Dienstag, der 27. Dezember 2005.

8.22 Uhr:
Gerade erst aufgewacht, immer noch in der Kinderwohnung, weil sich gestern Annika ansagte, die für zweidrei Tage in Berlin ist, und ich sie nicht der kalten Arbeitswohnung aussetzen wollte, die zudem noch einigermaßen unaufgeräumt sein dürfte. Bevor sie hierwar und ich noch ein paar Reste kochte, führte ich ein sehr langes Netzgespräch mit einer Wiener Freundin, die ich fast Gönnerin nennen kann, da sie auch schon Geld schickte, wenn ich finanziell mal wieder nicht weiterwußte. Ich werde sie hier, in Erinnerung an Tschaikoswki, >>>> N a d e s c h d a, Nadeschda von Meck nennen. Sie las das verbotene Buch, sie nennt es genial, aber macht mir auch die Folge klar, aus weiblicher Sicht, den Preis, den ich – und vielleicht jeder, dem ein solches Kunstwerk gelingt – dafür zu zahlen habe: dauernden Verlust. Die Duse noch einmal, >>>> noch einmal zu D’Annunzio: „Er hat mich so bloßgestellt, daß ich mich nackt fühle. Er hat mich vorgeführt wie ein Tier auf dem Markt.“ Ich beginne jetzt erst zu begreifen, womit ich derart verletzt habe, daß große Kunst verletzen k a n n. Aber auch, daß es für einen Künstler nicht anders geht, er m u ß malen, wenn der Strich in die Hand kommt, er i s t ja rein nichts anderes. Und doch tut es ihm weh zu verletzen. Was verletzt, das ist komponiert, um wohlzutun. Es ist dieselbe Verletzung, die Alma Mahler empfunden haben wird, als ihr Mann die Kindertotenlieder komponierte – ihrer b e i d e n Kinder lebten da noch, die Familie war glücklich oder schien es doch zu sein. Aber es führte ein Etwas – nicht ein Jemand – Gustav Mahler die Hand.

Gestern war der erste Tag, an dem ich an ARGO nicht eine einzige Zeile schrieb. Dafür >>>> ein weiteres der Orient-Gedichte entworfen. Abends dann nochmals mit Eisenhauer beim Billard, S. kam dazu, wir gingen noch einen Absacker trinken, aus dem mehrere wurden; wie ich mit dem Rad heimkam, ist mir bei dieser Lage höchst unklar. Wir diskutierten, teils heftig, ein Projekts Eisenhauers, an dessen Voraussetzungen ich nicht mehr glauben kann, prinzipiell nicht; für mich ist die Zeit der Printmedien, sofern sie nicht den mainstream bedienen, imgrunde vorüber; sie sind nicht länger Träger leitkultureller Künste; für E-Literatur etwa (und ich >>>> beharre auf dem Unterschied zur Unterhaltung) hat das Buch letztlich nur noch einen Fetisch-Charakter, es macht die W a r e erkennbar; Ware aber braucht genau den Umsatz, den die E-Literaturen gar nicht mehr haben; insofern taugen sie zur Ware nicht und haben – das ist jetzt der Rückschluß – das Printmedium als Notwendigkeit verloren. (Es gibt ein paar Ausnahmen, in denen wird indes ganz besonders der Fetisch und nicht der Inhalt verkauft: der letzte Pynchon, Mason & Dickson, war dafür ein Beispiel, davor Gaddis, davor Eco. Ich erinner mich genau: „Es gibt da so ein Buch mit ’ner Rose…“ – schon ging der Eco übern Ladentisch. Nach P a l e t t e n wurde dieser Roman verkauft und ist vermutlich einer der am wenigsten gelesenen der modernen LiteraturErfolgsGeschichte.)
Und über die Liebe, was sonst, sprachen wir, die Liebe als Schicksal, die Ausweichformen, die wir finden, wenn die Liebenden oder eine/r von beiden nicht mehr wollen: die pragmatischen Beziehungen, Verhältnisse, Verhältnismäßigkeiten, die man eingeht mit jenem schmerzlichen Zug um die Lippen, die Nadeschda, meine Wiener Gönnerin, auf denen ******’s zu erkennen meint. Auch S. also kennt eine solche im anderen verlorene Erfülltheit, auch vor ihm wich sie zurück und ließ leere offene Handflächen übrig, und auch er hat eine Verhältnismäßigkeit, die er liebhat, unter der indes wie eine Grundierung diese andere göttliche Liebe liegt. ‚Göttlich’ ist nicht christlich, sondern ‚heidnisch’ oder sagen wir, besser, a n t i k gemeint: Schaut Semele Jupiter an, so verbrennt sie.

Keine Ahnung, was ich heute noch tun werde. Meine Arbeitslust ist gering. Mir ist mehr nach einer Art stummer, nach innen allerdings sprechender Meditation. Ratz Felix, der vereinsamende, hoppst auf mir rum. Nach dem Kaffee werden wir zwei Gleichen in die Arbeitswohnung radeln. Es ist weiß draußen, der Schnee ist geblieben. Schön.

10.30 Uhr:
Erster Innenhof Duncker, unter der Arbeitswohnung. Winter ist.
11.15 Uhr:
Es ist in der Arbeitswohnung gar nicht so kalt, wie ich befürchtet hatte; ich mußte sogar das Jackett ausziehen. Jetzt, nach etwas Zeit des Lesens – denn Do hat mir >>>> Michael Gielens* Erinnerungsbuch zu Weihnachten geschickt, ich war sofort darin vertieft -, brauchte es d o c h einen dicken Pullover und den alten Hausmantel, zwischen denen nun Ratz Felix an mir herumturnt. Neben dem schönen Geschenk fand ich einen Brief meines frz. Übersetzers Prunier, worin er mir seine Planung erzählt, insoweit sie sich auf mein Werk bezieht. Er ist voller Kraft an den Erzählungen, er erwähnt aber auch immer wieder das verbotene Buch, das er liebt: sans doute son oeuvre clef schreibt er dazu, aber eben nicht, wie das Gericht die Intention des Romanes auslegt, ein Schlüsselwerk gegen den Kläger, sondern eines zum Verständnis meiner gesamten Arbeit. «A travers un monde impitoyable déchiré, Herbst nous propulse vers une mélodie consolatrice, ce chant indispensable que toute grande œuvre a pouz tậche de suggérer.»
Jedenfalls kehrt so die Arbeitslust zurück, besser noch: der Arbeitswille. Hab mir erst einmal einen heißen Tee gemacht. Ich sollte auch etwas essen, denk ich.

[*) >>>> Katharina Hacker schenkte ihm einmal >>>> meinen WOLPERTINGER-Roman; er konnte damit wenig anfangen, erzählte sie später. Das ist in mir ein kleiner Schmerz geblieben; offenbar befaßte Gielen den Roman unter allem anderen m i t, das er als ‚Postmoderne‘ ablehnt.]

1.25 Uhr:
Langes, gutes Gespräch mit Eigner. Und da eine junge, sehr sehr schöne Frau getroffen, sie angesprochen… allein diese Lippen, diese Zähne!… und gedacht: das könnte eine a n d e r e sein, die es ‚schafft’. Eigner sah zu.“Was hast du mit ihr gesprochen?“ Ich sagte dazu nichts. Ich gab ihr meine Telefonnummer. „Entscheiden S i e“, sagte ich.
Und habe immer das Gefühl, ich tu unrecht. Denn da ist ******. Wenn ich eine – zumal so junge (sie ist 22) – Frau, dem aussetz… dann ist das eine Gemeinheit. Oder aber, sie hat wahnsinnig viel Kraft. Und dann ist es immer die Frage: lohnt es sich, diese Kraft für und a u f einen wie mich zu verschwenden?

Nachtrag:
Das wollte ich wohl heute nacht nicht mehr zugeben: Gearbeitet habe ich wieder nichts. Und bin mit einem Rad heimgefahren, das einen Platten hatte, das schlidderte, ich spür’s im Körper noch jetzt, über die festgefahrenen Spuren aus Eis. Die Lichtanlage, obendrein, war ausgefallen. Und der Frost hatte die Wurfschaltung lahmgelegt.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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