„Ich löse mich in tönen · kreisend · webend“: Das Arbeitsjournal und Krebstagebuch des fünfundsechzigsten Tags (darin der Vierten Chemo vierter): Freitag, den 3. Juli 2020.

 

 

[Arbeitswohnung, 7.41 Uhr. 72,5 kg
Finzi, Introit for solo violin & small orchstra, op.6]

Ich löse mich in tönen · kreisend · webend ·
Ungründigen danks und unbenamten lobes
Dem grossen atem wunschlos mich ergebend.
Mich überfährt ein ungestümes wehen

Im rausch der weihe wo inbrünstige schreie
In staub geworfner beterinnen flehen.
George, → Entrückung

Gestern war dann wieder so ein bekiffter Tag, dessen weitgehende Beschwerdefreiheit mich → aus der Nefud an meinen Schreibtisch setzen ließ, um dringende Arbeiten, zu denen auch der gestrige – an dem ich vorgestern → so kraftlos hängengeblieben war –  Eintrag gehörte, fertigzustellen und/oder voranzutreiben. Für meine Lektorin gleich vier der → Béartentwürfe eingesprochen und geschnitten; bei einem mußte auch montiert werden, da es darin eine parallel zu sprechende Passage gibt, die sich von einem Sprecher allein nicht gleichzeitig realisieren läßt. Damit da dann aber nicht nur ein nicht mehr trennbares Durcheinander erklingt, mußte ich überdies die eine Tonspur mit einzwei Effekten anreichern, die die Sprache musikähnlicher wirkten lassen.
Das hat dann schon mal zwei Stunden gebraucht.

Weiterhin waren auszufüllen und hinauszuschicken die Formulare für den Bamberger Lehrauftrag, der doch zugleich ein, sagen wir, Wechsel auf meine nicht gewisse Zukunft, nämlich eventuell mit meinem Leben gar nicht mehr gedeckt ist. Dennoch plant Bamberg weiter, anders als es, wegen Corona, sonstige Veranstalterinnen und Veranstalter tun. Das beruhigt. Es wird ja, wenn, ein Leben nach der OP geben, und das will finanziert sein. Meine süße Krebsin läßt mich das derzeit immer wieder vergessen. Ich durchreite die Nefud nicht nur imaginär, sondern lebe in ihr wie in einer parallelen, mit der Berliner Gegenwart allein durch die Abendspaziergänge verbundenen Welt … – nein, stimmt nicht, nicht nur durch die Spaziergänge, sondern selbstverständlich auch durch die Nähe meiner Lieben, durch die vielen Freundinnen und Freunde, durch Leserinnen und Leser. Ich hatte selten das Gefühl solch einer Nähe, solch Aufgehobenseins in einem Netz sympathisierender Bezüge. Dafür einmal danke. Daß es im Literaturbetrieb, von meinen Verlagen selbstverständlich abgesehen, bei der Ablehnung bleibt, ist da fast egal. Für ihn gilt, was ich vor einer halben Stunde dort geantwortet habe: Macht und Freiheit sind und bleiben Gegner, nein: Feinde. Ob eine Macht „auf der richtigen Seite steht“, spielt dabei keine Rolle, zumal die Zeitläufte permanent umdefinieren, was richtig sei, was nicht. Und wenn dann noch Menschen „erzogen“ werden sollen …
Wobei mir jetzt erst, da ich die Béarts nach und nach einspreche, wirklich bewußt wird, welche Provokationen in dem Gedichtzyklus stecken, solche, die als Provokation gar nie gemeint waren, es aber über die Entwicklung der scheinbaren, wohl auch scheinheiligen „Moral“ während der Jahre geworden sind, in denen diese tatsächlich sehr männlich positionierte Poesie entstand – von überdies einem „weißen“, nicht mehr jungen und schlimmer noch abendländisch-elitär gebildeten Menschen geschrieben, was unterdessen ja schon ein Ausschlußkriterium-für-sich ist, zumal dann, wenn man(n) nicht wenigstens ein bißchen häßlich ist; körperliche Unansehnlichkeit hat im vor allem deutschsprachigen Literaturbetrieb schon immer Vorteile gebracht, Eleganz, Schick, Wohlgeformtheit sind eher nicht gesellschaftsfähig (: auch oder erst recht nicht, wenn man sich um sie trainierend bemühte; sowas gilt als „eitel“); ja selbst als Stil stehen sie unter Verdacht, sowie er sich aus dem Realismusbrei erhebt oder sich sogar weigert, von dem faden Zeug zu essen. Ich meine, ich schaffe es ja nicht einmal jetzt, auch nach jemandem auszusehen, der in der vierten Chemo steckt. Daß mir kein Bart mehr wächst, merke ja nur ich, und die Augenbrauen sind noch immer da, wenn auch deutlich ausgedünnt. Die Glatze zudem habe ich seit 1986. Kurz, man kann meinen Krebs nicht sehen (schon gar nicht, daß er weiblich ist, und daß wir uns Liebesbriefe schreiben, dürfte dem Pop, zu dem als Untersparte der sog. Realismus mittlerweile gehört, ausgesprochen mißfallen: incorrect bereits, eine Frau aus dem Tumor zu machen und dann mit ihr, die OP, noch schlafen zu wollen). Nichts, was ich tue, entspricht dem, was der Zeitgeist will, der insofern stets sein Fehlen ist, als er sich im Zeitgeschmack erfüllt — als Ideologie der Macht oder des Machtwillens, der Machtgier, des Machthungers und eines, klar, ausgeglichenen Bankkontos.
Doch mag ich gar nicht schimpfen, hab ja schließlich Krebs — ein insofern guter Umstand, als er die Verhältnisse deutlich zurechtrückt. Was wichtig ist, was eitel ist, was purer Betrieb und eben auch, was Dummheit ist. Wie gut die mit Macht zusammengeht, sehen wir an Donald-nicht-Duck; der trägt sein Bürzel als eklig gelbe Tolle.

Noch mal zu den bekifften Tagen zurück: Es gibt, so bestätigt’s sich nun, eine Neigung der Chemo, mir die Wirklichkeitsgrenzen aufzuweichen – vielleicht aber, weil dies ohnedies meiner jedenfalls peotischen Wahrnehmungsweise entspricht. Bei der dritten Chemo war es allerdings unangenehm – anders als bei der zweiten, während der ich noch einen Zusammenhang mit meinem Dronabinol, bzw. Cagliostros THC-Tropfen vermutete (beides habe ich nachbestellt); ich kam mir zeitweise hilflos, ja behindert vor. Dieses Mal ist’s indes wieder lustvoll und ergab sich auch ganz ohne die Cannabisemulsionen, woraufhin ich sie allerdings dazu verwende, den Effekt noch zu verstärken. Auf diese Weise brauche ich zur Eindämmung  der Chemo-Nebenwirkungen kaum noch andere Medikamente; daß ich zuletzt ein Schmerzmittel nahm, liegt schon über eine Woche, vielleicht sogar länger zurück. Gegen die morgendliche Übelkeit nehme ich eh schon lange nichts mehr; nach einer Stunde hab ich sie vergessen. Die Schwellung der Füße hat tatsächlich nachgelassen, seit gestern sehr, sehr deutlich, und das Kribbeln in den Fingerspitzen ist zwar spürbar, aber gut erträglich. Außerdem hat die Nasenbluterei und die der  Mundschleimhäute komplett aufgehört, und seit heute früh scheint sich auch der Darm wieder eingependelt zu haben. Dabei sollte man, genau wie frau, doch annehmen, daß die vierte, in meinem Fall eben letzte präoperative Chemophase die schwerste sein werde; tatsächlich war die schwerste aber die dritte. Bislang. Was noch kommen wird, ich weiß es selbstverständlich nicht, nur, daß sich bislang alles mit einer sehr einfachen klaren Haltung aushalten ließ, die überdies den Vorteil in sich trägt, daß sie die Todesangst ausschließt, ja nicht mal eine kennt. Woran die Erotisierung, ja selbst schon die Sexualisierung der, nun jà, „Krankheit“ als Vorstellung einigen Anteil trägt, Lis und meine körperliche Umschlingung während der uns trennenden Operation werde im ungünstigsten Fall einen Orgasmus bewirken, in dem wir explodierend (ekstaseisch!) sterben: Tod und Wollust werden eines, und diese, die Wollust, zur religiösen Übergangserfahrung. Abendländisch-poetischer Sufismus. Und kommt es zu diesem Orgasmus nicht, nun jà, dann hab ich überlebt und leb noch lang, womöglich, weiter,

um meine anderen, noch offenen Arbeiten abzuschließen. Nach den Béarts, die in jedem Fall fertig werden, Destrudo, die Briefe nach Triest, Melusine Walser, einige nur als noch Entwürfe hier liegende Erzählungen. Und dann vielleicht doch den Friedrich(.Anderswelt) noch angehen. Und mal wieder, was mir sehr fehlt, ein Hörstück zu schreiben und zu Klang zu bringen. Falls mir wer den Auftrag gibt.  Übrigens wird vom Deutschlandfunk → in knapp zwei Wochen mein Tokyo-Hörstück wiederholt; → am 25. Juli folgen rbb und MDR. Für den Herbst erlaubt mir das, finanziell ein wenig auf- und Luft von anderem Planeten einzuatmen. Was mich jetzt dazu bringt (bevor ich weiter an Béart XXXIII arbeite), endlich die Finzi-Anhörerei einzustellen (keine Ahnung mehr, was mich nun schon zwei Tage lang an englisch-traditioneller Kunstmusik festhielt) und mich auf wirklich gute Musik zurückzukonzentrieren: erst Schönbergs Zweites, dann des Komponistenfreundes Robert HP Platzens Viertes Streichquartett. Und dabei, tja, werde ich irgendwann in die Nefud zurückkehren; durch irgendeine, für mich grad nicht sichtbare Lappenschleuse kann ich Röhrerich schon nach mir rufen hören. „Aqaba!“ ruft er, „!العقبة قريبة

 

 

 

 

 

 

 

[Schönberg, Streichquartett Nr. 2 op. 10, LaSalle]

(Wobei’s denn doch a bisserl irritiert, daß Google Aqaba/العقبة
mit „Hindernis“ übersetzen läßt. Es könnte sich lohnen,dem
nachzugehen. (Ich sollte beginnen, Arabisch zu lernen;
für den Friedrich brauchte ich’s eh.)

Marah Durimeh! Aus der Nefud, vom letzten Tag des dritten am zweiten und dritten des vierten Kreises geschrieben. Mittwoch, der 1., und Donnerstag, der 2 Juli 2020, den nämlich drei- und vierundsechzigsten Krebstagen.

 

[عالم آخر.صحراء النفود
6.03 Uhr, 72,8 kg]
[Bach/Ramirer, Präludium & Fuge XVIII]
Das Wohltemperierte Klavier, Buch II]
2. Juli (يوليو) 2020
mit Röhrerich (r.) zur gemeinsamen Morgenmeditation

Meine Ahnung bestätigte sich — oder, vielleicht, hat sie, was dann geschah, geschaffen: eine zitternde, weil nur ungefähre und auch nicht zu allen Zeiten stetige, das heißt eben: ungewisse Seite meiner poetischen Ästhetik; so sehr rührt sie vielleicht nicht an Mystik, berührt sie aber doch. Worüber zu sprechen ich gerne, als Realist, vermeide: Vorhang meines Saïs.

Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.
Schiller,
Das verschleierte Bild

Nun gehn wir zur Wahrheit in aller Regel alle durch die Schuld, die erkenntnistheoretisch nichts andere als ein Irrtum wider bessres Wissen (oder Ahnen) ist. Und ich, nun jà, dachte ich meditierend soeben vor dem Zelt – es meditierte in mir – bin auf dem Weg zur Wahrheit meines Körpers durch die ihm zugemutete Schuld des Geistes, die sich als Liligeia nun ineinander repräsentieren: Lili-Gäa eben oder auch, worauf Schiller wie Novalis verweisen — Isis. Die nun unversehens ins → letzte Béartgedicht nicht nur „paßt“, nein, hinein sogar muß. Immerhin  ist die Isis lactans das Urbild Mariae mit dem Jesukind.

Also wir stürmten, muß ich schreiben, mit unserer kleinen Kamelkavalkade von den Sanddünen gegen das die Wüste immer wieder flankierende nicht sehr hohe, aber doch schon der Farben wegen eindrückliche Gebirge; ich weiß nicht, ob ich schon jemals solch Variantenreichtum von Rot gesehen habe, Farbschattierungen, für die Araber sehr wohl Bezeichnungen, wir hingegen nicht mal einen Sammelbegriff haben; naheliegend wiederum für Menschen, die hier leben. Das Scots etwa kennt 421 Wörter für Schnee; daß allerdings auch die Inuit über solch eine Ausdrucksfülle verfügten, ist eine, → las ich gerade, Mär, die offenbar, um kurz zur „Mystik“ zurückzukommen, nicht dazu geführt hat, sie aufgrund der Idee wirklich entstehen zu lassen (→ Realitätskraft der Fiktionen):

 

 

Hier aber nun

— eine Schlucht hatte sich geöffnet, hinter der sich das, ich nenne es so,
Tal der Durimeh öffnete, das eine Art ausgedehnter Oase, wenngleich in
keiner Weise märchenhaft ist, sondern in seinem kraterähnlichen Zentrum nichts als ein sich um die Quelle und unter ein paar
Palmen gruppierender, ziemlich staubiger Ort, der vor allem eines ausströmte: Verlassenheit; doch zog sie sich dauernd um, je tiefer wir hineinritten, wechselte ein Kleid nach dem andren, bis sie, diese Verlassenheit, etwas Schrebergärtiges bekam, etwas von nicht geschnittenen, ungehegten Johannisbeersträuchern, improvisiertem Gewächshaus-in-klein und mitten darin eine dieser über und über bildbesprühten , dachte ich erst, BVG-Baracken, wie man sie in Berlin immer wieder noch findet. Diese hier erinnerte mich sogar extrem an das aufgelassene Gebäudchen der vor sich hin sinnierenden  Zwischen-Endhaltestelle der M10, eines, obgleich mitten in der Stadt, nahezu ebenso solitären wie zeitlosen terrasseflachen, von sowohl neuen wie sehr alten, grasüberwachsenen Geleisen durchzogenen  Raums mit zwei Plattformen für mögliche Fahrtgäste – insgesamt aber wohl nur dann genutzt, wenn im gleich angrenzenden Stadion ein Fußballspiel stattfindet; genau sie aber, genau diese Baracke, war unser Ziel —

war es offenbar so gewesen, die Fiktionen hatten ihre Kräfte spielen lassen und die Realität mehr als nur beeindruckt  — denn tatsächlich, kaum hatten wir uns bemerkbar gemacht, erschien eben diese Marah Durimeh, wie ich es → meiner Lilly schon quasi propheizeit hatte.  Wobei ich mit Durimeh natürlich die schwarz gekleidete Greisin meine, die uns → Adullahs Gärten geöffnet hatte, nicht etwa Karl Mays — und → seines Nachschreibers Kandolf (nie gelesen; ein Versäumnis? der Mann hatte einen richtigen Instinkt) — „tatsächliche“ Figur. Meine Güte, über eine Woche liegt auch das schon wieder zurück, daß sie uns öffnete (und aber auch gleich wieder verschwand)! Nur daß sie jetzt weder schwarz gekleidet — sie trug vielmehr ein, wie May es will, strahlenden Weiß — noch auch nur entfernt Greisin war; es war vielmehr ihr Alter in keiner Weise ausgemacht, es flirrte wie die noch jetzt, gegen Abend, heiße Luft, und obwohl Frau Durimeh (sie nannte sich völlig anders, stellte sich mit dem etwas schwedisch klingenden Manna Jansen vor, „Manuela eigentlich, ich hab das schon als Kind gehaßt“) die Sechzig in jedem Fall überschritten hatte, muß ich ich sie ausgesprochen schön nennen. Und nebenbei wird hier der eigentliche Grund für Mays einander auf erstes Lesen widersprechende Beschreibungen deutlich —

Ich (…) erblickte eine alte Frau, deren Äußeres mich schaudern machte. Sie schien über hundert Jahre zu zählen; ihre Gestalt war tief gebeugt und bestand wohl nur aus Haut und Knochen; ihr fürchterlich hageres Gesicht machte geradezu den Eindruck eines Totenkopfes (1882) | Sie war gewiß hundert Jahre alt, doch ihre Gestalt stand gerade und hoch aufgerichtet; ihre Augen hatten jugendlichen Glanz; ihre Züge waren seltsam schön und weich (1904) | Ich (…) sah eine ganz eigenartige schöne Frau, deren Alter so hoch war, daß es, wie ich später erfuhr, gar nicht mehr bestimmt werden konnte (…), und in ihrem hochedel geformten Gesicht war fast keine Spur einer Falte zu sehen (1908)

Wikipedia irrt hier in der Meinung, Karl May habe seine Schilderungen von Kara Ben Nemsis erstem Zusammentreffen mit ihr seiner neuen Sichtweise erst später angepasst; Tatsache ist, daß er, Ben Nemsi also, seine ersten Eindrücke im Wortsinn nur nicht nicht fassen konnte, wahrscheinlich schon deshalb nicht, weil seine historischen Zeit noch bleibend geprägt vom Konzept fester, ein- für allemal bestimmter Identitäten war — anders als Alban-Ben-Nemsi-ich, dessen poetische Perspektive bereits früh unsere Ichkonturen sich ineinander verschwimmen ließ. Und anders als mir, dem entschiednen Hetero, mußte dem, ich sag’s mal mit leicht perfider Ironie, platonischen Frauenfreund der jugendliche, durchaus etwas perverse, ich möchte sogar schreiben lillische Sex entgehen, den sie und jede ihrer Bewegungen, diese rein für sich, derart … ja, emanierten, daß sich meine Lider wieder und wieder auf Spaltenge zusammenpetzen mußten. Und wie schon am Eingang der Gärten nahm sie ganz allein von mir Notiz, was ihr der Stammesfürst Faisal auch diesmal nicht zu verübeln schien, und sprach alleine mich an. Wobei sie nicht lächelte, ihr Gesicht blieb unbewegt wie seines. „Dann kommen Sie mal mit.“ Da saß ich noch auf Röhrerich!
Blick zu Faisal, der nur – was, dieses „nur“, „nahezu bewegungslos“ bedeutet – nickte. So rutschte ich rechtsseitig von meinem Reittier, das sich nicht einmal legen mußte. Ich hatte einen wirklich guten, beschwerdefreien Tag, nein, schon zwei solche Tage hintereinander gehabt, oh Dank Dir, Liligeia! – war geradezu wieder in Form, ließe sich’s sagen.
„Gehn Sie nur, mein Freund, wir errichten derweilen das Lager.“ – Leichte Unterarmbewegung Richtung ben Gamael, der sie gegenüber den Gefährten wiederholte ohn‘ Ansehns ihres Standes. – Schon war Bewegung in der Karawane. Die Dromedare röhrten, was, wie ich unterdessen weiß, zu ihrer Disziplin gehört, womit ich deren Lockerung meine. Die stoischen Tiere kommen mit Veränderungen anfangs nie klar, während sie eingetretenen Abläufen quasi unendlich folgen können. Deshalb bedeutet eine Pause immer auch ebensolche Unruhe wie ihr Ende. Immer dann geht so ein allgemeines Konzert los, ich hab’s ja → da schon mal vorgeführt:

Doch als ich der Durimeh in die BVG-Baracke gefolgt war und indem sich hinter uns die Tür schloß, war das Geröhre mit einem Schlag ebenso weg wie jedes andere Außengeräusch. Es wurde statt dessen so enorm still, daß zu sprechen sich wie eine kleine Schändung angefühlt hätte. Deshalb folgte ich der Durimeh fraglos durch den für den doch sehr kleinen Bau viel zu langen Gang, bis wir rechts durch eine angelehnte Tür, die Durimeh nun  hinter uns verschloß, in einen sehr viel eher japanisch denn chinesisch wirkenden Raum eingetreten waren, und der Orient war gänzlich verschwunden.
„Wie halten wir es mit den Masken?“ Sehr klarer, kühler Aufblick Durimehs. Erst da fiel mir auf, daß wir coronahalber beide solche trugen. Also war ich wieder in Berlin. Ich kannte sogar die Straße, Seelingstraße, westlich der Charlottenburger Schloßstraße. Vor Jahren hatte hier → der wilde Eigner zwar ungern, vergleichsweise aber gut gelebt, mit damals noch einigermaßen intakter Familie. Hier war der kleinen Familie einmal der für den Berliner Hochsommer zu prallevolle Olivenölballon geplatzt, so daß nahezu zehn Liter besten, aus in Olevano eigener Ernte gewonnenen Olio vergines den Kühlschrank hinuntergeflossen waren und als daumenstarke Schicht den gesamten Küchenboden bedeckt hatten. Was zu einem Irrsinnswutausbruch geführt hatte, Eigners, der das Problem indes nicht löste. Dieses zu tun überließ der Berserker seiner Frau – was angesichts seiner Cholerik zwar rücksichts-, doch ausgesprochen sinnvoll war. Es war ja auch ein kleines Kind noch da. Besser, seine Wut und er verließen die Wohnung und er ertränkte sie. Wobei wahrscheinlich schon da eine der Szenen vor ihm aufstieg, die LICHTERFAHRT MIT GESUALDO zu solch einem Abschiedsgesang macht:

Aber da haben wir sie auch schon, die verschiedenen Klangfarben des Textes, geführt wie die Stimmen eines Madrigals; die unaufhörliche Fortbewegung als Kontinuum, Becks Erzählung als treibende Melodie, Redderichs Gedanken und spärliche Einwürfe als zweite Stimme, die sich hin und wieder verliert, nie aber abhanden kommt.
Ulrich Faure, Rheinischer Merkur

Daß mir das jetzt und ausgerechnet hier wieder einfiel! Hätte ich’s nicht schon sofort wissen müssen, als mir die Adresse genannt worden war? Ich spreche immerhin von Berlin! Indes kam meine Erinnerung an all dies erst zurück, als ich mit dem Fahrrad noch auf dem Kaiserdamm war und gleich rechts abbiegen mußte. Ich hatte es wahrscheinlich verdrängt, weil mir andernfalls sofort Eigners, muß ich jetzt schreiben, Totenbett und die, ich weiß nicht mehr genau, drei? Monate seines Komas  im Urbankrankenhaus eingefallen wären, eine Lebensendsituation, die für diesen freien, schimpfenden, kämpfenden Mann erniedrigender war als jemals etwas zuvor. Und stehe, ich, jetzt vielleicht genauso davor.  Es muß nur etwas schiefgehn  bei der Operation, oder ich wache aus der Narkose nicht mehr auf. Dann werde ich ebenso hilflos daliegen, und ehrlos. Daran nicht denken! Aber für diesen Fall alles vorgeordnet haben. — Einen Schwamm, einen nassen, nassen Schwamm! ——— Ah, hier hat doch auch meine Cellolehrerin gewohnt ..! Neufertstraße, Die ersten Zehnerjahre dieses Jahrtausends … Trennungen, Trennung, der BuchprozeßMEERE, ja MEERE … Welch Wasserfall von Erinnerungen! Ein früheres Leben in einer anderen historischen Zeit … – nur schnell zurück in die Wüste! Nur schnell der Nefud Sand darüber:


Aus dem die Jansen fragte, nun wieder ganz Durimeh: „Lassen wir sie auf oder halten wir Abstand?“ – Was auf? Ah richtig, die Masken. Wir saßen mittlerweile an den gegenüberliegenden Seiten eines kleinen Behandlungstisches.
Sehr sympathisch, daß sie die ihre jetzt abnahm; ich tat es ihr nach. „Nur wenn ich mir Ihre Zunge ansehen, werde ich sie wieder aufsetzen. Einverstanden?“
Und sie begann mit der Anamneseerhebung. Dann sah sie sich tatsächlich meine Zunge an, die ihr offenbar nicht recht gefiel, „aber darüber reden wir ein andermal. Jetzt erst einmal Ihren Puls. Bitte beide Hände mit den Flächen nach oben hier drauflegen,“ hier waren je ein Kiss’chen, „so, ja, entspannt bitte.“ Sie fühlte nach dem Puls, schloß die Augen, rechnete. „Sie haben einen starken Puls“, befand sie dann und präzisierte: „einen drängenden Puls.“ Woraus sich auch schon die vorerste Diagnose ergab, ein starkes Ungleichgewicht von und zu schweren Ungunsten des letzteren, also daß in mir extrem ausgebildet sei, was mit Feuer, Wille, Aktivität zu tun habe, indes die Stille und Ruhe komplett unterrepräsentiert seien — ein, freilich, Befund, der bei einem ADHSler nicht wirklich verwundert. Es komme also darauf an, gerade jetzt meine Yin-Seite zu stärken, die ich instinktiv „die weibliche“ nennen wollte, wäre das nicht wieder ein schwerer Verstoß gegen das soziale Genderkonstrukt und könnte mir erneut als Äußerung meines schon krankhaften Machos ausgelegt werden. Andererseits machte es einsichtig, so hoff ich jedenfalls, weshalb ich das Weibliche so ehre und immer wieder als etwas anrufe, dessen („deren“ !!) ich lebensnotwendig bedarf. Allein in diesem Verhältnis sind die Hymnen des → Béartzyklus wirklich zu verstehen.
Doch Durimeh, trotz ihrer Ausstrahlung, war nicht die Art Frau, mein viriles Bedürfnis zu stillen. Es war auch nicht ihre Profession, erst recht nicht ihre Absicht. Vielmehr projezierte sie die Erfüllung zurück in mich selbst: alles habe in mir zu geschehen, eben ohne ein Außen, und wenn es noch so weiblich mir Anima wäre.
So legte Marah Durimeh quasi den Finger auf meine Sehne des Achills. Und wurde extrem herb — wie um mir jede Möglichkeit zu nehmen, sie als Projektionsperson doch noch zu nutzen. Es trat eine in der Tat erstaunliche Ähnlichkeit zum ganz entgegengesetzten Verfahren zu Tag, das vor anderthalb Jahrzehnten → meine Psychoanalyse bestimmt hat; beide Disziplinen spielen mit dem Übertragungsprozeß, die eine, indem sie’s auf ihn anlegt, die andre, indem sie ihn strikte verweigert. Und darauf, daß ich eigentlich „nur“ wegen der begonnenen  Neuropathie hier war, ging die Zauberin erst ein, als ich’s direkt ansprach. Woraufhin sie mir sogar einen Zweifel herüberspiegelte, daß ihre Therapien dort helfen könnten, jedenfalls ohne insgesamt mich „chinesisch“ einzustellen – worauf ich zwar neugierig wäre, nicht aber in irgend ergebenem oder auch nur bereitem Sinn, das ideelle Grundkonzept zu akzeptieren. Dennoch, an die Akupunktur wollte ich schon deshalb unbedingt, ich noch niemals eine erlebt hatte.
Zu der es dann auch kam.
Wir wechselten das Zimmer. Im anderen standen zweiteilig-spanische Tatamiwände, vermittels derer sich Bereiche abtrennen ließen, visuell zumindest; hinter deren einer solle ich mich barfuß auf die Liege legen, über die Frau Durimeh vermittels einer unter dem Kopfteil angebrachten Einspannrolle eine Papierdecke aufzog.
„Entspannen Sie sich, ich setze Ihnen jetzt die Nadeln.“ Die erste kam in den genauen Scheitelpunkt meines Schädels. Sie piekste am meisten. Zwei weitere kamen in die Füße. Hier merkte ich kaum etwas. „Ah“, so die Jansen, „da ist Ihr Empfinden schon sehr verloren gegangen.“ – Beruhigend, daß es an den Waden wieder mehr piekste. Schmerz kann einen auch beruhigen, und eine. Dann noch der rechte Arm, eine Nadel oben in den Handansatz, eine letzte darunter ganz in die Nähe der Schlagader. „So, und jetzt ruhen Sie zwanzig Minuten. Es kann sein, daß Sie die Nadeln dann spüren. Sollte es zu unangenehm wird, rufen Sie mich bitte. Aber nach zehn Minuten komme ich ohnedies nach Ihnen schauen.“ Womit sie mich verließ.
So daß ich zu dämmern begann – nicht sehr viel anders allerdings, wie wenn ich mich nach Empfang der jeweils neuen Chemoinfusionen immer wieder auf das Lager meiner Arbeitswohnung lagen muß. Anders aber eben doch, weil, nachdem ich noch erlebt hatte, wie Frau Jansen kurz zurückkam und „alles in Ordnung?“ fragte und nachdem sie wieder fort war, ich in einen offenbar so tiefes Schlummern fiel, daß ich erst wieder zu Bewußtsein — im Infusionsraum meines Onkologen kam. Zu vollem Bewußtsein, meint das, in das, ich hing bereits am Tropf des Oxaliplatins, nur langsam die Erinnerung an eine Fahrradtour von der chinesischen Seelingpraxis zurück in die Arbeitswohnung wieder aufstieg, doch heftig von Dünen überlagert, sogar von einem kleinen Sandsturm und dann, wie mich ibn Gamael aus der BVG-Baracke abholte, Lars also, der doch bereits zum Team des Onkologen gehört, aber bereits in der Nefud repräsentiert für mich ist. Wobei ich gar nicht weiß, weshalb ich nach der Akupunktur so erschöpft war; ich hatte doch fast die ganze Zeit geruht! Dennoch, Lars mußte mich zu meinem Zelt bringen. Wobei mir all das eben erst wieder klar wurde, als ich bereits die vierte Chemo bekam: Initiation des Vierten Höllenkreises, der uns schließlich, wenn ich es überlebe, nach Aqaba Dir, Lilly, zuführen wird; da meines Wissens an einer Chemo noch niemand gestorben ist, jedenfalls nicht oft, der Übergang erst in unserer, ach Li, Vereinigungstrennung die Pforten lockend öffnet, wird dies auch für die Strahlungen zutreffen, für die ich darauf vorbereitet bin, daß ich sie noch mehr als die des dritten Kreises spüren werde — was bis jetzt, am nunmehr dritten Tag, aber noch nicht geschehen ist, sofern ich von → den gestrigen, tja, Anfällen? erstarkter Schwäche einmal absehe. Da war ich wirklich etwas verzweifelt, weil ich weder mit dieser Erzählung noch mit Béart XXXIII oder sonstigem weiterkam: selbst die für den Bamberger Lehrauftrag auszufüllenden Formulare ließ ich, nachdem sie endlich ausgedruckt waren, liegen.

Faisal läßt mir deswegen heute noch etwas Ruhe; auch sah ich noch einmal kurz die Durimeh, die uns nunmehr begleiten wird, um vor der irgendwann ab Mitte dieses neuen Monats anstehenden OP noch wenigstens zweimal ihre Nadeln zu setzen. Tatsächlich hatte ich seit heute beim Erwachen das Empfinden, es sei die Neuropathie vor allem in Füßen leicht zurückgegangen. Nach Aqaba selbst wollte sie, Frau Durimeh, aber nicht mehr mit hinein. Dieser Ort, sagte sie, sei allein für mich geöffnet. Ich hatte sofort den Eindruck, sie scheue sich vor Liligeia, als wäre es auch für sie gefährlich, meiner Krebsin unter die Augen zu treten, geschweige denn, ihr vor die Spaltbeine zu kommen – unter sie, heißt das…

Jedenfalls werden wir erst gegen elf/halbzwölf aufbrechen. Doch höre ich von der provisorischen Koppel bereits das Röhren wieder, weil unsere Tiere wohl schon vorbereitet werden. Ein Dromedar zu satteln, ist halt immer ein bißchen Aufwand. Ich werd mich jetzt mal über die Karten beugen, um zu schauen, wo wir eigentlich sind.

ANH, 10.38 Uhr
[Finzi, Five Bagatelles op. 23]

 

 

 

ANH an Liligeia, neunter Brief. Aus der Nefud, Phase III (Tag 12): Sonnabend, den neunundfünfzigsten Krebstag 2020.

[صحراء النفود.عالم آخر
15.15 Uhr, 71,7 kg
Peter Maxwell Davies, Naxos-Quartet No 6]

Ach Krebsin,

nun meldetest Du Dich gestern doch wieder — erwartungsgemäß, ich weiß. Es war ja immer bisher so, daß Du wieder spürbar wurdest, sowie sich die Zytostatica verliefen und meinem Leib Erholung vom chemischen Beschuß zuteil werden sollte, damit Erholung aber eben auch Dir.  Und da nun habe ich, ausgehend von Deinem (ich muß ihn nach wie vor so nennen) → „Haßbrief“ des 22. Mais, vielleicht etwas fehlinterpretiert. Nahm ich nach der zweiten Chemo noch an, Du wollest Dich jetzt für die vorausgegangene Unterdrückung an mir rächen, kam mir vorgestern bei meinem Abendgang, als Du Dich unversehens mit einem heftigen Schmerzschwall meldetest, der mir sogar ein bißchen die Luft nahm (ich blieb aber nicht stehen, setzte mich nicht, lasse mich nicht nötigen, spazierte möglichst lässig weiter) … also da kam mir ein ganz anderer Gedanke. Was offenbar bedeutet, daß ich mich in Dich einzufühlen beginne. — Meine Güte, mußte ich unerwarteterweise denken, da hast Du Dich unterm nefudschen Dauerbeschuß neun oder zehn Tage lang ducken müssen, tief ducken, und Dich vielleicht auch schrumpfen lassen, einfach, um weniger Fläche zu zeigen, die sich weiter derart quälten läßt, hast Dich also mindestens ebenso zusammengenommen wie ich es nun auf diesem Spaziergang tat, beide sind wir enorm stolz und zeigen keinen Schmerz, wenn’s nichts als Mitleid brächte … — und da läßt der Beschuß langsam nach, Du bekommst wieder Luft, darfst sogar die Lungen so sehr füllen, daß Du Dich ausdehnst, aber dabei merkst, daß Du den fast schon ein bißchen den Halt verloren hast. Weshalb Du Deine Beine neu in mein Organfleisch gräbst, nicht um mir wehzutun, bewahre, einfach, um nicht wegzurutschen. Jeder Bergsteiger schlägt so im Hang die Haken ein. Und wenn wir uns Deine Beine anschauen, ja, dann ist, daß es wehtut, einfach eine unumgängliche Folge, die mit Absicht überhaupt nichts, doch mit den Spitzen Deiner Spaltbeine alles zu tun hat. Du brauchst einfach festen Halt: meine Schmerzen sind da nichts anderes als die sozusagen Schläge ins Kissen, das Du nach einem ziemlichen Albtraum erst einmal wendest, um Kühle zu bekommen und endlich auch erholsam Ruhe zu finden.
Gut, Lilly, ich meine, wissen können hättest Du’s natürlich schon und mir vielleicht eine kleine, Dich ein bißchen entschuldigende Nachricht schicken können. Andererseits gehe ich davon aus, daß Du nach wie vor, besonders wegen der bereits am Dienstag anstehenden nun schon vierten (und präoperativ letzten) Chemo, sauer auf mich bist. Du meldest Dich ja auch gar nicht mehr. Dabei kommen wir Aqaba näher und näher. Vergiß bitte nicht, daß diesmal auch ich unter den Zytostatica ein bißchen was zu leiden hatte; als wir die ersten zwei Höllenkreise durchquerten, war das noch nicht so gewesen; ach, hatte ich nach der ersten gedacht, das sitzt du doch locker auf einer Arschbacke ab. Auf einen über Jahrzehnte trainierten Körper lasse sich’s schon verlassen – was eben übersieht, daß auch Sportler sich vergiften lassen. Nun jà, und schon diese dauernde Kraftlosigkeit in den vergangenen Tagen, dieses ständige michhinlegenMüssen — bizarr für einen ADHSler wie mich! Und dennoch aber, ich gebe es zu, ausgesprochen wohl sedierend, wenn ich mich mit den Kopfhörern legte und nur noch auf die Musiken weniger am Unwohlsein vorbeikonzentrierte, als es vielmehr transzendierend, weil sich die in Schmerz- und ähnlichen Zuständen spürbar insgesamt gesteigerte Empfindsamkeit tatsächlich ausrichten und fokussieren läßt, so daß, was uns eigentlich quält, in die Lust an neuen Wahrnehmungen umschlagen kann und es auch tun wird, wenn wir uns genügend konzentrieren, d.h.: im Willen diszipliniert sind. Da es nicht um Aktivität, sondern um kontemplative Wahrnehmung geht, die keiner zusätzlichen Energien bedarf, ist das sehr gut möglich.

Und heute, Du Liebe, hast Du ohnedies mehr als ein Einsehen. Da ist unversehens gar kein Schmerz momentan, und meines lieberen-als-Du-bist-Röhrerichs stoisches gleichsam Rollen in den Dünenwellen erlebe ich völlig ohne Übelkeit. Außer dem Dronabinol nahm ich seit Aufstehen gar kein anderes Medikament, radelte zum Markt für Käse und Obst, zum Fischhändler für Sashimi (teils schon mittags verfuttert), mein Appetit ist ja zurückgekommen, ich will wieder auf die 74 und möglichst noch zwei Kilo drüber hinaus, damit ich, wenn wir uns in Aqaba umklammern werden, genügend eingelagerte Energie freisetzen und Dir dann auch geben zu können. Nein, ich werde Dich nicht allein lassen, auch nicht in solch einer Situation … — Hà!

Hà! —

Was paßte jetzt besser als, da das Streichquartett verklungen, das da (mir von einem Leser zugesandt):

Mozart, Don Giovanni, → MUSICAETERNA, Currentzis (Nov.-Dez.2015)

„Là ci darem la mano“ … und auch, meine Erde, will mir dieser berühmten Oper komplette Titel auf witzigste Weise passend erscheinen: IL DISSOLUTO PUNITO, also „Der bestrafte Wüstling“ – was dann mich meint, den Du, bevor ich noch „Perdono“ sagen konnte, bestraft  mit Dir hast. Doch ist es ein Irrtum anzunehmen, es stünden Wüstlinge (schau an, schau an, صحراء النفود) auf sanfte Geliebte … nein, mein Mäuschen, sie lieben es heftig und wild. Da wollen Deine, wie hieß es oben nochmal? …. Spaltbeine, ja, sogar besonders gut mit ihren Krallenspitzen passen, ganz wie die Schmerzen, die sie erzeugen. Und meine Güte, gleich dieser Einsatz .. und mit welcher Dynamik! Da fliegen fast die ProAcs weg oder flögen auseinander, explodierten quasi, wäre nicht die → „build quality alone (…) unsurpassed“; tatsächlich haben die Brackleyer Klangtüftler „each cabinet (…) meticulously constructed, damped and finished in real wood veneer“. Davon habe nicht nur ich etwas, auch Dir, meiner Lilly, kommt es zugute. Und wirst Du mir also wie → in Mozarts noch größerer Oper, wenn ich ums „Perdono“ gebeten haben werde, mit der Almaviva wundervollem „Più docile sono, e dico di sì“ antworten? Anche Lei è docile, Contessa Cancromio? Ah, sein Sie’s mir … nein: Sein Sie’s bitte – uns.

Aber selbstverständlich, Lady, ist jeder meiner Spaziergänge eine Vergewisserung und empfunden fast mein letzter. „Werde ich auch die nächste Spargelsaison noch erleben?“ frug mich gleich am Abgang zur S Schönhauser der kleine Gemüsestand, ohne daß der dahinter stehende orientalische Verkäufer etwas davon ahnte. Und unbedingt werde ich noch in den seit gestern öffentlich → erweiterten Mauerpark flanieren, morgen vielleicht, vielleicht schon nachher; wann, hängt davon ab, wie schnell wir weiter durch die Wüste kommen: die nächste Pforte, in den vierten, ich möchte gar nicht mehr schreiben: Höllenkreis der Nefud; der dritte war auch ohne infernalen Namen anstrengend genug … — diese nächste Pforte zu erreichen also, sei besonders kompliziert. Sie offenbare sich nämlich nicht gleich, erklärte erklärungslos Faisal und beließ es dabei. Wir müßten allerdings noch einen Umweg nehmen.
Nachfragen wollte ich nicht. Einem Araber lästig zu fallen, geht, wie Du wahrscheinlich weißt, mit bleibendem Ehrverlust einher. Immerhin hat mir Faisal den Umweg erklärt: Er habe einen chinesischen Kollegen um Consilio und Mittherapie gebeten, nämlich wegen meiner strahlungshalber anhebenden Neuropathie; tatsächlich sei es aber eine Kollegin, die sich, wie eine Heilerin der Vorzeit, als sozusagen Anachoretin tief in die Wüste zurückgezogen habe. Es ließe sich auch von einer Zauberin sprechen, die auf ihm, Faisal, nicht recht nachvollziehbare Weise Nadeln zu setzen verstehe, was der Erkrankung aber nachweisbar Einhalt zu gebieten verstehe, sie zumindest mildere. – Weshalb mußte ich da sofort an → Marah Durimeh zurückdenken? Ja, es schien mir völlig auf der Hand zu liegen, daß es sie, niemand anderes, sein würde. Aber das sagte ich nicht, sondern ließ mir weiterklären, daß – denn in der vierten Phase setze die Nefud dem weil chemisch sowieso schon geschwächten Körper noch einmal ganz besonders zu – er, Faisal, es für nachdrücklich geraten halte, die Hilfe dieser Durimeh in Anspruch zu nehmen, und zwar bevor wir den Vierten Höllenkreis erreichten. Sie erwarte uns übrmorgen zu … hat er wirklich „High Noon“ gesagt? Nein, das wäre → ein anderer Film – mit allerdings einer anderen Anima als, Li, Dir, deutlich einer meiner nämlich Kindheit. Dieser Frau (dieser Imago – wie die Béart ist auch sie alleine innenmedial) habe ich im ersten → der beiden Septimebände mit der Sabinenliebe ein zartes, ich hoffe: voll Achtung, Denkmal gesetzt.

Das – die ich sage einmal Akupunktur – haben wir beide jetzt also auch noch vor uns. Deshalb laß uns diesen schönen Sommertag genießen, 32 Grad hat es draußen, ebennun am Sonnabend um fünf. Für zweidrei Stunden heißt ohnedies beinah jeder Abend in der Nefud — Berlin.

Deiner, Ihrer:
ANH

 

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Achter Brief an Liligeia<<<<

Krebstagebuch, Tag 57, Kontrolle: Donnerstag, den 25. Juni 2020.

 

[Arbeitswohnung, 14.45 Uhr
71,7 kg]
[Dvořák, Streicherserenade E-Dur
Digitale Konzerthalle, Berliner, Petrenko]
Die Wahl Petrenkos ist ein Abenteuer. Im besten Falle
sorgt sie dafür, dass der Neue das Orchester wieder auf jenes Feld zurückführt, das es in den letzten Jahren
unter Rattle bei allen außermusikalischen
Projekten vernachlässigt hat: die konzentrierte Arbeit am eige-
nen Sound. Und das wäre dann wirklich
nicht die schlechteste aller Lösungen.
Cicero, → 23. Juni 2015 

Also früh um 9.15 Uhr der dritte Kontrolltermin beim Onkologen, Blutcheck, Firmung des Termins der nächsten, nämlich vierten Phase für den kommenden Dienstag.
Keine nennenswerten Nebenwirkungen heute; Kribbeln in den Fingern und Füßen, die aber nur leicht geschwollen; leichtes, beim Schnauben, Nase- sowie, beim Zähneputzen, Zahnfleischbluten, Gejucke an Berlichingens Götzenschnauze; nur direkt nach dem Aufstehen (um fünf) leichtes Übelsein. Die dritte Chemo läuft deutlich, deutlich aus. Dennoch noch keine Schmerzen wie am Ende der ersten und zweiten.
Blutwerte in Ordnung, aber an der Dosierung des Oxaliplatins will Dr. Fais… — ähm, Josting etwas schrauben, weil ihm die neuropathischen Nebenwirkungen nicht ganz geheuer sind; es bestehe die Gefahr, daß sie auch nach der Chemo bleiben. Deshalb sind die, so → Wikipedia, „häufig dosislimitierend“; dies nun also auch in meinem Fall – immerhin erst für den, mit dem Wort der Nefud ausgedrückt, vierten Höllenkreis (was insofern erleichternd ist, als Oxaliplatin nachweisbar hoch wirksam ist).

Ich habe Medizinerinnen und Mediziner unter meinen Leserinnen und Lesern; deshalb hier die spezifizierten heutigen Werte:

 

 

 

Die sich ergebende Planung, terminlich bereits festgeklopft: Gegen Mitte der Chemo ein abschließendes CT im Sana-Klinikum am 8. Juli; am selben Tag dort Tumorkonferenz und am 13. das Beratungsgespräch mit meinem, möglicherweise, Operateur Michael Heise. Ich meinerseits will auch noch, am besten für den 12., das bereits locker avisierte zweite Gespräch mit Matthias Biebl terminieren, der mir → bei unserem ersten Treffen überaus sympathisch war, indessen ich mit Heise bis heute nicht gesprochen, ihn während meines „Staging„s nur ein paar Mal auf dem Gang gesehen habe.  Ich möchte einfach ein gutes Grundgefühl haben, wenn ich jemandem mein Leben in die geradezu wörtlich zu nehmenden Hände lege, also dem Kenntnisreichtum und der Geschicklichkeit ihrer Finger anvertraue. Wobei ich unter „Gefühl“ meinen Instinkt verstehe, dem zu vertrauen mich immer wieder, wenn überhaupt etwas, mein Leben gelehrt hat.
Die OP selbst wird dann ungefähr in der letzte Juliwoche stattfinden, was bedeutet, daß ich → Aqaba nun doch etwas später erreichen werde, als vom Onkologen → bei der letzten Kontrolle angekündigt, was wiederum zeigt, daß meine eigene anfängliche Schätzung mit Anfang August ziemlich korrekt war. Wenn alles gut geht, dürfte das Rohste Mitte August ausgestanden sein und ich, wenn mein Zustand es zuläßt, wieder auf Reisen gehen – wahrscheinlich erst mal nach Wien zum Lektorat der → Béarts, dann aber, nachdem ich in dem der nefudschen Anderswelt gewesen, für fünfsechs Tage zum „realen“ Aqaba, um später nachzutragen, was ich kaum – zumindest nicht in den ersten Kliniktagen – werde direkt erzählt haben können; wie ich die Tage der OP und der sich anschließenden Intensivstation für Die Dschungel regeln werde, steht völlig in den Sternen. Auf jeden Fall wird es eine daraufhin zu füllende Leerstelle geben, und wie immer täte ich gerne irdische Gerüche, Tastsensationen, tatsächliche Blicke hinein.

Bis dahin wird meiner Gefährten und meine Durchquerung der Nefud also noch währen. Zwar sind wir der Stadt schon sehr nahe, aber noch läßt uns Liligeia nicht zu sich herein, geschweig‘ daß sie uns bäte.

ANH
[Schönberg, Violinkonzert
Digitale Konzerthalle, Berliner, Kopatschinskaja, Petrenko]

„Dies viele, viele Grün!“ Aus der Nefud, Phase III (Tag 9): Mittwoch, den 24. Juni 2020. Das heute staunende Krebstagebuch, Tag 56.

Allabends wird die Nefud grün. In einer Wüste hätte ich so etwas niemals für möglich gehalten. Doch wir müssen nur unser Abendlager aufgschlagen haben und ich mache mich für den täglichen Spaziergang bereit, der mein Lauftraining vielleicht nicht grad ersetzt, aber in der Nefud sinnvollwerweise seinen Platz eingenommen hat, beginnt die Landschaft, üppig vor Leben zu werden. Ich sehe dann sogar Straßencafés voller teils so junger Erwachsener, daß sich all meine Sorgen wegen eines WeitersderWelt von selbst zerblasen; überall Gelächter, überall Kinder, und Eis wird geschleckt, bei Hokey Pokey, aus mir schleierhaften Gründen – die seit über zwei Jahrzehnten betriebene Kleine Eiszeit ist ebenso gut und aber deutlich preiswerter, nur halt nicht ganz so „hip“ – stehen die Leute nach quasi Kilometern an; der auf Coronas Abstand bedachte Flaneur verläßt den Bürgersteig hier besser und schreitet auf dem Fahrdamm weiter. Und wir verlassen die Wüste immer mehr, indessen doch die Wahrheit diese ist – jedenfalls für mich:

Ich weiß es. Ich komme damit klar. Einen Großteil meines Lebens war ich uneinverstanden; zwar einverstanden mit dem Leben immer, indes mit den Sozialitäten nicht, nicht mit den Hierarchien und darunter der Gleichmacherei. Nicht mit dem gleich zu denken. Jetzt spielt es keine Rolle mehr. Auch hier bin ich jetzt einverstanden, schau’s mir an und lächele. Will ja gar nicht, daß all das vorbei sei, im Gegenteil. Selbst ihra Musi sulln’s nur spüü:n. Und dann kommt, am Ende des aus dem Mauerpark hinausführenden Birkenwäldchens, nicht nur der erste Free Climber in Höhensicht, hier an einem Massiv am Wulst des Wadis Rumادي رم), sondern vielleicht anderthalb Kilometer weiter erblickte ich dies da – zweifellos eine Geschichte für sich, die erzählt werden sollte:Irgend jemand ist bis hierhin geradelt (was mich an eine weitere Prägung meiner späten Kindheit erinnert, nämlich an Heinz Helfgen) und hat das Rad mitten in der Nefud stehen lassen, aber irrerweise angeschlossen. Dann ist er oder ist sie aus höchst rätselhaften Gründen zu Fuß weitergegangen, indessen das Rad, als ob’s im tiefsten Dschungel gestanden, gleichsam Wurzeln in der Wüste schlug, aus denen Ranken, Blätter, schließlich violette Blüten das verlassene Gefährt nach und nach umschlangen, bis es, das Fahrrad, zu einer Oase-in-der-Gestalt-eines-Fahrrades ward:

 

 

 

Solches, ja, sind während der allabendlichen Spaziergänge — sie dauern je zwischen einer und zwei Stunden — meine Wahrnehmungen, von denen ich aber gar nicht bestreiten will, daß auch sie sie Nebenwirkungen der Strahlungen sein können, denen Li und ich hier ausgesetzt sind — beide gleichermaßen: Wer also wollte behaupten, daß ich zur Krebsin unfair sei? Dafür bin ich viel zu dankbar, der Welt dankbar, daß sie mich in ihr ließ und körperlich mir immer gut war, egal, wie sehr ich’s hedonistisch übertrieb. Jetzt läßt sie mich noch einmal schauen. Und gestern abend dachte ich, da war ich erst so spät aufgebrochen, daß ich nicht früher heimkam als 21 Uhr … dachte ich also, wenn ich dies überlebte (es sind bis zur OP nur noch etwa drei Wochen, etwas, das ich dauernd vergesse), dann würde ich gerne noch einmal ein paar Stätten sehen, und Städte, um dort ein wenig zu verweilen:

* Die Ciane– und Arethusa-Quellen auf Sizilien, sowie ebenfalls dort Catania und Palermo je für paar Tage
* Napoli und beim Freund in Amelia
* die Serengeti noch einmal sowie im Kruger → OLIFANTS
* Mumbai mit Mahalakshmis Bucht
* die Isola del Giglio für einen letzten Tauchgang
* Paris und Wien je für ein paar Tage
* Soufrière auf St. Lucia und – zu Fuß durch die Dschungel hinauf – den kochenden See auf Dominica

 

 

 

 

  • Und gerne, einmal, bei St. Helena dreißig Meter unter den Blauwalen tauchen:

Doch alles dies mit Nefudblick auf Aqaba, Lis und meinem Ort der schließlichen Vereinigung, von der wir nicht wissen, ob sie nicht doch zu einer wird im Tode — vor dem ich mich schon deshalb nicht fürchte, weil er das Leben garantiert, ein Weiterleben und nicht-enden eben, wenn auch, gerechterweise, anderer als mir, denen die Herrlichkeiten dieser Welt genauso wenig vorenthalten werden dürfen, wie sie mir vorenthalten wurden. Ich habe das meiste, was zu sehen war, gesehen und ausgeschöpft, was immer an Genuß es gab (zu dem auch Leid gehört, selbstverständlich).
Aber immer wieder auf meinen Abendspaziergängen kehren hierhin meine Gedanken zurück. Auch gehe ich durch den Prenzlauer Berg wie einer, der schon nicht mehr ganz dazugehört. Und falle natürlich auf, trage es an mir, verberge es nicht; bereits die Kleidung ist ein Spiegel:

 

Vieles steht so auf Abschied, einem ruhigen, besonnenen, der auf getanes Werk zurückschaun kann; alles Weitre wäre eh der Nachwelt, einer auch, die noch mir Mitwelt ist, aber wie ich vielleicht schon spürt. Und selbst, wenn meine Krebsin und ich Aqaba überleben sollten, würde das Leben ein anderes werden, wie es jetzt bereits schon ist. Denn auch das ist mir bewußt, daß das Wort „geheilt“ auf die Tumorin schon deshalb nicht angewandt werden kann, weil sie eben keine Krankheit ist; und genau deshalb würde ich auch nach solch einer „Heilung“ mit ihr für immer weiterleben müssen, vielleicht sogar wollen. Denn jederzeit wird zu gewärtigen sein, er sei, der Krebs, „zurück“; „jederzeit“ bedeutet: in den kommenen fünf Jahren. Hält Li sich da bedeckt, könnten wir neunzig werden zusammen; sollte sie zu ungeduldig sein, werde ich froh sein müssen, wenn wir die siebzig erreichen. – Ich sollte meiner Krebsin vielleicht → wieder schreiben, sie meinerseits locken, mit einer, sag ich mal, anderen Erotik zu „Dingen“ verführen, die auch sie begeistern könnten, obwohl ich so genau nicht weiß, was de facto sie bedeuteten: etwa daß ich, sollten sie und ich überleben, auf jeden Fall LSD ausprobieren möchte, ebenso Mescalin, ebenso chemische Drogen – alleine, um auch das erlebt zu haben … und um zu erfahren, wie sich meine Poetik möglicherweise dann noch ändern würde, ja, ob es überhaupt einen Einfluß auf mich hätte. Was ich annehme, aber faktisch wissen nicht kann.

So schaue ich ziemlich neugierig dem Kommenden entgegen, so angstfrei auch deshalb, weil ich in einen sehr guten Tag erwachte, zwar nochmals abgenommen habe (71,4 kg heute), aber nahehzu beschwerdefrei nach abermals sechs Stunden tiefen, ununterbrochenen Schlafes erwachte; selbst die Füße sind nicht geschwollen, kribbeln allerdings weiter, und das bißchen dauerndes Nasebluten … nun jà … – zudem sich ein nächstes, bislang nicht aufgetretenes Blutungsphänomen dazugesellt hat, und zwar an Stellen, die ihr Haar verlieren, besonders der Bartbereich, der jetzt ohne Bart ist, dafür wie in der Pubertät Pusteln bekommen hat, die eben bluten, wenn ich an ihnen kratze. Neu ist auch ein ständiges Jucken in den Achselhöhlen – ebenfalls an den Haarwurzeln. Da ich sie seit Jahren rasiere, kann ich nicht sagen, ob dort noch etwas wächst; mein Eindruck ist hingegen: nein. Wiederum bin ich am Körper nach wie vor behaart; ich wäre mir ein Fremder, wäre es anders, und werd ein solcher wohl noch werden. Doch am Brustpelz kann ich noch, auch härter, zupfen, ohne daß die Haare „abgehn“; nur wächst nichts nach, wo aus medizinischen Gründen wegrasiert werden mußte. Die Gegend um meinen Bauchnabel, nach → der Laparoskopie, ist geblieben, als was Herrn Straussens Haushofmeister Ariadnes  Naxos bezeichnet, zwar eine „wüste“ Insel nicht (allenfalls im Sinne der Nefud, ich meine, auch sie, Ariadne, erwartete eigentlich Hermes – als Walkürich in diesem Fall), aber jämmerilch halt doch, so nackt im dunklen Haarmeer meines Bauchs.

Ich will jetzt eine Stunde schlafen; die Kontrollstation, in der wir für mogen um neun Uhr gemeldet sind, haben wir fast schon erreicht. Ich bin grad gut zu Dromedar: kein Schwindelgefühl, keine Übelkeit, keine Schwächeanfälle, kein Schmerz. Zum ersten Mal tut mir eine Chemo gut, wenn sie wieder abklingt; bislang war es genau umgekehrt. Dafür spinnt mein Verdauungssystem auf alles andere als noch verstopfende Weise, und zwar so drängend-dauernd-klecklich (kläglich), daß es nicht gut ist, sich allzu weit von möglichen Örtchen zu entfernen. Aber auch das ist eher lästig als schlimm.

Ihr ANH

[صحراء النفود.عالم آخر, Mittagslager
13.35 Uhr
)

 

 

Die Königsgärten des Abdulls: Aus der Nefud, Phase III (Tag 8): Dienstag, den 23. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 55.

[صحراء النفود. عالم آخر
  5.10 Uhr, 71,7 kg
Maxwell Davies, Naxos Quartet No 9]

Wir haben tatsächlich einen ganzen Tag Pause gemacht. Nicht nur das Wunder dieses Ortes erheischte sie, sondern meine Zustand war in der Tat … nein, nicht „bedenklich“, das ist er eh seit der Diagnose, doch dieser dritte Höllenkreis kostet enorme Kraft. Ich schrieb es Ihnen, Freundin, schon. Es ist nicht eine Qual, bewahre, sondern aushaltbar, nicht ständig angenehm, Sie spüren einfach, daß Sie Ihren Körper seit nunmehr viereinhalb Wochen unentwegt vergiften (sämtliche Zytostatica sind hochtoxisch), das hat Folgen im allgemeinen Zustand, vor allem auch der Konzentration, wenn man sich dauernd irgendwo ausstrecken und die Augen schließen möchte. Auch insofern war Faisal leicht zu überreden. Aber er selbst, die diese Gärten wie ich zum ersten Mal sah, mochte eigentlich nicht wieder fort, nicht gleich jedenfalls. Zudem er mit dem Herrscherhaus nicht nur über den gemeinsamen Glauben verbunden ist.
Wie auch immer, dieses war und ist der richtige Platz. Mehr noch, er wäre ein Ort, um aufgehoben zu sterben. Du hast ja das Paradies schon erreicht. In meiner Berliner Parallelwelt trudelte sogar die Fantasie eines Anrufs aus Riyad auf mich hernieder (es drehn sich fallende Buchenblätter so); man sei dort wegen meiner Erzählung aufmerksam gewesen, zu der verwendete Bilder sie, die Anrufer, geleitet hätten; und erst zwar sei man aus rechtlichen Gründen ungehalten gewesen und habe rechtliche Schritte erwogen, lächerlich, ich möge bitte verzeihen, – aber dann habe man verstanden, worum es eigentlich gehe und was ich poetisch versuchte, weshalb der — ich weiß nicht mehr, ob der freundliche Anrufer „Sheik“ oder „König“ sagte (er sprach ein deutlich arabisches Englisch) … weshalb der also DER mir das Angebot unterbreite, mich in den Flieger zu setzen („nach Aqaba? nein, nach Riyad doch!“) und am Hofe (sagte er das, am Hofe?) ein Quartier auf Lebenszeit zu nehmen mit jederzeitigem Zugang zu den Gärten. Als einzige Gegenleistung werde erwartet, nein, nicht zu konvertieren, aber doch täglich den Koran zu lesen und ihn in meine Dichtung ebenso einfließen zu lassen wie → mein großer Vorgänger es getan, „ein viel größerer, wir wissen, ja … doch wenn Sie sich die profanen Zeitläuft‘ betrachten …“ — Hm. Unwahrscheinlich, daß er „Zeitläuft'“ gebrauchte, zumal mit der Apostrophierung; ich wüßte nicht einmal, wie das Wort-selbst ins Englische zu bringen; da werd ich’s kaum verstanden haben. Doch kommt es nicht darauf an.

Wie erzählt und → dort auch längst nachgetragen (19.31 Uhr), waren wir bereits am Sonntag abend angekommen. Der Tag war ein bißchen besser als der Sonnabend gewesen, nicht gut, aber besser. Schon beim Losritt war es so gewesen, auch wenn ich nur wenig geschlafen hatte, durch“gehend“ kaum mehr als drei Stunden, noch zwar, wie auch jetzt, kribbelt’s in den Finger und Füßen, aber die leichte Dauer-Übelkeit hatte sich verflüchtigt, wozu der arabische Kaffee unseres Kochs sein übriges Bestes hinzutat. Und wiewohl Riyad von der Nefud nun wirklich fast eintausend Kilometer entfernt ist, war niemand verwundert, als sich vor uns die Pforten dieser wahrhaft orientalischen Zauberwelt plötzlich erhoben… eine abgeschlossene, erst einmal, wie so vieles in der arabischen Welt hinter wie undurchdringlichen Mauern, die sich bis an den Horizont ziehen können, rechts vor dir, links von dir, und du gehst diese enge, enge Unendlichkeitsgasse entlang. Ganz selten eine Tür, ob in der Mauer links, ob rechts, Fenster aber nie. Hier war es aber nur eine einzige Mauer, die sich nach Art der Chinesischen quer durch die in unserm Falle Wüste zog, und sie war war derart quitte-, quittegelb, daß zu schreiben nicht falsch ist, sie habe sich uns, sich jähe aus dem Sand erhebend, in den Weg gestellt. Ja, sie verlangte, daß wir an ihre Pforte pochten. Alleine deshalb gab Faisal gab seinem Diener das Zeichen.
Lars glitt vom Kamel, federte auf, hob den rechten Arm vor der feinen Metallarbeit der, so schien es, durchbrochenen Kalligraphie, mußte mit den Knöcheln aber gar nichts berühren, da schob sich bereits hinter ihr die Abdeckung fort.
Eine Greisin öffnete uns, wie zu erwarten in völligem Schwarz. Nur nahm sie von Lars nicht die geringste Notiz und irritierenderweise auch von Doktor Faisal nicht, dem nun deutlich Führer und Herrn unserer kleinen Karawane. Sondern sie wandte sich ausgerechnet an mich, Alban ben Nemsi. „Da sind Sie ja endlich, sagte sie. „Auch wenn Sie kein Rechtgläubiger sind, grüßt Sie dieser Ort. Treten Sie ein mit Ihrem Gefolge, und wenn Sie mögen, dann sterben Sie in Frieden hier.“
Ich weiß nicht genau, weshalb, aber mußte an Marah Durimeh denken, die meinem Vorerzähler May allerdings in Weiß erschien und hier, im islamisch-patriarchalen Zusammenhang, eine höchst unwahrscheinliche „Sultanin“ war. Außerdem, seit wann empfangen Fürstinnen und Fürsten ihre Gäste selbst und stehen dazu auch noch am Tor bereit, um den Fremden mit eigner Hand zu öffnen, wie eine Burgwache oder jemand vom Wachschutz bei TIFFANYS? – Später behauptete Faisal denn auch (was nicht minder irre war), die Greisin sei eine „Malukkin“ gewesen. Vielleicht hat er aber → Mamlukin gesagt? Für die arabische Geschichte sicherlich näher liegend, auch wenn es wiederum zweifelhaft ist, daß es weibliche مماليك gegeben hat, also leibeigene Söldnerinnen, die besonders als osmanische militärische Elite im arabischen Raum selbst kulturgründend wurden, indes seit Bonapartes Ägyptenfeldzug nach und nach in den Bevölkerungen aufgingen und ihre kulturellen Konturen verloren.
Es spielt allerdings auch keine Rolle, weil Frau Durimeh, nachdem sie uns einen Wohnbereich zugewiesen hatte, überhaupt nicht mehr erschien. Mit wem meine Gefährten und ich noch Kontakt hatten, war lediglich das um unsere Wohlfahrt besorgte Gesinde — alles sehr leise, schnell vorüberhuschende, vorübertrippelnde ausgesprochen schöne junge Männer; Frauen bekamen wir keine mehr zu sehen, wirklich nicht eine einzige – ein Umstand, der mich gerade wegen meiner erotischen Neigung zu Orientalinnen normalerweise betrübt hätte, nun indes mich nicht einmal befremdete. Ich spüre, daß die Strahlungen der Nefud meine Zeugungsfähigkeit bereits zerstört haben, womit sie aber ja nur etwas sozusagen firmen, das mir schon seit vier Jahren schmerzlich bekannt ist: daß ich nicht mehr Vater werde. Nun muß ich darob nicht mehr klagen. Es hat keinen Sinn, sich nach etwas zu sehnen, das nie mehr werden wird; die Nefud hat diese Sehnsucht, hinge ich ihr weiter an, schlichtweg lächerlich gemacht, sie also gegen meinen Stolz gestellt, einen trotz der chemotoxisch herbeigeführten Unfruchtbarkeit männlichen Stolz. Und als ich gestern, ganz für micb allein, die weiten Anlagen durchschritt, kam mir die Erkenntnis, es werde, sofern ich alles überlebte, jetzt Zeit, mich zu vergeistigen. Nicht, um den Körper zu schmähen („schwaches Fleisch“ – welch widerlicher Unfug!), sondern um ihn auf andere, für meine Arbeit und also mein Sein neue Weise zu ehren. — Aber, Freundin, schreiten Sie erst mal ein bißchen mit mir herum, ergehen auch Sie sich (damit Sie verstehen), doch schalten Sie den schrecklichen Ton aus, den es in der Realität auch gar nicht da gibt:

Und selbstverständlich sind wir, anders als in dieser Animation, miteinander allein; wir brauchen gewiß auch die „Picnic Areas“ nicht — eine für die Nefud unnötige Bemerkung, weil wir ja eben nicht wirklich in Riyad waren, sondern King Abdullah’s Gardens sich, läßt sich das so schreiben?, alleine meinetwegen derart weit von ihrem wahren Ort entfernt reinkarniert (?) hatten und noch haben. Vielleicht eher doch Lis wegen, von der mir zunehmend schwante, daß sie mit Frau Durimeh, wer immer die in Wahrheit sei, ein ausgesprochen vertrautes Verhältnis habe. Ich will es sogar so formulieren: Die beiden sind ein- und dasselbe Geschöpf, nur in anders dimensionalen Zuständen – insofern Lilly nämlich, falls ich sterbe, mit mir sterben, Marah Durimeh aber bleiben, sich freilich auch niemals konkret in jemanden einnisten wird. Sie verhält sich wie die Idee zu ihrer Konkretion, ist reine, allerdings wirkende Allegorie — und muß schon von  daher älter, sehr viel älter als Liliy, muß uralt sein, tatsächlich. Wie Frau Durimeh es auch ist. Wobei, daß sie sich nicht mehr gezeigt hat, sehrehr wahrscheinlich an meinem Entschluß liegt, in den Gärten nicht zu sterben. Obwohl ich gestern sehr versucht war, es zu tun. Denn nach unserem, Freundin, langen, langen Rundgang kam ich so abgeschlagen in das mir gegebene Zimmer zurück, daß ich mich sofort aufs Dunckerlager legen und ausstrecken mußte; an sich hätte ich etwas essen sollen, aber mir war leicht schlecht, so daß ich überhaupt keinen Hunger hatte, um von „Appetit“ besser zu schweigen, und entsprechend habe ich auf heute früh wieder an Gewicht verloren. Wie gut, daß ich genügend Fresubin in den Reisetaschen habe! (Eine ist von den vielen, vielen Fläschchen wirklich prall). Allerdings hängen sie noch an Röhrerichs Sattel, und ich weiß nicht, wo die Stallungen sind – sagt man so auch bei Kamelen? Wobei ich jetzt eh nicht mehr losgegangen wäre.
Wie froh ich war zu liegen! Dabei war es wirklich noch hell. Ich wollte mich aber auch nicht ablenken, sondern mich gewissermaßen um mich selbst zusammenziehen. Und nahm die Stax-Hörer. Die Zeit war gekommen, der von mir als dringlich empfundenen → Anregung FJKs nachzukommen:

Sie müssten jetzt nach dem molto espressivo Bernstein den kühl (!) intellektuellen (!!) Karajan mit seiner – d.h. Gustav Mahlers (ANH) – 9. anhören. Das ist, obwohl … etc. pp., eine „gültige“ Interpretation.

Womit er, mit dem „gültig“, komplett recht hat, nur daß ich nicht weiß, ob ein „leider“ dahintersetzen; denn Knelangens „obwohl … etc. pp.“ ist ja dummerweise wahr. Hohe, in mir, Ambivalenz also. (Doch wo wäre meine Musikkenntnis stecken geblieben, hätte ich nicht seine, Karajans, Salome mit der jungen Behrens, nicht seinen Ballo in maschera  noch gar seinen Otello jemals kennen gelernt?)
Und also auch, wenn ich in diesen eine Stunde zwanzig währenden Momenten eigentlich bereit zu sterben war, etwas tatsächlich weder Vorhersehbares noch auch Wiederholbares hielt mich im dämmernden Leben. Ich habe es Herrn Knelangen vorhin schon privat geschrieben:

Was soll ich, kann ich sagen? Enorm, Karajan läßt keinen Schmerz aus (der in der Komposition selbst steckt, in ihrer Faktur), mildert nichts, läßt aufeinanderprallen, auch wo’s unschön wird … wobei ich dann auch noch eine akustische Vision hatte: In den vierten Satz bricht plötzlich ein weiterer Satz ein, eine „Rohfassung“ des Stücks aus jüngeren Jahren, ungebremst, expressionistisch, auch etwas grob… Daran schloß sich ein erklärender Traum an: Mahler habe dieses Stück (ähnlich der „Todtenfeier“, die später Satz 1 der Zweiten wurde) als Jugendlicher komponiert, dann verworfen, aber jemand habe die Partitur einer Zeitung zugespielt, die – die Zeitung! –sie dann ohne Mahlers Einwilligung, ja ohne sein Wissen habe aufführen lassen. Daraufhin habe er einen Prozeß angestrengt, aber schnell wieder aufgegeben, weil was geschehen, geschehen….
Jedenfalls dieser rohe, harte, auch grobe „Vor-Vierte-Satz“ brach unversehens über mich herein, während ich den „richtigen“ noch hörte.
Spätestens da wußte ich, auf einen schweren Trip gegangen zu sein.

Doch eben auch, daß es zu sterben noch die Zeit nicht war.

Ich hörte die Sinfonie liegend, fast starr, ganz zuende. Dann war es nachtdunkel im Raum. Von draußen hörte ich, aus Vitrinen wahrscheinlich, Vogelrufe. Im Hinterhaus leuchteten hinter vier Scheiben noch Lampen. Ich sah nicht zur Uhr, hing nur wieder die Kopfhörer in ihre Halterung hinter meinem Schreibtisch. Dann rauschte ich, fast selber ein Wind, in die Gärten der Nefud zurück, schmiegte mich an — und schlief sechs Stunden durch.

Ich muß, denke ich, nicht erzählen, daß ich nicht etwa in dem Gästeraum erwachte, sondern wieder in meinem Zelt, das mit den anderen Zelten diesmal am Fuß eines Granithangs errichtet worden war. Woran ich freilich überhaupt keine Erinnerung hatte, nämlich so wenig wie Faisal an die Gärten oder gar an Marah Durimeh. „Wir haben befürchtet“, erkläre er, bevor wir uns auf die Dromedare machten, „Sie hätten extrem hohes Fieber. Denn tatsächlich haben Sie gestern abend vor Schwäche wild fantasiert. Sie hatten aber keines, waren nur kraftlos, mußten unbedingt ruhen, schafften es aufs Lager alleine aber nicht. So daß wir mit vereinten Kräften … Und Sie, Sie haben die ganze Zeit vor sich hingesprochen. Keine Sorge, es war fast nichts zu verstehen. Nur, daß es offenbar um Musik ging. Ich gab Ihnen noch ein paar Tropfen zum Durchschlafen. Ihre Füße sahen gräßlich aus. Aber schaun Sie, sehr viel besser heute vormittag, ich kann direkt wieder Zehen erkennen. Das ist doch schon mal was. Richtiggehend menschlich.“

An Faisals Witze muß man sich gewöhnen. Er kommt auf sowas aber nur, wenn ein besonderer Druck auf ihm lastet, den er wegscherzen will. Ich weiß, das überrascht auch Sie. Habe ich von ihm  bisher ein zu hehres Bild gezeichnet? —
Wie auch immer, der Druck ist objektiv, unseren nächsten Posten, als Kontrollstation, müssen wir übermorgen erreicht haben. Und dann wird’s strammen Rittes dem vierten Höllenkreis entgegengehn, vor dem’s mich diesmal, zugegeben, denn doch etwas bangt. Danach indes kommt Aqaba — kommst, Liligeia, Du.

ANH

 

 

HÖRKUNST
Othmar Schoecks Stimme des Windes von Lenau

 

 

 

Und ausgerechnet da, nachdem wir abends angekommen waren, hörte ich es zum ersten Mal, hörte ich’s, wiewohl ich es schon oft gehört und nun nicht weiß, weshalb ich’s immer, scheint’s mir, überhört, nie bewußt gehört hatte — die Kunst nie gehört, beider, der Dichtung wie Musik. Es hat die Nefud gebraucht, mich vorzubereIten, vielleicht sogar sie selbst, Liligeia, -gäa, mich bereit zu machen hierfür, bis ich es selbst, für solche Wahrheit klingendes Gefäß, war:

In Schlummer ist der dunkle Wald gesunken,
Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen,
Den Blütenduft zu tragen, und es schweigen
Im Laub die Vögel und im Teich die Unken.

Leuchtkäfer nur, wie stille Traumesfunken
Den Schlaf durchgaukelnd, schimmern in den Zweigen,
Und süßer Träume ungestörtem Reigen
Ergibt sich meine Seele, schweigenstrunken.

Horch! überraschend saust es in den Bäumen
Und ruft mich ab von meinen lieben Träumen,
Ich höre plötzlich ernste Stimme sprechen;

Die aufgeschreckte Seele lauscht dem Winde
Wie Worten ihres Vaters, der dem Kinde
Zuruft, vom Spiele heimwärts aufzubrechen.

Das Wunder war nicht, daß Abdullahs Gärten von Riyad so unvermittelt in der Nefud, so muß ich es sagen, erschien, sondern daß ihre orientalische Planzenarchitektur so viel vom Norden und seinen dunklen Wäldern wußte, deren Sänger sie da ward. Und ich verstand, → was Goethe im Westöstlichen Divan bewegt und als ein ganz eigenständiges poetisches Vermögen empfunden hat, unter dessen sanftem Mandelblick unsre Härten sich vor jedem Lächeln, das einlenkt, verneigen — auch wenn ich dazu momentan die Welten wechseln und nur für diese Schallplattenlänge in meine Arbeitswohnung aus der Wüste zurückkehren mußte. Denn „meine“ Aufnahme ist auf Vinyl, und selbst in diesen Gärten gibt es keinen Plattenspieler. Dennoch, wiewohl ich mit den Kopfhörern auf meinem Dunckerlager lag, vernahm ich das Lied in den Gärten. Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen. Spüren Sie dennoch, Freundin, was dieser Vater will, wenn er uns zuruft, langsam heimwärts aufzubrechen?

Wo werde ich morgen erwachen?

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