Tschaikowskis Kindheitsprägung Nummer 5. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 29. November 2022. Darinnen tätowiert die Hand. Und was und wie es uns bis in Briefe nach Triest noch bestimmt.

[Medikamentenversuch Pregabalin → Sechster Tag]

 

[Arbeitswohnung, 11.05 Uhr
Tschaikowski, Fünfte, Rodzinsky, LSO]
Nicht zu fassen! Fünfzehn Minuten Sonne soll es heute geben. Und gestern legte ich mich um 15.30 Uhr im noch Hellen auf die Liege “meiner” schönen Elena, und als sie das Tattoo gestochen hatte — die zweite Erweiterung ist damit endgültig abgeschlossen —, und ich mich wieder setzte, dann aufstand, um mich wieder anzukleiden, wobei ich aus dem Fenster sah, war es draußen knalledunkel. Am Tresen dann, bei der Abrechnung: “Am Ende wirst Du Dein gesamtes Nervensystem tätowiert haben” – womit er, was die Bewegung dieses Projektes anbelangt, nicht unrecht hat; zwar “das Nervensystem” als solches nicht, wohl aber die sozusagen Strukturen des Körpers. Gestern waren es nur Adern – die, die von der Triskele Rankenausläufern über den gesamten Arm, vor allem Innenarm, zur großer Arterie der Handwurzel führen und sich aus ihr, auf der Handoberfäche sich verteilend, zu den Fingern weisen. Die ich ausgelassen habe.

Mitunter, bei Sommerhitze, treten die jetzt tätowierten Adern “von sich aus” sehr hervor, auch die an den Unterarmen – etwas, das ich seit je nicht nur bei mir als ausgesprochen schön empfunden habe; ich habe, seit ich denken kann, eine starke Neigung zur Anatomie, Warum also, dachte ich, diese Adern nicht auch hervorheben, wenn sie befindlichkeitsseits weniger sichtbar sind? Und genau auf dieser, ich sag mal, Vorstellunsbasis wird Yōsei, die vierte von einer Sídhe besetzte Figur der Triestbriefe, ihre Tätowierkunst entfalten. Ein bißchen davon haben Sie in Der Dschungel, liebste Freundin, ja schon → dort lesen können, bevor ich Ihnen vorgestern → in meinem letzten Arbeitjournal den zunächst anstehenden Fortgang der zweiten Erweiterung meines Tattoos erklärt habe. Wie Sie lesen, bleibe ich konsequent.
Bei der gestrigen Session konnte ich übrigens, weil von meinen Augen weit entfernt gestochen wurde, Elenas Arbeit gut beobachten und war doch ziemlich verwundert darüber, wie wenig Blut, eigentlich gar keines, im Spiel war. Es mag an ihrem Können liegen, denn gehört habe ich anderes. Dabei tätowierte sie direkt auf den Adern, was am Unterarm, wo die Haut relativ dünn ist, vor allem aber in der Ellbogenbeuge denn doch etwas gezwiebelt hat. Interessanterweise auf der Handoberfläche aber auch. Es läßt sich dieser, nun jà, “Schmerz” gut aushalten indes, man(n) kann ihn sogar genießen, wird eine andere, ich schreibe einmal, Empfindungsperspektive eingenommen: den Berührungen vorausspüren, indem du die Augen schließt und zu – quasi – erraten versuchst, wo nun der nächste Einstich erfolgen werde. Dabei lag ich erstaunlich oft richtig. Schon war die feine Befriedigung da. – Bei einigem bin ich mir allerdings noch unsicher, etwa weshalb von Zeit zu Zeit die Nadel besonders hineindrückend, ich glaube, gedreht wird, eingedreht also. Möglicherweise sind es Momente, in denen Farbe sozusagen eingespritzt wird. Da werde ich nachfragen müssen, bevor ich die Horu-Shi-Novelle anfange. Ich hatte sogar kurz den Impuls, zu tätowieren selbst zu erlernen.
Mit der Novelle hat es ohnedies noch Zeit. Erst sind → die Triestbriefe abzuschließen. Und wie jedesmal, wenn ich einen neuen Brief begann, habe ich etwas Anlaufschwierigkeiten. Gestern grad mal knapp eine Seite geschafft, ohne mir sicher zu sein, ob der Text so stehenbleiben kann. Die Übergänge von Brief zu Brief habe ich jedenfalls auf Anhieb noch immer kaum im Griff und bin später dann stets überrascht, wie gut sie, allerdings nach mehrmaligem Überarbeiten, dann doch funktionieren. Es ist dies aber zähe Arbeit; der Schreibrausch, wie ich ihn liebe, stellt sich da nie ein, sondern erst, wenn eine Prosa wirklich fließt und dann sich, läßt sich sagen, “selber schreibt”, ohne daß mein konstruierendes Kalkül noch irgendeine Rolle spielte. Solche Passagen sind später allerdings umso penibler durchzugehen und ggbf. zu modifizieren.

Aber ich wollte, siehe Überschrift, etwas zu Tschaikowski schreibe, ihm sozusagen und mir. Seine Fünfte trägt die in der von von mir bereits als Jugendlichem angefangenen Archivierung die Nummer 5, also die LP (altes Vinyl):


Entsprechend die Sinfonien 1 bis 4 die Nummern 1 bis 4, die Sechste Nummer 6. Es sind dies meine allerersten Platten also, eigene. Meiner Erinnerung nach bekam ich die Fünfte zur Konfirmation geschenkt, zu der ich nämlich auch meinen ersten Plattenspieler geschenkt bekam. Da war ich fünfzehn. Ich weiß dies so genau, weil ich ein Tagebuch führte, das ich immer noch habe, in das ich auch Fotos einklebte, die ich selbst während der Zermonie aufgenommen habe (ja, meiner eigenen Konfirmation). Nur daß Tschaikowski vorher schon lange eine Rolle gespielt hatte, eine wesentliche. Etwa konnte ich schon zwei Jahre früher nicht einschlafen, wenn nicht das b-moll Konzert lief, und zwar die mich bis heute prägende Aufnahme Svjatoslaw Richters mit den Wiener Symphonikern unter, einem Schwarm meiner Mutter, Herbert von Karajan. Seit ich also etwa dreizehn war, ging das so, doch war eben noch auf die Plattenspieler meiner Mutter und meiner Großeltern angewiesen; die eigentliche musikalische Initiation ergab sich bei diesen n o c h einzwei Jahre früher, weil sie Mitglied eines bertelsmannähnlichen Leserings waren, der auch – eigentlich nach Art vorheriger Bestellungen – Auswahlplatten verschickt, wenn etwas zu bestellen vergessen worden war. So funktionierte das Abonnementskonzept solcher Unternehmen. Nur daß besonders meine Großmutter fast nur Schlager (Ronny, Freddy Quinn) und allenfalls Operetten hörte. Dennoch kamen bisweilen “klassische” Platten ins Haus, auch Opern in sogenannten Schallplattenfassungen, die durchaus nicht unintelligent gekürzt waren, auch in musikalischem Verstand nicht unintelligent. Unterdessen kann ich das auch begründet gut beurteilen. Den “Nozze” habe ich heute noch. Und abgesehen davon, daß diese Aufnahmen fast alle meist noch Mono waren, ist die Klangqualität frappierend, übertrifft in jedem Fall jedes mp3. Dabei waren da schon oft historische Aufnahmen nur aufpoliert worden.

Aber so ging es los für mich mit der Musik, im Alter von ungefähr zehn oder elf. Als ich mit fünfzehn dann den Plattenspieler hatte, war es nicht mehr zu stoppen. In einem musischen Elternhaus wäre ich sofort in eine Musikschule gesteckt worden. Nur hatte ich ein kleinbügerliches (Großeltern) und ein entschieden kapitalistisches (Mutter); beidem galt Musik, wenn denn überhaupt als Kunst, so als Unterhaltung, darin so zu reüssieren, daß sich einmal ein Lebensunterhalt verdienen ließe, für utopische Spinnerei. “Viele sind berufen, wenige sind auserwählt”, pflegte meine Mutter zu sagen. Und als – viel zu spät, mit sechzehn – meinem aufsässigen Willen nicht mehr auszuweichen war, daß ich Geige zu spielen lernen wollte, ließ sie mich sozusagen musikmedizinisch untersuchen und gab mir, weil es, hatte der Experte gesagt, meiner Physiologie am besten entspreche, ein Cello. Die Geige bekam mein Bruder, der E-Musik zum Kotzen fand, indessen ich mich weigerte, zum Cellounterricht auch nur versuchsweise zu gehen und auch niemals dort gewesen bin. G e i g e wollte ich spielen, der Held meines ersten Romans, über fünfhundert Seiten, da war ich vierzehn! … dieser Held war doch Geiger. — Der fast zynische Clou dieser Geschichte ist, daß ich heute selbstverständlich rasend gerne Cello spielen könnte, es neben dem Saxophon sogar mein Lieblingsinstrument ist. Der Experte hatte also völlig recht, faktisch, nicht psychologisch. Wiederum ich meinerseits war zu dumm, hätte doch mit dem Cello erstmal anfangen können, um bei erstbester Gelegenheit auf die Geige zu wechseln. Doch warn die Weichen nun gestellt, da schrieb ich nur noch, schrieb und schrieb und — soff. Soff wie ein Loch. Wenn ich nicht überzimmerlaut Musik hörte, Violinkonzerte vor allem. Und eben Tschaikowskis Sinfonien, stundenlang. Sollte ich die Musik leiser stellen, tobte ich oder haute in den Schloßpark ab, um weiterzusaufen. Eine harte Zeit für alle. Denn ich soff da umso mehr, als die mitsaufenden, nun jà, Freunde aus ihren Kofferradios Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich dazu plärren ließen, was mich dann noch mehr saufen hieß. Und wurde, nachdem ich überdies wegen des Kaufhausdiebstahls eines halben Brathähnchens zu drei Tagen Jugendhaft in Königslutter verdonnert worden war, die ich in Einzelhaft absaß, vor die Alternative entweder eines Erziehungsheimes gestellt oder zu meinem Vater zu ziehen, von dem ich seit meinem vierten Lebensjahr nichts mehr gehört hatte, ja, der für mich eigentlich gar nicht mehr auf Welt, sondern etwas war, worüber zwar wie aus düstre Legenden aus der Vorzeit nicht wirklich abfällig, aber doch nur ungern gesprochen wurde. – Egal. Erziehungsheime lagen mir damals schon nicht. Also zog ich zu ihm und in die nächste Katastrophe, die auch davon nicht abgewendet werden konnte, daß sein Lieblingskonzert ausgerechnet Tschaikowskis op. 35 war, für Violine und Orchester. Die prägendsten Jahre eines Menschen liegen vor dem fünften Lebensjahr, bis ins vierte erinnern wir uns zurück, noch weiter nach hinten nur selten – etwa im analytischen Prozeß. Er hatte mich, ob er wollte oder nicht, geprägt. Nur sah das Ergebnis anders aus, als er, wenn überhaupt was, gewollt hätte. Um von meiner Mutter ganz zu schweigen.

So, Mittagsschlaf. Dann an die Triestbriefe.
ANH
[Tschaikowski, Sechste, MusicAeterna, Currentzis]

 

 

 

Das Triskelentattoo ODER Zur Körpergestaltung als poetisch-fiktionalem Akt der Selbstermächtigung. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 5., und Sonntag, den 6. November 2022.

[Arbeitswohnung, 9.51 Uhr
Brötzmann, Gana, Drake: The Catch of a Ghost (live, 4.11.22)]
Von früh auf hatte ich ein Problem mit “der”, also meiner, Identität; es begann schon als Kind in einer Familie, deren einer Teil mich, was ich nicht mochte, “Axel”, deren anderer “Alexander” mich nannte, was Jugendfreunde lange beibehielten, auch als ich längst schon “Alban” und der Alexander mir völlig fremd geworden war. Diese Umbenennung in “Alban Nikolai Herbst” spielt indessen eine ganz besondere Rolle, und zwar gerade, weil nicht nur mein Nachname “betroffen” war[1]Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.; im übrigen wurde der Künstlername, nachdem im Paß eingetragen, zum Umgangsnamen in meiner gesamten Lebenswelt. Die Geschichte und Notwendigkeit, aus der sich die Umbenennung begab, sind bekannt; seit der “Verwirrung” läuft der Identitätswechsel als die Geschichte eines falschen Passes durch die Romane[2]In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der … Continue reading und bemächtigt sich – literarisch – erst nach 2003 mit “Meere” auch des Geburtsnamens wieder – faktisch allerdings mit der Geburt meines Sohnes im Ende Januar 2000. Ein Künstlername läßt sich familiär ja auch dann nicht weitergeben, wenn man jahrezehntelang sämtliche Verträge mit ihm unterzeichnet hat und so auch vom Finanzamt geführt wird. Ein paar Jahre lang hatte ich sogar zwei Steuernummern, bis ich – ebenfalls erst nach Geburt meines Sohnes – diesen Umstand aufdeckte und seitdem, indem die Nummern zusammengelegt wurden, meine Bescheide auf beide Namen zugleich, nämlich auf je demselben Bescheidformular, ausgestellt werden. Was ich Ihnen, liebste Freundin, damit nur deutlich machen möchte, ist, daß mein Verhältnis zu mir selbst nie ein “einfach empfundenes”, sondern immer das zu einer Figur gewesen ist, einer, naheliegenderweise, literarischen. Genau deshalb begann ich, meine Erzählungen mit etwas anzureichern, was um einiges später dann “Autorfiktion” genannt worden und heutzutage ziemlich en vogue ist, ohne daß nun meine Arbeiten in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung fänden; die Leute sind halt Sozialdemokraten. Im Literaturbetrieb kam es damals als Manierismus an und wurde, war mein Eindruck stets, als eine meiner Überspanntheiten wahrgenommen und keineswegs als das existentielle Projekt, als das es sich notgedrungenermaßen vorantrieb. Die in meinen Büchern auftauchenden “Alban Herbst”s, aber auch Kalkreuths sind, so gesehen, zwar nicht mit mir identisch, zu einem Teil aber doch – der indes sich fast immer anders verhält, als ich selbst es tat und tut. Benjamin Stein, in seinem Aufsatz für text+kritik, stellt das sehr angemessen dar. Wobei aber auch das |“Ich”-selbst-als-Figur| auf |“mich”-als-(Alltags)Realität| wie auf eine Figur schaut. Mein Verhältnis zu mir ist mithin das gleichberechtigter Spiegelbilder, die aber je verzerrt sind. Um eine eineindeutig gefühlte Identität zu haben, muß Ich – jedes dieser Ichs – sich erschaffen. Es ist ein künstlerischer Prozeß — so, wie der gesamte Beitrag-selbst, den Sie, Freundin, hier lesen, ein wenn auch nur kleiner Abschnitt eines Romans ist. Daher auch vor Jahren meine, bei der Mama meines Sohnes große Empörung auslösende Erklärung, auch mein Sohn sei Teil meines literarischen Werks. Und er ist es, nämlich insofern sein Leben nicht nur die Gestaltung der Figur Alban Nikolai Herbst wesentlich mitbestimmt, sondern umgekehrt erst die Wiederhereinname Alexander v. Ribbentrops – und beide jedenfalls zeitweise aufeinanderlegen zu können – bewirkt hat. Selbst die unbedingte Kraft meines Vatertums speist sich aus der Abwesenheit des eigenen Vaters, nimmt sie quasi an sich selbst zu Gegenwart zurück; dieser mein Vater mußte aber ebenfalls, da er lange abwesend war, sich vorgestellt – also selbst er eine literarische Figur werden. Die eigentlich eher ernüchternde “wirkliche” Begegnung mit ihm, als ich siebzehn war[3]Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war., vermochte die Figur nicht zu löschen, sondern hat die Fiktion später sogar noch verstärkt; kurz, der in meinen Texten gestaltete “innere Vater” ist in mir nach wie vor stärker präsent als der objektiv-real gewesene, der, um es anders auszudrücken, mögliche Vater. Ein leider schrecklich ausgehendes Jahr lang lebten wir zusammen in seinem Bramstedter Riedhaus, danach sahen wir uns nur noch sporadisch und bald so gut wie gar nicht mehr. Nach seinem Tod allerdings wurde er mir auf eine fast dingliche Weise präsent, wie er es nicht einmal in unserem gemeinsamen Jahr gewesen war. Da hatte das Kind noch den Beschützer und das Vorbild gesucht; in unseren wenigen späteren Begegnungen hatte ich selbst die Beschützerrolle eingenommen, war selber Vater, lange bevor ich es wirklich wurde, geworden.

Wer unter solch prekären Identitätsbedingungen lebt, kommt also nicht umhin, seine Identitäten selbst herzustellen, d.h. sich zu einer literarischen Figur zu formen, auf die sich (selbst)nachweisbar zeigen läßt; es ist dies, glaube ich, weniger Narzissmus als gerade Antinarzissmus, auch wenn es ohne Egomanie (und einige innere Widersprüche) nie ganz abgeht, Doch das Ich ist die Basis unseres Handelns; dieses, nicht, wie wir fühlen, ist auf es angewiesen, sofern wir denkend handeln und nicht nur impulsiv. Nur aber selbstdenkendes, eigenentschiedenes Handeln kann ein moralisches sein, weil jedes andere determiniert ist. Und moralische, im weiteren Sinn ethische Fragen trieben mich schon sehr früh schon. Was Wunder, bei meiner Familiengeschichte![4]



Wobei ich ein sicheres Ich immer nur fühlte, hörte ich Musik; in ihr legten und legen sich bis heute meine teils zerrissenen Identitäten widerspruchsfrei ineinander; erst in ihr werde ich Eins, indes in der Literatur ihre Uneinigkeit der Motor ist, zusammen mit den moralischen Fragen, deren mögliche Antworten ich allerdings deshalb bewußt ausspare[5]So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt., weil nie sicher ist, welches meiner Ichs die Antworten gibt.

Doch ich brauche, um überhaupt handeln zu können (was auch bedeutet: Positionen einzunehmen), eine Form. Früh war es die der Abgrenzung; schon mit fünfzehn trug ich Anzug und Krawatte, 1970 also, als meine Generation Anzug und Krawatte ablegte (Studentinnen und Studenten hatten einander zuvor noch gesiezt); ich wollte nicht nur nicht, sondern konnte es mir seelisch nicht leisten, Teil des Stromes zu werden, der heute “Mainstream” genannt wird und längst etwas anderes meint, als von den jungen Leuten damals eingefordert wurde. Doch ich spürte bereits, worauf es hinauslaufen würde. Und grenzte mich halt ab. Mein Körper wurde Distinktionsmerkmal, erst einmal nur durch die Kleidung, später auch der Leib-selber qua Formung durch Sport. Mithin ist dieses sich mit Augenschein legitimierende, also – extrem wichtig, weil es Handlungsfähigkeit definiert – sich nun zeigen könnende Ich durch und durch Kunst.

Nun war ich, so sehr mein Geist in strudligen Wirbeln, körperlich jahrzehntelang privilegiert; obwohl ich ziemlich unmäßig lebte, schlemmend, können Sie sagen, blieb meine Physis völlig intakt. Also begann ich, diesen Körper auch bewußt zu, wie es in Bodybuilderkreisen heißt, “definieren”, möglichst alle Muskel und ihr Zusammenspiel auch bewußt zu formen, und zwar zunehmend konturiert – nicht, sie aufzublasen, sondern so, daß die Bewegungsabläufe gleichsam tanzten. Stellen Sie sich einen sich bewegenden Panther vor. So war mein Ideal. Nicht etwa Nashorn und Flußpferd. Aber zum Beispiel ein Otter, Fischotter, um es, das Ideal, etwas (wenn auch nur scheinbar) weniger martialisch zu beschreiben. Es hat dies, ich weiß, etwas Anorektisches, indem mir jegliches sichtbare Fett unerträglich war und heute immer noch ist. Zugleich aber, und das ist eben nicht anorektisch, war mir der Körper die tiefste Nähe zu mir; ich hätte ihn durch nichts schädigen wollen, also sagen wir “kosmetisch”. Tätowierung, Piercing und dergleichen waren mir entsetzlich; noch THETIS geht mit dergleichen scharf abwertend um[6]Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr. Im → “Flirren im Sprachraum” (2000), einem meiner ersten poetologischen Texte, formulierte ich:

Die Materialisierung eines Subjekts ist sein Körper. Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was mit dem Subjekt geschah: Tattoo, Branding, Piercing, die KÖRPERWELTEN genannte ästhetisch/ästhetizistische Aufbereitung von Leichen und Leichenteilen, AIDS und Body Art, der Einzug des Sadomasochismus in den Chic. (…) Wenn wir den zur Bedeutungslosigkeit reduzierten Körper noch spüren wollen, fügen wir ihm Verwundungen bei, die obendrein der Werbevorstellung von Schönheit und Glätte zu widerstehen versuchen. Piercing Branding Mutilation sind letzte aufbegehrende Akte der Selbstvergewisserung von Körpern.

Ich hingegen inszenierte den gesunden Körper, einen, der sich eben nicht verloren hatte, und tat dies als Ergänzung  meines Widerstandes gegen die den Geist befallene Entfremdung, die zugleich als existierende aber unbedingt gedacht werden mußte und deren Ursachen – anders als die politische Rechte und dogmatische Religionen zu glauben scheinen und jedenfalls versuchen, uns glauben zu machen – sich nicht durch revisionistische Haltungen zurücknehmen lassen. Sie sind in der Welt und haben sie unumkehrbar geformt; es ist an uns, sie so zu integrieren – zu pervertieren also –, daß ihre Prozesse nun für uns Menschen, nicht gegen uns laufen und die Welt insgesamt. Ich weigerte mich, meinem Körper auch noch eigentätig zuzufügen, was schon dem Geist zugefügt worden war. Und konnte es,. weil ich so gesund war. Um es kurz zu machen: Selbstbeigefügte Körperwunden sah ich nicht nur als Affirmation (was eine Form der Integration durchaus sein kann), sondern vor allem als Verdopplung; auch hier wieder verstand und empfand ich, was geschah, mit künstlerischem Blick, einem, der Redundanz strikt ablehnt. Ich löse ein Unheil nicht auf, indem ich es verbreitere.

Doch ist dies nun | alles anders für mich. Ich habe keinen “heilen” Körper mehr, sondern einen durch Krebs und OP versehrten; die Inszenierung eines aus sich selbst heraus gegen die feindlichen Prozesse gesunden Körpers l ä ß t sich nicht fortsetzen – rein pragmatisch schon nicht. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, auf die acht Mahlzeiten täglich zu kommen, die ich zu mir nehmen soll, um nicht immer dünner zu werden. Immerhin schaffe ich sechs und halte so mein Gewicht. Das ist völlig in Ordnung und kein Grund, mich irgend zu beklagen. Im Gegenteil, blieb ja am Leben und genieße es sehr, Aber Sport kann ich nicht mehr treiben, weil ich nicht wüßte, woher die dann noch zusätzlich nötigen Kalorien bekommen. Rechnen Sie, Freundin, selbst. Mein Tagesbedarf liegt – wie bei den meisten Menschen – zwischen 2000 und 2400 kCal; triebe ich Sport wie vor dem Krebs, müßte ich weitere, mindestens, 1000 kCal zu mir nehmen; oft waren es 1500, die ich hinzufuttern mußte. Keine Chance mehr, also, auch wenn es mir guttun würde, wenigstens wieder zu joggen. Was nun aber bedeutet, mich über die Versehrung des Körpers nicht einmal mehr täuschen zu können, wozu ich allerdings sowieso nicht tendiere. Und war ich noch vor dreivier Jahren ein entschiedener Gegner von Piercings und Tattoos, hat sich meine Perspektive nunmehr gedreht. Jetzt gilt es, den versehrten Körper zu inszenieren, doch aus genau den Gründen, die ich oben für meinen gesunden ausgeführt habe. Sie können es, Freundin, auch so ausdrücken, daß sich die allgemeine Versehrung – nicht die “nur” schon drohende, sondern sich längst vollziehende Klimakatastrophe wie neuerlich der Krieg in Europa (der erste, an dem ich nicht mehr vorbeizusehen vermochte, war das Völkerschlachten auf dem Balkan, auf das ich noch “nur” mit einem Buch, nämlich THETIS, reagierte) und zuvor die allgemein um sich greifende, früh von mir als patriachal organisiert begriffene Entkörperlichung der Welt (etwa die Verschiebung unserer Wirklichkeitswahrnehmung von der tatsächlichen Realitäts- in eine zunehmend allein medial vermittelte und schließlich medial gewordene)[7]das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace  – … – daß sich diese allgemeine, nämlich Welt-Versehrung durch den Krebs und seine Folgen nunmehr auch meines vormals so gesunden Körpers bemächtigte. So daß ich mich nun ihrer, der Versehrung, selbstermächtigen, meinen künstlerischen Ansatz erneut auf meinen Körper übertragen muß. Auch damit nehme ich, und abermals gegen den Mainstreamstrich, → eine weitere Bewegung der Kunstmoderne wieder auf; Selbstermächtigung war jedenfalls von Anfang an eine meiner künstlerischen Hauptmotivationen. Mit anderen Worten, ich kann die Versehrung selbst nicht rückgängig machen, aber sie meinem Gestaltungswillen unterwerfen – ein Vorgang, der sich abermals weigert, etwas zu affirmieren, das ich für ungut halte. Vielmehr drehe ich auch hier den Schaden in ein lustvolles Überhöhungserleben herum. Pervertere also auch dies.

Los ging es mit dem mir nach der Magenresektion von der Chemo verbliebenen, von mir nach Cronenberg[8]eXistenZ, 1998 so benannten “Bioport”; pragmatischerweise heißt das implantierte Ding, über das die Medikamente zugeführt werden, um die Venen zu schonen, eigentlich nur “Portkatheter”. Die mir bekannten Krebspatienten haben es sich alle spätens drei Jahre nach der OP, wenn sie medizinisch als geheilt galten, wieder herausoperieren lassen; ich aber wollte die Spur bewahren und will es noch. Die nach und nach je nach Befähigung der Heilhaut ohnehin fast verschwindende und jedenfalls bei Männern wir mir von der nachgewachsenen Brust- und Bauchbehaarung ziemlich schnell verdeckte bauchquere Narbe leistet das nicht. Der mir eingepflanzten Bioport aber sehr wohl. Nicht bloß aber, weil er irgendwie immer ein bißchen gestört hat und stört, sondern prinzipiell wollte und will ich, daß mein Körper ihn in sich integriert, ihn im Wortsinn vereinnahmt. Nur: Wie?
Lange darüber nachdenken mußte ich nicht. Die Lösung war wie so oft, deutlich hervorzuheben, nicht zu verstecken, was es zu integrieren, wessen es sich zu selbstermächtigen gilt; Betonung statt Verdeckung, klares VorAugenFühren und nicht Verdrängung. Der Krebs ist ein Teil meiner Geschichte, er[9]oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia” hat auch als überwundener ein Recht auf gezeigte Anwesenheit, welche Ansicht wiederum meiner künstlerischen Position entspricht, daß jedem Kunstwerk als Teil seiner selbst seine Entstehungsgeschichte eingeschrieben sein muß, die wiederum notwendigerweise ein Teil der allgemeinen Geschichte und sozusagen ein wenn auch kleiner Reflex ihrer ist; für meine Ästhetik aber eben nicht “Reflex”, also unmittelbares, nicht willentlich gesteuertes, sondern hochbewußt mitgestaltetes Reagens. — Wie, also, hebe ich hervor? Der Idee einer Integration des medizinischen Artefaktes in die natürliche Organik meines Körpers bezog sich – wie viele, wenn nicht die meisten meiner Texte[10]Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert – von Anfang an auf die von Kipling rasend sinnlich beschriebene Zurückeroberung verlassener Dörfer, für die Waldstücke gerodet worden waren, durch die neu in sie hineinwachsende, was von überwuchernden Schlingpflanzen vorbereitet wurde, wiedererstehende Dschungel. Dies leiblich darzustellen, ließ imgrunde nur eine graphische Lösung zu; sollte sie dauerhaft sein, also ein Tattoo. Indem ich diesen Gedanken zuließ, fiel mein Tabu. Insofern ich aber den Prozeß darstellen wollte, mußte und muß es selbst prozessual werden, mithin work in progress, etwas, das seine prinzipielle Unabschließbarkeit schon im Begriff trägt.
Der “Kern” ist eine Triskele, deren mythische Bedeutung mir nahe ist, die allerdings unbedingt linksläufig, das heißt “weiblich”, sein muß, weil die patriarchale Rechtsläufigkeit zunehmend oft von Rechtsnationalisten vereinnahmt wurde und wird, denen das Motiv als Ersatz für das schon ebenso mißbrauchte, was sich aber nicht mehr rückgängig machen läßt, Svastikakreuz dient. Das Zentrum dieser Triskele füllt aber nicht, wie das sizilische Wappen, ein Medusenkopf, sondern das Shaktidreieck. Also entwarf ich folgendes:

Die erste Realisierung ging dann, dieses Deiecks bezüglich, etwas daneben, insofern es nicht, wie ich doch wollte, auf einer seiner Spitzen steht, sondern einer seiner Seiten:

Da wäre, wußte ich sofort, nachzuarbeiten, möglicherweise durch Überstechung mit einer anderen Farbe. Das ist bislang noch nicht gelöst, vielleicht auch nicht nötig, weil ohnedies nun Pflanzenranken hinzugekommen sind, die, wie die Triskele den Bioport vereinnahmt, nun die Tristkele vereinnahmen; das Symbol selbst war mir noch zu hervorgehoben symbolisch, vor allem nicht organisch genug, auch wenn es bereits → Kommentare dazu gab:

D a ß es zu symbolisch war, spürte ich, als ich das Tattoo erstmals sozusagen öffentlich trug, nämlich in Badehose → auf dem Lungomare Benedetto Croce, Barcola/Trieste. Bislang war mein gesamtes Vorhaben ein objektiv rein privates gewesen und sozusagen publiziert nur in den Beiträgen dazu im Netz, Facebook, Instagram, Twitter; im großen und ganzen ließ es sich als Kunstprojekt bislang nur als Netzkunst verstehen. Jetzt wurde es quasi dinglich. “Das ist noch nur aufgepappt”, dachte ich, fühlte mich zwar einerseits wohl, weil es so gar nicht aufzufallen schien (es waren sehr viele Menschen sonnen- und meeresbadend zugegen), andererseits aber ganz offenbar die gemeinte Radikalität verfehlte, weil es immer noch dekorativ wirkte statt essentiell. Weshalb ich mich – der Gedanke selbst war aber, siehe oben, längst schon da – sofort nach meiner Rückkehr (ein fast bis zum Schluß sehr schönes, dann aber dumm oder, je nach Perspektive, → sehr traurig ausgegangenes Wien hatte noch dazwischen gelegen) sofort an den nächsten Entwurf setzte, die “Erweiterung 1” — dies noch auf Papier:

Ich schickte die Zeichnung an Elena, also an meine Tattookünstlerin, und fügte eine detaillierte Beschreibung meiner Absichten bei. Nur wenige Tage später war sie dann gestochen, nämlich so (das Bild entstand direkt nach der Applikation, deshalb die Rötung der Haut):

Und nach der Ausheilung (die bei mit nach wie vor enorm schnell geht):

Immer noch, wieder nur im Netz, kam mir das abermals “noch zu gut” an. Bei meinem Besuch in Frankfurt brachte Phyllis Kiehl, die es real sehen wollte und zu sehen bekam, auf den Punkt: “Das Schöne ist, daß es gar nicht aussieht wie ein Tattoo, sondern vielmehr nach einer Malerei.” Das war zweifelsfrei ein Kompliment, insofern sich mein Projekt schon einmal von der Tattoomode abhob; ich habe ja nicht vor, sie als solche mitzumachen, auch wenn ich einzugestehen nicht umhin kann, daß mir auch der Gedanke gefällt, unversehens einen erweiterten Zugang zur jungen Generation, besonders der meines Sohnes, bekommen zu haben. Sie immerhin wird maßgeblich entscheiden, ob mein Werk Bestand haben wird oder nicht. Der im großen und ganzen höchst spießige deutsche Literaturbetrieb hat da fast keine Stimme, auch wenn seine Vertreterinnen und Vertreter das sehr verständlicherweise völlig anders sehen und ergo zu verhindern suchen. In jedem Fall hatte und habe ich eines schon erreicht, etwas, das bereits 2003, nämlich → durch Fichte, erstmalig anklang: — so, wie für mich die Verbindung zur Musik lebenslang Grundlage meiner Literatur gewesen war und nach wie vor ist, nun auch eine zur Bildenden Kunst hergestellt zu haben. Mit meinem eigenen Körper als Schnittstelle. Noch aber wirkte und wirkt es nicht als organischer Prozeß, sondern eben wie Malerei; das rein dekorative Moment hat sich bislang erhalten. “… zu perfekt, um natürlichen Ursprungs zu sein”, wie es vier Absätze hierdrüber Hel Mi in seinem von mir verlinkten Kommentar geschrieben hat. Sein darauf folgendes “Es ist schaurig schön, mit der Betonung auf schön” braucht eine dringende Betonung auf schaurig.

Daran sitze ich jetzt und zeichne die weiteren Entwürfe jeweils mit farbigen Eddings direkt auf die Haut (was einige Übung braucht). Der erste der “Ergänzung 2” sah so aus:


Und der zweite

bekam denn auch gleich eine eigentlich so auch gewünschte Reaktion:

Wobei Frau von Steglitz diametral entgegensetzt zu Hel Mi denkt und empfindet. Ich meinerseits bin überzeugt davon, in dem Tattoo beides miteinander vereinbaren zu müssen und antwortete entsprechend:


Der letzte Stand der “Dinge” sieht nunmehr folgendermaßen aus, heute früh (am unterdessen Sonntag) auf die Haut gezeichnet:

Noch bin ich mir unsicher, w i e weit sich die Zeichnung ausbreiten soll; was ich anfangs überhaupt nicht im Sinn gehabt hatte, rückt als Möglichkeit spürbar näher: daß schließlich der gesamte Körper überwachsen werden könnte, abgesehen vom Kopf und den Händen, die für mich, jedenfalls noch, tabu sind. Wobei ich mir sehr klar darüber bin, daß ich die Wirkungsweise des Krebses, nämlich zu metastasieren, gleichsam übernehme, aber hier als ein geradezu Bann-Bild, so, wie wir an Kirchenfassaden immer wieder Dämonenfiguren sehen, die dort eben gebannte sind. Ritusalisierung und Kunst wachsen ineinander auseinander hervor. Mein Unternehmen ist, so gesehen, religiös. Aber auch das gehört zur Genese der Kunst selbst in ihren nichttheistischen Ausprägungen, die allerdings bei mir deutlicher pagane als christliche oder sonstwie monotheistische sind. Doch das ist alles andre als neu. Und ich erinnre mich sehr wohl, wie erotisiert ich von Jadzia Dax war, in Frankfurtmain, vor mehr als vierzig Jahren, glaub ich, schon. Ich war in sie sogar verliebt. Und stellen sie sich vor, sie senkte den Kopf, höbe hinten das Haar und Sie sähen, auch Sie, liebste Freundin, ihren Nacken und wie die Spuren hinab den Rücken fließen … —

Was mich, unabhängig davon, daß ich die Realisierung dieser zweiten Tattoo-Erweiterung momentan gar nicht bezahlen könnte – mein Projekt ist teuer, und in diesem Kunstbetrieb wäre es bizarr, davon auszugehen, ich könne für seine Realisierung Kunstfördermittel bekommen – … was mich ein Problem ansprechen läßt, das bislang keines war. Selbstverständlich, da – außer im Netz und dort nur vermittels meiner Fotodokumentationen – bislang ich alleine es bin, der das Tattoo sieht, lasse ich es vorerst nur dort anbringen, wo ich es eben sehen kann. Von einer Erweiterung über etwa den Rücken hätte ich gar nichts, aber eben auch niemand sonst. Vor dem Krebs wäre das anders gewesen, es hätte noch und wieder Liebespartnerinnen gegeben, und sei es für One Night Stands. Diese Möglichkeit hat mir die Chemo zerschossen. Ich habe früher meinen Körper ja nicht nur für mich selbst geformt, sondern immer auch letztlich für Frauen. Was übrigens ein Unsinns-, weil Irrtumsmotiv war. Denn allem zufolge, was “meine” Frauen mir je erzählt und wie sie sich verhalten haben, schätzen sie zwar wohlgeformte Männerkörper sehr wohl; doch sind die nicht das, was sie bindet, ja es sext sie zwar an, aber fast durchweg “konsequenz”los. Sie binden sich aufgrund völlig anderer Kriterien, anders als Männer, jedenfalls die meisten, als in jedem Fall ich. Mich kann die Schönheit einer Frau abhängig machen, fast gänzlich in Absehung von ihrem Charakter. Gegenüber einer (nach meinen Kriterien, klar:) schönen Frau bin ich sozusagen verloren, auch wenn’s mir gelingt, es nicht zu zeigen. Spüren tun sie es dennoch. Mein Impuls ist geradezu sofort Er- und meinetwegen Überhöhung, Anbetung letztlich; das ist nur deshalb nicht peinlich oder gar peinigend, weil ich dominant bin. Da wiederum für mich zur weiblichen Schönheit immer auch eine Spur, und gerne mehr als nur das, Aggressivität gehört, wird meine Dominanz komplett ausgeglichen und niemals übergriffig; es sei denn, etwa im BDSM-Spiel, ich werde drum gebeten. Dann übernehme ich die Führung, zugleich Verantwortung. “Übernahm” ist heute aber das richtige Wort. Es war so und wird, wie ich spüre, niemals mehr sein. Mein Alter kommt hinzu – nà sowieso, angesichts meiner deutlichen Neigung zu noch deutlicher jüngeren Frauen (als junger Mann hatte ich sie zu entschieden älteren). Und aber selbst wenn! Welcher neuen Liebe könnte ich die starken Frauen  meines Lebens zumuten, die alle, auch wenn die Beziehungen zerbrachen, immer noch gegenwärtig sind und es bleiben werden? Meistens sind wir Freunde geworden, die Frauen also auch real – und innnig – alle noch zugegen. Nein nein, ich werde alleine bleiben. Und aber als lächerliche Figur am Rand eines Szeneclubs stehen, Insomnia, Kitkat? egal, ich war da früher ja oft, – das tu ich mir sicher auch dann nicht an, wenn es die Gelegenheit wäre, das rhizome Tattoo nun zu zeigen. Also weshalb auf dem, um beim Beispiel zu bleiben, Rücken? “Zu wissen, daß es Platin ist”? Auch darüber bin ich lange hinaus. Vielleicht aber —

— vielleicht, weil man das vollendete Kunstwerk – wegmauert[11]Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu. Weil es in Saïs steht, dort zu stehen hat und von dem Schleier verdeckt sein muß[12]Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt. Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier? Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich, So fanden ihn am andern Tag die Priester Am Fußgestell der … Continue reading, auch vor dem, der es schuf oder zu erschaffen veranlaßt hat, — mir? (Ich war’s nicht allein, → Liligeia war es mit mir; auch sie eine meiner mir bleibenden Frauen, die imaginären und “wahren” sind alle vermischt, Jadzia Dax gehört genauso hinzu, mag sie’s auch nicht wissen — aber nicht viele | wissen es nicht).

Ihr, meine Freundin,
ANH, 6. November, 13.03 Uhr
[Vincent Peirani, → Living Being II: Night Walker]

 

References

References
1 Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.
2 In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der Anfang einer großangelegten Mystifikation sei? — eine Fährte, der danach aber niemand gefolgt ist.
3 Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war.
4

5 So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt.
6 Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr.
7 das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace
8 eXistenZ, 1998
9 oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia”
10 Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert
11 Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu
12 Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Schiller, Das verschleierte Bild zu Sais

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Zweihundertfünfundzwanzigster bis zweihundertfünfunddreißigster bis Tag.
Vierte Serie, zwölfter Tag:
Das bleibende Thier

|| Zwölfte Bamberger Elegie ||

[Meine → Vater-Elegie, deren videografische Interpretation
aus technischen Gründen höchst kompliziert war. In film-
handwerklicher Hinsicht ist auch sie sicherlich noch nicht
perfekt; künstlerisch indes bin ich zufrieden. Nach nahezu
vier Monaten Arbeit wurd es ja wahrlich auch Zeit, sie
endlich online zu stellen.
ANH, 22. November 2021]

 

ACHTUNG! Das Video startet bei Minute 8,02, was ich erfolglos zu ändern versucht habe. Also bitte erst auf 0:00 zurückstellen. ANH, 24.11.21, 20.15 Uhr.

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Das bleibende Thier
Bamberger Elegien
Elfenbein Verlag
ISBN: 978-3-941184-10-7

Anangesichts als Arbeitsjournal: Selbstbild mit Vater. Am Dienstag, den 31. August 2021.

[Arbeitswohnung, 17.21 Uhr]

Während ich intensiv an der Videoinszenierung der zwölften Bamberger, der von mir so genannten und auch so gemeinten “Vater”-Elegie arbeite, die dennoch leider nicht pünktlich wird online gehen können — zuviel auf einmal platzte herein, mußte bearbeitet werden: die Fahnen sowohl der → Béarts als auch des →  New-York Romans waren zu korrigieren; insonderheit letztre preßten ihre Dringlichkeit voran, weil das Buch zur Frankfurter Buchmesse vorliegen soll; darüber hinaus waren zwei umfangreiche Anträge zu stellen, und schließlich war der in Bamberg aufgenommene Film selbst noch zeitraubend zu modifizieren, weil ich ihn, ohne es zu merken, in krassem Gegenlicht aufgenommen hatte, so daß entweder der Hintergrund kristallen scharf war, mein Gesicht indessen fast vollständig schwarz, oder aber mein Gesicht war gut zu erkennen, der Hintergrund jedoch ein fast pures Weiß … — …

… — während ich also an der Montage sitze und immer wieder nach Motiven suchen und sie zurechtschneiden, dann einpassen muß, wächst mir ein Bart. Ich habe nicht die Muße, ihn wegzurasieren, nicht die Geduld, will ans Video, ums fortzusetzen. Allerdings gebe ich ihm stutzend Form. Daß es aber die ist, die nahezu zeit seines Lebens mein Vater trug, das wurde mir erst — und da jähe — bewußt, als ich in der Pause zu meinem Tabaccaio flanierte, der Ashleys Artisan’s Blend für mich bereithält. (Alle anderen Tabake beziehe ich wieder aus Kiel. Aber auch dieses!: Sogar Pfeife rauche ich wieder, wie mein Vater es tat.)

Sag: Was, das Du mir gabst, geb ich, wie wenn es von Dir wäre, meinen Sohn weiter? Im Altern, die Söhne, sie werden den Vätern nicht gleich? Wenn einer geht, rückt nicht der jüngere nach und übernimmt es: den Blick, wolkenhinauf, und das Blicken?
Das bleibende Thier, Zwölfte Elegie

 

 

Ich mußte kurz stehenbleiben, als der Zusammenhang mir so unvermittelt bewußt ward. Nun werde ich, bis das Video fertig und online gestellt ist, an diesen Bart nicht mehr rühren. Danach kommt er ab, sò. (Doch bei der Pfeife bleibt es; ich nahm die Modelle bereits anfang des Jahres aus ihrer Verbannung wieder heraus.)

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Siebenundzwanzigster Tag. Zweite Serie, elfter Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Bei Keith Jarrett,
als er 1996 für alle Zeit in Napoli spielt” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070
EAN: 9783866380073

 

Krebs/Nachkrebstagebuch, 11. Oktober 2020. Wiederherstellung der (hetero)sexuellen Kompetenz. (Zugleich als Coronajournal No 30.)

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
Penderecki, Fünfte Sinfonie (1999)]
Dies ist entschiedenermaßen der nun nächstfällige Schritt, nachdem mir zum einen die Chemo die Fortpflanzungsfähigkeit zerstört haben dürfte (sollte ich dies testen lassen? von → Tests habe ich grade die Nase auch da voll, wo man den Johannes erkennt), sich aber die zweigeschlechtliche Sexualität-an-sich, ganz unabhängig von mir, unterm correctkriegerischen Dauerfeuer in Schützengräben bergen muß, die über ihr ständig so sehr zusammengeschossen werden, daß sich der Eindruck gewinnen läßt, den Angreifern komme Corona grad recht: Vermittels des Virus’ lassen sich ganze Gesellschaften moralisch zurück ins Biedermeier bomben. Genau dies, dem zu widerstehen, macht die Notwendigkeit dringend. Safer breathing hat durchaus seine Parallelen zum “safer Sex”, man muß da gar nicht lange konstruieren.
Nein, ich leugne Covid-19 nicht, sondern sehe die Gefahren — indessen aber auch, wie gut die Krankheit zur zunehmenden Entkörperung paßt und damit in die Entwicklungslogik des Monotheismus – egal, ob jüdischer, christlicher oder islamischer Provenienz. Insofern der Sexus – weiblich ausgedrückt: insofern Aphrodite – sich an keine Regeln hält (“Venus ist eine glischige Göttin”), ist die Libido auch gesellschaftlich nicht lenkbar, damit anarchisch-antiautoritär. Das kann weder einer Gesetzgebung gefallen noch gar unserer Wirtschaftsdynamik, der daran gelegen ist, alles auf einen Tauschwert herunterzubechen, es mithin gleichzumachen, sei es Ware, sei es Mensch (als nämlich kalkulierbare Arbeitskraft, die, anstelle zwischen Speichen Stöcke zu stecken, ihren Weisungen nachkommt).

Aber auch künstlerisch ist es notwendig, weil Eros die Antriebskraft der Künste ist, aller, und nicht etwa seine, bzw. der Venus Sublimation. Verdrängt ihn die Moral, verdrängt also SIE, kommt dabei schlechte Kunst – keine also – heraus. Deshalb warnte selbst Brecht, man könne nicht auf ihn bauen – zumal mit vorher den “incorrecten” Versen:

In meine leeren Schaukelstühle vormittags
setze ich mir mitunter ein paar Frauen
Brecht, Vom armen B.B.

— “setze ich mir” – welch hübsche Hybris. Es wird Zeit, wieder zu partizipieren an ihr; die Damen müssen sich setzen ja lassen: Das Spiel ist durchaus nicht von einer Seite alleine geführt, die in den Schaukelstühlen sind keine Opfer. Vielmehr, sie haben gewollt.
Wobei nicht ausgemacht ist, ob ich’s – also wieder zu partizipieren – auch “schaffen” werde. Der Wille indes ist zurück, nicht nur als Wunsch. Es ist dies, oh → Li, ein erster Schritt in die nichtnurorganische Heilung – egal, ob mich das dann abermals Stipendien und Preise kostet, die aus “moralischen” Gründen mir vorenthalten werden, dem unbeugsamen Incorrekten, den jede Konsensgesellschaft erschaudern läßt. Auch das ist eine Hitlerfolge, oder um es mit Jelinek zu sagen (ich habe es → dort schon zitiert):

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler in die andere. Das ist ihre Pflicht.

(Die Dicht’rin seh die Verkürzung mir nach; sie hat hier rein rhythmische Gründe.)

Wie es also anstelln? Mehr noch als AIDS – seinerzeits bis heut – versiegelt Corona nunmehr die Lotterbetten, mit Mundschutz ist nicht einmal ein Cunnilungus wirklich praktikabel und relativ gefahrlos nur in der Monogamie noch möglich, in die wir nachdrücklicher zurückgescheucht werden sollen als selbst den Zeiten des Rauchverbots möglich — einer Entente globale erstem gelungenen Feldforschungsprojekt zur Massenlenkung. Nun wird FREMDGEHN NEIN DANKE zur nicht nur mehr katholischen, also islamischen Devise; der neue Biedermeier stand eh schon wuchtig genug in der Tür: nicht weniger bläßlich als anno dunnemals zwar, doch ebenso Ausdruck reaktionärster Macht, bzw. ihrer Wi[e]derkehr. Neu ist allein, daß sie es gelernt hat, sich als progressiv zu maskieren, sogar als Feminismus.
Ach, in der Tat, wir hatten vor AIDS nicht halb so viel Angst! Die Krankheit griff auch in
die Existenz nicht so ein, wir brauchten bloß paar Tütchen. Nicht ein einziges Späti wurde geschlossen, und wer aus Wien zurück nach Berlin kam, konnte hedonistisch sein, wie er wollte, oder sie, in Quarantäne mußte man nicht, egal ob halb der sechste Bezirk war flachgelegt worden. Und umgekehrt die KITKAT-Besucher & Innen – derer es einige, einige gab – mußten auch nicht auf die Sitte in Wien. Erst nu’ isser zu, der cosmopolitische Club, coronageschlossen wie das INSOMNIA und all die anderen Etablissments der erotischen Libertinage.
Und aber auf der Straße? Sprechen Sie, Freundin, jemanden jetzt einmal an, Jemandinnen meine ich, ob nun mit oder ohne Sternchen … auf anderthalb bis zwei Metern Abstand muß man(n) fast schreien, alleine schon wegen des Tuches vorm Mund. Sowas paßt nicht zu Charme und zu Flirt. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, die Kassiererin bei PENNY zu verstehen, wenn sie etwas fragt. Social distance heißt erotisch Entfernung. Oben Mund- und Nasenschutz (als müßten die wir schützen!), unten LONDON GEFÜHLSECHT. Was – zwischen Arbeit und erfüllten Lebenssinn geschoben – Entfremdung genannt war, wird nunmehr total, nachdem sie auch längst das Geschlecht fast erdrückt. Die Zukunft ist “queer” und kontaktlos. Für Replikanten paradiesisch, ein gentechnologischer Rummelplatz, ist Corona fürwahr der Grund für virenfreie Sexmaschinen. Da wird sogar der Verkehr mit – Dassagichjetztnicht – möglich.
Soweit aber sind wir leider noch nicht, die Puppen von der Uhse sind wahrlich nicht alternativ, um von “wirklich” wirklich zu schweigen. Außerdem habe ich schon → mit Siri Probleme — trotz ihrer tiefen Versprechen :

Siri macht jetzt noch mehr.
Schon bevor du fragst.

Da sage noch einer, es sei die Richtung nicht deutlich! Doch helfen tut mir alledies nichts. Ich habe verabsäumt, mich rechtzeitig vor Corona und für mein Altern haushalts- und also erostechnisch zu binden, nu’ hab ich den Askesesalat und sollt’ wie mein Bruder, da war er fünfzehn, über meine Liegestatt schreiben:

Solang ich zwei gesunde Hände habe,
kommt mir keine Frau ins Haus.

Nur war er damals dreizehn, da wußte er einfach noch nicht, was das hieß. Und hier bei mir an der Wand sind viel zu viele Bücher. Dabei ist er heute prophetisch, Hagens, meines jüngeren Bruders, Satz. Der diese Pandemie zudem nicht mehr erleben muß. Ich denke einmal, AIDS hat ihm schon völlig genügt, als er statt daran im hochgebirgigen Wildwasser umkam, das ihm vier Grad kalt auf den Zungenhals stürzte. Erstarrung des Muskels, die Luftröhre zu. Gestorben, wie der Filmer sagt (dies ist ein Zitat). Des Extremsportlers neoprenverpackter Korpus wurde erst zwei Tage später gefunden. Noch lebend sah Hagen so aus zuletzt (nach der Beerdigung unseres → Vaters):

 

 

 

 

 

 

 

 

(links neben mir,
1990)

Ui, nun wurde ich wirklich privat, Pardon. Auch Corona verführt zu Lebensbilanzen, die ja immer zugleich Erinnerung sind. Jedenfalls bin ich heute einigermaßen hilflos, zumal mir mein bester, nach wie vor in schäumendem Safte stehender Freund gestern nacht “steckte”, auch für ihn sei dieses Jahr geradezu pheromonfrei verlaufen — so daß ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, da hätt ich ja lihalber gar nichts verpaßt … Was mich tatsächlich ein wenig beruhigt, auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wie meine Askese beenden. Nur dann nämlich, wenn dies gelingt, werde ich auch wieder mit vollen Kräften schreiben können. Die Musen wollen geliebtwerden, und zwar nicht nur im Geist, im Geist sogar am wenigsten … — Ach! Enden die → Béarts deshalb mit einem → Accende?

 

so fragt, liebste Freundin,
Ihr ANH

وادي المقابر, fahl. Aus der Nefud, Phase III (Nacht von Tag 2 auf 3). Donnerstag, den 18. Juni 2020: Krebstagebuch, Tag 50.

 

[صحراء النفود.عالم آخر, Abendlager, 17.43 Uhr]

 

Doch es war – von vorgestern auf gestern – Nacht noch, als ich an meinem rechten Ohr die Stimme vernahm, die ich schon immer, muß ich beinah denken, kenne, seit also je — was selbstverständlich die Lebenszeiten ausschließt, die noch keine Erinnerungen bewußt bewahren; ob aber unbewußt, stellt sich bisweilen in Psychoanalysen heraus. Wobei nicht-bewahrte Erinnerungen auch mit dem noch unentwickelten Sprachbewußtsein zusammenhängen. Was ich erinnere (sofern ich das Verb einmal aktivisch verwenden darf, was unterdessen zwar usus, grammatisch dennoch falsch ist), muß ich benennen können, ansonsten ich allenfalls von Ahnungen, in keinem Fall aber Erinnerungen sprechen kann.
Es war also noch Nacht, die allzu bekannte Stimme allzu schlafnah, doch so jenseits der Membran, daß sie mich wirklich weckte. Ohne aber, daß ich sofort verstand, daß dies bereits die oder doch eine Wirkung des nunmehr dritten Kreises sei, in den wir eingeritten sind, und nach dem zweiten Tag schon! So wirken hier die Strahlungen.
“Steh auf, mein Schöner, komm!”, so säuselte die Wüstennixe sanft, ihre Stimme – Häuten von Schlangen gleichend, wenn sie noch leben – ein gekühlter Samt. Auch konnte ich sie riechen, den für sie, sobald erregt, typisch puderigen Duft des Nackens, in dem nur wenig Säure spielt, doch sie ist’s, die uns Männer hinzieht, sofern sie klandestin bleibt und also unsren Fetisch Autonomie so spöttisch wie bestimmend unterläuft. Nahezu alle meine Frauen hatten diesen Korridor, innen, der aus dem Schoß zum Nacken aufgeleitet. So daß ich’s kribbeln spürte zwischen meinen Teppichen. Bis ich dann wirklich wach war.
Sehen konnte ich sie nach wie vor nicht, auch nicht, als ich die Augen öffnete. Das Licht des Mondes war derart hart, daß es durch die Planen meines Zeltes wohl nicht wirklich schien, aber genügend hereinsinterte, daß ich mich gut zurechtfinden konnte, meine entäußerte Krebsin dennoch zwar spürte und, wie erzählt, deutlich roch, aber einfach nicht sah.
“Vertraue”, hauchte sie, gurrte sie.
Dann zog sie mich zum Ursprung.
Hinaus.
Zu einem ihrer Ursprünge, nicht meiner. Ich bin damit lediglich geboren. Was es bedeutet – oder, damals, bedeutete – hat zuerst sie austragen müssen. Denn

(w)er die Last für etwas tragen soll, das er sich nicht vorstellen kann, muß es sich erfinden. Er wird sonst krank oder verstummt. Sicher, vorstellen kann es sich jeder irgendwann, deshalb gibt es ja Geschichte als Lehrfach. Aber wie sollen wir es fühlen, wie Buße für etwas tun, innen, in uns, wenn wir uns nicht persönlich erinnern, wenn der Raum, in dem angeblich unsere Schuld sitzt, leer ist?
ANH,
Meere

Mit dieser, wie wir sie → in meiner Analyse nannten, schuldlosen Schuld wuchs ich auf, die auch allenthalben vorgeworfen wurde und aber zuhause kein Thema war, weil schon mein Vater ihrerseits sich geduckt hatte und verschwunden war und meine Mutter den wirtschaftlichen Vorteil sah, der in diesem Namen steckte. Den sie auch nach der Scheidung weiternutzte. “Du wirst auch einmal aufgehängt wie dein Großonkel”, auch der Satz steht in MEERE. Ein Lehrer sagt ihn dem Buben vor versammelter Klasse und feixt sich eins, dies linke Arschloch. Ich weiß natürlich noch heute nicht, schon gar nicht in der Nefud, welches Trauma der damals durchaus noch sehr jungen Pädagoge quasi aus Notwehr weiterreichen wollte; jedenfalls ist es ihm gelungen.
“Schau nur die …” säuselte Liligeia flatteratmig in mein linkes, dann “… vielen schönen Toten!” in mein rechtes Ohr.
Wir warn schon draußen vorm Zelt. Es war empfindlich kalt, aber das lichtdurchfunkelte Firmament sensationell. Ich hatte mir über den Thawb noch zwei Ziegenfelldecken, die nach ihren unfreiwilligen Spendern selbst noch hier draußen durchaus rochen, um Schultern und Brust gezogen. So ging es einigermaßen. Und in dem extrem harten, fast schmerzhaft weißen Mondlicht, war irgendetwas von Lilly schon zu sehen, eine Art schweifender, oft zerfransender, dann wieder sich nach DNA-Manier zu wenigstens zwei, ich glaube aber eher vier bis fünf matt-opaken Strängen einrollender, allenfalls zu einem Siebtel materieller Hauch, der mal voranschlängelte, dann stehenblieb, was bedeute: meinen Körper orbitierte, schneller wurde, und der Nacken duftete hindurch. Schon war ich erneut an den Händen, ja, beiden, gefaßt und weitergezogen.
Da wurde die Blickfläche weit und das eigentliche Tal erst sichtbar, dahinter der nächste Höhenzug, auf den ganz offenbar das in Sicht gekommene, offenbar granitene  Mementum zur Hälfte hinausführte – die Kuppel der krönenden Rotunde oder was immer es war, riesig mußte sie sein, mit einer der Büste von Lillys Kopf … nun  jà, geschmückt? Es war durchaus zum Erschrecken. Zumal auch die Zeitabläufe wieder durcheinander gerieten. So kam es mir vor. Der Mond wie auf den rechten Hang gepinnt, sein Licht eher nicht nach Naturgesetzen strahlend.

“Was soll ich hier? Was muß ich hier?”
“Deine Angst verlieren.”
“Welche Angst?”
Lilly mußte lachen. Lachte sie wirklich? “Sie natürlich erst mal zugeben”, lachte, nein, kicherte sie. “Das fiel dir doch immer am schwersten. Und dann … dann  kannst du sie verlieren. Also komm schon weiter! Sie werden dir verzeihen, die Schuld von dir nehmen, die auf die nicht ist.”
Wen meinte sie mit ‘sie’?
“Doch mußt du zuhören.”
Weh Dir, mußte ich denken, daß du ein Enkel bist! Momentlang schwoll mir der Groll wie ein Hahnenkamm auf. Schuld als genetische Erbschaft ist eine Idee des Faschismus:

Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der die Missetat der Väter heimsucht über die Kinder ins dritte und vierte Glied, die mich hassen.
5 Mose 5:9

Wieso ist ausgerechnet Charlotte Auerbachs schmales Buch, das eher eine Einführung als , als eines der ersten in meine gerade entstehende Bibliothek gelangt? Ich kann da noch keine zwölf/dreizehn gewesen sein. Auch dies einer der monatlichen Vorschlags”bände” des Bertelsmann-Buchclubs, dem meine Großeltern ebenso selbstverständlich angehörten, wie sie Brathähnchen nur beim Wienerwald aßen? Die Billigbroiler kamen damals gerade erst aus. Als ich, bei KARSTADT, eines klauen wollte, wurde ich erwischt und saß dann drei Tage Einzelhaft in der Jugendstrafanstalt … oh, wie kann ich jetzt ihren Namen, ihren Ort vergessen haben? – ist es das bleiche Licht, sind es die namenlos Toten, die mir die Erinnerung plötzlich verwehren? Auch an dem Ort, in den ich gesperrt war, waren Hinrichtungen sogenannt unwerten Lebens wie am Schnürchen weggespritzt worden. Jede Wand atmete noch Schreie aus. Die Wärter hieben, wenn ich mich tagsüber auf die Pritsche legte, mit ihren Hartgummistöcken auf die Tür ein. Bis ich mich zurück an den Tisch gesetzt hatte. Ich sollte meine Schuld überdenken und zur lebenslangen Reue finden. Deshalb war mir kein Buch erlaubt, nichts dergleichen, auch kein Papier, um zu schreiben, ein Stift war es sowieso nicht. Ich war da, glaube ich, fünfzehn. Seither kann ich nicht mehr bei geschlossenem Fenster schlafen.
“So nahe warst du ihnen schon. Dann leg dich doch zu ihnen, jetzt. Ich lege mich dazu. Ist es nicht sowieso mein Platz, zu dem ich dich nur hole?”
“Der Toten nicht alleine wegen.”
“Nein, es geht auch nicht um Schuld. Es geht um Schuldgefühle, die nicht zugelassen werden.”
“Ich hätte dazu keinen Grund gehabt.”
“Doch: Gesund zu bleiben. Wer sich nicht anpaßt, der wird krank. Oder ausgesondert. Auch das ist ein Naturgesetz. Die Welt ist nicht moralisch. Du warst, mein Freund, zu hart.”
Wir hatten die Nekropole unterdessen betreten, schritten durch die Reihen der meist liegenden, indes im Zentrum stehenden Betonquader, mir drückte es das Herz, zumal ich einmal im Hintergrund ich etwa Liligeias Kopf, sondern das Label der Deutschen Bahn aufragen sah, der Vorläuferin die Lagertransporte besorgt hat. So bleibt die Kontinuität heute noch zu spüren. Und mein Vater, das Wasser steht zum Herzen, und jede Vene ist verkrebst, fällt vor seiner Finca ins Koma, wird gefunden, nach Deutschland überführt, wo er vergeblich stirbt, mit etwas über sechzig. Er sprach nicht mehr, nun wollt’s er’s nur noch, mit seinem Vater etwas, dem da noch lebenden Südtiroler Nationalsozialisten mit Hitlerbild auf dem Altar. Wolf Graf Welsperg, so durch die Entnazifizierung geschlittert und deshalb schon nicht willig, mit seinem ‘Sozialistensohn’ (womit er ihn als SPD-Parteimitglied meinte) auch nur ein einzges Wort zu wechseln. Meine Mutter fand diesen Mann charmant, der meinen Vater um mehr als dreißig Jahre überlebte, unserer, meines Vaters und meiner, Schuldgefühl völlig bar, die hätten müssen seine. Wir trugen sie für ihn.
“Verstehst Du noch nicht? Auch so fängt sowas an. Aber nun lege dich schon her zu mir. Laß uns hier einfach schlafen, bis uns die Sonne weckt, und mit den Toten träumen. Sie wissen gut zu singen.”
Da ward das Mondlicht fester und fester, wurde schmiegsam, anschmiegsam, legte sich um beide uns, und als wäre ich gar nicht erwacht, sondern läge weiterhin zwischen den Teppichen im Zelt, so war’s mit einem Mal. Nur lag nun außen Li an mir, direkt an meiner Haut, war nicht nur mit unter die Ziegenfelle´geschlüpft, nein hatte es auch irgendwie geschafft, unter mein Gewand zu kommen, doch immer nun, wenn ich kurz davor war, wegzunicken, pustete sie in eines meiner Nasenlöcher, dieses muntre, ungebundne Kind. In seinem – ihrer, diese Krebsin – Kichern schlief ich denn ein … —

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