“Falbins Krise”. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 10

Buchfassung 1983:

(…)

Und konnte sich Falbins immer weniger erwehren. Wo Laupeyßer ging oder saß, sogar beim Fernsehen, blieb Falbin in unmittelbarer Nähe. Er ließ nicht locker, als beabsichtigte er bösartig, Laupeyßer zu einer Entscheidung vorzutreiben. Der spielte dann allen Ernstes mit dem Gedanken, einen Psychiater aufzusuchen, wogegen er, schreibend, Falbin sich später wehren ließ. Auch überlegte er, ob er nicht doch besser wieder ein Studium aufnehmen sollte. Doch war ihm umgehend klar, daß es sich nur um Flucht gehandelt hätte. Und er wollte nicht flüchten, es war Falbin ja auch nicht mehr zu entkommen. Des­halb, so dachte er, würde er ihn aufsuchen müssen, die ganze Stadt abgrasen nach ihm oder zumindest ihn im Café erwarten. So wartete Laupeyßer tatsächlich, für mehr als eine Woche saß er jeden Nachmittag am angestammten Platz vor den Fenstern mit ihren Gußeisengittern. Es wurde täglich heißer draußen. Von Zeit zu Zeit – vormittags vor allem, weil er da noch zu Hause saß –, kamen Anrufe aus dem Büro, schließlich die Kündigung, Einschreiben mit Rückschein. Laupeyßer telefonierte mit seinen Eltern, erzählte es ihnen in sprödem, gelangweiltem Sprach­duktus, hängte vor jeder Möglichkeit elterlicher Entgegnung ein. – Für zwei Tage dann wurde das Denken an Falbin vom Arbeitsamt unterhöhlt: Das zu Zwanzigergrüppchen in den hohen, angenehm kühlen Gängen des Amtes Hocken. Das Ver­wiesenwerden an die verschiedenen Beratungsstellen. Laupeyßer ward den Karteikästen integriert, geradezu nahtlos, und bis zur Bewilligung des Arbeitslosengeldes ans Sozialamt verwiesen. Er fügte sich ergeben und uninteressiert darein, holte sich die ersten zweihundert Mark. Dann erschien er wieder im Café, wo man ihn sogar zu grüßen begann, so bekannt wurde sein Gesicht. Hin und wieder fing er ein Lächeln auf. Aber der Pappkarton, der stand auf dem Wohnzimmertisch, wuchtig, bedrohlich, unverrückbar. Laupeyßer war an ihm vorbeizusehen bemüht, denn ihn kurzerhand aus der Wohnung zu schaffen, getraute er sich nicht. Statt dessen schoben die zwei Tage Emsland sich ein. Wegen des Geruchs. Und weil er die Angst wachsen fühlte. Es war aber schon deshalb ein Fehler, weil er den Bahnhof be­treten hatte erneut.

»Weil der Traumbefangene sich zu gut ist, die Arbeiter zu sehen, meint er, die Drohung käme von diesen und nicht von jenem Ganzen, das ihn und die Arbeiter voneinandergerissen hat. Die chaotische Anarchie in den Arbeitsbeziehungen der Menschen, die vom System gestiftet wird, drückt sich in der Verlagerung der Schuld auf die Opfer aus.« Adorno, Philosophie der Neuen Musik

Alle Zeiten beliebig setzen, zusammenwursteln. Denn manche Notizen sind bereits älter als drei Jahre. Während die Erzählung von Falbin selbst – nicht veröffentlichungswert – von 1978 stammt. Falbin hat mich, den »Erfinder« Laupeyßers, nicht ver­lassen seither.

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Und konnte sich Falbins immer weniger erwehren. Wo immer Laupeyßer ging oder saß, sogar beim Fernsehen, blieb der Andere in unmittelbarster Nähe, ließ einfach nicht locker. Fast bösartig trieb er Laupeyßer zu einer Entscheidung, ließ ihm keinen Fluchtraum. So daß er allen Ernstes bald mit dem Gedanken spielte, einen Psychiater aufzusuchen, wogegen er, dagegen anschreibend, sich später Falbin wehren ließ. Vielleicht hätte ich aber besser mein Studium wieder aufgenommen. Nein, nicht mehr Pharmazie. Doch wär das Flucht erst recht gewesen. Und aber er wollte nicht fliehen, es war Falbin eh nicht mehr zu entkommen. Eben deshalb werde er ihn aufsuchen müssen, und wenn er nach ihm die ganze Stadt abgrasen müsse.
Was er nicht ansatzweise tat, sondern er erwartete ihn einfach im Wallcafé. Woche um Woche saß er jeden Nachmittag an seinem nun schon angestammten Platz vorm Gußeisengitter der Fenster. Täglich ward es draußen heißer. Von Zeit zu Zeit – vormittags, wenn noch zu Hause –, erreichten ihn Anrufe aus dem Büro. Oder erreichten ihn nicht, er nahm ja nicht ab. Schließlich lag die Kündigung im Briefkasten, Einschreiben mit Rückschein. Laupeyßer erzählte es telefonisch seinen Eltern, erzählte es gelangweilt und legte auf, bevor Mutter und Vater wieder Luft kriegen konnten. Die beiden Tage danach schob das Arbeitsamt Falbin vorübergehend in die Ecke. Da hockte Laupeyßer mit etwa zwanzig anderen Leuten in den hohen, zwar kahlen, aber angenehm kühlen Gängen der Behörde. Er wurde an verschiedene Beratungsstellen verwiesen, ward fast selbst zu einem Karteikasten voll seiner Daten. Dann schickte man ihn erstmal zum Sozialamt. Bis das Arbeitslosengeld bewilligt wäre, sollten die da überbrücken. Ergeben schickte er sich drein, interessiert allein an den ersten zweihundert Mark. Danach erschien er wieder im Café, wo man ihn zu grüßen begann. Ein Lächeln fing er hin und wieder auf. Doch wuchtig stand zuhaus unverrückbar bedrohlich der Pappkarton auf dem Wohnzimmertisch, und wenn er’s auch redlich versuchte, an ihm vorbeisehn ließ sich nicht, schon gar nicht war er aus der Wohnung zu schaffen. Statt dessen schob er, Laupeyßer, die zwei Tage Emsland ein. Vor allem wegen des Geruchs. Und weil er die Angst wachsen fühlte. Es war aber schon deshalb ein Fehler, insofern er für die Fahrt erneut den Bahnhof betrat, ihn betreten mußte.

Weil der Traumbefangene sich zu gut ist, die Arbeiter zu sehen, meint er, die Drohung käme von diesen und nicht von jenem Ganzen, das ihn und die Arbeiter voneinandergerissen hat. Die chaotische Anarchie in den Arbeitsbeziehungen der Menschen, die vom System gestiftet wird, drückt sich in der Verlagerung der Schuld auf die Opfer aus.
                                                                              Adorno, Philosophie der Neuen Musik

Alle Zeiten beliebig setzen, dann zusammenwursteln. Ich nenn es mal ‚amalgamieren‘. Wobei manche Notizen schon älter als drei Jahre sind. Während die Erzählung von Falbin selbst – nicht veröffentlichungswert – von 1978 stammt. Falbins Krise“ hieß dieser Entwurf. Der Typ hat mich, den Erfinder Laupeyßers, seither nicht mehr ver­lassen.

(…)

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“Wollen Sie mit mir schlafen?” Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 9

 

Buchfassung 1983:

(…)

Sie hatten sogar Schach gespielt, waren zeitweise in Schweigen verfallen, hatten sich dann angeschaut, erst verstohlen, schließlich offen, Auge in Auge, lächelnd, bis Falbin leicht mit dem Kopf zuckte, sich abwandte, errötete. – Zum anderen war ihm der Zustand seiner Wohnung in Erinnerung geraten, und selbst, hätte er die Wohnungstüre öffnen können, wäre das innen herrschende Chaos der jungen Frau keineswegs zumutbar gewesen. – Doch ist außerordentlich unvorstellbar, auf welche Weise gerade ein Mensch wie Falbin es angestellt haben soll, ihr vorzuschlagen, sie möge mit ihm in ein Hotel gehen. Aber irgendwann eben, vermutlich vor einer der von ihr so sehr geliebten großen, blankpolierten Schaufensterscheiben oder auch im Schatten des Kirchturms, fragte er sie rundheraus, einfach, schlicht, ob sie vielleicht schlafen möge mit ihm.
»Wollen Sie mit mir schlafen?« Dies ohne Stottern, ohne Rot­werden, ohne jeden krampfhaften Unterton. Ganz schlicht die Frage, das war in seinem sachlichen Ton überaus zärtlich. »Wollen Sie mit mir schlafen?«
Sie antwortete nicht minder schlicht mit einem prompten Ja.
»Nehmen wir ein Hotel?«
»Wollen Sie nicht mehr nach Hause?«
»Ach, wissen Sie, es ging mir nicht sehr gut in letzter Zeit«, sagte er, als wäre es eine Antwort gewesen. Und sie nickte, als hätte sie begriffen.
»Wissen Sie denn ein Hotel?«
Falbin steckte die Hände in die Hosentaschen, lachte, wiegte den Oberkörper, schaute sich um.
»Nein«, sagte er. »Woher auch? Da haben Sie ganz recht.« Nun lachte sie und drückte ihn, daß beide einige Sekunden eng aneinandergedrückt mitten auf der Fahrspur standen. Ein paar Wagen hupten. Lachend machten sie Gebärden zu ihnen hin, liefen weiter. Marianne hakte Falbin wieder unter.
»Na bitte, dann nehmen wir das erste, das so kommt«, sagte sie. »Wie heißt du eigentlich?«
»Claus«, sagte er.
»Na gut … Claus. – Laß uns nach’n bißchen schlendern.« Und fügte hinzu: »Es ist schön.«

Denn auch das Märchenhafte zuzulassen, ist manchmal nötig.
Pappkarton.

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

“Aber sicher! Sicher…” Das im Wortsinn naheliegendste fiel ihm ein, das Wall-Café, klar, und er sah Marianne sich in den Spiegelwänden spiegeln, derweil sie vielleicht Schach spielen würden, Mühle oder Dame oder ein anderes Brettspiel, das in dem Board neben dem Aufgang für die Gäste bereitlag.
Was sie auch taten, nachdem sie zeitweise in Schweigen verfallen waren, weil noch verschwiegen werden mußte, was sich so einfach nicht aussprechen ließ. Statt dessen sahen sie einander immer mal wieder verstohlen an, dann weniger verstohlen, schon lächelnd und offen, nur daß Falbin leicht mit dem Kopf zuckte und einmal sogar sein Gesicht, weil er rot zu werden spürte, von ihr abwenden mußte. Schließlich entschlossen sie sich, in ein Hotel zu gehen. Auf einen Schlüsseldienst hatte Falbin schon deshalb nicht die Lust, weil ihm der Zustand seiner Wohnung allzu erinnerlich wurde, denn selbst, hätte er die Wohnungstüre geöffnet bekommen, wäre das Chaos herinnen Marianne nun wirklich nicht zumutbar gewesen. Dennoch, die Vorstellung ist geradezu bizarr, daß einer wie er ihr ein Hotelzimmer vorschlug. Wie soll er das geschafft, es ausgesprochen haben? Um die Tatsache irgendwie glaubhaft zu machen, stelle ich’s mir so vor:

Er hat nicht im Café schon gefragt. Noch sind sie aufgebrochen wie zu ihm daheim. Lichterdurchglitzt das Abenddunkeln. Sie, erneut, bleibt vor einer wie blankpolierten Schaufensterscheibe stehen, vielleicht auch im noch dunkleren, als die sich senkende Nacht ist, Schatten eines Kirchturms und saugt die süße warme Luft tief in ihre Nüstern. Aus der zugleich gelösten wie nervig-gespannten Kontur ihres Körpers strahlt erwartungsvolle Bereitschaft. Da fragt er sie rundheraus, fragt schlicht und ohne zu flüstern aber, ob sie mit ihm schlafen möge.
“Möchten Sie mit mir schlafen?” Ohne zu stottern, ohne rotzuwerden, ohne auch nur den Unterton banger Verkrampfung. Gerade sein sachlicher Ton schimmert zart wie ein Samt. “Möchten Sie mit mir schlafen?”
Sie antwortet nicht minder schlicht mit „Ja“.
“Nehmen wir ein Hotel?”
“Wollen wir nicht mehr zu Ihnen?”
“Ach, wissen Sie, es ging mir nicht sehr gut in letzter Zeit”, erklärte er, als wär’s eine Antwort. Sie aber nickt, als hätte sie verstanden. “Wissen Sie denn eins?”
Er steckt die Hände in die Hosentaschen, lacht ein bißchen, wiegt den Oberkörper hin und her, schaut sich um. “Nein, woher auch? Sie haben ganz recht.“
Das wird nun ein Abenteuer.
Sie umarmt ihn und spricht in sein Ohr: „Vielleicht fangen wir erst einmal an, zueinander ‚du‘ zu sagen.“ Und kichert in das Ohr: „Ich bin Marianne.“
So stehen sie eng aneinandergedrückt über eine Minute mitten auf der Fahrbahn.
Ein Auto hupt.
Sie winken ihm zu, lachend, laufen weiter. Bevor Marianne ihn erneut unterhakt, sagt er: „Ich bin Claus. Und wir nehmen wir das erste Hotel, das so kommt.”
“Doch laß uns zuvor noch ein bißchen schlendern. Der Abend ist so schön.”

Manchmal ist es nötig, auch ein Märchen zuzulassen.
Pappkarton.

(…)

 

Kriegskrank nun auch ich, eher aber trifft “gelähmt”. Das Weiterhinnichtarbeitenkönnenjournal des Dienstags, den 22. März 2022. Fast nur noch Ukraine.

[Arbeitswohnung, 9.25 Uhr
Kinderrufen vom Pausenhof. Sonne.]

Daß mir ein Frühlingsanfang, noch dazu ein solcher, einmal keine Freude oder nur so geringe würde bereiten, hätte ich niemals geglaubt. Im Thälmannpark, jetzt schon, sind die Kirschblüten aufgesprungen, die von Mord nichts wissen, schon gar nicht vom Morden in der Ukraine, an das zu denken ich nicht wegkomme, so daß ich über nichts anderes mehr schreiben kann, will ich nicht komplett erlahmen.
Es sind Arbeiten dringend zuende zu stellen, es gibt Fristen, nicht nur solche, die mich selbst betreffen; Elfenbein kündigt die Neuerscheinung der Verwirrung des Gemüts jetzt mit Mai an, und ich sehe auch da nicht, wie das einzuhalten ist; für Arco ist das Nachwort zu Gerd-Peter Eigners nachgelassenem, nun endlich erscheinendem Der blaue Koffer zu verfassen, ich schaffe täglich, wenn überhaupt, dreivier Sätze und mehr nur, wenn ich ein Zitat einkopiere. Eine Coronahilfe von vor anderthalb Jahren ist abzurechnen, auch das krieg ich nicht hin, um von der Wiederaufnahme der → Videoserie zu schweigen. Fast alles, was mit meiner und überhaupt Literatur zu tun hat, kommt mir banal, luxuriös, unsinnig und manchmal sogar zynisch vor, sinnlos in jedem Fall. Ich höre nicht einmal mehr, oder kaum noch, Musik, bin vorgestern sogar der → Verdipremiere ferngeblieben, obwohl ich eine Pressekarte hatte. Jetzt werde ich einen Entschuldigungsbrief schreiben müssen, was ich schon gestern tun wollte und ebenfalls so wenig zuwege bekam wie den Brief → an Andreas. Nämlich gar nicht. Das einzige, was ich noch vermag, ist, dauernd die neusten Nachrichten zu lesen und gegen den Kriegseintritt der NATO anzuschreiben, also den unsern. Ich träume davon schon, sah heute nacht zum letzten Mal meinen Sohn, die Zwillinge, लक्ष्मी. Es tat einen ungeheuren Knall, dessen Wirkung so groß war, daß ich nicht einmal erwachte. Erinnre mich erst jetzt. Ich trug Gefechtsuniform, also Tarndress. Aber selbst da noch Krawatte. Dann warn wir tot.
Nein, ich habe davor keine Angst, nicht um mich selbst. Ich hab eh ein zweites Leben, nach dem Krebs, der, so gut die Werte auch sind, womöglich besiegt noch nicht ist. Auch darauf kommt es nicht an. Was mir Sorge bereitet, ist das Leben meiner Liebsten, das ich nicht geopfert sehen will. Ich will meine Kinder nicht leiden sehen, Punkt. Dabei kann ich mir gut – also schlecht – vorstellen, daß ich, ging’ es nur um mich, ebenfalls nach dem Kriegseintritt rufen würde, um das Gemetzel zu stoppen, jedenfalls das Gefühl zu haben, es zu tun oder zu versuchen doch. Auch wenn ich wüßte, daß Krieg auf Krieg keine Antwort ist, sondern ihn perpetuiert. Was wir Menschen immer wieder sehen. Manchmal bleiben uns einige Jahrzehnte, in denen er ruht, um sich gegen den Frieden zu wappnen. Dann wacht er, und bedrohlicher noch, waffenstarrend wieder auf.

Die → Dämonisierung des Gegners → schreitet voran[1]Lawrow einen “Aristokraten der Apokalypse” zu nennen, ist, mit intellektuell feiner Feder, genau das. Der hier unter dem Pseudonym “Severyn Korab” schreibende ukrainische … Continue reading, selbst Biden warnt nun, in diesem Zusammenhang nachvollziehbarerweise und so wahrscheinlich auch nötig, mit “einer starken Reaktion der NATO”. Die Spirale dreht sich und dreht sich, schraubt sich und schraubt sich hinauf. Was ich völlig vergaß – daß vor der letzten Eskalationsstufe noch, der der atomaren Schläge, die biologischen Massenvernichtungswaffen stehen, die abermals an → thanatische Ursachen denken lassen, denn von solchen Mitteln des Krieges bliebe Rußland-selbst nicht verschont und Belarus schon gar nicht. Thanatos als Messias, doch nicht einmal der, der er, mit Hypnos verbunden, s a n f t das ewige Zuende gibt – sondern die

Keren in dunkler Gestalt, mit weißen Zähnen erklirrend,
Grass, und düsteres Auges, und blutbesprengt, und unnahbar,
Hatten um Fallende Zank: denn jegliche wollte begierig
Trinken das schwarze Blut; und erhaschte sie einen gestreckten,
Oder an frischer Wund’ hinfallenden, schleunig um diesen
Schlug sie die mächtigen Klaun; und es fuhr die Seele zu Aïs,
Tief in des Tartaros Schauer hinab: war ihnen das Herz nun
Satt des Menschenblutes, zurück dann warfen sie jenen,
Wandten sich um, und durchstürmten der Feldschlacht Lärm und Getümmel.[2]Hesiod, Der Schild des Herakles, 234-253; Übersetzung von Johann Heinrich Voß

Lesen Sie nur, o Freundin, diese Conclusio des Pulitzer-Preisträgers Chris Hedges[3]Auch ihn habe ich recherchiert, um nicht möglicherweise einem Verschwörungs”theoretiker” aufzusitzen; genauer noch ist → die englische Wikipedia: → Waltzing to Armageddon[4]Daß Hedges derselbe Begriff in den Sinn kam wie Der Dschungel → dort, belegt eine sehr ähnliche Perspektive auf die Endgültigkeit, nämlich Irreversibilität, dessen, was uns bei unserm Eintritt … Continue reading; soeben schickte mir Schelmen-
zunft
den Link:

(…) Germany, for the first time since World War II, is massively rearming. It has lifted its ban on exporting weapons. Its new military budget is twice the amount of the old budget, with promises to raise the budget to more than 2 percent of GDP, which would move its military from the seventh largest in the world to the third, behind China and the United States. (...) NATO battlegroups are being doubled in size in the Baltic states to more than 6,000 troops. Battlegroups will be sent to Romania and Slovakia. Washington will double the number of U.S. troops stationed in Poland to 9,000. Sweden and Finland are considering dropping their neutral status to integrate with NATO.
This is a recipe for global war. History, as well as all the conflicts I covered as a war correspondent, have demonstrated that when military posturing begins, it often takes little to set the funeral pyre alight. One mistake. One overreach. One military gamble too many. One too many provocations. One act of desperation. (…)
The Dr. Strangeloves, like zombies rising from the mass graves they created around the globe, are once again stoking new campaigns of industrial mass slaughter. No diplomacy. No attempt to address the legitimate grievances of our adversaries. No check on rampant militarism. No capacity to see the world from another perspective. No ability to comprehend reality outside the confines of the binary rubric of good and evil. No understanding of the debacles they orchestrated for decades. No capacity for pity or remorse.[5]Deutschland rüstet zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder massiv auf. Es hat sein Verbot, Waffen zu exportieren, aufgehoben. Der neue Militärhaushalt ist doppelt so hoch wie der alte, und … Continue reading

Und aber hier rufen jetzt schon so v i e  l e: “Mitmachen! Mitmachen!” Und berufen sich, mehr oder minder direkt, auf die militärische – und aber eben in einem Weltkrieg – Befreiung von der Hitlermonstrosität. Also denken sie den Weltkrieg schon mit, nähmen ihn zumindest inkauf, um von der atomaren Bedrohung ganz zu schweigen. — Nein, ich stehe nicht, und stand da noch nie, auf Seiten Putins. Ich rufe weiterhin: “Миру Україні!” Und wünsche mir Putins, Lawrows und all der andern Verbrecher Ende. Nur arbeiten, arbeiten kann ich nicht. Nicht anders jedenfalls, als gegen diese Bedrohung anzuschreiben und mich ihr täglich, stündlich, minütlich zu stellen. So gesehen, bin kriegskrank nun auch ich, anders aber → als jene.

Entspannung, ein bißchen, geben mir die wenigen Treffen mit लक्ष्मी, meinem Sohn und der Familie, mit den Freunden; dann komme ich momentlang aus der Schwärze heraus, manchmal etwas länger. Und kann dann sogar lachen. Die Schwärze aber frißt mich auf, frißt meine poetische Leidenschaft auf, wahrscheinlich auch meine Fähigkeiten oder, becheidner, mein Talent. Denn sie schließt mich von aller Begeisterung aus. (Gegenüber den Leiden der bombardierten Menschen ist das ein Pups, das ist mir wohl bewußt.)

Ihr ANH
11.50 Uhr. Der Amselhahn singt.

References

References
1 Lawrow einen “Aristokraten der Apokalypse” zu nennen, ist, mit intellektuell feiner Feder, genau das. Der hier unter dem Pseudonym “Severyn Korab” schreibende ukrainische Autor – oder die Autorin – typisiert, und zwar säkularmythisch. Es entsteht die Figur eines sozusagen technokratischen Vampirs, nicht eines Menschen.
2 Hesiod, Der Schild des Herakles, 234-253; Übersetzung von Johann Heinrich Voß
3 Auch ihn habe ich recherchiert, um nicht möglicherweise einem Verschwörungs”theoretiker” aufzusitzen; genauer noch ist → die englische Wikipedia
4 Daß Hedges derselbe Begriff in den Sinn kam wie Der Dschungel → dort, belegt eine sehr ähnliche Perspektive auf die Endgültigkeit, nämlich Irreversibilität, dessen, was uns bei unserm Eintritt in der Krieg bevorzustehen droht: daß der noch begrenzte Schrecken zu einem in jedem Sinn unbegrenzten würde.
5 Deutschland rüstet zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder massiv auf. Es hat sein Verbot, Waffen zu exportieren, aufgehoben. Der neue Militärhaushalt ist doppelt so hoch wie der alte, und es wurde versprochen, den Etat auf mehr als 2 Prozent des BIP zu erhöhen, was das Militär von der siebtgrößten in der Welt auf die drittgrößte Position hinter China und den Vereinigten Staaten bringen würde. (…) Die Größe der NATO-Kampftruppen in den baltischen Staaten wird auf mehr als 6.000 Mann verdoppelt. Gefechtsverbände werden nach Rumänien und in die Slowakei entsandt. Washington wird die Zahl der in Polen stationierten US-Truppen auf 9.000 verdoppeln. Schweden und Finnland erwägen, ihren neutralen Status aufzugeben und sich in die NATO zu integrieren.
Dies ist ein Rezept für einen globalen Krieg. Die Geschichte und alle Konflikte, über die ich als Kriegsberichterstatter berichtet habe, haben gezeigt, dass es oft nicht viel braucht, um den Scheiterhaufen in Brand zu setzen, wenn das militärische Getue beginnt. Ein Fehler. Eine Übertreibung. Ein militärisches Wagnis zu viel. Eine Provokation zu viel. Ein Akt der Verzweiflung. (Übersetzung: deepl)

Dietmar Hillebrandt und die Sainte Chapelle. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 20. Februar 2022. Sowie mein falsches Vêpres-Datum à la sicilienne. Am frühen Abend geschrieben.

[Arbeitswohnjung, 18.33 Uhr
Philippe Hersant, In Nomine pour violoncelle principal et six violoncelles
Eiweiß-Bananen-Kiwi-Shake (täglich, um das Gewicht zu halten]

Mit → dem Tagwerk fast durch. Eigentlich säße ich jetzt in der Oper, wäre mir nicht eine irritierende, vielleicht auch ein bißchen, wenn ich ängstlich denn wäre,  beängstigende Fehlleistung unterlaufen. Nämlich sah ich vor vier Tagen, daß die Deutsche Oper → Verdis Vêpre sicilienne, ja, die französischsprachige Urfassung, herausbringt, und zwar, wie ich fehllas, bereits heute. Da ich mit seinem Don Carlos die Erfahrung gemacht habe, daß die auch da französische Erstfassung mich enorm fesselte, indes die italienische indes kaltläßt, wollte ich sofort hinein und fragte, unter Entschuldigung wegen der Kurzfristigkeit, um eine Presse- und, wenn möglich, auch Begleitkarte an. Beides bekam ich kommentarlos quasi sofort, ich wies die 15 Euro für die Begleitkarte an, und schon konnte ich meine Ticketts herunterladen. Das ist bei der Deutschen Oper praktisch.
Alles also prima.  Jetzt nur noch लक्ष्मी, von der ich wußte, sie habe Lust auf Oper, Bescheid gegeben, aber sie sei, schrieb sie, an dem Tag nicht in Berlin; daraufhin meinen Sohn gefragt, der ebenfalls mal wieder in die Oper wollte. Er nun mußte jobben. Nächster Anrufe: → Ricarda Junge, die solche Abende liebt. Sie war schon verabredet. Und so weiter. Gestern abend dann sagte → Gaga Nielsen zu. Was mich besonders freute. Wir sprechen zwar im Netz, haben uns aber zwischen drei und fünf Jahre nicht mehr physisch gesehen.
Dann lag ich im Bett. Und finde heute morgen eine SMS Freund → Broßmanns, den ich ebenfalls gefragt hatte, ohne daß er zusagen konnte:

Die Oper ist doch erst im März!

Da war ich baff. – Wirklich wahr? Nach dem Duschen auf den Karten nachgesehen. Tatsächlich, 20. März. Da stand es deutlich, und ich hatt’ nichts gemerkt. Beginnender Alzheimer? Zuviel Wein? Ein bißchen beunruhigen tut es mich nun s c h o n. Es sind ja einige, wenn auch stets nur kleine, Ausfälle, die → Liligeia als Souvenir mir hiergelassen hat. Und was für einen Aufwand, wegen der Begleitkarte, habe ich getrieben! Meine Güte, dachte ich, da denkst du so an andere, gibst auch noch Geld dafür aus, und dann bleibst du auf der Karte sitzen, die, was nur noch blöde ist, verfallen wird. Aber vielleicht steht jemand traurig vor der Oper …

Ich finde, sowas erzählen zu müssen. Ein kleines Journal ist es wohl wert. Doch gibt es nun noch einen zweiten Anlaß.
Bisweilen schaue ich bei amazon nach, ob sich etwas, und was, getan hat. Rezensionen zu meinen Arbeiten sind dort leider eher selten, und um, wie → Else Buschheuer gern tat, und andre halten’s sicher ähnlich, die Leserinnen und Leser meines Weblogs darum zu bitten, bzw., Buschheuer, aufzufordern, oder gar bei Facebook – dafür, Freundin, verzeihn Sie, bin ich zu stolz. Zudem hätt es einen Beigeschmack von Selbstbetrug. Nein, wer schreiben will, muß wollen, von sich aus überzeugt sein. Nur dann auch werden sie oder er überzeugen. Außerdem sind die wenigen Leserinnen- und Leserrezensionen ein Gradmesser, den ich nicht verunschärfen will. Ich mag nicht so tun und auch nicht so empfinden, als wäre, was nicht ist.
Und da nun stieß ich – aus Zufall, weil meine Zeit bei den Kulturmaschinen längst recht bös geendet und die einst dort verlegten Bücher allenfalls noch im Modernen Antiquariat erhältlich … — stieß ich auf eine Rezension, die mir wirklich den Atem nahm. Da sie aber eben nicht unter einem Buch steht, das derzeit lieferbar ist, hatte ich das unbedingte Verlangen, sie auch in Die Dschungel einzustellen. Denn die Novelle, um die es geht, ist ja dennoch erhältlich, nur unterdessen in von → Elvira M. Gross und mir revidierter Form in die → Septime-Ausgabe meiner gesammelten Erzählungen aufgenommen; sie findet sich gegen Ende des zweiten Bandes, “Wölfinnen” Für den, → bei amazon, gibt es nicht eine Rezension. Doch da, zum Beispiel, gehörte sie hin, egal, ob fast zehn Jahre alt.
Nur, wie jetzt vorgehen? – — Erstmal versuchen, ihren Autor, Dietmar Hillebrand, zu kontaktieren. Was ich versuchte, doch gibt es ihrer viele, und keiner lebte in seinem → bei amazon angegebenen Wohnort Hemmingen. Na klar, er kann er in dem Jahrzehnt längst umgezogen sein; nicht jeder hat ein Wunderkammerzentrum wie die Arbeitswohnung ich.

Gut, ich entschloß mich, das kleine Urheberrechtsvergehen zu wagen. Vielleicht wird er ja aufmerksam und meldet sich. Es würde mich freuen, selbst wenn er der Veröffentlichung hier widerspricht. Dann nähme ich sie selbstverständlich aus Der Dschungel wieder raus. Doch, Freundin, lesen Sie den Text! Nicht oft ist jemand, der dann publizierte, so sehr in das, worum ich mich bemühe, eingedrungen. Ich kann nur danke sagen.

D o r t finden Sie den Text und selbstverständlich weiterhin → bei amazon direkt. Eigenständig, hier, würden Sie kaum auf ihn stoßen, weil ich ihn, ich mag auch da genau sein, unter seinem originalen Datum eingestellt habe, dem 2. April 2012. Allerdings habe ich ihn im Kritikenkommentar unter die → Erscheinungsannonce des Septimebandes verlinkt.

https://dschungel-anderswelt.de/20180402/ein-silberturm-ist-die-welt-die-novelle-als-phantasmagorie-von-dietmar-hillebrandt/

***

[19.32 Uhr
Philippe Hernant, Aus tiefer Not für gemischten Chor, Viola da Gamba und Orgelpositiv]

Mit der Verwirrung gut vorangekommen, bin ich nun auf Buchseite 218 von 342. Seit einigen Seiten “läuft” der Roman sehr viel besser als zu Anfang, signifikant besser sogar; all die schrecklichen Substantivierungen sind vermieden, sogar der Rhythmus stimmt über weite Strecken – was bedeutet, daß die Überarbeitung nun schneller gehen wird. Ist auch nötig, ich bin jetzt schon terminlich in Druck. Insofern bin ich über die imgrunde ja nicht verpaßte Oper jetzt ganz froh. Ich seh sie als Signal, vor dem 20. März fertigzusein – auf daß endlich das Lektorat losgehen könne.

In den Abend:

Ihr ANH

“Siebzehn Jahr, blondes Haar”. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 8


(ich habe überhaupt nicht mehr gewußt, in welchem Ausmaß
der Wolpertinger hier schon vorausgeplant war)
:

Buchfassung 1983:

(…)

Womöglich ist er zu einer Nutte gegangen, die fragte ihn, weil er nichts als sprechen wollte, weshalb es ihn ausgerechnet hierher verschlagen hätte.

Sie wird es auch sein, der er später von jener Nacht beichtet, und die ihm hilft, indem sie ihn zurückläßt in einem Hotel des deut­schen Mittelgebirges bei Kassel. Anna. Anna hieß sie. Obgleich sie ebenso B. hätte heißen können nach Statur und Bewegung, auch ihrer Wirkung wegen und aufgrund dieser Zärtlichkeit. Aber Anna ist unsicherer noch als B., trotz ihres vermeintlichen Berufs. Auch verspielter und ebenfalls jünger, ich denke: an die 23. Sowas. Vielleicht auch erst 17, wie das junge Mädchen im TAT-Café, welches ich sehr lange nach meiner endgültigen Ab­fahrt beschrieb. Doch eben Anna. Und vielleicht doch nicht Anna.

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Womöglich ist er zu einer Nutte gegangen, die ihn, weil er nichts anderes als sprechen wollte, fragte, weshalb es ihn dann ausgerechnet hierhin verschlagen habe(, erklärte Laupeyßer aber nur noch seiner inneren Agnes).

Sie, die Prostituierte, wird es auch sein, der er später von jener Nacht beichtet, und die ihm hilft, indem sie ihn in einem Hotel des deutschen Mittelgebirges unweit von Kassel für alle Zeiten zurückläßt. Anna. Anna hieß sie. Obgleich sie nach ihrer Statur ebenso hätte B. heißen können und wegen ihrer Art, sich zu bewegen und den Mann anzulocken. Doch wie ich sie mir heute vorstelle, wird sie unsicherer als B. wirken, trotz deren vermeintlichem Beruf, zugleich viel verspielter und in jedem Fall jünger; um die 23, werde ich anfangs annehmen. Welch ein Irrtum! Ich habe sogar an 17 ge-

dacht, wie das junge Mädchen im TAT-Café war, nahm ich an, das ich sehr lange nach meiner endgültigen Abfahrt beschreiben würde. Doch eben Anna. Und vielleicht doch nicht Anna.

 (…)

______________________________________________________
* LEKTORATSANMERKUNG: Melodielinie von Udo Jürgens: “Siebzehn Jahr, blondes Haar” (1965), das heute, siebenundvierzig Jahre später, gar nicht mehr “erlaubt” wäre, sondern als quasi Legitimation eines Übergriffs auf Mindjährige gälte.

Ein Nein ist ein Nein ODER Strenggenommen Vergewaltigung. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 7:

[Eine Stelle in der Fassung von 1983, die ich wegen der Voraussicht, die der junge ANH, der dieses Kürzel damals noch nicht führte, auf die heutigen Diskurse nicht nur hier hatte – aber hier ist es so deutlich, auch wenn ganz sicher er nicht allein solche Gedanken hatte – … die ich also für die neue Fassung nicht ändern werde oder allenfalls geringfügig, damit zum einen die Grammatik korrekt ist und zum anderen zwei einander zugehörende Motive zeitlich nachvollziehbarer vernäht werden.

Also:]

Buchfassung 1983:

(…)

Vergewaltigung, strenggenommen, dachte Laupeyßer im Café am 16. 8., und unmittelbar hierauf setzte der Geruch ein, was aber nichts bedeutet, weil er, was er dachte, auch am Tag zuvor hätte denken können, – wäre strenggenommen schon: zu küssen, wo der Kopf abgewandt wird. Aber der Kopf wird gerne strategisch abgewandt; ein Lockspiel, das vor allem B. mit Vorliebe betreibt. Es steigert die Spannung. Wo Männer Zärtlichkeiten. Freilich. – Aber wo sind die Grenzen? Wer sagt, jemanden zu nehmen wäre hier noch nicht und dort schon Gewalt? Und wer versichert mir, ob mein Gefühl, auf welches sich einzig in solchen Fragen rekurrieren läßt, nicht unverläßlich ist?

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Vergewaltigung, strenggenommen, dachte Laupeyßer im Café am 16. 8.,
und unmittelbar hierauf setzte der Geruch ein, was aber nichts bedeutet, weil er, was er dachte, auch am Tag zuvor hätte denken können, oder er war die Warnung, er werde wenig später selbst genau in diesen Konflikt geraten,
sei strenggenommen schon: zu küssen, wo der Kopf abgewandt wird. Aber der wird gern strategisch abgewandt; ein Lockspiel, das vor allem B. mit Vorliebe betreibt. Es steigert die Spannung. Wo Männer Zärtlichkeiten. Freilich. – Aber wo sind die Grenzen? Wer sagt, jemanden zu nehmen, sei hier noch n i c h t und dort s c h o n Gewalt? Und wer versichert mir, ob mein Instinkt, auf den es sich in solchen Fragen einzig rekurrieren läßt, nicht unverläßlich ist?

(…)

Verschwörung der Gesichter. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 6

 

Buchfassung 1983:

(…)

Mit welchem Satz Laupeyßer von Schulze empfangen worden war, am 16., abends, es war dunkel gewesen bereits und die Räumung der Wohnung vollzogen. Kaum hatte Laupeyßer ge­klingelt – was heißt, er klingelte sicherlich an die fünf Mal, wähnte sich schon umsonst hergekommen, graute sich vor der Rückkehr in seine Wohnung, deren Leere noch keinen Reiz be­saß, weil Laupeyßer, wie zugegeben, feststellte, daß er innerlich sehr gehangen hatte an den nun veräußerten Dingen –, hatte kaum geklingelt also, ich bleibe dabei, beim kaum, – hatte kaum geklingelt, da wurde die Eingangstür schon brüsk aufgerissen, wie jemand die Tür öffnet, der hinausstürzen will, weil er verfolgt wird. Stand Schulze im Eingang, süßlicher Biergeruch entwich ihm und schlug Laupeyßer an. Schulze schien keinen Moment verwirrt, Laupeyßer zu gewahren, erkannte ihn auch sofort wieder.»Die Zeitmine ist geplatzt«, sagte er hastig. »Kommen Sie bloß rein! Nun machen Sie schon, schnell!« Zerrte mich an der Schul­terwölbung des Jacketts mit sich in den Treppenflur, zog mich ein Stockwerk hinauf in seine Wohnung, knallte mit großer Heftigkeit die Tür ins Schloß. Dann wankte er mir voran durch den Flur in eines der Zimmer.
»Sie sind also gekommen«, sagte er mit beruhigterer Stimme. »Hören Sie, es ist schrecklich. Wir müssen ganz still sein, dürfen nicht auffallen. Ich weiß sonst nicht mehr, was … Ich garantiere für nichts.« Wobei er sich mißtrauisch umsah, hinter sich und sogar unter seinen Korbstuhl blickte.
»Aber was … Was ist denn geschehen?«
»Heute nacht, wie … Aber bloß still!« Er legte einen Finger auf die Lippen, lauschte. »Ich bin nicht mehr sicher hier. Sie sind sehr stark geworden plötzlich. Dabei … Dabei hatte ich ge­dacht, ich hätte sie nun fest, sie könnten mir nichts mehr …«
»Aber was denn, Schulze?!«
»Die Gesichter, Herr Falbin, die Gesichter! Sie sind … Es stimmt nicht mehr … Das heißt, jetzt stimmt es schon wieder, aber … aber heute morgen …« Den Rest des Satzes verschluckte oder murmelte er; schluckte wirklich einmal, zwei­mal.
»Was stimmte nicht mehr? Also erzählen müssen Sie’s mir schon, sonst kann ich ja gleich wieder gehn.«
»O Verzeihung, wirklich. Verzeihen Sie mir … – Sie mögen etwas trinken? Einen Kaffee? Ich habe so selten Gäste. Ich bin darin nicht mehr geübt …«
Ich hatte bei Agnes schon die ganze Zeit Kaffee getrunken, war aufgekratzt, auch fiebrig, aber ich nickte trotzdem. Schulze stand auf, fuhrwerkte in der Küche herum, was ich freilich nicht sehen konnte, nur hörte: ein polternder dicklicher Mensch, den der Alkohol vermutlich bereits in der Motorik behinderte. Wäh­rend seiner Abwesenheit blieb mir Zeit, mich genau umzusehen, bemerkte erstmalig die Ziffern, Zahlen, Kritzeleien, die überall in welligen Linien quer über die Wände gingen. Es roch sehr wider­wärtig. Kaum war ich in die Wohnung gezerrt worden, war es mich käsig und fleischig angeplatzt, wie Verwesendes röche in einem sehr engen Raum. Dabei, höchst eigenartig!: Nirgendwo Staub, kein Spinnengewebe unter der Decke, das Zimmer gesaugt, nicht ein einziger Flusen darauf. Eine pedantische, fast verbissene Hygiene obwaltete.
»Was stimmt denn nun nicht mehr? Sagen Sie schon«, fragte ich, als Schulze zurückgekommen war, der wie ein Störfaktor wirkte, wie ein Fremdkörper, ein Schmutzpartikel inmitten des Scheuerpulverzimmers, das obendrein noch mit weißen Küchenmöbeln und ebenfalls weißen Korbstühlen eingerichtet worden war und gewissermaßen ausgeblichen wirkte. Ich assoziierte sofort alte Knochen, die über Jahre dem Sonnen­schein ausgesetzt sind. »Was stimmt nicht mehr?«
»Es ist schrecklich«, antwortete Schulze, schwieg darauf, biß sich in die Unterlippe, nagte daran, als sammelte er sich, schenkte, aufgeschreckt, den Kaffee in die Tassen, langte nach einer Bierflasche, die mit anderen in einem der geweißten Schleiflackschränke lag: Wie zu hundertfach schienen die Flaschen aufgestapelt darin. »Sie auch’n Bier?« fragte Schulze.
»Nein. Danke … Das heißt, doch, bitte, danke.«
»Es ist schrecklich«, wiederholte Schulze, »Weil nämlich, wie ich heut … heut früh … heute morgen, als ich aufgewacht … Ir­gendwie mußte es aber schon Mittag sein, weil: die Sonne stand hoch, auch … Ich merkte sofort, daß irgendwas sich verändert hatte. Das können Sie mir glauben. Und dann … Ja, die Gesich­ter, hier, sehen Sie? Die Gesichter, die … Und dann wußte ich so­fort, was es war. Sie können sich meinen Schrecken nicht …«
»Was denn?«
»Sie hatten sich bewegt, Herr Falbin, bewegt, hatten ihre Posi­tion verändert, alles durcheinandergebracht, alle Ziffern, al­les …«
»Wie?!«
»Sie hingen plötzlich falsch, Herr Falbin. Sie mußten, während ich schlief, von den Wänden geklettert sein. Wahrscheinlich haben sie getanzt. Und vermutlich müssen sie, ja müssen sie sogar … über meine Bettdecke … Müssen ja drübergekrabbelt sein! Und alles weg, die ganze Ordnung zunichte, alle Auf­zeichnungen vergeblich, an denen ich mich immer orientiert habe. Wissen Sie doch noch? Was ich erzählte? – Nun, das merkte ich doch. Ich kenne meine Ordnung, können Sie mir abnehmen, wirklich. – Ich also hoch, hab mich angezogen, war auch … verwirrt. Ist schließlich verständlich, oder? Dann hab ich gesehen, daß nichts zu essen mehr da war und bin einkaufen. Und stellen Sie sich vor … als ich zurückkam, da …«
»… hing alles wieder richtig«, konstatierte ich.
»Ja!« Schulze sah mich sinnierend an. »Woher wissen Sie das?«
»Dachte ich mir. Ist doch nicht schwer zu erraten, finden Sie nicht?« Ich fand die Situation kurios.
Schulze sah sich zaghaft um, flüsterte: »Sie verspotten mich, Herr Falbin. Warum verspotten Sie mich?«
»Aber dann ist doch alles wieder in bester Ordnung«, wich ich aus. »Was beunruhigt Sie denn jetzt noch?«
»Das fragen Sie?! Ja, mein Gott, verstehen Sie denn nicht?! Die Gesichter, die … die haben sich außerhalb meines Einflußbe­reichs begeben, die … die sind selbständig geworden, Herr Falbin! Selbständig! Wer weiß, was die noch alles tun werden …!«
»Aber Herr Schulze, das ist doch dumm! Was sollten denn …? – Und Sie haben alles überprüft? Alles wie vorher, nicht mehr die geringste Veränderung?«
Schulze schüttelte den fetten Kopf, strich sich über das vollgraue schmierige Haar.
»Dann haben Sie wahrscheinlich nur geträumt, haben sich ge­täuscht. Mehr nicht.«
»Ja«, sagte Schulze leise. »Das … das habe ich auch erst geglaubt, als ich vom Einkaufen zurückgekommen bin. Aber … aber dann …« Er legte den Zeigefinger erneut an die Lippen, machte »Psst!«, streckte mir die Handfläche der Linken entge­gen. »Seien Sie mal still für einen Augenblick, mal ganz still …« Wir schwiegen, ich lauschte. Von der Küche her sang das be­ständige Surren eines Kühlschranks, es klang wie Schnurren, als schnurrte die Maschine.
»Hören Sie nichts?« fragte Schulze, beließ den Zeigefinger vor den Lippen dabei. »Sie sprechen miteinander. Es ist schrecklich. Seit heute morgen, seit ich wiedergekommen bin, sprechen sie miteinander, plappern durcheinander, lauter haarfeine Stimmen. Gehässige Stimmen. Machen sich lustig. Hecken etwas aus. Sie haben miteinander zu kommunizieren begonnen, haben Kon­takt hergestellt. Ich weiß nicht, was ich tun soll dagegen. Ich bin so hilflos, Herr Falbin. Vielleicht wollen sie ausbrechen. Wenn sie sich jetzt schon bewegen können, dann wäre es doch mög­lich, daß sie ausbrächen? Nachts. Oder wenn ich mal die Tür nicht richtig geschlossen habe. Sie handeln im Moment ihren Fluchtplan aus. Sie wollen mich allein lassen. Ich weiß nicht.« Er führte die Bierflasche zum Mund, sein Kehlkopf zuckte beim Schlucken. »Und dann … dann bliebe ich doch wieder allein, wieder … und … und hätte gar keinen Kontakt mehr, gar keinen Kon…«
»… wenn ich Ihnen helfen kann?« sagte ich hilflos und ebenso leise.
»Ach Herr Falbin, das ist doch ein Witz«, antwortete Schulze.

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)
Kaum hatte Laupeyßer, allerdings insistierend langgezogen, geklingelt, ward auch schon die Tür aufgerissen, die Wohnungstüre, denn unten die des ganzen Hauses hatte, innen den Sturmhaken in die Stahlöse der Gegenplatte eingehängt, offengestanden; vielleicht, daß jemand schnell was wegbringen war und keine Lust auf gleich den Schlüssel hatte. Jedenfalls öffnete André Schulze derart brüsk, daß er mehr wie jemand wirkte, der panisch herausstürzt und nicht nur schauen will, was jemand von ihm will. Zumal er schlimm nach Bier roch. Dennoch schien er keinen Moment lang erstaunt zu sein, Laupeyßer zu sehen, faßte ihn statt dessen am Jackettärmel und zog ihn herein, wozu er ohne Punkt und Komma ausrief: »Die Zeitmine ist hochgegangen! kommen Sie bloß rein! Nun machen Sie schon schnell!« Hinter sich und dem unversehenen Gast knallte die Tür heftig in das Schloß zurück; Schulze schien ihr rückwärts einen Tritt versetzt zu haben.
Er drückte sich an mir vorbei und
wankte durch den Flur ins Wohnzimmer voran. Drin erst beruhigte er sich, sackte in seinen Korbstuhl, neben dem auf dem Boden eine geöffnete Bierflasche stand. Nach der er sofort griff, um sie an den Mund zu setzen.
Er nahm er einen langen, langen
glucksenden Schluck, wischte sich mit dem Unterarm über den Mund und sagte: »Sie sind also gekommen.« Dann sah er sich wie mißtrauisch um, hinter sich sogar, ja lugte unter seinen Sitz. Was durchaus Komik hatte, Laypeyßer auch so wahrnahm, aber nicht wirklich spürte. Statt dessen stieg ein ungefähres Schrecklich in ihm auf, nicht maßlos, nein, doch pochend unbehaglich. Schulze sprach genau das auch wieder aus: »Es ist schrecklich. – Hören Sie! Wir müssen ganz still sein, dürfen nicht auffallen. Sonst weiß ich nicht mehr, was … Ich garantiere für nichts.«
»Was ist denn geschehen?«
»Heute nacht, da … – Still, bloß still!« Er legte einen Finger auf die Lippen, lauschte. »Wir sind hier nicht mehr sicher. Sie haben plötzlich solch ein Leben bekommen! Dabei dachte ich doch, ich hätte sie so festgesetzt, gebannt, daß sie niemandem mehr etwas antun können, sondern für mich da sind.« »Wer hat Leben bekommen?!«
»Die Gesichter, Herr Falbin, die Gesichter doch! Sie sind … Es stimmt nicht mehr, sie stimmen nicht mehr! Das heißt, jetzt ja wieder, aber … aber heute morgen …« Den Rest des Satzes vermurmelte er und schluckte einmal, zweimal.
»Was stimmte nicht an ihnen? Erzählen müssen Sie’s nun schon.«
»O Verzeihung, wirklich. Verzeihen Sie mir … – Sie mögen etwas trinken? Einen Kaffee? Ich habe so selten Gäste. Ich bin in Gästen nicht mehr geübt …«
Ich hatte schon bei Agnes die ganze Zeit Kaffee getrunken, war aufgekratzt, auch fiebrig, nickte aber trotzdem. Schulze stand auf und fuhrwerkte poltrig in der, konnte ich annehmen, Küche herum. So war mir Zeit, mich umzusehen, und entdeckte erstmals all die in welligen Linien auf die Wände geschriebenen Ziffern, Zahlen, Kritzeleien. Der Zusammenhang ist mir unklar, aber sie hoben mir diese widerwärtige Mischung aus Kareishus und Domestos ins Bewußtsein; der Geruch hatte etwas von, unter gelöschtem Kalk, Verwesung. Als hätte ihn Schulze verzweifelt wegzuputzen versucht, doch vergeblich. Dieses Käsige war nicht wegzubekommen. Doch zugleich, das hatte etwas Erschütterndes, war nirgendwo auch nur Staub zu erkennen, geschweige Staubmäuse, weder unter der Zimmerdecke Altweibersommerfäden von Spinnen noch sonstiges Insenktengewirk an den Wänden. Wie auch? Sondern alles war von pedantischer, fast verbissener Hygiene beherrscht.»Was denn stimmte nun nicht mehr? Sagen Sie schon!« hakte ich nach, als Schulze zurückgekommen war und vor allem angesichts des deplazierten ausgeblichen-weißen Küchenschrankes wie eine Kloake wirkte, die Mensch geworden ist. Vor ausgeblichenem Knochenfurnier. »… was war es, das nicht mehr stimmte?«
»Es ist schrecklich.« Er benagte seine Unterlippe, biß sogar sichtlich hinein, aber um sich zu sammeln wohl. Dann, sich aufgeschreckt erinnernd, schenkte er vom Kaffee in die Tassen ein und langte aber nach einer nächsten Bierflasche, die mit vielen anderen in dem Küchenschrank lag, alle aufeinandergestapelt. »Sie auch eins?«
»Nein danke … Das heißt, doch, bitte … – Danke.«
»Es ist schrecklich«, fing er nun endlich zu berichten an. »Weil nämlich, wie ich heute früh aufwache … aber es muß da schon Mittag gewesen sein, die Sonne stand so hoch. Ich war mir aber nicht sicher, merkte eben nur, daß irgendwas nicht stimmt. Etwas war anders. Und dann …« Schwer holte er Luft. Und setzte ächzend fort: „Die Gesichter, hier, sehen Sie? Die Gesichter, die hatten sich – Sie können sich meinen Schrecken nicht vorstellen.«
»Was hatten sie?«
»Bewegt! Fortbewegt, Herr Falbin, hatten sie sich, einfach die Plätze getauscht und alles durcheinandergebracht, mein ganzes Ordnungssystem! Das war jetzt nur noch umsonst.«
»Wie? Ich verstehe nicht ganz.«
»Sie hingen falsch, Herr Falbin, falsch! Als ich geschlafen hatte, mußten sie von den Wänden geklettert sein, zum Beispiel, und haben vielleicht nicht mehr gewußt, wo sie hingehörten. Ich kann mir vorstellen, sie haben vorher getanzt, die ganze Nacht vermutlich durch, bis zur Erschöpfung. Da warn sie wahrscheinlich benommen. Wenn ich mir dann noch vorstelle, wie sie sogar über mein Bett getappt sein könnten oder über mein eines Bein, das ich oft draußen über der Decke lasse, weil mir immer so schnell so warm wird, – wenn ich mir das vorstelle … Aber das darf ich eben nicht, mir sowas vorstellen. Es war so schon schlimm genug, die ganze Ordnung zunichte, alle Aufzeichnungen umsonst, wo ich mich orientieren konnte, wissen Sie ja, hab ich doch bestimmt erzählt. Ich brauche meine Ordnung, können Sie mir abnehmen, wirklich. – Ich also hoch, hab mich angezogen, war derart verwirrt. Ist das nicht verständlich? Weil ich doch gesehen habe, daß zu essen nichts mehr da war, und bin also erst mal zum Einkaufen weg. Aber stellen Sie sich vor, als ich zurückkam, da …«
»… hing alles wieder richtig.«
»Ja! – Woher wissen Sie das?«
»Ist nicht schwer zu erraten, finden Sie nicht?«
Kuriose Situation.
Schulze sah sich zaghaft wieder um, doch flüsterte dabei: »Sie verspotten mich, Herr Falbin. Warum verspotten Sie mich?«
»Ach was! Und sehen Sie, ist doch in allerbester Ordnung nun wieder. Was beunruhigt Sie denn jetzt noch?«
»Das fragen Sie?! Ja, mein Gott, verstehn Sie denn nicht?! Daß sich die Gesichter von den Wänden lösen konnten, heißt doch, sie sind selbständig geworden, selbständig, Herr Falbin! Woher soll ich wissen, was sie als nächstes unternehmen werden?!«
»Sie haben alles überprüft? Alles wie vorher, nicht die geringste Veränderung mehr?«
Er schüttelte den schweren Kopf, strich sich über sein vollgraues wie mit Pomade festgeklebtes Haar. Es war aber Talg.
»Dann haben Sie wahrscheinlich nur geträumt, haben sich ge­täuscht. Mehr nicht.
»Das habe ich auch erst geglaubt, als ich zurück vom Einkaufen war. Aber … aber dann …« Noch einmal legte er den Zeigefinger an die Lippen, machte »Psst!«, streckte mir die Handfläche der Linken entge­gen. »Seien Sie mal still für einen Augenblick, sein Sie mal ganz, ganz still …«
Wir schwiegen, ich lauschte.
Aus der Küche her sang das be­ständige Surren des Kühlschranks herüber. Es klang wie helles Schnurren. Die Maschine hätte nur noch Miau machen müssen.
»Hören Sie denn nichts?« Schulze ließ den Finger an den Lippen dabei. »Sie sprechen miteinander“, flüsterte er. „Es ist schrecklich. Seit heute morgen, seit ich wiedergekommen bin, sprechen sie sich ab, ein andauernd plapperndes, haarfeines Stimmengeschwirr, das ich so durcheinander natürlich nicht verstehen kann, wohl aber, wie gehässig es ist. Sie machen sich über mich lustig, hecken werweißwas aus. Sie haben Kontakt hergestellt. Obwohl es doch gar keinen gibt, keinen geben kann! Was soll ich dagegen denn tun? Ich bin, Herr Falbin, derart hilflos! Sie brechen vielleicht sogar aus! Wenn sie sich jetzt schon bewegen können, dann wäre das doch mög­lich … Nachts. Oder wenn ich mal die Wohnungstür nicht ordentlich zugemacht habe. Davon bin ich nämlich schon fast überzeugt, daß sie grad an ihrem Fluchtplan tüfteln. Direkt vor meinen Ohren, was für ein Hohn!« Er führte die Bierflasche zum Mund, spülte den Schmerz mit hinunter. Wenigstens ein bißchen. Sein Kehlkopf zuckte beim Schlucken. »Und dann … dann werde ich wieder allein sein. Und hätte wirklich keinen Kontakt mehr, zu niemandem, zu niemandem…«
Bevor er auch noch anfinge zu weinen, legte ich alle Wärme, über die ich noch verfügte, in meine Stimme: »Aber ich bin doch da.« Und merkte selber, wie hilflos es klang.
»Ach Herr Falbin«, sagte er, sah mich indessen nicht an, »Sie sind doch nur ein Witz.«
Bis jetzt weiß ich nicht, warum ich da nicht ging.

(…)

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