Verschwörung der Gesichter. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 6

 

Buchfassung 1983:

(…)

Mit welchem Satz Laupeyßer von Schulze empfangen worden war, am 16., abends, es war dunkel gewesen bereits und die Räumung der Wohnung vollzogen. Kaum hatte Laupeyßer ge­klingelt – was heißt, er klingelte sicherlich an die fünf Mal, wähnte sich schon umsonst hergekommen, graute sich vor der Rückkehr in seine Wohnung, deren Leere noch keinen Reiz be­saß, weil Laupeyßer, wie zugegeben, feststellte, daß er innerlich sehr gehangen hatte an den nun veräußerten Dingen –, hatte kaum geklingelt also, ich bleibe dabei, beim kaum, – hatte kaum geklingelt, da wurde die Eingangstür schon brüsk aufgerissen, wie jemand die Tür öffnet, der hinausstürzen will, weil er verfolgt wird. Stand Schulze im Eingang, süßlicher Biergeruch entwich ihm und schlug Laupeyßer an. Schulze schien keinen Moment verwirrt, Laupeyßer zu gewahren, erkannte ihn auch sofort wieder.»Die Zeitmine ist geplatzt«, sagte er hastig. »Kommen Sie bloß rein! Nun machen Sie schon, schnell!« Zerrte mich an der Schul­terwölbung des Jacketts mit sich in den Treppenflur, zog mich ein Stockwerk hinauf in seine Wohnung, knallte mit großer Heftigkeit die Tür ins Schloß. Dann wankte er mir voran durch den Flur in eines der Zimmer.
»Sie sind also gekommen«, sagte er mit beruhigterer Stimme. »Hören Sie, es ist schrecklich. Wir müssen ganz still sein, dürfen nicht auffallen. Ich weiß sonst nicht mehr, was … Ich garantiere für nichts.« Wobei er sich mißtrauisch umsah, hinter sich und sogar unter seinen Korbstuhl blickte.
»Aber was … Was ist denn geschehen?«
»Heute nacht, wie … Aber bloß still!« Er legte einen Finger auf die Lippen, lauschte. »Ich bin nicht mehr sicher hier. Sie sind sehr stark geworden plötzlich. Dabei … Dabei hatte ich ge­dacht, ich hätte sie nun fest, sie könnten mir nichts mehr …«
»Aber was denn, Schulze?!«
»Die Gesichter, Herr Falbin, die Gesichter! Sie sind … Es stimmt nicht mehr … Das heißt, jetzt stimmt es schon wieder, aber … aber heute morgen …« Den Rest des Satzes verschluckte oder murmelte er; schluckte wirklich einmal, zwei­mal.
»Was stimmte nicht mehr? Also erzählen müssen Sie’s mir schon, sonst kann ich ja gleich wieder gehn.«
»O Verzeihung, wirklich. Verzeihen Sie mir … – Sie mögen etwas trinken? Einen Kaffee? Ich habe so selten Gäste. Ich bin darin nicht mehr geübt …«
Ich hatte bei Agnes schon die ganze Zeit Kaffee getrunken, war aufgekratzt, auch fiebrig, aber ich nickte trotzdem. Schulze stand auf, fuhrwerkte in der Küche herum, was ich freilich nicht sehen konnte, nur hörte: ein polternder dicklicher Mensch, den der Alkohol vermutlich bereits in der Motorik behinderte. Wäh­rend seiner Abwesenheit blieb mir Zeit, mich genau umzusehen, bemerkte erstmalig die Ziffern, Zahlen, Kritzeleien, die überall in welligen Linien quer über die Wände gingen. Es roch sehr wider­wärtig. Kaum war ich in die Wohnung gezerrt worden, war es mich käsig und fleischig angeplatzt, wie Verwesendes röche in einem sehr engen Raum. Dabei, höchst eigenartig!: Nirgendwo Staub, kein Spinnengewebe unter der Decke, das Zimmer gesaugt, nicht ein einziger Flusen darauf. Eine pedantische, fast verbissene Hygiene obwaltete.
»Was stimmt denn nun nicht mehr? Sagen Sie schon«, fragte ich, als Schulze zurückgekommen war, der wie ein Störfaktor wirkte, wie ein Fremdkörper, ein Schmutzpartikel inmitten des Scheuerpulverzimmers, das obendrein noch mit weißen Küchenmöbeln und ebenfalls weißen Korbstühlen eingerichtet worden war und gewissermaßen ausgeblichen wirkte. Ich assoziierte sofort alte Knochen, die über Jahre dem Sonnen­schein ausgesetzt sind. »Was stimmt nicht mehr?«
»Es ist schrecklich«, antwortete Schulze, schwieg darauf, biß sich in die Unterlippe, nagte daran, als sammelte er sich, schenkte, aufgeschreckt, den Kaffee in die Tassen, langte nach einer Bierflasche, die mit anderen in einem der geweißten Schleiflackschränke lag: Wie zu hundertfach schienen die Flaschen aufgestapelt darin. »Sie auch’n Bier?« fragte Schulze.
»Nein. Danke … Das heißt, doch, bitte, danke.«
»Es ist schrecklich«, wiederholte Schulze, »Weil nämlich, wie ich heut … heut früh … heute morgen, als ich aufgewacht … Ir­gendwie mußte es aber schon Mittag sein, weil: die Sonne stand hoch, auch … Ich merkte sofort, daß irgendwas sich verändert hatte. Das können Sie mir glauben. Und dann … Ja, die Gesich­ter, hier, sehen Sie? Die Gesichter, die … Und dann wußte ich so­fort, was es war. Sie können sich meinen Schrecken nicht …«
»Was denn?«
»Sie hatten sich bewegt, Herr Falbin, bewegt, hatten ihre Posi­tion verändert, alles durcheinandergebracht, alle Ziffern, al­les …«
»Wie?!«
»Sie hingen plötzlich falsch, Herr Falbin. Sie mußten, während ich schlief, von den Wänden geklettert sein. Wahrscheinlich haben sie getanzt. Und vermutlich müssen sie, ja müssen sie sogar … über meine Bettdecke … Müssen ja drübergekrabbelt sein! Und alles weg, die ganze Ordnung zunichte, alle Auf­zeichnungen vergeblich, an denen ich mich immer orientiert habe. Wissen Sie doch noch? Was ich erzählte? – Nun, das merkte ich doch. Ich kenne meine Ordnung, können Sie mir abnehmen, wirklich. – Ich also hoch, hab mich angezogen, war auch … verwirrt. Ist schließlich verständlich, oder? Dann hab ich gesehen, daß nichts zu essen mehr da war und bin einkaufen. Und stellen Sie sich vor … als ich zurückkam, da …«
»… hing alles wieder richtig«, konstatierte ich.
»Ja!« Schulze sah mich sinnierend an. »Woher wissen Sie das?«
»Dachte ich mir. Ist doch nicht schwer zu erraten, finden Sie nicht?« Ich fand die Situation kurios.
Schulze sah sich zaghaft um, flüsterte: »Sie verspotten mich, Herr Falbin. Warum verspotten Sie mich?«
»Aber dann ist doch alles wieder in bester Ordnung«, wich ich aus. »Was beunruhigt Sie denn jetzt noch?«
»Das fragen Sie?! Ja, mein Gott, verstehen Sie denn nicht?! Die Gesichter, die … die haben sich außerhalb meines Einflußbe­reichs begeben, die … die sind selbständig geworden, Herr Falbin! Selbständig! Wer weiß, was die noch alles tun werden …!«
»Aber Herr Schulze, das ist doch dumm! Was sollten denn …? – Und Sie haben alles überprüft? Alles wie vorher, nicht mehr die geringste Veränderung?«
Schulze schüttelte den fetten Kopf, strich sich über das vollgraue schmierige Haar.
»Dann haben Sie wahrscheinlich nur geträumt, haben sich ge­täuscht. Mehr nicht.«
»Ja«, sagte Schulze leise. »Das … das habe ich auch erst geglaubt, als ich vom Einkaufen zurückgekommen bin. Aber … aber dann …« Er legte den Zeigefinger erneut an die Lippen, machte »Psst!«, streckte mir die Handfläche der Linken entge­gen. »Seien Sie mal still für einen Augenblick, mal ganz still …« Wir schwiegen, ich lauschte. Von der Küche her sang das be­ständige Surren eines Kühlschranks, es klang wie Schnurren, als schnurrte die Maschine.
»Hören Sie nichts?« fragte Schulze, beließ den Zeigefinger vor den Lippen dabei. »Sie sprechen miteinander. Es ist schrecklich. Seit heute morgen, seit ich wiedergekommen bin, sprechen sie miteinander, plappern durcheinander, lauter haarfeine Stimmen. Gehässige Stimmen. Machen sich lustig. Hecken etwas aus. Sie haben miteinander zu kommunizieren begonnen, haben Kon­takt hergestellt. Ich weiß nicht, was ich tun soll dagegen. Ich bin so hilflos, Herr Falbin. Vielleicht wollen sie ausbrechen. Wenn sie sich jetzt schon bewegen können, dann wäre es doch mög­lich, daß sie ausbrächen? Nachts. Oder wenn ich mal die Tür nicht richtig geschlossen habe. Sie handeln im Moment ihren Fluchtplan aus. Sie wollen mich allein lassen. Ich weiß nicht.« Er führte die Bierflasche zum Mund, sein Kehlkopf zuckte beim Schlucken. »Und dann … dann bliebe ich doch wieder allein, wieder … und … und hätte gar keinen Kontakt mehr, gar keinen Kon…«
»… wenn ich Ihnen helfen kann?« sagte ich hilflos und ebenso leise.
»Ach Herr Falbin, das ist doch ein Witz«, antwortete Schulze.

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)
Kaum hatte Laupeyßer, allerdings insistierend langgezogen, geklingelt, ward auch schon die Tür aufgerissen, die Wohnungstüre, denn unten die des ganzen Hauses hatte, innen den Sturmhaken in die Stahlöse der Gegenplatte eingehängt, offengestanden; vielleicht, daß jemand schnell was wegbringen war und keine Lust auf gleich den Schlüssel hatte. Jedenfalls öffnete André Schulze derart brüsk, daß er mehr wie jemand wirkte, der panisch herausstürzt und nicht nur schauen will, was jemand von ihm will. Zumal er schlimm nach Bier roch. Dennoch schien er keinen Moment lang erstaunt zu sein, Laupeyßer zu sehen, faßte ihn statt dessen am Jackettärmel und zog ihn herein, wozu er ohne Punkt und Komma ausrief: »Die Zeitmine ist hochgegangen! kommen Sie bloß rein! Nun machen Sie schon schnell!« Hinter sich und dem unversehenen Gast knallte die Tür heftig in das Schloß zurück; Schulze schien ihr rückwärts einen Tritt versetzt zu haben.
Er drückte sich an mir vorbei und
wankte durch den Flur ins Wohnzimmer voran. Drin erst beruhigte er sich, sackte in seinen Korbstuhl, neben dem auf dem Boden eine geöffnete Bierflasche stand. Nach der er sofort griff, um sie an den Mund zu setzen.
Er nahm er einen langen, langen
glucksenden Schluck, wischte sich mit dem Unterarm über den Mund und sagte: »Sie sind also gekommen.« Dann sah er sich wie mißtrauisch um, hinter sich sogar, ja lugte unter seinen Sitz. Was durchaus Komik hatte, Laypeyßer auch so wahrnahm, aber nicht wirklich spürte. Statt dessen stieg ein ungefähres Schrecklich in ihm auf, nicht maßlos, nein, doch pochend unbehaglich. Schulze sprach genau das auch wieder aus: »Es ist schrecklich. – Hören Sie! Wir müssen ganz still sein, dürfen nicht auffallen. Sonst weiß ich nicht mehr, was … Ich garantiere für nichts.«
»Was ist denn geschehen?«
»Heute nacht, da … – Still, bloß still!« Er legte einen Finger auf die Lippen, lauschte. »Wir sind hier nicht mehr sicher. Sie haben plötzlich solch ein Leben bekommen! Dabei dachte ich doch, ich hätte sie so festgesetzt, gebannt, daß sie niemandem mehr etwas antun können, sondern für mich da sind.« »Wer hat Leben bekommen?!«
»Die Gesichter, Herr Falbin, die Gesichter doch! Sie sind … Es stimmt nicht mehr, sie stimmen nicht mehr! Das heißt, jetzt ja wieder, aber … aber heute morgen …« Den Rest des Satzes vermurmelte er und schluckte einmal, zweimal.
»Was stimmte nicht an ihnen? Erzählen müssen Sie’s nun schon.«
»O Verzeihung, wirklich. Verzeihen Sie mir … – Sie mögen etwas trinken? Einen Kaffee? Ich habe so selten Gäste. Ich bin in Gästen nicht mehr geübt …«
Ich hatte schon bei Agnes die ganze Zeit Kaffee getrunken, war aufgekratzt, auch fiebrig, nickte aber trotzdem. Schulze stand auf und fuhrwerkte poltrig in der, konnte ich annehmen, Küche herum. So war mir Zeit, mich umzusehen, und entdeckte erstmals all die in welligen Linien auf die Wände geschriebenen Ziffern, Zahlen, Kritzeleien. Der Zusammenhang ist mir unklar, aber sie hoben mir diese widerwärtige Mischung aus Kareishus und Domestos ins Bewußtsein; der Geruch hatte etwas von, unter gelöschtem Kalk, Verwesung. Als hätte ihn Schulze verzweifelt wegzuputzen versucht, doch vergeblich. Dieses Käsige war nicht wegzubekommen. Doch zugleich, das hatte etwas Erschütterndes, war nirgendwo auch nur Staub zu erkennen, geschweige Staubmäuse, weder unter der Zimmerdecke Altweibersommerfäden von Spinnen noch sonstiges Insenktengewirk an den Wänden. Wie auch? Sondern alles war von pedantischer, fast verbissener Hygiene beherrscht.»Was denn stimmte nun nicht mehr? Sagen Sie schon!« hakte ich nach, als Schulze zurückgekommen war und vor allem angesichts des deplazierten ausgeblichen-weißen Küchenschrankes wie eine Kloake wirkte, die Mensch geworden ist. Vor ausgeblichenem Knochenfurnier. »… was war es, das nicht mehr stimmte?«
»Es ist schrecklich.« Er benagte seine Unterlippe, biß sogar sichtlich hinein, aber um sich zu sammeln wohl. Dann, sich aufgeschreckt erinnernd, schenkte er vom Kaffee in die Tassen ein und langte aber nach einer nächsten Bierflasche, die mit vielen anderen in dem Küchenschrank lag, alle aufeinandergestapelt. »Sie auch eins?«
»Nein danke … Das heißt, doch, bitte … – Danke.«
»Es ist schrecklich«, fing er nun endlich zu berichten an. »Weil nämlich, wie ich heute früh aufwache … aber es muß da schon Mittag gewesen sein, die Sonne stand so hoch. Ich war mir aber nicht sicher, merkte eben nur, daß irgendwas nicht stimmt. Etwas war anders. Und dann …« Schwer holte er Luft. Und setzte ächzend fort: „Die Gesichter, hier, sehen Sie? Die Gesichter, die hatten sich – Sie können sich meinen Schrecken nicht vorstellen.«
»Was hatten sie?«
»Bewegt! Fortbewegt, Herr Falbin, hatten sie sich, einfach die Plätze getauscht und alles durcheinandergebracht, mein ganzes Ordnungssystem! Das war jetzt nur noch umsonst.«
»Wie? Ich verstehe nicht ganz.«
»Sie hingen falsch, Herr Falbin, falsch! Als ich geschlafen hatte, mußten sie von den Wänden geklettert sein, zum Beispiel, und haben vielleicht nicht mehr gewußt, wo sie hingehörten. Ich kann mir vorstellen, sie haben vorher getanzt, die ganze Nacht vermutlich durch, bis zur Erschöpfung. Da warn sie wahrscheinlich benommen. Wenn ich mir dann noch vorstelle, wie sie sogar über mein Bett getappt sein könnten oder über mein eines Bein, das ich oft draußen über der Decke lasse, weil mir immer so schnell so warm wird, – wenn ich mir das vorstelle … Aber das darf ich eben nicht, mir sowas vorstellen. Es war so schon schlimm genug, die ganze Ordnung zunichte, alle Aufzeichnungen umsonst, wo ich mich orientieren konnte, wissen Sie ja, hab ich doch bestimmt erzählt. Ich brauche meine Ordnung, können Sie mir abnehmen, wirklich. – Ich also hoch, hab mich angezogen, war derart verwirrt. Ist das nicht verständlich? Weil ich doch gesehen habe, daß zu essen nichts mehr da war, und bin also erst mal zum Einkaufen weg. Aber stellen Sie sich vor, als ich zurückkam, da …«
»… hing alles wieder richtig.«
»Ja! – Woher wissen Sie das?«
»Ist nicht schwer zu erraten, finden Sie nicht?«
Kuriose Situation.
Schulze sah sich zaghaft wieder um, doch flüsterte dabei: »Sie verspotten mich, Herr Falbin. Warum verspotten Sie mich?«
»Ach was! Und sehen Sie, ist doch in allerbester Ordnung nun wieder. Was beunruhigt Sie denn jetzt noch?«
»Das fragen Sie?! Ja, mein Gott, verstehn Sie denn nicht?! Daß sich die Gesichter von den Wänden lösen konnten, heißt doch, sie sind selbständig geworden, selbständig, Herr Falbin! Woher soll ich wissen, was sie als nächstes unternehmen werden?!«
»Sie haben alles überprüft? Alles wie vorher, nicht die geringste Veränderung mehr?«
Er schüttelte den schweren Kopf, strich sich über sein vollgraues wie mit Pomade festgeklebtes Haar. Es war aber Talg.
»Dann haben Sie wahrscheinlich nur geträumt, haben sich ge­täuscht. Mehr nicht.
»Das habe ich auch erst geglaubt, als ich zurück vom Einkaufen war. Aber … aber dann …« Noch einmal legte er den Zeigefinger an die Lippen, machte »Psst!«, streckte mir die Handfläche der Linken entge­gen. »Seien Sie mal still für einen Augenblick, sein Sie mal ganz, ganz still …«
Wir schwiegen, ich lauschte.
Aus der Küche her sang das be­ständige Surren des Kühlschranks herüber. Es klang wie helles Schnurren. Die Maschine hätte nur noch Miau machen müssen.
»Hören Sie denn nichts?« Schulze ließ den Finger an den Lippen dabei. »Sie sprechen miteinander“, flüsterte er. „Es ist schrecklich. Seit heute morgen, seit ich wiedergekommen bin, sprechen sie sich ab, ein andauernd plapperndes, haarfeines Stimmengeschwirr, das ich so durcheinander natürlich nicht verstehen kann, wohl aber, wie gehässig es ist. Sie machen sich über mich lustig, hecken werweißwas aus. Sie haben Kontakt hergestellt. Obwohl es doch gar keinen gibt, keinen geben kann! Was soll ich dagegen denn tun? Ich bin, Herr Falbin, derart hilflos! Sie brechen vielleicht sogar aus! Wenn sie sich jetzt schon bewegen können, dann wäre das doch mög­lich … Nachts. Oder wenn ich mal die Wohnungstür nicht ordentlich zugemacht habe. Davon bin ich nämlich schon fast überzeugt, daß sie grad an ihrem Fluchtplan tüfteln. Direkt vor meinen Ohren, was für ein Hohn!« Er führte die Bierflasche zum Mund, spülte den Schmerz mit hinunter. Wenigstens ein bißchen. Sein Kehlkopf zuckte beim Schlucken. »Und dann … dann werde ich wieder allein sein. Und hätte wirklich keinen Kontakt mehr, zu niemandem, zu niemandem…«
Bevor er auch noch anfinge zu weinen, legte ich alle Wärme, über die ich noch verfügte, in meine Stimme: »Aber ich bin doch da.« Und merkte selber, wie hilflos es klang.
»Ach Herr Falbin«, sagte er, sah mich indessen nicht an, »Sie sind doch nur ein Witz.«
Bis jetzt weiß ich nicht, warum ich da nicht ging.

(…)

Mahesh & Tussaud’s. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 5

 

Buchfassung 1983:

Fast kommt er sich wie einer dieser Krishnajünger vor,

die hier ja auch noch ihr Fett abkriegen müssen mit ihren wal­lenden Jesusbärten und dem schalen Geäug nach irgendwo Jen­seits. Oder die no-future-Typen.

Im Café findet er manchmal noch Ruhe, von den Nachbarsge­sprächen abgesehen. Natürlich, all die Geschwätzigkeit, mit der sie mich einlullen wollen. Aber Laupeyßer hat sich mittlerweile im Weghören geübt. Notgedrungen, sonst platzte mir noch der Kopf. Und auf keinen Fall die Augen schließen: Dann nämlich höre ich’s erst richtig. Nein. Am besten versetze ich mich in die Krümmung des weißlackierten Heizungsrohres neben dem Gußeisengitter links. Oder in die geweißte Oberfläche der Kakao-Kanne, die man ebensogut als Kaffeekanne bezeichnen könnte, weil dieselben Gefäße zur Aufnahme verschiedener Ge­tränke dienen. Kaffao. So ungefähr. – Wie eigenartig war es doch, daß er bei Tag noch ausgehen konnte. Auch mit welcher Arglosigkeit er die Bedienung wahrzunehmen gelernt hatte, als ginge sie ihn nichts an, als atmeten sie nicht einmal dieselbe Luft, und als gehörte sie nicht längst schon hinein, in seine Näherun­gen. Freilich, die Frage nach der Narbe bliebe eben deswegen dringlich. Zur Versicherung der Realität oder was so … na ja, bekannt: Pappkarton. Zumal er sich sicher war. Und doch. Wo Männer Zärtlichkeiten. Ach ja. Ja. Der Hinterkopf. Mein Hinterkopf, der sich vorgestülpt hat, der am Vorstülpen ist. Den Hinterkopf zum Auge machen, zu einem einzigen, weit geöff­neten Auge. Dreiäugigkeit. Und das Hören. Lauschen. Das Füllfederhalterkrabbeln auf dem Marmortischchen. Papierge­kritz. – Saß Laupeyßer also dort vor dem Gußeisengitter der Fenster klotzig wie ein Pappkarton. Und das Jucken am Kinn. Am Vormittag habe ich mir ein Papageienjackett gekauft. Und Socken; grellgelbe und giftgrüne Frotteesocken. Schals wollte ich aber nicht, weil es dazu nun wirklich zu heiß ist. Man muß nicht gleich alles übertreiben. Habe wirklich das Gefühl, zu zer­fließen. Ich bin offenbar ein Madame-Toussaud-Mensch. Und mit jedem der Schweißtropfen, derer mir bereits zahllose im Hemd backen und es dunkel färben, löst sich ein Geruchsparti­kel, platzt im Rollen, verströmt sich zu dicklichem Belag wie Luftfilz, hockt mittlerweile allem auf, was ich berühre und darauf in Nasennähe bringe.

Unten warfen sie Laupeyßer schwungvoll auf den Wellblech­boden des hinten geöffneten Lieferwagens, der war grün wie Laupeyßers neu erstandene Socken. Die Friseurin, jene fette Frau mit dem sprödweiß auftoupierten Haar, beinahe sah sie aus wie Frau Schneider, die sie war, schaute mit in die Blaukittel­taschen gestopften Feistfäustchen interessiert zu. Dieser leben­digen Schwammigkeit einmal untern braungestreiften Rock und dann schnuppern in einer Aufwärtsbewegung des Kopfes neben den Titanenschenkeln! Um des Ekels sich zu vergewissern und daß man noch etwas merkt. Seiner leibhaftig werden, er werden, Ekel sein. Der bröselig scharfe Uringeruch an dieser sauren Sphäre, Schlupfort des Widerlichen an sich. Agnes schmeckte anders,

denke ich mir, schmeckte wie B., an der ebendort sich festzusau­gen voll cremiger Lust ist oder – mit ihrem saloppen Begriff – Spaß. – Doch davon weiß Laupeyßer nichts, noch nichts, wird er niemals was wissen, ist für Falbin vorgesehen, wenn Agnes das noch hätte hören können! Vorgesehen von Laupeyßer für Falbin. Nein, für mich! – Die Befreiung also, die über eine selbstgewählte Paranoia läuft? Absurd? Zugegeben. Gebe ich natürlich nicht zu. Interessiert mich nicht. Interessiert ihn schon gar nicht,

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Maharishi Mahesh Yogi. Fast wie einer der Krishnajünger selbst kommt sich Laupyßer vor,

die hier auch ihr Fett noch abkriegen müssen, schon ihrer wallenden Jesusbärte halber und des schalen Geäugs in Richtung auf ein Diesseits als Jenseits, umgestülpte no-future-Typen,

die, diese nicht, noch jene, ins Wallcafé nicht gehen, so daß er, Laupeyßer, hier manchmal noch zur Ruhe kommt. Nerven tut ihn nur die, aufsteigend von den Nachbartischen, schwirrig den Raum durchflatternden Plapperge­spräche. Wenn er sie, wie er früher getan, als ungefähres Hintergrundrauschen nimmt, wird ihm sofort klar, daß eben das ihn einlullen soll. Genau der Zustand, den er ablehnen muß. Deshalb versucht er, sich in einem Weghören zu üben, das sich auf die Störung konzentriert. Auf keinen Fall jedoch die Augen dazu schließen. Sonst platzt mir noch der Kopf. Statt dessen versetz ich mich am besten in die Krümmung des weißlackierten Heizungsrohres neben dem Gußeisengitter. Die ebenfalls geweißte Oberfläche des Kakaokännchens, das sich auch Kaffeekännchen nennen läßt, weil es der Aufnahme beider Getränkarten dient, eignet sich genauso. Kaffaokännchen.

Wobei schon auffällig ist, daß er überhaupt bei Tag noch ausgehen kann. Auch mit welcher Arglosigkeit er die Bedienung wahrzunehmen gelernt hat, ist Erwähnung wert. Sie scheint ihn nichts mehr anzugehen, ja kaum die gleiche Luft zu atmen, kurz, gar nicht mehr ein Teil seinee Näherungen zun sein. Dennoch bleibt die Frage nach der Narbe dringlich, vielleicht umso mehr. Zur Versicherung der Realität oder was so … – Pappkarton.

Er ist sich aber sicher. Und doch. Wo Männer Zärtlichkeiten.

Liegt immer noch da, die Zeitung. Ach ja, jaja, mein vorgestülpter Hinterkopf. Der ist mir wie Gesicht geworden. Jetzt ihn noch ganz Auge machen, आज्ञाचक्र[1]ARBEITS/LEKTORATSNOTAT: Ajna Chakra, Drittes Auge.. Dreiäugig werden, da ich schon ganz Ohr bin. Das Krabbeln der Feder des Füllfederhalters auf dem Papier meines ringgebundnen Notizbuchs. Sogar sein leises Wischen auf dem runden Marmor meines Cafétischs wird laut, eine flache Böenvariante, wenn ich’s ein wenig verschiebe, um bequem wie vorher weiterzuschreiben. So klotzig ist Laupeyßer vor dem Gußeisengitter des Fensters über die Seiten gebeugt. Ein Pappkarton schon selbst. Ich darf nicht dauernd mein Kinn kratzen, hab untern Fingernägeln schon von den Stipschen Bluts die Trauer. Doch gegen die habe ich mir vormittags ein Papageienjackett gekauft. Und Socken; grellgelbe und giftgrüne Frotteesocken. Schals wie Falbin wollt’ ich aber nicht, weil’s für sowas nun wirklich viel zu heiß ist. Man muß nicht alles übertreiben. Ich zerfließe ja schon jetzt. Bin ich ein Mensch Madame Tussauds? Mit jedem Schweißtropfen, derer mir bereits zahllose im Oberhemd backen, wovon es dunkle Flecken kriegt, löst sich eine Zelle, die im Hinabrollen platzt und den Geruch verströmen läßt, einen massiven Filz aus Luft, der mittlerweile als Belag auf allem klebt, was ich berühre und drauf in Nasennähe bringe.

(…)

References

References
1 ARBEITS/LEKTORATSNOTAT: Ajna Chakra, Drittes Auge.

Verrasend zähe Zeit. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 27. Januar 2022. Befeuert von Frank Martins Sturm vom Nachmittag bis in den frühen Abend geschrieben.

[Arbeitswohnung, 16.07 Uhr
Martin, → Der Sturm]
Während ich, bevor ich mich wieder einmal zum Mittagsschlafen legte – etwas, das ich erst kürzlich als Erholungsakt wieder aufgenommen habe -, also während ich mein Essen zubereitete, kam mir, Freundin, der Gedanke, daß ich für → diese Überarbeitung der Verwirrung des Gemüt(h)s ganz ebenso ein Vorwort schreiben sollte, wie es in solchen Fällen Jean Paul gerne getan hat, und zwar, weil in meinem die Eingriffe wirklich eklatant sind; die Bearbeitung des Stils geht weit über bloßes Lektorat hinaus, und ganze Szenen entstehen, ich sage mal, ‘leibhaftig’, die vorher nur Denkfiguren waren. Eben das ist es auch, was so anstrengt und mich nur dermaßen langsam – ‘langsam’ mit mehr als nur acht ‘a’s – vorankommen läßt. Das ist nicht bloß mangelnder Inspiration geschuldet (Inspiration ist fast durchweg nichts als handwerkliche Routine); nein, die ist durchaus da. Nur daß ich eben keinen ganz neuen Roman schreiben will und darf, sondern der alte soll ja dennoch erhalten bleiben. Veränderte Stilvolten wollen aber, und verlangen fast, auch veränderte Geschehen, bzw. Abläufe. Ich kämpfe also gleichzeitig für und gegen diesen Text, der sich meinen Eingriffe sozusagen entgegenstemmt. Dennoch, weil gerade d i e s e r Roman grundlegend für die folgende Serie ist, was ich bei Entstehen aber nicht wissen konnte, nimmt die Überarbeitung genau das mit in den Blick und verschränkt nun die späteren Bücher mit ihm, und zwar in ihm selbst. Das geschieht über kleine, möglichst unauffällige Zusätze, vor allem Anspielungen oder eben die Wortwahl und Rhythmik. Wenn etwa in der Verwirrung von einer parallelen Welt gesprochen wird, steht jetzt das Wort “Anderswelt” da, aber eben nur ein- oder zweimal. Wobei ich selbstverständlich auf Die Dschungel nicht Bezug nehmen kann, weil es sie damals noch nicht gab; noch nicht einmal die DSCHUNGELBLÄTTER gab es schon. Aber die Pflanzen, die Laupeyßers leergeräumte Wohnung zu überwuchern begonnen haben, lassen sich einen “Urwald” jetzt wohl nennen. Will sagen, die Ideen sind tatsächlich alle in der Verwirrung schon drin, doch ohne daß ich schon gewußt hätte, was sie einmal werden würden. So biege ich, wie es im → Wolpertinger heißt, das Futur ins Präteritum zurück, so daß das gesamte Projekt schließlich einem Erzählkontinuum ähneln wird, das sich gleichwohl, auf einer Spiralbahn freilich, weiter in der Zeit bewegt und erst zum Stillstand kommen wird, wenn ich gestorben sein werde. (Es sei denn, jemand anderes setzte es fort wie Verne es mit dem Pym tat oder ich selbst, wenn auch nur in einer kleinen Episode, eben im Wolpertinger mit Martin R. Deans → “Die verborgenen Gärten” – eine Hommage an seine Romanfigur Leo Brosamer,)
Jedenfalls sollte dergleichen erzählt und eben auch klargestellt werden, daß mit dem Buch ein völlig neuer Roman vorliegt, der aber der alte ist. Genau darauf ziele ich ab. Etwa für den → Dolfinger” (den eigentlich “Die Erschießung des Ministers” genannten Roman), für den ebenfalls eine Neuausgabe vorgesehen ist, ist eine so weitgehende Bearbeitung ganz abgesehen davon nicht nötig, daß ich ihn sowieso schon, nämlich 1999, überarbeitet habe; an d e m Text wird es vermutlich nur kleine und eben Korrekturen geben; ganz ähnlich die phantastische Sizilienerzählung. Die Verwirrung dagegen nimmt eine extreme Sonderrolle ein. Denn allerdings erinnre ich mich, damals, um 1980/81, da war ich vierundzwanzig / fünfundzwanzig, tatsächlich einen, wie ich es nach Aragon nannte, Zyklus im Kopf gehabt zu haben, die “Die Konstruktion der Widersinns” heißen sollte. Woraus halt etwas völlig anderes wurde. Daran trägt → Frau v. Hüon die Schuld. – Tatsächlich ist die Verwirrung auch mein zweiter, eigentlich sogar dritter Roman, der aber als erster veröffentlicht wurde — und ein nullter[1]Tatsächlich gibt es noch einen “vornullten”, “Judex” genannt, an die fünfhundert Seiten, die ich mit fünfzehn schrieb. Aber der fällt in die Kategorie Räuberpistole und … Continue reading also ging voran, “Destrudo”, der tatsächlich ebenfalls in die Reihe Verwirrung-Wolpertinger-Anderswelt gehörte, insofern sein Personal zumindest teilweise in Verwirrung und Wolpertinger erneut in Erscheinung treten, wenn auch nur indirekt. Und selbst das stimmt nicht ganz. Denn etwa Karl Polst tritt im Wolpertinger auch als Person direkt wieder auf. Bloß gibt es “Destrudo” nach wie vor nur als mit der Schreibmaschine getipptes Typoskript:

Ich habe das Buch niemals wem angeboten und würde es auch heute nicht tun, sondern es – freilich auf der Grundlage des, lassen Sie es mich, jugendlichen Textes nennen – völlig neu schreiben.

Was mir, Freundin, n o c h heute auffiel, war, daß ich nunmehr von Laupeyßers Ichverlust und Einsamkeit schreibe (“wenn’s ihn fröstelte vor Ichverlust und Einsamkeit”), was ich damals offenbar vermeiden wollte; im ersten Text steht lediglich, daß man sich notfalls (!) unter der Bettdecke —  aus der ich jetzt eine “Steppdecke” gemacht habe, weil mein Antiheld auf dem Wohnzimmerboden unter ihr liegt –  verkriechen könne. Wahrscheinlich wäre mir schon das Wort “Einsamkeit” damals zu offen autobiografisch gewesen, nämlich kitschig vorgekommen, eine Scheu, die ich bekanntlich schon deshalb verloren habe, weil meine Auffassung der Wirklichkeit nicht mehr naiv ist, sondern um die Realitätskraft der Fiktionen weiß, die uns derenthalber ständig mitformen. Was ich in der Verwirrung damals entwickelt habe, nämlich das Konzept (ecco! es war Konzept und nicht gelungen Roman) einer komplexen Realität, die sowohl physisch als auch durchsetzt von wirkenden Ideen ist, etwa von Allegorien, hat mich selber, den Autor, so sehr verändert, daß ich das, w a s mich verändert hat, nun in angemessene Form bringen muß. Es kann, mit anderen Worten, jetzt erst werden, was es damals sein noch nicht konnte: ein Kunstwerk, dem die eigene Wirkung eingeschrieben wird. Und so nehmen wir wechselnde Zeitzustände ein.
Genau das möchte ich in dem Vorwort erzählen. Dies hier ist ein Vorentwurf.

Zu dem ich, nachdem ich’s vormittags mal wieder mit Frederick Delius versuchte – ein Zugang zu seiner Musik bleibt mir indessen versagt; ich hör da nur Geplätscher -, Frank Martins enorm tiefem → “Der Sturm” lausche, deutsch nach Shakespeare/Schlegel, eine Oper, die so unbekannt ist, daß es nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipediaeintrag gibt. Ich sah das Stück bis heute auch nur auf einem einzigen Spielplan; in → Konstanze Führlbecks Kritik wird es “spröde” und, seltsame Formulierung, “etwas distanziert” genannt. Dabei hätte sie nur Fischer-Dieskaus Interpretation allein der drei Monologe Properos sich anhören müssen, um zu begreifen, daß Sprödheit und Distanz eher wohl ihr selbst eigen sind, als daß sie Eigenschaften dieser Musik wärn:

Aber nein! Statt einfach mal, um sich angemessen intensiv vorzubereiten, hinzuzuhören, hört sie sich mit den folgenden Worten hinweg: “… doch die großen Impulse finden sich weder in der Musik noch in der Regie.” So daß dieser Sturm “doch eher ein Sturm im Wasserglas” bleibe. — — —  Was eine d…. N..! (Ergänzen Sie selbst).

Ihr
ANH

References

References
1 Tatsächlich gibt es noch einen “vornullten”, “Judex” genannt, an die fünfhundert Seiten, die ich mit fünfzehn schrieb. Aber der fällt in die Kategorie Räuberpistole und Mantel & Degen. Aufbewahrt habe ich ihn dennoch:https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1-600x800.jpg 600w, https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1-768x1024.jpg 768w, https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1.jpg 960w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" />

Gratia Plena (1). Die Brüste der Béart XXIX (Entwurf des Anfangs). Die Brüste der Béart, 42.

 

 

Und scheinst uns plötzlich auf,
nachdem wir Dich in andren zu erkennen,
im elfenbeinschimmernden Glanz marmorner Zartheit,
für Dich, Béart, bereit | angefangen hatten,

In der, halb streng, halb melancholisch,
Entrückung von Brügge, der römischen Schwester
Gefaßtheit herzgreifend ähnlich, aber eng
der Jugend Deines Sohnes angeschmiegt –

Gebenedeit, Vergine Madre, sei dein Leib
nicht nur die Frucht, oh Tochter Deines Sohnes1,
Du so im Fleisch, wie Deine Mutter rein
von Schuld berührte Braut des HErrn,

Dessen Geist Dir, Sure neunzehn,
als wohlgestalter Mann erschien
und Du empfingst am Ort, der fern
genug2, um unsres Lebens Grund zu sein,

Intim auf Eurem Lager ihn
in Deinem – heilig, Maryam – organischen Gewölb,
ach Erdengöttin … – w e n? und hast Du nicht geschrien
wie a l l e wir, da uns die Lust entgrenzt,

Als eine Ausgeschlossene, die Hirn nur, Denkprozeß,
empfindungslose Seele, sei, und blute nicht,
Beschnittene von Händen gar, die grob das Messer führten,
weil Frauenlust zu fordernd ist und wild

Uns übersteigt? —  Soll sie zum Himmel fahren!
Und steigt als Luftballon schon auf,
den nächsten Tags ein Bub in einem Dorngestrüpp entdeckt
als wie ermattet schlaff ein weggeschmissenes Kondom,

Doch so sehr ausgetrocknet, aß der sich gar nicht ekelt —
(…)

1) Figlia del tuo figlio, → Dante
2) → Sure 19, hier variiert

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