie merken es, Freundin, leicht → am Ton, den ich 2003/2004 wieder anschlug, vierzehn Jahre später. Insofern gehören die DSCHUNGELBLÄTTER zu DER DSCHUNGEL.ANDERSWELT direkten Vorgeschichte:

Ihr ANH

 

Zum Persönlichen und seiner Verletzbarkeit. (Aus dem freecity-Altblog, 2003)

Bedenklich ist, daß das Intimste, das alle Menschen gemeinsam haben, nämlich Sexualität, genau dasjenige sein soll, was ihre Privatheit fundiert. Über Sexuelles zu schreiben – das geht nur aus Erfahrung-, gilt nach wie vor als Tabubruch, weil es sich um den Bruch – die Verletzung – eines sanktionierten Abstrakten handelt. Man schaut ein Tabu nicht an, man senkt vor ihm den Blick. Wenn einige dem nicht gehorchen, offenbart sich den Menschen die Gewalt, die ihnen angetan wurde und die sie sich selber angetan haben. Es ist dies, wovon nicht gesprochen werden soll. „So wie H. vögelt man nicht, das ist nicht erlaubt!“ Man hat es sich nämlich selbst nie erlaubt oder kam erst gar nicht in Versuchung: Wer in sie kam und der Lockung folgte und davon erzählt, schert aus dem gemeinsamen Einverständnis aus. Er offenbart das verhüllte Ungenügen und die Lustleere der anderen. Die dann aufschreien. Genau dies macht die gegenwärtige Wellen- und Schlammschlacht so überaus deutlich. Man ist je selber be- und getroffen, weil man ja selbst Anteil am Sexuellen hat, ihn aber nicht oder nur ungenügend realisiert. So funktioniert Moral.

Schon Arno Schmidt nannte es skandalös, daß Ausscheidungs- und Geschlechtsorgane derart nahe beieinanderlägen. Eine Leidenschaft hingegen, die sich mit Fug so nennt, nimmt gerne das eine fürs andere. Die Antike, etwa, ist davon durchglüht. Weil sie dachte, es sei Urin, was schwängere, kommt Zeus über Danae als „goldener Regen“. Damit läßt es sich leben, auch als Literatur. Doch wenn man das sagt, verziehen die Schüttes die Lippen. Dabei: Keine Spur von „Schmutz“ bei Ovid; selbst die Zoopholie findet ihren Respekt. Heut wär sie justiziabel.
Es war das repressive Christentum, das die Lotterbetten hinwegexerzierte, dann inquisitierte und später, nach Barock und Rokoko, als sich die Nationalstaaten bildeten, „autonom“ vergesellschaftete, indem es – Hand in Hand mit dem puritanischen Protestantismus – das Allgemeinste als Persönlichstes definiert und zugleich auf die Fortpflanzungsfunktion reduziert hat, ganz uneingedenk, daß „die Natur“ es ausgesprochen liebt zu würfeln. Wer Sexualität als Tanzfläche nahm, war plötzlich, und zwar persönlich, sündig. Daher rührt der Schutz des allerallgemeinsten Persönlichen: Er ist nämlich nicht Schutz, sondern Repressalie. Und zwar, weil es so vergesellschaftet ist. Sexualmoral wird für eine allgemeine und eben nicht subjektive Kondition gehalten und prägt das Rechtssystem bis heute. Nur weil dem so ist, kann aus ihrer vorgeblichen Verletzung eine des Persönlichen destilliert werden. Das Verfahren ist hochgradig perfide; es ist der Tabucharakter, der es prägt, ist eine Art inverser double-bind: Wenn ich das Allgemeine offenbare, das man gerade als Allgemeines verschweigen möchte, verletze ich das Persönliche; genau so ist das Verbot strukturiert. Es ist eine Falle.

Dahinter verbirgt sich letztlich die alte Pornografie-Debatte.

Der eigentliche Skandal → an dem Buch ist wohl, daß der Allgemeincharakter einer Liebesgeschichte so überaus deutlich gemacht wird, daß sie nämlich gerade nicht persönlich ist. Darauf wird nun mit diesem bisweilen hämischen Abscheu eingeschlagen; jeder sagt imgrunde: Der spricht ja von mir. Jeder erkennt sich wieder. Genau deshalb wird die eben skizzierte Abwehrdynamik bemüht: Indem man der Inkrimination des Buches beispringt – sei es aus „Ritterlichkeit“, sei es aus moralischer Überzeugung -, lenkt man doch letztlich von sich selbst und den irrationalen eigenen Innentabus ab, ja man richtet den allgemeinen Blick zentralperspektivisch auf den Gegner des Buches und entblößt ihn dadurch völlig. Es ist bezeichnend, daß es vor allem alte Männer sind, die dies tun; sie atmen noch immer die miasmische Luft der vor dreißig Jahren so genannten „Doppelmoral“. Frauen, selbstverständlich, reagieren ebenfalls allergisch, denn ihre Geschlechtsidentität – wiederum etwas höchst allgemeines – bekommt eine Beleuchtung, die dem praktikablen (patriarchalen) Zusammenhang nicht gefällt, in welchem sie sich mehr oder minder pfiffig, manche auch beachtlich klug, eingerichtet haben. Dazu gehört besonders die „Offenbarung“ gewisser Sexualpraktiken, und zwar nicht, weil sie sich so oder anders (nicht oder doch) abgespielt hätten – der vorgeblich reale Untergrund tut imgrunde überhaupt nichts zu Sache -, sondern weil am alten Tabu auch diejenige hängt, die es heimlich übertritt. Es ist genau dieses Tabu, das den Menschen ihre „Persönlichkeit“ noch dann garantiert, wenn diese sich längst aufgelöst hat. Es muß sogar noch schärfer formuliert werden: weil sie sich aufgelöst hat.

Das Private ist über industrielle und marketingdynamische Prozesse längst über die Warengesellschaft determiniert. Paradoxerweise war das etwa im Mittelalter, als es den Begriff des autonom Persönlichen noch gar nicht gab, geradezu umgekehrt: Die Einbettung in die unter Gottes und seiner Statthalter verwaltete Welt eröffnete tatsächlich Freiräume – des Geschmacks, der Lebensweise -, deren „Veröffentlichung“ nun wirklich einer Verletzung des Persönlichen gleichgekommen wäre. Im übrigen hatte das Subjekt noch die Möglichkeit einer dauernden Flucht, bzw. des Rückzugs aus dem Allgemeinen. Für „vogelfrei“ erklärt werden zu können, war ja eine – schon der Begriff sagt es – höchst ambivalente Angelegenheit, insofern sie eben auch bedeutete, daß ein anderes Leben möglich war – ein sicher nicht bedrohteres als das in den groben Überwachungssystemen dörflicher oder kleinstädtischer Gemeinschaften. Das hat spätestens mit der behördlichen Erfassung der Individuen, mit Wohnsitzpflicht und dergleichen aufgehört und ist heute, da die technische, besonders → kybernetische Revolution in nahezu jeden Haushalt langt, eine geradezu utopische Welt. (Deshalb greift Fantasy-Literatur so gern aufs Mittelalter zurück). Das nicht nur prinzipiell, sondern auch dann noch abhörbare Handy, wenn man den Akku zieht, ist ein von den „persönlichen“ Individuen auf dem Weg der Mode nur allzu gern selbstinstalliertes, gesellschaftliches Instrument der Kontrolle; zumindest kann es von undurchsichtigen Instanzen dazu genutzt werden. Das ist auch jedermann bekannt, aber „was hab ich schon zu verbergen?“ Eben. Nachdrücklicher läßt sich der Allgemeincharakter des Persönlichen kaum ausdrücken.

Das gilt nicht nur für den Sockeneinkauf, sondern auch für Intimstes. Ich wies schon darauf hin, daß Sexualität zum tragenden Pfeiler des Warenumsatzes geworden ist, natürlich wegen ihrer Allgemeinheit. Da es hier um das Ausspielen einer Psychologie der Reize geht, die sich durch Überflutung abschwächen, unterliegt der Prozeß einer perversen Dynamik: Was „gezeigt“ wird, muß, um überhaupt noch zu wirken, sich weiter und weiter ausziehen. Man kann das ganz gut daran beobachten, daß auf die gezeigten Knien und Waden (ja, sowas war einmal Skandal) zunehmend weitere anatomische Partien, schließlich vor allem sekundäre Geschlechtsmerkmale in die industrielle Darstellung gelangten; das primäre Geschlecht blieb für zweidrei Jahrzehnte „verschont“. Unter anderem die Theater brachen auch damit, und heute ist man nicht einmal mehr sonderlich erregt, wird eine Möse gezeigt. Sogar über lange Jahrzehnte patriarchal tabuisierte Männerkörper hat längst Einzug in die Schaufenster gehalten. Wir kennen die – Volksbelustigungen ähnlichen – Männerstrip-Veranstaltungen. Auf Bühnen und vor Kameras wird gepinkelt.
Es wäre eigentlich schwierig gewesen, die Entblößungs-Eskalation, die durchaus etwas vom Wettrüsten des Kalten Krieges hat, noch weiterzutreiben, wäre nicht gesellschaftlich, eben über die technische Kybernetisierung von Welt, dem Markt eine Art übrigens berechtigter Selbstangst beigesprungen: Die Darstellung des „heilen, schönen Körpers“ ersetzt sich durch die Verwundung. Tattoo und Piercing sind ja anatomische Eingriffe, deren movens der Schmerz ist. Was der Seele angetan wurde, wird hinausgestülpt und zum Schmuck: Äußerstes Sympom dafür, daß sich ein Schmerz seelisch nicht verarbeiten läßt. Das ist jenen Kranken nicht unähnlich, die sich ständig in die Unterarme schneiden. Daß so etwas unter Gesunden Mode wurde, verweist wiederum auf die Allgemeinheit des Befunds. Hierzu gehört auch der partymäßig betriebene Sadomasochismus.
Nichts ist daran, was ehrenrührig, und nichts, was „privat“ wäre. Aber es schreckt einen auf und soll deshalb nicht sein. Kopf in den Sand. Das Geschehen ist geradezu allegorischer Natur. Darauf weisen moderne Poetologien ständig hin, etwa die Elfriede Jelineks. Aber die „Zerstörung“ und der „Zerfall“ der Persönlichkeit sind Themen bereits der frühen Moderne; erst die ästhetische Restauration, die der Realismus gebracht hat, hat den Sachverhalt wieder verschleiert. Auf ihn bezieht sich jede Berufung auf eine Persönlichkeitsrechtsverletzung.

Nun ist in dem gegenwärtigen Verfahren nicht skandalös, daß eine Frau meint, ihr Sexualleben gehöre nicht in die Öffentlichkeit; ein Irrtum insofern, als es sich ja nicht um ihr Sexualleben handelt, sondern um das einer ganzen Gesellschaft. Und es ist sowieso ein Roman und der Einspruch also höchst naiv. Man kann fast Mitleid mit solcher Verblendung haben. – Auch nicht skandalös ist das sozusagen Urteil in dieser ersten Instanz. Man hat damit rechnen können, weil es dieselbe Kammer fällte, die die Einstweiligen Verfügungen erließ. Wenn die Kammer dem Gegner riet, den unterbreiteten Vergleichsvorschlag anzunehmen, so zeigt das allerdings deutlich, in welche Zweifel die Richter gerieten. – Sondern daß Leitfiguren des öffentlichen Lebens sich aufgerufen fühlen, trotz ihrer Kenntnis der Literatur nicht nur deren Verbot zu befördern, sondern qua publizitärer Machtausübung zu beklatschen. Dahinter steht selbstverständlich Angst. Dahinter steht vor allem die Unfähigkeit, eine neue Realität zu erkennen. Das liegt an dem begriffslos gefühlten Unbehagen, das der Allgemeinheitscharakter auch ihres Privaten diesen alten Männern macht. Er muß abgewehrt werden. Der in seiner Irrationalität ausgesprochen hämische Ton, in dem besonders Wolfram Schüttes Text daherkommt, zeigt sehr genau, welch einer Anstrengung diese Abwehr bedarf.
Ich habe offenbar – mir war das nicht im Geringsten klar – mit dem Buch eine Grenze überschritten, aber nicht die eines Vertrauensmißbrauches, wie Ulrich Greiner interpretiert, sondern ich habe den Schleier gelüftet, mit dem die Priester gesellschaftliche Tabus verhüllen. Darüber wird nun so ungesagt diskutiert. Deshalb soll auch nicht über die ästhetische Güte meines Textes gesprochen, bzw. gestritten werden; statt dessen wird nur der vorgeblich „private“ Charakter, den das Buch habe, negativ bekanntgemacht, ja unterstellt, ich hätte es auf Kosten eine Privatperson abgesehen auf diesen Skandal. Man lenkt den öffentlichen Blick auf das Persönliche – auf „private“ Schuld und „privaten“ Mißbrauch -, damit das Allgemeine sich wieder verdeckt.

Es sind dieselben Leute! (Aus dem freecity-Alblog, 2003).

Ich äußere mich zu Wolfram Schütte und Ulrich Greiner im Lauf dieses Tages, der eine erste Entscheidung bringen wird. Momentan ist keine Zeit, einen Eintrag stilvoll und mit dem nötigen Witz zu Diskette zu bringen. Aber ich hole das später nach, denn einiges fällt mir sogar schon spontan ein. Nur dies vorab: Es ist ausgesprochen bezeichnend, daß sich die Genannten auf die vorgebliche Intimitätsverletzung stürzen, als wüßten ausgerechnet sie, was das sei: „Intimität“, und zwar schon gar literarisch; und daß es ihnen dabei zu gelingen scheint, die politische Atmosphäre, die Deutschland in den Siebzigern prägte und die ich beschreibe, in den Medien und den Köpfen gänzlich vergessen zu machen. Sie haben allen Grund dazu. Denn sie haben das Milieu maßgeblich mitbestimmt. – Nein, genug für jetzt. Heute nachmittag oder heute abend mehr.

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