Marlis Petersens Anderswelt. Und Camillo Radickes. In den “Dimensionen”: bei Solo Musica, 2018.

[Fotografien, auch CD-Cover (©):
Yiorgos Mavropoulos]

 

 

Wie frappiert Die Dschungel war, ward → dort bereits geschrieben sowie, ich hätte die Platte sofort bestellt. Was ich bei amazon tat, weil sie dort rätselhafterweise weniger kostete als bei jpc, einem Vertrieb, den ich gemeinhin, auch aus politischen Gründen, vorziehe; hinzukommt, daß ich bei amazon kein Porto zahlen muß. Klar, ich hätte auch vom → Verlag, einem SONY-, gewissermaßen, -“Imprint”, ein Rezensionsexemplar erfragen können, das ich gewiß auch bekommen hätte. Allein, ich war, nachdem die Petersen → in Makropulossachen gehört, zu heiß auf die Scheibe, um warten zu mögen. Und grad mal anderthalb Tage später, gestern vormittag, stand die Sendung bereits aufrecht in meinem Briefkasten, mit einem Absender, der so überraschend war, daß ihm ein quasi-privater Odem entströmte, etwas von mir als geradezu persönlich empfunden:

 

Aber ich projeziere, selbstverständlich — mein Interesse widerspiegelnd und eben auch meine, was für eine Kritik gefährlich ist, Erwartung.
Jedenfalls war klar, ich würde mir nach Abschluß → der Tagesarbeit Zeit für die CD nehmen. Bei Liedern ist das ganz besonders erfordert; Sie müssen, Freundin, dann mindestens zweimal hören, zum einen, indem Sie die Verse mitlesen, zum anderen alleine auf die Musik konzentriert. Hingegen die Partituren mitzulesen, lehne ich für Musikrezensionen ab, weil mich nicht “Werktreue”, was immer das sei, interessiert, sondern die Wahrheit einer Interpretation, zu der die persönliche Auffassung der Interpretinnen und Interpreten unbedingt gehört; sie sind ihrerseits Schaffende, nicht nämlich Nach-, sondern immer, immer Neu(Er)schaffende a u c h und in keinem Fall “Diener”. Die Kunst ist kein Kloster. Daß sich einige über die, ich schreib mal nüchtern, “Vorlage” erheben, ist legitim – sofern das Ergebnis glückt. Wiederum, ob dies der Fall ist, hängt stets auch von den Kenntnissen und Leidenschaften ab, die der Rezensent, die Rezensentin mitbringen, ein Umstand, der es nötig macht, von “Ich” zu schreiben und sich nicht hinter formulierten Vorscheinen einer Objektivität zu verstecken, die es nicht geben kann. Wer’s dennoch tut, will Macht. — Liebste Freundin, bitte mißtrauen Sie solchen Kritiken. Zumal für Rezensionen von Kunst nach wie vor Friedrich Schlegels und Walter Benjamins Forderungen gelten, nämlich der unendlichen Nähe. Wer über Kunst schreibt, muß sich ihr anschmiegen, sie körperlich spüren und darf eben nicht auf Distanz gehen, die allein aufs Urteilen abzielt, was an sich schon eine Anmaßung ist. Ich gehe noch weiter: Eine gute Rezension muß selber eine Schöpfung der Kunst sein, sonst taugt sie nicht oder allenfalls fürs “Tagesgeschäft” und ist als eine, wie Karl Kraus schrieb, Zeitung von heute immer schon von gestern.

Es war siebzehn Uhr, normalerweise arbeite ich bis ungefähr zwanzig, aber da wäre ich nicht mehr konzentriert gewesen, und dies hier würde ja ebenfalls Arbeit, ein für mich positiv besetzter Begriff, weil ich so privilegiert bin, einer nachzugehen, die zwar nicht oder nur selten bezahlt ist, und wenn, dann gering, doch dafür nie entfremdet. Hat sie mit Musik zu tun, wird mein Privileg zur Seele. Und hier nun … ich war von der Frau ohnedies angesext, fast ein bißchen verliebt, aber auf die schwärmerische Weise des Jugendlichen, der ich mal war. Was ich keineswegs verspotte. Im Gegenteil. Auch das ist ein Privileg, keine Schwäche,  mit 67 noch immer so zu empfinden, nicht ständig, bewahre, aber doch ziemlich konstant immer mal wieder.

Zuerst auf den Musiksessel, nein, keinen weichen; hart muß er sein. Und noch die CD nicht in den Kenwood eingelegt, sondern erstmal nur das Booklet anschaun, einen Sundowner dazu, die Pfeife ohnedies im Maul:

Sofort zog ich zischend Luft zwischen meine Zähne. Wie sich die Petersen, auf den phantastischen Fotografien → Yiorgos Mavropoulos[1]Seine Homepage – https://www.yiorgosmavropoulos.com/ – war leider nicht zu erreichen; deshalb ist hier sein Instagram verlinkt., erotisch inszeniert (einen solchen Zug spürte ich ja schon am Sonnabend in der → Makropulosoper), geht unmittelbar unter die Haut, nämlich als wäre sie selber dame verte. Doch ist es für eine “Klassik”-CD besonders ungwöhnlich; dergleichen wäre im Popsegment zu erwarten und geschah da auch oft, geschieht weiter. Hier werden Genregrenzen übertreten, angenehmer-, ja becircenderweise, wenn auch nur im Booklet. Was ich noch nicht wissen konnte. Wobei, daß auch Camillo Radicke sich an dieser mythischen Erotisierung probiert, unversehens ironisch wirkt und einen, jedenfalls mich, aus der Imago hinauswarf:

Dies kann freilich an meiner deulichen Heterosexualität liegen; Frauen geht es vielleicht anders.

Aber nun zur Musik.
Liedkunst ist intim, ganz besonders im eigenen Wohn- und Arbeitsraum, und zwar umso spürbarer, je besser die Musikanlage ist, besonders dann, wenn ihr HighEnd die direkte Nachbarinnenwohnung – jenseits der Wand, an der die Türme der Lautsprecher stehen – als Klangraum quasi mitbenutzt: Gute Boxen verlegen den Klang hinter sich, man hört dann einen riesigen, doch imaginären Konzertsaal schwingen, der in Wirklichkeit nicht da ist; bei besonders guten Pressungen können Sie (aber, Freundin, das wissen Sie ja) die Boxen mit den Augen fixieren; sie werden aus ihnen keinen Klang kommen hören. Bei einem tatsächlichen Saal fällt diese akustische Imago hinweg, weshalb er einer Sängerin von Petersens Klasse nicht nur erlaubt, mit voller Bühnendynamik zu singen, sondern dies sogar erfordert. Im letztlich doch sehr begrenzten Arbeitsraum aber, trotz und wegen des HighEnds, muß quasi nach innen gesungen werden. Das beachtet Petersen oft nicht, bzw. hat Andreas Werner, der Toningenieur, beim Mastering nicht aufgepaßt — wodurch ein gewissermaßen Hochglanz entsteht, der das, was bei gerade diesem Albensujet in uns flirren muß, also das konturlos Ungefähre, das Mavropoulos’ Fortografien tatsächlich haben, zu einem Behaupteten, weil zu forciert Vorgetragenen macht. Hinzu kommt, daß schon vielen der vertonten Texte – und wenn nicht ihnen, so der Faktur der Kompositionen – dies Ungefähre ebenfalls fehlt, sie wirken wie Standards des Konzertliederabends. Genau dies wäre aber zu vermeiden gewesen, auch wenn  ein, sagen wir, “konservatives” Publikum es schätzt. Es schätzt, nicht angefaßt zu werden. Nur ist es der Geisterwelt nicht selten spöttische, oft aber auch begehrende sowie grausame Übergiffigkeit, die genau das eben tut und uns gefangennimmt. Dagegen hilft allenfalls Odysseus’ Wachs in den Ohren, wir nennen’s Ignoranz. Geistersang ist der von Sirenen. Wir müssen Schauer spüren –
weshalb ich, nebenbei bemerkt, nicht verstehe, weshalb Petersen auf den Erlkönig verzichtet hat, der genau das überträgt, Carl Loewes Komposition mehr noch als die berühmtere Schuberts. Wie reizvoll wäre es gewesen, auch diese beiden Lieder einzusingen und -zuspielen! Mit nun wirklich großem Sog haben Petersen und Radicke es mit Eichendorffs “Elfe” auch gemacht, nämlich nicht nur zwei-, sondern dreimal, und zwar mit den Vertonungen Bruno Walters (eine Trouvaille für sich), Julius Weismanns und, kaum zu glauben, Friedrich Guldas. Gerade in Radickes Klavierspiel ist das Flirren hier hinreißend realisiert, auch weil es ein permanentes Tappeln, Trippeln, Wirbeln ist, ein anderes Mal ein Locken, bei dem auch Petersens Höhen genau die benötigte Transparenz bekommen, durch die etwas anderes, eben das Ungefähre, hindurchscheinen kann. (Ich lasse die drei Stücke soeben direkt hintereinander dauer”loopen”.) Es ist auch typisch, daß besonders diejenigen Lieder zu schweben beginnen, die mit den Grenzen des distinkt Tonalen spielen – etwa Harald Genzmer, Hermann Reutter und immer wieder Christian Sinding – und sie nicht selten unterspülen. Wie es eine Wassergeistin ja täte, ich will sogar schreiben (und tu es): t u t. Als Pantheist glaub ich an sie, jedenfalls eher als an einen Gott; der gesamte → Wolpertinger ist von dergleichen Geschöpfen durchschwirrt, und in den → Andersweltbüchern wirken sie indirekt weiter, bei Oisín sogar nicht indirekt. Unter anderem deshalb war ich auf diese CD so gespannt. O ja,ich bin mit Lan-an-Sídhe sehr vertraut (und zahlte meinen Obulus, zahl ihn nach wie vor).
Interessant außerdem, daß Petersen die beklemmendsten Interpretationen in den nordischen Sprachen gelingen, die sie sich, um die Lieder singen zu können, erst zueigen machen mußte; frappierend, welcher Ausdruck ihr etwa mit Stenhammers Fylgia-Anrufung gelingt, die ich jetzt sehr versucht bin, ins Deutsche nachzudichten; ich kannte Gustav Frödings Gedicht noch nicht. Aber auch Sindings Majnat (Mainacht) gibt sie enorme Schönheit.
Ich habe also deutliche Favoriten, wobei auf dieser CD die Lieder des von mir geliebten Carl Loewe eher abfallen. Dafür ist Camillo Radickes Liedbegleitung durchweg wunderbar; er ist es sogar ganz besonders, der für das Schwirren, Flirren, die Mondlichtsschleier sorgt und eine ungewisse Dämmerung, die alle Geister brauchen. Deshalb ärgert mich ein bißchen die leider aber gängige Unart, den Namen des Liedbegleiters, der Liedbegleiterin auf dem Cover stets kleiner, oft sogar v i e l kleiner zu schreiben als den der Sängerin, des Sängers. Mit vollem Recht wurde dies auf den Aufnahmen Fischer-Dieskaus mit Hartmut Höll und Alfred Brendel nicht so gehalten, ebensowenig bei Thomas Hampson und Wolfgang Sawallisch – aber vielleicht, weil dort jeweils beide Musiker einen großen Namen haben, bzw, hatten. Doch auf so was zu achten, also den Marktwert über die Güte eines Künstlers, einer Künstlerin zu stellen, ist mies. Hier indes von Herzen schade, sofern das Bild nicht täuscht:

 

 

 

Ja, es gibt große Momente auf dieser CD, wobei Sie, Freundin, meine auch kritischen Anmerkungen bitte vor allem im Namen der Aufnahme, “Anderswelt”, begründet sehen möchten; für sich, ohne diesen Bedeutungshof gehört, ist sie makelos; jedenfalls lohnt sie einen Abend so oder so – sowie den ganzen Vormittag danach, um sich des eignen Anspruchs wie der Erwartung klarzuwerden, die Lauscherin und Lauscher an den Gesang gestellt, zumal wenn es, soweit ich mich auskenne, in der deutschsprachigen Liedkunst nur einen Komponisten gab, der das Ungefähre ganz im Zentrum seines Werkes hat, am berührendsten wahrscheinlich im zweiten Stück, “Traum”, seines Notturnos op. 47:

Nämlich Othmar Schoeck, in dessen besonders Natur-Liedern das Ungefähre, von dem ich oben schrieb, quasi allgegegenwärtig ist. Lauschen Sie, Freundin, in die hier eingebettete Musik einfach mal hinein; Sie werden’s sofort spüren. Und weil nicht nur Sie es hören werden, wird sie, diese Musik, auch auf junge Menschen wirken, die mit der “klassischen” Liedkunst nichts mehr anzufangen wissen, weil ihre musikalische Sozialisation anders verlief. Darüber wirken die Geister längst hinweg, wie wir bereits an den Dämonennamen vieler Computerprogramme sehen, und an Mavropoulos’, für Marlis Petersen, Huldigungsbildern:

Ein reicher Abend, ich habe dieser Sängerin abermals zu danken.

 

ANH

P.S.:
Wiewohl es möglich wäre, gebe ich diese Besprechung nicht an Faustkultur, und zwar weil sie noch sehr viel enger als sonst mit meiner Poetik verknüpft ist; auf einem anderen Forum wirkte das eitel. Hier ist es Teil der Ästhetik, ein Text Der Dschungel eben, u n d Anderswelt. Also machen Sie, Freundin, sich Ihr eigenes Hörbild:Es lohnt sich so oder so.

References

References
1 Seine Homepage – https://www.yiorgosmavropoulos.com/ – war leider nicht zu erreichen; deshalb ist hier sein Instagram verlinkt.

Musik für Geist, der fühlen kann:
David Ramirers Improvisationen “Organics” auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846.

 

Wie oft habe ich, seit mein Artikel zu David Ramirers Variationen auf das bachsche ricercar a tre → bei Faustkultur erschien, nun schon mit Musikern, nun jà, gestritten, ob dies auch “richtige” Musik sei! Die Vorbehalte gegen den Computer sind enorm, anstelle daß er einfach nur als ein Instrument gesehen wird, das in die uns “natürlich” gegebenen Klangwelten hinzukommt. Zwar. er ist für die elektronische Musik auch im Bereich der sogenannten “ernsten” Künste längst anerkannt, die, wir wir wissen, auch heitere sein können; “ernst” meint vielmehr den Grad der kompositorischen Komplexion und die Abkehr vom Banalen, das die meisten Menschen aber suchen. Ohne Banalität kein Mainstream (also ohne die Ansammlung rhythmischer und melodischer Klischees in bestenfalls neu montierten Variationen). Dies ist jedenfalls Gesetz — eines, von dem sich der Computer, als er in die Musik vordrang, erst einmal deutlich absetzte, ja die er teils revolutionierte, bis man sein Modulares zur Basis gerade des Klischierten machte. Seither ist seine Gegenwart im Mainstream beinah unbedingt.
Für die ernsten Musiken wurde er nun allerdings, sofern nicht als Computer sofort erkennbar (“mit Elektronik”, was so dann auch zu klingen hat, als gleichsam Ausrufezeichen für klangliche Entfremdung oder ein Fremdes überhaupt), geradezu misfits, nicht gesellschaftsfähig: “Das ist doch keine echte Kunst!” Irgendwas klinge da “unecht” — als lägen uns nicht längst, in Hegels und Lukács Folge, Walter Benjamins Schriften zur Zweiten Natur vor, einer also Dritten, die wir doch alle, die wir ästhetisch zu denken gelernt, hätten verinnerlichen müssen.
Was nun allerdings David Ramirer unternimmt, seit bereits Jahren, ist gleichsam eine Versöhnung der Dritten mit der Ersten: Soweit ich sehe (sehen kann), dieses Musikers Alleinstellungsmerkmal. Denn seine Versöhnung ist nicht banal; sie, um Adorno gegenzubürsten, ist die Anstrengung des Klangs in Modulen, eine, die sich ausgerechnet an Johann Sebastian Bach orientiert und Les-, also Hörarten findet, die bis anhin unbekannt waren. Und es noch immer sind, aber durch ihn erschlossen werden. In seinen Bach-, und das sind sie, -interpretationen werden physisch unspielbare Fingersätze realisiert, die Ramirers Computer-Bach beinah dem biblischen WORT gleichen lassen, das — Joh. I,1 — am Anfang war. (In anderer Übersetzung war es — der λόγος).

Dennoch, auch ich nahm Ramirers Arbeiten lange Zeit als zwar hochinteressante, aber doch letztlich Basteleien wahr; mir fehlte etwas persönlich Erkennbares, eine sozusagen freie Handschrift; zwar hörte ich seine Bach-Transkriptionen (die er selbst, selbstbewußt, “Realisationen” nennt) sehr gerne, aber gleichwertig mit anderen Interpretationen, auch solchen, die sich, wie etwa Glenn Goulds, weit von den Partituren entfernen. Ich finde sowas legitim, mehr noch: künstlerisch reizvoll und nötig. In diesem Sinn verstehe ich auch Übersetzungen, vorausgesetzt, sie finden auf höchstem Niveau der jeweils eigenen Sprache statt. Zu “dienen” liegt mir nicht, → ich will’s auch nicht von andren. — Und dann wurden mir eben diese Ricercar-Variationen geschickt, die mich wochenlang berauschten und noch heute, anderthalb Jahre später, nichts von ihrer zupackenden Schönheit verloren haben.
Es lag nahe, in Ramirer zu dringen, mehr davon zu schaffen. Und nun, nun liegen seine Organics vor, die zwar nicht den reißenden Sog der Ricercar‘s entfalten, aber in anderer Hinsicht etwas verdeutlichen, was ich etwa im Jazz bislang nur in Keith Jarretts Napoletaner Konzert von 1996 gehört habe: Organics erzählt uns in klingender Form, was Musik ist.
De natura sonoris heißt eine berühmte Stückfolge Krzysztof Pendereckis. Ramirers neue CD ließe sich fast ebenso, doch De natura compositonis musicae benennen. Denn die rund 77 Minuten Musik sind in fünf Parts aufgeteilt, deren erster, sehr kurzer nichts vorführt als das reine Klangmaterial, aus dem Bach sein Präludium gewann. Aber mit gleich dem ersten Ton welch rufender Gewalt tut er das! Denn das, in der Tat, ist dieses Stück — ein Ruf, auch wenn es kurz vor der quasi-mollModulation nachdenklich wird. Eine seltsam lange Pause, dann, verhalten drängend, setzen die ausgedehnten — von hervorgehobenen Leittönen strukturierten — Improvisationen ein, rectus und inversus, also dieses als jenes genaue Umkehrung, um aber im vierten wieder sehr knappen Stück sich auf das Material selbst zurückzubesinnen und zum Abschluß partiturgetreu Bachs originale Komposition erklingen zu lassen. Spannenderweise hat dieses eigentlich schnell durchschaubare Verfahren überhaupt keinen pädagogischen Beigeschmack, obwohl, was musikalische Pädagogik leisten sollte, geleistet durchaus wird, aber spielerisch und mit dem hypnotischen Effekt bester minimal music. Genau seinethalben sollte die CD  sehr laut gehört werden: So geht sie nicht im Hintergrund unter, sondern entfaltet den für Ramirer eigentümlichen, farbintensiv-meditativen Reichtum, in dem wir Hörerinnen und Hörer nahezu ununterbrochen mitschwingen.

Dennoch, Ramirer muß etwas Fehlendes gespürt haben, das in den Ricercar-Variationen permanent zugegen war, etwas, das gegen das rein-Meditative anströmt, voranströmt und nicht mehr in irgend einer Weise “heilig”, bzw. abgeklärt, sondern sondern extrem vitalistisch ist. So daß er sich das Rectus noch einmal vorgenommen und daraus eine zweite, rectus Remix genannte CD komponiert hat, die nun tatsächlich den “unendlichen Melodien” Mahlers und Petterssons — deren Kraft — gleichend mächtig durch uns hindurchfließt, blitzendes, geschliffenes Glas auf den Wogen. Weshalb es sich empfiehlt, die beiden CDs direkt hintereinander zu hören, vom “originalen” Bach also wieder in die erneute, diesmal 69minütige Improvisation des “remixten” Rectus zu wechseln, und zwar ohne Unterbrechung. Sie werden, Hörerin, diesem klanglichen Kosmos nicht mehr entkommen. Er klingt in Ihnen selbst lange noch nach Verstummen als nahstes Fernes nach.

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ANH, Berlin

März 2020

David Ramirer

Organics in C-Dur
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

rectus REMIX
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

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