Ukraine-Dialoge XI: Einschätzungen aus Rußland. Autor und Übersetzerin zu de Zayas und Baud sowie ein Beitrag Olga Martynovas. Tatiana Baskakova | ANH (3).

Sonnabend, 12. März 2022, 8.01 Uhr

ANH
Ich denke jeden Tag, quasi dauernd, an Sie. Hier ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung von heute früh.

A.

11.52 Uhr

Baskakova
Danke, Albano,

ich fühle Ihr Nah-Sein und Ihre Erreichbarkeit! Auch Olga Martynova schrieb mir und schickte ihren → Artikel.
(…)
Herzlich, Tania

Dienstag, 15. März 2022, 11.08 Uhr

ANH
Liebe Tania, da ich in Der Dschungel erst später darauf eingehen werden – und noch nicht weiß, wie – schicke ich Ihnen hier zwei PDFs[1]Interview Baud, → Interview de Zayas, die, glaube ich, jede und jeder kennen sollte, um Hintergründe des furchtbaren Kriegs zu verstehen, die Sie auch gerne weiterverteilen dürfen.. Sie sind in dieser Schweizer online-Zeitung erschienen. – Über einen Leser, mit dem ich korrespondiere, kam ich auf diese Dastellungen. Besonders die eine ist ausgesprochen akribisch. Beide Autoren waren bei der UNO beschäftigt, einer sogar bei der NATO. Beide sind Wissenschaftler, Forscher.
In der Hoffnung, daß es Ihnen nach wie vor einigermaßen gut geht, bleibe ich in unverbrüchlicher Freundschaft
Ihr Albano

12.20 Uhr

ANH
Postskiptum: Wegen Baud müssen wir aber auch vorsichtig sein. Ich schicke Ihnen hier noch die deutsche Übersetzung der französischen Wikipedia über ihn. Also seine Bewertungen kritisch sehen; wichtig sind aber die Fakten (also Daten).
A.

18.15 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

das Interview mit Jacques Baud scheint mir höchst tendenziös und unglaubwürdig. Z.B.: «Ja, in unseren Medien wird es so dargestellt, dass die Russen alles zerstören würden, aber das stimmt offensichtlich nicht». Ich sah schon Unmengen von Photos mit den zerstörten Städten, getöteten Kinder, Strömen von Flüchtlingen. Ich ruf täglich zweimal meinen nahen Freund in Kiev an und frage ihn, ob in der Nacht Bombardierungen waren (in Kiev war es bis jetzt relativ ruhig.). Ich las ein Tagebuch von meiner Bekannten, einer ukrainischen Übersetzerin (auf Deutsch publiziert), die in einem kleinen Städchen in der Naehe von Kiev wohnte und die vor zwei Tagen gezwungen war, wegen der Bombardierungen diesen Ort zu verlassen.
Über die Krim (in 2014) hatte Putin am Anfang gesagt, es seien dort keine russische Soldaten gewesen, um aber später zu erklären, daß — doch — die Armee dort benützt wurde. Ich kenne auch persönlich die Leute, die nach 2014 die Krim verlassen haben und in die Ukraine gingen.
S. 14: «Daraufhin hat Putin einen Artikel geschrieben, indem er die historische Entstehung der Ukraine erklärt. Er hat kritisiert, daß man zwischen Ukrainern und Russen unterscheidet usw. …Ich habe den Artikel gelesen, er ist absolut sinnvoll». Das ist Unsinn. Es sind verschiedene Völker mit verschiedenen Sprachen. Die ukrainische Kultur wurde in den Dreißiger Jahren fast völlig eliminiert. Daher stammen diese — unrechten — Maßnahmen gegen die russische Sprache in der heutigen Ukraine. Mariupol, Charkiw, Cherson sind Städte mit russischsprachiger Bevölkerung, dort protestieren die Leute jetzt gegen Putin.
Ich selbst war in der Ukraine in 2014, ganz kurz vor dem Krieg (dann noch in 2015, 2018). Damals gab es dort (in Kiev) gar keinen Haß gegen Russen, ich hatte einen Leseabend dort, las auf Russischen, man fragte mich etwas auf Ukrainisch oder auf Russisch, egal, ich verstand die Menschen, antwortete aber auf Russisch, es war ganz normal. Ein Teil von Russland werden wollte aber niemand. Die Rechtsextremisten allerdings existieren dort, gewiss. Ihre politische Wirkung aber ist nichtig. Sie werden sich jetzt, nach dem Krieg, verstärken, denke ich.
Und der Artikel von Dr. Alfred de Zayas? Ich verstehe sehr gut seine und Ihre Sorge: der Atom-Krieg darf nicht beginnen. Das Problem ist, dass die Ukrainer nicht bereit sind, das Opfer dafür zu werden, ihre Verwandten und Kinder zu verlieren. Und wer bin ich, um ihnen etwas zu raten oder nur diese Erlösungs-Variante zu propagieren, zu publizieren? Eine Bürgerin eines Staates, der ihr ganzes Leben zerstörte und jetzt noch zerstört?
Mir geht es gut genug, und ich schätze Ihre Freundschaft sehr und die Möglichkeit, mit Ihnen ganz offen zu sprechen,
Ihre Tania

18.29 Uhr

ANH
Liebe Tania,
ja, ich finde Bauds Wertungen und Persektiven ganz wie Sie hoch problematsísch, habe das eben in Der Dschungel auch geschrieben.
Und was Sie erzählen, glaube ich sofort. Interessant an Bauds Text sind aber die – hierzulande nahezu unbekannten – Fakten der Daten usw. Seine Sicht auf Putin ist selbstverständlich ebenfalls problematisch; nur hat bisher die Abläufe noch niemand so deutlich herausgearbeitet. Das heißt, alles wegstreichen, was bei Baud Ideologie, Parteinahme, auch Verschweigen ist und immer nur das lesen, was reine Information ist. In d i e s e m Sinn ist der Text wichtig.
(Ich muß immer wieder an meinen Stiefvater, einen Völkerrechtsjuristen, denken, der als eingefleischter CDU-Mann immer nur linke Zeitungen las, und zwar mit dem Argument: “Da merke ich, wo ich betrogen werde; bei meinen eigenen Leuten aber nicht.” Er bildete sich seine politische Meinung fast ausschließlich über die ihm kenntlichen Fehler des Gegners. In d i e s e m Sinn habe ich auf Bauds Text hingewiesen. Übrigens ist, aber das werden Sie in meinem Beitrag verlinkt finden, auch der englische → Guardian hier kritisch. – Worum es im Westen geht, ist, daß man auch sehen muß, Mitschuld an dem Krieg zu tragen, nämlich über die NATO und übers aktive Wegsehen. Bei Putins gräßlichem Tschetschenienkrieg hat niemand Sanktionen verhängt, obwohl da nachweislich Völkermord stattfand. Sondern irgendwie war er dem Westen ganz recht; es ging ja u.a. gegen Islami.
Doch ganz unabhängig davon, deshalb mein letzter Absatz, und wer immer Schuld und Mitschuld hat – daß dies alles auf dem Rücken der jetzt furchtbar leidenden ukrainischen Bevölkerung ausgetragen wird sowie auf dem der Russinen und Russen, die sich gegen Putin stellen, ist nicht zu ertragen. Die nationalistischen und teils revisionistischen Äußerungen Kulebas sind es aber auch nicht. Wann immer nach “Ruhm” gerufen wird – nach “Sieg”, nach “Helden” -, ist etwas ganz, ganz schlimm.)
Ihr Alban

18.37 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

falls Sie es nützlich finden, könnten Sie meinen Brief — mit meinem Namen — veröffentlichen. Nur mit einer Bemerkung, daß es ein Privatbrief, geschrieben vor der Publikation, war (weil Sie selbst schreiben, Sie glauben diesem Interview nicht gänzlich, — meine Antwort würde sonst überflüssig).
Und ja, ich verstehe, was Sie mit Mitschuld des Westens meinen, das Interview selbst aber scheint mir nicht sehr original — es ist die übliche Argumentation von Putin selbst.
Ihre Tania

ANH
Das finde ich ganz, ganz großartig. Aber nicht als Kommentar, sondern als Fortsetzung auch unseres Ukraine-Dialoges, wovon es ja schon zwei Stücke gibt. Das wäre dann der dritte, und er bezöge sich auf den heutigen Beitrag. So wird auch zugleich der Erkennnisprozeß-selbst prozessual thematisiert, was, wie wohl kaum jemand so gut weiß wie Sie und Elvira, meinem poetologischen Ansatz insgesamt entspricht.
Und, selbstverständlich: Wenn ich den Beitrag fertiggebaut habe, schicke ich ihn Ihnen zur, wenn nötig, Korrektur oder auch für Ergänzungen. Vor allem will ich Ihnen ja auf keinen Fall schaden; Sie können einfach besser als ich abschätzen, was erscheinen darf und was nicht.
Einverstanden?

Baskakova
Ich bin einverstanden, dann warte ich auf den Entwurf.

Tania

Mittwoch, 16. März 2022, 22.25 Uhr

Baskakova [unkorrigierte Umlaute nach Email]
Lieber Albano,

Mit dem Text der Publikation ist (fast) alles gut. Nur Umlaute habe ich hinzugefuegt (in E-Mails kann ich sie nicht benuetzen). Und ein Datum korregiert.
Ich schicke Ihnen einige meine Photos. Wenn Sie moechten, koennen Sie sie einmontieren.
Herzlich, Tania

_____________________________________
[Bilder von oben nach unten:

1 Ein Haus in Kiev, Jaroslawiw Wal 15-b, dekoriert mit vergrö-ßerten alten Photos.
2 Baskakova mit dem ukrainischen Übersetzer aus dem Deutschen → Mark Belorusez. (Ukrainisch-Belorussisch-Russischer Übersetzerworkshop „Günther Aichs Mädchen aus Viterbo“, organisiert durch die Goethe-Institute in Kiew und Minsk, Kiew 13-15.6.2015 / Minsk 18.-20.11.2015.
3 Kiev, 3.7.2018. Zwei junge Schauspielerinnen lesen aus Jewhenija Bjelorussez‘ → Glückliche Fälle. (Ins Deutsche übersetzt von Claudia Dathe, Matthes & Seitz, Berlin, 2019)
4 Plakat (Ausschnitt) der Ankündigung zu Tatiana Baskakovas Vorstellung ihrer russischen Übersetzung des Romanes Hundsnächte von Reinhard Jirgl, Kiew 2008.]

References

Ukraine-Dialoge IX: “Erst schießen, d a n n denken”. Kaleb Utecht | ANH (2): Chat in Signal.

 

Montag, den 14. März 2022, 13.52 Uhr

Utecht
Merke, Du bist sehr aktiv auf Deiner www-Präsenz. Ich kann das wegen erheblicher Ablenkungen (euphemistisch formuliert) leider nur überfliegen, mir fehlt auch faktisch die Zeit für substanzielle Kommentare in ordentlicher Qualität. Schreibe Dir das, um Dich wissen zu lassen, daß trotz “Abwesenheit” mein Interesse ungebrochen ist. Wünsche mir im übrigen deutsche Politiker, die mutig vor die Mikrophone treten und “ihrem Volk” klar machen, daß es Zeit ist, Farbe zu bekennen und mithin in der Folge der wirtschaftlichen Konsequenzen den Gürtel tapfer eng zu stellen. Es wird immer noch zuviel überlegt statt gehandelt. Das kostet zu viel Zeit gegen einen Gegner wie Herrn Putin und Co. Und das erinnert mich sehr an ein Interview, das Michael Ryan (ein WHO-Direktor und unser Ebola-Besieger) schon im März 2020(!) gab, als die Pandemie noch kleingeredet wurde und er schon wußte, wie sich sich der Gegner “Virus” verhalten wird. Man tausche seinen Pandemie-Content gegen den derzeitigen Imperialismus-Content aus — und hat sofort die einzig hilfreiche politische Handlungsanweisung für “den Westen”… Ich finde dieses kurze, aber bemerkenswerte Video und sende es Dir. Vorerst abschließend hier in der Folge zunächst eine Karikatur, die meine derzeitige Haltung ganz gut widerspiegelt:

[Zeichnung ©: → Patrick Chapatte,
DER SPIEGEL]

Hier ist der → Link zum Video, eindreiviertel Minuten eindrucksvolle Klarheit. Die ersten einführenden 15 sechs kannst Du überspringen… (…15 Sekunden! scheiß Autokorrektur):

 

ANH
Danke, gesehen und gehört. “Erst schießen, dann fragen”, sagt bei Godard schon → Lemmy Caution (Eddie Constantine). Nur ging es da nicht um einen möglichen Atomkrieg. Ich werde mich also nicht, ganz wie ich’s schrieb, für ein Überflugverbot aussprechen, sondern im Gegenteil hart d a g e g e n kämpfen. Es geht hierbei vor allem darum, meine Kinder zu schützen. Vielleicht muß man, um das zu verstehen, Kinder auch haben, also eigene. In einem konventionellen Krieg würde ich für sie auch, und zwar sofort, kapitulieren und mich unterwerfen. → Auch das schrieb ich sowie, daß dann für mich der Kampf im Untergrund weiterginge. Aber sich auf das Risiko eines atomaren Krieges einzulassen, wäre ein ebensolches Völkerverbrechen, nämlich möglicher und sogar wahrscheinlicher, und zwar bewußter, Völkermord, wie es jetzt Putins Invasion ist – und in noch größerem Ausmaß. Ich glaube auch nicht, daß Ryan sich in dieser Situation, angesichts solcher Bedrohung, auch nur ungefähr ähnlich eingelassen hätte. Und außerdem, wenn wir aufgeben, nach dem Richtigen zu fragen, also die ethischen Fragen, auf denen unsere Gesellschaft beruht, “hintanstellen”, sind die Menschenrechte von uns selber gebrochen worden. Wir wären dann keinen Deut besser, als Putin ist und Mussoloni war, den Wladislaw Inosemzew → in jenem wiedererkennt.

Utecht
Bezüglich Flugverbotszone und ähnlich Eskalierendem in Richtung Atomwaffeneinsatz sind wir uns doch einig, ich bin zwar etwas “militanter” sozialisiert als Du, aber doch nicht blöder. (lächelt) Ich leide lediglich unter der Erkenntnis, daß unsere schärfsten ökonomischen Mittel nicht eingesetzt werden, weil man die Reflexkonsequenzen dem Deutschen Michel nicht zumuten will. Auf diese Weise werden wir Demokratie, Menschenrechte und individuelle Selbstbestimmung nicht erfolgreich verteidigen können — nicht gegen einen Gegner, der auf diese Werte scheißt. Und im Übrigen: Herr Putin hat Ryans Strategie verstanden; er hält sich konsequent daran — allerdings ist für ihn die Demokratie das Virus… Uns läuft die Zeit davon. Ich finde dies einen zumindest bedenkenswerten Ansatz und möchte ihn nicht dadurch disqualifiziert sehen, weil ich nicht für leibliche, sondern “nur”(?) für wahlverwandte Kinder bereits wie ein Löwe gekämpft habe. Dieser implizite Vorwurf hat mich verletzt.

ANH
Verzeihung, das wollte ich nicht. Ich habe einfach nur ständig die Atomdrohung im Bewußtein. Hingegen daß wir ruhig mal einen Winter “frieren für den Krieg” können, sehe ich wie Du. Habe damit auch Erfahrung, nämlich einmal drei Jahre hintereinander im Winter nicht geheizt, einfach, um zu erfahren, ob und wie ich das hinbekomme, und dann noch einmal, um meine Erfahrungen zu firmen. In Der Dschungel lassen sich diese Winter nachlesen (→ etwa 2009). In Japan ist dieser ungeheizte Zustand bei Minusgraden teils sogar noch Usus. Etwa besuchte ich in Kyoto den in einem → Tatamihaus[1]Die ebenfalls aus Reisstrohmatten bestehenden Wände bieten quasi keine Isolation gegen die Außentemperaturen. lebenden Freund eines Freundes, der es wie viele der Japaner hielt. Man trifft sich im Waschhaus und heizt dort, wie es heißt, die Organe auf, also legt sich für einige Zeit in ausgesprochen heißes Wasser. Danach trocknet man sich nicht, sondern tupft sich nur leicht ab und zieht sich dann an. Der jetzt zwischen Haut und Kleidung stehende Dampf isoliert die Körperwärme. Es funktioniert faszinierend, hält gute zehn Stunden an. Dann muß man halt abermals in heißes Wasser. (Ein Dusche tut es wahrscheinlich genauso).

” … weil man die Reflexkonsequenzen dem Deutschen Michel nicht zumuten will” finde ich im übrigen eine arrogante Diskriminierung, wenn ich dagegen Habecks Bedenken und also → seine Gründe halte, gegen eine komplette Einfuhrsperre aus Rußland zu sein.

References

References
1 Die ebenfalls aus Reisstrohmatten bestehenden Wände bieten quasi keine Isolation gegen die Außentemperaturen.

Frieden, n i c h t “Ruhm”! Das Ukraine- und heute Bebelplatz benannte Arbeitsjournal des Montags, den 7. März 2022. Darinnen Marieluise Beck großartig spricht und furchtbar dumm Wolf Biermann, in jedem Fall verantwortungslos.

[Am Ende dieses Beitrags finden Sie ein Video,
das den Mitschnitt der gesamten hier dargestellten
Veranstaltung zeigt.
Dank an Gaga Nielsen für den Hinweis.]]

[Foto: ANH | Alle übrigen Bilder (©: → Gaga Nielsen]

[Arbeitswohnung, 8.48 Uhr
Herrlich strahlende Sonne und klare schneidende Kälte
Der Kohleofen kämpft, doch gehn die Bruchbriketts mir langsam aus]

Erstens: muß ich zu begreifen lernen, daß auch diese Journale Arbeit sind, vielleicht keine poetische, doch Grundlage, mag sein, eines, eines Tages, neuen Gedichts, einer Erzählung womöglich, eines Romans – oder Material dann doch für “Friedrich.Anderswelt”. Es ist die Zeit noch nicht, mir dessen auch nur annähernd sicher zu sein; kann auch sein, daß solch eine Zeit niemals wieder kommen wird.
Zweitens: steht bei Arno Schmidt, es gebe keine Altersweisheit, nur den Altersstarrsinn. Den Wolf Biermann des gestrigen nachmittags vor Augen und in den Ohren, was er sagte, scheint dies zumindest in einer Variation wahr zu sein, die aus “Starrsinn” Dummheit macht. Er war immer einer der mutigsten Menschen, der hellsten allerdings auch früher schon nicht.
Drittens: ist der Ruf nach Ruhm entsetzlich auch in der neuesten Prägung, die von so vielen jetzt mitgeschrien wird: “Слава Україні!”. “Миру Україні!” – “Frieden der Ukraine!” – müßte er heißen. Dann, und nur dann, riefe ich mit.
Viertens: stand abseits, jedenfalls am Rand der Menschenmenge, eine junge Russin und hielt vor ihre Brust ein Schild, auf dem in Englisch stand:

I am Russian
I am against the war

Ihre Verlorenheit ist der beste, ja ein herzschnürender Anlaß, von Anfang an zu erzählen. Nun jà, “von Anfang an” … – Jedenfalls, nachdem der deutsche PEN seine → Presseerklärung hinausgeschickt und wiederum ich nach Kenntnisnahme sofort eine Mail an sämtliche Beteiligten versendet hatte, in der ich mich bedankte, kam, ich stand schon im Mantel, ein Anruf → Deniz Yücels, in dem er unter anderem, und mit Recht, zur Sprache brachte, ich hätte ihn in unserem in der Vorbereitungszeit der Presseerklärung von mir mitunter sehr scharf geführten Briefwechsel ausgesprochen verletzt, persönlich. Ich fragte, womit. Und habe mich entschuldigt. Das Temperament eines Südländers, der ich doch gar nicht bin, halt aber doch bin, irgendwie. Und so weiter. Nun war die Angelegenheit fast vom Tisch. Zumal wollte auch er auf → die Kundgebung gehen. “Dann laß uns uns dort treffen.”
Ich radelte bewußt früh los, nicht mehr ganz so früh, wie ich vorgehabt, doch als ich den Bebelplatz betrat, wuselte noch nur eine kleine, letzte Vorbereitungen treffende Schar um den Tribünenaufbau herum. Und gleich vorne rechts stand auch schon Yücel. Ich zu ihm hin, ihn gegrüßt, und wir sprachen. Nun war wirklich alles geklärt.

Wie fast immer hatte → Ulrich Schreiber den Ort sehr klug gewählt, zumal eben hier, dem Zentrum der Bücherverbrennung des Jahres 1933, drei Stunden zuvor Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle das → Benefiz-Konzert für Frieden in der an den Bebelplatz rainenden Lindenoper gegeben hatte. Nun begrüßte er, Schreiber, das bereits eingetroffene, noch nicht sehr zahlreiche, doch mit ukrainischen Fahnen wedelnde sowie Spruchkartons haltende Publikum.
Es war kalt, sehr kalt.
Wir ließen’s uns nicht verdrießen. Die Rednerinnen- und Rednerliste war ausgesucht, teils wurde online auf den großen Screen zugeschaltet. Mehrere Male kam das komische Wort Schalte vor, das irgendwie immer nach “Schelte” klingt und nun wirklich mal dringend zu gendern ist. Aber wie? Ein “Schalter” is’ nu’ mal was anderes.
Egal.
Unruhe kam auf, Durchsage des Moderators, gleich nebenan, vor der russischen Botschaft, finde eine parallele Ukraine-Demonstration statt; man habe beschlossen, beide Kundgebungen zusammenzulegen – was es nötig machen werde, die Reihenfolge der durchgetakteten Programmpunkte nunmehr zu improvisieren. So bekamen wir denn die eine und andre Folklore zu hören, schon die die Boxen überforderte, besonders Chöre stellten sie vor ungeahnte Probleme. Daß sie, die Chöre, rot maskiert warn teils, spielte keine Rolle. Aber darum ging es ja nicht, das hält man schon aus. Sogar ich, an den Ohren empfindlich,  kriege es hin. Schwierig wurde es erst später, Freundin, warten Sie ab. Und daß ich hier bisweilen scherze, ist zynisch nicht gemeint, sondern dient der Überspielung meiner Angst, ja sogar meiner – aber warten Sie, warten Sie ab! – P a n i k.

Großartig sprach → Marieluise Beck[1]Auf dem Programmzettel als “Marie-Luise Beck” angekündigt., sprach wie Danton, als er sich gegen die Terrorherrschaft wandte, aber weiblich, eine glühende Frouwe, die anklagt, u n s anklagt, den Westen anklagt, dem nach wie vor mehr um die eigene Wohlfahrt getan ist, als daß er die Sanktionen nun wirklich komplettieren würde. Und sie nannte die Belege. Ihre eigentliche Klugheit bestand aber darin, daß sie zur Forderung nach einem Überflugverbot n i c h t s sagte. Sie weiß sehr genau, was es bedeuten würde. Ist allerdings nicht schwierig, selbst die Baerbock weiß es jetzt, und sie → sagt es.
Dieses Überflugverbot war indessen der Tenor aller, ja aller Beiträge aus der Ukraine. Das ist verständlich. Putins Bomber- und Marschflugkörperterror muß aufhören; jeder von uns will das. Es ließe sich aber nur erreichen, wenn keine russischen Flugkörper mehr in den ukrainischen Luftraum eindringen. Doch was bedeutete ein Überflugverbot? — nicht nur, wer spricht es aus, sondern vor allem, wer kontrolliert und, bei Übertretung, ahndet es dann, wenn nicht die NATO? Womit wir dann, ganz Europa und der gesamte Westen, in den Krieg eingetreten wären, und zwar in einen, weil Putin einen konventionellen gewinnen nicht k a n n, dazu ist die westliche Übermacht zu groß, atomaren. Regierungen haben ihre Bevölkerung zu schützen, in allererster Linie, ihre eigene, der sie als gewählte zuerst verpflichtet sind.
Ich gehe darauf weiter unten noch ein.

Die übrigen Reden waren teils anrührend, teils glichen sie Franziski, der den Fischen predigt. Teils waren es vorhersehbare Statements, auch von, leider, Vargas Llosa, der zudem, ein zweites “leider”, nicht auf Spanisch sprach, sondern englisch. So elegant er war, wirkte er nur hilflos. So, wie wir alle sind.
Zwischendurch klampfte, zu Instrumentalem aus der Dose, immer mal wieder Yuriy Gurzhy. Was ich anfangs eher lästig, dann aber schlimm, überaus schlimm fand. Es sind die Phasen einer Demonstration, vor denen mir graut. Auch in “normalen” Konzerten ertrage ich es nicht, wenn von vorne gebrüllt wird: “Jetzt ihr alle!” Ich wäre beinah gegangen. Es war aber gut, daß ich blieb.
Die Demonstanten sollten den Refrain singen, bzw. skandieren. Es waren zwei Refrains, zum einen die Worte der tapfren Ukrainer, die von der Schlangeninsel — Lévkas in → Anderswelt! — dem russischen Kriegsschiff “Idi nachuj!” zuriefen, Fickt euch!, anstelle sich zu ergeben – und die Folgen trugen. Der zweite “Refrain” bestand ganz ebenso aus nur zwei Wörtern:

“Flugverbot erteilen! Flugverbot erteilen! Flugverbot erteilen!”

Ich habe dies nachts, in einem Brief an → Baskakova, noch immer voller Entsetzen, so kommentiert:

Da dachte niemand mehr nach, und es geschah das, was ich bei Demonstrationen stets befürchte: eine Eigendynamik des schunkelnden Mitmachens.

Dann l e g t e sich die unheilsbereite Begeisterung; so ganz funktionierte es auch nicht, wie sich’s Gurzhy gedacht, nicht alle, immerhin, hatten mitgemacht, das Skandieren versank zwischendurch immer mal wieder, versickerte im Boden. Vielleicht auch, weil von da die Kälte so in die Fußsohlen kroch und weiter wadenaufwärts. Woraufhin die Musik, ein bißchen fast aufgebend, vorbei war. Und → Jurko Prochasko sprach.
Seine Rede war stilistisch vollkommen und wäre für mich sogar ein Genuß gewesen, wenn nicht … ja wenn nicht bei all der klaren Sicht und auch Herleitung des von ihm, in Anlehnung an “Stalinismus”, so benannten Putinismus deutlich nationalistische Töne mitgeschwungen – nein, nicht “geschwungen”, sondern sich unter diesen ausgefeilten, dabei frei vorgetragenen Formulierungen gleichsam unterirdisch wie feine Wurzelranken ausgenestelt hätten. Was darin gipfelte, dem gesamten russischen Volk die Schuld an diesem Krieg zu geben, das, so Prochasko, Putins revisionistisch-mythische Geschichtsklitterung begeistert mitgetragen habe, jede und jeder einzelne ein Held der, ja was nun?, nicht mehr Sowjetunion gewiß, doch des welterlösenden russischen Reiches.
Es war, was und wie er es sagte, saugefährlich. Aber dies ist ein Gegner, den man anders als Putin ernstnehmen muß, ein intellektueller Feldherr, vor dem sich der ebenso gebildete verfeindete Feldherr verbeugt und den er, wenn Glück und Geschick es so wollen, zwar schlägt, aber voller Achtung. – Ich zitterte vor Ambivalenz, ein seltsames, meinen ganzen Körper überkribbelndes Amalgam aus unmittelbarer Sympathie und rigoroser Ablehnung. Der Mann hatte mich ästhetisch gefaßt und politisch entsetzt. Die Wirkung hält nach wie vor an, noch jetzt, da ich dieses schreibe.

Kam jetzt noch einmal Musik? Ja, “wir brauchen wieder Musik” sagte der Moderator oder die Moderatorin. Ich, ausgerechnet ich, habe seit dem Kriegsbeginn keine Musik mehr gehört, es geht einfach nicht. Nun mußte ich abermals redundante Klänge ertragen. Aber gut, daß ich’s tat. Was jetzt nämlich folgte, wer folgte, war nur noch das Grauen. Um mich nicht neuerlich zu erregen, zitiere ich nun länger aus meinem nächtlichen Baskakovabrief:

Denn Wolf Biermann sprach, und das war dann das r e i n e Grauen. Er wollte, daß wir sofort in den Krieg eingreifen, und zwar, “weil er sowieso kommt”. Und ließ keinen Zweifel daran, daß solch ein Krieg ein atomarer würde, der möglicherweise – wörtlich – “Milliarden Menschenleben kostet”. Aber, unterm Strich und etwas verkürzt, diesen Preis hätten wir zu zahlen, wenn es uns ernst mit unseren Werten sei.
Er bekam Applaus, viel, ich hätte fast gekotzt. Der Mann ist deutlich ein Greis, sein Lebenshorizont ist nur noch sehr schmal, da hat man gut schlecht reden. Aber meine fünfzehnjährigen Zwillinge, mein zweiundzwanzigjähriger Sohn? Und andere Eltern sollen sehenden Auges ihre Kinder opfern?
Ganz nebenbei, es gäbe in Deutschland auch ganz sicher nicht, selbst jetzt nicht, eine Mehrheit für einen Krieg. Wer also soll gegen die entscheiden, sie zu Opfern machen dürfen? Man muß ihnen wenigstens Zeit lassen zu emigrieren[2]und ihnen finanzieren..
Es war einfach nur unverantwortlich. Es nützt dem Sterben, Siechen, Ausgebombtwerden (ja, Putin setzt massiv Raketen gegen zivile Gebäude ein, gegen ganze Stadtteile) … also es nützt diesem Elend doch nichts, wenn nichts als weiteres Elend noch hinzukommt, weltweit womöglich, vielleicht mit dem Untergang der halben oder gar dreiviertel Welt. Denn ein Atomkrieg macht erst halt, wenn eine der beiden Seiten nichts mehr abfeuern kann. Da ist dann alles andere aber schon hin. Und an den Strahlenfolgen werden Generationen über Generationen tragen.
************
Dem ist nur wenig, vielleicht auch gar nichts hinzuzufügen. Auch weil ich dann ging. Die Polyneuropathie in den Füßen, eine nicht umkehrbare → Chemofolge, wurde bei dieser Kälte so stark, daß ich nicht mehr ganz sicher war, weiterhin stehen zu können; möglicherweise knickte ich gleich ein. Ändern konnte ich ohnedies nichts, schritt, vorsichtig mit den Schuhsohlen tastend, im beklemmenden Bewußtsein davon, daß wir mit hoher Wahrscheinlichkeit der Vernichtung der gesamten Ukraine und einem nächsten Völkermord werden zusehen müssen, zwar tatenlos nicht ganz, letztlich aber hilflos. → “Wir kommen da mit sauberen Händen nicht mehr heraus.” – Haben Sie sich, Feundin, Habecks Gesicht mal angesehen, das neue? So schauen Sie nur (ich begehe eine Urheberrechtsverletzung, der Urheber seh’ es mir nach, oder die Urheberin):

Quelle (©): → dpa
 

Welch Menschenleid in dem Gesicht.

 

 

 

Миру Україні:
Ihr ANH

 

 

 

____________________________________________________________________________________________________
[Hier die gesamte Veranstaltung; Wolf Biermanns Beitrag
findet sich bei 2h12’56”, der Beitrag Prochaskos ab 34’46”:]

References

References
1 Auf dem Programmzettel als “Marie-Luise Beck” angekündigt.
2 und ihnen finanzieren.

Frühe postmoderne Phantasien im Werk von Wolf von Niebelschütz

Bisweilen lese ich gern in Wolf v. Niebelschützens als feudalistisch verpönten Schriften, – mit den gemischten Gefühlen, selbstverständlich, eines durch die Demokratie Geprägten. Doch trägt feudalistisch auch einen ästhetischen Sinn, nämlich hier den barocken, dem derzeit nur noch die Literatur eines einzigen Kontinents an Zersplitterung und dennoch seelischem Zusammengehören bei zugleich poetischer Strahlkraft nahekommt: die des südamerikanischen. Lassen Sie mich deshalb ein wenig weiter ausholen, als es die Konzentration auf das Werk eines Dichters normalerweise erlaubt, zumal wenn die zu leistende Betrachtung auf einen Einzelaspekt, zumal auf nur zwei von mehreren Büchern beschränkt ist: „Wenn Sie eine Land­schaft recht intensiv kennenlernen wollen, nehmen Sie ja auch nicht die Autobahn.“, sagt in meinem Roman Wolpertinger oder Das Blau Jeremias Baumwolle ein wenig verächtlich zu Hans Deters.
Nicht umsonst spricht der große Lezama Lima, der „Paradiso“ schuf, vom „amerikanischen Barock“ und hat dafür seinen Blick durchaus nicht auf Nordamerika gerichtet, sondern meint das organische, synkretistische Verschmelzen von Abendland und Indiowelt, antiker mit sogenannt heidnischer Mythologie, dazu sehr viel Diktatur auf der einen und Revolution auf der anderen Seite, Volksaberglaube, Religiosität und Kunstwille. Das Amalgam all dessen seien, sagt Lezama, die Tropen. Uns Europäern fehlen sie, weshalb wir an die Stelle des überschäumenden Stoffes, der, sofern literaturwürdig, noch in der Reflexion dramatischer Natur ist, die demokratische Gesinnung und ihre “moderne”
political correctness gesetzt haben. Sie hat die feudale „Haltung“, also den in den Jahren 1933 bis 1945 erst verratenen, dann verendeten Stil Europas, der etwa Musil noch prägt, ersetzt, ist jedoch für Kunst eine höchst miesepetrige Erbverwalterin und hält manches unter Verschluß, das sich in den Tropen – nebenbei bemerkt: auch im Krieg, allerdings da aus anderen Gründen – schon wegen Feuchtigkeit und Hitze sowie dem wimmelnden Insektenleben permanent in neue Kunst verwandeln würde. Neuerdings – ich weiß ein Liedchen zu singen davon – ist es das Recht der Persönlichkeit, was der Kunst, nunmehr juristisch einwandfrei, an den Kragen möchte. Eine mir bekannte Autorin zahlte, da verklagt, an ihre Tante 5000 Euro Schmerzensgeld, weil in einem ihrer Gedichte die Erinnerung spricht, es hätten der Tante Untertassen immer Flecken gehabt. Wenn der Geist so klein wird, muß die Kunst entweder in Übertretungen explodieren, oder sie verkümmert und wird zur Renaissance des Biedermeiers. Wofür wir in der deutschsprachigen Literatur einige Beispiele haben. Es sind die meisten. Da kostet es schon ein wenig Überhebung, es rücksichtslos mit dem Ästhetischen zu halten. (…) so weit wagt sich hinaus, schreibt Niebelschütz, wer ein Dichter ist, wohingegen der Schriftsteller mutig in der Nähe des Bademeisters bleibt und um keinen Preis einen Unsinn begeht, sondern sich billigerweise bewundern läßt.

Das ist tatsächlich die Lage hierzulande, und zwar um so mehr, als dem von mir so genannten Meaculpismus nunmehr eine sich auf vorgeblichen Realismus stützende, entweder politisierende und/oder sich literarästhetisch meist lässig gebende, sozusagen fetzige, am US-amerikanischen Spielfilm orientierte Schreibweise folgt, bzw., da es sie ja seit Jahrzehnten schon gab, in den Rang der Hochliteratur nobilitiert wird. Das hat natürlich soziologische, literarsoziologische Gründe; der Ritterschlag, den Kritiker und Essayisten wie Sigrid Löffler und Michael Maar Kinder- und Jugendbüchern erteilt haben, möge erhellen, was ich meine: „Warum Nabokov Harry Potter geliebt hätte“ lautet zum Beispiel so ein Titel.

Überhaupt fragt man sich einiges: Daß in einem der letzten von Reich-Ranicki dirigierten Literarischen Quartette Nabokovs Ada oder Das Verlangen so posthum wie unisono verrissen wurde, stimmt sich auf denselben symptomatischen Ton. Der Realismus, zu Gerhart Hauptmanns Zeiten noch ganz in der objektiven Naturwissenschaft und Produktionswirklichkeit fundiert, ist spätestens seit Heisenberg und erst recht seit der kybernetisch-technischen Revolution, der eine anthropologische entspricht, ein Mißverständnis.

Hiergegen steht ganz entschieden Wolf v. Niebelschützens Barock der Haltung, der in seinen Büchern eben kein reaktionärer Eskapismus ist, sondern Widerstand. In einer Zeit, in der sich die Autoren einer jungen Generation aufgrund ihrer kulturellen Kinder- und Jugendprägungen der Affirmation verschrieben haben, geht die aufklärerische, ja romantische Mission auf den literarischen Konservatismus über, insoweit er an formaler und semantischer Durchdringung seines Stoffes – „Zusammenhangsdurchstoßung“ nennt es Gottfried Benn – ungeachtet marktwirtschaftlicher Kalküle so verantwortungsvoll wie querköpfig festhält.

In Deutschland haben wir in Niebelschützens Sinn viele Schriftsteller, was sich schon daraus erhellt, daß wir unter ihnen Autoren von Prosa, unter „Dichtern“ aber solche von Lyrik verstehen. Indes sind auch sie längst zu Schriftstellern, das heißt: in die Demokratie abgesunken, die in der Literatur so wenig zu suchen hat wie ein Cocktail-Tourist in den Tropen. Ausnahmen bestätigen die Regel, sagen wir: Paulus Böhmer, sagen wir: Christa Reinig, sagen wir für die Prosa: Gerd-Peter Eigner. Es sieht so aus, als könnte auch Marcus Braun bald zu ihnen gehören. Interessanterweise fällt es leichter, etwa in Österreich solche Namen zu finden, ja dort sind sie Legion: H. C. Artmann, Marianne Fritz, Gerhard Rühm, auch Elfriede Jelinek und Gert Jonke mögen für viele andere genannt sein. All sie verbindet ein kaum bewußter literarischer Seelenbund, an dem Elke Heidenreich aus popularistischer Klugheit mit vollem Recht vorbeischaut, wenn die Autoren aus Deutschland stammen. G e g e n diese Klugheit, eine zitronenspitze Gouvernante des Wohlverhaltens, die jedes verrückte Spitzendeckchen sofort zurechtzupft, damit auch sauber verdeckt sei, was geöffnet – erzählt – gehört, steht unter anderem das hierzulande übelbeleumdete Pathos – etwa und gerade auch des Dichters, der Prosa schreibt. Wo hingegen ein deutschgermanistisch fetischisiertes Ironisches sich allzu sehr vorschiebt, steht immer etwas dahinter, das verdrängt werden soll. Ironie ist schriftstellerisch, nicht poetisch, und zwar nahezu durchweg, außer sie dient wie bei Heine als ein Stil- und Schmiermittelmittel, vermittels welchem das Feuer immer wieder neu geschürt oder bewacht wird. Pathos also, weil der Gouvernanten zuviele sind und weil es sich ihrer nur mit Feuer erwehren läßt. Insofern gehöre, schreibt Niebelschütz, um es als Dichter zu wagen, eine Portion Mut dazu, Mut oder Hochmut, Naivität, Verblendung, wie immer Sie es nennen wollen; es gehört Blindheit dazu gegenüber dem Wirklichen, gegenüber dem Kampf nämlich, den er da auf sich nimmt, einen so gut wie aussichtslosen Kampf, bei welchem von zehntausend Kandidaten vielleicht einer dem Schicksal entrinnt, vergessen zu werden.

Niebelschütz spricht hier durchaus pro domo – und durchaus ancient régime. Wer aber untergeht, nach dem fragt ohnehin niemand mehr. Selbstverständlich ist das romantisch, man kann sogar von Geniekult sprechen, aber an Niebelschütz ist es, dazu auf das arroganteste „Ja“ zu sagen. Das Genie wirkt heutzutage skandalös. Das ist der Stachel, auf den sich, weil er wehtut, Mehrheiten nicht einigen werden. Diese sind – in der Kunst, nicht im politischen Tagesgeschäft – immer mediok. – Nein, während der Zweite Weltkrieg nach Hunderttausenden Tote fordert und in Auschwitz nach Millionen Völkermord begangen wird, schreibt der wegen einer Sichtbehinderung dienstbefreite Feldwebel Niebelschütz die folgenden Zeilen, und nicht ihret- sondern ihres Zusammenhangs wegen ist der Dichter bis heute verfemt, wegen seiner poetischen Könnerschaft indes Geheimtip unter Conaisseurs geblieben:

Die alten Götter waren tot, jene heiteren, deutlichen und liebenswerten Götter, die man so gern verehrt hatte, weil man wußte, auch in ihren Seelen wohnten der Regungen einige, die den Menschen zu einem Gott und den Gott zum Menschen machten. Sie waren tot, die Popen sagten es… Aber es war keine Freude bei ih­rem Wissen, denn sie sahen (…), daß ein Geist der Weltlichkeit die Inseln der Ägäis durchzog, und mit düsterer Hingabe wühlten die Prediger in den Herzen der Gläubigen, ihnen ein Sünden-Babel zu malen.

Das klingt fast wie ein Kommentar zur Bewältigungsliteratur nach 45. Tatsächlich diagnostiziert Detlef Schöttker im Kritischen Lexikon der deutschen Gegenwartsliteratur: Eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gibt es hier ebensowenig wie eine Bestandsaufnahme der Gegenwart. Statt sprachlicher Er­neuerung, Wirklichkeitsbezug und intellektueller Besinnung, die die Literatur nach 1945 geprägt haben und in den Begriffen „Kahlschlag“ und „Trümmerliteratur“ zusammengefaßt werden, findet man hier das Gegenteil: Heiterkeit…

Wenn Ihnen der Ton, in welchem dieses „Heiterkeit“ daherkommt, so wehtut wie mir, dann ahnen Sie, was die deutsche Literatur an den Rand des Weltmeeres verschlagen hat, von dem hinabzustürzen sie sehr in Gefahr war und vielleicht immer noch ist, weshalb sie also in grosso modo uninteressant wurde – uninteressant nämlich im Chor der Völkerdichtungen. Sie war bis etwa 1989 rein auf sich selbst und stets peinvoll-höchstpersönlich auf den eigenen bösen Vater bezogen, nämlich imgrunde – ich weiß, das ist politisch inkorrekt – immer auf Hitler. Der böse Vater hingegen in García Marquez’ Herbst des Patriarchen ist ein anderer, unpersönliche, allegorischer. Die Crux der deutschen Literatur ist, daß Hitler nicht zur Allegorie taugt und niemand es wagt, ihn dazu zu machen. Doch, einer, im Film: Syberberg nämlich. Was hat man da geschrien! Unheilvolle Personen zu allegorischen zu poetisieren, ist aber eine Funktion der Kunst; sie reinigt dadurch sich und die Leser. Katharsis. Im Falle Hitlers ist uns das nicht erlaubt, nicht einmal heute, und erst recht war es damals Tabu, als Niebelschütz seine „heitere Mythologie“ schrieb. Er hat mit Ausgrenzung dafür büßen müssen. Allerdings hat dieser Aristokrat die Menge auch nicht gerade gesucht. Ich zitiere Ihnen den Abschnitt, es ist der Anfang der Romanes, einmal ganz:

Die alten Götter waren tot, jene heiteren, deutlichen und liebenswerten Götter, die man so gern verehrt hatte, weil man wußte, auch in ihren Seelen wohnten der Regungen einige, die den Menschen zu einem Gott und den Gott zum Menschen machen. Sie waren tot, die Popen sagten es… Aber es war keine Freude bei ihrem Wissen, denn sie sahen, zu ihrem Kummer, daß ein Geist der Weltlichkeit die Inseln der Agäis durchzog, und mit düsterer Hingabe wühlten die Prediger in den Herzen der Gläubigen, ihnen ein Sünden-Babel zu malen. Hatte nicht Delphis Pythia, welche noch immer, allen christlichen Bannflüchen zum Trotz, ihre unerwünschten Weissagungen in leider allzu sehr nach Zukunft gierigen Ohren raunte, dem Modisten Poaretes prophezeit, es werde ein Schneider kommen, vor dem die Könige des Erdballes sich erniedrigen würden? Und Herr Poaretes, uneingedenk der Taufe, die er empfangen, hatte die Luft angehalten, hatte ein leises Schauern in seiner so diesseitigen Brust verspürt und beschlossen, fortan die Kleider seiner Vorführdamen mit einem großen, silbernen, gekrönten P zu zieren. So weltlich ging es zu unter dem ewig blauen Firmament des Südens, das die Menschen verleitete, sich des Lebens zu erfreuen, anstatt es in Zerknirschung als ein Tal der Buße und der Tränen zu nehmen, welches uns läutern soll, bis wir gen Himmel fahren.
Dieser Himmel war von so vollkommener Bläue, so sündig schön und obendrein so durchaus windstill, daß die Barke, auf der Venedigs Gesandter nach Myrrha segelte, tatenlos auf der leicht atmenden See schaukelte. Der Morgen begann schon zu glühen, aber dem Diplomaten eilte es nicht. Sein Frühstück war beendigt, sein Geist heiter und frei; und beflügelt von dem kostbaren Arom eines Moccas, den sein türkischer Koch ihm, nach den starken Sitten dieses östlichen Landes, täglich zu schaumgeschlagenen Möwen-Eiern bereitete, begann er, spazierender Weise, einige der Sätze zu formen, die er hernach, in einem seiner berühmten, weil unvergleichlich anschaulichen Berichte, der Serenissima zu vermelden gedachte.
Man lag vor Myrrha, jener seltsamen, länglichen und ziemlich ausgedehnten Insel, die eben jetzt zum Mittelpunct der Agäis aufrückte, vermöge keines anderen oder absonderlicheren Umstandes, als daß eine heiratsfähige Prinzessin – Erbprinzessin! – die Blicke der Nachbarn auf sich zog. Was waren das für begehrliche, eifersüchtige, neiderfüllte Blicke! Handelte es sich doch, menschlicher Voraussicht nach, um das endgültig einzige Kind des regierenden Paares. Ein Monarch, der sichtlich alterte, eine Königin, welcher die Schmerzen der Niederkunft, die schamlose Intimität der Arzte, die eigenen Schreie, vor Allem die vorangehende, so wenig kleidsame Leibesfülle allzu unköniglich erschienen, um sie aus freien Stücken zu wiederholen – nein, es stand kaum zu erwarten, daß etwa ein Kronprinz, ein kleiner Nachzügler… Und selbst wenn Dame Olympia, in ihrer zweifelhaften Conduite, bereit gewesen wäre, sich der Marter ein zweites Mal zu unterziehen – hätte nicht König Alphanios Grund gehabt, voll tiefen Mißtrauens die Ehelichkeit des Kindes anzufechten? Legitimität .. Souveränität .. es waren schwerwiegende Worte, die der Herrscher liebte, und Don Giovanni wußte es, denn sein spähendes Diplomatenhirn arbeitete so unermüdlich wie der rastlos tätige Vulcan, der dort am nahen Horizonte von Zeit zu Zeit puffende Feuerwolken in den Azur des Morgens spie. Eine lavaschwarze Steilküste, ein elfenbeinern schimmernder Strand, mattgrüne Wälder von Cedern, Pinien, Lorbeer und Oliven, dazu eine Hauptstadt, die mit schneeweißen, fast fensterlosen Häuserwürfeln über der tiefblauen See lagerte, endlich die rosig behauchte Wolke, zu beiden Seiten des Götterberges wie ein Strich in der Luft stehend, rundeten das Bild dieses kleinen und doch so umworbenen Reiches zu einem Tableau von hoher Farbenpracht. Und Alles atmete vollendeten Frieden.

Dazu abermals Schöttker: Die Problematik seiner schriftstellerischen Existenz (…) wird deutlich, wenn man den Blick auf jene Arbeiten erweitert, die der Autor nach 1945 noch veröffentlicht hat. Schöttker meint damit nicht den zweiten großen Roman des Dichters, das gegen den „hellen“ „Kammerherrn“ von mir so genannte „dunkle Buch“, „Die Kinder der Finsternis“ von 1959, sondern die Vorträge, mit denen Niebelschütz den Lebensunterhalt für seine siebenköpfige Familie bestritt. Dabei zeigt sich, daß Niebelschütz den intellektuellen und literarischen Wandlungsprozeß, den die meisten anderen Autoren der „jungen Generation“ wie Bobrowski, Eich, Huchel, Krolow etc. vollzogen haben, nicht mitgemacht hat. (…) Auch in seinen Essays und Vorträgen hat Niebelschütz die höfische Lebenshaltung verherrlicht, an einer undifferenzierten Massenverachtung und einem rigiden Elitedenken, die den ersten Roman prägen, festgehalten (…).

Nun konnte Schöttker wohl nicht sehen – man sollte deshalb literarhistorische Nachsicht üben, den genannten Lexikonartikel allerdings schnellstens revidieren -, daß sich in Niebelschützens Dichtung ganz im Gegenteil etwas enorm Modernes bildete, etwas, das heute erst, da uns die von Schöttker genannten Autoren mit halbem Recht den scheinrealistischen Staub des 19. Jahrhunderts husten lassen, virulent geworden ist, wenn auch nicht in der deutschsprachigen Literatur selbst, sondern aus dem Ausland, namentlich von Frankreich und den USA hergenommen. Aber es lag hierzulande wie ein Korn, das auf den Regen wartet: Das Wiedererstarken mystischer oder myhischer Erklärungsmuster aufgrund der vorgeschrittenen kybernetischen Technologie. Ich habe das an anderer Stelle bereits ausgeführt. Ob Niebelschütz um so etwas wußte, ist zu bezweifeln, aber Dichtung hüpft oft Ellipsen hinterm Kopf ihres Autors. Schöttker hingegen fordert von Niebelschütz genau das, was die übrige Literatur hat so verquast und lehmfüßig werden lassen, hingegen der „Blaue Kammerherr“ alles, was sonst noch so veröffentlicht wurde „mit einer Armbewegung vom Tisch wischt“. Nicht mein Satz übrigens, sondern einer des großen Alten der bundesrepublikanischen Literaturbewertung, nämlich Walter Boehlichs. Der hat sich gewiß monarchistischer Tendenzen nie verdächtig gemacht.

Was er bei Niebelschütz goutiert und was den vielen Schöttkers fehlt – der Mann steht stellvertretend, ja idiomatisch für eine deutsche, politisch ideologisierte und ideologisierende Literaturhaltung -, das ist neben dem Pathos vor allem Humor, aber auch Witz. Letztren hat erst die Postmoderne der deutschsprachigen Dichtung wiedergeschenkt. In Deutschland steht an ihrem Anfang signifikant Wolf v. Niebelschütz.

Hören Sie sich folgendes an und vergleichen Sie es mit dem Ton des vorherigen „Kammerherrn“-Zitats:

Seine Hüfte blitzte von Messern; Schenkel und Fuß schimmerten in der Luft. Ein gigantischer Schritt, und er schwebte voran; ein zweiter, und er stieg durch das Geröll talwärts; beim fünften sah sie, daß er auf Stelzen daherfuhr; mit dem achten sprang er geschmeidig zu Boden, stach die Tiere ab, trat an den Wagen, das Fangmesser gezückt, tastete nach Dom Firmians Halswirbel, neigte das Ohr, um den Atem zu prüfen, und blickte, indem er horchte, der Lebendigen, die sich tot stellte, in das Mark. Nun hob er den mächtigen Rücken, seidig von Haut, und streckte ihn waagrecht. Ihre Lungen schmerzten. Ein mißtrauisches Knabenlächeln begleitete das Emporstreifen der Dolchhand an ihrer Schulter. Die Berührung durchflammte sie, während er pantherhaft jäh die Linke um ihre im Schoß verkrampften Hände schlug, deren Finger der Schreck spreizte; wild atmend, fühlte sie seine Gewalt errichtet. Noch tat er ihr nichts. Sie rang um Luft. Rätselhaft wurde das Lächeln. Als er sie losließ, löste sie sich und schmiegte den Nacken zitternd in seinen Griff. Da überlief ein Leuchten den ganzen goldbraunen Körper, er drückte ihren Kopf nieder, stieß den Bischof hinaus, schnitt ihr das Kleid vom Rückgrat und ging zu ihr ein, ohne Wort.
Ohne Wort lud er sie über die Schultern, trug sie, den Messergurt in der Hand, wie ein Lamm zur Bergweide empor, die voll Herden war, und warf sie aufs Lager. Ohne Wort, im Rausche der Zeugung, schöne, leise und schlanke Tiere, verlangten sie einander, Geflechte der Zärtlichkeit, immer aufs Neue, bis aus den Lustgewittern die schwarze Windstille der Schwermut brach.

Eine Vergewaltigung also, gegen deren vermeintliche Ästhetisierung vorzugehen der demokratische Moralwächter einigen Grund finden könnte. Tatsächlich konnte diese der Sprache bis in die Schönheit eingeschriebene Gewalt, die in der Wiederaufnahme expressionistischer Prosaformen mitspült, 1959 nicht gefallen, ja mußte erschrecken. Denken Sie daran, daß sich – von Döblin abgesehen – die deutschen spätexpressionistischen Dichter fast durchweg an Hitler den Geist beschmutzt hatten. Allenfalls Gottfried Benns Prosa, vielleicht weil derart abstrakt, fand eine umstrittene Akzeptanz. Doch genau so virtuos und jederzeit Herr seiner Mittel, wie Niebelschütz mimetisch und zugleich poetisch überhöht im „Kammerherrn“ mit Sprachformen des Rokokos spielte, spielt er nun, in den „Kindern der Finsternis“ das tabuisierte Feuer aus, von dem ich oben schon sprach. Zum Spielbegriff, der ebenfalls modern ist, sage ich später noch etwas. Auch er unterliegt einem undurchdachten Mißverständnis. Jedenfalls besaß Niebelschütz den Mut, sich dort im Eigenen umzusehen, wo vergleichbare Kaliber sich am avantgardistischen Ausland orientierten – etwa Arno Schmidt an der irisch-triestischen Moderne, die er dazu verführt hat, sich auf eine in mehrfachem Sinn komische Mesalliance mit dem deutschen Kleinbürgertum einzulassen. Niebelschütz ignorierte politische Implikationen, weil sie ideologisch, nicht poetisch waren. Ob er dies aus konservativer Gesinnung tat oder ob ihn „reine“ ästhetische Motive dazu veranlaßten, spielt für die Betrachtung des Werkes, also für die Werkimmanenz, keine Rolle. Niebelschütz ist postmodern nicht nur in der Mischung des Materials, sondern vor allem in den von ihm gewählten und aufeinanderbezogenen Formen.

Hören Sie diesen Satz, ebenfalls aus „Die Kinder der Finsternis“: Er brachte sie, statt unter die Haube, unter die kühle Erde des Gottesackers im Weiler Sankt Paul, verstorben am Bauchfieber. Der Satz ist strikt durchrhythmisiert wie fast jeder in dem Buch, dazu der Nachsatz kunstvoll mit einer Synkope im sozusagen halben Auftakt. Vermittels des darin aufscheinenden semantischen Spiels, das auf ersten Blick zu kalauern scheint, wird etwas überaus Ernstes klar: Es geht um letzte Dinge, um erste Dinge, der Realismus des genau darum synkopierten Nachsatzes widerlegt den Kalauer nämlich. Es geht hier um eine mit sechzehn Jahren versterbende Frau; der nächste Satz lautet fast zwingenderweise: Marisa – das ist die Mutter – nahm den Verlust schwerer, als sie den Verlust anderer Kinder genommen hatte. Da ist für das gernhardsche Grienen, das einen ankam, plötzlich kein Raum mehr. Weil es einen aber ankam, bekommt Trauer überhaupt erst den empathischen Grund. So etwas meint „Spiel“ nämlich auch, und es ist nahezu tragisch, wenn man sich die deutschen Debatten um die Postmoderne einmal vergegenwärtig, worin bis heute von „Beliebigkeit“, mangelnder „Existentialität“, ja „Uneigentlichkeit“ die Rede ist. Immer noch wittert das ideologische Vorurteil nach, das Niebelschützens Werk nach wie sanktioniert und vergessen machen will, jedenfalls für das, was man die breite Leserschaft nennt. Daß ein literarisches Spiel möglicherweise den Boden überhaupt erst bereitet, auf dem unsere Existenz poetisch gestaltet werden kann, machen bezüglich der üblichen Vorwürfe unangetastete Bücher wie Pynchons „V.“ und „Die Enden der Parabel“, Gaddis’ „Die Fälschung der Welt“, Ishiguros „Die Ungetrösteten“ mehr als nur deutlich. Aber alledie stammen aus dem Ausland; wer sich hierzulande an solchen Formen versucht, verbrennt sich nach wie vor Finger und Ruf. Das Verdikt gegen Niebelschütz greift also weiter, ganz ähnlich dem Tabu, das sich an Botho Strauss, Peter Handke oder Martin Walser ganz unabhängig vom ästhetischen Wert ihrer Bücher hysterisiert.

Man schaut aufs Intentionale, mit Benjamin gesprochen: auf die Funktion eines Wortes, nicht auf seine sei es poetologische, sei es semantische Valenz. Nur so ist verständlich, daß Autoren wie Julia Franck oder Judith Hermann solch einen Zuspruch auch von Fachleuten genießen. Südamerikaner, auch Südeuropäer würden den als peinlich empfinden. Der deutschen Kritik ist Peinlichkeit seit Hitler Hekuba. Um dagegen klarzustellen, über welche poetische Fähigkeit Niebelschütz verfügt, habe ich die kleine Satzanalyse vorgenommen, denn manchmal genügt es, einem Leser nur ein wenig den Kopf zu drehen, auf daß er etwas anderes in den Fokus bekommt.

Übrigens gilt dasselbe für Manierismen, ob bei Pynchon, ob bei Niebelschütz, ob bei mir. Viele, die als solche aufgefaßt werden, sind nämlich nichts als Betonungsanweisungen, deren Befolgung einen Satz oder eine ganze Sentenz unmittelbar und gänzlich unmanieriert leuchten lassen. In der Kompositionstechnik ist eine solche „semantische Notation“ gang und gäbe, in der Literatur, weil sie fast immer am Intentionalen aufgehängt wird, nicht.

Hören Sie dazu noch dies:

Die Kupferwoge fing Feuer. Jetzt brannten die Hände, im Schoß verkrampft, jetzt schmorte die Haut, die Brust tropfte glühend zu Boden. schwarze Pranken krallten sich um die rauchenden Schultern. Sie bog sich erstickend. Aus dem Schmelz ihrer Zähne fuhr ihre Seele, unsichtbar dem Versucher, durch die Decke des Gemaches auf. „Gott sei ihrer Seele gnädig. Der Herr öffne ihr liebreich sein Paradies. (…)

Es handelt sich hier um einen prophetischen Traum, Anfang des letzten Drittels des Buchs. Barral, der Held des Romans, reitet sofort los und findet die sterbend Erträumte vergiftet. Das ist barocker Manierismus, von uns Heutigen aus gesehen, aber zugleich eine der wenigen Weisen, auf welche solch ein Traum mit Kraft erzählt werden kann. Zum Vergleich möchte ich Ihnen aus García Lorcas wunderbarem Nachruf auf Góngora vorlesen, dem vorgeblich dunkelsten unter den Barockdichtern; ich glaube, die Stelle atmet dieselbe, wenn auch – weil der Tod verklärt und nicht wie in Barrals Traum schockhaft erlebt wird – eine milder gewordene Luft, eine, die sich… nein, „abgekühlt“ zu sagen, wäre grundfalsch, vielmehr: die sich „abgewärmt“ hat:

Am Morgen des 23. Mai 1627 fragt der Dichter fortwährend nach der Zeit. Er blickt vom Balkon hinaus und sieht statt der Landschaft einen großen blauen Flecken. Über den Malmuerta-Turm legt sich eine lange, leuchtende Wolke. Góngora schlägt das Zeichen des Kreuzes und streckt sich wieder auf sein nach Quitten und trockenen Orangeblüten duftendes Lager. Bald darauf schwebt seine Seele – so gezeichnet und so wunderschön wie ein Erzengel von Mantegna, goldene Sandalen an den Füßen – mit wehender amaranthener Tunica zur Straße auf der Suche nach der senkrechten Leiter, die er nun gelassen hinaufklettern wird. Während die alten Freunde bei ihm eintreffen, erkalten langsam seine Hände. Don Luis’ schöne strenge Hände ohne Schmuck, befriedigt, das erstaunliche, wunderbare, barocke Retabel der „Soledades“ ausgearbeitet zu haben. Die Freunde denken, daß man einen Mann wie Góngora nicht zu beweinen braucht und setzen sich philosophisch auf den Balkon, um das dahinschleichende Leben der Stadt zu betrachten.

Das ist nun ganz der Ton des „Blauen Kammerherrn“, auch kaum später, allerdings in Spanien geschrieben, ist Rokoko fast, welchem Wolf v. Niebelschütz attestiert, er sei das Alter des Barocks und deshalb Verklärung des manieristischen Ansatzes. Georges Bataille sagte, der Manierismus wolle das Fieber; für mich ein anderes Wort für Feuer. Erinnert das nicht auch schon wieder an Lezama Lima? Die Früchte auf dem Schranktisch, runzlige Schale des Mamey, Schuppen der Ananas, das Violett und Gelb der Mangos, trugen das ihre zur Schlankheit des Morgens bei, der getragen schien von den Füßchen der Spottdrossel, die zitternd ihren Jubelstrahl versprühte.

Wenn man bei Niebelschütz liest Mit Weltfreude, Flitter und Oberflächenglanz, die man dem Barock nachsagt, ist nur seine Erscheinung als solche gekennzeichnet, nicht sein Ethos, nicht sein Sieg und sein Triumph, so wäre das gleiche gegen so gut wie alle in Deutschland geführten Attacken auf die Postmoderne einzuwenden, die im Barock ihre Herkunft hat, in einem modernen Barock: in Südamerika einem tropischen, in den Nationen des Westens einem, der aus den Wissenschaften herausgärt. Denken Sie an den Siegeszug des Begriffes und Inhalts Cyberspace.

Insoweit die Postmoderne den defaitistischen Pessimismus nicht mehr mitmacht, der u.a. von Beckett auf der einen und Anton v. Webern auf der anderen Seite herrührt und selbstverständlich aus den Katastrophen der Genozide und des Zweiten Weltkriegs, sowie neuerlicher Ausbrüche von Barbarei, sondern aufgrund einer affirmierten Zersplitterung des Ichs Gegenmodelle zu erschaffen und auch zu feiern versucht, gilt ebenfalls ein niebelschützscher Satz:

Ob man es weiß oder nicht: alles in uns, was anbetet, jubelt, verehrt, glaubt und im Schmerz wie in der Erschütterung edel bleibt, alles Positive, alles Bejahende ist letztlich barock.

Dazu noch einmal über Südamerika, nämlich Carlos Fuentes:

Das Barock ist einer unserer Gründungsnamen.

Genau das spürte die hoffnungslos gewordene europäische Seele, als unter anderem über García Marquez die südamerikanische Literatur ihren Siegeszug in der Alten Welt antrat: Erneuerung durch etwas, das überschäumt, aber dennoch in der Form, einer magischen, gehalten wird. Ebendas setzt sich in der westlichen Postmoderne fort.

Lezama Lima wieder: Das langsame Zurückfluten der Brandung löste seine Verkrampfung und löschte das Bild, das sich dehnte und auf dem Rücken der Schaumwidder zerfloß. Diese Lösung einer Verkrampfung hat Niebelschütz in seinem „Blauen Kammerherrn“ sehr früh für die deutsche Literatur vorweggenommen: durch spielerische Wiedereinführung antiker Mythen, durch Kombination verschiedener Stiltypen, vermittels seines hochgradig vornehmen Verfahrens, geradezu goethesch Heiteres auf Dunkles zu legen.

Stilmischung“ nennt er es selbst: Wesentlich ist, daß wir uns eingestehen, wie gering fundiert unser Horror vor der vermeintlichen Stilvermischung zwischen dem Ernsten und dem Heiteren, zwischen dem Schweren und dem Leichten ist. Und er zitiert Hofmannsthal:

Er kroch von einer Larve in die andre,
Sprang aus des Vaters in des Sohnes Leib
Und tauschte wie Gewänder die Gestalten.

Womit wir bei Ovid sind, bzw. der ovidschen Nacherzählung, die uns durch Ransmayer wiedererreicht hat. Es geht nicht um den eskapistischen Rückgriff, sondern um die durch die Zeiten hinweg beobachtbare Erscheinung, daß, wie Günter Steffens schrieb, manche Einfälle schon bei ihrer Erfindung Zitat sind, also hochwertige Klischees, die man Allegorie nennt. Die sogenannte Postmoderne wimmelt davon, sie ist, wie bei Ransmayer, zugleich klassizistisch, ja Renaissance, wie, im Fall Pynchons, avantgardistisch. Man hat den Eindruck, die vom Allgemeinverstand völlig akzeptierte zeitlich-historische Sukzession höre mit einem Mal auf, wahr zu sein. Zwar bleibt sie wahr, zugleich aber ist sie es nicht. Mit diesem gegen Aristoteles gerichteten Gedanken spielt die Postmoderne herum, hilflos bisweilen, bisweilen esoterisch, bisweilen ästhetizistisch und erschreckend. Imgrunde sucht sie nach anderen Verknüpfungen oder stellt sie her, weil die gewohnten, der klassischen Physik angeschmiegten – also die eineindeutig kausalen – Katastrophen herbeigeführt haben.

Dazu noch einmal Lezama Lima:

Nur Mütter verstehen zu blicken, nur sie besitzen die Weisheit des Blicks, sie blicken nicht, um dem Unbeständigen einer Gestalt in der Zeit, den Ortsveränderungen des Mobilen auf den Gleisen der Bewegung zu folgen. Sie blicken, um Geburt und Tod zu sehen, etwas, das ein großes tiefes Leiden mit der Erscheinung des Geschöpfs zur Einheit verbindet. – Genau das versucht Kunst.

Niebelschütz, wenige Jahre vorher: Es kommt alles noch einmal wieder, bevor ich gehe. Nur der Flamingo nicht. Aber das Nachtpfauenauge. Vor sechzig Jahren setzte sich ein Nachtpfauenauge dem Vater der mir Erkorenen in das Haar, ein Falter so groß wie meine Hand. Der Aberglaube trügt nicht, Helena. Hellgrau und schwarz gezeichnete Flügeldecken, Dämmerung und Tod. Dabei fürchte ich mehr das Licht als die Finsternis. Wie mache ich dem Schöpfer meinen Aberglauben klar und meine Lust an der Erde?

Man ist bei solchen Zitaten versucht, an Ernst Bloch zu denken: Gut das, ins Trübe der anderen zu gehen und selbst darin zu fischen. Nicht nur Verbre­chern ist ja das Dun­kel tauglich, auch Liebende wissen mit ihm etwas anzufangen. Eine Dialektik, die dem Realisten so fremd ist wie dem klassizistischen Autor und dem von Drehbüchern sowieso.

Verstehen Sie mich bitte recht: Der Realist ist einer, der mit einem bestimmten Ziel schreibt, das immer – so oder so – pädagogisch ist. Realität ist aber unklar geworden und es vielleicht immer gewesen. Daraus hilft nur das Modell der Allegorie, das Sternbildern gleich fiktive Zusammenhänge schafft und diese in der Imagination des Lesers auf dessen Wirklichkeit losläßt. Unter dieser Perspektive ist jede Einwand, jemand verwende sich fürs Reaktionäre, ohne Boden.

Worum nun geht es in den beiden großen Romanen dieses eigenartigen Wolf v. Niebelschütz? Das spätere von 1959, „Die Kinder der Finsternis“, erzählt unter anderem die Geschichte des Schäfers Barral, der als gräflicher Nachkomme zu Macht kommt, sie wieder hingibt und, wie Niebelschütz selber schreibt, „in der Sage entschwindet“: Angesiedelt ist der Roman in der Provence des 12. Jahrhunderts, allerdings einer ihrerseits eher sagenhaften; wäre der Begriff nicht derart belastet, man könnte von „Fantasy“ sprechen. Es prallen die drei großen Bruderreligionen aufeinander, es wird sehr viel gemordet, ebenso so viel geliebt, die Menschen treiben schicksalsgepeitscht dahin; es ist in dem Buch, als wäre der große quasi-kosmische Welttanz, den Döblin so ausgesprochen unpersönlich in seinem 1924 erschienenen „Berge, Meere und Giganten“ über Jahrhunderte gestaltet hat, von Niebelschütz auf 55 Jahre zusammengepreßt worden. Ebenso gepreßt und darum ständig in Gefahr zu explodieren, ist darum die Sprache:

Bevor noch die Wendung ausgeführt war, herrschte Kreischen und Flügelschlagen rings um das Lustschiff. Dom Peregrin setzte sich auf. Glasig starrte er auf die Vögel, die sich Gewandfetzen und Fleischklumpen aus Kindern, Frauen und gegürteten Rittern hackten. Oder: Das Schiff, achtern von einer Bö gepackt, flog den Strom abwärts.

Dieses „Fliegen“ ist eine rasende, rasante Metapher; Niebelschützens Kunst besteht darin, die Metapher selbst in den Taumel des Vorangetriebenwerdens zu peitschen. Da ist keine andere als die fliegende Zeit. Metaphern aber brauchen eigentlich ein Innehalten, damit man ihrer gewahr wird. Logischerweise heißt es drei Sätze später:

Barral stand auf. Seine braune Haut, während er ins Hemd fuhr – eben: „fuhr“ -, zog sich zu Frieseln zusammen. Ein Schweißausbruch über den ganzen Körper folgte. Graf Peregrin und Domna Barbosa, die Gesichter voll roter Bläschen, rangen nach Atem. Hechelnd wie Hunde stierten sie teilnahmslos vor sich hin. Barral befahl ihnen, in die ortaffanische Lastschute zu gehen. Sie taumelten hinüber.

Sogar, wenn die Menschen dieses Romans etwas selbst in Gang gesetzt haben, geschieht es ihnen doch, und zwar erschreckend unpersönlich. Zugleich hat sie der Leser als lebendige, atmende Personen deutlich vor Auge. Deshalb geschieht also ihm das: Er selbst empfindet sich als Allegorie. So etwas habe ich außer hier nur noch in Döblins genanntem „Berge, Meere und Giganten“ und in Pynchons „Die Enden der Parabel“ erlebt. „Die Kinder der Finsternis“ ist ein überzeitlicher Totentanz, doch wie jeder solche, der es ernst meint, wimmelt permanent neues Leben daraus. Ganz wie in den Tropen, meine Damen und Herren. Für die steht im „Blauen Kammerherrn“, dem hellen Buch, ein Vulkan. Hören Sie den Grafen Godoitis – ich komme gleich noch prägnanter auf ihn:

“Wissen Sie,“ sagte er, „(…) die ganze Welt… ja, das Leben überhaupt, ist vulkanisch und kein einziger Augenblick ohne Gefahr. Aber wir sind geneigt, das zu vergessen. Weil sie so schön ist, diese Erde… Schönheit, denken wir, kann nicht daemonisch sein. Das widerspricht, denken wir, ihrem Charakter. Oh: sie kann. Jeden Augenblick kann sich die Erde öffnen, nur um zu beweisen, daß sie nicht so liebenswürdig ist, wie sie uns glauben macht (…). Man muß mit der Gefahr leben, man muß sie nicht fürchten, auch wenn man ein wenig praeventive Vorsicht übt. (…) ich bin überzeugt, eines Tages gebe ich irgend einem Tod, den ich nicht eingerechnet habe, ganz ahnungslos die Hand, glaube vielleicht, es ist nur ein Minister oder ein Botschafter, es ist aber der Tod, und er sagt zu mir: Excellenz, sagt er, es ist so weit, begleiten Sie mich, es tut gar nicht weh.“

Es gehört zu Niebelschützens Haltung, daß er nicht wertet, sondern noch die furchtbarste Grausamkeit und das herrlichste Glück einfach erzählt. Was aber heißt „einfach“? Niebelschütz ist Parteigänger seiner „bösen“ Protagonisten wie seiner „guten“. Barral, bevor die Kirche ihn auspeitscht, sagt: „Was jetzt kommt, überlebe ich nur durch ein Weib, das liebt.“ Und nun die Szene:

Auf! Sünder! gelobe Reue, Bußfertigkeit, Gehorsam und Demut!“ Barral gelobte nach dem Wortlaut, den er von Dom Aurel erlernt. Kardinal Fugardi nahm die Stola ab, legte sie um den Nacken des Knienden, der ihm liegend die Füße geküßt hatte, knitterte ihre Enden in die Fäuste und begann, ihn, Gesicht gegen Gesicht, in das Haus Gottes zu ziehen. Neunschwänzig um Nägel geknotete Geißeln zerfleischten Barrals Rücken, Schultern, Lenden und Schenkel, selbst die Füße. Es gelang nicht, ihn auf den Knien zu halten. Sechs quergestreckte Lanzen verhinderten, daß er den Kardinal umrannte. Eine eigens berufene Gemeinde kelgurischer und fränkischer Notabeln stand, wie befohlen, Spalier, um die vorgeschriebenen Wiederaufnahmebitten erfüllen zu können. „Verzeiht, Dom Pankraz. Verzeiht, Domna Loba. Nehmt mich wieder auf. Verzeiht, Dom Quirin.“ Seine Haut platzte, die nächsten Hiebe rauften sie zu Fetzen, ein wilder Schritt riß den jaulenden Hund auseinander. „Verzeiht, Dom Lonardo, verzeiht, Dom Rafael, Dom Gero, verzeiht!“

Noch hier rhythmisiert Niebelschütz. Noch immer nimmt nicht er, sondern nur seine Sprache Partei; aber wir wissen nicht, für wen. Ja, indem er von Barral als von einem jaulenden Hund spricht, mutet er dem sogar die Perspektive der Folterer zu. Im Mittelgang brach er zusammen. Prälaten schleppten ihn vor den Altar. Kardinal Dom Zölestin zelebrierte die Messe. Dom Aurel assistierte. Nach der Wandlung, als das blutige Bündel Leib und Blut Christi empfangen sollte, goß und schwemmte man Eiskies über die Wunden. Er erwachte mit einem Schrei, der Domna Loba in Ohnmacht senkte.

Diese erschreckende Engführung von Folter und Abendmahl greift mitten ins Herz der Inquisition. Und mitten in die bei Erscheinen der „Kinder der Finsternis“ kaum fünfzehn Jahre zurückliegende zwölfjährige Katastrophe. Achten Sie auch auf die Namen: Zölestin, Aurel, Rafael, Pankraz – alle klingen sie, als hätten wir sie schon gehört, von ihnen gehört: Loba, Gero, Lonardo… und alle sind doch analoge Kombinationen. Indem sie nicht genau stimmen, können sie lebendige Personen eines Romans sein; indem sie an genau stimmende anklingen, tragen sie historische, abstrakte Authentizität. Beides zusammen macht sie zur Allegorie. Das Verfahren ist von höchster Modernität und übersteigert den Barock noch. Es hat etwas von der wirklich auffälligen Beobachtung, daß Computerviren gern mit alten Dämonennamen bezeichnet werden. In der Zeit der kybernetisch-technischen Revolution kehrt der Drache ins Unbewußte zurück, kehrt – wiedererweckt, denn er schlief nur – aus dem Unbewußten heraus. Zurück kam die Zeit zum Säbelzahntiger schrieb ich im ersten Band meiner Anderswelt-Trilogie. So etwas findet sich übrigens auch in Nabokovs Spätwerk „Ada oder Das Verlangen“. Ich erwähnte das Buch bereits. Unvereinbare Zeitattribute, Werkzeuge etwa, einerseits Kutschen, andererseits das Flugzeug, werden ineinandergeschoben.

Und „Der Blaue Kammerherr“? — Ja, Sie haben ganz recht: Ins helle Buch nun und genug mit dem Höllenbreughel! Aber „Helle“/“Hölle“? Gewiß, das ist nun meinerseits ein Spiel mit der Analogie.

Im „Blauen Kammerherrn“ findet sich Niebelschützens wahrscheinlich gewagteste Kombination: Zeus höchstpersönlich, und zwar der lüsterne, wiederersteht in der Gestalt eines preußischen Ebers, dessen Beschreibung sich nicht nur einmal vor Homers Gewalt verbeugt:

Der Kammerherr selbst, als Graf Carlo es ihm auf den Kopf zusagte, brach statt praeciser Antwort in den Ruf „Ent-zückend!“ und in jenes schon berühmt gewordene Lachen aus, das auf der Welt nicht seinesgleichen hatte, so ungezwungen strömte es aus den Bronchien herauf, die Adern am Halse traten hervor, und das Einglas – denn er trug ein solches – funkelte starr.

Achten Sie bitte auf den Widerspruch von Starrheit und ungebrochener Vitalität, womit Niebelschütz seiner Figur dieses berstende Leben verleiht. Niebelschützens Zeus weiter:

Er war gegen Ende oder Mitte der Vierziger, jeder Zoll an ihm sprach von großen Verhältnissen. Cyclopische Schultern, ein gewaltiger Kopf, scharf das Profil und verwittert der Teint – ein Steinblock auf musculösem Nacken, und kein Zweifel, dieser Nacken hatte sich nie gebeugt. Wie das strotzte, wie das im Saft stand! ein exceptionell prachtvolles Tier aus den Wäldern Germaniens, ein Eber vom Spessart-Gebirge …

Und die erste Begegnung dieses in der Gestalt eines übrigens der Spionage verdächtigen gräflichen Ebers – wer dächte nicht an Hardenberg? – erscheinden Gottesbuhlers mit dem Objekt seiner Begierde geht so: „Soeben angekommen, teuerste Princeß“, sagte seine Erlaucht, der Blaue Kammerherr, er strahlte vor Lebenslust und Weltlichkeit, nur das Monocle funkelte starr.

Bitte Obacht! Was jetzt kommt, ist innigste Anagnorisis, und sei sie noch so beifällig formuliert, es ist Orest und Elektra, aber nicht vor dem Muttermord, sondern in Wissen einer soeben in Gedanken statthabenden fleischlichen Vereinigung:

Über das Gesicht der Prinzessin ging ein Zug melancholischer Wärme, sie schüttelte den Kopf, weiche, etwas widerspenstig sich scheitelnde Locken bewegten sich leicht im Winde, und Alles, was sie äußerte, war ein gewisses Erstaunen, das in ihren, wie erinnerlich, weißblauen Augen Einkehr hielt.

Eigentlich ist die Passage zu wundervoll, um sie zu analysieren; lassen Sie mich dennoch auf den reizvollen Einspruch hinweisen, den das widerspenstige Haar gegen den Verlust der Jungfräulichkeit vorzubringen scheint, und auf das Erstaunen darüber, daß sie, die Prinzessin, momentlang überwunden ist, ja, man darf bei der gerne im Pantherfell über die Insel reitenden Amazone durchaus von gezähmt sprechen. Nur sicher, hier befinden wir uns auf S. 84 des zweiten von vier Büchern, und es ist ein noch sehr langer Weg, bis die junge Dame sagen darf: „Dammi il paradiso!“
Nicht, daß wir uns mißverstehen: Zeus muß schließlich verzichten, denn Danae besiegt ihn. Da ist nämlich ein
anderer, und auch dieses, das Endergebnis deutet Niebelschützens poetische Grandezza am Ende des zweiten Buches bereits an:

Sie sah es, das Glas fiel zu Boden. Alles eilte, sie aufzufangen, und es war an der Brust der Dame Ehrenpreis, der durch ein vornehmes Leben geadelten Fülle, wo die Prinzessin, zur Bestürzung der Umwelt, diese zwei, nur eben wie Seufzer klingenden Worte flüsterte: „Don Giovanni…“
Der Blaue Kammerherr aber blickte unbewegt auf das Meer.

Ich möchte ungern denen unter Ihnen, die den Roman noch nicht kennen, die Fabel verpetzen; es nähme Ihnen mehrere Teile des Genusses: etwa den der Handlung, die nicht geringschätzen sollte, wer Literatur liebt, denn Raffinesse bleibt allemal die Form, ich möchte kulinarisch sagen: der Fonds von Substanz. Nicht diese selbst ist es, weil sie aus Tod, Leben, Lieben, Betrug und den übrigen Themen besteht, die auch Mindere pfiffig zu Papier und Markt bringen können. Es nähme Ihnen aber auch die Mehrdeutigkeiten, von denen der „Blaue Kammerherr“ strotzt, die An- und Bezüglichkeiten, über die Niebelschütz scheinbar aus dem Handgelenk heraus verfügt. Ja, Sie hörten es schon: Don Giovanni tritt auf, und zwar ohne den moralistischen Eingriff des Komturs, dazu ein Schneider, den Hans Christian Andersen hätte erfinden können; Midas, dem alles, was er faßt, Gold wird, und zwar ebenfalls als Brautwerber; die schneidige Amazone Danae sowieso, die Niebelschütz einem Fragment Hugo v. Hofmannsthals entnahm (nach welchem Joseph Gregor Richard Strauss eines seiner letzten Libretti schrieb); dazu wird Othello kombiniert… merken Sie’s?: Beliebigkeit, auf ein Neues, wir sind mitten in der Postmoderne; außerdem Zeus, der aus Zurückweisungskränkung den Vulkan zum Ausbruch bringt, dies wiederum allegorisch an eine Art Miniaturrevolution geknüpft, der Niebelschütz – dann vielleicht doch etwas zu sehr verklärend – ein absolutistisches Loblied entgegenziseliert… na gut, man verzeiht’s ihm, verzeiht es ihm gern, denn „Der Blaue Kammerherr“ ist, um noch einmal Walter Boehlich zu zitieren, ein Roman, der die gesamte Elendsliteratur durch seine Schönheit, Poesie und Kunstfertigkeit überragt; der die Welt verklärt, statt sie zu trüben, der skeptisch und ironisch ist statt tiefernst, voller Handlung statt voller Reflexion und traditionsgesättigt statt traditionsarm. Und es findet sich darin eine der größten Figuren, die die deutsche Literatur kennt. Nein, kein in unserem Sinn guter Mensch, sondern ein Macchiavellist, aber einer, der seine Mätresse liebt… und zwar liebt. Ich sag aber nicht, wer es ist. Doch kenne ich kaum eine literarische Paralle, die so human und humanistisch ins Innere einer an sich unsympathischen Figur gefaßt hat. Die Krönung der niebelschützenschen Kunst ist nämlich der Graf Godoitis. Nicht nur spricht er den unvergleichlichen Satz Dafür war man ja ein Herr, daß man Katastrophen mit sich selbst ausmachte, sondern er reflektiert geradezu mitleidend, halb zynisch, halb ergriffen, den Niedergang des Absolutismus folgendermaßen:

…es geht mir (…) nicht um mich, ich habe die Macht zu tief gekostet, und sie schmeckt bitter, es geht mir nicht um den König, er ist ein schwacher Mann und ein trauriger dazu, ein Melancholicus, den es friert, weil die Krone kalt ist, ja selbstverständlich ist die Krone kalt, ein eisiges Feuer, das entschlossene Herren will, nein! nein! es ist die Idee der Krone, die ich verteidige, ich bin der letzte Gandseigneur, der den Mut hat, feudal zu sein, mit allen Consequenzen feudal und hart zu sein in einer lauen Welt (…), ich bin ein Zeitalter, und nach mir kommen die Bürger, die Bequemen kommen nach mir, die dem Volke schön tun, statt es an die Candare zu nehmen (…). Nach mir kommen die Menschheitsbe­glücker, die auf dem Schafott enden, weil das Volk plötzlich entdeckt, daß man Angst hat vor ihm, Angst! aber ich, ich habe Angst, ich, Carlo Graf Godoitis, Angst vor der Zukunft, (…) es ist ja keiner da außer mir, romantische Memmen, und sie heulen, heulen, triefend von lauter Gutherzigkeit, (…) ich wasche meine Hände rein in den Tränen, die fließen werden, ich trockne sie an den Leichentü­chern, die man nähen soll (…).

Eingeführt und beschrieben wird er von Niebelschütz so:

…das Coupé (…) schwankte zur Torhalle hinein, (…) ward mit der zu­vorkommendsten Behutsamkeit niedergesetzt, man öffnete die höchst wohlgestal­tete, in flachen Curven sich bauchende Ledertür; ein rotseidener Schuh, von sil­berner Schnalle mit ausschweifend großen Brillanten besetzt, wurde sichtbar; eine schon welkende, vornehme Hand in weißer Spitzen-Manchette tastete, mit Hilfe eines goldgeknauften Stabes, wie gichtische Cavaliere ihn lieben, den Estrich der Einfahrt ab; eine zweite, von schönen Ringen beladene, faßte, ein wenig zitternd, nach dem geflochtenen Hängegriff; man hörte ein kleines Ächzen; die Sänfte schwankte; das Leder knirschte leicht; alle Lakaien verbeugten sich – und heraus schritt, von Alter an die fünf und fünfzig Jahre, auf dem Haupt eine pompöse Al­longe, die allmächtige Gestalt des Ministers Grafen Godoitis.

Schon sind wir, nicht wahr?, bei Peter Greenaway. Es ist rein erstaunlich.

Ich möchte das Schöttker-Zitat noch einmal wiederholen, damit Sie seinen poesietumben Irrsinn nun zur Gänze spüren: Eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gibt es hier ebensowenig wie eine Bestandsaufnahme der Gegenwart. Statt sprachlicher Er­neuerung, Wirklichkeitsbezug und intellektueller Besinnung, die die Literatur nach 1945 geprägt haben und in den Begriffen „Kahlschlag“ und „Trümmerliteratur“ zusammengefaßt werden, findet man hier das Gegenteil: Heiterkeit…

Verzeihen Sie bitte: Worum geht es in Literatur?

Alles en bloc, Alles en gros, um des nebulosen Volkswohles willen,

sagt im Vierten Buch die zunehmend reifende Danae, als wollte sie unsere Gegenwart kommentieren.

Welch furchtbare Phrase! unter deren Fuchtel der entsetzlichste Gesin­nungs-Terror herankriecht, Lumperei, Denunziation, ein Spitzel-System (…): Die Revolution ist noch gar nicht da, sie kommt erst (…) Und was das Volk an sich betrifft… voilà: Übrigens würde es nie herrschen, immer nur zu herrschen glauben; denn ob Monarchie oder Anarchie, ob demo- oder aristocratisches Regime, Feudalis­mus, Terror, Dictatur – immer blieb da ein Oben, ein Unten, oben saßen die Oli­garchen, die Wenigen……sie stellten den Maschinisten, und das Volk jubelte ihnen zu, sobald es genug geseufzt, und seufzte, sobald es genug gejubelt hatte.

Genau diese Geschichtsskepsis, die ja auch eine anthropologische ist und von der Postmoderne geteilt wird, mußte und muß den politisch rechtschaffenen Schöttkers höchst skandalös sein. Um dem auf eine weniger persönliche, nämlich wieder die poetische Ebene zu helfen, singt uns ausgerechnet der Graf Godoitis ein allermodernstes, sozusagen ökologisches Lied:

Auch diese vortreffliche Erde hat ja, mysteriöser Weise, so etwas wie eine Seele, wie einen Geist, und der Geist, wie soll ich das sagen, ist Feuer, aber dermaßen choquierend, wenn es uns trifft, daß es geradezu eisig wirkt, ein eisiges Ereignis. (…) Wir erkennen nur den Leib der Erde an, und das ärgert sie, die Gute. Der Mensch hat sich nun einmal daran gewöhnt, der Herr der Erde zu sein (…). Er befiehlt ihr, was sie zu tun und zu lassen hat. Hier, sagt er, hat Mais zu wachsen, und wehe, wehe, wenn da Melonen stehen würden, plötzlich. Und an einer anderen Stelle, wo die Erde, die ja etwas von Landwirtschaft versteht, in ihrer Freude am Schönen eine Sonnenblume hervorbringt (…) in ih­rem ausgeprägten Sinn für Freiheit der Entschlüsse, so kommt der hohe Herr Mensch, verbietet ihr diese Sonnenblume und sagt: nein, hier wird jetzt mein Pa­lais gebaut. (…) Ein Palais ist schwer zu tragen, es wiegt so und so viele Millio­nen Unzen, und die Erde trägt es nicht gern, sie trägt es nicht gern, sie trägt es nur, weil sie es tragen muß… Aber das ärgert sie natürlich, und das frißt an ihr. Ganz dort innen frißt es, wo sie noch ganz göttlich ist, noch nicht vom Menschen prostituiert. Nun gibt es unbotmäßige Erdschollen (…) und (…) diese halten das schla­fende Feuer in den botmäßig gemachten und gebrochenen lebendig, und kurz und gut: es liegt etwas in der Luft. (…) Eine gewisse atmosphaerische Störung macht sich bemerkbar, man weiß nicht, um was es sich da handeln könnte, man sitzt in seinem Palais, versieht sich keines Übels – aber unter der Erde läuft das Feuer zu­sammen, das es nun satt ist, sich reglementieren zu lassen und Paläste zu tragen aus lauter Gutmütigkeit (…). Wissen Sie: ich habe solcher Erdbeben einige erlebt, es sind sozusagen große Stunden im Dasein des Menschen, wenn ihm die Erde unversehens zu beweisen beliebt, daß seine Macht über sie eine Fiktion ist, und wenn sie ihn unversehens zwingt, im Nachthemd auf die Straße zu rennen, weil es anfängt, im Gebälk zu knistern, und Sie werden zugeben, ma chère, daß ein Mann im Nachthemd eine etwas ridicule Erscheinung ist im Verhältnis zu seinem Herr­schafts-Anspruch über die Erde… Ja… es sind erhebende Stunden, und die gequälte Erde, die es satt ist, hat erhabene Mittel zur Hand; (…) sie rächt sich mit geradezu asiatischem Blutrausch, mit süßer Lust am Grausigen rächt sie sich für das, was der Mensch ihr angetan hat in seiner Manie, Lasten und immer neue Lasten auf sie zu häufen. Der Leib der Erde hält das aus, und dem Leib ist es gleichgültig, ob er Melonen trägt oder Disteln oder Futtermais oder meinethalben auch ein Palais. Aber die Seele: die hält es nicht aus auf die Dauer, und jedes Verbot, und jeder Befehl, und jedes Steinchen, das man auf sie legt (…), das erhält gewissermaßen ein Vielfaches seines eigentlichen und materiellen Gewichtes, denn der Druck, meine Teuerste, den wir ausüben, wächst und wächst ins Ungeheure, weil sich das Schweigen daran hängt, und die Pression des Schweigens wird schließlich so überwältigend, daß der Hunger nach Glück, den die Erde hat, in einem bestimm­ten Augenblick überschwemmt wird von der Raserei des Zornes. Natürlich will die Erde glücklich sein mit ihrer kleinen Sonnenblume – warum sollte sie nicht? – und sie weiß genau, wenn sie jetzt die Nerven verliert, so wird es ihr übel erge­hen, aber sie ist mit einem Male so weit, daß sie, wenn es sein muß, sogar den Unter­gang wünscht, daß sie Feuer und Lava speit und sie selbst und ihre Sonnen­blume… niederbrennt.

***

ANH, Oktober 2003
Berlin

%d Bloggern gefällt das: