Das (Nach)Krebsjournal des Sonnabends, den 5. September 2020. Mit einer — leider posthum — Verbeugung vor Waltraut Lewin.

 

[Arbeitswohnung, 9.35 Uhr.
69,7 kg.]
Man kommt nur, wie der arme Lortie,
in einem leeren Zimmer an.
Peter H. E. Gogolin, Isoldes Liebhaber

Ich halte das Gewicht, immerhin, wenngleich die Fettverdauung trotz Kreon weiterhin nicht oder nur kaum funktioniert; außerdem nahmen, seit ich dieses Zeug schlucke, direkt nach jedem Essen die Bauchschmerzen zu. Doch damit, ich schrieb es bereits mehrmals, kann ich umgehen, Schmerzen sind nur Schmerzen und vergehen. Schlimmer wäre in der Tat, nähme ich ab. So merke ich die mangelnde Fettverdauung nur daran, daß mir Energie fehlt, ich mich ziemlich oft über den Tag hinlegen muß, manchmal nur für zehn/fünfzehn Minuten, manchmal länger: dann schlummre ich ein. Und dennoch bin ich besonders abends wie ausgelaugt manchmal, was mich hat dazu übergehen lassen, mich mit Freunden tagsüber zu verabreden; da kann ich schwerelos hell sein. Hingegen sind mir Einladungen zum Abend eher schwierig.
Aber ich schlafe wieder über Nacht, liege nicht mehr lange wach, wache auch nicht mehr zwischendurch auf. Denn ich kann wieder auf der Seite liegen, halbbäuchlings, wie ich immer schlief. Auf dem Rücken bekomm ich nur schwer ein Auge zu. Jetzt erlaubt die Wunde meine gewohnte Schlafstellung wieder. Obwohl sie zu schmerzen begonnen hat, anders zu schmerzen als in den drei Wochen davor: von innen, quasi. Oben ist sie nun auch geschlossen, abgesehen von einem ganz kleinen Auslaufzipfel, der noch Schorf trägt. Und auch die vernähte Drainage-Öffnung näßt nun nicht mehr und verheilt. Die Schutzpflaster drüber störten nur noch, juckten fies; ich riß sie heute nacht ab.

Sechs bis sieben Stunden Schlafes täglich nachts. Dann der Latte macchiato, aus Vorsicht mit lactosefreier Milch, dann an den Schreibtisch und jeweils zwei → Erzählungen aus Gogolins neuem Band gelesen. Heute wieder sehr begeistert. Wie der Erzähler aus dem Zug aussteigen möchte, weil er unter der Brücke auf einer Bank ein Kind einsam sieht; Der Zug auf der Brücke, so heißt die Geschichte, eben weil sie vom Zug gar nicht handelt. Und er steigt nicht aus, weil das nicht ginge: Er müßte denn hinab gegen die Zeit laufen, nach hinten, hinten, auf ihrem Strahl. Da schnürte sich mein Herz.
Und die völlig unerwartete “Moral” in Quick and dirty. Ein militärisches Arschloch, wenn auch seine Erscheinung, Wieder- und Widererscheinung rettet einen Mann, den er, dieser Wiedergänger, früher verhöhnt hat, ein Oberleutnant von geistigem allenfalls Feldwebelrang, um vom Moralischen besser zu schweigen. Es sei, erklärt der Gerettete dem neugierigen Frager, indes “vermutlich die Scham” gewesen, die aber für ihn den Namen dieses Arschlochs trug.
Ganz, ganz toll.

Und dann aber! Das ist nun eine Entdeckung:

→ Bestellen

Eine mir völlig unbekannte Autorin — ich muß sie nun Dichterin nennen — hat einen → Friedrichroman geschrieben, auf den ich nicht aus Zufall stieß, antiquarisch, nein, ich habe ja noch solchen Büchern, eben auch welchen neben den reinen Geschichtswerken recherchiert … und da kam mir denn dieser → FEDERICO unter, ein Roman, der mit komplettem Recht neben Horst Sterns hinreißendem → MANN AUS APULIEN stehen kann, der mich bekanntlich schwanken ließ, ob ich mein eigenes Friedrichprojekt überhaupt noch schreiben dürfe. Aus Achtung, Hochachtung, auch aus Demut. Bei Lewin geht es mir nun ganz genauso. Indessen mich die Geschichtsbücher, namentlich → Kantorowiczens, eher abschreckten, den Staufer noch zur Projektionsfolie meines eigentlich Europaromanes zu machen, weil sich meine Idealisierung nicht mehr halten ließ, also meine überhöhende Begeisterung, und zwar gerade, weil Kantorowicz so überhöht, aber rechtfertigend, was ich rechtfertigen niemals würde … weil er → Macht anhimmelt, etwas, das mir widerwärtig ist, ohne die aber, was ich einsehen muß, niemals ein Weltreich, auch keines des Geistes, entstanden wäre — ganz ge”treu” → der grauenvollen Benjaminthese, es sei niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Insofern Friedrich von den Arabern, er freilich in Anlehnung an Innozenz III, die Kennzeichnung der Juden durch → den gelben Stern übernimmt (unterm sizilischen Kalifat waren es eine Zeit lang gelbe, für Christen übrigens blaue Gürtel), spielt er sogar Hitler zu, auch wenn er andererseits Juden wieder schützte, doch auch dieses aus Machtkalkül und intellektuellem Wissensinteresse.
Staunenswert, stupor mundi, bleibt Federico dennoch. Und Lewin vollbringt einen interpretatorischen Kunstakt, indem sie gerade das kleine Kind ohne Liebe aufwachsen läßt, das die für ihre Niederkunft schon ungewöhnlich alte Konstanze von einem Mann empfangen, den sie verabscheut. Wie überhaupt dieser ungewöhnliche Roman, der mit einer inversgedrehten Paradiesgeschichte beginnt, von einer Chronistin erzählt wird, die seit Jahrhunderten lebt, einer wenn eben auch noch sehr viel älteren Mitgängerin des woolfschen → ORLANDOs sozusagen, aus Frauenperspektive mithin und einem Blick auf GOtt, der eben nicht der zürnende des Alten Testaments ist, eben nicht der Diktator-selbst, der sogar die Opferung der eigenen Kinder verlangt (um dann “großzügig” davon abzusehen: brutalste Dynamik des Abhängigmachens). Statt dessen ziehen Eva und Adam aus,

um sich zu vermehren, den Acker zu bebauen, zu leben und zu sterben und immer aufs neue von den Früchten jenes Baumes zu essen, deren Samen der Herr des Gartens ihnen mitgegeben hatte.
Lewin, Federico, 9

Ein GOtt, der sich des Erkenntnisvermögens seiner Schöpfungen erfreut, anstelle sie kleinzuhalten. Welch ein Romananfang!

Was mich dann frappierte, war, daß लक्ष्मी diese Dichterin kennt, bzw. kannte. Frau Lewin ist vor vier Jahren gestorben. Hier in Berlin. Ich hätt sie also kennenlernen können. Auch das nun ging an mir vorbei. Sie war Jurorin fürs Bundestreffen junger Autoren, an denen einige Jahre lang auch लक्ष्मी teilgenommen hat, als Lyrikerin, damals noch mit Marcus Braun zusammen, über dessen Bücher wiederum ich später einiges schrieb.

Es ist schon eigenartig. Ist merkens- und bemerkenswert. Magenlos im sich hebenden Alter. Wie ich da immer noch zu bewundern vermag. Und solche Entdeckungen liebe, denen in aller Regel die Warnung vorausgeht (soviel zum Zustand unsrer Dichtung),

dass (es) bestimmt nicht jedermanns Geschmack ist, denn als leichte Lektüre für Zwischendurch ist dieser Roman nicht geeignet.
Von → dort.

Etwas beckmessern muß ich hier allerdings auch: Ein weiteres (großes) Buch, dessen Konjunktive oft nicht stimmen – sie leben, als seien sie, statt als wären sie usw. –, dessen wunderbare Findungen mich allerdings darüber hinweglesen lassen:

als (wären) sie selbst Teil dieser Wälder, die an ihren tiefsten Stellen so dunkel sind, daß dort immer die Nachtigall schlägt, und an den lichtesten so zart. daß das Laub hauchfeine Schatten wirft.
Federico, 163

Oder Konstanzes (von Aragon, nicht der Normannin) berührende Erzählung ihres ersten Beisammenseins mit dem jungen wilden Mann:

und ich stieß einen Freudenruf auf, daß ich die erste gewesen war, die seine bartlosen Wangen über sich gesehen hatte. Und wir baten, daß er uns wieder besuchen möge, denn wir waren sicher, daß er einer jener Männer werden würde, von denen es heißt, daß sie, wenn sie eindringen, gemach handeln, wenn sie sich bewegen, beglückend sind, und wenn sie fertig sind, wiederkehren.
Federico, 114

“Läßt sich erotische Erwartung inniger erzählen?”

— so fragt, meine Freundin, in Ihren Vormittag

Ihr ANH

mitten hinein.

Büßerinnen und aber die Augen der Damen im Schatten:

 

31.8.20-2.9.20
… aber mitten in der Wirth-Erzählung1
angeödet abgebrochen, auch der
Krichbaum2 danach taugt sprachlich nichts.

A

1) im Netz → dort
2) → Jörg Krichbaum

Wobei man sich in der Tag fragen muß, welcher, um es explizit zu sagen, Idiot die beiden vorgenannten Möchtegernler in ein- und demselben Band mit Meistern wie Jean-Louis Bouquet und Julio Cortázar abdrucken ließ, überdies bei Suhrkamp. Der dafür verantwortliche Lektor gehörte kastriert.  Allerdings könnte er schon längst, gerechterweise, verschieden sein. Denn dieses Buch kam bereits 1979 heraus:

 

 

Dafür erreichte mich heute, zur Wiedergutmachung quasi, Peter H. → Gogolins soeben erschienener Erzählband, der gleich mit einem grandiosen  Text beginnt: AUGEN EINER DAME IM SCHATTEN, darin es den wundersam poetischen Satz gibt

Die einzigen Frauen, die sein Leben beständig begleitet hatten, hießen so wie die Gesangsrollen, von denen sie dort im Schatten der Logentür sprach (,)

die Dame nämlich, SIE, deren Augen-allein wir zu sehen vermeinen.

 

 

 

 

ANH

Ribeiros Eidechse vor der Haustür gefunden. Und aufgeschlagen irgendwo: fürs – was ich noch nicht wissen konnte – Tagebuch des zehnten Tags.

 

 

Gesund leben, keinen Tabak, keinen Alkohol, viel frische Luft, Natur und Entspannung, eine mehr oder weniger gemäßigte Diät einhalten, wegen der von der Chemotherapie angegriffenen Leber — liegt darin nicht ein Paradox? Doch, ja, wenn er eines Tages mit einer scherzhaften Bemerkung behauptete, deren Tonlage er lange geübt hatte und die alle Freunde lustig fanden, hatte der Krebs ihn wieder vollkommen gesund gemacht. Selbst sein Sexualtrieb war nach dem Stimmungstief bei Entdecken der Krankheit zurückgekehrt, und zwar derart stark, wie er ihn zuletzt mit zwanzig verspürt hatte, so daß er zeitweilig, wäre nicht auch Ana Cara so feurig, was er eigentlich gar nicht mehr richtig wußte, fast losgeuogen wäre und sich eine kleine Schwarze von der Insel geschnappt hätte, eine von der Sorte, die sich für eine Kleinigkeit auf der Terrasse eines leerstehenden Sommerhauses vernaschen lassen — ein tolles Erlebnis ünrigens, das er schon lange nicht mehr genossen hatte, eigentlich sollte er es sich demnächst mal wieder verschaffen. Seltsam, höchst seltsam, wer nicht will, braucht ja nicht an Gottes Fingerzeig zu glauben. Selbst dies hatte der Krebs wieder zum Leben erweckt: Eine halb zerrüttete Ehe, praktisch ohne Sex, ja sogar ohne Kommunikation, war jetzt wieder gefestigt, so gefestigt., wie sie nie gewesen war, man konnte sagen, ausgesprochen glücklich.
João Ubaldo Ribeiro, Das Lächeln der Eidechse, S87
(Dtsch. v. Karin von Schweder-Schreiner)

 

Gibt es Zufälle? Nein. Es wird zunehmend unwahrscheinlich.
Das Buch war in einer Kiste übriggeblieben, die vor die Haustür auf die Dunckerstraße gestellt worden war. Ein Instinkt ließ mich hinunterbeugen und zugreifen, und eben — लक्ष्मी war kurz mit Heilerde und Cannabisöl hier, was ich beides zu mir nehmen soll — schlug ich allein aus Neugier diese Seite auf, ohne doch wirklich lesen zu wollen. Denn ich mag → ADA auf keinen Fall unterbrechen.
Und doch – so sprachlos jetzt. In meiner Antwort → auf Liligeias ersten Brief (erstaunlich genug, daß sie ihn  schrieb oder, eher, schreiben wohl ließ), über die ich fast unentwegt nachdenke, werde ich mich auf Ribeiro, spüre ich, beziehen nun müssen.

Ligeia an ANH, erster Brief. Sonnabend, den 9. Mai 2020. (Krebstag 10).

[Wappenbild © → Hans Hillewaert]

 

Circumkardia, 7.15 Uhr
 

 

Mon Sieur ANH,

denken Sie nicht, ich hätte Ihre Taktik, mir zu schmeicheln, nicht durchschaut … schlimmer noch, mich auf eine Weise zu umgarnen, die Sie doch auch selbst für ein wenig sentimental halten müssen. Wie können Sie sich da in Gedanken verfangen, daß ich drauf reagieren würde? Wenn ich es nun aber doch tue, so einzig, um erstens Sie zurechtzuweisen, und zweitens muß ich Ihnen in einem entscheidenden Punkt recht geben, der vielmehr in Ihrem höchst gespannten Bogen ein auf etwas zielender Pfeil ist, das mir nun selbst erst bewußt wurde, so daß Sie ihn nicht abschießen müssen. Er träfe tatsächlich uns beide.
Wie Sie lesen können, halte ich nichts von Täuschungsmanövern. Sie wären unter meinem, ja sogar weit unter Ihrem Niveau — ob unter Ihrer Leserinnen auch, vermag ich nicht zu sagen.

Doch zum ersten: Was hat Sie geritten oder wen reiten – noch immer! – ausgerechnet Sie, der sich stets und mit ziemlich scharfem Ton gegen Kumpeleien und angebliche “Freundschaften” gewendet hat, die allzu billig durch nichts als sogenannte “Klicks” geschlossen werden ..? – wie also kann ein Mann wie Sie darauf verfallen, mich zu duzen? Sie tun es bereits in Ihrem → allerersten Brief, was mich derart dégoûtierte, daß ich mich anfangs weigerte, ihn überhaupt wahrzunehmen. Doch Ihr Beharren läßt mein Weiterschweigen schon deshalb nicht zu, weil Sie Ihre Zuschriften öffentlich und dadurch mich durchaus ein wenig lächerlich machen. Es mag dies Ihre Absicht nicht sein, aber das Diminutive Ihrer verschiedenen Koseadressen spricht eine deutliche Sprache. Zu recht weist Ihr Kollege Gogolin, den meine Muhme Nephris recht gut kannte, auf die Stammlinie unsrer Familien hin, der ihren wie der meinen, einem alten Geschlecht aus Zeiten lange, lange vor Ihrer schon deshalb, geben Sie’s zu, ridikülen Demokratie, weil Abstimmung über Krankheit versagt. Woher Ihre Chuzpe also des “Du”s? Von mir und von den Meinen wurde schon gesprochen, und zwar mit bis heute geltendem Namen, als Ihre Familie noch unvordenkliche, fast anderthalb Jahrtausende auf den ersten Baum warten mußte, ja auf die ganze Rodung, der und die für Ricbrachtincthorpe zu schlagen war. Von Ihrem “Adel” will ich da gar nicht erst sprechen – 1823, ich bitt Sie!, Ihr “von” ist hinter den Ohren noch vom Geburtsvorgang feucht, egal ob “Prädikat” , das aus dem ‘feucht’ nur ‘grün’ macht: Es bleibt auch abgekürzt kaum mehr als ein unreifes Obst. Dagegen war meine Familie als Kαρκίνος schon Aristoteles bekannt und mit Recht von den Alten gefürchtet. So erwarte ich, auch angesprochen zu werden, Λιγεία Βασίλισσα Kαρκίνος, zumindest mit Madame, Mylady, Misignora in angemessener Standesdistanz.

Nein, ich bestreite nicht, daß wir verbunden miteinander sind, doch jeder Diener ist’s mit seinem Herrn und jede Magd mit ihrem. Zumal Sie’s selber waren, der meinem Ruf gefolgt ist, einem im Wortsinn diskreten, und sein Knie gebeugt hat. Überdies habe ich Sie immer gewarnt, von allem Anfang an: nicht daß Ihre, was immer das nun sei, “Seele” sich mir zuverfügte, riefen Sie wie Ihr imaginärer Ahn vor glücklicher Schwäche “Verweile doch!” aus. Sondern vor der Hybris, die ich erwarte, und daß sie Menschen nicht ansteht. Wagen sie’s dennoch, hat’s seinen Preis.
Ja, es war, und wird es immer bleiben, ein Pakt. Ich belehte Sie mit Inspiration, und Sie, Sie schenken mir Leben dadurch. Doch wenn sie versagt, wenn sie ergebnislos verrinnt, darf ich mir nehmen, was bleibt. bis, was Sie haben, ausgeschöpft ist. Ich kenne kein Mitleid – nicht wegen mangelnder Gnade, sondern  weil es gegenüber solchen wie Ihnen nicht angemessen ist, beinah so wenig wie mir gegenüber. Als ich Sie fragte, Sie waren grad dreizehn, aber durchaus bewußt, ob Sie erleben wollten, alles was geht, oder ob Sie sich klugerweise bescheiden wollten und, wie Ihre Frau Mutter riet,  sich einfügen, zögerte Ihre Antwort keinen Moment. Und auch, als ich durch die Hand eines netten, bereits etwas greisen Vasallen Ihnen die ersten Zigaretten gab – in, Sie erinnern sich, Mengen – und zwei Jahre später, für den täglichen Rausch Ihres Schreibens, den  schweren Muskateller, zauderten Sie erst recht nicht und stürzten die Gläser, bis ihre Finger, mit denen Sie tippten, versagten, obwohl ich nicht hinterm Berg damit hielt, worauf es eines Tages hinauslaufen werde. Sie haben, so gesehen, sogar Glück. Ihr Körper hat lang durchgehalten, wie Ihr Geist. Doch nun sind Sie geschwächt. Das kann ich nicht verzeihen und mag es nicht verzeihen.

Doch da komm ich zum zweiten — Ihrem, muß ich, wenn auch ungern, sagen, Einwand, Ihr Tod | wär auch meiner. Damit haben Sie leider recht. So daß Ihr Vorschlag bedacht werden muß, inwieweit eine mehr oder minder stabile Koexistenz unseren Welten möglich sei, Ihrer sterblichen wie meiner im Prinzip eben nichtsterblichen, doch von Ihrer Sterblichkeit an ihrem herrlichen Wachstum bedrohten. Zwar kennen wir gut, sogar sehr gut, die körperliche Permeabilität, nicht indes transzendierend in andere Körper hinüber.
Ich habe mich deshalb, wie Sie → seit gestern wissen, beherrscht und aus den anderen Organen als meinem nun Thronsitz  selbst meine Späher abgezogen. Was Sie und die Ihren erleichtert hat, sehr. Denn es gibt Ihnen Zeit. Doch verstehen Sie recht! Ich gab sie Ihnen. Und ich würd es sein, sie Ihnen erneut zu entziehen – dann nämlich, wenn Sie sie wider meiner Erwartung nicht angemessen füllen. Sie haben die Inspiration zu transponieren, die ich bin (und, wenn auch in andrer Gestalt, immer war). Daran haben Sie es in den vergangenen vier, ja fünf Jahren gröblich mangeln lassen. Wie lange und kläglich sitzen Sie jetzt schon über Projekten, um von “Ideen” zu schweigen, die nicht vorankommen wollen? Es ist erbärmlich, war erbärmlich. “Auch ich bin mal müde” gilt  nicht für einen wie Sie, hat nicht zu gelten, wolln Sie an meiner Tafel den Platz nicht verlieren.

Ja, Sie sind wegen gestern erleichtert. Aber Sie spüren mich weiter, unentwegt und nachdrücklich. Daß ich da bin, ist unbestreitbar, meine Präsenz allgemein. Sie legen sich abends mit Schmerzen und wachen morgens mit Schmerzen auf, aushaltbar, keine Frage, ich spiele noch nur ein bißchen mit Ihnen herum. Unterschätzen Sie aber die Warnung nicht, die darin liegt, auch nicht die Müdigkeit, die Sie nun hellichten Tages mehrfach überfällt, so daß Sie sich halbstundenweise ausstrecken müssen, ohne aber doch schlafen, zumindest schlummern zu können. Und auch die unterschwellige Übelkeit, die Sie jetzt ständig begleitet, ist durchaus kein Zeichen meines Rückzugs. Im Gegenteil. Machen Sie sich das konzentriert klar! – Ja, ich, Ihre Herrin, bin bereit, mich mit Ihnen zu einigen, auf einen Kompromiß freilich, dessen Inhalte erst ausgehandelt werden müssen. Was ich von Ihnen in jedem Fall erwarte, habe ich allerdings jetzt gesagt. Davon werde ich nicht abrücken. Und verzichten Sie bitte auf weitere Tändelversuche, mich zu vereinnahmen – Sie haben’s sogar als ‘Nymphettchen’ versucht, als wenn ich eine auf Land naiv verlorene Meermaid wäre, die um einen Buben buhlt. Wenn ich so einen haben will, zieh ich ihn zu mir und mit mir hinab — und seien Sie sicher, er taucht nicht mehr auf.

Λ.

Die Befunde. Im Krebsjournal des Freitags, den 8. Mai 2020. (Krebstag 9)

 

[Sanaklinik 4A, Aufenthaltsraum
5.11 Uhr]

An sich, liebste Freundin, sollte hier ein anderer Beitrag stehen, nämlich ein nächster Brief, nicht allerdings geschrieben an Ihre neue und, ich gebe es zu, ungemein starke Nebenbuhlerin, vielmehr aus deren eigener, höchst feindlicher, doch umso liebenderer Perspektive — worauf ich mich – es zu formulieren – vorlustartig gefreut, worüber seit vorabends schon ich immer wieder nachgesonnen hatte (wie tut man so etwas, wie nimmt man diese Haltung ein? zumal → Gogolins, der es wissen muß, Einwand auf jeden Fall mitzuformen wäre). Doch dann ward mir durch die … nun, eine “Rechnung” war es nicht … sagen wir, Liebste, also Planung ein satter Strich gemacht.
Ich spanne Sie auf die Folter, auf die ich aber selbst und so sehr gespannt war, daß ich von Mittwoch auf gestern tatsächlich kaum schlafen konnte, — und all “meine” Leserinnen, die mit mir bangten, weiterbangen, mit, ich weiß. Doch bleiben diese Seiten Literatur, sind nicht nur Tagebuch, dies sogar am allerletzten, wiewohl eine Art des Genres denn doch, und unterliegt, um anders denn nur-persönlich gelesen zu werden, dramaturgischen Form- und Spannungsgesetzen. “Nun sag schon, mach’s kurz!” rief eine dritte Freudin aus, am Telefon, die mich abends anrief. “Gestreut oder nicht?”
Die nahezu alles Fernre bestimmende Frage — ob’s solch ein Fernres denn noch gibt.

Sie wissen, einbestellt war ich für morgens halb elf und schwang mich um Viertel vor elf auf mein Rad. Knapp acht Kilometer Fahrt, prima; hätte ich S- und UBahn genommen, wär ich mir krank vorgekommen. Zehn Minuten vor der Zeit da.


“Setzen Sie sich in den Aufenthaltsraum,”
dorthin, wo ich jetzt schreibe, unmittelbar rechts der Anmeldeschalter,
“die Ärztin wird gleich da sein “.
Das Wort ‘gleich’ hat in Krankenhäusern eine andere Zellstruktur als die unsre. So wartete ich in nicht Geduld, die mir nach wie vor nicht liegt, aber großer Muße, und dennoch innerlich zitternd, klar. — Sie kam, Ärztin I, sie sprach, alles sah gut aus (sofern wir davon absehen, daß sich die Krebsdiagnose-selbst, auch bei “nur” einem Tumor, ‘gut’ nicht wirklich nennen läßt). Jedenfalls die Magenwände zwar befallen, nicht aber schon durchbrochen (wörtlich im Befund: “keine Wandüberschreitung sichtbar”), was Metastasierung erst einmal ausschloß — mit einem kleinen Risiko in der Lunge: “… in erster Linie unspezifische intrapulmonale Verdichtungen”, die freilich auch Rückbleibsel meiner schweren Lungenentzündung von vor drei Jahren sein könnten. “Eine initiale pulmonale Metastasierung ist jedoch”, logisch, finde ich, “nicht auszuschließen.” Da muß also beobachtet werden.
Muß ja alles eh.
Empfehlung (“Das werden Ihnen die hannöverschen Kollegen ebenfalls sagen!”): Erst einmal eine gezielte Chemo, um den Tumor schrumpfen zu lassen, mein Kardia-Ligeia-“Ding”, und auch die Tumorlymphknoten, deren sich einige finden ließen, teils schon hinwegzuschießen. Erst danach, etwa in drei Monaten, die Operation.
Ich war extrem beruhigt, nein, mir fiel der halbe Himalaya vom Herzen, an das er sich, seit ich die Diagnose vernommen, Berg für Berg gehängt. Auch लक्ष्मी war beruhigt, klar, die das Gespräch mit der Ärztin mithören durfte (Ifönchen an; normalerweise sind Angehörige bei diesen Gesprächen dabei; in unseren Coronazeiten ist’s indessen nicht erlaubt). – “Gut, dann mach ich Ihnen jetzt die Papiere fertig und kümmre mich vor allem um die CDs, damit Sie sie am Montag mit nach Hannover nehmen können. Ich bitte Sie um noch etwas Geduld.”
Die ich nunmehr sehr, sehr gerne aufbrachte. Ich konnte die Zeit nutzen, um meine Liebsten zu informieren, die meine in Berlin, die beiden in Frankfurtmain, die Lektorin sowie den Verleger in Wien – und daß es nun eben nicht mehr um möglicherweise nur noch ein halbes Jahr ging. Mein Lebenshorizont hatte sich gewaltig wieder ausgedehnt. Arcos neuer Editionsplan bekam Sinn, und selbst, bei Elfenbein, die Neuausgabe des WOLPERTINGERs könnt’ ich noch erleben …
Da kam die Ärztin zurück. “Verzeihen Sie, aber wir müßten noch ein MRT machen. Die Oberärztin ist eben sehr ärgerlich gewesen, daß das nicht getan worden ist. Aber Sie müssen nicht extra dazu wiederkommen, wir schieben Sie heut irgendwie dazwischen. Sie brauchen nur noch ein wenig Geduld.” “Selbstverständlich, aber ich hatte mich eh schon gefragt, weshalb es am Dienstag keines gab, wo ich doch mit ziemlich viel Leerlauf noch hier war.” “Ich weiß. Doch die Befunde waren gut, und wir sahen konzentriert auf den Speiseröhrentumor.” Momentlang dachte ich, daß mein quasi ständiger Hinweis auf einen möglichen Befall der Bauchspeicheldrüse – für mich die Horrorversion –, ihn nun auch für die Mediziner denkbar gemacht hatte. Vielleicht ist es auch so, daß ihr Unbewußtes solchen Befund allzu sehr ablehnt und deshalb ich, um es so zu sagen, alarmierter war als sie. Ist aber nur Instinkt. – Wie auch immer, MRT nachholen.
Und fatto, nachgeholt. Die CDs wurden sofort im Anschluß gebrannt. Eine andere Ärztin, mithin No II, brachte sie mir. Hatte schon die Befunde im Kopf. (Ihre Kollegin hatte zur OP gemußt). – Und dann kam’s: “Wir behielten Sie gerne noch für eine Nacht hier.”
Was mir aus ihrem Mund, ich gesteh’s, allerdings gefiel. Ein Blick aus diesen blitzend hellen Augen, die Art, in der diese Frau sich in den Hüften seitlich hielt, der gleichermaßen verborgene wie unsichtbar-sichtbare Charme des Lächelns hinter den hellblauen Querlamellen ihres Corona-Niqäppchens, unentwegt, derweil ich zugleich konzentriert zuhörte, rekonstruierte der poetische Innenarchitekt meines männlichen Flirtgeists das Gesicht dieser klingerschen Muse hinterm Vorhang von Sais.
Freilich wollte ich es nicht sofort zugeben und wandte also ein: “Wieso noch eine Nacht? Ich habe gar nichts mit, bin darauf nicht vorbereitet.” “Ich weiß. Doch sollten wir unbedingt noch eine zweite Sonar/endoskopie durchführen, die tiefer geht. Schauen Sie ..:” – eine schematische Zeichnung des Verdauungstrakts – “hier unten der Pankreas ist auffällig verdickt, wir wissen nicht, weshalb…” “Pankreas?” “Sein Kopfteil gehört zur Bauchspeicheldrüse. – Wir wollen das einfach überprüfen. Solch eine Verdickung könnte auf einen weiteren Tumor hinweise … daß der sich dort verbirgt.”
Momentlang ging was tiefes Kaltes durch mich durch. Etwas Wissendes, ein Wissen als gewesener Ahnung. Also, also doch …
“Wir haben auch schon einen Termin, achtzehn Uhr. Und wegen der Betäubung müßten Sie bis morgen früh hierbleiben. – Wir wollen einfach sichergehen.” Der Alarm war durchgedrungen. Meine Güte, wie die Freundinnen jetzt wieder beunruhigen, wie die Freunde? “Aber ich müßte eben noch mal heim.” Es war jetzt etwas nach vierzehn Uhr. “Bis achtzehn Uhr ist doch gut Zeit.” – Sie schüttelte den Kopf. “Sie haben den Port”, gemeint war mein bereits gelegter Bioport, durch den mir im MRT das Kontrastmittel injeziert worden war und der jetzt für die Anästhesie dienlich wäre, “damit dürfen Sie das Krankenhausgelände nicht verlassen.” Mir, der nun Ruhe selbst, kitzelte der Satz den Trovatore erst recht. Schon irre, wie sich’s von Niqab zu Niqab flirten läßt. “Ich meine doch, ich geh dann noch ein Stündchen übers Gelände spazieren.” Woraufhin sie ganz besonders lächelte – es war an den Fältchen seitens der wundervollen Augen zu sehen. “Gut, so machen wir’s.” Das klang nun sogar schelmisch.
Wir beide ab zur Anmeldung, ich nur noch schnell लक्ष्मी angerufen, aber nicht erreicht, dann meinen Sohn: ob er mir vielleicht meinen Laptop bringen könne. Doch mußte er zum Job. Nur war genau das für mich kaum, jedenfalls wenig erträglich: ohne mein Arbeitsgerät hiersein zu müssen. Nein, es ging nicht anders als sofort aufs Rad. “In einer Stunde bin ich zurück.”
Acht Kilometer wieder hin, doch quasi – echt verhext! – jede Ampel rot. In der Arbeitswohnung endlich das Köfferchen gepackt, wieder die indischen Sandalen, den seidenen Cardinmorgenmantel, damit ich nicht immer arschfrei herumlaufen muß (dauernd mit Till Schweiger verwechselt zu werden, nervt auf Dauer doch, obwohl ich ihn ja mag), die Steckerleiste, das Zenbook, meine Lektüren, außerdem das ausgedruckte Béarttyposkript. Nun war ich wirklich gewappnet. Wenngleich, ich muß es so sagen, extrem nervös. Stand nun doch alles wieder auf der Kippe? (Die Ahnungen vom nahen Tod, so weiß, so weiß der Lilienbund …). – Und die acht Kilometer zurück.
Freilich typische Herbstnummer alles: von sofort auf gleich, bloß kein Zaudern, den Gegner ohne Verzug auf die Hörner.

“Ah, Herr Herbst, da sind Sie ja!”
Als wär auf mich gewartet worden …
“Hat man Sie doch noch erreicht?”
“Ähm, erreicht?”
“Am Handy. Seit einer halben Stunde telefonieren wir hinter Ihnen her.”
Mein Ifönchen stand noch auf stumm. “Aber wieso denn, ich bin doch erst um achtzehn Uhr dran?”
“Eben nicht. Sie sollen vorzogen werden, und zwar jetzt gleich.”
“Gleich?”
“Gleich. Sie haben fünf Minuten.”
Oh.
‘Fünf Minuten’ hieß, mein Zeug nur in das Zimmer stellen (ich bekam die Nummer sieben, in der ein sehr schwarzer Mitmann lag, der aber vorwiegend schweigt, denn nach wie vor liegt er dort, mag auch kaum mal einen Blick mit mir wechseln) … also Köfferchen abstellen, die Arbeitstasche, Ringe aus und Uhr ab, beides schnell einschließen, das Zenbook dazu, aus den Klamotten, das sexy Hemdchen an und aufs Rollbett so. Schon ward ich in Bewegung gesetzt.
Wieder Untergeschoß, technische Radiologie, an die Wandseite geschoben und stehen gelassen. Entfernt hörte ich Menschen in angeregtem Gespräch.
Eine junge Schwester kam. “Wir haben eine Frage. Also, wir bekommen ein neues Sonar/endoskopgerät, sind quasi das erste Krankenhaus, das es hat. Aber es muß vorgeführt werden. Dort hinten, Professor Faiss, sehen Sie? spricht mit den Leuten von Olympus. Hätten Sie etwas dagegen ..?”
Hatte ich in gar keinem Fall. Der Faissarzt kam dann auch selbst, selbstverständlich, und erklärte. Bislang erst einmal eingesetzt, hier im Krankenhaus sei ich der erste. Er wolle auch etwas Unübliches machen: Erst einmal den Tumor mit dem alten Gerät noch einmal betrachten, danach ein zweites Mal mit dem neuen und damit dann tief bis in den Pankreas hinab. “Sie werden dabei schlafen.”
“Eigentlich blöd”, sagte ich, “das sähe ich nun selbst gern.”
Ins Behandlungszimmer ward ich gerollt, vor mir wurd’s die Maschine.
Die Olympier stellten sich seitlich auf; sehr angenehm die elegant-sportliche Frau bei ihnen (wiewohl hätte ich “meine” Ärztin lieber hier gehabt; sie war’s dann auch, wie ich leider erst heute erfuhr).
“Ich zeige Ihnen mal was”, sagte Professor Faiss, schaltete zwei Monitore an. “Auf dem hier sehen Sie, was bisher gesehen werden konnte. Und auf dem hier … voilà!”
Es war, mit einem Wort, berauschend. “Wir können fortan Frühstadien erkennen, die wir bis gestern niemals sahen.” – Es war, wie bei mir je: Begeisterung überträgt sich sofort.
So daß ich den Olympiern winkte und tatsächlich sagte: “Genießen Sie die Show.”
“Sie aber”, sagte Doktor Faiss, “werden mir jetzt schlafen” und drückte den Kolben im Röhrchen hinab.

Vorspann

“Das Ding da seh ich aber noch”, sagte ich, als das Scheinwerferköpfchen der eleganten endoskopischen Schlange in meinen Mund geführt wurde.

SCHWÄRZE oder ANDERSWELT.

Abspann

Das Licht im Saal dimmt sich ein, und ich erwache. Wie immer hielt man mich für noch fort. Auf meinen Unterschenkeln wieder der Befund. Tastender Blick über/hinter mich: Wieso ist mein Puls so hoch? Fast siebzig. Gibt’s doch nicht!
Er treppte langsam auf sechzig hinab und, nachdem ich gelesen hatte, bis auf fünfundfünfzig.

Ausschluß Tumor im präpapillären Bereich bzw. im Pankreas.

Es war ein Geschenk.

Professor Faiss kam. “Haben Sie gelesen? Ein Geschenk, nicht wahr?” Er verwendete genau mein Wort. “Jetzt müssen Sie sich wirklich nur noch auf diesen einen Tumor konzentrieren.”

Liligeia, dachte ich und an meinen ihr gestern unterbreiteten Vorschlag, für einander Repräsentanzen zu suchen, die uns die Leben, unsere beiden, erlaubten. Da kam die Schwester noch einmal, um sich fürs Wochenende zu verabschieden, und sie … sie gab mir die Hand. Was unüblich wurde in Zeiten der Corona. Was wir nicht verlieren dürfen. Hier aber war was, als hätte das Ergebnis meiner Untersuchung auch sie – und sehr, sehr, sehr – erleichtert. Ohnedies werde ich seit meiner Diagnose in Zuneigung geradezu gewaschen.

Ihr, Geliebte,
ANH um 7.59 Uhr

der bereits auch aufbrechen darf. Meine schöne Ärztin sah mich im Aufenthaltsraum, kam her, “Ich schreibe Ihnen nur noch den Arztbrief, dann dürfen Sie gehen”. “Darf ich noch zuende frühstücken?” “Aber ja, lassen Sie sich Zeit.”

Das Oster-, nämlich sechzehnte Coronojournal. Geschrieben für Sonntag & Montag, den 12. und 13. April 2020. Darinnen Nabokov lesen, 33: “Erinnerung, sprich”, 0.1 | “Ada oder Das Verlangen”, 0.1.

 

 

 

 

[Arbeitswohnung, 13.3., 10.45 Uhr]

So saß die Familie denn gestern beisammen, der große Sohn, die Zwillinge, लक्ष्मी und ich; alleine Sie, geliebte Freundin, fehlten und wären aber von allen begrüßt gewesen. Wir wissen freilich, und leben damit, weshalb es Ihnen, auch leiblich mit uns zu sein, nicht möglich. Doch hätten Sie die für einen Sonntagmorgen ausgesprochen belebten Straßen der für Prenzlauer Berge doch recht planen Trottoirs unter dem leuchtenden Hochfrühlingswetter sehen müssen, das sich heute nun wieder bewölkt hat. Doch ist’s ein leuchtendes Grau über Berlin, in das hinaufzuschauen heißt, die Augen zusammenzupetzen.
Ganz ohne Risiko war unser Frühstück nicht. Der große Sohn, ein unterdessen kräftiger, wohlgeformter junger Mann, jobbt in einer Eisdiele, लक्ष्मी arbeitet zweidreimal wöchentlich in einer Ärztinnenpraxis, wenngleich im hinteren Bürobereich, die wenigsten direkten Kontakte haben die Zwillinge und ich. Es ist eine Abwägungsfrage, die wir uns ständig auch stellen. Daß wir uns aber nicht in den Arm nehmen würden, wenigstens kurz, wäre indes unvorstellbar. Dabei hatten लक्ष्मी und ich dreivier Tage zuvor einen Streit gehabt, dessen Ursache hier nicht hingehört; es war aber Schweigen eingetreten danach. So war das Osterfrühstück auch “Vereltrung”; es sei dies als angemesseneres Wort für “Versöhnung” erlaubt. Seltsam, daß wir auch “Vertöchtrung” nicht kennen.
Hernach flanierte – ein nun rundum treffendes Wort – ich über den Helmi, aus dem die Sonnenwärme unsichtbar dampfte und dessen viele Bäume in flockigen Blüten stehen, zur Arbeitswohnung zurück und legte mich zur verspäteten Siesta. Doch als ich wieder aufstand, hielt mich der Frühling am Schreibtisch nicht. Sondern ich mußte erneut hinaus, wollte lesen im Licht.

Es ist auffällig, welch eine Scheu ich vor → ADA habe. An sich wäre dieser Roman nunmehr “dran”, insofern ich mir vorgenommen, meine Serie erst einmal auf Nabokovs belletristischen Bücher zu konzentrieren und alle anderen — meine Erzählung zum Bastardzeichen werde ich nachher zu schreiben beginnen — nunmehr hinter mir habe, was aber besser “in mir” genannt wird. Dennoch, ich stieg auf die Couch (“N” befindet sich in meinem Wandregal ziemlich weit oben) und zog den Band heraus; ERINNERUNG, SPRICH wiederum lag schon seit vortags auf dem Mitteltisch bereit, die ersten dreißig Seiten schon gelesen – aber zu viele, dachte ich, persönliche, also biografische Angaben, um die Romane unbeeinflußt weiterzulesen. Ich möchte einfach ungesteuert die poetischen Arbeiten in mir aufnehmen, auch auf die Gefahr hin, zu “falschen” Schlüssen zu kommen; doch ziehe ich nach wie vor die immanente Interpretation, wenn interpretiert werden denn muß, vor. Nur ist ADA schon durch- und durchgearbeitet, steckt voller Lesezettel mit draufgekritzelten Anmerkungen, ebenso sehen die Seiten aus, alles vom November/Dezember 2000 aus Indien, wo die damals hochschwangere लक्ष्मी und ich ungefähr sechs Wochen verbrachten; dann scheine ich die Lektüre unterbrochen, im Juli sie wieder aufgenommen und beendet zu haben. Entsprechend ist das Notat auf der Rückseite des Schmutztitels in Goa, sehr wahrscheinlich Palolem verfaßt worden:

Aus diesen meinen Handschriftshieroglyphen “übersetzt”, sagt sie:

bzgl. meines Europäerseins: Ich kehre – auf anderem Niveau – zu den Vorstellungen des “einfachen Touristen” zurück & mag mich nicht mehr fremden Kulturen “anpassen”, d.h. sie adaptieren. Solche Mimikry ist anmaßend und bodenlos. (Erinnerung an die europäischen – deutschen – Bauchtänzerinnen während des Kultur-der-Nationen–Umzugs in Berlin im Sommer 2000.
→ Vielleicht einen Aufsatz hierüber schreiben.

Hab ich wohl nie getan, bzw. diese Idee erst fünfzehn Jahre später unbewußt wieder aufgenommen, als ich auf Mauritius “Im Blick eines Mädchens von allenfalls zwölf” notierte, ein poetischer Text, der sich ausgearbeitet heute im zweiten Band meiner gesammelten Erzählungen findet.
Ich war damals, neben ADA, auch mit ganz anderem beschäftigt, schrieb, teils in einer zwischen zwei Palmen aufgespannten Hängematte, an BUENOS AIRES.ANDERSWELT, das 2001 auch erschien, damals noch im Berlin Verlag. — Dies erklärt die Unterbrechung meiner Lektüre.
Wie auch immer, ADA ist, ich schrieb es Ihnen schon, wie eingeprägt in mir als ein Wunder geblieben, und genau das erklärt nun auch meine Scheu, die ich jetzt abermals empfand, als beide Bücher – sie und ERINNERUNG, SPRICH – vor mir auf dem Mitteltisch lagen und ich mich halt entscheiden mußte.
Es vergingen gewiß zehn Minuten, in denen ich nicht einmal blätterte, nur die beiden nach Umfang und Ausstattung sehr ähnlichen Bücher besah, meditationslos über sie hinaufmeditierend. Dann entschloß ich mich, bei dem “ursprünglichen” Plan zu bleiben und also für ADA, zog schnell noch die Schuhe an (die gelben, der Sonne zu huldigen; einen Mantel brauchte man gestern nicht, nicht einmal den Schal mehr), schnappte das Buch und zog los. Doch als ich dann meinen Steinsimsplatz im quirlig belebten Thälmannpark eingenommen, erst da stellte ich fest, nun doch ERINNERUNG, SPRICH bei mir zu haben, mich schlichtweg vergriffen zu haben. Und las siebzig Seiten durch, nach denen mir klar war, es wieder unterbrechen und nun tatsächlich ADA mir vornehmen zu müssen. Womit ich nun morgen beginnen will, wenn meine Besprechung des Bastardzeichens geschrieben und eingestellt sein wird. [Nachtrag, 19.4.: → Ist sie jetzt.]

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Ada 0.1 <<<<

(Es gehört zum Charakter eines Literarischen Weblogs wie diesem, daß die Kategorien, denen Beiträge zugeordnet werden, nicht randscharf gegeneinander abgegrenzt sind, sondern sie verfließen ineinander. Für eine, wenn es sie denn geben wird – Arco spielt bereits mit dem Gedanken daran –, Buchfassung meiner Nabokovserie, wird dies geändert werden müssen. — Diese Bemerkung ist für eine der ästhetischen Diskussionen wichtig, wie ich sie soeben wieder, → dort nämlich, mit Peter H. Gogolin geführt habe.)

Etwas weiteres war wichtig.
Der Ton für die Béarts ist zurück, jedenfalls ein Ton wieder, der für die gegenwärtige Situation angemessen ist und tatsächlich ins Hymnische neu hinaufführen könnte, das diesen Zyklus grundiert. Auch wenn das “zurück” jetzt Zurückschauen werden mag, in ein Verlorenes und vielleicht tatsächlich niemals Wiederkehrendes. Ich habe diese, so empfinde ich es, Kippe gestern → im Entwurf eingestellt, nach wirklich tagelangem Hin- und Herwenden der immer wieder abgebrochenen, immer wieder stockenden Skizzen zu dem zweiunddreißigsten Gedicht. Jetzt, dort wo unten in den Klammern die drei Pünktchen stehen, kann ich auf das blicken und im Klang einer, ja, jubelnden Klage Welt erneut besingen, was danach vielleicht, in der abschließenden No XXXIII, noch einmal Utopie werden wird. Denn Elegien hab ich → schon geschrieben; das wollte ich nie wiederholen, wie ich ohnedies Autorinnen und Autoren nicht mag, deren Bücher sich permanent gleichen. Der Stil freilich, wenn sie einen haben, wird als maniera erkennbar sein, ohne aber Manier zu sein. Rollenprosa unterläuft sie zum Beispiel, und gerade Nabokov führt uns vor, wie differenzierbar selbst auktoriales Erzählen sein kann. Bisweilen frappant, wie er seinen Klassizismus unversehens in ein Ich fallen läßt, von dem wir gar nicht sagen können, wer es ist, der oder die da von sich spricht.

Zu Corona, noch einmal, ist ein Papier viral gegangen, das eigentlich Verschlußsache bleiben sollte. Sie finden es, Geliebte, → dort. Wobei man mit ein bißchen mathematischem Verstand drauf selbst hätte kommen können und nicht selten gekommen auch ist. Ich wiederum kehre auch deshalb zu der naturphilosophischen Spekulation wieder und wieder zurück, daß wir es mit einem selbstregulativen Prozeß zu tun haben, wieviel an teils heftigem Widerspruch, teils sogar Beschimpfungen ich → für meinen Gedanken auch immer habe einstecken müssen, was bekanntlich bis zum Vorwurf reichte, daß ich faschistoid sei. Meine Repliken finden sich in den Kommentaren, teils nochmals ausgeführt in den folgenden Arbeitsjournalen.
Zur Selbstregulation gehört möglicherweise auch Gleichzeitigkeit: Nabokov lesen steht neben Corona, ist in sie eingewirkt wie das Osterfrühstück und irgendein Liebesbrief, der Sie, Geliebte, vielleicht dieser Tage erreicht, und wie der Sonnenschein gestern und das Erblühen der Zweige in die Einsamkeit der Alten hinein, die in den Heimen bangen, und steht ebenso gleich neben der Anstrengung der Ärztinnen und Ärzte auf den Covidstationen und daß es in einigen Ländern längst schon so ist, daß niemand mehr weiß, wohin mit den Leichen. Und doch schwebt ein flirtender Blick von einer jungen Dame zu einem jungen Mann im Park, und immer noch wählen wir morgens den Chic, ohne zu wissen, ob wir denn im Dezember noch Einkünfte haben. Scheinbar Beliebiges wird unversehens zum Ausdruck von Kultur, kehrt zu ihm, möcht ich fast sagen, zurück. Und ich … ich schreibe Erzählungen ins Netz, die vielleicht wie Sonden sind, die wir ins völlig Leere des Weltalls schicken, über Tausende Lichtjahre hin, die wir selbst, was wir auch wissen, erleben gar nicht können. Und doch fällt einem ein Musikstück ein, daß vor 217 Jahren entstanden und dessen Schöpfer längst nicht mehr ist, und wir legen die Platte auf, erst die Aufnahme unter Konwitschny, setzen uns in den Musikstuhl und lauschen, und dann noch einmal die härtere unter Norrington – ein und eine dreiviertel Stunde lang. Auch das ist ein Wunder. Wir haben die Augen geschlossen, nippen nur hin und wieder Eierlikör aus dem Gläschen, weil zu Ostern → unsere Großmütter sowas immer bereitet haben, ein klebriges, schwer süßes Zeug, das uns seltsam selig macht.
Aber weshalb wir auf Beethoven kamen? Sicher auch, weil er in Nabokovs Bastardzeichen nicht nur mehrmals erwähnt wird, sondern für einen Charakter steht, nur sein Portrait allerdings, das den Bullenkopf zeigt, der Adam Krugs so ähnele, dem, man weiß nicht, ob naiven, ob nur allzu trotzigen Helden, dessen “allzu” für eben das steht, was Bonaparte, als er Goethes ansichtig wurde, habe ausrufen lassen: “Voilà, un homme!” Wozu uns gleich wieder zweierlei einfällt: zum einen der Spott einer Geliebten, als sie auf der Unterbauchlitze meiner engen Boxershorts hervorgehoben “HOMME” las (die gängige Firmenbezeichnung eines italienischen Herstellers maskuliner Unterwäsche) sowie daß Anthony Burgess eben dieser Sinfonie, es ist Beethovens Dritte, einen ganzen Roman gewidmet hat. Bekanntlich hatte der Komponist dieses große Musikwerk Napoleon Bonaparte gewidmet — Sinfonia eroica, composta per festeggiare il sovvenire d’un grand’Uomo —, indes erzürnt die Ehrung gestrichen, als sich der Korse die Kaiserkrone aufgesetzt. Ich ahne beinah körperlich, daß Nabokov eben das zur Charakterisierung seines Helden im Kopf gehabt hat, nur daß sich seine, Adam Krugs, Erzürnung nicht in einer solchen, sondern in nicht ernst nehmender Abfälligkeit zeigt — mit den furchtbaren Folgen, die ich in meiner Besprechung nacherzählen werde. An die ich mich gleich setzen will. Doch stehen noch zuvor, aus → Herzensbildung, einige Anrufe zu tätigen aus.

Ihr ANH

Nabokov lesen 29, Verzweiflung, 2.

 

(…) dieses Buch ist durcheinander in allen meinen fünfundzwanzig Handschriften geschrieben, so daß der Setzer oder irgendeine mir unbekannte Stenotypistin (…) auf den Gedanken verfallen könnte, an der Niederschrift meines Buches hätten mehrere Personen Anteil gehabt (…)
Verzweiflung, S.63
(Dtsch. v. Klaus Birkenhauer)

Damit hatte ich nicht gerechnet, daß dieser Roman vor allem in romanästhetischer Hinsicht bemerkenswert ist. Hatte ich in einem Gespräch mit Peter H. Gogolin noch die Meinung vertreten, Nabokov habe erst spät, nämlich mit Pnin und Ada, also im Spätwerk, ästhetisch neue Pflöcke in den Boden der Literaturgeschichte geschlagen, sei im übrigen von vor allem, wie er’s auch selbst gerne nennt, klassizistischer Grandiosität, so stimmt dies bei Verzweiflung (1934; engl.: Despair, 1937) tatsächlich nicht. Wobei Nabokov allerdings schon in einigen → Erzählungen formal und perspektivisch experimentiert hat, aber dort eben in nur kurzen, übersichtlichen Stücken.
In Verzweiflung äußert es sich nicht nur vermittels selbstironisch hineingeschobener Wendungen (“Ich bin irgendwie durcheinandergekommen”, S. 30), sondern vor allem in ständigen bewußten Inkorrektheiten, die der Ich-Erzähler dann jedesmal wieder geraderückt, etwa

die Sache mit meiner Mutter — das war eine bewußte Lüge. In Wirklichkeit war sie eine Frau aus dem Volke, einfach und derb, schlampig mit einem Kittel bekleidet, der locker um ihre Hüften hing. Ich hätte es natürlich durchstreichen können, aber ich lasse es mit Absicht stehen — als Beispiel für einen meiner wesentlichen Charakterzüge: meine leichtherzige, einfallsreiche Lügenhaftigkeit.
Verzweiflung, 12

Bisweilen läßt sich von einer geradezu “Unterbrechungsästhetik” sprechen, für die wie  in einigen der Erzählungen auch die direkte Ansprache an den Leser typisch ist:

Ich entschuldige mich gern für die Irrungen und Wirrungen meines Berichts, doch gestatten Sie mir zu wiederholen, daß nicht ich ihn schreibe, sondern mein Gedächtnis, das seine eigenen Launen und Regeln hat.
Verzweiflung, 45

Dies führt zu für Nabokov höchst ungewöhnlichen Abschweifungen, die indes zwischen seinem Icherzähler Hermann Karlowitsch und ihm über den perfiden Umstand hinaus, daß jener sich als überzeugter Marxist gibt, eine deutliche Trennlinie ziehen, wiewohl er, Nabokov, seinem Hermann — der obendrein wie er selbst

immer schon ein kamerartiges Gedächtnis besaß
Verzweiflung, 51

nicht wenige seiner eigenen Ansichten unterschiebt, die also mit solchen aufs dichteste amalgamieren, die ihm komplett wider den Strich gehen müßten — ein Verfahren, das er lebenslang gerne gewählt hat und sein Gipfelstück in den → Harlekins fand. Als quasi Anhänger der Sowjetunion versucht Hermann sogar, sich ihr, bzw. ihr das Manuskript seiner Erinnerungen anzudienern, wobei die “Argumention” dieses Gedankenspiels eine von Nabokov gezielt inszenierte, ausgesprochen offensichtliche Verhöhnung des kommunistischen Systems ist.
Um die Subversivität dieser komplett affirmierten Stelle ganz zu erfassen, müssen Sie sich, liebste Freundin, einfach nur die Grundgeschichte des Romans vergegenwärtigen: Ein eigentlich Halunke von wirtschaftlich recht gesichertem Hintergrund, überdies ein gräßlicher Aufschneider und Stutzer, stöbert er während eines Ausflugs ins Grüne einen schlafenden Landstreicher auf und stellt zwischen diesem und sich selbst eine nahezu fassungslos machende Ähnlichkeit fest, die ihn nahezu zugleich auf eine perfide Idee bringt, an die der Vagabund sein Leben verlieren wird. Zwar spricht der Erzähler selbst von “Dissoziation” — eine Wähnung, in deren Richtung der Roman häufig interpretiert wurde, Faßbinder machte sogar → einen entsprechenden Spielfilm daraus —, die mir aber dennoch fehlzugehen scheint. Denn eigentlich hier rechnet der höchst distinkt gesonnene Autor poetisch mit dem Kommunismus und seiner Idee von Gleichheit ab. Und also lautet die sie verhöhnende, schon formal zu infame Stelle, als daß sie sich auf eine psychische Störung des Protagonisten zurückführen ließe folgendermaßen — nein, hier ist politische Absicht am Werk, und Nabokovs ebenfalls ständiger Gegner, die Psychoanalyse, kriegt eine Ohrfeige gleich noch mal mit, in den nämlich schweinslederdünnen Handschuhen einer knappsten Parenthese:

Diese bemerkenswerte physische Gleichheit sagte mir wahrscheinlich (unterbewußt) als Versprechen jener idealen Gleichheit zu, die in der klassenlosen Gesellschaft der Zukunft die Menschen verbinden soll; und nachdem ich einen Einzelfall zu nutzen suchte, erfüllte ich, wenngleich noch blind für gesellschaftliche Wahrheiten, nichtsdestoweniger eine gewisse gesellschaftliche Aufgabe. Und dann ist da noch etwas anderes; die Tatsache, daß es mir nicht vollends gelang, diese Ähnlichkeit zwischen uns praktisch zu nutzen, läßt sich durch rein sozio-ökonomische Gründe erklären und damit aus der Welt schaffen, will sagen, durch die Tatsache, daß Felix und ich verschiedenen, scharf abgegrenzten Klassen angehörten, deren Verschmelzung mit eigener Hand nerbeizuführen sich niemand erhoffen kann, besonders heutzutage nicht, da der Klassenkampf in ein Stadium eingetreten ist, [für das] ein Kompromiß außer Frage steht. 
Verzweiflung, 114/115

Hermann Karlowitschs Wahn — dieses angeblich “persönlichkeitsgespaltenen” Helden, der seinen Lebensbericht schreibt — erweist sich als eine personengewordene Travestie auf das marxistische Heilsideologem, die individualpsychologisch weder stimmt noch stimmen muß. Insofern aber widerspricht Nabokov selbst seiner vor allem in den Vor- und Nachworten → immer wieder herausgestellten Abwehr gegen seinen Büchern eingeschriebene vorgeblich moralische und/oder politische Absichten. Vielmehr gibt er ihnen sehr wohl einigen Raum, verstellt dies aber, versteckt es unter Fiktionen und vermischt diese mit der eigenen Biografie. Einerseits entsprechen Hermanns romanästhetische Anmerkungen geradezu durchweg Nabokovs zutiefst eigener Ästhetik; zum anderen distanziert er sich von seinem Helden auf das schärfste und geht in dem um fast drei Jahrzehnte später, 1965, für eine weitere englischsprachige Ausgabe geschriebenen Vorwort so weit, gegenüber Hermann seinem wohl auch längst postmortnem → Humbert einen grünen Pfad zuzugestehen; der Nymphophilie wird aus der Hölle ein gewisser Freigang hoch ins Paradies erlaubt:

Hermann und Humbert gleichen sich nur in dem Sinne, wie zwei Drachen einander ähnlich sehen, die von demselben Künstler in verschiedenen Lebensabschnitten gemalt wurden; beide sind neurotische Schurken; doch gibt es im Paradies einen grünen Pfad, wo Hubert einmal im Jahr zur Dämmerzeit lustwandeln darf; die Hölle dagegen wird Hermann nie auf Bewährung entlassen.
Verhängnis, Vorwort, 8

Wobei festzuhalten ist, daß Hermann Karlowitsch— trotz dieser gewissermaßen abstrakten, politisch sogar intentiösen Konstruktion als Figur — in seinem fiktionalen Umfeld extrem gut funktioniert; er wirkt in keiner Weise, wie zu vermuten wäre, “künstlich” (was eine Romanfigurin jedem Fall, ist), sondern lebt, ganz wie Nabokov immer wieder verlangt, in einer ihm vollkommen entsprechenden Welt. Nur wer den Fehler begeht, Romane mimetisch zu verstehen, kann auf den Irrschluß kommen, hier werde tatsächliche Psychologie verhandelt. Genau das nämlich weist Nabokov mit allem Recht von sich — und legt doch zugleich die Fehlspur selbst:

Zum Beispiel lag ich mit Lydia im Bett und brachte gerade die kurze Folge vorbereitender Liebkosungen hinter mich, auf die sie ja ein Recht haben soll, als mir ganz plötzlich bewußt wurde, daß der Kobold der Spaltung das Kommando übernommen hatte. Mein Gesicht war in den Falten ihres Halses vergraben, ihre Beine hatten damit begonnen, mich einzuklemmen, der Aschenbecher purzelte vom Nachttisch herunter, das Weltall folgte —

Wie grandios übrigens, dieses Nebenbei des dem Aschenbecher folgenden Weltalls!

aber gleichzeitig, unbegreiflich und herrlich, stand ich nackt in der Mitte des Zimmers, die eine Hand auf die Lehne des Stuhls gestützt, über den sie Strümpfe und Höschen geworfen hatte.
Verhängnis, 28

Auch wenn Nabokov dieses Motiv noch ein paar Seiten lang ausschmückt, hat es dennoch nichts mit der vermeintlichen Ähnlichkeit von Hermann und Felix zu tun. Wir werden nur suggestiv manipuliert, es zu glauben. Daraus entsteht dann dieses vermeintlich stimmige Weltbild, aber eben das eines Romans. Insofern verführt er uns, also Nabokov tut’s, die politische Motivation zu übersehn, die ihn solch einen Helden erfinden ließ, und Hermann kommt uns nur umso glaubhafter vor. Doch ist und bleibt es eine Täuschung, bzw. eine, um Hermanns Lieblingswort zu verwenden, Lüge. — Auch auf diesen Begriff sind wir in dieser Serie schon einige Male gestoßen. Denn tatsächlich, es gibt in der natürlichen Welt kein Präludium mit Fuge BWV 846, außer eben sie selbst und ihre → Interpretationen. Sehr wohl aber können die Welten, und tun es, aufeinander verweisen.
Daß die Geschichte dennoch “realistisch” wirkt, liegt an Nabokovs Kunstgriff (der möglicherweise mit zu dem Borderline-Irrtum geführt hat), daß er seine erfundene Welt für die Leserpsychologie an einige Bedingungen der realen angepaßt hat, etwa der Umstand, daß Hermann der einzige ist, diese seine von ihm fast als physische Identität empfundene Ähnlichkeit mit Felix wahrzunehmen. Der Landstreicher selbst zweifelt zu Anfang sehr, drückt bloß bald seine Skepsis angesichts einer zu erwartenden guten Summe Geldes weg; sozusagen läßt er sich auf ein Spiel ein: darin uns Leserinnen und Lesern gleich — und wie wir schon drin gefangen.

Neben dem — dies die als solche kaum spürbare, aber tatsächlich satirische Schattierung des Romans — Hohn auf den Kommunismus wirkt durch das Buch eine noch weitere und darin innerliterarische Auseinandersetzung, nämlich mit Dostojewskis (den Nabokov lebenslang nicht nur abgelehnt hat, sondern er hielt ihn für sträflich überschätzt) Преступление и наказание (je nach Übersetzung Schuld und Sühne/Rodion Raskolnikoff/Verbrechen und Strafe). Immer wieder, nicht selten direkt, nimmt Hermann auf dieses Buch Bezug, um dann sogar noch von dem

ganzen trüben und düsteren Dosto-Zauber der Hysterie [Hervh. v. mir]
Verhängnis, 135

zu schreiben und eine Seite später Rodion Raskollnikoff “Rasknallnikoff” zu nennen.  Was zu Hermann obendrein paßt, der Reue nun wirklich nicht kennt, und zwar schon deshalb nicht, weil er Planung und Durchführung der Ermordung Felix’ fast ausschließlich unter (eben Nabokovs!) ästhetischen und Kriterien der Romankonstruktion betrachtet, also als Kunstwerk. Einem solchen ist Moral prinzipiell fremd, sie würde die Harmonie des Baus gefährden, wenn nicht letztlich zerstören.

(…) zwar hegte ich im Innersten meiner Seele keinerlei bange Zweifel an der Vollkommenheit meines Werkes und war überzeugt, in jenem schwarzen und weißen Wald liege ein toter Mann, der mir vollkommen ähnlich sehe, doch als Novize von natürlicher Begabung, der mit dem Geschmack des Ruhms noch nicht vertraut, aber mit jenem Stolz erfüllt war, der sich mit Selbstzucht paart, verlangte ich fast schmerzhaft danach, daß mein Meisterstück (…) von einem Menschen gewürdigt werde, oder mit anderen Worten, daß die Täuschung — und jedes Kunstwerk ist eine Täuschung [ANH: ecco!]— erfolgreich ihre Wirkung tue (…).
Verhängnis, 128

Was Hermann schließlich in Rage und Not bringt, so daß er seine Erinnerungen genauso nennt wie Nabokov den Roman, Verzweiflung, ist der Umstand, daß die Täuschung — also sein Werk — nicht gelang und das für Hermann bis fast zum Schluß perfekte Verbrechen alles andre als perfekt war — wenn auch eben “nur” aufgrund der allerersten Falschannahme, also der wahrgenommenen quasi-identischen Ähnlichkeit von ihm und dem Landstreicher Felix. Wider Nabokovs Versicherungen läßt sich auch dies wieder als klare politische Botschaft verstehen, vielleicht sogar als eine Art Hoffnung: Ist nämlich die Grundannahme falsch und wissen es auch viele, vielleicht sogar die meisten, dann wird sich das an der russischen Heimat begangene, als scheinbar perfekte (gerechte) Revolution dahergekommene Verbrechen eines Tages als ein solches enthüllen. Was auch geschah, nur daß Nabokov es nicht mehr erlebt hat — wobei wir uns allerdings fragen könnten, ob er denn die heutige Oligarchie gutgeheißen hätte.

Dies also die, ich schreibe einmal, Grundfabel.
Wenn Sie mir, Freundin, soweit folgen mochten, wird Ihnen ganz sicherlich die besondere Raffinesse nun wieder dieses Romanes deutlich sein, der sich tatsächlich auch dann sehr entschieden von dem vorhergegangenen → Gelächter im Dunkel absetzt, wenn Nabokov abermals auf die persönlichen Kindheitserinnerungen weitgehend verzichtet, die seiner frühen Prosa, teils aber auch den späten Romanen noch, diesen meiner Leseerfahrung nach unvergleichlichen Schmelz seiner klassizistischen Stilistik verleihen. Wo im Gelächter der Eindruck einer nicht blinden, sondern eben sehend-kalten Mechanik entstand, über sich nur erheben kann, wer sie zynisch verlacht (nämlich ein Gott oder der auktoriale Erzähler — Moral, wie gesagt, ist romanästhetisch so wenig erlaubt wie “Dostos” gläubiges Mitleid —), öffnet hier die subjektive Erzählperspektive aus der Sicht einer komplett-fiktiven Person einen fast ganz neuen Weg, indem nämlich dem Helden, der ein höchst unsympathisches, komplett egozentrisches Arschloch ist — ein, klinisch gesprochen, Soziopath —, ästhetische Ansichten zugesprochen werden, die Nabokovs wirklich eigenen sind, wobei die Soziopathie in den ihn selbst durchaus mitbeschreibenden Narcissusmythos hineinläuft, eines allerdings,

der die Nemesis an der Nase herumführt, indem er seinem Spiegelbild aus dem Bach heraushilft.
Verhängnis, 18/19

Nabokov tut eben dies in Gestalt des Romans, in dem

die künstlerische Erfindung weit mehr innere Wahrheit [birgt] als die Wirklichkeit des Lebens.
Verhängnis, 91

Für das perfekte Verbrechen jedenfalls gilt, was den großen Roman ganz genauso ausmacht, dessen Genialität allerdings ebenso wenig

Anklang unter den Menschen findet und sie nicht zum Träumen und Staunen hinreißt; vielmehr bemühen sie sich nach Kräften, etwas herauszupicken, worauf sie nach Kräften herumhacken und das sie zerstreuen können, etwas, wofür sie den Autor die Sporen spüren lassen können, um ihm  so weht zu tun wie irgend möglich.
Verhängnis, 92

Genau das war Nabokov mit seinem gesamten bisherigen Werk widerfahren — bekannt war er nur unter russischen Emigranten —, und es blieb so, vergessen wir das nicht, bis zum Erscheinen von → Lolita. Da war er bereits 56.

Und wenn sie den winzigen Fehler, hinter dem sie her sind, entdeckt zu haben glauben, dann höre man nur ihr Gewieher und Hohngelächter! Doch in Wahrheit haben sie sich geirrt, nicht der Autor; ihnen fehlt seine Scharfsichtig, und sie bemerken nichts Ungewöhnliches, wo der Autor ein Wunder erkannte.
Verhängnis, ebda.

Und auch das Folgende ist ganz Nabokov-selbst; denken Sie an seine Forderung der unbedingt wortgetreuen Übersetzung – selbst wenn dabei, im Fall von Gedichten, die Reime geopfert werden müssen:

— nun ja, um es freimütig zu gestehen, ich bin recht eigen, was meine literarische Koloratur betrifft, und fest davon überzeugt, daß der Verlust einer einzigen Schattierung oder Modulation das Ganze hoffnungslos verunstalten würde.
Verhängnis, 114

In jedem Fall erhalten bleiben müsse der Sinn — habe, so Nabokov (→ erzählt Dieter E. Zimmer), erhalten zu bleiben. In seinem Vorwort zur englischspachigen Ausgabe des auf Verzweiflung folgenden Romans, Einladung zur Enthauptung, allerdings zeigt er sich sehr viel strenger:

(…) daß die Treue zu seinem Autor allem vorangeht, egal wie bizarr das Ergebnis, Vive le pédant, und nieder mit den Einfaltspinseln, die glauben, alles sei in Ordnung, wenn nur der “Geist” wiedergegeben wird (während die Wörter, sich selber überlassen, auf einen naiven und vulgären Bummel gehen (…).
Einladung zur Enthauptung, Vorwort, 9
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Wie auch immer, Hermann jedenfalls, direkt nach dem Mord, spricht von eigentlich poetisch

geheimnisvollen Augenblicken (…), und dies war einer. Wie ein Autor, der sein Werk tausendmal durchliest und jede Silbe prüft und abklopft und schließlich von diesem Wörtergeflimmer nicht mehr sagen kann, ob es gut ist oder schlecht, so geschah es mir, so geschah es — Aber dann war da die geheime Sicherheit des Schöpfers, die niemals irren kann. In jenem Augenblick, da alle erforderlichen Züge gebannt und erstarrt vor mir lagen, war unsere Ähnlichkeit dergestalt, daß ich wahrlich nicht zu sagen vermochte, wer getötet worden war, ich oder er.
Verhängnis, 124

Daß er dann eines ganz anderen Fehlers als der gar nicht vorhandenen Ähnlichkeit halber als Mörder erkannt wird, einer peinlich banalen Nachlässigkeit wegen, die nämlich die Identität des Ermordeten offenbart, läßt noch einmal das Gelächter im Dunkel erschallen und macht den in seiner Schöpferehre verwundeten Mörder zerknirscht sich zu stellen bereit:

Hören Sie, hören Sie! Selbst wenn sie seinen Leichnam für meinen gehalten hätten, hätten sie trotzdem diesen Stock gefunden und mich gefangen, in der Meinung, sie hätten ihn geschnappt — und das ist 

für Narcissus

die größte Schande (,)

nicht als er erkannt zu sein!

Denn mein ganzes Gedankengebäude ruhte ja gerade auf der Unmöglichkeit eines Fehlers, und jetzt stellte sich heraus, daß mir ein Fehler unterlaufen war — und einer von der gröbsten, komischsten, abgedroschensten Sorte.
Verhängnis, 145

Da ist sein Unterschlupf — das möblierte Zimmer über einem dörflichen Lebensmittelladen —  bereits umstellt, und Gaffende schauen herauf,

Männer in Blau, Frauen in Schwarz, Metzgerjungen, Blumenmädchen, ein Priester, zwei Nonnen, Soldaten, Zimmerleute, Glaser, Postboten, Büroangestellte, Ladenbesitzer … 
Verhängnis, 151

und mit den Worten “Ich komme jetzt heraus” tritt er vor sie hin. Wobei man sich in einem Dorf und vor allem im Plural “Büroangestellte” nicht so recht vorstellen kann und es allerdings dreißig Seiten vorher ein Alternativende gab, das Nabokov so geschickt als reales Geschehen erzählt, nämlich im Präsenz als ein — für Hermann — Happyend, daß wir erstmal völlig überrascht sind, Hermann wieder in einem zweitklassigen Hotel zu finden, seiner in diesem Buch vorletzten Station. Die tatsächlich letzte wird wohl das gelbe Schafott sein, auf das Hermann ausgerechnet von einem Gendarmen des Dörfchens hingewiesen wird. Diese Guillotine ist aber aus einem ganz anderen, einem formalen Grund bedeutsam: Ihre Farbe ist ein Leitmotiv, das den Roman fast rhythmisch durchzieht. Gelb sind die von Hermann getragenen Handschuhe, und gelb ist der Pfahl, der die Einfahrt zu dem Grundstück des Mordes markiert. Er taucht in meiner Ausgabe, einem so kleinlettrig gesetzten rororo-Taschenbuch von 1972, daß es den gegenwärtigen Zustand meiner Augen mitunter überforderte, zum ersten Mal auf der Seite 33 auf:

Auf der rechten Straßenseite erhob sich ein leuchtend gelber Pfahl, und an diesem Punkt zweigte im rechten Winkel ein kaum erkennbarer Weg ab, das Gespenst [!, ANH] eines nicht mehr benutzten Weges, der alsbald zwischen Kletten und wildem Hafer verlosch.
Verhängnis, 33

Arno Schmidt spricht in solchem Zusammenhang vom “Spurenlegen” als einer Grunderfordernis der Romankunst; hier winkt die Spur eben nicht mit dem Zaun- sondern dem Markierungspfahl: alles ist schon sich tückisch abzuspulen bereit,

irgendeinem unbedeutenden Gegenstand [gleich], der irgendwo früher im Roman nur eben so vorbeigeflattert ist.
Verhängnis, 129

Und obendrein kennt Verzweiflung auch noch ein nicht begreifbares Wunder: Es schaut nämlich an einer, zugegeben, schnell überlesbaren Stelle bereits auf den Titel von Nabokovs größtem Spätwerk, Ada or Ardor, voraus:

“Als erstes”, sagte Ardor-lion [der nur einmal so, hier, sonst aber immer Ardalion genannt wird, ANH] zu seiner hübschen Cousine, einer grausamen Spötterin, “solltest du meinen Namen richtig schreiben lernen” [,]
Verhängnis, 80,

was die Anspielung geradezu noch unterstreicht. — Wie beim Himmel kann das sein, 1934/37?
Mich selbst beruhigend, wähn ich mal, er habe den Schnipsel erst später in die englische Übertragung eingefügt. Ich müßte mit dem russischen Original vergleichen. Doch wie kann ich? Oh, mir sausen plötzlich die Sinne! Da wende ich mich besser schnell den abschließend, wie Sie es gewöhnt sind, noch nachzutragenden Schönheiten zu:

(…) der mächtige Solemnibus meiner Geschichte (11) — eine Wäscheleine und daran ein paar Hosen, die der Wind zu trügerischem Leben blähte (13) — dessen Lippen so dünn sind, daß sie wie weggeleckt erscheinen (21) — Lassen Sie mich den Gürtel meiner Geschichte ein Loch enger schnallen (24) — Und diese Kiefern vor mir, deren Rinde an rotes, straff gespanntes Schlangenleder erinnerte (34) — den Rauch mit schiefem Mund zur Seite (zu) blasen — rührte den Rest seines Tees auf deutsche Weise um – nämlich nicht mit dem Löffel, sondern durch eine Kreisbewegung aus dem Handgelenk (43) — Orlovius, bei dem Kurzsichtigkeit eine Form von Dummheit war (48) — Hinter einem schwarzen Baum kam geräuschlos ein trüber, fleischiger Mond hervor (61/62) — Die Idee Gottes (…) stinkt zu sehr nach Menschlichkeit (…), als daß man an ihre azurne Herkunft glauben könnte (77) — mit jener besonderen, satten Langsamkeit, die den erfahrenen Arbeiter kennzeichnet (87) — ein göttliches Lächeln, bei dem ihre langen Wimpern in die Höhe rauschten (93) — weil die Verbindung von Anständigkeit und Sentimentalität genau das gleiche bedeutet wie ein Narr zu sein (98) — und streckte (…) seine unschüttelbare Hand in meine Richtung (100) — Unser Gespräch war schrecklich; immer wieder bedeckte er meine Hand mit Küssen und sagte mir Lebwohl. Sogar die Kellner weinten. (102) — und verfiel sogleich in ein behagliches, nasales Zischen (109) — als die Zeiger meiner Geschichte stehenblieben (115) — Ein kräftiger Wind (…) verwirrte den Küken-Flaum der Mimosen (130) — eine unmenschliche, mittelalterliche Purgierung (140)
Verhängnis, 80,

 

 

Ihr ANH

 

→ Bestellen

P.S. für unterdessen Eingeweihte:
Auch Thomas Mann bekommt sein Fett wieder ab:

(…) und derselbe Fotograf nahm mich auch noch in einer anderen Pose auf, bei der ich einen Finger an die Schläge lege und unter geneigten Brauen hervor bedeutsam zum Betrachter aufblicke: so lassen sich deutsche Romanschriftsteller gerne fotografieren.
Verhängnis, 139

 

(Fotografie ©: S. Fischer Verlag)


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