Poetische Schärfung: Nun erst recht! | Waltraut Lewins Federico (4). Friedrich Anderswelt, ff.

 

Er aber wollte nicht Gott spielen, wie ich ihm stets vorschlug, nein, er wollte Gott sein

Pietro della Vigna in: Lewin, Federico, 556.
Sowie 557 (Selbstidentifikation!):

Gesagt sei übrigens, daß Niederlagen dem Imperator immer ausgesprochen gut bekamen. Sie schärften seine Verstandeskräfte, mobilisierten seine vitalen Energien und ließen ihn, nachdem der erste cholerische Zornesausbruch vorbei war, meist zugänglicher für Argumente werden, geduldiger, geschickter in der Taktik. Außerdem entwickelte er im Unglück einen schönen Zug der Selbstironie, die ihm in Zeiten der Hochstimmung meist recht schwerfiel.

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Das Arbeits- (eher Lese-)journal, zugleich (Nach)Krebstagebuch des Sonntags, den 13. September 2020. Darin zu Federico von Lewin Erich Wolfgang Korngold sowie ein wiederholter böser Traum. Außerdem Lukrez, nämlich: Die Brüste der Béart, 53.

 

 

(Schmutztitelnotate in
Lewin, Federico)

 

[Arbeitswohnung, 7.79 Uhr.
70,1 kg.
Korngold, Klavierkonzert für die linke Hand, op. 17]

Wie ich’s gestern einer entfernten Freundin schrieb (ohnedies verlege ich die persönlichen Belange meine Arbeitsjournale seit → dem dort in Briefe, fühle mich damit weniger unwohl):

Bin grad voller Staunen, was bereits der siebzehn(!)jährige Erich Wolfgang Korngold zu komponieren verstand, und von Trauer, was uns an großer Kunst womöglich vorenthalten wurde, weil ihn das Naziwidertum in die Emigration und in den USA zur Lohnarbeit für Hollywood, nämlich in den Kitsch zwang. Dabei war er erst dreiundzwanzig, als er 1927 sein Meisterwerk vorlegte, Die tote Stadt, und vierunddreißig, noch vor der Flucht, daß seine letzte große Oper in die Welt kam. Dann vergaß man dieses Menschenjunggenie noch lange über das Ende des Unheils hinaus – dem schon die neuen Unheile folgten, quasi ein weltliches Armageddon nach dem anderen, gegen alledie wir nichts als eben solche Korngolds zu stellen haben – dieses aber mit ganzem, wunderbar prometheischem Recht.

Nach Jahren wieder los ging’s nun auf einer “falschen” Fährte, von Friedrichs II und Bianca Lancias Liebestochter Violante nämlich, der letzten quasi Vergilin, mit der → bei Lewin Truda vom Unruhvollen Stamm in der Unterwelt spricht, zur gleichnamigen Oper, die aber eben gar nichts mit ihrer historischen Namensbase zu tun hat. Da indes hatte mich der Melos bereits. Es ging gar nicht anders als nach meiner Vinylaufnahme des Stücks zu den anderen Bühnenwerken überzugehen, Die Kathrin, Die tote Stadt, Das Wunder der Heliane — alles noch vor des Komponisten Emigration entstanden, danach dergleichen niemals wieder. Dabei haben mich zwischenzeitlich → eines Lesers und Gesprächspartners Michael Gielens Aufnahmen sämtlicher Mahlersinfonien erreicht, und ausgesprochen schreckhaft fasziniert fielen mir im vierten Satz der Neunten stürzende Glissandi auf: Sie stürzen geradezu ab. Da hätte ich dranbleiben können, vielleicht sogar sollen, zumal mir K. zu meiner, sagen wir, “Entdeckung” konkrete Partiturhinweise gab, zu denen er auch Fragen stellte.
Aber derzeit schweife ich, nehme auch Einladungen nicht unbedingt wahr, selbst wenn ich gerne hinginge. Immer die Unruhe, es werde zu spät, ich würde zu müd, um gut das Fahrrad heim zu nehmen:

Normalerweise habe ich sowas immer gern getan (…); 20 km hin und 20 zurück waren nie ein Problem. Seit meiner OP hat es sich geändert und war schon während der Chemo immer leicht mühsam. Was ich aber ignorieren konnte. Jetzt, noch immer in der Wundheilungsphase, die mir ziemlich auf den Geist geht, ist, es zu ignorieren, schwerer möglich. Also müßte ich – oder sollte es sogar – die BVG nehmen — etwas indes, das mein Stolz als schwere Kapitulation erlebt und damit mein Selbstgefühl attackiert und was dann wieder zu Depressionen führt. Also bleibe ich lieber gleich daheim am Schreibtisch (…).

Ungut, mithin, unguter noch, was mir nun schon zum zweiten Mal träumte (denn ich spüre unterhalb der sichtbaren, an der Oberfläche bereits fast verheilten Operationsnarbe, gewissermaßen parallel zu ihr, mich irritierende längliche Verdickungen, in denen es, wenn ich etwas gegessen habe, jedesmal erst schmerzt, und fünfzehn bis zwanzig Minuten später geht von ihnen solch ein Mir-Übelwerden aus, daß ich mich langlegen muß): Man habe — so dieser Traum — in meinen Dünndarm zwei Sonden implantiert, eine kleinere runde links, auf der Herzseite also, sowie eine längere, langgestreckte rechts. Was sie aufnehmen sollen, weiß ich nie, auch nicht im Traum, aber daß es Spione sind, deretwegen ich dringend zum Arzt gehen sollte, um sie mir schnell herausschneiden zu lassen. Doch dann ginge alles wieder mit dem chirurgischen Schnitt von vorne los, auch mit dem furchtbaren Blasenkatheter, mit der Allergie gegen die Opiate, und der “alten” Wunde tät’ ein neuer Eingriff auch nicht grade gut. Also scheue ich den Gang: Wir sind immer noch in meinem Traum, dem ersten wie dem neuen heute nacht. Da war ich allerdings am Meer und schwamm hinaus. Ich konnte kaum die Küste mehr sehen, da gingen die Sonden in mir ab, vollbrachten es auf eine irreale Weise, meinen Bauch zu durchdringen. Und sie sanken in die Tiefe. Wovon ich erwachte. — Vielleicht, so dachte ich, “befürchteten” sie (oder der Geheimdienst, der sie mir hatte einsetzen lassen, befürchtete es), daß ich mich zum erneuten Gang auf einen OP-Tisch doch noch durchringen würde, und sie … sie würden erkannt. Das mußten sie, die beiden UBoote in mir, verhindern.
“Natürlich” waren sie nur im Traum abgegangen, jetzt, im und nach dem Erwachen, wieder deutlich spürbar. Ich kann sie mit den Fingern gut ertasten. Sie fühlen sich wirklich wie Fremdkörper an oder wie innere Vernarbungen; letztres dem tatsächlichen Sacherhalt nahe kommen dürfte. Wie ich gestern bei unserm schönen Gang über den Kollwitzmarkt zu लक्ष्मी sagte, bin ich mir momentan über den anatomischen Lageplan meiner Bauchorgane ziemlich unsicher. Nach dem, was der Chirurg aus mir herausgeholt hat, muß drinnen doch ein ziemlicher Leerraum entstanden sein, den die verbliebenen Organe nun mitnutzen, in den sie sich zumindest teilverschieben können: und ich, der stets ein geradezu exaktes Körpergefühl hatte, kann nun gar nicht mehr sagen, was es ist, das wo weh- oder sich sonstwie spürbar hervortut. Also fühle ich mich meinem Körper entfremdet.
Dazu nach wie vor die Verdauungsprobleme, besonders von Fett, und vor drei Tagen die Eröffnung meiner netten Ernährungsberaterin, daß ich die Pankreasenzyme nunmehr lebenslang würde nehmen müssen, werde, heißt das, was ich widerlich finde, ich, der ich es schon ablehne, Brillen zu tragen, weil sie zuviel Krücke mir und meinem Stolz sind. Und überhaupt habe ich die Neigung, diese Ernährungsberatung wieder abzubrechen, weil mir nichts gesagt wird, daß ich nicht schon von alleine wüßte und deshalb nicht beachte, weil ich es beachten eben nicht will: etwa, zu jeder Mahlzeit Buch zu führen, also sechs- bis achtmal mindestens pro Tag. Ich käm ja zu nichts andrem mehr! Meine Arbeit bleibt eh schon schandbar liegen. Immer noch habe ich die Béartgedichte nicht neu durchgesehen, obwohl es morgen in einer Woche bereits mit dem Lektorat losgeht.
Immerhin habe ich → die Lewin nun “aus”gelesen, was ein riesiger Gewinn war und nicht selten ein Genuß, auch wenn ich in einigem von mir selber Abstand nehmen mußte, von also, wie schon bei Kantorovicz, meinen → nietzscheschen Idealisierungen. Umso größer wird nun meine poetische Aufgabe sein: die Ambivalenzen werden zum Zentrum des Werkes, zum movens der Ästhetik. Was heilsam wider die Zeit geht, die einen Geist bekanntlich nicht mehr kennt. Denn der floh in die ANDERSWELT.
Zum Unruhvollen Stamm gehör ich nämlich selbst, jenseits, selbstverständlich, der Stämme Israels, die für Waltraut Lewin – als Jüdin – noch eine Rolle gespielt haben dürften. Da liegt die Ursache meines Identifizierens: im unruhvollen Lichtgeflacker seiner Stirn vom Stamme Luzifers zu sein und aus dem Schoße Aphrodites:

Alma Venus, o Du, die unter des Himmels gleitenden Lichtern
auf das besegelte Meer und die Früchte gebärende Erde
freundlichen Glanz ausstrahlt, denn alle lebendigen Wesen
werden gezeugt durch dich und schauen die Strahlen der Sonne

(alma Venus, caeli subter labentia signa
quae mare navigerum, quae terras frugiferentis
concelebras, per te quoniam genus omne animantum
concipitur visitque exortum lumina solis)

Lukrez, de rerum natura→ I, 2-5

Ein Fingerzeig übrigens, den mir Lewin – fast am Ende ihres großen Buches – zu den Béarts gegeben hat, so daß ich Lukrezens Anrufung der GÖttin in die → XXXIII unbedingt noch einbauen muß.

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Eine Woche knapp hab ich dafür Zeit.

 

Ihr ANH
[Korngold, Sinfonische Serenade op. 39]

P.S.: Ein wunderschönes Foto möchte ich Ihnen, Freundin, hier noch nachreichen. लक्ष्मी hat es von uns, ihr und mir, gestern aufgenommen, und da sie’s → bei Facebook eingestellt hat, werde auch ich es, nunmehr hier, tun dürfen. Es schenkte mir, nachdem sie es mir zugesandt, eine große Zuversicht:

Der gestürzte Sohn und die Liebe. Waltraut Lewins Federico (3). Friedrich Anderwelt, ff.

 

Meine Mutter*) war wie Brot, er aber war wie Himmelslicht. Ich weiß nicht, ob du mich verstehen kannst. Meine Mutter war leise, freundlich, maßvoll, sie überlegte stets, was sie machte. Und es gab neben ihr andere Frauen, die Ähnliches an mir taten wie sie. Er war einmalig. Väter und Mütter ringsum waren gesetzte Leute, nicht mehr jung, wie sie auch. Nur er war anders; fast selbst noch ein Knabe, spielte er mit uns wilde und herrliche Spiele, und trotzdem gehorchte seiner hellen Stimme, wer sie vernahm. Alles, was er begann, bekam den goldenen Grund seines Haars. Er war ein Ritter, ein Kind und ein König zugleich. Und es bedurfte einer Reihe von Jahren, bis ich begriff, daß neben dem Elbenfürsten, der mir das Land zu eigen gab, in ihm noch der Imperator mundi steckte, ein Herrscher voller Machtgier, kalt, höhnisch, grausam.
Heinrich VII in: Lewin, Federico, 511

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*) Konstanze von Aragon

An eine Gönnerin: Die Entwerdung der Welt.

Verehrte, liebe Frau v. Meck*),
von Herzen allen Dank für die Nachfrage. Ach, meine Ungeduld! Mir geht die, sagen wir’s euphemistisch, “Umstellung” meiner Verdauungsorganik nach wie vor schwer auf den Senkel, weshalb ich mich, weil ich spüre, wie unwirsch und grantig ich manchmal darob bin, auch in den Korrespondenzen besser zurückhalte. Allzu vieles geht gegen mein Temperament, meine Mentalität, auch meinen, sagen wir, vitalistischen Glauben – und da ich aber keinen wirklichen Gegner, nicht mal mehr → meine Krebsin habe, gegen was ich mich auflehnen könnte, sondern einfach nur aushalten muß und als Adressaten meines Protestes immer nur mich selbst ansprechen kann, mache ich besser alles alleine mit mir aus. Wie schon mehrfach geschrieben: Ich muß mir immer wieder verdeutlichen, wie kurz → die OP erst zurückliegt und daß mein Körper selbstverständlich Zeit zu Heilung und Umstellung braucht – ein Umstand, der aber die normale Schnelligkeit meines Geistes schwer, schwer lähmt. Und also schreibe ich kaum mehr was. Immerhin, statt dessen, ich lese. Und dabei entdecke ich manches, das mir sonst möglicherweise verborgen geblieben wäre, etwa → Waltraut Lewin. Aber ich habe nicht mehr das Gefühl, auch nur entfernt noch ein Mitspieler zu sein, nicht mal wartend auf der Ersatzbank, sondern dem ganzen Betrieb den Rücken gekehrt. – Vielleicht aber wird sich das in Wien wieder ändern, keine zwei Wochen mehr, bis ich dortsein werde fürs Lektorat der → Béarts. Doch alles andere, was mich wieder hineinbringen hätte können, ist nun abermals coronahalber abgesagt, wie jetzt zum Beispiel sogar die Frankfurter Buchmesse, und meinen Lehrauftrag in Bamberg werde ich nun digital von hier aus wahrnehmen müssen, ohne daß ich eine Ahnung hätte, wie das funktionieren soll, ja ohne den Glauben daran, daß es funktioniert. Aber wir werden sehen. Daß “Dinge” wie die für die Vermittlung von Bildung so notwendige Persönlichkeit, persönliche Ausstrahlung usw. komplett an Wert verloren haben, geht mit der von mir ja schon lange gesehenen Entkörperlichung von Welt ebenso einher wie die Nivellierung des Geschlechts bis hin zu seiner Diffamierung. Es entsteht eine andere Welt als die, die ich liebte und an die ich glaubte. Vielleicht ist es auch nur ein Indiz meines nun, seit dem Krebs, galoppierenden Alterns, aber vielleicht eben nicht, sondern die klare Sicht auf ein im Schulterschluß mit der entstehenden Konsensgesellschaft und einem zurückgehenden Intellekt, um von aufgefächerter Bildung zu schweigen, um sich greifendes, totales Replikantentum. Zu dem ich weder gehören will noch werde.
Ihr ANH
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*) Eine nächste Nadeschda, nicht → jene von vor vierzehn Jahren,
die sich schließlich, ich weiß nicht mehr warum, von meinem
Werk
zurückzog.

Frühlingssorten. Im Federico von Lewin. Friedrich Anderwelt, ff.

 

An einem Frühlingstag kam er [Walther von der Vogelweide, ANH] zu uns. Es war ein Tag von der germanischen Frühlingssorte, an dem es ununterbrochen regnete. Die Straßen hatten sich von einer frostharten Fläche in grundlosen Morast verwandelt, es schien unwahrscheinlich, daß demnächst etwas blühen sollte, und man fror in einer so markerschütternden Weise, daß man sich fast zurücksehnte nach der klirrenden Kälte des Februar[s].
Lewin, → Federico, 307

Das (Nach)Krebsjournal des Sonnabends, den 5. September 2020. Mit einer — leider posthum — Verbeugung vor Waltraut Lewin.

 

[Arbeitswohnung, 9.35 Uhr.
69,7 kg.]
Man kommt nur, wie der arme Lortie,
in einem leeren Zimmer an.
Peter H. E. Gogolin, Isoldes Liebhaber

Ich halte das Gewicht, immerhin, wenngleich die Fettverdauung trotz Kreon weiterhin nicht oder nur kaum funktioniert; außerdem nahmen, seit ich dieses Zeug schlucke, direkt nach jedem Essen die Bauchschmerzen zu. Doch damit, ich schrieb es bereits mehrmals, kann ich umgehen, Schmerzen sind nur Schmerzen und vergehen. Schlimmer wäre in der Tat, nähme ich ab. So merke ich die mangelnde Fettverdauung nur daran, daß mir Energie fehlt, ich mich ziemlich oft über den Tag hinlegen muß, manchmal nur für zehn/fünfzehn Minuten, manchmal länger: dann schlummre ich ein. Und dennoch bin ich besonders abends wie ausgelaugt manchmal, was mich hat dazu übergehen lassen, mich mit Freunden tagsüber zu verabreden; da kann ich schwerelos hell sein. Hingegen sind mir Einladungen zum Abend eher schwierig.
Aber ich schlafe wieder über Nacht, liege nicht mehr lange wach, wache auch nicht mehr zwischendurch auf. Denn ich kann wieder auf der Seite liegen, halbbäuchlings, wie ich immer schlief. Auf dem Rücken bekomm ich nur schwer ein Auge zu. Jetzt erlaubt die Wunde meine gewohnte Schlafstellung wieder. Obwohl sie zu schmerzen begonnen hat, anders zu schmerzen als in den drei Wochen davor: von innen, quasi. Oben ist sie nun auch geschlossen, abgesehen von einem ganz kleinen Auslaufzipfel, der noch Schorf trägt. Und auch die vernähte Drainage-Öffnung näßt nun nicht mehr und verheilt. Die Schutzpflaster drüber störten nur noch, juckten fies; ich riß sie heute nacht ab.

Sechs bis sieben Stunden Schlafes täglich nachts. Dann der Latte macchiato, aus Vorsicht mit lactosefreier Milch, dann an den Schreibtisch und jeweils zwei → Erzählungen aus Gogolins neuem Band gelesen. Heute wieder sehr begeistert. Wie der Erzähler aus dem Zug aussteigen möchte, weil er unter der Brücke auf einer Bank ein Kind einsam sieht; Der Zug auf der Brücke, so heißt die Geschichte, eben weil sie vom Zug gar nicht handelt. Und er steigt nicht aus, weil das nicht ginge: Er müßte denn hinab gegen die Zeit laufen, nach hinten, hinten, auf ihrem Strahl. Da schnürte sich mein Herz.
Und die völlig unerwartete “Moral” in Quick and dirty. Ein militärisches Arschloch, wenn auch seine Erscheinung, Wieder- und Widererscheinung rettet einen Mann, den er, dieser Wiedergänger, früher verhöhnt hat, ein Oberleutnant von geistigem allenfalls Feldwebelrang, um vom Moralischen besser zu schweigen. Es sei, erklärt der Gerettete dem neugierigen Frager, indes “vermutlich die Scham” gewesen, die aber für ihn den Namen dieses Arschlochs trug.
Ganz, ganz toll.

Und dann aber! Das ist nun eine Entdeckung:

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Eine mir völlig unbekannte Autorin — ich muß sie nun Dichterin nennen — hat einen → Friedrichroman geschrieben, auf den ich nicht aus Zufall stieß, antiquarisch, nein, ich habe ja noch solchen Büchern, eben auch welchen neben den reinen Geschichtswerken recherchiert … und da kam mir denn dieser → FEDERICO unter, ein Roman, der mit komplettem Recht neben Horst Sterns hinreißendem → MANN AUS APULIEN stehen kann, der mich bekanntlich schwanken ließ, ob ich mein eigenes Friedrichprojekt überhaupt noch schreiben dürfe. Aus Achtung, Hochachtung, auch aus Demut. Bei Lewin geht es mir nun ganz genauso. Indessen mich die Geschichtsbücher, namentlich → Kantorowiczens, eher abschreckten, den Staufer noch zur Projektionsfolie meines eigentlich Europaromanes zu machen, weil sich meine Idealisierung nicht mehr halten ließ, also meine überhöhende Begeisterung, und zwar gerade, weil Kantorowicz so überhöht, aber rechtfertigend, was ich rechtfertigen niemals würde … weil er → Macht anhimmelt, etwas, das mir widerwärtig ist, ohne die aber, was ich einsehen muß, niemals ein Weltreich, auch keines des Geistes, entstanden wäre — ganz ge”treu” → der grauenvollen Benjaminthese, es sei niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Insofern Friedrich von den Arabern, er freilich in Anlehnung an Innozenz III, die Kennzeichnung der Juden durch → den gelben Stern übernimmt (unterm sizilischen Kalifat waren es eine Zeit lang gelbe, für Christen übrigens blaue Gürtel), spielt er sogar Hitler zu, auch wenn er andererseits Juden wieder schützte, doch auch dieses aus Machtkalkül und intellektuellem Wissensinteresse.
Staunenswert, stupor mundi, bleibt Federico dennoch. Und Lewin vollbringt einen interpretatorischen Kunstakt, indem sie gerade das kleine Kind ohne Liebe aufwachsen läßt, das die für ihre Niederkunft schon ungewöhnlich alte Konstanze von einem Mann empfangen, den sie verabscheut. Wie überhaupt dieser ungewöhnliche Roman, der mit einer inversgedrehten Paradiesgeschichte beginnt, von einer Chronistin erzählt wird, die seit Jahrhunderten lebt, einer wenn eben auch noch sehr viel älteren Mitgängerin des woolfschen → ORLANDOs sozusagen, aus Frauenperspektive mithin und einem Blick auf GOtt, der eben nicht der zürnende des Alten Testaments ist, eben nicht der Diktator-selbst, der sogar die Opferung der eigenen Kinder verlangt (um dann “großzügig” davon abzusehen: brutalste Dynamik des Abhängigmachens). Statt dessen ziehen Eva und Adam aus,

um sich zu vermehren, den Acker zu bebauen, zu leben und zu sterben und immer aufs neue von den Früchten jenes Baumes zu essen, deren Samen der Herr des Gartens ihnen mitgegeben hatte.
Lewin, Federico, 9

Ein GOtt, der sich des Erkenntnisvermögens seiner Schöpfungen erfreut, anstelle sie kleinzuhalten. Welch ein Romananfang!

Was mich dann frappierte, war, daß लक्ष्मी diese Dichterin kennt, bzw. kannte. Frau Lewin ist vor vier Jahren gestorben. Hier in Berlin. Ich hätt sie also kennenlernen können. Auch das nun ging an mir vorbei. Sie war Jurorin fürs Bundestreffen junger Autoren, an denen einige Jahre lang auch लक्ष्मी teilgenommen hat, als Lyrikerin, damals noch mit Marcus Braun zusammen, über dessen Bücher wiederum ich später einiges schrieb.

Es ist schon eigenartig. Ist merkens- und bemerkenswert. Magenlos im sich hebenden Alter. Wie ich da immer noch zu bewundern vermag. Und solche Entdeckungen liebe, denen in aller Regel die Warnung vorausgeht (soviel zum Zustand unsrer Dichtung),

dass (es) bestimmt nicht jedermanns Geschmack ist, denn als leichte Lektüre für Zwischendurch ist dieser Roman nicht geeignet.
Von → dort.

Etwas beckmessern muß ich hier allerdings auch: Ein weiteres (großes) Buch, dessen Konjunktive oft nicht stimmen – sie leben, als seien sie, statt als wären sie usw. –, dessen wunderbare Findungen mich allerdings darüber hinweglesen lassen:

als (wären) sie selbst Teil dieser Wälder, die an ihren tiefsten Stellen so dunkel sind, daß dort immer die Nachtigall schlägt, und an den lichtesten so zart. daß das Laub hauchfeine Schatten wirft.
Federico, 163

Oder Konstanzes (von Aragon, nicht der Normannin) berührende Erzählung ihres ersten Beisammenseins mit dem jungen wilden Mann:

und ich stieß einen Freudenruf auf, daß ich die erste gewesen war, die seine bartlosen Wangen über sich gesehen hatte. Und wir baten, daß er uns wieder besuchen möge, denn wir waren sicher, daß er einer jener Männer werden würde, von denen es heißt, daß sie, wenn sie eindringen, gemach handeln, wenn sie sich bewegen, beglückend sind, und wenn sie fertig sind, wiederkehren.
Federico, 114

“Läßt sich erotische Erwartung inniger erzählen?”

— so fragt, meine Freundin, in Ihren Vormittag

Ihr ANH

mitten hinein.

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