Am, für diesen Jahreswechsel, letzten Tag in Amelia. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 9. Gennaio 2022.

[Casa di Schulze, Lauretania amerina
ore 8.01, Schreibplatz]

Ich hatte mir bei meiner Abreise aus Berlin viel, leider zu viel vorgenommen, um es auch zu schaffen, und habe also nur ein Quäntchen erledigt; dazu später. Denn aber wenigstens ein amerinisches Arbeitsjournal möchte ich schreiben und tu’s nun an meinem hier letzten Tag. Danach muß gepackt werden; mittags gegen halb drei setzt sich der Zug Richtung Fiumicino in Bewegung, die am Flughafen erst kurz vor fünf zum Stillstand wieder kommen wird, vor also 17 Uhr, der Flieger abheben wird zwei Stunden später. Für den gab es vor drei Tagen hier einige Konfusion, weil ich eine Fehlinformation für bare Münze genommen und in Panik geraten war, die sich durch die des Freundes durchaus nicht halbierte. Angeblich sei Italien zum Virusvariantengebiet erklärt, was erstens bedeutet hätte, daß ich nach Ankunft daheim dort hätte vierzehn Tage quarantär verharren, doch zweitens, um überhaupt ausreisen zu können, auch einen negativen PCR-Test vorweisen müssen, der in Umbrien, egal ob nega- oder positiv, nur sauschwer zu bekommen ist, wenn überhaupt. Es gibt quasi nur Antigen-Teststellen, nämlich in Apotheken, vor denen hier die Schlangen stehen.
Daß meine Info Ente war, stellte sich tags drauf erst heraus, nachdem ich bereits sämtliche Websites des Auswärtigen Amtes wie des Gesundheitsministeriums sowie Robert-Koch-Instituts mich hatte inhalieren lassen. Ah! “Nur” Hochrisikogebiet – und also für den Ge”booster”ten nicht mal ein Antigentest nötig, um von der wahrlich lästigen Quarantäne zu schweigen. Zwei ganze Wochen, ja du meine Güte! Darf ich dann nicht mal in den Keller, um je nächste Kohlen hochzuholen, so daß ich dann auch noch bibbern muß? Und verhungern soll ich zudem, weil ich einkaufen hätte schon gar nicht mehr dürfen.
Diese ganze – anscheinende – Misere wurd noch durch meines Sohnes Erzählung gewürzt, daß er sämtliche Symptome einer Coronainfektion habe und soeben auf dem Weg sei, sich testen zu lassen. Im Fall eines Falles hätte auch er dann in Quarantäne gemußt, immerhin, um’s zu süßen, mit der jungen Frau seines Herzens. Für Liebespartner, die aktiv sind, gilt mitgehangen obligatorisch. – Doch der Test fiel negativ aus, und die Symptome waren die eines allerdings heftigen grippalen Infekts, der sich zu einer Mandelentzündung auswuchs und immerhin schon gestern fast ausgestanden war. Ich hatte heißen Whisky mit Honig empfohlen, nicht unbedingt zu stürzen, zu trinken aber doch, wenn man  sicherheitshalber schon im Bett liegt und nichts passieren kann, wenn man umfällt. Des Dichters MediNait von Wick, wahrscheinlich sehr viel weniger gefährlich; man riskiert allein einen deftigen Kater.
Ein wenig in Sorge war ich allerdings schon.

Der Göttinnen Hände scheinen auf uns zu liegen. Den Kater hatte, quasi statt meines Sohnes, nur ich, zweimal sogar, aber aus Gründen zu vielen Weins (weil eingenommen mit Marsala und Grappa zugleich); es ist seit Corona sowieso zuviel Wein, hier ganz besonders, wo er von Mauro und seinem privaten Weinberg stammt, ungeklärt in  der Fünfliter-Damigiana und von süßestem Bitter auf der hinteren Zunge. Anderthalb davon, die ich, die Flasche im Rucksack verstaut, mitnehmen werde, hab ich mir schon abgefüllt. Ein Glas davon wird mir am späten Abend assistieren, meinen heimischen Schreibtisch wiederzugrüßen; da wird es gegen halb elf sein.

Also. Mir vorgenommen zuviel.
Ich wollte in meinen zehn amerinischen Tagen die “Verwirrung des Gemüts”, meinen 1983 ersterschienenen Roman, überarbeiten und bei der Rückkehr fertig sein; die Neuausgabe des Buches soll ja bereits im März erscheinen. Daran nun war und ist nicht zu denken. Zwar gibt an dem Entwurf und seinen Aussagen gar nichts zu rütteln; “rein” der sogenannte Plot ist und bleibt prima, auch schon die Vorgriffe auf die so späteren Andersweltbücher. Aber – es ist als ein ABER zu tippen – die Formulierungen ..! Und was ich nun gar nicht verstehe: Das Buch ist furchtbar verrissen worden, und ich denke heute, zurecht – aber mit welch lächerlichen, mit den ganz falschen Gründen! Sein eigentlicher, rundum gräßlicher Makel wurde gar nicht benannt, wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Nahezu jeden einzelnen Satz muß ich jetzt schmirgeln, wenn nicht gar durch neue Sätze ersetzen. Da sitze ich an einem einzigen Absatz meistens mehrere Stunden. Es plustert sich alles, ja, nahezu alles mit Abstrahierereien auf, ich habe unsäglich nominalisiert, Adorno hätte “verdinglicht” gerügt. Das ist alles flüssig zu machen, jedes “er spürte, wie er” ins Spüren-selbst zu überführen. An die Dinge herangehen, statt sie zu behaupten, in sie hineingehen! Dafür muß ich Lösungen finden, über die ich nicht selten erst nachdenken muß. Dann stehe ich auf und gehe im Raum hin und her, manchmal zehn Minuten. Dazu die nachgestellten Pronomina in Legion, aber auch ganze nachgestellten Satzteile, als hätte man nicht genug Luft, eine ausgefeilte Syntaxe zu bauen, die eben auch elegant ist, statt vor Kurzatmigkeit zu hyperventilieren. Ähnliches gilt für die erzählten Personen meistens ganz genauso. Auch sie, viele von ihnen, sind bislang nur behauptet und nicht, was sie zu sein haben, da. Also schaffte ich von den mir vorgenommenen zweihundertfünfzig Seiten nur insgesamt dreißig (einhundert hatte ich schon in Berlin neuformuliert) und stehe nun vor dem Problem, meinem Verleger, diesmal Ingo Elfenbein, gestehen zu müssen, für den vorgesehenen Zeitpunkt des Erscheinens, nimmer fertigsein zu können, nimmer, nimmer, nimmer. Zumal Elvira M. Gross noch lektorieren muß, wenn meine Neufassung steht. Ihr schon gar nicht darf ich den Text zumuten, wie er jetzt ist. Sie würde jegliche Achtung verlieren. Sondern ich will, daß auch dieser, gerade dieser Roman ein sprachlich zumindest Gesellenstück wird (für den “Meister” haut’ ich mir aufs Maul) und nicht das gebastelte bleibt eines zwar begabten, doch noch tappischen, teils sogar – in seiner formalen Selbstvergötzung und einem ermotzten Narzißmus – närrischen Lehrlings. Weswegen damals die Kritik nicht diese ästhetischen  Mißstände nannte, wird mir nun ewiges Rätsel bleiben.
Kurz, ich bin peinlich von mir selber berührt, diesem hypomanen Selbstüberschätzer, der ich damals gewesen bin. (Daß mir meine einstige, ich sage einmal, ‘Charakterlage’ das, was ich nachher dann wurde und schrieb, wahrscheinlich erst ermöglicht hat, steht auf einer anderen Seite und mildert mein Urteil altersweise, ohne es aber deshalb zu mindern).

Ich werde Elfenbein also anrufen. Sowas muß man persönlich besprechen, eine Mail zu schreiben, ist kein angemessener Weg. Nur daß ich für ein  Treffen erstmal gar keine Zeit haben werde, ebensowenig dafür, die Überarbeitung morgen gleich fortzusetzen. Denn ich wurde zur Steuererklärung verdonnert, völlig berechtigt, weil der für 2020. Eine kleine Verlängerung der Abgabefrist vom 5. auf den 20. Januar habe ich bewirken können, sonst wäre auch Umbrien nicht mehr möglich gewesen. Doch diesen 20. muß und will ich einhalten

So, dieses war mein Arbeitsjournal. Daß, wenn sein Tagwerk verrichtet, der Freund, dessen erster eigener Lyrikband in diesem Frühjahr erscheinen wird, und ich einander haben viel vorgelesen, versteht sich von selbst, daß wir gut aßen, ebenso, und daß wir besonders gut tranken. Daß wir viel lachten, vertraulich erzählten, Intimes, Ersehntes, Verlornes. Daß uns da manches Mal Traurigkeit faßte. Aber daß draußen, gleich bei meiner Ankunft, der Frühling das Leben als eine enorm gute, widerständige Sonne umwarb sowie in der ausgebreiteten Form eines Himmels, dessen Bläue zu unserer Hineinfahrt verlockte, imaginär Jakobs Leiter hinan, mehr allerdings mich als den Freund, der meine religiösen Als-ob-Flirts nicht teilt. Ich sehe ja überall Satyrn springen, da muß ich den Süden nur riechen: Der nordische Blütenhonig schmeckt einfach nur süß, der hiesige, “Millefiori” genannt, schmeckt nach Thymian, Rosmarin, Fenchel, nach Lorbeer und unbändig drohender Lust.

Ach ja, des Freundes Nachdichtung von Arrigo Boitos Re Orso ist raus:

[Das Bild anklicken und bestellen]

 

ANH,
der sich nun umzieht und packt.

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einhundertsechzehnter Tag.
Zweite Serie, Einhundertster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Strandbad Mitte bei Nacht” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

III, 460 – Weichbilder

Was besonders auffällt in den hiesigen Gassen: Die älteren Frauen (Witwen?), die sonst — mal die mal die mal die immer eine oder die immer zwei — vorm Tabakladen, gegenwärtig waren und ein höfliches Grüßen allemal erheischten, das gleichsam (“das gleichsam streichen!” – Handke, Bildverlust, 395) bzw. das ein kurzes Lächeln bedingte von der Art: Wir haben uns schon oft gesehen und erkennen uns wieder, auch wenn wir nichts voneinander wissen. — Sie sind verschwunden aus dem “Weichbild” der Gassen. Möglich, daß Angehörige sie angefleht haben, nicht mehr sich im öffentlichen Raum blicken zu lassen oder überhaupt dort zu verkehren.
Zaghaft seit langem heute wieder zur Weinkellerei Zanchi. Vorheriger Anruf mit der Frage, ob sie denn in diesen Zeiten wie üblich funktioniere. Was bejaht wurde. Und ich druckte brav, wie auch gestern schon, als ich zur Post ging (dort eine aus Einzelpunkten bestehende Schlange, die keiner geraden Linie entsprach, sondern eher auf Zuruf funktionierte: “Wer ist der letzte?”) meine Eigenerklärung mit den nötigen Angaben. Indes hat es noch niemals Kontrollen gegeben.
Auch die Weinkellerei hatte ihre Vorkehrungen getroffen. Der Eingang war mit einem Tisch versperrt, darauf ein Behältnis mit der schriftlichen Aufforderung, dort hinein das Geld oder die Kreditkarte zu legen. Die übliche Samstagsfrau trug eine weiße Gesichtsmaske. Ich selber auch, neulich im Tabakladen gekauft. Ob ich das sei, der heute morgen angerufen habe, fragte sie. Was ich als sozusagen Stammkunde durchaus bejahen konnte. — Ich legte das abgezählte Geld in den Behälter. Sie legte den Bon dito in den Behälter. Alles berührungslos.
Auch sonst die Beobachtung, daß die meisten Leute auch Ex-und-Hopp-Handschuhe tragen. Habe ich aber nicht.
Schauen auf die Reben des Weinbergs: es fängt an zu sprießen. Und tatsächlich in dunstiger Ferne die doch noch Schnee tragenden Flanken des Terminillo, dem im Winter gänzlich schneeverwaisten.
In die üblichen Weiten des Alltags wehte eine Todesnachricht. Ein Schulkamerad aus Dorfschulzeiten (grad mal einen Monat älter als ich) sei gestorben. Aber wohl nicht am Virus. Er hatte sich schon seit Jahren (Jahrzehnten? (zwei ist Plural… aber ich weiß nicht mehr, wann mein letzter Besuch stattfand)) wegen der Folgen eines Schlaganfalls total zurückgezogen: eine Art Selbstisolation. Er blieb dennoch im Gespräch bei meinen letzten Schützenfestbesuchen im Dorf: “Weißt du noch?”.
Er sei im Wolfsburger Krankenhaus gestorben. Allein. Da derzeit dort keine Besucher hereinlasse würden. Unter anderem: Nierenversagen.
Der vorgehabte diesjährige Schützenfestbesuch wird wohl ausbleiben müssen.
Und überhaupt alles Aus- und Einreisen. Auch wenn ich dafür wäre, es dennoch zu tun, aber es bleibt eine Unverantwortlichkeit. Beispiel: Nachbarort Giove: Man hat dort im Supermarkt versäumt, den Fall einer Mitarbeiterin zu melden und den Betrieb wie üblich fortgeführt … so kamen dann andere Fälle noch und noch. Und es entstanden zwischen den verschiedenen Bürgermeistern Zäune wie diese (oder wie in Ungarn oder sonstwo, was Flüchtlinge oder sonstwie “queere” (ich mag das Wort nicht) Menschen betrifft):

15.15 Uhr: Zwei Absperrungen halten Paare an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz in Konstanz am Bodensee auf Abstand. Auf Schweizer Seite sei ein zweiter Zaun aufgestellt worden, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. Dort stehen nun zwei Drahtgitterzäune, wie man sie von Baustellenabsperrungen kennt – zwischen ihnen ist ein etwa zwei Meter breiter Abstand.

Auf dem Platz dann doch andere freundliche Gesichter. Aber man hält rigoros Abstand. Der Himmel bleibt blau.

 

Und Sant’Agostino is a miracle of yellow.

 

 

 

III, 495 – Es hat geschneit

III, 459 – Es hat geschneit: “Girate i palloncini colorati!”

Tatsächlich ein Schneien gestern Vormittag. Das erste Mal in diesem Winter, der schon ein Frühling ist (immerhin die Osterglocken blühen im Hof). Und ein kalter heftiger Wind. Dennoch mußte ich mich durchringen, am Nachmittag nach langer Zeit mal wieder hinunterzugehen, diesmal zur Apotheke, immer noch ohne Gesichtsmaske (zwar bestellt, aber noch nicht angekommen (kann sein, daß der eine Handyanruf am heutigen Vormittag die Zustellung betraf, aber ich antwortete zu spät und somit der Leere (doch daran, es könne sich darum handeln, dachte ich erst 2-3 Stunden später))).
Typologie der vor der Apotheke Stehenden: Gesichtsmaske (die meisten, vor allem die Frauen), einer ohne, aber mit Gummihandschuhen. Einer ohne Maske und ohne Handschuhe. Ich nach wie mit Palästinenserfummel, die linke Hand in der Jackentasche und mit der langsam steif werdenden rechten, unbehandschuhten Hand, die die Verschreibung hielt.
Drinnen endlos lange Gespräche zwischen den Apothekerinnen (wann ist mir zuletzt ein Apotheker begegnet?, wahrscheinlich in “Schule der Atheisten”) und den Kundinnen mit den Gesichtsmasken, während die rechte Hand immer steifer wurde. Als ich an der Reihe war, unbedingt abgezähltes Geld hingelegt für die plexiglasbeschützte Frau.
Danach zum Geldautomaten, Tasten berühren. Back home aufwärts: seit langem nicht mehr die Waden gespürt, sie schmerzten auch gar nicht, wie noch vor einem Jahr. Es ging sich so hin gegen den fatal kalten Wind.

Heute ein denkwürdiger Anruf. Meine eine Schwester hatte es Sonntag schon angedeutet. Die einzige verbliebene Tante oder überhaupt die Einzige rief an, die von der Generation übrig geblieben, aus der man hervorgegangen. Der ich immer einen Besuch widmete, wenn ich denn mal im Dorf war. Sicher schon Richtung 90, genau weiß ich es nicht, aber es gibt ein Foto, wo sie mich, den Säugling, auf dem Arm trägt. Merkwürdigerweise gibt es kein Mutter-Sohn-Foto…
Ihre Stimme klang sehr gut, und ich konnte sie durchaus beruhigen.
Auch sonstige Anfragen trafen ein.

Soweit die Mosaiksteinchen, die ich gestern schrieb. Simple Chronik. Die Arbeit selbst, zwar nach wie vor heftig, was das zu Erledigende und lang schon Eingetroffene betrifft, doch für neue Aufträge scheint sie sich zu verlangsamen. Klar, imaginäre Szenarien: eingestellte Produktions- und sonstige Tätigkeiten (einschließlich Tourismusbranche), womit Bedarf fortfällt. — Also Projektionen noch und noch.
Um mich verständlich zu machen: Es ist die Rede von meiner Brotarbeit, dem Übersetzen von Gebrauchstexten, also das Eingebundensein in einen gewissen Mechanismus, der dem herkömmlichen Wirtschaftsleben entspricht (Rechtsstreitigkeiten, Produktanpreisungen, Produkterläuterungen, Ausschreibungen usw.).
Nichts natürlich wäre mir lieber, als mich dem entgrenzen. Mir ist die derzeitige Ent- (Ein?)grenzung fast willkommen, da es mit der Welt da draußen nicht so bestellt ist:

Diese Wohnung, die Seite des allgemeinen Elements oder der unorganischen Natur des Geistes, schließt nun auch eine Gestalt der Einzelheit in sich, die den vorher von dem Dasein abgeschiedenen, ihm inneren oder äußerlichen Geist der Wirklichkeit näherbringt und dadurch das Werk dem tätigen Selbstbewußtsein gleicher macht.
Hegel, Phänomenologie des Geistes

Ein Satz der hübt und trübt und drübt, wo das “tätig” nicht dem sich selbst bewußten und “eigentlich” untätigen und abwartenden Sein entspricht. Nunja, die Phänomenologie liegt ganz oben auf einem meiner Bücherstapel. Ist ja schließlich Hegel-Jahr. Das Buch besitze ich ungelesen seit Dezember 1978. Begleitet von einer Legende, den ein damaliger Freund kolportierte: er habe in der Bibliothek einen sich darüber den Kopf zerbrechenden Japaner gesehen.
Ich hätte doch lieber Japanologie studieren sollen, wie ich’s mir durchaus mal ausgemalt habe. カラフルな風船を回して!

III, 458 – Wohnen und Hausen (Corona-Sausen)

III, 455 – Something about Brad

Das in der Höhe seines Rumpfes aufgesäbelte Marzipanbrot: so kommt man aztekenhaft besser an sein Mandelpastenherz (L’arrachecoeur). Es oblatenfein tranchieren und auf der Zunge zergehen lassen.
Und in die Peripherien der alltäglichen Großtaten (solchen, die sich gedanklich auftürmen, und solchen, die einem momentan tatsächlich als gelungen vorkommen (aber dieses Dopamin hält nie lange an)), schlich sich in den letzten Tagen noch eine andere Peripherie, diejenige der umbrischen Hauptstadt.
Noch während der Zeit, als ich Besuch hatte, kam eine Nachricht von dorther von einem, dem ich schon mal begegnet bin. Dahinter steckte die Bitte einer Hiesigen, dem jungen Mann aus P., der ja nun schreibe und den sie kenne, ein bißchen Zuspruch zukommen zu lassen (woraus sich dann sogar eine – sagen wir mal – Aktion zu Dritt ergab: “spontan” geschriebene Texte an eine Hauswand zu projizieren während einer “Weißen Nacht” vor etlichen Jahren (also mit recht viel Menschen unten auf dem Platz); der Projektor stand im Fenster meines Schlafzimmers). Ein paar Mails zu seinen Problemen, irgendwo mit seinen Texten unterzukommen. Aber was soll ich als Solipsist dazu schon sagen? Immerhin machte ich die Anstrengung, ein damals erschienenes Buch von ihm zu lesen. Ich weiß nur noch, daß ich zu der einen oder anderen Stelle etwas sagen konnte. Was, weiß ich nicht mehr.
Dann eine lange Pause, bis er mich mal überraschend besuchte, weil er gerade zufällig in Amelia war.
Dann in diesem Januar die Anfrage, ob ich sein neues Buch haben wolle. Das habe nur er, und man könne es sonst nicht bekommen. “Why not”, dachte und schrieb ich. Hierauf gleich die Anfrage, ob ich Mitglied in seinem Kulturverein werden wolle, Jahresbeitrag: 1 Euro. Jut, meinetwegen auch das. IBAN wurde auch gleich mitgeteilt.
Das Buch kam nun in der letzten Woche nebst Vereinszeitschrift (sechs oben links bzw. rechts simpel geheftete DIN-A-3-Blätter; um die Rückseite zu lesen, muß man das jeweilige Blatt auf den Kopf stellen) und Mitgliedsausweis.
Die Nachfrage nach dem zu überweisenden Preis brachte mir die Anfrage ein, ob ich was für die Zeitschrift (mit dem sinngemäßen Titel “Die Randbezirke”, also wohl Peripherien) beizusteuern hätte. Ich verwies auf die paar ital. Gedichte im Blog. Er entschied sich ziemlich sofort für das zuletzt eingestellte. Nicht lange danach die Bitte um Rat, ob er seine Autobiographie (?) einer wahrscheinlich “alternativen” Theaterkompanie in Bologna anbieten solle (Link dazu war dabei). Ich versuchte mich herauszuschlängeln aus einem Terrain, das ich nie betreten. Noch später dann das Bekenntnis, er habe ein Problem. Er wolle es mir per Mail schildern.
Die kam dann heute. Er habe da so einen über zwei Dutzend Seiten langen Text geschrieben, um an einem Preisvergabe teilzunehmen. Er nannte den Namen des Preises. Ob ich den kennte? Sein Problem sei, daß der Text weder Autobiographie, noch Frau, noch Roman sei, sondern sich ganz den Vorgaben der Themen widme, die sich der Preis selber zum vorgesetzt habe. Was er nun tun solle? Nun kenne ich weder den Text noch die Autobiographie (oder ist es das Buch, das ich damals gelesen?), noch wüßte ich, wie eine Autobiographie in Szene zu setzen wäre. Da müßte man schon selber in die Hand nehmen.
Ich antwortete zeitverzögert (ich war mitten in der Arbeit) sinngemäß, er müsse schon selber gutheißen, was er als Text verfertige. Frei nach dem Meistersinger-Motto: mach dir selbst die Regel und halte dich daran.
Na, immerhin werde ich dann wohl in der Peripherie von P. mit einem Text erscheinen auf einer DIN-A-3-Seite. Samt Roy Lichtenstein, den ich darin zitiere. An sein Buch selbst traue ich mich noch nicht ran.
Ich sitz’ an einem Meer, das zu Benzin geworden, und spiel’ am Strand mit einer Streichholzschachtel.

L’eau de la mer était transformée en pétrole et un enfant jouait avec des boîtes d’allumettes sur la plage.

Mit den zwei Streichhölzern, die ich herausnahm, begab ich mich zur Apotheke und zur Post, auf dem Rückmarsch riß ich sie an, die Beine liefen feurioho! Und schleppten, einmal oben zu Asche geworden, brav die Gasflasche vom Auto bis in den Hof. Es klang beim Absetzen der schweren Last auf den einzelnen Stufen der Hoftreppe wie leerer Glockenton.

Warte, warte nur ein Weilchen, dann brennest auch du.

III, 454 – Nemontemi et al.

III, 454 – Nemontemi et al.

Drei Wochen sind eine gefühlte lange Zeit, und ich müßte tatsächlich nachschauen, ob es zahlenmäßig und meßtechnisch gesehen tatsächlich eine mit “drei Wochen” zu umschreibende Zeit war. Also eine Anachronie in Wirklichkeit. Die im letzten Beitrag angedeutete Chronik einer Jugoslawienreise blieb links liegen. Zu arbeiten war eher am “König Bär”, auch einer Anachronie, zumal wenn im Jahr Tausend ein Troubadour auftaucht. Es ging darum, den ersten Entwurf der Übersetzung mit Reimen auszustatten, d.h. den Rohbau mit Möbeln zu versehen. Und so beantwortete ich auf stets auf die Frage nach meinem Tun an Weihnachten und in den Nemontemi-Tagen (“The five days at the end of the Aztec calendar year were called the Nemontemi, or the five unlucky or useless days. It was considered a dangerous time, when people kept to their houses and did not even cook to avoid attracting the attention of unfavorable spirits”) mit “Lesen und Reimen”.
Nicht ohne eine gewisse Koketterie. Es entbehrte jedoch nicht einer gewissen Wahrheit, wobei merkwürdigerweise das Adjektiv “gewiß” keiner Gewißheit entspringt, in einem gewissen Sinne.
Einmal traute ich mich, in die Provinzhauptstadt zu fahren bzw. deren Peripherie aufzusuchen und noch genauer einen Elektronik-Supermarkt. Die Druckerfarben gingen entschieden dem Ende entgegen, ein USB-Stick war zu besorgen. Erwägungen über Erweiterungen des Wifi-Netzes oder wie das heißt. Es gab viele niedliche Dingerchen dafür, aber entscheiden konnte ich mich nicht. Ein bißchen herumgestaunt. Unübersichtliche Vielfalt.
Im Schuppen gegenüber gab es alles Mögliche für die Einrichtung einer Wohnung. Ich neugierte wegen eines Regals, denn eine Erweiterung ist nötig, weil in die vorhandenen sonst nichts mehr hineinpaßt. Fand indes nichts. Ging zwischen den Regalen herum. Wunderte mich auch hier über die Vielfalt der Dinge, die in einer Wohnung eingebaut werden können. Beim Verlassen piepte ein Alarm. Wohl, weil ich das im Elektronik-Supermarkt Gekaufte bei mir trug. Ich machte mir nichts draus, wurde dann aber doch von einem der Wachleute im Laufschritt eingeholt. Meine Erklärung erfolgte wortlos. Ich hielt ihm unter die Nase, was ich in Händen hielt. So bannte ich den Geist.
Hinzu kamen Vorbereitungen für den Besuch, der sich für den 30. angekündigt hatte. Froh über letzteren, aber Unlust, was erstere betraf. But I did it. More or less. And so we spent our time: reeling and speeching and writhing. Und humstibumsti die fernen Gesichter wieder im Spieglein Spieglein in der Hand (“an der Wand” ist mittlerweile eine höchst selbstreferentielle Angelegenheit, die mittlerweile den ganzen Mann (aber auch nur, weil ich ganz ungendermäßig und unverqueer ein Männ(e)l-Ich bin (merkwürdiger Präsens Indikativ)) fordert, um sich überhaupt davorzustellen (um bewußt übertrieben zu formulieren (aber gelegentlich stimmt’s))).
Nach den Nemontemi und den Feiertagen kam auch wieder Brotarbeit, derer ich davor dankenderweise ledig gewesen. Aber es ließ sich dennoch alles gut einteilen: Brotarbeit, Besuch und König Bär. Three Bees und “Honig für die Bären”, und morgens sowieso für den Joghurt.
Gestern bin ich fertig geworden mit der gereimten König-Bär-Version. Heut’ Abend dann schick’ ich’s raus.

Moral von der Geschicht’

Nicht weisen Spruch, nicht – schwerer Sentenzen Gewicht,
nicht Predigt, nicht mal – die Spur von steifer Moral,
Wer das sucht, folgt falscher Bahn.

Nur ’ne Quaterne – ’ne Ambe – und ’ne Terne
Beschert Lottoglück – wenn es denn will, das Geschick.

Hör drum gut zu, Mensch: – Ambe gibt’s und Terne dann:
Scharfrichter und Mönch – Wurm und König, Buckelmann.

III, 453 – Xmas

Das Arbeits-, vor allem Vorreisejournal des Sonntags, den 30. Dezember 2019.

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
[Tschaikowski, Пиковая дама]

Gestern Geburtstag der Zwillinge, am Abend noch ein Treffen mit Uwe Schütte, dessen auf Englisch erschienenes, man muß sagen, Standardwerk zu Kraftwerk bei Penguin mittlerweile zum Sachbuch-Bestseller avanciert und der ein längeres Feuilleton zu den – nein, nicht Nabokovs, sondern → meinen “eigenen” Erzählungen vorbereitet; nachts — einigermaßen, ich sag mal, beseelt — heimgeradelt und vorhin viel zu spät auf. Gleich wieder die “Pique Dame” laufen lassen, die aus mir nicht recht klaren Gründen deutlich stärker auf mich wirkt, seit je, als Tschaikowskis Onegin. Den ich heute aber auch noch einmal hören will.
Tschaikowski ist eigenartig. Kein Komponist sonst hat in meiner Jugend auf mich auch nur ähnlich stark gewirkt. Bis Gustav Mahler kam, der “Titan” nach Jean Pauls so genanntem Roman — ein LP-“Probefund” auf dem Grabbeltisch in einem Braunschweiger Kaufhaus. Der löste Tschaikowski fast völlig ab. Womit aber eben auch Jean Paul in meinen inneren Kosmos hinein-, muß ich sagen, –kometete.
Allerdings kamen mir Tschaikowskis Opern, speziell sie, niemals nahe. Was sicherlich damit zusammenhängt, daß ich zu slawischen Sprachen kaum je eine innere, hörende eben, Verbindung gefunden habe, auch nicht zum Tschechischen — was sich erst sehr viel später mit Janáček änderte; da war ich bereits weit über vierzig. Obwohl auch das eben nicht ganz stimmt, eben nicht bei der Pique Dame. Die ging auch damals an mich ran. Nämlich fand ich in der zweiten Reihe des Schallplattenschrankes meiner Großeltern eine sogenannte Schallplattenfassung – ein Produktionsformat, das es meines Wissens schon lange nicht mehr gibt. In den Fünfziger-/Sechzigerjahren waren dies im Gegensatz zu den gräßlichen, aber damals n o c h gräßlicher-beliebten Opernquerschnitten – wie ein “Album” als “Song”-Nummern getrennte “Schöne Stellen” – zwar auf Vinyllänge gekürzte, aber doch gleichsam durchkomponierte Hearer’s Digests ohne Pausen. Damals meist noch in Mono.
Wie also kam ich jetzt auf Tschaikowski zurück? Nicht “nur”, denke ich, weil dieser Komponist in meiner später von  mir selbst als “op.1” benannten Kark-Jonas Erzählung eine derart zentrale Rolle spielt, daß ich sie, allerdings umgebaut und leicht erweitert, als “Blumenstück” in den Wolpertinger-Roman integrierte; im ersten Band der Septime-Ausgabe der Erzählungen finden Sie sie auf die Urfassung wieder zurückbearbeitet. Sondern weil in einem Gespräch mit meinem Sohn die Erinnerungsrede auf Tschaikowskis b-moll-Konzert kam, Svjatoslav Richters Interpretation mit Herbert von Karajan, ohne das ich, als ich fünfzehn/sechzehn war, tatsächlich nicht einmal mehr einschlafen konnte.
Mein Pathos, bis heute, speist sich, glaube ich, aus genau dieser Quelle:

Dagegen hörten meine, soweit ich sie hatte, Freunde jener Jahre Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich, manche auch die Rolling Stones und fast alle die Beatles, meine Mutter Esther und Abi Ofarim sowie Daliah Lavi, hingegen zuhause keine Klassik, wiewohl sie eine kleine Sammlung besonders von Beethoven-Aufnahmen hatte. Zum Musikhören daheim ließ ihr ihre Praxis objektiv auch gar keine Zeit, oder kaum; an den Wochenenden traf sie sich lieber mit Freundinnen. Dafür hatte sie ein Abonnement der “klassischen” Konzerte in der Braunschweiger Stadthalle; zu Gastkonzerten Karajans pilgerte sie geradezu und nahm mich manchmal dahin mit. Da war ich ungefähr vierzehn, hingegen mein jüngerer Bruder diese Art Musik scharf ablehnte.
Wie auch immer.
Tschaikowski also, von dem, daß er homosexuell war, ich erst Jahre später mitbekam. Es hätte aber auch zuvor keine Rolle gespielt; ich war in der Hinsicht seit je völlig offen, ganz unabhängig von meiner eigenen, nachdrücklich heterosexuellen Ausrichtung. (Als ich mit Dreißig Britten kennen und eben tief zu lieben lernte, war mir seine Disposition von Anfang an bekannt, ebenso bei Henze).
Bon.
Ich legte vorgestern zu des Sohnes und Vaters Musikabend das b-moll-Konzert also auf — und fiel am nächsten Morgen komplett in die Musikwelt meiner Jugend zurück. Übrigens ist Tschaikowskis Violinkonzert das Lieblingsstück meines Vaters gewesen. Insofern muß es für meine Mutter s c h o n etwas unheimlich gewesen sein, daß ihr Vierzehnjähriger ausgerechnet von diesem Komponisten wie besessen war. Ich machte ihr das Leben in keiner Weise leicht. Tagsüber, wenn sie in der kleinen Praxis nebenan über die Füße oder Gesichter ihrer Kundinnen gebeugt saß oder stand, brüllte aus meinem Zimmer der Tschaikowski in Konzerthauslautstärke; manchmal stürmte sie wutglühend herein, um “leiser, stell endlich die Musik leiser!” zu brüllen, derweil ich über meiner Schreibmaschine saß und zur Musik in die Tasten hämmerte, was immer mir einfiel – zu Svenjas, meiner ersten realen Liebe, Zeiten oft auch schon ziemlich betrunken. Von ihr, Svenja, erzählt im ersten Erzählband gleichfalls eine Geschichte, die ihren, Svenjas, Namen trägt. (In “Wirklichkeit” hieß die Nymphe anders, und Eve, mit sehr kurzem Anfangs-“E”, wurde sie gerufen).

*

(Jetzt der strukturell,seines
völlig offenen Endes wegen,
eigentlich höchst spannende
Onegin:)

***

Zusammenpacken also, heute. Morgen um 7.30 Uhr, in Tegel, hebt mein Flieger nach Rom ab; mit dem Regionale von Fiumicino aus sind’s dann noch etwa zwei Stunden bis Orte, wo der Freund mich abholen wird.

Wir haben für die kommenden knapp zwei Wochen einiges an Arbeit vor. Vor allem aber will ich in Umbrien, ich schrieb es Ihnen, Freundin, schon, endlich → die Béartgedichte zuende bringen, jedenfalls so weit, daß sie lektoriert und für die für Herbst 2020 geplante Buchausgabe vorbereitet werden können. Wobei ich heute eigentlich noch die No. 15 meiner → Nabokovreihe schreiben wollte, mir aber unsicher bin, ob ich’s noch schaffe. Also gedulden Sie sich bitte etwas; ich werde den zweiten Erzählband mitnehmen, obwohl Parallalie ihn auch dort stehen hat; nur würden mir da meine Anstreichungen fehlen, die Grundlage meiner Besprechungen sind.
Zusammengestellt sind bereits, auf dem Mitteltisch, die übrigen Lektüren, aber auch einige Bücher, die für den Freund vorgesehen sind. Cristoforo Arco, der am zweiten Weihnachtstag hereinschneite, obwohl es draußen nur nieselte und nieselte, gab sie mir für ihn mit. Außerdem das Hand-MS-Buch der Béarts sowie das schwarze Notizbücherl. Und ich darf die grüne Tinte für den neuen Füller nicht vergessen, mit dem ich seit zwei Wochen nicht so ganz erfolgreich versuche, meine Handschrift so zu gestalten, daß sie sich zumindest ansatzweise auch lesen läßt. Mit meinen nun bald Fünfundsechzig wäre es mal ein ganz netter Erfolg.

Gut, ich fange mal zu packen a n.

ANH

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