Putin und die Omertà ODER Dr. Exkanzlerbergers Badereise. Viertes Bändchen, “Die Waschung”.

 

Cu è surdu, orbu e taci,
campa cent’ anni ’mpaci.
[1]Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.

Proverbio siciliano
Ich kann alles verzeihen außer Verrat.
Vladimir Putin[2]In einem Fernsehinterview im März 2018

I s t sie das, die “Sache” — also schiefgelaufen? Wenn ja, für wen (und für wen n  i c h t)? Dr. Exkanzlerbergers so langes Schweigen zu Putins Aggressionskrieg und nach wie vor an seinen russischen Posten festzuhalten galt der Erhaltung seines Reichtums? Weshalb betete seine fünfte Frau? Um was? Auch sie um ihren Wohlstand? Das Ehepaar hat genug auf der Kante. Darum konnt’ es also nicht gehen.

Putin, dessen Machtergreifung Schritt um Schritt → den Strategien Mussolinis folgte, hat eines aber anders gemacht, nämlich nicht die Mafia zum Erzfeind erklärt – der “Duce” wohl anfangs → aus eitlen Gründen, die dem Pragmatiker Putin egal warn – und unerbittlich sie verfolgt sowie sie schließlich zerschlagen (erst die USA setzten nach dem Einmarsch ins faschistische Italien die Repäsentanten der Mafia – in Kampanien der Camorra – wieder ein – aus vor allem adminstrativen Gründen[3]Es kann aber sein, daß → Lucky Luciano da mitgewirkt hat.), sondern sich nicht nur ihr verbündet, in diesem Fall der russischen Mafia, vielmehr sich zu ihrem Paten gemacht, vor dem jeder Gefolgsmensch ein Gelübde ablegen muß, quasi den Treue- und Schweigeschwur leisten, den der Begriff der Omertà konzentriert.

Der Initiationsritus der Cosa Nostra folgt, etwas verkürzt, → diesem Muster:

Der Adept “geht auf seinen Putin zu, der ihm ein Kärtchen mit einem Bild der Verkündigung in die Hand drückt, deren Festtag der 25. März ist, aber auch der Festtag der Cosa Nostra. Mit einer entschlossenen Geste schneidet er die Fingerspitze des ihm dargebotenen Fingers ab und lässt das Blut auf das heilige Bild tropfen, bevor er es in den Händen des Anwärters belässt. Dann sagt er: “Du darfst niemals unsere Geheimnisse verraten. Man betritt die Cosa Nostra mit Blut und man verlässt sie nur durch Blut”.[4]“Non dovrete mai tradire i nostri segreti. Si entra in Cosa Nostra con il sangue”
Dann zündet der Putin das heilige Bild an, und der Eingeweihte, der den durch die Flamme verursachten Schmerz beherrscht, wiederholt: “Ich schwöre, niemals die Gebote der Cosa Nostra zu verraten. Sollte ich sie jemals verraten, so möge mein Fleisch brennen wie dieses heilige Bild. Wir sind ein und dieselbe Sache. Unser Ding. Cosa Nostra”.[5]”Giuro di non tradire mai i comandamenti di Cosa Nostra. Se mai dovessi tradirli , che le mie carni brucino come quest’ immagine santa. Noi siamo una sola e medesima cosa . La nostra cosa. Cosa … Continue reading

Bei der Camorra wiederum sitzen alle Anhänger

“im Schein einer Kerze um einen Tisch, auf dem ein Dolch, eine geladene Pistole und ein Glas mit vergiftetem Wein liegen. Der Camorrist-Kandidat wird mit dem Dolch in den Arm getroffen. Dann schwört er Gehorsam, Loyalität und Diskretion, während er seinen blutigen Arm hält. Nunmehr nimmt er die Pistole und richtet sie auf seine Schläfe, während er mit der anderen Hand das vergiftete Glas an seine Lippen führt. Nachdem er ihn auf die Knie gezwungen hat, legt der Putin ihm die Hand auf den Kopf und reicht ihm den Dolch.[6]Es ist bezeichnend und erinnert deutlich an des Diktators Nähe zur russisch-orthodoxen Kirche, wie sehr diese Szene der durch JHWE abgebrochenen Opferung Isaaks ähnelt (Genesis 22, → 1-19 Dann wendet er sich an die Anwesenden und ruft: “Erkennt den Mann! So werden Putinisten geboren.”[7]“Riconoscete l’ uomo! Così nascono i putinisti.”

Schwieg Dr. Exkanzlerberger, weil er um die Tötungen[8]Igor Domnikow, Iskander Chatloni,Sergej Juschenkow, Jurij Schtschechotschichin, Paul Klebnikow, Anna Politkowskaja, Alexander Litwinenko, Stanislaw Markelow, Natalia Estemirowa, Sergej Magnizki, … Continue reading wußte, die ein Bruch der Omertà zweifelsfrei zur Folge hat, und reiste nach Rußland, um – nach seiner Kommunion vor Jahren – den Treueschwur zu firmen? Dann wäre Melnyks von der Frankfurter Rundschau zitierte und anderer Medien Ansicht falsch, die “ganze Sache” sei schiefgelaufen. Denn Dr. Exkanzlerberger, zurückgekehrt, lebt. So hat denn seiner Frau Gebet am Ende doch geholfen.

Freilich etwas ganz anderes wär’ es gewesen, wenn ich im Punkte des Ekels den zarten Wieland zum Muster genommen hätte und, wie er (…) auf einer Vignette, statt unseres Exkanzlerbergers, dem über nichts übel wird, einen Leser hätte aufgestellt, der sich über den Doktor und das Gelesene öffentlich erbricht. Aber zum Glücke ist im ganzen Werke von allen Lesern kein einziger in Kupfer gestochen und kann also die andern auf dem Stuhle seßhaften nicht anstecken.

Dr. Exkanzlerbergers Badereise, Vorrede zur zweiten Auflage
Jean Paul Fr. Richter, Baireuth, den 16. Oktober 1822

References

References
1 Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.
2 In einem Fernsehinterview im März 2018
3 Es kann aber sein, daß → Lucky Luciano da mitgewirkt hat.
4 “Non dovrete mai tradire i nostri segreti. Si entra in Cosa Nostra con il sangue”
5 ”Giuro di non tradire mai i comandamenti di Cosa Nostra. Se mai dovessi tradirli , che le mie carni brucino come quest’ immagine santa. Noi siamo una sola e medesima cosa . La nostra cosa. Cosa Nostra!.”
6 Es ist bezeichnend und erinnert deutlich an des Diktators Nähe zur russisch-orthodoxen Kirche, wie sehr diese Szene der durch JHWE abgebrochenen Opferung Isaaks ähnelt (Genesis 22, → 1-19
7 “Riconoscete l’ uomo! Così nascono i putinisti.”
8 Igor Domnikow, Iskander Chatloni,Sergej Juschenkow, Jurij Schtschechotschichin, Paul Klebnikow, Anna Politkowskaja, Alexander Litwinenko, Stanislaw Markelow, Natalia Estemirowa, Sergej Magnizki, Boris Beresowski, Boris Nemzow, Selimchan Changoschwili. Nach Attentaten noch am Leben sind Wladimir Kara-Mursa und Sergei Skripal.

Ukraine-Dialoge XIII: Wenn wir’s dann noch schaffen. Elfenbeinverlag | ANH

 

 

Freitag, 25. März 2022, 12.53 Uhr

Elfenbein Verlag
Wie geht es → der Verwirrung?

ANH
Du, ich bin ziemlich verzweifelt, kann an nichts mehr denken und auch über nichts mehr schreiben als den Ukrainekrieg – und biete momentan all meine Kraft auf, um gegen den von jetzt so vielen gerade Künstlern geforderten NATO-Eintritt anzuschreiben, der mit hoher Sicherheit einen atomaren Krieg bedeuten würde oder, um es sehr böse zu sagen: Wenn die Ukraine untergeht, gehen halt wir alle unter.
In meinem Leben habe ich noch nicht solche Angst gehabt, nicht um mich, aber um meine Kinder. Gegen diese Gefahr ist alles, was ich schreibe, überarbeite und versuche von ungeheurer Lächerlichkeit, sinnlos, banal, ein luxuriöser Pups. Wenn ich nicht jeden Tag gegen diesen Kriegsvirus anschriebe, hinge ich in tiefster verstummter Depression.

Elfenbein Verlag
Ich verstehe Dich. Du musst anderes schreiben. Mach das. Ich kann die “Verwirrung” auch in der alten Fassung wiederauflegen. Bin sowieso davon überzeugt, dass man an Altem nicht herumdoktern soll, sondern Neues wagen. Aber bitte denke positiv: Dum spiro, spero.

ANH
Bitte, bitte nicht die alte Fassung! Sie ist teils unerträglich! Ich habe nur noch hundert Seiten vor mir und schon so viel Zeit hineingesteckt, konnte nur nach diesem Kriegsausbruch nicht mehr weiter – mit nichts. Ich kriege es nicht einmal mehr hin, die dringend nötige Coronahilfe-Abrechnung zu machen. Aber auf keinen Fall die alte Fassung! Wenn d i e neu herauskommt, werde ich ein für alle Mal zu schreiben aufhören. Daß sie als alte Fassung im Antiquariat zu kriegen ist, ist in Ordnung, gehört zur Geschichte. Als Neuausgabe aber wäre es ein Armutszeignis, das durch mein gesamtes Werk einen Strich macht.

Elfenbein Verlag
In Ordnung, dann warte ich weiter. Gib Dir einen Ruck, ich mache ja auch alles weiter. Denk an Martin Luther, an den Apfelbaum.

ANH
Ich versuche es heute mit Lexotanil, ein Mittel, daß mir bei schweren Depressionen fast stets geholfen hat. Ich muß es vorsichtig dosieren, da das Suchtpotential extrem ist. Aber pro Woche eine halbe Tablette geht, vor allem, weil sich das, sind die Emotionen erst mal gedämpft und nur noch die kalten Verstandeskräfte da, bei mir immer als ein selbst weitergaloppierendes Phänomen herausgestellt hat. Selbst nach meinem Suizidversuch anfang der Achtziger reichten insgesamt ein oder zwei Tabletten hin, mich in kürzester Zeit wieder auf Reihe zu bringen. Ich habe dann zwar keine Gefühle mehr, aber kann strikt vor mich hinarbeiten.

Elfenbein Verlag
Es tut mir alles sehr leid, lieber Alban. Denk an Deine Kinder. Sie brauchen Dich. Mit Optimismus. Das ist auch Teil unserer Vaterrolle. Und unter uns: Es wird keinen Atomkrieg geben. Vorher werden sich die Russen schon von Putin befreien.

ANH
Doch. Es wird ihn geben bei Intervention. 1) Hat Putin bisher alles getan, was er angekündigt hat, 2) Sprach Lawrow heute davon, der Westen habe Rußland den “totalen Krieg” erklärt, 3) hat Putin bereits 2018 vor einem Presseclub die eigene Märtyrerbereitschaft bekundet, und zwar 4) immer und immer wieder mit Bezug auf die Offenbarung des Johannes. Wer da in den Krieg reingeht und, wie mein PEN-Präsident tat, sagt: Putin werde es schon nicht tun, geht ein Risiko ein, das nur noch verbrecherisch genannt werden kann.
Meine Kinder: Mit लक्ष्मी und meinem Sohn habe ich abgesprochen, daß sie so schnell wie möglich ihre Reisepässe gültg bereitliegen haben müssen und möglichst auch schon ein 3-Monats-Visum in ein Land ihrer Wahl. Bei लक्ष्मी und den Zwillingen wird es Indien, nämlich Agra, sein, wo ihre Tante am College lehrt, oder Kolumbien, wo ihre beste Freundin lebt; bei Adrian wahrscheinlich ebenfalls Südamerika. Wo er hingeht, werde auch ich dann hingehen. Wenn wir’s dann noch schaffen.

Sergej Lawrow und der – angeblich des Westens – Totale Krieg. Sowie zur nicht nur militärischen Technik des Desinformierens.

Wenn es denn stimmt, was → seitens der USA vertreten wurde, bzw. wird – daß nämlich Putins Vorwurf, die Ukraine experimentiere oder habe experimentiert mit biologischen Vernichtungswaffen, darauf deute, daß er selbst die Absicht habe, solche einzusetzen, dann ist → die neueste Äußerung Lawrows eine ungeheure nächste Drohung, die einen atomaren Krieg, sollte die NATO intervenieren, erst recht wahrscheinlich werden läßt:

 

 

 

 

ZEIT online Ukrainekrieg Liveblog

Nun wird eine NATO-Intervention noch riskanter, als sie ohnehin schon gewesen wäre; weltpolitisch betrachtet, wäre sie auf verbrecherische Weise verantwortungslos. Noch zwar wird sie abgelehnt, weiterhin, doch der moralische Öffentliche Druck nimmt zu, und vor allem kann nach außen hin vertreten werden, was nur will — was tatsächlich längst schon vorbereitet liegt, wissen wir nicht. Die Propaganda- und Desinformationsmaschinerie läuft wahrscheinlicherweise nicht nur in Rußland, dort zwar besonders rigide, sondern Desinformation, → worauf vor Jahren schon Watzlawick hinwies, ist eine Grundtechnik jeglichen Geheimdienstes, mithin auch des unseren sowie – aus nachvollziehbaren taktischen Gründen – des Militärs. Putin wird alles, was im Westen öffentlich geäußert wird, mitlesen und auswerten lassen. Wir wiederum können nicht entscheiden, welche der uns zugänglichen Informationen aus Rußland nicht hier vor Ort gefiltert sind. Was wir können, ist, aus verschieden lautenden Nachrichten und Kommentaren Ergebnisse sozusagen interpolieren, die immer noch spekulativ sind.
Das einzige Argument, das risikosachlich für eine Intervention spricht, ist eine Annahme: – daß der Krieg mit Rußland “sowieso” käme. Dies läßt sich auch ein Glaube nennen, der für manche Interessen vielleicht sogar eine Hoffnung ist. Denen aber sind Menschenleben egal, sowohl für die Ukraine als auch für die übrige Welt. Irgendwo wird ein Plätzchen schon bleiben, wo der Champagner sich weiterhin entkorken läßt. Die Kisten dort hin sind vielleicht schon gebracht.

Ein Abend Pause von dem Krieg – hier. Das Nichtarbeitsjournal des Freitags, den 25. März 2022. Mit Endre Kukorelly im Collegium Hungaricum, Berlin. Dazu von Hummel der ungeklärte Wein.

[Arbeitswohnung, 6.51 Uhr
Der Amselhahn, in Ferne eine Krähe]

Daß ausgerechnet enge hochgebildete und sensible intellektuelle Freundinnen und Freunde für den Kriegseintritt sind und also den Atomkrieg riskieren wollen, macht mich zunehmend ratlos (“Wir werden dann schon sehen, wie weit Putin geht …”). Dazu hier noch einmal Christopher Daases → ungemein wichtige Einlassung in der FAZ. Im Gegensatz dazu scheinen diese Menschen zu meinen, wer gegen einen Kriegseintritt sei, wolle allein | sich sein oder ihr wohlstandsluxuriöses Befinden nicht stören lassen oder gar, so ja → neulich schon Keuschnig, die Opfer interessierten sie nicht. Es ist schon infam. Was psychodynamisch in diesen Leuten zu wirken scheint, habe ich ebendort gemutmaßt und mag es nicht wiederholen. Nur, daß der – berechtigte – moralische Druck für sie unaushaltbar ist, offenbar, möchte ich noch einmal betonen. Soeben heute früh las ich erneut solch eine Stellungnahme und zitiere sie ohne die – weibliche – Quelle anzugeben; es geht mir nicht darum, Menschen bloßzustellen, ich achte sie weiter; ihre Haltung hier indes finde ich nicht nur falsch, sondern extrem gefährlich:

Sich aber so gegen einen Präsidenten zu stemmen, der vorpreschen mag, damit aber eben auch ein absolutes Bekenntnis für die Kolleginnen und Kollegen der Ukraine ausspricht, dem ich vollkommen beipflichte, ist unerträgliche, ständige Selbstbeschäftigung. (…)
Und sich auf eine Charta des Friedens zu berufen … ist auch schnell sich berufen auf ein Stillhalten und Frieden schaffen unter allen Umständen und das ist dann wieder mit Regimen umgehen, die unerträgliche Verbrechen begehen eben genau gegen diese Freiheiten, die wir so hoch halten, ist wieder Dissidenten “kreiieren”, aufnehmen in PEN Appartements rund um den Globus, weil sie um Leib und Leben fürchten, gerade so noch mit dem Geist davongekommen sind.

So beginne ich also doch erneut mit dem Krieg und wollte doch von einer inneren imaginären Gefechtspause schreiben. Jedenfalls ist mir zu bekunden wichtig, daß solche Stimmen meine ganze Symathie haben, auch wenn ich ihr, der Stimmen, Gegner bin – in diesem einen Bereich. Einen Atomkrieg zu riskieren, fügte der bereits wirkenden Schuld – daß wir den Verbrechen wie hilflos zusehen müssen (bereits sie zu dulden, ist Schuld) – eine noch grenzenlos umfassendere zu, nämlich, sollte die Ukrainekatastrophe sich in einen solchen ausweiten. Sie würde, diese unsere Schuld, zu einer nicht “nur” an Millionen, sondern auch an der Zukunft zahlloser Generationen werden. Wir hätten dann, wie Putin es für Rußland tut, gesagt: Wenn die Ukraine untergeht, sollen alle andern – “alle” meint den Großteil der Welt – mit untergehen. Daß ausgerechnet Intellektuelle das nicht begreifen, ist es, was mich, schriebe ich nicht täglich dagegen an, einfach nur verstummen ließe.

Probehalber formulierte ich gestern:

In diesen Krieg einzugreifen, ist moralisch absolut geboten,
doch ethisch ein Verbrechen.
[1]Ethik ist → die wissenschaftliche Lehre der Moral.

Es ist mit blutendem Herzen nicht leicht, moralisch auch zu denken, ist sogar s o schwer, daß Menschen sich, die es tun, selbst als kalt empfinden, nicht nur von andren so empfunden werden. Doch auch das ist auszuhalten, ebenso wie die Erkenntnis, daß der Satz, Angst sei ein schlechter Ratgeber, falsch ist. Das Tier, das Angst hat, flieht. Tut es das nicht, wird es gerissen. Die Angst (präzise wäre “die Furcht”) vor dem Atomkrieg ist nicht “nur” berechtigt, sondern erhält unsere Art, auch dann, wenn sie, wie gegenwärtig, einer widerwärtigen Erpressung dient. Daß mit Erpressern nicht verhandelt werden dürfe, nimmt inkauf, daß alle in das Höllenfeuer kommen.

***

Selbstverständlich war das, aber eben nur “am Rande”, auch gestern abend im Collegium Hungaricum ein Thema, wo → Endre Kukorelly seinen auf Deutsch bei Arco erschienenen Roman → “Elfental oder Über die Geheimnisse des Herzens” vorstellte und vorstellen ließ. Ich war dabei, nachmittags bereits war mein Verleger Haacker mit einem Übersetzerfeund, → Eberhard Schreiber, zum Vorweintrunk vorbeigekommen, dann aber allein, also zu zweit, zum Hungaricum aufgebrochen, weil ich das Fahrrad nehmen wollte. Was ich halt auch tat.
Aus Kukorellys Roman hatte ich ihn schon → auf der Buch Wien lesen hören; anders als gestern war seine → Übersetzerin Zádor dort lediglich als Dolmetscherin der Gespräche aufgetreten; da hatte ich sie nicht sonderlich gemocht. Gestern, da sie nun selbst aus ihren Übersetzungen – teils in einem wunderbar getakteten Wechsel mit dem Verleger  – las, änderte sich das komplett; nachher standen wir plaudernd draußen und rauchten. Drinnen  floß noch der Wein. Denn  es ist ein, ich schreibe mal, Clou dieser neuen, “Literarische Weinlese” genannten Veranstaltungsreihe, daß Präsentationen von Büchern mit jeweils der eines Winzers verbunden werden, der dazu auch ausschenkt. Hier nun war es der Rechtsanwalt Horst Hummel, der in Ungarn sein Weingut “biodynamisch” betreibt. Seine Erläuterungen waren ein wenig, bezogen dabei auf Planck, esoterisch und hätten mich wohl lächeln lassen, wäre der Wein nicht so gut. Das jedenfalls läßt sich sagen, daß die Anthroposophie, auch wenn sie zwecks Düngung zu halbjahrs vergrabenen, dann wieder gehobenen Kuhhörnern greift, den Gärungsprozessen nicht schadet. Besonders der erdbeerfarbene Pétnat tat “es” mir an.
Unterm Strich war ich erstaunt, wie gut diese Kombination aus Weinverkostung und literarischem Vortrag funktioniert, vor allem wenn die Lesung ähnlich “spritzig” sowohl moderiert als auch gehalten wird. Haacker hat ein ungemeines Talent, die andernorts oft eher mühsamen Interviewparts solch einer Präsentation im Wortsinn spritzig zu halten, schon weil seine Fragekultur ausgesprochen gezielt und auch scharf sein kann. Und Kukorelly ist eine Erscheinung – was sich in seinem Text widerspiegelt und in der Art, Themen zu verklammern. Da ich das Buch außer der vorgelesenen Passagen, wenigen also, noch nicht kenne, möchte ich hier nur den ersten und den letzten Absatz zitieren:

A.a. Ich träume nicht von meinem Vater. So oft denke ich gar nicht an ihn, so oft fällt er mir gar nicht ein, und wenn ich aus irgendeinem Grund doch an ihn denke, erinnere ich mich nicht richtig. Die Erinnerung wendet sich weg, bewegt sich fort, geht weite, sondert sich ab. Sondert sich nicht ab. Mir fallen allerlei merkwürdige und langweilige Dinge ein, ebenso merkwürdige und langweilige nicht, mag sein, daß es einfach so ist.

Und vierhundertneunundsiebzig Seiten später:

Jedenfalls ist er gespeichert, und das bleibt auch so, mein Vater ist gespeichert, das ist alles. Er fällt mir nicht ein. Ich habe ihn so gespeichert, daß er mir nicht einfällt, und wenn er mir doch einfällt, dann schleicht er sich langsam von dort weg. Langsam weg, auf andere, verzweifeltere Dinge zu.

***

Gegen 23 Uhr radelte ich heim. Nun zurück an die Arbeit, Freundin. Da ich mich anders nicht konzentrieren kann, werde ich wohl eine Lexotanil schlucken, besser erstmal nur eine halbe. Sonst hindert mich der Krieg ein nächstes Mal daran fertigzustellen, was fertigzustellen unbedingt ist – weniger meinet-selbst als andrer Menschen wegen.

Ihr ANH

References

References
1 Ethik ist → die wissenschaftliche Lehre der Moral.

Ukraine-Dialoge XI: Einschätzungen aus Rußland. Autor und Übersetzerin zu de Zayas und Baud sowie ein Beitrag Olga Martynovas. Tatiana Baskakova | ANH (3).

Sonnabend, 12. März 2022, 8.01 Uhr

ANH
Ich denke jeden Tag, quasi dauernd, an Sie. Hier ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung von heute früh.

A.

11.52 Uhr

Baskakova
Danke, Albano,

ich fühle Ihr Nah-Sein und Ihre Erreichbarkeit! Auch Olga Martynova schrieb mir und schickte ihren → Artikel.
(…)
Herzlich, Tania

Dienstag, 15. März 2022, 11.08 Uhr

ANH
Liebe Tania, da ich in Der Dschungel erst später darauf eingehen werden – und noch nicht weiß, wie – schicke ich Ihnen hier zwei PDFs[1]Interview Baud, → Interview de Zayas, die, glaube ich, jede und jeder kennen sollte, um Hintergründe des furchtbaren Kriegs zu verstehen, die Sie auch gerne weiterverteilen dürfen.. Sie sind in dieser Schweizer online-Zeitung erschienen. – Über einen Leser, mit dem ich korrespondiere, kam ich auf diese Dastellungen. Besonders die eine ist ausgesprochen akribisch. Beide Autoren waren bei der UNO beschäftigt, einer sogar bei der NATO. Beide sind Wissenschaftler, Forscher.
In der Hoffnung, daß es Ihnen nach wie vor einigermaßen gut geht, bleibe ich in unverbrüchlicher Freundschaft
Ihr Albano

12.20 Uhr

ANH
Postskiptum: Wegen Baud müssen wir aber auch vorsichtig sein. Ich schicke Ihnen hier noch die deutsche Übersetzung der französischen Wikipedia über ihn. Also seine Bewertungen kritisch sehen; wichtig sind aber die Fakten (also Daten).
A.

18.15 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

das Interview mit Jacques Baud scheint mir höchst tendenziös und unglaubwürdig. Z.B.: «Ja, in unseren Medien wird es so dargestellt, dass die Russen alles zerstören würden, aber das stimmt offensichtlich nicht». Ich sah schon Unmengen von Photos mit den zerstörten Städten, getöteten Kinder, Strömen von Flüchtlingen. Ich ruf täglich zweimal meinen nahen Freund in Kiev an und frage ihn, ob in der Nacht Bombardierungen waren (in Kiev war es bis jetzt relativ ruhig.). Ich las ein Tagebuch von meiner Bekannten, einer ukrainischen Übersetzerin (auf Deutsch publiziert), die in einem kleinen Städchen in der Naehe von Kiev wohnte und die vor zwei Tagen gezwungen war, wegen der Bombardierungen diesen Ort zu verlassen.
Über die Krim (in 2014) hatte Putin am Anfang gesagt, es seien dort keine russische Soldaten gewesen, um aber später zu erklären, daß — doch — die Armee dort benützt wurde. Ich kenne auch persönlich die Leute, die nach 2014 die Krim verlassen haben und in die Ukraine gingen.
S. 14: «Daraufhin hat Putin einen Artikel geschrieben, indem er die historische Entstehung der Ukraine erklärt. Er hat kritisiert, daß man zwischen Ukrainern und Russen unterscheidet usw. …Ich habe den Artikel gelesen, er ist absolut sinnvoll». Das ist Unsinn. Es sind verschiedene Völker mit verschiedenen Sprachen. Die ukrainische Kultur wurde in den Dreißiger Jahren fast völlig eliminiert. Daher stammen diese — unrechten — Maßnahmen gegen die russische Sprache in der heutigen Ukraine. Mariupol, Charkiw, Cherson sind Städte mit russischsprachiger Bevölkerung, dort protestieren die Leute jetzt gegen Putin.
Ich selbst war in der Ukraine in 2014, ganz kurz vor dem Krieg (dann noch in 2015, 2018). Damals gab es dort (in Kiev) gar keinen Haß gegen Russen, ich hatte einen Leseabend dort, las auf Russischen, man fragte mich etwas auf Ukrainisch oder auf Russisch, egal, ich verstand die Menschen, antwortete aber auf Russisch, es war ganz normal. Ein Teil von Russland werden wollte aber niemand. Die Rechtsextremisten allerdings existieren dort, gewiss. Ihre politische Wirkung aber ist nichtig. Sie werden sich jetzt, nach dem Krieg, verstärken, denke ich.
Und der Artikel von Dr. Alfred de Zayas? Ich verstehe sehr gut seine und Ihre Sorge: der Atom-Krieg darf nicht beginnen. Das Problem ist, dass die Ukrainer nicht bereit sind, das Opfer dafür zu werden, ihre Verwandten und Kinder zu verlieren. Und wer bin ich, um ihnen etwas zu raten oder nur diese Erlösungs-Variante zu propagieren, zu publizieren? Eine Bürgerin eines Staates, der ihr ganzes Leben zerstörte und jetzt noch zerstört?
Mir geht es gut genug, und ich schätze Ihre Freundschaft sehr und die Möglichkeit, mit Ihnen ganz offen zu sprechen,
Ihre Tania

18.29 Uhr

ANH
Liebe Tania,
ja, ich finde Bauds Wertungen und Persektiven ganz wie Sie hoch problematsísch, habe das eben in Der Dschungel auch geschrieben.
Und was Sie erzählen, glaube ich sofort. Interessant an Bauds Text sind aber die – hierzulande nahezu unbekannten – Fakten der Daten usw. Seine Sicht auf Putin ist selbstverständlich ebenfalls problematisch; nur hat bisher die Abläufe noch niemand so deutlich herausgearbeitet. Das heißt, alles wegstreichen, was bei Baud Ideologie, Parteinahme, auch Verschweigen ist und immer nur das lesen, was reine Information ist. In d i e s e m Sinn ist der Text wichtig.
(Ich muß immer wieder an meinen Stiefvater, einen Völkerrechtsjuristen, denken, der als eingefleischter CDU-Mann immer nur linke Zeitungen las, und zwar mit dem Argument: “Da merke ich, wo ich betrogen werde; bei meinen eigenen Leuten aber nicht.” Er bildete sich seine politische Meinung fast ausschließlich über die ihm kenntlichen Fehler des Gegners. In d i e s e m Sinn habe ich auf Bauds Text hingewiesen. Übrigens ist, aber das werden Sie in meinem Beitrag verlinkt finden, auch der englische → Guardian hier kritisch. – Worum es im Westen geht, ist, daß man auch sehen muß, Mitschuld an dem Krieg zu tragen, nämlich über die NATO und übers aktive Wegsehen. Bei Putins gräßlichem Tschetschenienkrieg hat niemand Sanktionen verhängt, obwohl da nachweislich Völkermord stattfand. Sondern irgendwie war er dem Westen ganz recht; es ging ja u.a. gegen Islami.
Doch ganz unabhängig davon, deshalb mein letzter Absatz, und wer immer Schuld und Mitschuld hat – daß dies alles auf dem Rücken der jetzt furchtbar leidenden ukrainischen Bevölkerung ausgetragen wird sowie auf dem der Russinen und Russen, die sich gegen Putin stellen, ist nicht zu ertragen. Die nationalistischen und teils revisionistischen Äußerungen Kulebas sind es aber auch nicht. Wann immer nach “Ruhm” gerufen wird – nach “Sieg”, nach “Helden” -, ist etwas ganz, ganz schlimm.)
Ihr Alban

18.37 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

falls Sie es nützlich finden, könnten Sie meinen Brief — mit meinem Namen — veröffentlichen. Nur mit einer Bemerkung, daß es ein Privatbrief, geschrieben vor der Publikation, war (weil Sie selbst schreiben, Sie glauben diesem Interview nicht gänzlich, — meine Antwort würde sonst überflüssig).
Und ja, ich verstehe, was Sie mit Mitschuld des Westens meinen, das Interview selbst aber scheint mir nicht sehr original — es ist die übliche Argumentation von Putin selbst.
Ihre Tania

ANH
Das finde ich ganz, ganz großartig. Aber nicht als Kommentar, sondern als Fortsetzung auch unseres Ukraine-Dialoges, wovon es ja schon zwei Stücke gibt. Das wäre dann der dritte, und er bezöge sich auf den heutigen Beitrag. So wird auch zugleich der Erkennnisprozeß-selbst prozessual thematisiert, was, wie wohl kaum jemand so gut weiß wie Sie und Elvira, meinem poetologischen Ansatz insgesamt entspricht.
Und, selbstverständlich: Wenn ich den Beitrag fertiggebaut habe, schicke ich ihn Ihnen zur, wenn nötig, Korrektur oder auch für Ergänzungen. Vor allem will ich Ihnen ja auf keinen Fall schaden; Sie können einfach besser als ich abschätzen, was erscheinen darf und was nicht.
Einverstanden?

Baskakova
Ich bin einverstanden, dann warte ich auf den Entwurf.

Tania

Mittwoch, 16. März 2022, 22.25 Uhr

Baskakova [unkorrigierte Umlaute nach Email]
Lieber Albano,

Mit dem Text der Publikation ist (fast) alles gut. Nur Umlaute habe ich hinzugefuegt (in E-Mails kann ich sie nicht benuetzen). Und ein Datum korregiert.
Ich schicke Ihnen einige meine Photos. Wenn Sie moechten, koennen Sie sie einmontieren.
Herzlich, Tania

_____________________________________
[Bilder von oben nach unten:

1 Ein Haus in Kiev, Jaroslawiw Wal 15-b, dekoriert mit vergrö-ßerten alten Photos.
2 Baskakova mit dem ukrainischen Übersetzer aus dem Deutschen → Mark Belorusez. (Ukrainisch-Belorussisch-Russischer Übersetzerworkshop „Günther Aichs Mädchen aus Viterbo“, organisiert durch die Goethe-Institute in Kiew und Minsk, Kiew 13-15.6.2015 / Minsk 18.-20.11.2015.
3 Kiev, 3.7.2018. Zwei junge Schauspielerinnen lesen aus Jewhenija Bjelorussez‘ → Glückliche Fälle. (Ins Deutsche übersetzt von Claudia Dathe, Matthes & Seitz, Berlin, 2019)
4 Plakat (Ausschnitt) der Ankündigung zu Tatiana Baskakovas Vorstellung ihrer russischen Übersetzung des Romanes Hundsnächte von Reinhard Jirgl, Kiew 2008.]

References

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