Wien 2: “Ein alter Mann geworden zu sein”: ungut ein ‘Encounter’. Im Wiener Arbeitsjournal zum 22. und 23., geschrieben am Sonntag, den 24. Juli 2022. Darinnen zudem der Abschluß des Lektorates der Verwirrung des Gemüths, ein Podcast zu literarischen Helden, hier zu einem dunklen, sowie der Arbeit im Sommer an sich.

[Im Verlag, Gästezimmer
7.12 Uhr]

Pünktlich auf um sechs. Zur ersten Pfeife, wie überhaupt um zu rauchen, immer in den Hausflur, da mein Verleger empfindlich. Also den Kaffee bereitet, eine Pfeife schon mal gestopft und mit ihr sowie Aschenbecher, Feuerzeug, dem Laptop für die morgendliche Presselektüre an eines der hohen Fenster im Gang, es geöffnet, den Tabak entzündet, den Laptop aufgeklappt und so den Tag schon mal fortgesetzt, auch die Arbeit von gestern gesichtet, ich übertrug die (vielen) Korrekturen des vierten Durchgangs, dem auf dem Papier, der Triestbriefe bis nachts um eins. Immer wieder dem Freund auch vorgelesen, dabei ständig neue Ideen und aber auch Lösungen für Probleme gefunden, die dieser Roman für mich noch bereithält. Es wird nun, bevor ich mich werde an die letzten sieben Briefe setzen können, die ihn abschließen werden, noch einen fünften Korrekturgang geben müssen. Aber mir ist sehr klar geworden, wie der Anschluß der neuen Briefe an die “alten” aussehen wird – und fast auch schon das Ende des Romans. — Nachdem die halbe Pfeife geraucht, den Ort gewechselt, nämlich an den kleinen Arbeitsplatz zurück, den ich in meinem Gästezimmer habe, einen sehr angenehmen, an dem halt nur nicht geraucht werden darf.

Der nicht nur angenehme, sondern himmlische – und nicht nur, weil ich unter dem weiten Himmel dort rauchen konnte – breitete sich in Bad Fischau aus. Und tatsächlich, Elvira M. Gross und ich haben das Lektorat zuende bekommen, also der “Verwirrung des Gemüths”, deren satzfertiges Typoskript nunmehr pünktlich im Verlag liegen wird. Die Abgabe des lektorierten Textes nimmt stets meine Lektorin vor, damit es mit den vielen Fassungen nicht zu unnötigen Verwechslungen kommt. In dieser Hinsicht, wurde es anders gehalten, sind schon mehrmals unnötige Irrnisse entstanden; seit wir es so tun, nicht mehr.
Die Arbeit selbst war sehr gelöst, wir haben zudem viel gelacht. Elvira versteht oft den Witz, der weniger Schnellen erklärt werden muß. Ihrerseits sie kommt immer wieder auf hinreißende Ideen, wenn mal was stockt, und manches, das ich noch vorsichtig formuliert habe, spitzt sie gewaltig zu; dann kann eine ironische Abfälligkeit plötzlich schon ziemlich scharf sein und aus “Blödmänner, blöde Frauen” wird “Blödfrauen, blöde Männer”. Oder es wurde bei mir viel gestarrt, angestarrt usw., was sich oft auch mit “erstarren” mischte, was ihr nach einiger Zeit ziemlich auf den Keks ging – also gegangen war, als sie es las. Nun waren dauernd Alternativen zu finden, oder es hieß einfach streichen, streichen, streichen. Manchmal müssen dann, aus rhythmischen Gründen, die Satzteilstellungen geändert werden, oder es ist insgesamt umzuformulieren.
Und so lief es denn, anderthalb Stunden Arbeit, eine Stunde schwimmen (bei ihr ein zügiges, nicht unterbrochenes Durchkraulen; ihre Eleganz dabei ist berauschend), die nächsten anderthalb Stunden arbeiten, dann abermals schwimmen – und so bis kurz vor sechs Uhr abends, weil der 18.18er Zug genommen werden will, der uns bis kurz vor halb acht zurück nach Wien bringt.

Gestern sah ich sie nicht, mal sehen, ob sie sich heute meldet. Allerdings liegt hier Arbeit genug an – allein, meine Korrekturen, Ergänzungen, Änderungen usf. in die Triestbriefdatei zu übertragen, dürfte nicht unter acht Stunden zu schaffen sein. Bevor ich mit dem dann halt fünften Durchgang beginne. Wichtig ist nämlich, ein ganz bestimmtes Übergangsmotiv, das mir seit vorgestern klar ist, für dessen Einbau ich aber gestern erst die zündende Idee fand, schon ganz an den Anfang zu stellen, etwa auf S. 2 — und erst auf Seite 302 wieder aufzunehmen – eine, also, s e h r weite Klammer. (Die hier abgebildete Seite enthält das Motiv also “wieder noch nicht” .)

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Bevor ich aber nun zur Erzählung dieses in der Überschrift angekündigten  “Encounter”s komme, etwas noch Erfreuliches, nämlich → Gutenbergs Welt von gestern, in Manuela Reicharts Redaktion und Moderation. Mit meinem kleinen Text zum vampirischen Helden:

Schön dabei auch, daß, und vor allem “wie”, Manuela im Nachsatz über die → Béarts spricht, für die so etwas wie der folgende “Encounter” ebenfalls zu befürchten wäre gewesen, hätte nicht Carsten Otte dem → den Riegel vorgeschoben, und nunmehr Reichart auch: “… und diese Anrufung von Lust und Liebe ist eigentlich immer eine Heldentat.”

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Doch nun zum alten Mann:

Wie immer mittwochs gab es im → 777 ein Essen – einen ganz wunderbaren Sugo aus frischen, nicht verkochten Paradeisern zu, tatsächlich (bei Dieter Würch selbstverständlich) al dente, Spaghetti als Vorgang, danach beinah noch transparent gebackene Forellenfilets auf Mischgemüse. Danach saßen wir Wein trinkend auf der Domgasse, die ich immer “mein Wiener Neapel” nenne und so auch empfinde. Das kleine, höchst lebhafte Hündchen einer Hausbewohnerin, nennen wir sie Lady Amanda, tollte mit einem Quietscheball herum und wollte ihn ständig apportieren müssen, so daß er ums Werfen bettelte (“klein” und “chen” ist hier völlig korrekt, sprachlich muß man das Tierle zwiefach diminuieren, damit Sie die korrekte Vorstellung haben) … — wie auch immer, die anderen waren irgendwie kurz drinnen, und ich saß allein — als sich die Haustür öffnete und eine sportliche junge Dame heraustrat, was das von mir danach “Bluthund” benannte Tierlein mit einer kläffenden Attacke auf sie quittierte. Die junge Dame schrie auf, ich sprang herbei, aber ungeschickt, weil ich so lachen mußte, was ich mir indes schnell verkniff, um diese aus dem quasi Nichts aufgetauchte tatsächliche Schönheit wieder zu beruhigen. Jedenfalls: “Setzen Sie sich zu uns, ich bring Ihnen schnell einen Wein.” Und bald war sie von uns Männern eher gerahmt als umgeben; mein Verleger, in flirtenden Belangen stets auf dem Quivive, hatte sofort einen Stuhl gebracht, damit diese Fee auch sitzen bliebe. Was sie tat, bis spät in der Nacht. Wir trennten uns mit einer losen Verabredung für den Freitag eben hier — was, wie ich erst tagsdrauf kapierte, ein reichlicher Unfug war; denn Freitag abends hat die Buchhandlung, na logo, geschlossen.
Auch hier war mein Verleger pfiffig. Es traf sich, daß Paul-Henri Campbell seit neuestem in Wien lebt; wir hatten uns verabredet, er und ich, ohne schon etwas fest auszumachen. So daß Haacker, dem ich — weil ich doch in Bad Fischau fest im Lektorat mich sonnte und Elviras sprachelegantes Beimirsein genoß — die Angelegenheit sozusagen übertrug; und da er von der Verabredung mit der, denn das ist sie, Jordanerin wußte, verstand es nun so einzurichten, daß das Treffen mit Campbell und seiner Gefährtin eben im 777 stattfinden würde, also die meiste Zeit draußen auf der Gasse; er selbst wollte – und tat es auch – eine Suppe zubereiten, die wir, er und ich nach meiner Rückkehr aus Bad Fischau hinübertragen würden. Es ist vom Verlag zum Dom nicht sehr weit (und auch das schon eine Übertreibung). — Ja, da waren wir aber gespannt, ob die Jordanerin käme. Und da wippte sie schon herbei, sah mich, gab ihren Schritten Tempo, fiel mir quasi um den Hals, rief “bis nachher” und verschwand für ihr Training im Haus (sie hängt dazu in Seilen). Campbell, aufs erfreuteste irritiert, zu mir: “Was war denn das?” Ich, leise: “Herbst und die Frauen”. Da wurde aber schon zum Essen gerufen. Alle also hinein an den Tisch.
Mit dabei die schon genannte Amandamadame, die seit runden zehn Jahren in Wien lebt, aber kaum ein Wort Deutsch spricht. Dabei ist sie sonst ausgesprochen polyglott, Italienisch, Spanisch, Englisch, Hebräisch sogar; durchaus nicht dumm, im Gegenteil, nur etwas laut. Jedenfalls gab es nun ein Vorspiel zu dem, was dann peinlicherweise kommen sollte – ich trage nach wie vor eine Art Schock davon. “Das Deutsche”, fing sie tumb zu dozieren an, “eignet sich als Sprache nur für sehr junge Wissenschaftler und ein bißchen für Philosophie, in keinem Fall aber für die Dichtung.” Dieses alles auf stark akzentetem Englisch. – Mir blieb ein Stücken der spannenderweise nach weißem Spargel schmeckenden Zucchini unterm Gaumen kleben, somit das Erlebnis vorbei. Das sei doch kompletter Unfug, erwiderte ich, worauf sie einen, nur einen Vers eines, nun jà, ganz netten Keithgedichtes vortrug, der als Beweis dienen solle. Ich konterte mit Duino, einem Orpheussonett und Goethes Harzreise im Winter. Da diese Gedichte auf Deutsch sind, das diese Frau, wie gesagt, nicht versteht, konnte sie meine Rezitation nicht einmal als einen Gegenbeleg akzeptieren, sondern versteifte sich nur noch mehr in ihrer Bizarrerie, wurde noch lauter, vor allem sehr aggressiv, so daß ich einfach gar nichts mehr sagte, sondern aufstand, um draußen eine Pfeife zu rauchen.
Nach und nach kamen die andern hinzu, wieder wurde der Wein gereicht, die Madamanda nahm quasi zu Füßen des Buchhändlers Platz, das Bluthundchen ließ sich den Quietscheball werfen, die Haustür ging auf. Und die Jordanierin re-erschien. umarmte mich kurz, nahm neben mir Platz mit Blicken der lustvollsten Willkür. Es war ein herrlicher Mutwill. Wir begannen zu plaudern; sie sei in der und der Tanzgruppe gewesen, professionell, großes Theater dort und dort, leider dann ein Knöchelbruch, ich stellte Fragen um Fragen, weil ich ja auch nie weiß, was ich irgendwann einmal für eine Erzählung brauchen werde. Kurz ging ich hinein, um neuen Wein zu besorgen. Zurückkehrend gewahrte ich, wie Ladamanda der Jordanierin zuraunte, sie solle sich doch besser um Männer ihrer, der Jordanierin, Generation bemühen, nicht um einen so alten Mann wie mich. Woraufhin die junge Dame ausgesprochen  elegant parierte, die Amandanerin sozusagen abgleiten ließ, die nun aber immer wütender wurde. Was in mehrmaligem Ausrufen, wirklich lautem, mündete, sie müsse in einem fort kotzen, wenn sie uns sehe. “Seeing you, I only can vomit!” Da wurde dann auch ich sauer. Ein Wort gab das andere, es peitschte sich auf – vielleicht war die üble Dynamik davon in Gang gebracht, daß diese Frau für mich von nicht dem mindesten Interesse war. Übrigens hatte ich sie auf um die fünfzig geschätzt, was mein Verleger auf um die vierzig herunterkorrigierte. Die Jordanerin ist etwas über dreißig Jahre alt. – Solch ein Altersunterschied sei ekelhaft, einfach nur ekelhaft, ekel-, ekel-, ekelhaft! schimpfte die Keife erneut. Und wieder das Wort, she could only vomit, vomit, vomit. Und obwohl ich nun wirklich nichts anderes vorhatte, das aber sehr genoß, als mit dieser jordanischen Schönheit einfach nur zu plaudern und Blicke zu tauschen, die imaginieren, was doch niemals mehr sein wird — ich weiß doch sehr wohl, was eine durchgestandene Chemo bedeutet, welche irreversibelen Folgen sie hinterläßt, mit denen wir uns dann irgendwie arrangieren müssen, ohne den Stolz zu verlieren —, also obwohl ich nur das Spiel spielen, es wiederspielen wollte, Frau Amanda hatte es restlos zerstört.
Gewiß, all dies wäre aufzufangen gewesen, lebte ich in Wien, doch reise ja übermorgen abend bereits wieder ab. So nützt es denn auch nichts, daß diese Frau sich bei dem Buchhändler und, über den an dessen Mobilnummer gelangt, bei meinem Verleger und über ihn indirekt auch bei mir, per Whatsapp entschuldigt hat. Denn was mir bleibt, ist ein schwerer Zweifel an meiner Selbstwahrnehmung. Im Spiel glaubte ich mich weiterhin; es vergeht selbst in Berlin kein Tag, an dem ich nicht angeflirtet werde – ganz wie ich es mein Leben lang gewohnt war, also ab etwa meinem dreißigsten Lebensjahr; davor war es anders. Jetzt aber habe ich das Gefühl, den “alten Mann” schon im Aussehn zu tragen und mich also, flirte ich mit jungen Frauen, lächerlich zu machen. Wie ich davon wieder wegkommen soll, weiß ich noch nicht, zumal ich zwar gut im Verzeihen, im Vergessen aber schlecht bin und unbegabt im Verdrängen, diesem zumal abgeneigt.
Geatmet hatte ich Frühlingsluft, die in meiner Lunge aber als scharfe Frostklümpchen ankam. Und in ihr immer noch nachklirrt. Es ist ja auch nicht ungefährlich in solchem durch mein Rauchen sowieso schon beanspruchtem Gewebe.

Ihr ANH

Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 26 Juni 2022. Krawattenknoten & Triest.

[Arbeitswohnung, 8.56 Uhr
France Musique, Le Baroque:
Antonio Draghi, El Prometeo, Y a tus plantas]

Für Instagram mal wieder g e s p i e l t . Dieses Mal der Rosenknospen-Krawattenknoten. Meine Beschreibung, liebste Freundin, lesen Sie einfach direkt → dort. Hingegen waren die drei vergangenen Tage einer sommerlichen Anzug-mit-TShirt-Lässigkeit gewidmet, also in Sachen Haute Couture. Das TShirt muß selbstverständlich “uni” sein, also bitte keine Grafiken oder sonstigen Bilder drauf, erst recht kein Markenname, sondern am besten ist es schon knapp vorm Entsorgen. Dafür der Anzug makellos; Armani und Lagerfeld bieten sich an. Die Differenz macht das Bild. Es geht aber auch hier um Formung, also bewußte Entscheidung.
So forme ich derzeit auch →  die Triestbriefe um; sechseinhalb liegen noch vor mir. Danach darf ich neu weiterzuschreiben beginnen; es müssen noch sieben weitere sein. Wobei ich erst das Problem hatte, viereinhalb Arbeitsjahre an diesem Roman ausgesetzt zu haben und nun einen organischen Übergang zu finden. Unterdessen ist er mir klar. Es ist dies poetologisch umso wichtiger, als ich selbstverständlich nicht schreiben kann, ohne den Ukrainekrieg zumindest Spuren in das Buch einprägen zu lassen, wahrscheinlich auch Liligeia. Es gehört bekanntlich zu meinen Grundüberzeugungen, daß jeder Roman auch eine Mitschrift der Zeit sein muß, in der und wie er entsteht. Lenz wird dann also schon nahezu fünf Jahre in seinem Grenzhäuschen leben, oben auf dem Karst, also durch und durch Bauer geworden sein; die Lydierin dürfte er in all der Zeit nicht gesehen, nicht einmal etwas von ihr gehört haben. Schon gar nicht hat er ihr weitere Briefe geschrieben. Umso erstaunlicher, daß er damit jetzt wieder anfängt. Da ist der Krebs übrigens ein schwereres Problem als der Krieg, der ein durchaus angemessener Grund ist, indessen die nach wie vor geliebte Frau auf keinen Fall das Gefühl bekommen darf, Liligeia sei eine Folge ihres, der Lydierin, Rückzugs — mithin eine physische, sagen wir: psychosomatische Trennungsfolge. Also wird Lenz, daß die Tumorin sich in ihm eingenistet hat, anderswie begründen, und meinerseits ich werde achthaben müssen, den Triestroman nicht versehentlich ins → Krebstagebuch übergehen zu lassen oder gar beide Projekte miteinander zu verschmelzen — ganz abgesehen davon, daß mir das Buch sonst zu umfangreich würde. Dreihundert bis vierhundert Seiten genügen eh vollauf; besser wären weniger.
Zudem läuft die Bearbeitung der frühen Gedichte weiter, momentan nicht mehr jeden Tag eines, aber doch alle drei vier Tage, und ich denke immer mal wieder an das neue Gedichtprojekt, Sapho, doch will mich nicht verzetteln, sondern warte vor allem auf die zweite Lektoratstranche der Verwirrung des Gemüths, damit wir, Elvira und ich, bis Mitte Juli rechtzeitig abgeben können, um zur Frankfurtmainer Buchmesse tatsächlich den Roman auch vorliegen zu haben. Wenn die lektorierte Fassung gesetzt sein wird, stehen ja noch die Fahnenkorrekturen an.

Gut war gestern, frühabends bis nachts, auf Uwe Schüttes jährlichem Sommerfest gewesen zu sein, auch wenn ich einmal wieder merkte, wie randständig ich im Betrieb positioniert; mittlerweile macht mir das meistens nichts mehr aus, manchmal sogar im Gegenteil, doch hin und wieder nehme ich es dann doch leicht schmerzhaft wahr. Zumal ich schlichtweg aus Altersgründen nicht mehr annehmen kann, es werde sich daran noch etwas ändern — nicht, weil es de facto noch an mir liegen würde, meiner Erscheinung, meiner Widerständigkeit, meiner, nun jà, Arroganz, sondern einfach, weil neue Generationen nachgewachsen sind, die jetzt zurecht im Mittelpunkt stehen; der Wechsel hat ja nicht nur bei den Autorinnen und Autoren, sondern auch den Vermittlerinnen und Vermittlern stattgefunden, denen ihre Generation nachvollziehbarerweise näher ist. Hier wird erst die Zeit ausgleichen, ich meine historische Zeit, wenn die rückwärtsgewandte Perspektive die Lebenszeitgeschichten engführt. Zu ihrer Zeit lagen zwischen, sagen wir, Beethoven und Mozart W e l t e n, heute fassen wir beide in die gleiche kulturgeschichtliche Ära. Man muß eine Art vorangeschrittener Lebensreife haben, um dies nicht nur zu verstehen, sondern auch zu fühlen. — Auch dort, übrigens, Gespräche zum Ukrainekrieg, in denen sich die verschiedenen Einschätzungen aneinander rieben. Unterm Strich sind wir, da hatte in der Büchner Buchhandlung vor vier Tagen Stephan Wackwitz — mit dem ich mich bereits auf der Frankfurtmainer PEN-Tagung im Oktober angefreundet habe  — recht, ratlos. Aber jeder spürt, und sagt es, die akute Gefahr. Nur unsere Reaktionen auf sie sind verschieden.
Nach der Veranstaltung lud der Verlag, S. Fischer, zum Essen; die junge Dame, die ihn vertrat, wollte partout nicht warten, bis draußen für uns etwa elfzwölf Leute genügend Tische frei waren, um sie aneinanderzurücken, und hieß also die Gäste, sich drinnen zu setzen. Ich empfand das als eine, der wunderbaren Sommernacht gegenüber, Blasphemie – und vondannte. Wofür ich mit einem herrlichen, von süßem Lindenduft gesalbtem Schlendern belohnt wurde. Selig darob nahm ich daheim noch einen letzten Wein.

Die Verwirrung des Gemüths, Ausgabe Zweiter Hand, Lektorat Elvira M. Gross, Durchgang 1, Beispiel 1 (Typoskriptseite 151):


Vorher:

Typoskript S.151. Nachher:

***

Ukraine-Dialoge XIII: Wenn wir’s dann noch schaffen. Elfenbeinverlag | ANH

 

 

Freitag, 25. März 2022, 12.53 Uhr

Elfenbein Verlag
Wie geht es → der Verwirrung?

ANH
Du, ich bin ziemlich verzweifelt, kann an nichts mehr denken und auch über nichts mehr schreiben als den Ukrainekrieg – und biete momentan all meine Kraft auf, um gegen den von jetzt so vielen gerade Künstlern geforderten NATO-Eintritt anzuschreiben, der mit hoher Sicherheit einen atomaren Krieg bedeuten würde oder, um es sehr böse zu sagen: Wenn die Ukraine untergeht, gehen halt wir alle unter.
In meinem Leben habe ich noch nicht solche Angst gehabt, nicht um mich, aber um meine Kinder. Gegen diese Gefahr ist alles, was ich schreibe, überarbeite und versuche von ungeheurer Lächerlichkeit, sinnlos, banal, ein luxuriöser Pups. Wenn ich nicht jeden Tag gegen diesen Kriegsvirus anschriebe, hinge ich in tiefster verstummter Depression.

Elfenbein Verlag
Ich verstehe Dich. Du musst anderes schreiben. Mach das. Ich kann die “Verwirrung” auch in der alten Fassung wiederauflegen. Bin sowieso davon überzeugt, dass man an Altem nicht herumdoktern soll, sondern Neues wagen. Aber bitte denke positiv: Dum spiro, spero.

ANH
Bitte, bitte nicht die alte Fassung! Sie ist teils unerträglich! Ich habe nur noch hundert Seiten vor mir und schon so viel Zeit hineingesteckt, konnte nur nach diesem Kriegsausbruch nicht mehr weiter – mit nichts. Ich kriege es nicht einmal mehr hin, die dringend nötige Coronahilfe-Abrechnung zu machen. Aber auf keinen Fall die alte Fassung! Wenn d i e neu herauskommt, werde ich ein für alle Mal zu schreiben aufhören. Daß sie als alte Fassung im Antiquariat zu kriegen ist, ist in Ordnung, gehört zur Geschichte. Als Neuausgabe aber wäre es ein Armutszeignis, das durch mein gesamtes Werk einen Strich macht.

Elfenbein Verlag
In Ordnung, dann warte ich weiter. Gib Dir einen Ruck, ich mache ja auch alles weiter. Denk an Martin Luther, an den Apfelbaum.

ANH
Ich versuche es heute mit Lexotanil, ein Mittel, daß mir bei schweren Depressionen fast stets geholfen hat. Ich muß es vorsichtig dosieren, da das Suchtpotential extrem ist. Aber pro Woche eine halbe Tablette geht, vor allem, weil sich das, sind die Emotionen erst mal gedämpft und nur noch die kalten Verstandeskräfte da, bei mir immer als ein selbst weitergaloppierendes Phänomen herausgestellt hat. Selbst nach meinem Suizidversuch anfang der Achtziger reichten insgesamt ein oder zwei Tabletten hin, mich in kürzester Zeit wieder auf Reihe zu bringen. Ich habe dann zwar keine Gefühle mehr, aber kann strikt vor mich hinarbeiten.

Elfenbein Verlag
Es tut mir alles sehr leid, lieber Alban. Denk an Deine Kinder. Sie brauchen Dich. Mit Optimismus. Das ist auch Teil unserer Vaterrolle. Und unter uns: Es wird keinen Atomkrieg geben. Vorher werden sich die Russen schon von Putin befreien.

ANH
Doch. Es wird ihn geben bei Intervention. 1) Hat Putin bisher alles getan, was er angekündigt hat, 2) Sprach Lawrow heute davon, der Westen habe Rußland den “totalen Krieg” erklärt, 3) hat Putin bereits 2018 vor einem Presseclub die eigene Märtyrerbereitschaft bekundet, und zwar 4) immer und immer wieder mit Bezug auf die Offenbarung des Johannes. Wer da in den Krieg reingeht und, wie mein PEN-Präsident tat, sagt: Putin werde es schon nicht tun, geht ein Risiko ein, das nur noch verbrecherisch genannt werden kann.
Meine Kinder: Mit लक्ष्मी und meinem Sohn habe ich abgesprochen, daß sie so schnell wie möglich ihre Reisepässe gültg bereitliegen haben müssen und möglichst auch schon ein 3-Monats-Visum in ein Land ihrer Wahl. Bei लक्ष्मी und den Zwillingen wird es Indien, nämlich Agra, sein, wo ihre Tante am College lehrt, oder Kolumbien, wo ihre beste Freundin lebt; bei Adrian wahrscheinlich ebenfalls Südamerika. Wo er hingeht, werde auch ich dann hingehen. Wenn wir’s dann noch schaffen.

Am, für diesen Jahreswechsel, letzten Tag in Amelia. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 9. Gennaio 2022.

[Casa di Schulze, Lauretania amerina
ore 8.01, Schreibplatz]

Ich hatte mir bei meiner Abreise aus Berlin viel, leider zu viel vorgenommen, um es auch zu schaffen, und habe also nur ein Quäntchen erledigt; dazu später. Denn aber wenigstens ein amerinisches Arbeitsjournal möchte ich schreiben und tu’s nun an meinem hier letzten Tag. Danach muß gepackt werden; mittags gegen halb drei setzt sich der Zug Richtung Fiumicino in Bewegung, die am Flughafen erst kurz vor fünf zum Stillstand wieder kommen wird, vor also 17 Uhr, der Flieger abheben wird zwei Stunden später. Für den gab es vor drei Tagen hier einige Konfusion, weil ich eine Fehlinformation für bare Münze genommen und in Panik geraten war, die sich durch die des Freundes durchaus nicht halbierte. Angeblich sei Italien zum Virusvariantengebiet erklärt, was erstens bedeutet hätte, daß ich nach Ankunft daheim dort hätte vierzehn Tage quarantär verharren, doch zweitens, um überhaupt ausreisen zu können, auch einen negativen PCR-Test vorweisen müssen, der in Umbrien, egal ob nega- oder positiv, nur sauschwer zu bekommen ist, wenn überhaupt. Es gibt quasi nur Antigen-Teststellen, nämlich in Apotheken, vor denen hier die Schlangen stehen.
Daß meine Info Ente war, stellte sich tags drauf erst heraus, nachdem ich bereits sämtliche Websites des Auswärtigen Amtes wie des Gesundheitsministeriums sowie Robert-Koch-Instituts mich hatte inhalieren lassen. Ah! “Nur” Hochrisikogebiet – und also für den Ge”booster”ten nicht mal ein Antigentest nötig, um von der wahrlich lästigen Quarantäne zu schweigen. Zwei ganze Wochen, ja du meine Güte! Darf ich dann nicht mal in den Keller, um je nächste Kohlen hochzuholen, so daß ich dann auch noch bibbern muß? Und verhungern soll ich zudem, weil ich einkaufen hätte schon gar nicht mehr dürfen.
Diese ganze – anscheinende – Misere wurd noch durch meines Sohnes Erzählung gewürzt, daß er sämtliche Symptome einer Coronainfektion habe und soeben auf dem Weg sei, sich testen zu lassen. Im Fall eines Falles hätte auch er dann in Quarantäne gemußt, immerhin, um’s zu süßen, mit der jungen Frau seines Herzens. Für Liebespartner, die aktiv sind, gilt mitgehangen obligatorisch. – Doch der Test fiel negativ aus, und die Symptome waren die eines allerdings heftigen grippalen Infekts, der sich zu einer Mandelentzündung auswuchs und immerhin schon gestern fast ausgestanden war. Ich hatte heißen Whisky mit Honig empfohlen, nicht unbedingt zu stürzen, zu trinken aber doch, wenn man  sicherheitshalber schon im Bett liegt und nichts passieren kann, wenn man umfällt. Des Dichters MediNait von Wick, wahrscheinlich sehr viel weniger gefährlich; man riskiert allein einen deftigen Kater.
Ein wenig in Sorge war ich allerdings schon.

Der Göttinnen Hände scheinen auf uns zu liegen. Den Kater hatte, quasi statt meines Sohnes, nur ich, zweimal sogar, aber aus Gründen zu vielen Weins (weil eingenommen mit Marsala und Grappa zugleich); es ist seit Corona sowieso zuviel Wein, hier ganz besonders, wo er von Mauro und seinem privaten Weinberg stammt, ungeklärt in  der Fünfliter-Damigiana und von süßestem Bitter auf der hinteren Zunge. Anderthalb davon, die ich, die Flasche im Rucksack verstaut, mitnehmen werde, hab ich mir schon abgefüllt. Ein Glas davon wird mir am späten Abend assistieren, meinen heimischen Schreibtisch wiederzugrüßen; da wird es gegen halb elf sein.

Also. Mir vorgenommen zuviel.
Ich wollte in meinen zehn amerinischen Tagen die “Verwirrung des Gemüts”, meinen 1983 ersterschienenen Roman, überarbeiten und bei der Rückkehr fertig sein; die Neuausgabe des Buches soll ja bereits im März erscheinen. Daran nun war und ist nicht zu denken. Zwar gibt an dem Entwurf und seinen Aussagen gar nichts zu rütteln; “rein” der sogenannte Plot ist und bleibt prima, auch schon die Vorgriffe auf die so späteren Andersweltbücher. Aber – es ist als ein ABER zu tippen – die Formulierungen ..! Und was ich nun gar nicht verstehe: Das Buch ist furchtbar verrissen worden, und ich denke heute, zurecht – aber mit welch lächerlichen, mit den ganz falschen Gründen! Sein eigentlicher, rundum gräßlicher Makel wurde gar nicht benannt, wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Nahezu jeden einzelnen Satz muß ich jetzt schmirgeln, wenn nicht gar durch neue Sätze ersetzen. Da sitze ich an einem einzigen Absatz meistens mehrere Stunden. Es plustert sich alles, ja, nahezu alles mit Abstrahierereien auf, ich habe unsäglich nominalisiert, Adorno hätte “verdinglicht” gerügt. Das ist alles flüssig zu machen, jedes “er spürte, wie er” ins Spüren-selbst zu überführen. An die Dinge herangehen, statt sie zu behaupten, in sie hineingehen! Dafür muß ich Lösungen finden, über die ich nicht selten erst nachdenken muß. Dann stehe ich auf und gehe im Raum hin und her, manchmal zehn Minuten. Dazu die nachgestellten Pronomina in Legion, aber auch ganze nachgestellten Satzteile, als hätte man nicht genug Luft, eine ausgefeilte Syntaxe zu bauen, die eben auch elegant ist, statt vor Kurzatmigkeit zu hyperventilieren. Ähnliches gilt für die erzählten Personen meistens ganz genauso. Auch sie, viele von ihnen, sind bislang nur behauptet und nicht, was sie zu sein haben, da. Also schaffte ich von den mir vorgenommenen zweihundertfünfzig Seiten nur insgesamt dreißig (einhundert hatte ich schon in Berlin neuformuliert) und stehe nun vor dem Problem, meinem Verleger, diesmal Ingo Elfenbein, gestehen zu müssen, für den vorgesehenen Zeitpunkt des Erscheinens, nimmer fertigsein zu können, nimmer, nimmer, nimmer. Zumal Elvira M. Gross noch lektorieren muß, wenn meine Neufassung steht. Ihr schon gar nicht darf ich den Text zumuten, wie er jetzt ist. Sie würde jegliche Achtung verlieren. Sondern ich will, daß auch dieser, gerade dieser Roman ein sprachlich zumindest Gesellenstück wird (für den “Meister” haut’ ich mir aufs Maul) und nicht das gebastelte bleibt eines zwar begabten, doch noch tappischen, teils sogar – in seiner formalen Selbstvergötzung und einem ermotzten Narzißmus – närrischen Lehrlings. Weswegen damals die Kritik nicht diese ästhetischen  Mißstände nannte, wird mir nun ewiges Rätsel bleiben.
Kurz, ich bin peinlich von mir selber berührt, diesem hypomanen Selbstüberschätzer, der ich damals gewesen bin. (Daß mir meine einstige, ich sage einmal, ‘Charakterlage’ das, was ich nachher dann wurde und schrieb, wahrscheinlich erst ermöglicht hat, steht auf einer anderen Seite und mildert mein Urteil altersweise, ohne es aber deshalb zu mindern).

Ich werde Elfenbein also anrufen. Sowas muß man persönlich besprechen, eine Mail zu schreiben, ist kein angemessener Weg. Nur daß ich für ein  Treffen erstmal gar keine Zeit haben werde, ebensowenig dafür, die Überarbeitung morgen gleich fortzusetzen. Denn ich wurde zur Steuererklärung verdonnert, völlig berechtigt, weil der für 2020. Eine kleine Verlängerung der Abgabefrist vom 5. auf den 20. Januar habe ich bewirken können, sonst wäre auch Umbrien nicht mehr möglich gewesen. Doch diesen 20. muß und will ich einhalten

So, dieses war mein Arbeitsjournal. Daß, wenn sein Tagwerk verrichtet, der Freund, dessen erster eigener Lyrikband in diesem Frühjahr erscheinen wird, und ich einander haben viel vorgelesen, versteht sich von selbst, daß wir gut aßen, ebenso, und daß wir besonders gut tranken. Daß wir viel lachten, vertraulich erzählten, Intimes, Ersehntes, Verlornes. Daß uns da manches Mal Traurigkeit faßte. Aber daß draußen, gleich bei meiner Ankunft, der Frühling das Leben als eine enorm gute, widerständige Sonne umwarb sowie in der ausgebreiteten Form eines Himmels, dessen Bläue zu unserer Hineinfahrt verlockte, imaginär Jakobs Leiter hinan, mehr allerdings mich als den Freund, der meine religiösen Als-ob-Flirts nicht teilt. Ich sehe ja überall Satyrn springen, da muß ich den Süden nur riechen: Der nordische Blütenhonig schmeckt einfach nur süß, der hiesige, “Millefiori” genannt, schmeckt nach Thymian, Rosmarin, Fenchel, nach Lorbeer und unbändig drohender Lust.

Ach ja, des Freundes Nachdichtung von Arrigo Boitos Re Orso ist raus:

[Das Bild anklicken und bestellen]

 

ANH,
der sich nun umzieht und packt.

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