“Ein bißchen schaurig ist das s c h o n.” Das Gänsehautjournal des Sonntags, den 27. November 2022.

[Medikamentenversuch Pregabalin → Fünfter Tag]

 

[Arbeitswohnung, 11.44 Uhr
France Musique Classique plus:
Richard Strauss, Letzte Lieder (Jessey Norman)]
Gestern mit dem achtundzwanzigsten Triestbrief tatsächlich fertig geworden und dabei sogar, nach → diesem vermeintlichen Ende einen guten Übergang für den neunundzwanzigsten, also letzten Brief des Romanes hinbekommen. Sehr erleichternd. Also werde ich heute damit zu tun haben, den Brief korrekturzulesen, vielleicht auch noch die eine und/oder andere Änderung, bzw. Schärfung der Szenen einzufügen und ihn dann für den Typoskriptband auszudrucken und drin abzuheften. Daß ich bereits dazu kommen werde, den neunundzwanzigsten Brief zu beginnen, glaube ich hingegen nicht, schon weil ich, da wir solch ein sonniges Wetter haben, gerne einen ausgebigen Spaziergang machen möchte. Womit ich nicht lange warten sollte. Es wird doch in dieser Jahreszeit stets so übel schnell dunkel, und ich brauche Licht.

Außerdem an einer nächsten Ergänzung der zweiten Tattooerweiterung gefriemelt, erst mit Filzer, dann, weil der wieder mal nicht hielt, mit schwarzem Nagellack – was beides aber viel zu dicke Striche ergibt. Denken Sie sich sie feiner, sehr viel feiner, liebste Freundin, so, wie die Realisierung am Hals. Jedenfalls sagte gestern abend auf Broßmanns wunderbarem Fest jemand mir übrigens ausgesprochen Sympathisches, schon, weil er einerseits hochintelligent nicht nur wirkte, andererseits aber selbst sehr hell – und sportlich-elegant dazu, mit berückendem Lachen: “Das ist aber nun ein Statement!” Zu sehen war selbstverständlich nicht das Tattoo insgesamt, sondern nur mein auf die Oberseite der rechten Hand mit zumal linkisch mit links aufgetragener Entwurfsversuch.
Tatsächlich emfand ich für Tattos Hände stets als Tabu. Doch war mir schleichend klargeworden, daß ich auch dieses würde brechen müssen, wenn ich es denn mit der Selbstermächtigung über meine Versehrung ernstmeinen wolle. Zumal auch dies wieder in den Triestroman hineinspielt und möglicherweise in ihm selbst noch Thema werden wird, ganz sicher aber in meiner nun fest eingeplanten Yōsei/Horu-Shi-Novelle. Ein kleiner Ärger allerdings, daß es keine wasserfesten Hautfarben gibt, die sich mit einem Stift auftragen lassen und zumindest die Haltbarkeit von Henna haben. Sonst würde ich erst einmal damit operieren und schauen, wie ich in, sagen wir, einzwei Monaten zu diesem Wechsel meines Geschmacksempfindens stehe. Aber so nehme ich das Risiko halt an, hat auch was von einem Rausch, der allerdings dem einer Selbstüberhebung eher gleicht als nur jener der -ermächtigung. Was ich mit ausgesprochenem Interesse, sozusagen gehobener Augenbraue, beobachte. Doch ist ja auch dieser Komplex stets in meiner Dichtung zugegen. Die sowas von “neben der Zeit” liegt! Nicht “gegen” sie, nein, nur neben, im Wortsinn, ein ganz eigener paralleler Zeitverlaufsstrang, von dem ich freilich weiß, daß er nicht ohne Wurzeln, sondern Fortführung vorheriger simultaner Nebenstränge der poetischen Ästhtik ist, die es – neben – ebenfalls waren. Erzählt indes, in den Feuilletons, wird fast immer nur der Hauptstrang (“Mainstream”); anscheinend Abseitiges – das später einmal, wie Kafka und Kleist, das zentrale “Narrativ” der Literaturgeschichtsschreibung zur Ästhetik werden könnte – wird umso seltener auch nur besprochen, desto querer (nicht “queerer”!) es zur allgemeinen Gutmeinung steht. Insofern muß es mich, auch wenn es mich sehr wurmt, nicht wundern, daß etwa die Béarts in den “offiziellen” Feuilletons nicht vorkommen, abgesehen von → Carsten Ottes SWR-Besprechung selbstverständlich. Dabei w e i ß ich von Rezensionen, die schon geschrieben und längst abgegeben worden sind, die aber ganz offenbar von den Reaktionschefs und -innen zurückgehalten werden. Es zeigt dies die journalistische unterdessen nicht nur noch “Tendenz”, nicht bloß tendenziös zu schreiben, sondern auch bewußt zu verschweigen, und wiederum mit anderem, das die Zustimmung eines vorgestellten Publikums zu garantieren scheint, also mit schlichtweg der Masse zu laufen, selbst wenn sie gar keine ist, sondern nur aus einigen wenigen besteht, aber aus lauten, sozusagen “moralischen” Schreihälsen, die die Meinungshoheit okkupierten. So daß es nicht einmal mehr theoretisch um Objektivität, sondern darum geht, sich den Mehrheiten, der “Quote”, anzudienern. Na gut, solln sie. Ich weiß, an was ich arbeite, und weiß auch, warum. Auf jeden Fall bleibe ich frei von grobem ideologischen Unfug. Mitunter komme ich mir wie ein Warner unter all den Intellektuellen vorm Ersten Weltkrieg vor (auch Thomas Mann war dabei), die sich jubelnd darum drängelten, Mitmorden und Mitgemordetwerden zu dürfen. Ein bißchen schaurig ist es s c h o n, daß sich offenbar so gar nichts in den Psychodynamiken ändert.

Ihr, Begehrte,
ANH

[France Musique Contemporaine:
Jana Kmitova, Gesichtsstudien für Orchester (2017)]

Ach so, falls Sie noch ein so ausgefallenes wie edles Weihnachtsgeschenkt brauchen: Diaphanes’ Sonderausgaben des Béart-Gedichtzyklus sind jetzt erhältlich. Näheres → dort.

***

[20.04 Uhr
Tschaikowski, Sinfonie Nr. 3 (Vinyl, 70er Jahre)
Eine LP, die ich mit siebzehn oft, sehr oft gehört habe.
Diese Dritte war mir neben Tschaikowskis Fünfter
die damals immer liebste.]
Fertig geworden mit Korrektur und Ausdruck des achtundreißigsten Triestbriefs, den ich jetzt auch eingeheftet habe. Wie ich’s mir heut morgen gedacht habe, war es doch noch einige Arbeit. Aber insgesamt bin ich fast erstaunt, wie gut er nun “läuft”. – 424 Seiten hat das Typoskript unterdessen, was übern Daumen rund 500 Buchseiten entspricht, eine ziemliche Menge holzhaltigen Papiers. Wobei dieser achtunddreißigste mit seinen zweiundzwanzig Seiten der deutlich längste ist bislang und was nur noch der letzte “toppen” könnte, aber nicht soll.

Gut, “Feierabend”. Jetzt wird Peter Giacomuzzis “Briefe an Mimi” zuende gelesen; zwischendurch kommen die bereits vorbereiteten grünen, reisgefüllten Paprikaschoten in den Ofen; der Sugo dazu ist schon fertig. Zum also Nachtessen dann gibt’s vielleicht noch ein oder zwei Folgen “Babylon Berlin”. Genießen auch Sie Ihren Feierabend.

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Daß er die Wahrheit sagt, doch wie. Fast am Schluß des Arbeitsjournal dieses Freitags, den 22. April 2022, zur Wahrhaftigkeit. Sowie zuvor zur Wiederaufnahme der Videoserie, immer weiter dennoch zum Krieg und etwas, nämlich, Erfreuliches zu Teodor Currentzis.

[Arbeitswohnung, 9.45 Uhr
Anton Arensky, Zweites Streichquatett a-moll op. 35 (1894)]

So sieht es hier jetzt also aus, nachdem ich → die Videoarbeiten wieder aufgenommen habe; mit alleine einem Raum verliert sich die Überschaubarkeit notwendigerweise; die Arbeitswohnung wird immer mehr Studio — was bei einem “rein” digitalen Tonstudio nicht ins Gewicht fällt, weil etwa die Lautsprechertürme ohnedies als Wohnungsausstattungsstücke wahrgenommen werden, noch dazu solch schlanke wie meine ProAcs. Muß ein Greenscreen verwendet und er also, hier zu sehen, aufgestellt werden, ändert sich alles, vor allem, will ich ihn nicht dauernd wieder ab- und wenig später erneut aufstellen, mag. Es ist ja immer auch Ausleuchtungsfriemelei, und wenn ich nur das grüne Tuch verwende, habe ich es dauernd, war es zuvor zusammengelegt, mit Falten zu tun, die dann die Aufnahme vor fiktivem Hintergrund stören. Das Ding im runden Rahmen freilich ist gespannt, aber die Rundung hat Nachteile für Bildausschnitte. Usw. Mit sowas gebe ich mich momentan ziemlich viel ab.
Was mich immerhin ablenkt, gut ablenkt, weil es in der Tat schwierig ist, sich parallel zu dem entsetztlichen Krieg irgendwie rückzunormalisieren; ich empfinde es sogar als moralisches Problem. Aber es tat mir gar nicht gut, fast ausschließlich noch auf die Ukraine und die russischen Massaker konzentriert zu sein; ich schrieb ja schon, daß die leise Befürchung wuchs, die dauernde – unumgehbar subdepressive – Beschäftigung mit dem Dauermeucheln werde → Liligeia aus dem Nichts wieder herrufen, in dem sie untot umherstreife, ganz abgesehen davon, daß fast jeglich sonstige Arbeit einfach liegenblieb.
Insofern war es gut, daß es ganz “plangemäß” mit nächsten Intermezzi weitergehen sollte, für die auf eine fast schon ferne Vergangenheit zurückgegriffen wird. Distanz war hier wichtig und — sie zu überschreiten, wieder möglichst nahe an das frühe Ich heranzukommen (das stets ein Wir war). Und an die frühen Gedichte. Denn abgesehen von den auf Tonbandcassetten bewahrten Tondokumenten, ist mir → nach Renate Wuchers Tod u.a. ein ganzes Manuskript dieser Texte wieder zugänglich, die ich alle verloren glaubte, ohne freilich dem nachgetrauert zu haben. Ich hatte sie ja nach Paulus Böhmers deftigem Spott sämtlichst der Müllabfuhr geschenkt, um mich fortan nur noch auf Prosa zu konzentrieren. Doch das geschah in den frühen Achtzigern; daß ich Renate viele Typoskripte geschenkt hatte, wußte ich zwar, aber schon längst nicht mehr, welche. Und jetzt sind die alten Gedichte wieder hier.
Ich durchblättere sie und bin erstaunt, wie viele tatsächlich halten, wenn auch nicht unbedingt formal. Jedenfalls sollte ich nochmal Hand an sie legen; ich spielte gestern sogar mit dem Gedanken eines neuen Buches, das ich “Frühe Gedichte” nennen würde, vielleicht sogar mit dem damals vorgesehenen Übertitel Straßennarben. Es sind immer wieder Fundstückchen drin, sowas zum Beispiel:

Ich habe Nägel
in die Nächte geschlagen
und meine Tage daran
aufgehängt

Entstanden ist das Ding um die Mitte der Siebziger. Heute bedürfte es hier eines Einfalls, auch in die dritte Zeile den ä-Laut zu bekommen. Ich fände Eingriffe dieser Art ästhetisch legitim. Aber das sind alles so Feinheiten, für die es im Moment gar keinen geschichtlichen Raum gibt, jedenfalls absolut keine Relevanz. Eben, dies zu wissen, macht alles schwierig. Und zu spüren, auch zu lesen, wie stark mit dem Gedanken gespielt wird, selber Kriegspartei zu werden, etwa → bei Bersarin, den ich ansonsten so sehr schätze, dessen Vergleich aber mit der Situation Hitlerdeutschlands 1939 an einer extrem wichtigen Stelle furchtbar hinkt, abgesehen von dem Konjunktivfehler — eine, denke ich, → Fehlleistung — gleich zu Anfang:

Gäbe es 1939 bereits die UN und hätte man bspw. in der UN Japan, Italien, Ungarn und Rumänien abstimmen lassen, so wäre das Ergebnis ebenfalls zugunsten eines Zusehens ausgefallen. Europa wurde von Hitlers Angriffskrieg nicht durchs Zusehen befreit. Und ähnlich ist es auch im Umgang mit Putin.

Bersarin hat sich offenbar in ein – von ihm ohne Zweifel als Müssen gefühltes –  in-den-Krieg-mit-eintreten-wollen wie unumkehrbar hineingeschrieben. Wobei ich seine Position grundlegend teile. Nur hinkt sein Vergleich, weil ein miliärisches Eingreifen damals nicht unter der Drohung nuklearer Waffen erfolgt wäre, die einzusetzen wiederum Putin, ich bin mir völlig sicher, nicht eine Sekunde zögern würde. Denn sein Ende stünde dann so oder so bevor, und wenn er selbst die eigenen Soldaten als Kriegsmaterial betrachtet, das um des “Erfolges” willen egal wie verschleißt werden könne, werden ihn andere Menschen, zumal anderer Völker, erst recht nicht interessieren. Vor allem wird er Den Haag abwenden wollen, die Schande nicht ertragen können, erst recht nicht als → Muschik, irgendwem Rede zu stehen und dann sehr wahrscheinlicherweise lebenslang hinter Gittern zu sitzen, noch werden seine Mitmafiosi es wollen. Dann besser “ehrenvoll” → als Märtyrer gehn.
Imgrunde unterscheiden sich Besarins und meine Positionen gar nicht sehr, doch in dem einen, nämlich entscheidenden Punkt. Er glaubt, daß Putin den Einsatz atomar bestückter Marschflugköper nicht befehlen würde, ich glaube, doch, er täte es. Und hat es längst im Kalkül.

Klug dafür das Schweizer Netzmagazin REPUBLIK, das mir heute früh per Facebook über eine mir von Markus Becker zugesandte private Nachricht bekannt wurde, die den Link auf → diesen bemerkenswerten Artikel Constantin Seibts enthielt.
Da mir auch weitere Berichte und Essays gefallen, die ich darin las[1]Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur “Wokeness” in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen., habe ich das Magazin erst einmal kostenfrei probeabonniert, wobei ich momentlang die aber schnell wieder verworfene Idee hatte, es hänge der Magazinname mit Uwe Nettelbecks berühmtem Periodikum zusammen; aber dessen an Karl Kraus angelehntes, vor allem auch dingliches Publikationsorgan war eine Herausgeber-Zeitschrift; REPUBLIK hingegen wird von einen Team genährt.

Erfreulich auch der mir heute früh von Schelmenzunft zugemailte → Artikel von Christine Lemke-Matwey in DIE ZEIT zu, im letzten Abschnitt, wieder mal → Currentzis, dem nach wie vor, ich schreibe es gerne, Genie:

Im Gegensatz zu Gergiev hat Currentzis nie auch nur im Ansatz für Putin Partei ergriffen. Seine letzte regimekritische Wortmeldung datiert von 2019, als er gegen den Hausarrest des russischen Theaterregisseurs Kirill Serebrennikow protestierte. Das ist schon länger her. Die Zeichen aber, die er seit dem 24. Februar (seinem 50. Geburtstag!) sendet, sind mindestens so unüberhörbar und unübersehbar. Er, der in Röhrenjeans und Springerstiefeln aufzutreten pflegte, trägt neuerdings Anzug. Im Orchester sitzen neben russischen auch ukrainische, georgische, belarussische, türkische, spanische, italienische und deutsche Instrumentalisten. Und statt Beethovens ursprünglich vorgesehener Neunter Symphonie, die mit “Alle Menschen werden Brüder” ein Hohn wäre, erklingen in Wien, Hamburg und Paris Strauss’ Metamorphosen von 1945 und Tschaikowskys Pathétique.
Vielleicht muss man Currentzis’ schwarzglühende Tschaikowsky-Interpretation live erlebt haben, den fulminanten Hexensabbat des dritten Satzes, das fahl ins Nichts sich aushauchende Finale und wie alles Melodische darin versteinert, um zu begreifen, was Musik gerade jetzt vermag: im Augenblick die Wahrheit sagen. Härter und konkreter als alle Worte. Und viel glaubwürdiger.

Soweit für heute, liebste Freundin, mit einem Arbeitsjournal, das, wie Sie sicher merkten, gänzlich ohne Aufregung auskam. Die wieder aufgenommene Videoarbeit tut mir also gut, ebenso, daß ich jeden Tag ein nächstes → Béartgedicht erst aufschneide, dann mindestens einzweimal lese, mindestens einmal auch laut. Gerade in der Differenz zu den frühen Gedichten ist das ausgesprochen reizvoll. (Die – fertigen – Einladungen zur Berliner Buchpräsentation am 8. Mai werde ich anfang der kommenden Woche verschicken. Und morgen beginnen hier die Videointerpretationen der Gedichte aus “Das Ungeheuer Muse“.)

Ihr
ANH

References

References
1 Etwa hat mich → Daniel Strassbergs Text zur “Wokeness” in meiner eigenen Haltung tatsächlich schwanken lassen.

Novemberwien, Eins. Des Freitags bis Samstags Arbeitsjournal vom 13. 11. 2021.

[Wiener Schreibplatz Lorbeer, 7.18 Uhr]

Liebste Freundin,
erst einmal muß ich mich entschuldigen, fast bin ich ein wenig zerknirscht. Denn genau einen Tag, bevor vorgestern früh ich die Reise nach Wien antrat – präziser: am späten Nachmittag des Donnerstags – sah es so aus, als hätte ich die Videoarbeit zur zwölften Bamberger Elegie endlich, endlich, endlich fertig. Und entdeckte d o c h noch einen Fehler, leider, der sich am selben Tag nicht mehr hätte beheben lassen; eine Kleinigkeit nur, doch nach all der intensiven ja nun wochenlangen Arbeit an dem, muß ich schreiben, Film hätte sie mich sehr gestört, ich wäre unzufrieden geblieben. Also dachte ich, gut, du kopierst jetzt alles auf die transportable 2TB-Festplatte und löst das Problem am Wiener Schreibtisch, der zwar nur Sekretär, siehe Bild, ist und also nur wenig Arbeitsplatz bietet – aber nicht dies stellte sich nun als Hindernis dar, sondern daß meine mitgeführten Arbeitskopien in Adobes Schnittprogramm einzelne Clips entweder gar nicht oder aber, was noch schlimmer ist, verändert wiedergaben und -geben. Sie gaben mithin wider. S o, daß sich’s sinnvoll in keiner Weise arbeiten läßt und ich also doch meine Rückkehr nach Berlin, in sechs Tagen, abwarten muß. Und Sie müssen’s leider nun gleichfalls. Ein großes Hindernis ist aber auch schon der kleine Laptopbildschirm; für die sehr feinen Schnitte brauche ich wirklich einen großen Screen und am besten zwei Screens, wie ich sie halt auch habe in meiner Berliner Arbeitswohnung.
Insofern ist es gut, daß mir mein Elfenbein-Verleger gestern die eingescannte Digitalversion der “Verwirrung des Gemüts” zugeschickt hat, die, ähnlich dem → New-York-Buch, in deutlich überarbeiteteter Fassung im kommenden Frühjahr neuerscheinen soll – nach in diesem Textfall achtunddreißig Jahren. Ich war, meine Güte, sechsundzwanzig, als ich ihn schrieb! Und die Titelvariante, die ich damals gewählt habe, aber nicht durchsetzen konnte, wird jetzt verwendet werden, nämlich wird das Wort “Gemüt” → in kantschem Sinn mit “th” erscheinen: Gemüth. So nämlich steht es in meiner 19.-Jahrhundert-Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft. Um nun aber gewisse/ungewisse Unzulänglichkeiten meines seinerzeitigen Stils sensibel prüfend auszugleichen, wird → wie dort auch hier Elvira M. Gross alles noch einmal komplett neu lektorieren. Es geht tatsächlich nicht nur um die, in der 1983 erschienenen List-Ausgabe, vielen falschen Konjunktive, die mir damals Armin Ayren in der FAZ um die Ohren schlug – woraus ich dann radikal lernte (mich rächen für seine Vernichtungsattacke tat ich auf andere Weise; lesen Sie einfach die erste Abteilung des → Wolpertingers nochmal) –, sondern auch manch stilistisch Sprachliches dürfte revidiert oder sogar ins Eigentliche herausgeschnitzt werden müssen, ein seinerzeit nur Gewolltes, noch handwerklich nicht erreichbar Gewesenes, das sich aber jetzt mit fast leichter Hand herstellen könnte.
Insofern, wenn meine Videoarbeit nun aussetzen muß, bis ich an den eigenen Schreibtisch zurückbin (einem Bildschirm-Cockpit unterdessen), kann und will ich die Wiener Zeit zu meiner Bearbeitung dieses alten, doch, meine ich, nach wie vor wichtigen Textes nutzen (immerhin ist er der Nucleus des Wolpertingerromans und der Andersweltbücher, begründet die, sagen wir, “Serie”). Die Zeit bis zum Frühjahr ist ohnedies knapp.
Auch damit aber, dieser Überarbeitung, werde ich kaum fertig werden, da ich mit meinem Arco-Verleger über anderweitig gleichfalls anstehenden Projekten sitze (etwa die Herausgabe des großen nachgelassenen autobiografischen Romanes Der blaue Koffer von Gerd-Peter Eigner und einem geplanten Gedichtband Helmut Schulzes (→ Parallalie), für den aus der Menge der Gedichte ausgewählt werden muß; für letztres beides kam ich eigentlich her – und, selbstverständlich, um Elvira M. Gross endlich wiederzutreffen, die ganz wie ich darauf wartet, daß Die Brüste der Béart endlich herausgekommen sein werden, die aber leider von den gegenwärtigen Lieferengpässen, in ihrem Fall des ausgewählten Spezialpapiers, betroffen sind. Doch auch der nötige zweite Fahnengang ist noch nicht getan. Und hier, meine Freundin, werden Sie sich mitgedulden müssen, es tut mir wirklich leid. — Nein, keine Floskel!
Alles in diesen Zeiten der Corona verlangsamt sich, scheint’s. Sogar, vielleicht, die Liebe.

Was mich tatsächlich beschwert allerdings, z u d e m, was meine hiesige Arbeit beschwert, ist, daß ich meine Pfeife nicht rauchen darf; der Tabakgeruch belästigt den Freund zu sehr, bei dem ich untergekommen bin, setzt ihm lähmend zu. Dabei hatte er meine Pfeifen bisher immer unproblematisch gefunden. Mit einem Mal ist es anders. — Für mich war’s wie ein Schock. Spontan (aber ich verschwieg es) wollte ich abreisen, sofort nach Berlin zurückreisen, aber ich muß am kommenden Donnerstag noch nach Frankfurtmain und habe die Fahrscheine schon alle gekauft, sehr preiswert, ja billig, doch deshalb nicht stornierbar; doch zusammengerechnet nicht nur ein riesiger Zeit-, sondern auch Geldverlust eben doch. Also habe ich, was mir gar nicht bekommt, wenn ich sie rauche, wieder Zigaretten gekauft, für die ich mkich nun von Zeit zu Zeit in den Hausflur anm einj geöffnetes Fenster stelle. Es geht auf einen ummauerten Hof hinaus, in dem sich immerhin eine Taubenkolonie eingehend beobachten läßt. Ihr Gurren füllt den siloartigen Raum bis zu den Dächern hinauf.
Wie auch immer, für meine nächsten Wienaufenthalte werde ich mir etwas anderes überlegen müssen. Klar, ich habe noch vorgestern nacht nach AirBnbs in Wien gesucht, für sofort, aber die Preise übersteigen auch da meine Verhältnisse. So grollte ich heimlich dem Freund und weiß doch zugleich, wie unrecht es ist. Auch deshalb schwieg ich, schweige – nicht ohne Schuldgefühl – nach wie vor. Aber na gut, vielleicht finde ich in Wien ein Raucherlokal, wo sich’s am Laptop arbeiten läßt.

Heute mittag nun, oder frühnachmittags, eine Veranstaltung auf der “Buch Wien”, nicht meine eigne, sondern eine, auf der der Freund moderiert. So werd ich diese Messe denn auch einmal sehn und hoffe zudem, dort meinen Septime-Verleger anzutreffen, der auf meine letzten Nachrichten schlichtweg geschwiegen hat, schon seit Wochen, eine Art Nachrichtensperre, die ich schon deshalb nicht begreife, weil er immerhin → eine meiner mit wichtigsten Ausgaben herausgebracht hat. Ich weiß, er hatte sich einen besseren Verkauf vorgestellt, aber das der nicht war, jedenfalls bislang nicht, sondern traurig dümpelt, läßt sich schwerlich m i r anlasten, der ich im Gegenteil immer gewarnt habe, indem ich den Mann wieder und wieder auf meine problematische Stellung im deutschsprachigen Literaturbetrieb hinwies. Und solange der Buchhandel nicht angemessen bestellt, können Leserinnen  und Leser kaum  von mir, also meiner Arbeit, wissen. Niemanden muß das wundern.
Das Problem betrifft auch den New-York-Roman oder könnte ihn betreffen. Auf der Frankfurter Buchmesse war es so, daß geradezu jede und jeder, die und der den Roman durchblätterte, von der Ausstattung derart becirct war, und zwar zu recht, daß man ihn sofort kaufte. Am Ende der Messe war  nicht ein einziges Buch mehr da, selbst der Verleger fuhr ohne ein Exemplar für sich selbst heim, ließ mir Bücher sofort von der Auslieferung schicken, damit ich die numerierten Widmungsexemplare an alle jene auf den Weg bringen konnte, die diese ungewöhnliche Ausgabe maßgeblich mitermöglicht haben; und von dem, was dann bei mir noch blieb, habe ich zehn Exemplare eingepackt und mit hierher gescheppt. – Doch was ich sagen will: Wenn der Roman nicht im Buchhandel liegt und niemand ihn also aufschlagen kann, kann er genauso wenig wie meine anderen Bücher gut verkauft werden; die Menschen wissen ja nichts von ihm. Solange aber ich mich den scheinmoralischen “Gender”-Diktaten nicht beuge, zudem, b l e i b e ich Kritik und Betrieb das schwarzes Tuch und Schaf. Da kann man Wolf sein, wie man will.
Allerdings ist auch das ein Grund zu klagen immer noch nicht. Ich spüre vielmehr in den letzten Monaten deutlich, daß sich etwas ändert und mehr und mehr Leute begreifen, was ich poetisch tue und getan habe. Nur sind solche Prozesse des Umdenkens quasi naturgemäß langwierig zäh, gar eines Umschwenkens dann. Es ist eine Art Evolution, nicht etwa Mutation, und in den Künsten fast wie ein Gesetz. Doch daß ich das heute so sehen kann und imgrunde beruhigt bin, also nicht mehr in schwarze Galle verfalle, habe ich letztlich → Liligeia zu danken. Es klingt absurd, ja bizarr, aber die Krebsin, irgendwie, hat mir gutgetan.

Dennoch, mich erreichen nun vermehrt besorgte Mails, weil es kaum noch Arbeitsjournale gibt; manche Menschen bringen zum Ausdruck, wie sehr sie ihnen, ja, fehlten, und es wird befürchtet, mein Schweigen hänge mit meinem gesundheitlichen Zustand zusammen. Die Wahrheit indes ist anders. Ich bin einfach zu sehr von den Videoarbeiten, besonders → denen zu den Bamberger Elegien, aufgesogen, um noch fürs Plaudern Zeit zu haben. Außerdem, was soll ich Ihnen erzählen? Daß ein Leben ohne Magen auch seine Schwierigkeiten hat? – geringe, wenn Sie bedenken, daß ich noch lebe und zwar gerne, nach wie vor wahnsinnig gerne. Sie nerven dennoch, besonders die Polyneuropathie in den Füßen. Doch drüber zu schreiben, gar, sagen wir, “leidend” – es wäre Blasphemie. Nein, sowas mache ich alleine mit m i r aus. Dazu gehören auch meine Einsamkeiten und das Bewußtsein, daß mir – der  solch einen Wunsch hatte, noch einmal Vater zu werden – die Chemo jede Chance darauf zerstört haben dürfte. Und also ward ausgerechnet ich, der hingegebene, leidenschaftlich wilde Erotomane, an die R ä n d e r des Eros gerückt, von wo aus ich heute,doch jedesmal beglückt, beobachte, wie zweie von der Aphrodite an der Hand, den Händen ihrer Geschlechter, genommen und dorthin geführt werden, wo sie sich in ihnen begibt. Und wenn der Vorhang fällt, zwischen die beiden und mich, die Venus selbst läßt ihn herab, dann muß ich ein jedes Mal lächeln. Als wäre ich es, der nun liebt. So daß auf durchaus magische, jedenfalls so empfundene Weise das Glück der andern meines wird. Es ist egal, ob es mich meint. Es soll nur weitergehen, immer weitergehen, so, wie ein Fluß fließt zwischen unbegradigten Ufern. Das ist es,was ich will.
So also, Freundin, mein seelischer Grundzustand zur Zeit. Er ist voller Dankbarkeit. Denn was die zwei da nun erleben, habe ich selbst so oft erlebt, erleben dürfen, und wenn es nun halt vorbei ist, so war es eben doch und wird so in mir bleiben. Nein, es gilt weiterhin, was ich schon oft gesagt: Ich werd das Leben nicht beklagen.
Also machen auch Sie, liebste Freundin, sich bitte um mich keine Sorgen. Unterm Strich habe ich alles an Leben (und also nämlich Liebe) bekommen, was ich nur wollte, und bin von daher privilegiert, nach wie vor. Dazu muß ich nur einmal meinen Sohn betrachten und zuschaun wie jetzt e r lebt. Das ist für mich ein rasendes Glück. Ich selbst muß es gar mehr sein — und eben deshalb bin ich’s.
Jetzt vielmehr geht’s um ein andres, nämlich irgendwie eine Formklammer um mein Leben, das heißt besonders: meine Arbeit, zu legen, es sozusagen einzurahmen, um Bild zu werden für das, an was ich glaubte und glaube. Dazu braucht es keine Vollständigkeit, es genügt der tätige, also weiterhandelnde Wille. Alle Leben, notwendigerweise, enden fragmentarisch, wenn wir sie als einzelne sehen. Betrachten wir jedoch die Generationenfolgen, dann sind sie, siehe oben, ein unabgerissener, unabreißbarer Fluß, und wenn es gutgeht, dann zwischen, ecco!, unbegradigten Ufern. Darum, denk ich, gilt es zu kämpfen: daß niemand von uns begradigt wird. Nicht Weibchen, nicht Männchen, nicht, was es dazwischen noch alles gibt. Und meinethalben nennen Sie’s “queer”. Ich werd mir nur sagen nicht lassen, was ich (noch) sagen darf und was nicht. Und wenn’s mich n o c h so viel kostet —

Ihr ANH

 

Battalia: T(h)eo W. Currentzis —

das, tatsächlich das mußte ich, so unangemessen es im Wachen zu sein scheint, denken und – eben! – dachte ich, als ich die Augen aufschlug aus dem Schlaf, der ein vollendeter Musiktraum gewesen sein muß. Nachdem völlig ungeplant mein Sohn und ich einen Konzertabend verbrachten. Nämlich war mir, als ich → diese Battalia (im Link ab 40’40”) endlich hörte und sah, fast der Bissen aus dem Mund gefallen – halb ein Bissen, halb auch Schluck, weil ich nämlich Suppe aß –, und ich hatte Adrian sofort, aber sofort folgende Whatsappnachricht geschickt, der — wegen eines wahrscheinlich nur grippalen Infekts seines Mitbewohners trotz eigentlich anderer Vornahme — nicht mehr hier hineinkommen wollte (Krebs, noch nahe OP, zudem vom wieder aufgenommenen Training vielleicht noch geschwächtes Immunsystem):

Adrian, Du mußt d o c h kurz reinkommen und Dir etwas anhören/ansehen… unbedingt!!! Bin grad völlig von den Socken. Bring einfach Deinen Mundschutz mit.

Und vorher hatte ich meiner Lektorin geschrieben (denn wir hatten für eben diese Einstudierung, dann aufgeführt im Wiener Konzerthaus, Karten gehabt, aber wegen Corona war auch dies wieder abgesagt worden), über SIGNAL:

Und das – ich muß jetzt fast weinen – hätten w i r in Wien gesehen… live … wäre nicht… wäre nicht … — ach. Ach, ach!

Ein zweites Mal, nein zum dritten bereits sah und hörte ich der Aufführung dann zu, als der junge Mann schließlich hier war, der eine Woche vorher der sogenannten klassischen Musik attestiert hatte, sie habe den Anschluß an die Wirklichkeit und eben deshalb Bedeutung verloren. Als er nun sehr genau in sich aufnahm, und erregt, was Currentzis und Kopatschinskaya da taten und wie sie sämtliche Orchestermusiker … ja, aufs Neue, Wiederneue beseelten, bekam er, wie seinerzeit → Parallalie bei → Sellars/Rattles Matthäuspassion den Mund so wenig mehr wie ich zu. Und eben diese (die Münder aber nicht) schlossen wir noch … ecco: an, in nur Auszügen freilich; also ich schaltete auf der Berliner Philharmoniker → Digitale Konzerthalle um. Da sah mein Sohn, dieser ziemlich schöne junge, knapp einundzwanzigjährige Mann, fast wie seinerzeit der Freund stupend aus, der knapp ein Jahr älter ist als ich:Nur, daß er nicht saß, sondern stand. Und fiebernd sich bewegte, wenn der Evangelist sang, sich mitbewegte, wenn die Chöre sich rührten, trauernd über den Bühnenboden schritten. “So viel hat sich, mein Sohn, getan”, sagte ich. “Aber”, erwiderte er, “niemand weiß es in meiner Generation. Wenn ich das vorher gesehen hätte, früher!” “Hast du. Aber dann kam die Pubertät hinzu, die immer alles erst mal umgräbt. Es ist”, ich lachte auf, “ja wirklich nicht zu spät.” “Wenn dieser Mann hier dirigiert, dann will ich unbedingt mit. Und die Kopatschinskaya — was sie für Augen hat. Und wie sie spielt ..!”
Besonders eindrücklich, für ihn wie für mich, ist Currentzis und Kopatschinskayas Aneinanderrücken Alter und Neuer Musik, der Nachweis ihres organischen Zusammengehörens, das nun, da es sinnlich ward, keines Beweises mehr bedarf. Daß zwischen Dowlands Lied und Kourlianskis Possible Places keine Pause mehr gemacht wird, so wenig wie nach der Battalia zu Scelsis phänomenaler Anahit (dem ich für DER ENGEL ORDNUNGEN einen Gedichtzyklus geschrieben habe). – Liebe Freundin, wirklich, folgen Sie dem Link und hören Sie sich’s an. Wer dann nicht auch so dasitzt (wenn er sitzt, oder sie) — der ist für alle Zeit verloren den soll in seiner großen Freiheit der Frost holen (von → da) !

 

Weshalb indes hat mich der nächtliche Nachtraum dieses Abends ausgerechnet Adorno, bis sogar offenbar in den Morgen, denken lassen ( – oder eher: fühlen?) Nein, Schönste, nicht “an Adorno”, sondern Adorno-selbst wie ein Geschöpf außer aller und über der Zeit! Sicherlich Currentzis’ Leidenschaft wegen. Weil in jedem seiner Finger nur Musik, Musik, Musik ist. Weil er ist, was er tut. Weil es keine Differenz zwischen Beruf, Berufung und Person gibt. Weil das Wort Freizeit in solch einem Leben nicht mehr vorkommt, was aus einem erlösenden Grund so ist: Currentzis wie Kopatschinskaya haben die Entfremdung aufgehoben. So etwas wie Freizeit muß nicht mehr vorkommen, was wir tun und sind, ist ganz eines. Diese beiden Menschen sind – mehr noch, viel mehr noch als ich’s bin – ganz ihre Kunst. Hören und schaun wir ihnen zu, werden wir Zeugen eines Wunders:

im Arbeits- und Musikjournal
des Donnerstags, den 22. Oktober 2020:

[Arbeitswohnung, 8 Uhr
Heinrich Ignaz Franz Biber, Battalia (1673), → Currentzis/Kopatschinskaya
Zweiter Latte macchiato]

Ein Wunder freilich ebenso – wenn nun auch, weil’s sein muß, ironisch – ist, daß ich nach der gestrigen Wiederaufnahme des Lauftrainings null Muskelkater habe; also hab ich’s doch nicht “übertrieben”, wie ich spätnachmittags befürchtete, als ich mich keislaufshalber wider Willen für eine halbe Stunde hinlegen mußte, aus der aber nur fünfzehn Minuten wurden, weil dauernd jemand anrief. Na klar, wer hält auch schon Siesta nach 16 Uhr? Da sagen Italiener längst Buonasera. – Ich war aber schlichtweg erst recht spät in den Park gekommen, weil meine erste Zoomkonferenz mit der Uni Bamberg auf die Mittagszeit gelegt worden war; ein für mich erwartungsgemäß informatives Gespräch, doch vor allem ein Anlaß, mir für den Lehrauftrag über die Einsatzmodi meines Computerbildschirm-,nun jà,”cockpits” Gedanken zu machen. Und außerdem muß ich heute einen virtuellen Raum für meine beiden START-Seminare buchen und sie danach eben auch mir einrichten. Ende dieses Monats findet bereits das erste statt. Da will ich dann auch → die Béarts endlich abgegeben haben.
Wie auch immer, heute wird um 12 gelaufen. Die Wiederaufnahme des Trainings hat eben auch Alltagsfolgen: Geduscht wird dann immer erst nachher, woraufhin die Siesta, so daß es schon von daher mehr als nur sinnvoll ist, meine Arbeitszeiten wieder sehr früh beginnen zu lassen. Bereits gestern, wie heute eben auch, bin ich um Viertel vor sechs hoch; besser wäre, zum Aufstehen fünf Uhr anzusetzen. Dann läßt sich bis Mittags gut was schaffen. Denn zu tun … mein Güte, schönste Frau … zu tun, zu tun gibt es genug. (Mal abgesehen davon, daß ich leider auch noch die Steuererklärung für 2019 dazwischenschieben muß, deren Fristablauf der Krebsbehandlung halber auf den 1. Dezember verschoben wurde, dankenswerterweise).

So, die Geistesärmel hoch!

ANH
[Mahler, Erste, Currentzis]

[12.18 – 13.40 Uhr
Volkspark Friedrichhain]

 

 

 

 

Siehe → dort.

 

 

Und dann stand vor dem Park aber noch mein absoluter Lieblingswagen, den ich zwar niemals haben werde, erstens weil mir das Geld fehlt und weil zweitens in Berlin nichts unnötiger ist als ein Auto. Aber leihen, für einen Wochenendausflug, würd ich ihn mir gerne.

 

Sehr sehr, sehr sehr, sehr sehr gerne.

Krebs/Nachkrebstagebuch, 11. Oktober 2020. Wiederherstellung der (hetero)sexuellen Kompetenz. (Zugleich als Coronajournal No 30.)

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
Penderecki, Fünfte Sinfonie (1999)]
Dies ist entschiedenermaßen der nun nächstfällige Schritt, nachdem mir zum einen die Chemo die Fortpflanzungsfähigkeit zerstört haben dürfte (sollte ich dies testen lassen? von → Tests habe ich grade die Nase auch da voll, wo man den Johannes erkennt), sich aber die zweigeschlechtliche Sexualität-an-sich, ganz unabhängig von mir, unterm correctkriegerischen Dauerfeuer in Schützengräben bergen muß, die über ihr ständig so sehr zusammengeschossen werden, daß sich der Eindruck gewinnen läßt, den Angreifern komme Corona grad recht: Vermittels des Virus’ lassen sich ganze Gesellschaften moralisch zurück ins Biedermeier bomben. Genau dies, dem zu widerstehen, macht die Notwendigkeit dringend. Safer breathing hat durchaus seine Parallelen zum “safer Sex”, man muß da gar nicht lange konstruieren.
Nein, ich leugne Covid-19 nicht, sondern sehe die Gefahren — indessen aber auch, wie gut die Krankheit zur zunehmenden Entkörperung paßt und damit in die Entwicklungslogik des Monotheismus – egal, ob jüdischer, christlicher oder islamischer Provenienz. Insofern der Sexus – weiblich ausgedrückt: insofern Aphrodite – sich an keine Regeln hält (“Venus ist eine glischige Göttin”), ist die Libido auch gesellschaftlich nicht lenkbar, damit anarchisch-antiautoritär. Das kann weder einer Gesetzgebung gefallen noch gar unserer Wirtschaftsdynamik, der daran gelegen ist, alles auf einen Tauschwert herunterzubechen, es mithin gleichzumachen, sei es Ware, sei es Mensch (als nämlich kalkulierbare Arbeitskraft, die, anstelle zwischen Speichen Stöcke zu stecken, ihren Weisungen nachkommt).

Aber auch künstlerisch ist es notwendig, weil Eros die Antriebskraft der Künste ist, aller, und nicht etwa seine, bzw. der Venus Sublimation. Verdrängt ihn die Moral, verdrängt also SIE, kommt dabei schlechte Kunst – keine also – heraus. Deshalb warnte selbst Brecht, man könne nicht auf ihn bauen – zumal mit vorher den “incorrecten” Versen:

In meine leeren Schaukelstühle vormittags
setze ich mir mitunter ein paar Frauen
Brecht, Vom armen B.B.

— “setze ich mir” – welch hübsche Hybris. Es wird Zeit, wieder zu partizipieren an ihr; die Damen müssen sich setzen ja lassen: Das Spiel ist durchaus nicht von einer Seite alleine geführt, die in den Schaukelstühlen sind keine Opfer. Vielmehr, sie haben gewollt.
Wobei nicht ausgemacht ist, ob ich’s – also wieder zu partizipieren – auch “schaffen” werde. Der Wille indes ist zurück, nicht nur als Wunsch. Es ist dies, oh → Li, ein erster Schritt in die nichtnurorganische Heilung – egal, ob mich das dann abermals Stipendien und Preise kostet, die aus “moralischen” Gründen mir vorenthalten werden, dem unbeugsamen Incorrekten, den jede Konsensgesellschaft erschaudern läßt. Auch das ist eine Hitlerfolge, oder um es mit Jelinek zu sagen (ich habe es → dort schon zitiert):

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler in die andere. Das ist ihre Pflicht.

(Die Dicht’rin seh die Verkürzung mir nach; sie hat hier rein rhythmische Gründe.)

Wie es also anstelln? Mehr noch als AIDS – seinerzeits bis heut – versiegelt Corona nunmehr die Lotterbetten, mit Mundschutz ist nicht einmal ein Cunnilungus wirklich praktikabel und relativ gefahrlos nur in der Monogamie noch möglich, in die wir nachdrücklicher zurückgescheucht werden sollen als selbst den Zeiten des Rauchverbots möglich — einer Entente globale erstem gelungenen Feldforschungsprojekt zur Massenlenkung. Nun wird FREMDGEHN NEIN DANKE zur nicht nur mehr katholischen, also islamischen Devise; der neue Biedermeier stand eh schon wuchtig genug in der Tür: nicht weniger bläßlich als anno dunnemals zwar, doch ebenso Ausdruck reaktionärster Macht, bzw. ihrer Wi[e]derkehr. Neu ist allein, daß sie es gelernt hat, sich als progressiv zu maskieren, sogar als Feminismus.
Ach, in der Tat, wir hatten vor AIDS nicht halb so viel Angst! Die Krankheit griff auch in
die Existenz nicht so ein, wir brauchten bloß paar Tütchen. Nicht ein einziges Späti wurde geschlossen, und wer aus Wien zurück nach Berlin kam, konnte hedonistisch sein, wie er wollte, oder sie, in Quarantäne mußte man nicht, egal ob halb der sechste Bezirk war flachgelegt worden. Und umgekehrt die KITKAT-Besucher & Innen – derer es einige, einige gab – mußten auch nicht auf die Sitte in Wien. Erst nu’ isser zu, der cosmopolitische Club, coronageschlossen wie das INSOMNIA und all die anderen Etablissments der erotischen Libertinage.
Und aber auf der Straße? Sprechen Sie, Freundin, jemanden jetzt einmal an, Jemandinnen meine ich, ob nun mit oder ohne Sternchen … auf anderthalb bis zwei Metern Abstand muß man(n) fast schreien, alleine schon wegen des Tuches vorm Mund. Sowas paßt nicht zu Charme und zu Flirt. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, die Kassiererin bei PENNY zu verstehen, wenn sie etwas fragt. Social distance heißt erotisch Entfernung. Oben Mund- und Nasenschutz (als müßten die wir schützen!), unten LONDON GEFÜHLSECHT. Was – zwischen Arbeit und erfüllten Lebenssinn geschoben – Entfremdung genannt war, wird nunmehr total, nachdem sie auch längst das Geschlecht fast erdrückt. Die Zukunft ist “queer” und kontaktlos. Für Replikanten paradiesisch, ein gentechnologischer Rummelplatz, ist Corona fürwahr der Grund für virenfreie Sexmaschinen. Da wird sogar der Verkehr mit – Dassagichjetztnicht – möglich.
Soweit aber sind wir leider noch nicht, die Puppen von der Uhse sind wahrlich nicht alternativ, um von “wirklich” wirklich zu schweigen. Außerdem habe ich schon → mit Siri Probleme — trotz ihrer tiefen Versprechen :

Siri macht jetzt noch mehr.
Schon bevor du fragst.

Da sage noch einer, es sei die Richtung nicht deutlich! Doch helfen tut mir alledies nichts. Ich habe verabsäumt, mich rechtzeitig vor Corona und für mein Altern haushalts- und also erostechnisch zu binden, nu’ hab ich den Askesesalat und sollt’ wie mein Bruder, da war er fünfzehn, über meine Liegestatt schreiben:

Solang ich zwei gesunde Hände habe,
kommt mir keine Frau ins Haus.

Nur war er damals dreizehn, da wußte er einfach noch nicht, was das hieß. Und hier bei mir an der Wand sind viel zu viele Bücher. Dabei ist er heute prophetisch, Hagens, meines jüngeren Bruders, Satz. Der diese Pandemie zudem nicht mehr erleben muß. Ich denke einmal, AIDS hat ihm schon völlig genügt, als er statt daran im hochgebirgigen Wildwasser umkam, das ihm vier Grad kalt auf den Zungenhals stürzte. Erstarrung des Muskels, die Luftröhre zu. Gestorben, wie der Filmer sagt (dies ist ein Zitat). Des Extremsportlers neoprenverpackter Korpus wurde erst zwei Tage später gefunden. Noch lebend sah Hagen so aus zuletzt (nach der Beerdigung unseres → Vaters):

 

 

 

 

 

 

 

 

(links neben mir,
1990)

Ui, nun wurde ich wirklich privat, Pardon. Auch Corona verführt zu Lebensbilanzen, die ja immer zugleich Erinnerung sind. Jedenfalls bin ich heute einigermaßen hilflos, zumal mir mein bester, nach wie vor in schäumendem Safte stehender Freund gestern nacht “steckte”, auch für ihn sei dieses Jahr geradezu pheromonfrei verlaufen — so daß ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, da hätt ich ja lihalber gar nichts verpaßt … Was mich tatsächlich ein wenig beruhigt, auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wie meine Askese beenden. Nur dann nämlich, wenn dies gelingt, werde ich auch wieder mit vollen Kräften schreiben können. Die Musen wollen geliebtwerden, und zwar nicht nur im Geist, im Geist sogar am wenigsten … — Ach! Enden die → Béarts deshalb mit einem → Accende?

 

so fragt, liebste Freundin,
Ihr ANH

“Ich bin ganz einfach nackter und weniger verschüttet als ihr”:
Peter de Mendelssohn über und von Giono.

 

 

 

 

Gionos (Kunst) ist eine heidnische,

nämlich:

Man solle (…) auf nichts verzichten. Es sei leicht, innere Freude zu gewinnen, wenn man seinem Körper entsage. Doch glaube er, es sei ehrlicher, eine “vollkommene Freude” zu suchen, indem man diesen Körper einbeziehe, da er da sei, wir ihn haben, “da auf ihm unser Leben beruht, von der Geburt bis zum Tode”. Die spirituelle Freude, das geistige Glücksgefühl, welches der christliche Glaube zu vermitteln vermag, sind also “unvollkommen” und daher leider nicht zu brauchen. Er geht aber auf die Vollkommenheit und Vollständigkeit des Glücks aus. “Die Intelligenz zu befriedigen, ist nicht schwer, unseren Geist zu befriedigen, ist auch nicht schwer. Man sagt, unseren Körper zu befriedigen, sei demütigend; er allein jedoch lehrt uns eine strahlende Weisheit. (…) Die panische Freude [die des Pan, ANH (…) ] vermag man nicht für sich allein zu behalten. Sie ist uns gegeben, um alles Leben damit zu durchdringen. Wer sie besitzt und sie nicht teilt, berührt sie nur, um sie wieder zu verlieren.

Peter de Mendelssohn, Der Geist in der Despotie, 135 & 141-142.

 

 

 

(Eine Leseempfehlung meines Arco-Verlegers, die dann wesentlich, neben selbstverständlich dem → Béart-Lektorat,  meinen → Wien-Aufenthalt bestimmt hat.
Die für mich beeindruckendsten Aufsätze des Buches sind der hier zitierte über Jean GionoDie Gehorsamsverweigerung des Herzens, aus der ich ganz sicher noch mehrfach etwas herausschreiben werde – sowie die sehr entschiedene, zu dessen “Haltung” im Nationalsozialismus, Abrechnung mit Gottfried Benn.)

Anrufung der Venus bei Lukrez. Erster Versuch einer neuen gebundenen Nachdichtung. Die Brüste der Béart, 60.

 

Lukretius, DE RERUM NATURA, I 6-13

te, dea, te fugiunt venti, te nubila caeli
adventumque tuum, tibi suavis daedala tellus
summittit flores, tibi rident aequora ponti
placatumque nitet diffuso lumine caelum.
nam simul ac species patefactast verna diei
et reserata viget genitabilis aura favoni,
aëriae primum volucris te, diva, tuumque
significant initum perculsae corda tua vi.

 

Diels (1924)

Wenn du nahest, o Göttin, dann fliehen die Winde, vom Himmel
Flieht das Gewölk, dir breitet die liebliche Bildnerin Erde
Duftende Blumen zum Teppich, dir lächelt entgegen die Meerluft,
Und ein friedlicher Schimmer verbreitet sich über den Himmel.
Denn sobald sich erschlossen des Frühlings strahlende Pforte
Und aus dem Kerker befreit der fruchtbare West sich erhoben,
Künden zuerst, o Göttin, dich an die Bewohner der Lüfte,
Und dein Nahen entzündet ihr Herz mit Zaubergewalten.

ANH (Sept. 2020, Versuch I)

Dich, Göttin, Dich | fliehen die Böen und flieht das Gewölk,
wenn Du heranziehst, und unter den Füßen, erlauchte Gestalt’rin,
breitet die Erde Dir Blumen; Dir lächeln vom Meere die Brisen
zu wie das weit | ausgebreitete Glänzen des Himmels.
Kaum nämlich, daß sich der Lenz | ahnen von jedem Geschöpf läßt,
sei es auch nur | erst in dem Anhauch des fruchtbaren Westwinds,
ruft schon, o Göttin, der Vögel gezwitscherter*) Jubel Dich aus
allüberall, und er schlingt Deine Bändel um jegliches Herz.

 

*): Vielleicht sogar “geschmetterter”?

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Siehe auch Klaus Binder dort.

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