Ohne mehr Nefud: Das Krebsbeendungs- oder doch nur neues Arbeitsversuchsjournal? nämlich des Dienstags, den 18. August 2020.

(Siehe auch >>>> Trainingsprotokoll)

[Arbeitswohnung, 7.52 Uhr | 70,2 kg
Erster Latte macchiato.
france musique contemporaine:
Penderecki, Requiem polonais]

Ein wirkliches kleines Wunder sei es schon, sagte mein Onkologe gestern, als ich unseren ersten gemeinsamen Termin nach der Großen Enteinigung wahrnahm, mit dem Fahrrad hingeradelt, … – ein kleines Wunder, wie er mich jetzt so vor sich sitzen sehe, ohne daß mir, außer daß ich etwas schmaler geworden, etwas anzusehen sei, schon gar nicht solch eine Operation, die überdies nicht einmal zwei Wochen zurückliege.
Ähnliche Sätze habe ich nun mehrfach gehört, von meinen Liebsten, von Freunden, den Verlegern, und Fremde sehen mir sowieso nichts an. Es ist, als hätte es den Krebs, meine Liligeia, nie gegeben. Ich spüre das Bedürfnis, ihr einen Abschiedsbrief zu schreiben, auch wenn es nun eine ins Meer des Lebens zu werfende Flaschenpost sein wird, weil ich über keine gültige Adresse mehr verfüge. Und bin dennoch vorsichtig. Die Krebsin kam aus mir selbst und könnte wiederkommen, jederzeit, zumal sie nämlich — “einfach” verschwand: nur noch ihr, siehe unten, Bett war zu erkennen.  “Derart perfekt haben Sie” – (was “hat Ihr Körper” meinte) – auf die vier Chemophasen reagiert, daß, erzählte mir Herr Heise, der Tumor nicht nicht nur  bei Beginn der Operation gar nicht mehr sichtbar war, sondern auch die folgende histologische Untersuchung konnte ihn nicht mehr finden, nicht einmal Spuren, so wenig wie in den dreißig mitentfernten Lymphknoten und dem Stückchen herausgeschnittener Bauchspeicheldrüse.” Und was mich da nun in eine so große Erleichterung versetzte, daß ich gleichsam von ihr geflutet wurde: “Nein, eine postoperative Chemo halte ich für unnötig, ja sogar für kontraindiziert.” Was ich mir selbst gedacht, aber befürchtet hatte, mich dem doch noch aussetzen zu müssen, also die Bauchwunde ihr aussetzten zu müssen, zumal auch meine Verdauung noch ausgesprochen heikel reagiert. Den Heilprozeß und die allmähliche Neueinstellung der Stoffwechselorganik erneut-massiv mit Zytostatica zu beschießen – diese Vorstellung war mir, seit ich Aqaba verlassen, der pure, ich gebe es zu, Horror. Der ich so etwas, also einen Horror, vorher überhaupt nicht empfunden. Sofern ich mal von dem ersten halben Tag Intensivstation absehe, der – anders als mir “prophezeit” – eine kleine Hölle war. Davon aber will ich getrennt berichten, wenn ich mir die Große Enteinigung erzählerisch-direkt vornehme. Ein paar Skizzen stehen schon.

Doch hier erstmal der histologische Befund des pathologischen Instituts der Klinik:

Immerhin bezeugt er, daß es Liligeia objektiv gegeben hat, sie nicht etwa meine Erfindung war — mit welchem Vorwurf ich möglicherweise zu rechnen hätte, einigen Freunden zufolge, die meine heikle Stellung im deutschen Literaturbetrieb gut kennen. “Wenn man dir gar nichts ansieht, wird man zumindest munkeln, du habest dich wieder mal wichtig machen wollen mit deinen von ihnen seit je abgelehnten, ja als Machismo verhöhnten Haltungen. Daß die eine solche Erkrankung zu bewältigen helfen und vielleicht sogar mehr als das, darf in der Logik solcher Kritiker nicht sein.” Denen, in der Tat, gilt schon seit je: Im Zweifel gegen die Tatsachen.
Und dennoch bin ich unruhig und mag nicht wirklich, was wohl indessen eh unangemessen, triumphieren. Denn was nicht (mehr) da ist, kann auch nicht entfernt werden; so bleibt mir Lilly zumindest imaginär allerhalten. Wir werden genau beobachten müssen, aufmerksam sein: fortan jedes Vierteljahr Kontrolle, teils mit Spiegelungen und in jedem Fall der Tumormarker. Es gilt eine Spanne von fünf Jahren gesund zu überstehen; daß ein Krebs danach wiederkommt, gilt für unwahrscheinlich, bis dahin ist allerdings das Risiko hoch. “Doch bei Ihrem histologischen Befund sind die Chancen, wieder komplett zu gesunden, ausgesprochen groß.” Wobei ich entschieden darauf beharre, krank nie gewesen zu sein, sondern einen Tumor gehabt zu haben, eine Tumorin. Das ist etwas anderes. Kurz gesagt (und auch dieses wiederholt): Ich bin kein Opfer und war auch niemals eines.

Indessen, da es nun keine Rückreise durch die Nefud mehr gibt, muß ich mich aufmachen, auf  مطار الملك حسين الدولي  beizeiten meinen Flieger zu erreichen. Doktor Faisal und Lars ben Gamael wollen mich begleiten, jener allerdings, um noch eines unserer guten Gespräche zu führen; ein wirklich guter Freund ist mir in ihm erwachsen – so, wie auf ganz andere Weise Riih, mein → Röhrerich. Doch ich denke, nach Verstreichen meiner Gesundungszeit werde ich hierher auf jeden Fall zurückkommen, dann freilich in der literarisch realistischen Form einer Reise, die sich von meinen üblichen Touren nach Italien, Nordafrika und Indien nicht mehr unterscheidet.

Ihr – “liebste Freundin” wieder –
ANH

P.S.:
Der oben benannten Fünfjahresregel zufolge müßte bis zum Ablauf dieser Frist jedes hiesige Journal Krebstagebuch bleiben. Wär das nicht aber inflationär? – Gut, ich behalte den Begriff erst einmal bei, bis meine Bauchwunde vernarbt ist, also der Schnitt sowie das zugenähte Loch der Drainage, das sich ein wenig entzündet hat; morgen wird eine sogenannte Wundschwester kommen, um es sich anzusehen; ich wußte nicht einmal, daß es diesen Berufsstand überhaupt gibt.  Oder sagen wir so: Sowie ich wieder arbeiten kann, wie ich es gewohnt bin und wonach es mich dringend sehnt, lasse ich das “Krebstagebuch” endlich fallen, Ich bin eh noch immer sehr schnell, und es ist überaus bezeichnend, daß seit der Operation das Wort “ReHa” nicht ein einziges Mal gefallen ist, weder seitens der Klinik noch gestern durch meinen Onkologen. In der Tat ist mir auch schon die Vorstellungallein ein Graus, mich in die Obhut eines, entsetzlich!, Heimes zu begeben, um mich umtüdeln zu lassen und obendrein mit angeblichen “Leidens”gefährtinnen und -gefährten mich über “die Krankheit” dauernd auszusprechen. Als ob es nicht das Leben gäbe! Viel, viel dringender bedrängt mich die Frage, wann ich meinen Sport wieder aufnehmen kann; der Onkologe wie Phyllis, die Freundin, empfehlen, jetzt schon mit dem Oberkörpertraining zu beginnen, aber eben nur, insoweit nicht der Bauch belastet wird. Hanteltraining, also der Arme und Schultern, auch ein wenig des Rückens, um den Neuaufbau zu starten. Denn in der Tat, von meinem vormals athletischen Körper ist nicht mehr viel geblieben, und meine Arme kommen mir wie Ärmchen vor, langen dünnen Ästen gleich. Daß niemand mir das ansieht, liegt schlichtweg an der Kleidung.  Und meinen Arsch will ich in Männerform behalten (kaum was ästhetisch Grauslicheres als flache und hängende Backen; nur geschwollene Füße toppen das noch. — Fahrrad fahren also, fahren, fahren und fahren.

Ich bin ein Ästhet, dessen Normen aus Gründen der Gerechtigkeit ich selbst entsprechen muß. Und will. Alleine schon aus Stolz.

[france musique contemporaine:
Klaus Huber, A l’âme de descendre de sa monture et aller sur ses pieds de soie – concerto de chambre pour violoncelle baryton contralto accordéon et percussions}

“Mir steht ein Meer vor Augen”: Aus der Nefud ins Labyrinth der Zeit, nämlich “Vor Aqaba”, 1. Am Sonntag, den 19. Juli 2020.

[Arbeitswohnung.Anderswelt: حراء النفود    | 8.06 Uhr. 75,5 kg.
Sibelius, Zweite Sinfonie (Berglund)]

Er ist, der riesige Bogen über dem Einritt, nicht weiblich, sondern – ohne das Samt der glans penis – männlich-hart, ja eckig erstarrt wie das auf Äquivalenzform geglättete Bauhaus unserer architektonischen postfaschistischen Ära, die mir dieses ungute Gefühl schürt, wenn ich durch die sanierten Straßen Berlins flaniere: sogenannte Klarheit der Oberfläche mit verschwindendem Geheimen, Geheimnis als transparentem Verschwinden, Durchschaubarkeit als Fetisch des homo calculans, verstecklos selbst für die Vögel; Flur”bereinigung” als Ideal durchmarschierbarer Viertel, wogegen Berlin sich, ach meine tapfer Stadt, immer noch sperrt. Doch Corona machte den Widerstand der Guten, mit leider guten Gründen, still. Deshalb erschrak ich denn doch ein wenig, als ich Röhrerich vorsichtig dem Bogen nähertrieb, der es, Bogen, eben nicht war, vielmehr, und zwar ausgesprochen, an japanische Tori erinnerte, deren Kasagi nicht von ungefähr an das 軍刀 erinnert, was ich hier viel weniger deshalb schreibe, um an → mein Hörstück zu Japan zu erinnern, als weil dies im übertragenen Sinn für das Skalpell des Chirurgen steht, das Lilly und mich nach der Durchquerung des Zeitlabyrinthes in Aqaba unweigerlich erwarten wird. Sogar der Termin steht ja nun fest, 4. August, und es haben sich nun schon Freundinnen und Freunde angemeldet, die zwar auf anderem Wege dort hinreisen werden, als ich es tat, aber halt vor Ort sein wollen, wenn ich wieder erwache. Da, erklärte mir Faisal, auch hierzulande Corona leider einer Rolle spiele, sei immer nur eine Besucherin, ein Besucher auf einmal erlaubt. So telefonieren die mir Nahen nun miteinander und teilen sich Besuchszeiten zu, während ich mich dem Tor weiter nähere, vorsichtig, sehr vorsichtig. aber Röhrerich ist beruhigend ruhig und läßt sich auch vom Meeresrauschen nicht irritieren, das, wie ich vermeine, durch den Bogen zu uns herweht. Und ich rieche Thymian, rieche Lorbeer, rieche Lavendel, rieche Myrte – ach mein Herz geht, Heimat, auf. “In aller Regel”, hat mir die Durimeh gesagt, “gelangen die sich hindurchtrauen an ihre Sehnsuchtsorte. Doch seien Sie vorsichtig: Sehnsucht und Schrecken sind bisweilen dasselbe. Sehnsuchtsorte Schreckensorte – oder der Sehnsuchtsort kann, nicht unähnlich einem Höllentrip im Drogenrausch, von einer Sekunde auf die andere in den Horror umkippen — wie jede  Heimat eben selbst.” “Wahlheimaten auch.”
Ich erinnerte mich an eine nun über dreißig Jahre zurückliegende Nacht bei Ribera, wo ich, weil die Eisenbahnstrecke unterbrochen war, auf einer brachliegenden Hausbaustelle am Straßenrand. Und diese Nacht, in der schneeweiß oder, wie ich irgendwann spürte, leichenblaß der Vollmond lichthell fror, zu einer wachster Albträume wurde. Ich hörte sogar die Werwölfe unter dem achtelsfertigen Balkon herumstreifen, auf den ich meinen Schlafsack gebreitet hatte. Nein, an Schlaf war nicht zu denken, weil eben nur zu denken gewesen. Kein Auge tat ich zu. Andererseits kennten, so weiter Durimeh, die Zeitlabyrinthe der Nefud nicht ihre Strahlungen — was bedeutet, daß sich, so lange ich darin verweile, die Zytostatica allmählich ausschwemmen werden, die während und nach der Operation eben nicht mehr wirken dürfen, also aus dem Körper spätestens in Aqaba hinaussein müssen. Und aber: – daß es mein Sizilien zu sein scheint, das sich hinter dem Tor mir öffnet! Ach und wo sonst sollte ich das letzte der Béartgedichte fertigschreiben können als eben dort? Und ob ich Catania wiedersehen werde, um Austern auf dem grandiosen Fischmarkt dort zu essen und Seeigelhälften auszulöffeln? Sollte das Zeitlabyrinth solche Erholung bedeuten?

Und noch ein paar Trampelschritte meines Rihs näher
an das Tor. Seltsam, daß das Tier grad gar nicht schaukelt,
mehr Wüstenkorvette denn eine Kogge.

Andererseits kann ich nicht vorhersagen, wie sich → Liligeia verhalten wird. Sie meldet sich jetzt ziemlich nachdrücklich immer wieder: zwei Tage habe ich Ruhe, dann geht der Tumorschmerz wieder los, währt einen halben, in ungünstigem Fall sogar einen ganzen Tag, den weder Novamin noch Cagliostros THC-Präparat mir erleichtert, klingt dann unmerklich ab, und ich habe wieder Ruhe. Leicht übel ist mir ohnedies nur immer direkt nach dem Aufwachen. Wobei ich derzeit extrem viel Schlaf brauche, die für mich höchst ungewöhnlichen sieben bis acht Stunden sind momentan gewöhnlich geworden. Etwas nervig ist nach wie vor die (leichte) Neuropathie, weniger in den Fingerspitzen, dort scheint sie sich zurückzubilden, als in den nun bereits morgens schon, beim Aufwachen, geschwollenen Füßen. Keine Frage eine Strahlungsfolge, von der ich nur hoffen kann, daß sie sich mit der Zeit wieder verliert. Eine Sicherheit dafür gibt es allerdings nicht. Nun gut, erst einmal wird eh → die Große Enteinigung zu überleben sein, die meiner Lillys Protest offenbar so provoziert. Doch könnte da nicht auch die Nähe des Meeres mildernd wirken? Und vor allem, denke ich, werden ihr die Nereïden zurufen, ihre indirekten Schwestern also; das wird sie vielleicht ablenken. Und es mag Sirenen geben, denen ich als Opfer ebenfalls schmeckte, so daß sie zu meiner Krebsin in für sie bislang unversehene Konkurrenz treten; und Lilli ist, so ahne ich, höchst eifersüchtig. Vielleicht aber hat sie sogar Freude an dem, sag ich incorrecterweise mal, Stutenkampf, da sie eben weiß, wie wenig ich als Opfer tauge. Da könnte sie sehen wollen, wie die Schwestern damit umgehn – mit also einem Mann, der weder Frauen mißachtet, gar erniedrigt, sie im Gegenteil wertschätzt und nicht wenige verehrt, noch sein eigenes Geschlecht erniedrigen läßt, schon gar als ein “Sozialkonstrukt“. An dieser zutiefst kapitalistischen Pest sterbe ich jedenfalls nicht. Lieber doch an Liligeia, und eben mit ihr, insgesamt vereint. Woran mich letztlich einzig stört, daß es meine Lieben dann mit der Auflösung der Arbeitswohnung zu tun bekommen werden, eine Zumutung, die ich nicht einmal mir Egalen aufbürden wollte. Aber vielleicht gelingt es ihnen, meinen Nachlaß zu verkaufen, an Marbach etwa, und so für das Schlimmste professionelle Entrümpler finanzieren zu können.

Nur noch zehn Meter. Oder zwanzig? Das Tor wird
immer größer, ich muß schon den Kopf
in den Nacken legen.

 

Sinnbetörend rauscht das Meer heraus.

 

Fasse, Dichter, Dir |Dein’s Herbstes immer noch junges Hochsommerherz.

Schnalzen: “Vorwärts, einfach vorwärts, Rih.”
Nein, ich seh nach den Reisefreunden mich nicht um.
Noch einen Schritt, nur noch einen. Das Tor ist nun Hunderte Meter hoch, und vor mir, ist man hindurch, geht es an der Lavaküste Hunderte Meter hinab. Für Dromedare ist dies kein Land: “Leg dich, mein Rih.”
Nochmaliges Schnalzen, “‘k-‘k-‘k”, leichter Druck mit den Fersen unterhalb des Sattels, und Röhrerich knickt erst die Vorderbeine ein, der Hinterleib senkt sich hernach, und als das Tier am Boden ruht, rutsche ich seitlich aus dem Sattel hinab, klopfe dem treuen Gefährten ein letztes Mal kosend den Hals. Die Freunde werden ihn finden und zu den anderen Kamelen führen. Ich indessen strecke mich, entschließe mich

und bin,

nun endlich,

hindurch:

 

 

 

 

 

ANH

“Noch einmal, eh mein Herze bricht”: ANH an Liligeia, elfter Brief. Donnerstag, den achtundsiebzigsten Krebstag 2020.

 


[Arbeitswohnung/Nefud
16. Juli 2020,, 7.20 Uhr. 73.5 kg.

Malipiero, Cellokonzert]

Ich weiß,

ach meine Lilly,

nicht, was Dich bewogen hat, so sehr in mir zu wüten, daß ich vorgestern und vorvorgestern quasi bewegungslos verharren mußte, jeweils ein paar Stunden auf dem Lager, und des verehrt-geliebten Henri Heines Matratzengruft fiel mir da ein:

Und ist man tot, so muß man lang
Im Grabe liegen; ich bin bang,
Ja, ich bin bang, das Auferstehen
Wird nicht so schnell von Statten gehen.

Noch einmal, eh mein Lebenslicht
Erlöschet, eh mein Herze bricht –
Noch einmal möcht ich vor dem Sterben
Um Frauenhuld beseligt werben.

Heine, Matratzengruft: → Der Abgekühlte

Und das, wie wirklich Dich beschreibend, ist mir ohnedies dauernd gewärtig:

Sie küsste mich lahm, sie küsste mich krank,
Sie küsste mir blind die Augen;
Das Mark aus meinem Rückgrad trank
Ihr Mund mit wildem Saugen.

Heine, → Es hatte mein Haupt die schwarze Frau

Nicht einmal das Novamin wirkte, jedenfalls brauchte es Stunden, um diesen quer überm Sonnengeflecht stehenden Schmerz wenigstens zu beruhigen; völlig gelang es erst in der Nacht mit zusätzlichen THC-Gaben und obendrauf noch einer, damit ich durchschlief, Zolpidem. Eine für mich völlig neue Massierung von Medikamenten.
Also sag mir, was es war, das Dich so wütend machte. Schier von Sinnen bissest Du herum und bohrtest Deine Spaltbeinspitzen ins Organ. Ist es das Gespräch mit Professor Heise gewesen sowie meine Entscheidung für das Sana-Klinikum und daß nun Aqaba derart konkret wird, sogar schon das genaue Datum festgelegt zu haben? Oder daß ich die OP ein Fest nenne, zumal unserer → “Enteinigung”! Aber wie liegen da beide im Risiko, ich nehm mich gar nicht aus. Immerhin das könntest Du doch achten, indem Du Dich mir milde zeigst. Und daß seit gestern morgen der Schmerz vorüber, beinah völlig, auch wenn ich “sicherheitshalber” alles noch mit weitrem Novamin gedämpft habe, — liegt dies daran, daß Du Dich ausgetobt hattest und einfach nur derart erschöpft warst, von Dir selber, daß ich tatsächlich wenigstens das eine → Auge lasern lassen konnte (das rechte)? Beim linken sah die junge Augenchirurgin keinen Handlungsbedarf. Tatsächlich war der meine Sicht trübende und sowohl Arbeit wie Lektüre deshalb zunehmend behindernde Milchschleier rechts sehr viel stärker. Nun  ist er dort völlig weg, ich sehe wieder messerscharf – nur aber eben rechts ist die vermilchte Irritation noch da. Um zwölf bin ich zur Nachuntersuchung bei der Augenärztin, dann werde ich’s ansprechen und will eben auch drauf beharren, daß der im übrigen wirklich nur kleine und kaum fünf Minuten währende Eingriff auch rechts noch durchgeführt werden wird. Zumal es überhaupt keine Probleme wegen der Nefud gab, weder ihretwegen noch wegen des Clopodigrels, das eine Woche vor der Großen Enteinigung aber abgesetzt und durch Heparin ersetzt werden muß. Und wenn Du mich nicht wieder quälst, ist alles – und aber mit welchem Erfolg! – im Nu zum besten.
Wir werden sehen.
Oder haben Dir, als Du tobtest, die Zytostatica gefehlt? Nein, ich meine das nicht zynisch. Es war doch immer so, daß Du gegen Ende einer Chemophase böse sozusagen auflebtest, bis die neuen Infusionen Dich wieder, ich schreibe mal, gelassener machten, und es wäre Zeit für die fünfte Chemo gewesen oder dem Einritt in der Nefud fünften Kreis der erlösenden, bzw. zur Erlösung führenden, sie zumindest in Aussicht stellenden Hölle. Irgendetwas war es jedenfalls, Dich derart häßlich zu machen, daß ich ganz auf meine Liebe vergaß und  nur dachte: Ach, wär sie endlich fort!
Doch kann’s eben sein, daß wir beide in enger Umschlingung unsere Enteinigung nicht überleben werden. Ich bin mir des Risikos völlig bewußt. Und wie gerne wäre ich also noch mal ans Meer gefahren, mare nostrum aber — nur daß mir meine Contessa gestern absagen mußte. Meine Entscheidung fiel einfach zu spät, auch wenn sie früher fallen nicht konnte, weil die ärztlichen Ergebnisse abzuwarten waren. Ach, und ich hatte dabei einen derart günstigen Flug gefunden, hätte nur gleich buchen müssen. Was ich eben nicht konnte. Ich  möge bitte nicht böse sein … Bin ich auch nicht, nicht im geringsten. Traurig aber ist es schon. — Ah, war es das? Erwisch ich Dich bei einer (ich weiß, Du wirst es nicht gern hören) … — Menschlichkeit? Du hattest wohl wie ich selbst die Absage vorhergeahnt, als ich tags zuvor mit der Contessa telefonierte und ihrem Tonfall entnahm, daß es mit dem Besuch auf der Insel nichts mehr werden würde. Da stelltest Du Deine Angriffe ein. Ist doch zumindest auffällig, dieser Gleichzeitigkeit. Dachtest Du: Nun ist er wirklich genug gestraft? Oder ließest Du von Deinem quälenden Toben, damit ich von der Traurigkeit nicht abgelenkt würde, sondern sie auch zur Gänze durchlebe? Das wär dann Infamität noch auf den Schmerz oben drauf.
Ah, das gefällt Dir? Wir küssen uns, wir schlagen uns. Gemeinsam ist uns immerhin das, aus tiefster Seele, beide, incorrect zu sein.

Klar, ich habe nach Alternativen geschaut, Neapel, Catania, Palermo. Doch die Flüge sind teuer geworden dort hin, zumal ich dann auch noch die Unterkünfte zahlen müßte. So viel Geld ist nicht da; auch sollten die Kosten im Verhältnis stehen. Zu zelten hingegen, die kostengünstige und mir ohnedies nahe Alternative, scheint mir derzeit nicht angebracht zu sein. Und ich muß Risiken abwägen, coronahalber, nicht weil ich furchtsam wäre oder glaubte, eine Infektion nicht durchstehen zu können, sondern weil dergleichen den OP-Termin unserer, Lilly, Enteinigung gefährden würde. Besser also, ich folge die verbleibenden ja nur noch achtzehn Tage den Zeitlabyrinthen, → von denen Marah Durimeh erzählt hat, und suche mir darinnen mein Meer. Oder ich finde spontan einen Restplatz im Flieger, am besten einen Tag vor dem Flug – die für dreivier Tage Abwesenheit gepackte Tasche kann ja gepackt schon bereitstehn. Ich denke nicht einmal, daß Faisal mich im Labyrinth, das doch eben der Zeit ist, vermissen, ja mein, ich sag mal, Fehlen überhaupt bemerken würde – schon weil ich Schlaf-, bzw. Traumzeiten nutzen könnte. Und falls es denn doch nichts werden sollte, es ist ja alles ziemlich knapp und wegen Corona auch nicht unkompliziert, fahr ich vielleicht zumindest an einen der Berlin-mecklenburgschen Seen, und unterhalte mich mit Najaden, deren Eifersucht der Deinen bekanntlich nicht nachsteht; vielleicht, daß ich den Fokus Deiner Konzentration dann auf sie umlenken werde. Du wirst Dich dagegen kaum wehren können. Doch, wie auch immer, eines gib zu: Wenn wir nachts tatsächlich schlafen, an- und beieinander, ist es nicht auch für Dich dann erholsam? O Liligeia, kleine Erde, laß uns doch miteinander diese letzten Tage wenn schon nicht voller Liebe, so doch barmherzig verbringen. Ich jedenfalls habe auf Kampf nicht große Lust; heftig genug wird Aqaba werden.

A.

P.S.:
Es geht nicht darum zu gewinnen. Gewönnest nämlich Du, verlören wir beide; gewönne aber ich, verlörest Du allein. Bedenke dies.

Klarheit im August ODER Das Große Fest der Enteinigung. Im Tagebuch des fünfundsiebzigsten Krebstags 2020.

[Arbeitswohnung, 15.31 Uhr. 74,8 kg.
Malipiero, → Le sette canzoni]

Auch dies, nach Maxwell Davies, eine unvermutete Entdeckung., deren Klangwelten mich noch einige Zeit beschäftigen werden — Gian Francesco Malipieros und Alfredo Casellas, mit einem soeben, da ich nun seinen Orchesterliedern lausche, aufglühenden Mentalitätsakzent auf erstrem. Aber auch Malipieros höchst seltsam gezählten, durchweg recht kurz Sinfonien kann ich mich nicht entziehen, auch wenn ich ihre Verschiedenheiten noch nicht sofort mitfühlen, mitverstehen kann. Das aber eben sind die “Aufgaben”, wann immer wir es mit einer bislang fremden, doch spürbar vibrierenden, hier sogar nachdrücklich pochenden Musik zu tun bekommen. Selbstverständlich fangen wir dann nachzulesen an, machen uns auch über das Leben der Künstlerin, des Künstlers kundig und ärgern uns, wenn wir finden, es habe sich jemand zumindest unprotestierend mit Mussolini vielleicht nicht gerade handgemein gemacht, aber doch sich eingefügt. Malipieros Faszinosum wird für mich vor allem in der deutlichen Manier seiner Chromatik liegen, auf die ich in Kompositionen fast so direkt (“unmittelbar”) reagiere wie auf Chaconnes und Variationssätze.

Der Termin der großen Operation steht fest; mithin habe ich mich auch die für die Klinik entscheiden, nachdem ich heute früh um 9 das Beratungs- und Vorgespräch mit Professor Heise im Sana Klinikum hatte. लक्ष्मी radelte mit mir hin, saß dann auch dabei.
Im Prinzip entsprechen die Einschätzungen denen Prof. Biebls von der Charité, wobei Heise mit großem Schnitt arbeiten will und nicht ausschließlich minimal invasiv; allerdings keinem Schnitt als Brustöffnung, sondern dieses nur dann, wenn sich während der Operation zeigen sollte, daß meine Lilly nun doch höher in die Speiseröhre vorgedrungen ist, als es derzeit aussieht. Dann allerdings müßte direkt in die Rippentruhe gegriffen, sie also doch geöffnet werden.
Zu postoperativen Problemen könnte es vor allem an den Nähten kommen, die nach der Magenentfernung (Gastrektonomie) für die Verbindung von Speiseröhre und Darm sorgen; bisweilen bleiben sie nicht dicht, was, weil dann Säfte fehllaufen, schwer unangenehm sein soll. Das Problem sei zu beheben, bedürfe aber weiterer Eingriffe, auf die erstmal vier schwierige Tage folgten, weil man nicht schlucken in ihnen könne.
Dies nur zur warnenden Vorbereitung. Was mir wichtig ist und angenehm.

[ → Bildquelle (©]

Schon auf der Hinfahrt meldete sich Lilly leider deutlich; eine Erfahrung, die ich mit ihr während er Chemos nun schon mehrfach gemacht habe. Begebe ich schon morgens ohne irgendein Medikament hinaus und setze den Körper einer Anstrengung aus, beginnt die Tumorin zu rumorinnen; dann drückt der Schmerz aufs Atemzentrum, was am unangenehmsten ist. Mittlerweile weiß ich auch, in diesen Fällen helfen die Novamintropfen tatsächlich sehr gut und vergleichsweise schnell. Doch ich hatte keine bei mir, mußte bis zur Rückkehr warten und halt a bisserl die Zähne a bisserl zusammenkneifen.
Um etwas vor elf war ich dann zurück, nahm die Tropfen und hatte nun eine Stunde ruhender Wartezeit, die ich still auf meinem Lager verbrachte; für Musik tat der Bauch noch zu weg. Also vor sich hin dämmern, Lilly vielleicht ins Öhrchen Koseworte flüstern … — wenngleich … damit kann sie ja nun erst recht nichts anfangen (oder gibt das vor).

Jetzt war noch die Laser-OP meiner Augen anzugehen; den Termin im Mai, auf den ich über zwei Monate zu warten hatte, hatte ich wegen des Stagings absagen müssen. Aber ich hätte gerne vor der großen OP meine Sehkraft zurück, um gleich danach und eben noch in der Klinik, wieder gut arbeiten zu können und nicht so eingeschränkt wie jetzt zu sein, da ich immer wieder durch diesen Schleier dringen muß, der mir mehr und mehr vor den Augen liegt. Und war komplett überrascht, daß ich für bereits übermorgen einen Termin bekam … allerdings für nur ein Auge; mit der OP des anderen müsse hernach an die zwei Wochen gewartet werden. Was Unfug ist; ich habe meine künstlichen Linsen an zwei direkt aufeinanderfolgenden Tagen eingesetzt bekommen; weshalb sollte es so nicht auch bei der Behandlung dieses  → “Nachstars” gehalten werden? — Das müsse ich dann am Mittwoch direkt mit dem Arzt klären.

Es ist mir wichtig, weil ich so sehr gerne der Contessa Angebot annähme, noch vor der Großen Enteinigung, wie ich Liligeias OP von nun an nennen werde, für vierfünf Tage auf die Insel zu kommen. Um einfach nur ins Meer zu schauen, friedvoll mit den Nereïden, die in ungewissem Sinne Liligeias Schwestern sind, voll tödlicher Sirenenlust auch sie. Aber die kleine Reise birgt nun logistische Probleme, wenn Auge 2 nicht gleich nach 1 operiert werden kann. Doch sowieso werde ich am Mittwoch mit dem Arzt noch klären müssen, ob nicht überhaupt die in mir noch wirkenden Zytostatica das Lasern ausschließen. Und dann erst, mithin frühestens am Donnerstag, werde ich buchen können. Oder eben nicht.

Jetzt muß ich eben noch mal zur Augenärztin los: mit einen neuen Überweisungsschein ausstellen lassen, da der, den ich von ihr bekam, sagt man das? abgelaufen ist?

Gut, nun wissen Sie, Freundin, Bescheid.

Ihr ANH

Kreise der Chemie ODER Die verschlungenen Grenzen der Zeit: Aus der Nefud, Phase 4 (Tag 13).

 

 

 

[Arbeitswohnung/صحراء النفود
14.30 Uhr. 73,8 kg
Malipiero, Sinfonia No 4]

 

Da hat sie jetzt →  gut höhnen … Ich will das aber gar nicht kommentieren, sondern “einfach”, Freundin, erzählen, wie eindringlich die Durimeh uns warnte: – daß wir auf keinen Fall durchreiten dürften. – Noch gestern abend war sie auf einer blitzschwarzen, hochnervösen Araberstute in unser Lager geprescht, um mit Faisal eine ziemlich heftige Auseinandersetzung zu führen, von der ich aber nicht nur des arabischen Dialektes wegen wenig mitbekam, sondern weil ich diese klanglich schöne Sprache doch insgesamt nicht mal stümperhaft, also schon gar nicht be”herrsche” (“befrouwe”); und die beiden sprachen zu schnell, um den akustischen Übersetzer meines Ifönchens mitlaufen zu lassen. Worum es ging, erfuhr ich deshalb erst später, da hatte sich die Durimeh bereits zur Nacht zurückgezogen.
Vorausgegangen war der leider fälschlicherweise erleichternde Befund, es sei von Liligeia gar nichts mehr zu sehen; ich →schrieb es Ihnen vorgestern. “Sie können doch diesen Unfug nicht geglaubt haben!” so nehme ich an, daß es die Durimeh meinem Arztfreund vorgehalten hat. Ja, sie verstehe schon, daß man sich in unserer Situation auch an Strohhalme klammert, die verstopft sind – also daß womöglich ich es tue, so wie Patienten in innerer Not sogar zu Heilerinnen und andren Scharlatanen, die freilich ihre -Innen wie alle andren Sparten hätten, pilgerten, um sich Hoffnung zu holen und dann nach Strich und Faden ausgenommen zu werden; Todesgewinnlerinnen seien das, mit ihren Bachblüten und handauflegendem den-Krebs-aus-dem-Leib-ziehen. Nur daß ich mich in Not gar nicht fühle, schon gar nicht einer inneren, sondern nach wie vor zuversichtlich bin. Doch gebe ich zu, der irrende Befund der Radiologin hat mir ein Gefühl des Triumphes verschafft, das fast alle meine Freundinnen und Freunde teilten, die davon erfuhren. Nur लक्ष्मी ist von Anfang an skeptisch gewesen. Und wie sich gestern nacht herausstellte, war es eben sie, die Marah Durimeh informierte. Keine Ahnung, woher sie ihre Adresse hat. Als ich sie anrief und fragte, gab sie fast achselzuckend zur Antwort, ‘man kenne sich halt’. Und die Durimeh reagierte quasi sofort, warf der Stute nur eine Decke über, schwang sich selbst darauf und galoppierte also los.
Wir konnten Li dann alle gut erkennen. “Hier”, so Matthias Biebl, “diese dreieckige Fläche, das ist sie.” In ihrem Billet hat sie, Li also selbst, genau dorthin dieses fiese Emoji geklebt:

Wir saßen, लक्ष्मी und ich, im Besprechungszimmer des Virchowklinikums der Charité.
Ja, der Tumor sei kleiner geworden. Jetzt aber müßten wir eine dreiwöchige Pause einlegen, um die Zytostatica sich abbauen zu lassen, also, ganz wie es mir auch von anderen Seiten schon gesagt worden war, den Körper wieder zu entgiften. Was ich nicht verstanden hatte: “Dann kann sich die Krebsin doch wieder erholen und doch noch zu streuen anfangen …” — “Nein, eher nicht. Sehen Sie, die Chemo bleibt ungefähr vier/fünf Wochen lang im Körper, verliert sich dann erst. Operieren wir früher, gefährden wir den Heilungsprozeß, weil er genau das braucht, was die Zytostatica attackieren: schnell wachsende Zellen.”
Das nun war einsehbar. Wäre es nach Marah Durimeh gegangen, hätten wir die Nefud jetzt sogar ganz zu verlassen. Doch wie dann wieder nach Aqaba kommen? Zumal bei der jetzigen Grenzsituation, in der es zwar theoretisch möglich wäre, nach Ägypten hinüberzugelangen, um dort nach eine Tauchzentrum zu suchen und vor der OP ein paar unterseeische Exkursionen zu unternehmen. Mir ist doch das Rote Meer ein noch gänzlich neuer Tauchgrund. Aber wir müßten ein Boot nehmen, da der Weg über Eilat aus nahostpolitischen Gründen völlig unpassierbar ist. Zum anderen, ich erzähle es, glaube ich, schon, kann ich mir nicht vorstellen, daß mir Faisal die wieder nötige medizinische Tauchbefähigungsbescheinigung ausstellen würde, selbst wenn ich ihn anbettelte – was sich aus Gründen des Stolzes ohnedies verbietet. Also was tun? Drei Wochen Wüste ohne Wüste … oder Durch die abnehmende Wüste reiten …  (wie der Mond abnimmt) … — “Die Zeitgrenzen nutzen”, sagte Marah Durimeh. – “Zeitgrenze?” – “Es gibt nicht nur Mauern des Raums. Es gibt auch Labyrinthe aus Zeit. Ich kann Euch eines weisen. Haltet Euch darin auf, bis es soweit ist, daß Ihr weiterziehen könnt. Aber Ihr müßt genau achtgeben, wo Ihr dann jeweils seid. Verirrt Ihr Euch, gibt’s niemals wieder ein Hinaus. Aber Ihr könnt an ein Meer Eurer Wahl, Ihr könnt ins Gebirge, könnt sogar, wenn Euch danach ist, auf den Mond, auf den Jupiter. Selbst andere Planetensysteme stünden Euch offen. Entfernungen spielen in Zeitlabyrinthen keine Rolle, weil sie ja selbst aus nichts denn Zeit erschaffen sind. Genau darin verbirgt sich aber eben auch Gefahr: Bleibt Ihr zu lange drin, sind draußen tausend Jahre vergangen, doch für Euch selbst warn es vielleicht paar Wochen.”
Sie habe ihm, also die Durimeh, eine Karte aufgezeichnet, der wir morgen folgen sollten. Sie selbst, meine Akupunkturen wegen, werde einmal wöchentlich vorbeischauen; sie habe eine — ja, genauso drückte sie sich aus — “Dauerkarte” für das Labyrinth. Bei Zauberinnen ihrer Gilde sei das normal, ungefähr vergleichbar unseren Saisonkarten fürs Freibad. Sie seien, ihre Profession, auch nicht ungefähr so gefährdet wie wir. — Ein weiterer Vorteil seien die Zeitlabyrinthen eigenen Bioports zur jeweils (sie benutze das folgende Wort aber nur unter Vorbehalt) Realität; wenn wir uns heute beeilten, bestünde nahezu Gewißheit, daß ich morgen meinen Termin im Sana-Klinikum wahrnehmen könne, um mit Michael Heise, gegebenenfalls meinem dortigen Chirurgen, das Zweitgespräch wegen der Operation zu führen – noch ist ja nicht heraus, wo in Aqaba ich mich operieren lassen werde. Zwar, ich hab bei Googlemaps schon ein wenig geguckt, aber schwanke doch noch sehr. Wobei ich für Lis und meine Vereinigung eine Moschee höchst angebracht fände. Sexualität ist Religion, lebendig; ein Beischlaf Gottes-, präziser: Göttinnendienst, die Körper selbst sind Tempel:

Alleine so nun magst Du Göttin
von einem Gott den Sohn empfangen –
im Tempel, der, gebenedeit, Béart,
Dein Leib seit je uns – Amen – war.
Die Brüste der Béart, → XXVIII (Entwurf)

Vielleicht nicht Faisal, der zu patriarchal geprägt ist, aber Marah Durimeh versteht das; immerhin habe ich den Instinkt, daß Faisal es ahnt. Deshalb widersprach er nicht und akzeptiert, wie es aussieht, sogar das Zeitlabyrinth, das allerdings schon seinem Wüstenwesen nicht unvertraut sein dürfte:

Von glaubwürdigen Menschen wird erzählt (doch Allah weiß mehr), daß es in den frühesten Tagen einen König der Inseln von Babylon gab, der seine Baumeister und Magier um sich versammelte und ihnen auftrug, ein so verzwicktes und ausgetüfteltes Labyrinth zu bauen, daß die klügsten Menschen nicht wagen sollten hineinzugehen und die hineingehen würden, sich verirren sollten. Dieses Werk war ein Ärgernis, denn die Verwirrung und das Wunder sind GOtt vorbehaltene Handlungen, nicht aber den Menschen.
Als die Zeit verging, kam an seinem Hof ein König der Araber, und der König von Babylon (um der Einfalt des Gastes zu spotten) ließ ihn in das Labyrinth hineingehen, wo er erschreckt und verwirrt bis zum sinkenden Abend umherschweifte. Da erflehte er GOttes Beistand und fand die Türe. Von seinen Lippen fiel keine Klage, doch sagte er zu dem König von Babylon, in Arabien habe er ein anderes Labyrinth, und wenn GOttes Wille geschehe, wolle er ihn eines Tages damit bekannt machen. Dann kehrte er nach Arabien zurück, sammelte seine Hauptleute und Gemeindeobersten und verwüstete die Ländereien Babylons unter einem derart günstigen Stern, daß er ihre Festungen schleifte, ihre Leute aufrieb und selbigen König gefangennahm. Er schnallte ihn auf ein schnelles Kamel und brachte ihn in die Wüste. Sie ritten drei Tage, da sprach er zu ihm: “O König der Zeit und der Beständigkeit, du Inbegriff des Jahrhunderts! In Babylon wolltest du mich in einem Labyrinth aus Bronze verderben, mit vielen Treppen, Türen und Mauern; jetzt hat es dem Allmächtigen gefallen, daß ich dir meines zeige, wo keine Treppen zu ersteigen, keine Türen aufzustoßen, auch keine ermüdenden Gänge zu durchwandern sind und wo keine Mauern dir den Weg verlegen.”
Jorge Luis Borges, Die zwei Könige und die zwei Labyrinthe
(Dtsch. v. Karl August Horst)

So rasten wir denn heute, bevor wir in das andere, das Labyrinth der Zeit aufbrechen werden, das uns die verbleibenden drei Wochen aus- und bitte erfüllen möge, ohne daß ich etwa auf meine Abendspaziergänge und anderes mir Wichtiges verzichten muß, das mir guttut und Liligeia vielleicht ein wenig mildert. Der ich im übrigen → ihre Schadenfreude von ganzem Herzen gönne. Soll sie sie genießen. Sie täuscht nämlich ganz genau so, wie meine Lilly meinte, daß ich getäuscht worden sei. Tatsächlich haben die Zytostatica aber bewirkt, was sie bewirken sollten. Da kann mich ein ohnedies Wunder, weil es halt ausblieb, wirklich nicht enttäuschen.

Ihr ANH
[Malipiero, Drittes Klavierkonzert]

P.S.:
Höchst unklar allerdings wird der mir soeben vergegenwärtigte Umstand bleiben, daß sehr betonten Katholiken mein Ribbentrop höchst wichtig ist, und wie. So jedenfalls in José Garcías Artikel zu Yul Brunner → in der katholischen DIE TAGESPOST. Das versteigt sich bis in die Formulierung, das “postmoderne Pasticcio sei laut Herbst/von Ribbentrop nicht nur ein locker eingestreuter Scherz für Cineasten”.

Die Königsgärten des Abdulls: Aus der Nefud, Phase III (Tag 8): Dienstag, den 23. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 55.

[صحراء النفود. عالم آخر
  5.10 Uhr, 71,7 kg
Maxwell Davies, Naxos Quartet No 9]

Wir haben tatsächlich einen ganzen Tag Pause gemacht. Nicht nur das Wunder dieses Ortes erheischte sie, sondern meine Zustand war in der Tat … nein, nicht “bedenklich”, das ist er eh seit der Diagnose, doch dieser dritte Höllenkreis kostet enorme Kraft. Ich schrieb es Ihnen, Freundin, schon. Es ist nicht eine Qual, bewahre, sondern aushaltbar, nicht ständig angenehm, Sie spüren einfach, daß Sie Ihren Körper seit nunmehr viereinhalb Wochen unentwegt vergiften (sämtliche Zytostatica sind hochtoxisch), das hat Folgen im allgemeinen Zustand, vor allem auch der Konzentration, wenn man sich dauernd irgendwo ausstrecken und die Augen schließen möchte. Auch insofern war Faisal leicht zu überreden. Aber er selbst, die diese Gärten wie ich zum ersten Mal sah, mochte eigentlich nicht wieder fort, nicht gleich jedenfalls. Zudem er mit dem Herrscherhaus nicht nur über den gemeinsamen Glauben verbunden ist.
Wie auch immer, dieses war und ist der richtige Platz. Mehr noch, er wäre ein Ort, um aufgehoben zu sterben. Du hast ja das Paradies schon erreicht. In meiner Berliner Parallelwelt trudelte sogar die Fantasie eines Anrufs aus Riyad auf mich hernieder (es drehn sich fallende Buchenblätter so); man sei dort wegen meiner Erzählung aufmerksam gewesen, zu der verwendete Bilder sie, die Anrufer, geleitet hätten; und erst zwar sei man aus rechtlichen Gründen ungehalten gewesen und habe rechtliche Schritte erwogen, lächerlich, ich möge bitte verzeihen, – aber dann habe man verstanden, worum es eigentlich gehe und was ich poetisch versuchte, weshalb der — ich weiß nicht mehr, ob der freundliche Anrufer “Sheik” oder “König” sagte (er sprach ein deutlich arabisches Englisch) … weshalb der also DER mir das Angebot unterbreite, mich in den Flieger zu setzen (“nach Aqaba? nein, nach Riyad doch!”) und am Hofe (sagte er das, am Hofe?) ein Quartier auf Lebenszeit zu nehmen mit jederzeitigem Zugang zu den Gärten. Als einzige Gegenleistung werde erwartet, nein, nicht zu konvertieren, aber doch täglich den Koran zu lesen und ihn in meine Dichtung ebenso einfließen zu lassen wie → mein großer Vorgänger es getan, “ein viel größerer, wir wissen, ja … doch wenn Sie sich die profanen Zeitläuft’ betrachten …” — Hm. Unwahrscheinlich, daß er “Zeitläuft'” gebrauchte, zumal mit der Apostrophierung; ich wüßte nicht einmal, wie das Wort-selbst ins Englische zu bringen; da werd ich’s kaum verstanden haben. Doch kommt es nicht darauf an.

Wie erzählt und → dort auch längst nachgetragen (19.31 Uhr), waren wir bereits am Sonntag abend angekommen. Der Tag war ein bißchen besser als der Sonnabend gewesen, nicht gut, aber besser. Schon beim Losritt war es so gewesen, auch wenn ich nur wenig geschlafen hatte, durch”gehend” kaum mehr als drei Stunden, noch zwar, wie auch jetzt, kribbelt’s in den Finger und Füßen, aber die leichte Dauer-Übelkeit hatte sich verflüchtigt, wozu der arabische Kaffee unseres Kochs sein übriges Bestes hinzutat. Und wiewohl Riyad von der Nefud nun wirklich fast eintausend Kilometer entfernt ist, war niemand verwundert, als sich vor uns die Pforten dieser wahrhaft orientalischen Zauberwelt plötzlich erhoben… eine abgeschlossene, erst einmal, wie so vieles in der arabischen Welt hinter wie undurchdringlichen Mauern, die sich bis an den Horizont ziehen können, rechts vor dir, links von dir, und du gehst diese enge, enge Unendlichkeitsgasse entlang. Ganz selten eine Tür, ob in der Mauer links, ob rechts, Fenster aber nie. Hier war es aber nur eine einzige Mauer, die sich nach Art der Chinesischen quer durch die in unserm Falle Wüste zog, und sie war war derart quitte-, quittegelb, daß zu schreiben nicht falsch ist, sie habe sich uns, sich jähe aus dem Sand erhebend, in den Weg gestellt. Ja, sie verlangte, daß wir an ihre Pforte pochten. Alleine deshalb gab Faisal gab seinem Diener das Zeichen.
Lars glitt vom Kamel, federte auf, hob den rechten Arm vor der feinen Metallarbeit der, so schien es, durchbrochenen Kalligraphie, mußte mit den Knöcheln aber gar nichts berühren, da schob sich bereits hinter ihr die Abdeckung fort.
Eine Greisin öffnete uns, wie zu erwarten in völligem Schwarz. Nur nahm sie von Lars nicht die geringste Notiz und irritierenderweise auch von Doktor Faisal nicht, dem nun deutlich Führer und Herrn unserer kleinen Karawane. Sondern sie wandte sich ausgerechnet an mich, Alban ben Nemsi. “Da sind Sie ja endlich, sagte sie. “Auch wenn Sie kein Rechtgläubiger sind, grüßt Sie dieser Ort. Treten Sie ein mit Ihrem Gefolge, und wenn Sie mögen, dann sterben Sie in Frieden hier.”
Ich weiß nicht genau, weshalb, aber mußte an Marah Durimeh denken, die meinem Vorerzähler May allerdings in Weiß erschien und hier, im islamisch-patriarchalen Zusammenhang, eine höchst unwahrscheinliche “Sultanin” war. Außerdem, seit wann empfangen Fürstinnen und Fürsten ihre Gäste selbst und stehen dazu auch noch am Tor bereit, um den Fremden mit eigner Hand zu öffnen, wie eine Burgwache oder jemand vom Wachschutz bei TIFFANYS? – Später behauptete Faisal denn auch (was nicht minder irre war), die Greisin sei eine “Malukkin” gewesen. Vielleicht hat er aber → Mamlukin gesagt? Für die arabische Geschichte sicherlich näher liegend, auch wenn es wiederum zweifelhaft ist, daß es weibliche مماليك gegeben hat, also leibeigene Söldnerinnen, die besonders als osmanische militärische Elite im arabischen Raum selbst kulturgründend wurden, indes seit Bonapartes Ägyptenfeldzug nach und nach in den Bevölkerungen aufgingen und ihre kulturellen Konturen verloren.
Es spielt allerdings auch keine Rolle, weil Frau Durimeh, nachdem sie uns einen Wohnbereich zugewiesen hatte, überhaupt nicht mehr erschien. Mit wem meine Gefährten und ich noch Kontakt hatten, war lediglich das um unsere Wohlfahrt besorgte Gesinde — alles sehr leise, schnell vorüberhuschende, vorübertrippelnde ausgesprochen schöne junge Männer; Frauen bekamen wir keine mehr zu sehen, wirklich nicht eine einzige – ein Umstand, der mich gerade wegen meiner erotischen Neigung zu Orientalinnen normalerweise betrübt hätte, nun indes mich nicht einmal befremdete. Ich spüre, daß die Strahlungen der Nefud meine Zeugungsfähigkeit bereits zerstört haben, womit sie aber ja nur etwas sozusagen firmen, das mir schon seit vier Jahren schmerzlich bekannt ist: daß ich nicht mehr Vater werde. Nun muß ich darob nicht mehr klagen. Es hat keinen Sinn, sich nach etwas zu sehnen, das nie mehr werden wird; die Nefud hat diese Sehnsucht, hinge ich ihr weiter an, schlichtweg lächerlich gemacht, sie also gegen meinen Stolz gestellt, einen trotz der chemotoxisch herbeigeführten Unfruchtbarkeit männlichen Stolz. Und als ich gestern, ganz für micb allein, die weiten Anlagen durchschritt, kam mir die Erkenntnis, es werde, sofern ich alles überlebte, jetzt Zeit, mich zu vergeistigen. Nicht, um den Körper zu schmähen (“schwaches Fleisch” – welch widerlicher Unfug!), sondern um ihn auf andere, für meine Arbeit und also mein Sein neue Weise zu ehren. — Aber, Freundin, schreiten Sie erst mal ein bißchen mit mir herum, ergehen auch Sie sich (damit Sie verstehen), doch schalten Sie den schrecklichen Ton aus, den es in der Realität auch gar nicht da gibt:

Und selbstverständlich sind wir, anders als in dieser Animation, miteinander allein; wir brauchen gewiß auch die “Picnic Areas” nicht — eine für die Nefud unnötige Bemerkung, weil wir ja eben nicht wirklich in Riyad waren, sondern King Abdullah’s Gardens sich, läßt sich das so schreiben?, alleine meinetwegen derart weit von ihrem wahren Ort entfernt reinkarniert (?) hatten und noch haben. Vielleicht eher doch Lis wegen, von der mir zunehmend schwante, daß sie mit Frau Durimeh, wer immer die in Wahrheit sei, ein ausgesprochen vertrautes Verhältnis habe. Ich will es sogar so formulieren: Die beiden sind ein- und dasselbe Geschöpf, nur in anders dimensionalen Zuständen – insofern Lilly nämlich, falls ich sterbe, mit mir sterben, Marah Durimeh aber bleiben, sich freilich auch niemals konkret in jemanden einnisten wird. Sie verhält sich wie die Idee zu ihrer Konkretion, ist reine, allerdings wirkende Allegorie — und muß schon von  daher älter, sehr viel älter als Liliy, muß uralt sein, tatsächlich. Wie Frau Durimeh es auch ist. Wobei, daß sie sich nicht mehr gezeigt hat, sehrehr wahrscheinlich an meinem Entschluß liegt, in den Gärten nicht zu sterben. Obwohl ich gestern sehr versucht war, es zu tun. Denn nach unserem, Freundin, langen, langen Rundgang kam ich so abgeschlagen in das mir gegebene Zimmer zurück, daß ich mich sofort aufs Dunckerlager legen und ausstrecken mußte; an sich hätte ich etwas essen sollen, aber mir war leicht schlecht, so daß ich überhaupt keinen Hunger hatte, um von “Appetit” besser zu schweigen, und entsprechend habe ich auf heute früh wieder an Gewicht verloren. Wie gut, daß ich genügend Fresubin in den Reisetaschen habe! (Eine ist von den vielen, vielen Fläschchen wirklich prall). Allerdings hängen sie noch an Röhrerichs Sattel, und ich weiß nicht, wo die Stallungen sind – sagt man so auch bei Kamelen? Wobei ich jetzt eh nicht mehr losgegangen wäre.
Wie froh ich war zu liegen! Dabei war es wirklich noch hell. Ich wollte mich aber auch nicht ablenken, sondern mich gewissermaßen um mich selbst zusammenziehen. Und nahm die Stax-Hörer. Die Zeit war gekommen, der von mir als dringlich empfundenen → Anregung FJKs nachzukommen:

Sie müssten jetzt nach dem molto espressivo Bernstein den kühl (!) intellektuellen (!!) Karajan mit seiner – d.h. Gustav Mahlers (ANH) – 9. anhören. Das ist, obwohl … etc. pp., eine „gültige“ Interpretation.

Womit er, mit dem “gültig”, komplett recht hat, nur daß ich nicht weiß, ob ein “leider” dahintersetzen; denn Knelangens “obwohl … etc. pp.” ist ja dummerweise wahr. Hohe, in mir, Ambivalenz also. (Doch wo wäre meine Musikkenntnis stecken geblieben, hätte ich nicht seine, Karajans, Salome mit der jungen Behrens, nicht seinen Ballo in maschera  noch gar seinen Otello jemals kennen gelernt?)
Und also auch, wenn ich in diesen eine Stunde zwanzig währenden Momenten eigentlich bereit zu sterben war, etwas tatsächlich weder Vorhersehbares noch auch Wiederholbares hielt mich im dämmernden Leben. Ich habe es Herrn Knelangen vorhin schon privat geschrieben:

Was soll ich, kann ich sagen? Enorm, Karajan läßt keinen Schmerz aus (der in der Komposition selbst steckt, in ihrer Faktur), mildert nichts, läßt aufeinanderprallen, auch wo’s unschön wird … wobei ich dann auch noch eine akustische Vision hatte: In den vierten Satz bricht plötzlich ein weiterer Satz ein, eine “Rohfassung” des Stücks aus jüngeren Jahren, ungebremst, expressionistisch, auch etwas grob… Daran schloß sich ein erklärender Traum an: Mahler habe dieses Stück (ähnlich der “Todtenfeier”, die später Satz 1 der Zweiten wurde) als Jugendlicher komponiert, dann verworfen, aber jemand habe die Partitur einer Zeitung zugespielt, die – die Zeitung! –sie dann ohne Mahlers Einwilligung, ja ohne sein Wissen habe aufführen lassen. Daraufhin habe er einen Prozeß angestrengt, aber schnell wieder aufgegeben, weil was geschehen, geschehen….
Jedenfalls dieser rohe, harte, auch grobe “Vor-Vierte-Satz” brach unversehens über mich herein, während ich den “richtigen” noch hörte.
Spätestens da wußte ich, auf einen schweren Trip gegangen zu sein.

Doch eben auch, daß es zu sterben noch die Zeit nicht war.

Ich hörte die Sinfonie liegend, fast starr, ganz zuende. Dann war es nachtdunkel im Raum. Von draußen hörte ich, aus Vitrinen wahrscheinlich, Vogelrufe. Im Hinterhaus leuchteten hinter vier Scheiben noch Lampen. Ich sah nicht zur Uhr, hing nur wieder die Kopfhörer in ihre Halterung hinter meinem Schreibtisch. Dann rauschte ich, fast selber ein Wind, in die Gärten der Nefud zurück, schmiegte mich an — und schlief sechs Stunden durch.

Ich muß, denke ich, nicht erzählen, daß ich nicht etwa in dem Gästeraum erwachte, sondern wieder in meinem Zelt, das mit den anderen Zelten diesmal am Fuß eines Granithangs errichtet worden war. Woran ich freilich überhaupt keine Erinnerung hatte, nämlich so wenig wie Faisal an die Gärten oder gar an Marah Durimeh. “Wir haben befürchtet”, erkläre er, bevor wir uns auf die Dromedare machten, “Sie hätten extrem hohes Fieber. Denn tatsächlich haben Sie gestern abend vor Schwäche wild fantasiert. Sie hatten aber keines, waren nur kraftlos, mußten unbedingt ruhen, schafften es aufs Lager alleine aber nicht. So daß wir mit vereinten Kräften … Und Sie, Sie haben die ganze Zeit vor sich hingesprochen. Keine Sorge, es war fast nichts zu verstehen. Nur, daß es offenbar um Musik ging. Ich gab Ihnen noch ein paar Tropfen zum Durchschlafen. Ihre Füße sahen gräßlich aus. Aber schaun Sie, sehr viel besser heute vormittag, ich kann direkt wieder Zehen erkennen. Das ist doch schon mal was. Richtiggehend menschlich.”

An Faisals Witze muß man sich gewöhnen. Er kommt auf sowas aber nur, wenn ein besonderer Druck auf ihm lastet, den er wegscherzen will. Ich weiß, das überrascht auch Sie. Habe ich von ihm  bisher ein zu hehres Bild gezeichnet? —
Wie auch immer, der Druck ist objektiv, unseren nächsten Posten, als Kontrollstation, müssen wir übermorgen erreicht haben. Und dann wird’s strammen Rittes dem vierten Höllenkreis entgegengehn, vor dem’s mich diesmal, zugegeben, denn doch etwas bangt. Danach indes kommt Aqaba — kommst, Liligeia, Du.

ANH

 

 

Zur dritten Chemo: Krebstagebuch, Tag 52 | Arbeitsversuchsjournal: Sonnabend, den 20. Juni 2020.

[Arbeitswohnung, 9.01 Uhr
Schostakovitsch, Zweites Cellokonzert (Sol Gabetta)]

Das erste Mal, daß ich wegen der Chemo das Gefühl einer leichten Überforderung hatte; dieser dritte Zyklus ist deutlich stärker spürbar, doch, was es problematisch macht, unkonturiert. Seit gestern mittag begann der Kreislauf zu streiken; nie als wirkliches Warnzeichen, doch so, daß ich mich legen muß und das auch mehrfach tat, jeweils mit den Kopfhörern über den Ohren und entspannt dann eine/anderthalb Stunden lauschend. Was freilich meine Arbeit nicht voranbringt. Dennoch habe ich es fertigbekommen, der Lektorin das erste Béartgedicht schon mal einzusprechen und ihr das Tonfile zu schicken. Das werde ich jetzt jeden Tag so machen, also jeden Tag eines. Und dazu arbeite ich, zähe, aber entschieden, an dem Finaltext weiter, der sich aber noch nicht fügt, als könnte er sich nicht entscheiden, wohin er tatsächlich will. Ich fühle mich somit in etwas ein, oder versuche es, das es noch gar nicht gibt.

Jedenfalls der Kreislauf. Vielleicht liegt’s auch am Wetterumschwung. Gestern abend war ich bereits um 21 Uhr derart müde, daß ich um 21.30 zu Bett ging und tatsächlich, abgesehen von einem kurzen Nachterwachen um halb zwei, bis morgens um Viertel nach sieben durchschlief — nun  allerdings, vorhin, nicht unbeschwert wie fast sämtliche Tage vorher erwachte, sondern erstmals seit Beginn der Chemo war mir richtig schlecht. Es half auch nichts, sich zur Seite zu drehen. Ich spielte tatsächlich mit dem Gedanken, einen Blauen Fisch einzuwerfen, doch widerstand, brauchte das Gefühl eigenen Willens – und bekam die Übelkeit tatsächlich mit ihm weg … fast: im Hintergrund grummelt es, doch aushaltbar, weiter.
Dazu die ständig, jetzt schon tagsüber, geschwollenen Füße, für mich vor allem ein ästhetisches Problem. Doch das ständige Kribbeln nervt, weil es der Fußsohlen Tastwahrnehmungen so sehr einschränkt, daß die Trittsicherheit nicht völlig gegeben ist. Ich merke es beim Spazierengehen, wenn ich wie ein Beschwipster “die Spur nicht halten” kann, unversehens nach recht oder links abdrifte, ohne daß dem eine Entscheidung vorausgegangen wäre.  Tatsächlicher Hintergrund sind mögliche Nervenschädigungen durch eines des Zytostatica, die sogenannte Neuropathie.
Wie nun auch immer, wenn ich die Chemos bislang vergleichsweise locker an mir runterlaufen lassen konnte, dreht sich da grad was. Es macht sich nicht so sehr speziell bemerkbar, Füße, Übelkeit, Nasenbluten, als mehr als Gefühl einer allgemeinen und grundsätzlichen Schwächung, der mein wieder deutlich zurückgegangener Appetit entspricht: seit vorgestern von den guten knapp 74 kg wieder auf 72,6 runter. Auch “Schwächung” ist eigentlich falsch ausgedrückt, präziser wäre: Weichung, Erweichung der wahrgenommenen Außenkonturen: Ich lege die Hand an eine Wand an, die sich aber wie eine Stoffdecke anfühlt – als ob ich die Wand nach innen eindrücken, sie wie ein Marshmallow durchdrücken könnte. So dann auch manchmal ein leichter Schwindel, der nicht mit Übelkeit verbunden ist, sondern bloß die momentane Balance gefährdet. Man kippt nicht gleich um, bewahre, doch spürt, daß so etwas in den Bereich des Möglichen eindringt … geschehen könnte eines Tags, und dies aber bereits wird schon als Gegenwart erlebt. Und wieder lege ich mich auf mein Lager, in die Musiken versunken, die Lider geschlossen, völlig entspannt, nein, ausgegossen, ein Wasser ohne Flußbett. Es ist dabei heller Tag. Ein schwüler Tag. Der Himmel jetzt einmal bedeckt, seit gestern, vorgestern schon, dazu die hohe Luftfeuchtigkeit, die mir aber ebenso guttut wie sie meine Körperempfindung weiter und weiter aufweicht. Es ist durchaus anspruchsvoll, hiergegen den Arbeitswillen aufrecht zu erhalten, der ein notwendigerweise stets konturierter ist und selbst konturieren muß.  → In der Wüste fällt das leichter als am “realen” Schreibtisch — weil sie fordert und nicht “nur” das eigene Mögen oder Wollen.

Also sollte ich, bevor ich hier weiter vor mich hinsinniere, schnellstens wieder → auf mein Rih. Es ist eine nicht ungeschickte Strategie, innere Prozesse nach außen zu projezieren, sie dort dann aufzulösen und als gelöste wieder in sich hineinzunehmen, eine imgrunde dem mathematischen Vorgang des Ausklammerns analoge Strategie. Ausklammern also, um zu objektivieren: In uns selbst haben wir keine Distanz, die es erlaubte, das Skalpell auch anzusetzen.

Am, nun jà, “schlimmsten” ist aber diese Dauermüdigkeit, die ich – wiewohl mir beizeiten prophezeit – jetzt erst, in dieser dritten Phase, zu spüren bekomme. Sie erwischt mich auf der Hinterhand, und entwischen – wenn – kann ich ihr einzig in der Nefud. Denn dabei gibt es → keinen Trick. Und ich habe so gut wie keinen Bartwuchs mehr, sehr irritierend für jemanden, der sich, bevor er abends ausgeht, in aller Regel ein zweites Mal rasieren muß. Es ist sogar so, daß mein üblicher Dreitagebart — ausfällt: deutlich sichtbar in der Mulde zwischen Kinn und Unterlippe. Immerhin, noch halten sich die Augenbrauen.

ANH, 10.24 Uhr
Schostakovitsch,Cellosonate d-moll (Rostropovitsch, Schostakovitsch)

 

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