Frieden, n i c h t “Ruhm”! Das Ukraine- und heute Bebelplatz benannte Arbeitsjournal des Montags, den 7. März 2022. Darinnen Marieluise Beck großartig spricht und furchtbar dumm Wolf Biermann, in jedem Fall verantwortungslos.

[Am Ende dieses Beitrags finden Sie ein Video,
das den Mitschnitt der gesamten hier dargestellten
Veranstaltung zeigt.
Dank an Gaga Nielsen für den Hinweis.]]

[Foto: ANH | Alle übrigen Bilder (©: → Gaga Nielsen]

[Arbeitswohnung, 8.48 Uhr
Herrlich strahlende Sonne und klare schneidende Kälte
Der Kohleofen kämpft, doch gehn die Bruchbriketts mir langsam aus]

Erstens: muß ich zu begreifen lernen, daß auch diese Journale Arbeit sind, vielleicht keine poetische, doch Grundlage, mag sein, eines, eines Tages, neuen Gedichts, einer Erzählung womöglich, eines Romans – oder Material dann doch für “Friedrich.Anderswelt”. Es ist die Zeit noch nicht, mir dessen auch nur annähernd sicher zu sein; kann auch sein, daß solch eine Zeit niemals wieder kommen wird.
Zweitens: steht bei Arno Schmidt, es gebe keine Altersweisheit, nur den Altersstarrsinn. Den Wolf Biermann des gestrigen nachmittags vor Augen und in den Ohren, was er sagte, scheint dies zumindest in einer Variation wahr zu sein, die aus “Starrsinn” Dummheit macht. Er war immer einer der mutigsten Menschen, der hellsten allerdings auch früher schon nicht.
Drittens: ist der Ruf nach Ruhm entsetzlich auch in der neuesten Prägung, die von so vielen jetzt mitgeschrien wird: “Слава Україні!”. “Миру Україні!” – “Frieden der Ukraine!” – müßte er heißen. Dann, und nur dann, riefe ich mit.
Viertens: stand abseits, jedenfalls am Rand der Menschenmenge, eine junge Russin und hielt vor ihre Brust ein Schild, auf dem in Englisch stand:

I am Russian
I am against the war

Ihre Verlorenheit ist der beste, ja ein herzschnürender Anlaß, von Anfang an zu erzählen. Nun jà, “von Anfang an” … – Jedenfalls, nachdem der deutsche PEN seine → Presseerklärung hinausgeschickt und wiederum ich nach Kenntnisnahme sofort eine Mail an sämtliche Beteiligten versendet hatte, in der ich mich bedankte, kam, ich stand schon im Mantel, ein Anruf → Deniz Yücels, in dem er unter anderem, und mit Recht, zur Sprache brachte, ich hätte ihn in unserem in der Vorbereitungszeit der Presseerklärung von mir mitunter sehr scharf geführten Briefwechsel ausgesprochen verletzt, persönlich. Ich fragte, womit. Und habe mich entschuldigt. Das Temperament eines Südländers, der ich doch gar nicht bin, halt aber doch bin, irgendwie. Und so weiter. Nun war die Angelegenheit fast vom Tisch. Zumal wollte auch er auf → die Kundgebung gehen. “Dann laß uns uns dort treffen.”
Ich radelte bewußt früh los, nicht mehr ganz so früh, wie ich vorgehabt, doch als ich den Bebelplatz betrat, wuselte noch nur eine kleine, letzte Vorbereitungen treffende Schar um den Tribünenaufbau herum. Und gleich vorne rechts stand auch schon Yücel. Ich zu ihm hin, ihn gegrüßt, und wir sprachen. Nun war wirklich alles geklärt.

Wie fast immer hatte → Ulrich Schreiber den Ort sehr klug gewählt, zumal eben hier, dem Zentrum der Bücherverbrennung des Jahres 1933, drei Stunden zuvor Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle das → Benefiz-Konzert für Frieden in der an den Bebelplatz rainenden Lindenoper gegeben hatte. Nun begrüßte er, Schreiber, das bereits eingetroffene, noch nicht sehr zahlreiche, doch mit ukrainischen Fahnen wedelnde sowie Spruchkartons haltende Publikum.
Es war kalt, sehr kalt.
Wir ließen’s uns nicht verdrießen. Die Rednerinnen- und Rednerliste war ausgesucht, teils wurde online auf den großen Screen zugeschaltet. Mehrere Male kam das komische Wort Schalte vor, das irgendwie immer nach “Schelte” klingt und nun wirklich mal dringend zu gendern ist. Aber wie? Ein “Schalter” is’ nu’ mal was anderes.
Egal.
Unruhe kam auf, Durchsage des Moderators, gleich nebenan, vor der russischen Botschaft, finde eine parallele Ukraine-Demonstration statt; man habe beschlossen, beide Kundgebungen zusammenzulegen – was es nötig machen werde, die Reihenfolge der durchgetakteten Programmpunkte nunmehr zu improvisieren. So bekamen wir denn die eine und andre Folklore zu hören, schon die die Boxen überforderte, besonders Chöre stellten sie vor ungeahnte Probleme. Daß sie, die Chöre, rot maskiert warn teils, spielte keine Rolle. Aber darum ging es ja nicht, das hält man schon aus. Sogar ich, an den Ohren empfindlich,  kriege es hin. Schwierig wurde es erst später, Freundin, warten Sie ab. Und daß ich hier bisweilen scherze, ist zynisch nicht gemeint, sondern dient der Überspielung meiner Angst, ja sogar meiner – aber warten Sie, warten Sie ab! – P a n i k.

Großartig sprach → Marieluise Beck[1]Auf dem Programmzettel als “Marie-Luise Beck” angekündigt., sprach wie Danton, als er sich gegen die Terrorherrschaft wandte, aber weiblich, eine glühende Frouwe, die anklagt, u n s anklagt, den Westen anklagt, dem nach wie vor mehr um die eigene Wohlfahrt getan ist, als daß er die Sanktionen nun wirklich komplettieren würde. Und sie nannte die Belege. Ihre eigentliche Klugheit bestand aber darin, daß sie zur Forderung nach einem Überflugverbot n i c h t s sagte. Sie weiß sehr genau, was es bedeuten würde. Ist allerdings nicht schwierig, selbst die Baerbock weiß es jetzt, und sie → sagt es.
Dieses Überflugverbot war indessen der Tenor aller, ja aller Beiträge aus der Ukraine. Das ist verständlich. Putins Bomber- und Marschflugkörperterror muß aufhören; jeder von uns will das. Es ließe sich aber nur erreichen, wenn keine russischen Flugkörper mehr in den ukrainischen Luftraum eindringen. Doch was bedeutete ein Überflugverbot? — nicht nur, wer spricht es aus, sondern vor allem, wer kontrolliert und, bei Übertretung, ahndet es dann, wenn nicht die NATO? Womit wir dann, ganz Europa und der gesamte Westen, in den Krieg eingetreten wären, und zwar in einen, weil Putin einen konventionellen gewinnen nicht k a n n, dazu ist die westliche Übermacht zu groß, atomaren. Regierungen haben ihre Bevölkerung zu schützen, in allererster Linie, ihre eigene, der sie als gewählte zuerst verpflichtet sind.
Ich gehe darauf weiter unten noch ein.

Die übrigen Reden waren teils anrührend, teils glichen sie Franziski, der den Fischen predigt. Teils waren es vorhersehbare Statements, auch von, leider, Vargas Llosa, der zudem, ein zweites “leider”, nicht auf Spanisch sprach, sondern englisch. So elegant er war, wirkte er nur hilflos. So, wie wir alle sind.
Zwischendurch klampfte, zu Instrumentalem aus der Dose, immer mal wieder Yuriy Gurzhy. Was ich anfangs eher lästig, dann aber schlimm, überaus schlimm fand. Es sind die Phasen einer Demonstration, vor denen mir graut. Auch in “normalen” Konzerten ertrage ich es nicht, wenn von vorne gebrüllt wird: “Jetzt ihr alle!” Ich wäre beinah gegangen. Es war aber gut, daß ich blieb.
Die Demonstanten sollten den Refrain singen, bzw. skandieren. Es waren zwei Refrains, zum einen die Worte der tapfren Ukrainer, die von der Schlangeninsel — Lévkas in → Anderswelt! — dem russischen Kriegsschiff “Idi nachuj!” zuriefen, Fickt euch!, anstelle sich zu ergeben – und die Folgen trugen. Der zweite “Refrain” bestand ganz ebenso aus nur zwei Wörtern:

“Flugverbot erteilen! Flugverbot erteilen! Flugverbot erteilen!”

Ich habe dies nachts, in einem Brief an → Baskakova, noch immer voller Entsetzen, so kommentiert:

Da dachte niemand mehr nach, und es geschah das, was ich bei Demonstrationen stets befürchte: eine Eigendynamik des schunkelnden Mitmachens.

Dann l e g t e sich die unheilsbereite Begeisterung; so ganz funktionierte es auch nicht, wie sich’s Gurzhy gedacht, nicht alle, immerhin, hatten mitgemacht, das Skandieren versank zwischendurch immer mal wieder, versickerte im Boden. Vielleicht auch, weil von da die Kälte so in die Fußsohlen kroch und weiter wadenaufwärts. Woraufhin die Musik, ein bißchen fast aufgebend, vorbei war. Und → Jurko Prochasko sprach.
Seine Rede war stilistisch vollkommen und wäre für mich sogar ein Genuß gewesen, wenn nicht … ja wenn nicht bei all der klaren Sicht und auch Herleitung des von ihm, in Anlehnung an “Stalinismus”, so benannten Putinismus deutlich nationalistische Töne mitgeschwungen – nein, nicht “geschwungen”, sondern sich unter diesen ausgefeilten, dabei frei vorgetragenen Formulierungen gleichsam unterirdisch wie feine Wurzelranken ausgenestelt hätten. Was darin gipfelte, dem gesamten russischen Volk die Schuld an diesem Krieg zu geben, das, so Prochasko, Putins revisionistisch-mythische Geschichtsklitterung begeistert mitgetragen habe, jede und jeder einzelne ein Held der, ja was nun?, nicht mehr Sowjetunion gewiß, doch des welterlösenden russischen Reiches.
Es war, was und wie er es sagte, saugefährlich. Aber dies ist ein Gegner, den man anders als Putin ernstnehmen muß, ein intellektueller Feldherr, vor dem sich der ebenso gebildete verfeindete Feldherr verbeugt und den er, wenn Glück und Geschick es so wollen, zwar schlägt, aber voller Achtung. – Ich zitterte vor Ambivalenz, ein seltsames, meinen ganzen Körper überkribbelndes Amalgam aus unmittelbarer Sympathie und rigoroser Ablehnung. Der Mann hatte mich ästhetisch gefaßt und politisch entsetzt. Die Wirkung hält nach wie vor an, noch jetzt, da ich dieses schreibe.

Kam jetzt noch einmal Musik? Ja, “wir brauchen wieder Musik” sagte der Moderator oder die Moderatorin. Ich, ausgerechnet ich, habe seit dem Kriegsbeginn keine Musik mehr gehört, es geht einfach nicht. Nun mußte ich abermals redundante Klänge ertragen. Aber gut, daß ich’s tat. Was jetzt nämlich folgte, wer folgte, war nur noch das Grauen. Um mich nicht neuerlich zu erregen, zitiere ich nun länger aus meinem nächtlichen Baskakovabrief:

Denn Wolf Biermann sprach, und das war dann das r e i n e Grauen. Er wollte, daß wir sofort in den Krieg eingreifen, und zwar, “weil er sowieso kommt”. Und ließ keinen Zweifel daran, daß solch ein Krieg ein atomarer würde, der möglicherweise – wörtlich – “Milliarden Menschenleben kostet”. Aber, unterm Strich und etwas verkürzt, diesen Preis hätten wir zu zahlen, wenn es uns ernst mit unseren Werten sei.
Er bekam Applaus, viel, ich hätte fast gekotzt. Der Mann ist deutlich ein Greis, sein Lebenshorizont ist nur noch sehr schmal, da hat man gut schlecht reden. Aber meine fünfzehnjährigen Zwillinge, mein zweiundzwanzigjähriger Sohn? Und andere Eltern sollen sehenden Auges ihre Kinder opfern?
Ganz nebenbei, es gäbe in Deutschland auch ganz sicher nicht, selbst jetzt nicht, eine Mehrheit für einen Krieg. Wer also soll gegen die entscheiden, sie zu Opfern machen dürfen? Man muß ihnen wenigstens Zeit lassen zu emigrieren[2]und ihnen finanzieren..
Es war einfach nur unverantwortlich. Es nützt dem Sterben, Siechen, Ausgebombtwerden (ja, Putin setzt massiv Raketen gegen zivile Gebäude ein, gegen ganze Stadtteile) … also es nützt diesem Elend doch nichts, wenn nichts als weiteres Elend noch hinzukommt, weltweit womöglich, vielleicht mit dem Untergang der halben oder gar dreiviertel Welt. Denn ein Atomkrieg macht erst halt, wenn eine der beiden Seiten nichts mehr abfeuern kann. Da ist dann alles andere aber schon hin. Und an den Strahlenfolgen werden Generationen über Generationen tragen.
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Dem ist nur wenig, vielleicht auch gar nichts hinzuzufügen. Auch weil ich dann ging. Die Polyneuropathie in den Füßen, eine nicht umkehrbare → Chemofolge, wurde bei dieser Kälte so stark, daß ich nicht mehr ganz sicher war, weiterhin stehen zu können; möglicherweise knickte ich gleich ein. Ändern konnte ich ohnedies nichts, schritt, vorsichtig mit den Schuhsohlen tastend, im beklemmenden Bewußtsein davon, daß wir mit hoher Wahrscheinlichkeit der Vernichtung der gesamten Ukraine und einem nächsten Völkermord werden zusehen müssen, zwar tatenlos nicht ganz, letztlich aber hilflos. → “Wir kommen da mit sauberen Händen nicht mehr heraus.” – Haben Sie sich, Feundin, Habecks Gesicht mal angesehen, das neue? So schauen Sie nur (ich begehe eine Urheberrechtsverletzung, der Urheber seh’ es mir nach, oder die Urheberin):

Quelle (©): → dpa
 

Welch Menschenleid in dem Gesicht.

 

 

 

Миру Україні:
Ihr ANH

 

 

 

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[Hier die gesamte Veranstaltung; Wolf Biermanns Beitrag
findet sich bei 2h12’56”, der Beitrag Prochaskos ab 34’46”:]

References

References
1 Auf dem Programmzettel als “Marie-Luise Beck” angekündigt.
2 und ihnen finanzieren.

(…) no sign of remaining pathology”: Krebstagebuch. Freitag, den 10. Juli 2020, am Morgen vor der, abends, Charité. Zweiundsiebzigster Krebstag, Chemo IV/Tag 10. Sowie zum Büchnerpreis für Elke Erb.

[Arbeitswohnung, 7.45 Uhr. 74 kg.
Alfredo Casella, Violinkonzert op. 48]

Diese Nachricht nachts, um 2.50 Uhr, von einer befreundeten Ärztin, die eine wiederum ihr befreundete Radiologin hinzuzog, indem sie ihr den Link auf das Iso-Image schickte, das ich von der CD der → Computertomographie des Mittwochs angefertigt und in meiner HidriveCloud archiviert habe:

I have seen the CT scans of dear Mr. Alban Nicolai Herbst. I saw no sign of remaining pathology. Stomach wall is very irregular, but there is no prominent thickening resembling cancer and no pathological lymph nodes apparent in the scan. There is a small pulmonary nodule in the apical segment of left lower lobe, it seems benign in origin but it must be carefully observed in the follow-up (size control is essential). PET/CT scan can be more useful in the follow-up. I could not see no other macroscopic pathology in the body parts scanned.

Schweigt, mußte ich mich unmittelbar fragen, Liligeia deshalb? Oder sind ihre Nachrichten nur unsichtbar — so wie jetzt sie selbst es offenbar ist? So sehr sich unter der Chemo geduckt … Und Faisal, gestern zu Abend in der Nefud, zitierte ausgerechnet Biermann: “Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.” Aber es regnet gerade zu stark (“junge und alte Hunde”, schrieb ich eben meiner Lektorin, “komplett wahllos durcheinander”), um die Wüstenbilder glaubhaft hervorzulocken; ich hänge besser den Trenchcoat heraus und wechsel den Anzug von hell auf cardingrau. Außerdem, Freundin, ich erzählte es, glaube ich schon, rasiere ich mich allmorgendlich strikt gegen den verlorenen Bartwuchs an; auch dies ein Gebot meiner Haltung. Wobei mir die Chemo einiges Haar nun doch gelassen hat; der Körper ist weiterhin, wenn auch leicht durchschüttert, befellt, ebenso sind noch die Augenbrauen zu erkennen. Übern Daumen gesprochen: Was sich bewährt hat, hält sich querköpfig fest, läßt nicht los. Indessen, was wegrasiert wurde, wächst nicht mehr nach. Vorerst. Bis die Zytostatica aus den Gefäßen wieder raus sind.

Und was, wenn Lilly — weg ist? Seltsam, es wäre, als ob mich was betröge. Ich bin jetzt so sehr in diesem Abenteuer drin und auch libidinös mit der Krebsin verwachsen, daß mir “ein Leben nach dem Krebs” geradezu entleert vorkäme … ein bißchen entleert, bene, lassen wir mal, Herr Schröder, die Merkel im Dorf. Und außerdem werde ich schnell etwas finden, um die vermeintliche Leere zu füllen. Doch Li soll irgendwie dabei sein. Auch wenn  sie wirklich fort ist. Wobei sich das erst in den kommenden fünf Jahren erwiese. Meine spezielle Tumorin länger als diese fünf zu überleben, gelingt bislang nur 20 Prozent ihrer Wirte.  Doch fünf Jahre sind fünf neue Bücher; ich könnte also selbst in diesem Fall noch einige mir wichtige Projekte zuende bringen.

Ah propos, das will ich auf keinen Fall vergessen: Der diesjährige Büchnerpreis geht an Elke Erb. Welch großartige Entscheidung! Hier stimmt nun einmal alles: Kunst, politisches Engagement und feinstes Können. Denken Sie dagegen mal an das horrende Mißverhältnis (und wohl auch -verständnis) des Büchnerpreises seinerzeit an Martin Mosebach. Ungünstiger konnte ein Pflugschar nicht wieder zum Schwert gemacht werden.
Ach, ich gönne es Elke Erb so sehr, die ich verehre, seit ich ihrer Dichtung zum ersten Mal begegnet bin – übrigens in ihrer Nachdichtung (aus dem Georgischen) des persischen Epos Wīs und Rāmīn. Die Dschungel gratuliert also aufs herzlichst hochachtungsvollste.

***

Da nun nicht mehr wir uns Aqaba nähern, sondern dieses selbst uns entgegen- gleichsam –galoppiert, muß ich zusehen, vor unserm Aufeinanderprall mit den → Béarts tatsächlich fertig zu sein, was für heute erstmal bedeutet: für die Lektorin alle noch nicht eingesprochenen Entwürfe, zehn sind es noch, aufzunehmen, zu schneiden und zu ihrer Verfügung in die Cloud hochzuladen. Damit werde ich wohl bis zum Abend zu tun haben, bzw. bis zum Aufbruch ins Virchow/Charité. Sollte ich früher fertig werden, setze ich mich weiter an die finale Béart-Nr. XXXIII. Bis spätestens Montag muß endlich auch sie lektoratsfertig sein. Also. Ein bißchen Ruhe meinem → Röhrerich, genannt voll Achtung Rih.

 

ANH

 

 

(Siehe auch → dort.)

Die Kampfansage
D s c h u n g e l  l o s!
Das erste Editorial, Ventôse 1985

[Siehe hierzu auch dort.]

 

 

DSCHUNGELBLÄTTER 1985 – 1989,
Nr. I/1,
Ventôse (Februar/März) 1985

 

 

 

Sie lag darnieder, die Satire, einige kurze Jährchen lang, – nun platzte sie auf zu neuer nicht roter, aber rötlicher Blüte: die Zeit – dies mindestens sei den neuen Mächtigen zugestanden, deren Odium ist, eigentlich wie das der alten zu sein; jene nannten das Parfüm nur anders —, diese Zeit also reibt den als solchen deklarierten Brüdern Tucholskys, freilich anders als diesem, die runden, meist gut gefüllten Bäuche, und nicht nur Lerryn atmet auf: Es ist doch schön, zwar in der Opposition, aber wieder vereint zu sein. Und ließen sich die Kameraden Lambsdorff, Geißler & Co. nicht bereits von andren prächtig bezahlen, unsere Satiriker würden schon arg in die Tasche greifen müssen (CDU–Regierungs–Erhaltungs–Fonds), um nur jenen Zustand wiederherzustellen, der ihnen allen bis 69 Brot und Obdach und Anhänger gab. Nirgends nämlich läßt es sich für den kritischen Feuilletonisten und Künstler so gut aushalten wie in der schlechtest regierten Welt mit dem Regenschirm der nicht ganz so schlechtesten Verfassung überm Kopf — aber doch wissen sie nicht recht, ob diese nun ist fish or meat. Welch ein Schlag war’s für die undogmatischen Freunde, das Berufsverbot, von dem nur DKPisten noch sprechen – und ausnahmsweise haben sie recht –, ausgerechnet von ihren Sympathisanten serviert bekommen zu haben. Aber nein, das war marginal, denn nun geht’s wieder aufwärts; die Bonner Wende machte mit der Arbeitsbeschaffung für Satiriker Ernst. Jetzt darf man sich getrost öffentlich mit den Genossen wieder duzen (privat tat man es eh). Werden die Zeiten schlecht, atmet die künstlerische Linke auf. Die öffentlich favorisierte Nabelbeschau der Literaturschickeria kippt in den politischen sentiment alternativer Gemüter, und nur der dünnblütige Grübler· – wie eine personifizierte literarische Bulle den Charakter bezeichnet –, Handke etwa, kann noch ernstgenommen werden. Und weil den niemand ernstnimmt, braucht keiner mehr zu differenzieren, denn die Zeiten, in denen das kleinere vom mittleren und dieses vom größeren Übel unterschieden werden mußte, die sind gottlob vorbei. Nun schlagen den kritischen Publizisten freudige Giftbläschen aus unterm Gaumen.

Ausgerechnet in einem solchen Augenblick satirischer Hochkonjunktur unternimmt es der Herausgeber, ein Blättchen zu kreieren, das nicht nur nicht nur satirisch, sondern auch ohne Bilder ist, also auf den bei weitem größten Teil der bundesdeutschen nicht Leser, aber doch Käufer verzichtet, – zudem sich noch dem Anzeigenmarkt, dem freien, sozialen, verweigert, weil er der zwar ehrenvollen, doch sicher anachronistischen Ansicht frönt, es sei ein Hochseilakt ohne Seil, zugleich die Werbung der Volksverdummung zu zeihen und sie trotzdem abzudrucken – unterm kaufmännischen Verweis auf gewisse Notwendigkeiten, etwa das freisoziale Netz, über welchem die Gedankenartisten ihre zynische Witzhoppserei ja schon deshalb nicht vorführen können, weil, wie gesagt, das Seil fehlt und sie also längst hinein- und hereingefallen sind – ins Netz nämlich und auf das System. Gleichwohl sind sie wendig, die Genossen, und die Kameraden raffiniert, wenn ihnen die Not das Säckel füllt. Sie schreien sehr moralisch, machen sich gleichzeitig lustig und ihren Zuhörern Freude. Der Rezipient genießt’s und geht befriedet nach Haus, der Kavalier schweigt – nämlich Wolfgang Hildesheimer. So legt sich über den Zustand Entspannung. Was ist, soll zwar nicht sein, aber man kann es goutieren. Von List der Geschichte bei allem kein Wort; zwar haßt man den Zustand, mit dem man paktiert, doch gilt es, konstruktiv zu sein: Man sucht Ausgleich, – und nur aus Pietät werden, wenn überhaupt, die Lustbarkeiten gemieden, die das abgelehnte, gleichwohl – unterm Gesichtspunkt der käuflichen Kunst – notwendige. deshalb auch akzeptierte und, wenn die Genossen ehrlich sind, auch ganz akzeptable, vielleicht sogar gute, es könnte sein treffliche, weil treffbare System von Zeit zu Zeit veranstalten muß. (Wobei es ein Diktat ist des Stils, die CDU des weiteren nicht zu erwähnen.)
Hier nun mögen die DSCHUNGELBLÄTTER ein wenig krude wirken: kein Hochglanz, sehr einfache Broschur, viel Inhalt und noch dazu überteuert. Kein Zweifel, Auflage und Chancen sind gering, denn es wird kritische Nestbeschmutzung betrieben. Das manus manum lavat beherrscht wie den Markt so die Literatur, die jenen geradezu signifikant signiert. ln den DSCHUNGELn weiß man’s und gibt es auch zu: Die Rede von Ästhetik ist Mystifikation. Hahn gilt gleichviel wie Roth (woran etwas ist), Roth gleichviel wie Weiss. Weiss wie Eco, der wie Ende usf. in gediegener Sublimation der Äquivalenz: Der Autor, aber vor allem die Autorin sollten gut vögeln können, dann sind ihm und ihr lebhafte Rezensionen sicher.
Nicht aber, der Herausgeber dieser Blätter hätte sich bislang dem Vorgang völlig verweigert; zwar hat er sich einige Male – und ist den Kollegen unangenehm aufgefallen dabei – aufzulehnen versucht, allein, es zog ihn denn auch um der Ästhetik willen in die contrainte par corps der Kulturindustrie, wo er zwar selbstbewußt kurbettierte, aber damit doch die Hohe Schule genoß. Nun bleibt ihm wie seinen Mitarbeitern wenig andres, als nach Lust und Willkür aus jener zu plaudern.

Der dies schreibt, ist – wird unserer aller Titanic gefolgt, namentlich dem dort nicht aus Gründen der Ehre, sondern des autoritären Charakters „Professor“ genannten Kähler – ein “stadtbekannter Sonderling, der nicht nur Schwierigkeiten hat, sein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen“, sondern auch das aller anderen, weil er’s nämlich erstens nicht vorhat und zweitens es weder für Perlen noch Perlzwiebeln hält. Denn macht sich einer im Auge des andren zum Affen, so darum oft, weil grüne Kontaktlinsen mitnichten Rot sehen lassen oder doch nur in sehr metaphorischem Sinn.
Es ist schon ein Jammer, Tanszendenz und Immanenz verwechseln sich leicht. Zudem möchte unsere wie jede andere Zeit auf historische Kompromisse drängen, wenn nicht gar auf „globale“. Der Herausgeber hingegen bleibt stur beim konservativen NEIN, anstatt zum Papagei zu werden, der den Esel äfft. Erschüttert nun mußte er feststellen – zumal Adorno aus historischen wie persönlichen Motiven nicht mehr zur Gelegenheit finden konnte, sich beim Kollegen Kähler für dessen Vertraulichkeiten zu bedanken (zudem er auch unter geweihten Professoren mehr Schüler hat, als er sich erinnern würde) –, – mußte der Herausgeber also feststellen, daß um ihn herum zwar keine Wahrheit, umso mehr aber Klarheit in den Köpfen seiner Mitmenschen herrscht (in ihren Herzen geht beides, aber nur physiologisch), so daß er – und hart erarbeitet ist’s – sowohl die als auch nahe an der Verwirrung baute. Demzufolge leistet er hier wie in seinen anderen Publikationen auf einen herzeigbaren Sinn Verzicht, ist also keiner von denen, die mit ausgestrecktem Zeigefinger Da!Da! rufen und die Gehaltsabrechnung meinen. Es hat ja nicht nur Apel mit den Normen seine Not; doch sieht er das Problem schon recht, wenn er sich um die Grundlagendiskussion der Satire nicht drücken mag. Wie soll diese denn selbstbewußt leben, kann sie sich nicht – freilich nur negativ, weil’s erstens modern ist, und zweitens findet man hier stets einen sicheren rhetorischen Boden (das zumindest hat sie mit den DSCHUNGELn gemein, anders als diese mag sie aber die Frage nicht stellen) – auf irgendeinen wahren Wert, einen Warenwert oder das Dingsbums des Lebens beziehen? In den DSCHUNGELn hingegen trennt sich das Bums schnell vom Dings; insofern findet Literatur hier nicht statt. Und es ist eine Frage des „Es“, das „s“ noch zu kappen, um dem Leben unter die Soutane zu greifen, die sich modisch „Ökologie“ nennen läßt und also bereits im Begriff sich auf die rechte Seite des Kalküls geschlagen hat.
Weil nun Purismus sich allemal auf Normen bettet, die ihrerseits mehr Kumpanei finden, als zuträglich ist und deren späteste und stets verspätete Manifestation die Dudengrammatik schreibt, werden sich die DSCHUNGELBLÄTTER weniger puristisch denn elitär benehmen, – das ist noch ein KampfWort, wenn Kohl Haydn und Heino liebt und die Linke Biermann und Bots, vermutlich wegen des Stabreims. So wird hier sicher des öfteren die Meinung kund, die Natur – ob nun eine erste, zweite oder Ente — sei ein Greuel. Sterben die Bäume, macht dem Herausgeber das wenig Bedenken, und zwar aus kaltem Grund: Wer hinauszieht aufs Land, das es als Land nicht mehr gibt (man tut halt nur so), und sich zudem Sitting Bulls Portrait an die Rigipswände nagelt, denn neue Marterpfähle braucht das Land, ist unglaubwürdiger als ein Teilnehmer der Camel Tours. Der Herausgeber läßt lieber die Wüste wachsen und überprüft seine Naturneigung dann. Nur die Zweideutigkeit der gemäßigten Klima– und Geisteszonen setzt sich die Maske auf und singt „eiapopeia, was wackelt im Stroh?“ – derweil sie gleichzeitig denkt: “‘s ist das liebe Gänschen, das schlachten wir heut’“: Die Dschungel wächst, weh dem, der Dschungel birgt, – welch eine herrliche Ödnis also, welche Vielfalt der Gestalten. polymorph pervers, wenngleich –und weil! – das indische Wort ursprünglich die lichten Wälder meinte. Licht freilich ist, physikalisch gesehen, ambivalent: soviel zur Wahrheit.
Nein, die Vernunft wird nicht gefangen wie ein Zickzack laufender Hase, will sagen: Wer gefühliges Salz verstreut, verstreut zwar nicht seine Leser, aber die Wahrheit. Vergessen wurde. daß die Aufklärung ausgeträumt hat, und nur darum fällt sie in das zurück, woraus Marat, Babeuf und anfangs Robespierre sie herauszuschrauben hofften: ins für Reflektionsbemühungen tabuisierte Gefühl, das heutzutage – „Du, ich mag dich, du ...« – fröhliche Urständ’ feiert, ein Teil der bewegten Frauen immer munter voran.
Es ist zum Verzweifeln, und wer verzweifeln nicht mag, genießt es zynisch oder spottet verzweifelt: Das Selbstbewußtsein kann sich nicht fassen noch leiden. Da ist’s nur konsequent. wenn die Mensch–du–ich–find’–dich–echt–gut–du–Verfassung auch humoreske Humoreskisten, und zwar, wenn auch verschwiegenerweise, seit je, bei der Hand nimmt, damit Beethoven und Kleist in bedenkenloser Leichtigkeit zum Kumpel von nebenan stilisiert werden können, weil ja. daß Küsse und Bisse sich oft blutig bedingen, zuviel über den Zustand verrät. So geht die Satire Hand in Hand mit der empirischen Wissenschaft, die das Werk zum Produkt reduziert, einem gewissermaßen pawlowschen Reflex der Kultur.

Schlechtes Elternhaus
+ Narzißmusproblem
+ historisch/soziologisches Umfeld
= Neunte Sinfonie (abzügl. Skonto: Tátata–tá)

Zur Marschmusik der Bots nebst Ringelpiez mit Anfassen und einigen Friedenstauben ist’s dann, weil sowieso alles gleich ist, nicht mehr sehr weit. Die bewußten Tierchen kann man, wenn sie grau sind, übrigens nicht ausstehn, weil sie mit ihrer Kacke alles versauen: Vorsicht!, Mendel schlägt zu und schleppt ja nicht von ungefähr nationales Erbgut mit. Wie weiland gestalten sich Demonstrationen als Fackelzüge oder kippen doch in Volksfeste. Widerstand wird Nötigung und Stammheim zur Pension, in der die aus der DDR herüber– wie sehr wahrscheinlich auch heruntergekommene Schriftstellerin Julika Oldenburg gerne 15 Jahre absitzen würde. Anstatt ihrem Wunsch zu entsprechen – denn nicht darum, daß sie in Bautzen saß, geht es, sondern daß sie fröhlich den Teufel mit dem ßeelzebuben austreiben will, so daß die juristischen Extremisten aufheulen dürfen –, anstatt sie also, und sei’s nur studienhalber, endlich dort auch hinzuschicken, druckt die Presse es ab. Gleichzeitig affirmieren die protestierenden Linken, so sie nicht vom Opern– sondern Operettenbetrieb abhängig sind, den Todesschlag gegen die Kunst mit Rock–Pop–Gedudel. Unterm Stampfen der Rhythmen – funktional dem bayerischen Humptata verwandt – wird wienerisch klassische und klassisch wienerische Nekrophilie betrieben, zu Protestsongs in harmonischem Gefüge das Tanzbein geschüttelt und der Kopf nur, sofern er nicht denkt, – was bei dem Lärmen auch völlig unmöglich ist. Weil das Wahre also nicht und nicht gut ist und das Gute nicht und nicht wahr, soll füglich das Schöne zwar nicht nicht, mindestens aber gehörschädigend sein. Und weil in all dem Krawall und der Abart des Schunkelns, dem gemeinsamen Händeklatschen, überhaupt keiner mehr klarsieht, wirft sich die ganze marode Truppe auf das Gefühl und feiert ebendas Nabelsausen, das sie – literarisch – zu verabscheuen vorgibt oder zumindest vorgegeben hat.„Sauber“ bleibt nur die Satire – oder scheint es zu bleiben, denn die Situation läßt vermuten, es hätten all die Spötter heimlich selber die Wende gewählt. DIE DSCHUNGEL hingegen sind schmutzig, doch geben sie’s zu und lassen deshalb die Blätter fallen, die ihre Leser in jeder Hinsicht ent|täuschen werden müssen. Der Rücksicht, auch der auf „sich selbst“, bleibt ohnehin nichts, als sich zwischen den Zeilen zu verkriechen und auf bessere Leser zu hoffen.

Nun bringt der Weih die dunkle Nacht,
Und Mang, die Fledermaus erwacht.
Der Stall birgt alles Herdentier,
Denn bis zum Morgen herrschen wir!

Die Stunde stolzer Kraft hebt an
Für Prankenhieb und scharfen Zahn.
Jagdheil! und kühn gehetzt, gerafft:
Das Dschungelrecht ist jetzt in Kraft!

Kipling, Nachtgesang in der Dschungel

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