Verrasend zähe Zeit. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 27. Januar 2022. Befeuert von Frank Martins Sturm vom Nachmittag bis in den frühen Abend geschrieben.

[Arbeitswohnung, 16.07 Uhr
Martin, → Der Sturm]
Während ich, bevor ich mich wieder einmal zum Mittagsschlafen legte – etwas, das ich erst kürzlich als Erholungsakt wieder aufgenommen habe -, also während ich mein Essen zubereitete, kam mir, Freundin, der Gedanke, daß ich für → diese Überarbeitung der Verwirrung des Gemüt(h)s ganz ebenso ein Vorwort schreiben sollte, wie es in solchen Fällen Jean Paul gerne getan hat, und zwar, weil in meinem die Eingriffe wirklich eklatant sind; die Bearbeitung des Stils geht weit über bloßes Lektorat hinaus, und ganze Szenen entstehen, ich sage mal, ‘leibhaftig’, die vorher nur Denkfiguren waren. Eben das ist es auch, was so anstrengt und mich nur dermaßen langsam – ‘langsam’ mit mehr als nur acht ‘a’s – vorankommen läßt. Das ist nicht bloß mangelnder Inspiration geschuldet (Inspiration ist fast durchweg nichts als handwerkliche Routine); nein, die ist durchaus da. Nur daß ich eben keinen ganz neuen Roman schreiben will und darf, sondern der alte soll ja dennoch erhalten bleiben. Veränderte Stilvolten wollen aber, und verlangen fast, auch veränderte Geschehen, bzw. Abläufe. Ich kämpfe also gleichzeitig für und gegen diesen Text, der sich meinen Eingriffe sozusagen entgegenstemmt. Dennoch, weil gerade d i e s e r Roman grundlegend für die folgende Serie ist, was ich bei Entstehen aber nicht wissen konnte, nimmt die Überarbeitung genau das mit in den Blick und verschränkt nun die späteren Bücher mit ihm, und zwar in ihm selbst. Das geschieht über kleine, möglichst unauffällige Zusätze, vor allem Anspielungen oder eben die Wortwahl und Rhythmik. Wenn etwa in der Verwirrung von einer parallelen Welt gesprochen wird, steht jetzt das Wort “Anderswelt” da, aber eben nur ein- oder zweimal. Wobei ich selbstverständlich auf Die Dschungel nicht Bezug nehmen kann, weil es sie damals noch nicht gab; noch nicht einmal die DSCHUNGELBLÄTTER gab es schon. Aber die Pflanzen, die Laupeyßers leergeräumte Wohnung zu überwuchern begonnen haben, lassen sich einen “Urwald” jetzt wohl nennen. Will sagen, die Ideen sind tatsächlich alle in der Verwirrung schon drin, doch ohne daß ich schon gewußt hätte, was sie einmal werden würden. So biege ich, wie es im → Wolpertinger heißt, das Futur ins Präteritum zurück, so daß das gesamte Projekt schließlich einem Erzählkontinuum ähneln wird, das sich gleichwohl, auf einer Spiralbahn freilich, weiter in der Zeit bewegt und erst zum Stillstand kommen wird, wenn ich gestorben sein werde. (Es sei denn, jemand anderes setzte es fort wie Verne es mit dem Pym tat oder ich selbst, wenn auch nur in einer kleinen Episode, eben im Wolpertinger mit Martin R. Deans → “Die verborgenen Gärten” – eine Hommage an seine Romanfigur Leo Brosamer,)
Jedenfalls sollte dergleichen erzählt und eben auch klargestellt werden, daß mit dem Buch ein völlig neuer Roman vorliegt, der aber der alte ist. Genau darauf ziele ich ab. Etwa für den → Dolfinger” (den eigentlich “Die Erschießung des Ministers” genannten Roman), für den ebenfalls eine Neuausgabe vorgesehen ist, ist eine so weitgehende Bearbeitung ganz abgesehen davon nicht nötig, daß ich ihn sowieso schon, nämlich 1999, überarbeitet habe; an d e m Text wird es vermutlich nur kleine und eben Korrekturen geben; ganz ähnlich die phantastische Sizilienerzählung. Die Verwirrung dagegen nimmt eine extreme Sonderrolle ein. Denn allerdings erinnre ich mich, damals, um 1980/81, da war ich vierundzwanzig / fünfundzwanzig, tatsächlich einen, wie ich es nach Aragon nannte, Zyklus im Kopf gehabt zu haben, die “Die Konstruktion der Widersinns” heißen sollte. Woraus halt etwas völlig anderes wurde. Daran trägt → Frau v. Hüon die Schuld. – Tatsächlich ist die Verwirrung auch mein zweiter, eigentlich sogar dritter Roman, der aber als erster veröffentlicht wurde — und ein nullter[1]Tatsächlich gibt es noch einen “vornullten”, “Judex” genannt, an die fünfhundert Seiten, die ich mit fünfzehn schrieb. Aber der fällt in die Kategorie Räuberpistole und … Continue reading also ging voran, “Destrudo”, der tatsächlich ebenfalls in die Reihe Verwirrung-Wolpertinger-Anderswelt gehörte, insofern sein Personal zumindest teilweise in Verwirrung und Wolpertinger erneut in Erscheinung treten, wenn auch nur indirekt. Und selbst das stimmt nicht ganz. Denn etwa Karl Polst tritt im Wolpertinger auch als Person direkt wieder auf. Bloß gibt es “Destrudo” nach wie vor nur als mit der Schreibmaschine getipptes Typoskript:

Ich habe das Buch niemals wem angeboten und würde es auch heute nicht tun, sondern es – freilich auf der Grundlage des, lassen Sie es mich, jugendlichen Textes nennen – völlig neu schreiben.

Was mir, Freundin, n o c h heute auffiel, war, daß ich nunmehr von Laupeyßers Ichverlust und Einsamkeit schreibe (“wenn’s ihn fröstelte vor Ichverlust und Einsamkeit”), was ich damals offenbar vermeiden wollte; im ersten Text steht lediglich, daß man sich notfalls (!) unter der Bettdecke —  aus der ich jetzt eine “Steppdecke” gemacht habe, weil mein Antiheld auf dem Wohnzimmerboden unter ihr liegt –  verkriechen könne. Wahrscheinlich wäre mir schon das Wort “Einsamkeit” damals zu offen autobiografisch gewesen, nämlich kitschig vorgekommen, eine Scheu, die ich bekanntlich schon deshalb verloren habe, weil meine Auffassung der Wirklichkeit nicht mehr naiv ist, sondern um die Realitätskraft der Fiktionen weiß, die uns derenthalber ständig mitformen. Was ich in der Verwirrung damals entwickelt habe, nämlich das Konzept (ecco! es war Konzept und nicht gelungen Roman) einer komplexen Realität, die sowohl physisch als auch durchsetzt von wirkenden Ideen ist, etwa von Allegorien, hat mich selber, den Autor, so sehr verändert, daß ich das, w a s mich verändert hat, nun in angemessene Form bringen muß. Es kann, mit anderen Worten, jetzt erst werden, was es damals sein noch nicht konnte: ein Kunstwerk, dem die eigene Wirkung eingeschrieben wird. Und so nehmen wir wechselnde Zeitzustände ein.
Genau das möchte ich in dem Vorwort erzählen. Dies hier ist ein Vorentwurf.

Zu dem ich, nachdem ich’s vormittags mal wieder mit Frederick Delius versuchte – ein Zugang zu seiner Musik bleibt mir indessen versagt; ich hör da nur Geplätscher -, Frank Martins enorm tiefem → “Der Sturm” lausche, deutsch nach Shakespeare/Schlegel, eine Oper, die so unbekannt ist, daß es nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipediaeintrag gibt. Ich sah das Stück bis heute auch nur auf einem einzigen Spielplan; in → Konstanze Führlbecks Kritik wird es “spröde” und, seltsame Formulierung, “etwas distanziert” genannt. Dabei hätte sie nur Fischer-Dieskaus Interpretation allein der drei Monologe Properos sich anhören müssen, um zu begreifen, daß Sprödheit und Distanz eher wohl ihr selbst eigen sind, als daß sie Eigenschaften dieser Musik wärn:

Aber nein! Statt einfach mal, um sich angemessen intensiv vorzubereiten, hinzuzuhören, hört sie sich mit den folgenden Worten hinweg: “… doch die großen Impulse finden sich weder in der Musik noch in der Regie.” So daß dieser Sturm “doch eher ein Sturm im Wasserglas” bleibe. — — —  Was eine d…. N..! (Ergänzen Sie selbst).

Ihr
ANH

References

References
1 Tatsächlich gibt es noch einen “vornullten”, “Judex” genannt, an die fünfhundert Seiten, die ich mit fünfzehn schrieb. Aber der fällt in die Kategorie Räuberpistole und Mantel & Degen. Aufbewahrt habe ich ihn dennoch:https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1-600x800.jpg 600w, https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1-768x1024.jpg 768w, https://dschungel-anderswelt.de/wp-content/uploads/Judex-S.1.jpg 960w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" />

Rothes Korruptionslieder’lchen.

 

Dschungelblätter No 1 Jg I,
Ventôse 1985

 

Frau Roth hat ein Gedicht geschrieben. Es stand in der FAZ, heißt “Durchatmen” und sollte wahrscheinlich, weil die Autorin kurzatmig ist, “Durchhalten” heißen. Sei’s nun, es habe Polyhymnius den eigentlichen Titel vergessen oder der Setzer ihn verdrängt — hier werde der Text ein zweites Mal kund:

Selten nur noch
aber dann eben doch

reimen die inmittelbaren Dichter(inn) wieder und holen tief

Atem hole ich wieder Atem

was an sich zu bedauern ist, nämlich zweifach

schminke mir
weiß der Himmel wofür

vielleicht für den Reim?

auf die Lippen

die Zeilen

ein Lächeln

nämlich den Reim auf den Stab (sic!)

und öffne wieder die Tür

schlage das Feuilleton auf:

Man

der Rezensent oder wer?

tanzt da

wo?

lacht und taumelt
leicht

sogar so

so leicht
über die Erde

Es ist eben alles unheimlich leicht, vor allem das Dichten

Ich werde

nun: was? weiß sie’s denn?

selten nur noch

das wäre schön

aber dann eben

eben?

doch

schade

mitgeschoben, eingewoben

Sie meint ihre Karriere seit Klagenfurt 1983

hergezogen und hin

Das hat sie wirklich geschrieben!

bis ich jetzt

(jetzt kommt‘s!):

nicht mehr weiß
wo ich bin

No more comment.

Magenkrebs (Kardiakarzinom). Das nunmehr Coronavölligegal- und erneut, um so dringender, Arbeitsjournal des Donnerstags, den 29. April 2020. Zu Schostakovitschs Cello und Klavier.

 

… und das erste, was ich gestern tat, nachdem ich aus all den Gesprächen
heraus war, war — endlich wieder ein Brot zu backen, also den Teig anzusetzen,
mit eigenem lievito madre. Die erste Ruhephase des Teiglings endete heute
morgen um sechs. Dann noch zweidreimal falten und weitere drei Stunden Treibzeit.
Den Backofen vorheizen, den hellen Laib hinein — und voilà:

 

Jetzt muß er nur noch etwas bräunen.

 

 

 

[Arbeitswohnung, 6.18 Uhr]
Schostakovitsch, Sonate für Cello und Klavier d-moll, op. 40 (→ Schwestern Hack)]

Nein, Geliebte, ich bin völlig ruhig, sehr klar. Auch jetzt noch, am Morgen darauf. Nach dieser Diagnose, meine ich. Denn, wie ich gestern einer Freundin sagte — ich telefonierte nachher, whatsappte, facetimte quasi unentwegt; mit meinem Sohn und लक्ष्मी sprach ich persönlich hier bei mir; nachdem ich kurz nach Mittag schon zu dieser hinübergeradelt, kamen sie und er abends gegen 22 Uhr zu mir und blieben bis fast eins  … also wie ich der Freundin sagte: “Meine Depressionen? Die kann ich mir nun nicht mehr leisten.”
Es ist bizarr. Sei dem Befund bin ich als ich zurück. Was ist zu planen, wie ist zu strukturieren, was muß ins Auge genommen werden? Das beschäftigt mich. Und der erste Gedanke, der mir, der Gastroenterologin gegenübersitzend, kam, als sie den Befund – genauso nüchtern, unverbrämt, ich möchte sagen: ohne auf meiner Glatze Locken zu drehen –, war: Dann bekomme ich auf jeden Fall die Béarts noch fertig.

Doch der Reihe nach.
Gestern früh → also erst die Magen-, dann die nach sechs Jahren für mich zweite Darmspiegelung, für die mich die Ärztin ein bißchen übers Ohr hieb. Denn wieder hatte ich mich auf eine Anästhesie nicht einlassen wollen, weshalb sie einen Kompromiß vorschlug: hinwegs betäubt, rückwegs klar. “Dann können Sie den ganzen Weg der Sonde durch den Darm noch am Bildschirm sehen.” Fand ich okay, → meine erste Koloskopie war ja in der Tat, ich schreib mal euphemistisch, “anstrengend” gewesen, allerdings auch – wegen der geradezu surreal-utopischen Bildwelt, in die ich hineinsehen durfte – rauschhaft; wenn Sie mögen, lesen Sie die Erzählung nach (ich habe sie dazu noch einmal verlinkt). Und das genau, die quasi psychedelische Form- und Farbwelt, hatte ich in Speiseröhre und Magen wiederholen wollen. Das Organische war mir immer ein Wunder, und ist’s mir noch jetzt, da es sich, sozusagen wider sich kehrt, wider also gegen mich.
Die Wiederholung gelang nicht, ich war ausgeknockt. Noch guckte ich, wie immer voller Neugier zu, wie mir der Bioport gelegt wurde. Dann tröpfelte schon das Narkosemittel in mich rein. Das nächste, was ich hörte, war ein fernes, tja, “Plaudern” der beiden behandelnden Damen. Na, kann so schlimm ja nicht sein, dachte ich und fragte, als ich erwachte: “Und wann die Magenspiegelung?”
“Wieso, die ist schon vorbei.”
Grrr. Und daran, auf den Bildschirm zu schauen, hatte ich, als und während ich erwachte, komplett vergessen, mich statt dessen über das Geplauder der Damen im Wortsinn amüsiert.
“Wann werden Sie abgeholt?”
“Abgeholt? Nebbich! Ich kann alleine gehen. Außerdem steht mein Fahrrad vor der Tür.”
“Das geht nicht, aus juristischen Gründen. Dann müssen Sie ein Taxi nehmen.”
Was mir vor allem zu teuer gewesen wäre, aber auch objektiv so lächerlich war, daß es an Peinlichkeit grenzte. Ich meine, einen halben Kilometer, nicht mehr … Aber, dachte ich, red du nur. Und erstmal sollte ich sowieso nach nebenan auf die Liege, um die Narkose auszuschlafen.
Nur daß ich sie schon gar nicht mehr merkte. Fünf Minuten hielt ich hinter dem vorgezogenen Vorhang die Liegerei aus, dann schaute ich nach meiner Ledertasche, in der die ADA steckte — und begann zu lesen. Wo war mein Stift? Ah, da.
Doch ich kann im Liegen nicht lesen, konnte es, seit ich ein Mann bin, nie. Ich muß sitzen, am besten an einem Tisch und auf einem harten Stuhl. Also ließ ich die Beine lesend baumeln.
“Wie? Sie sind schon wach? Gibt’s doch gar nicht!”
“Gibt’s, is’ immer so bei mir.”
“Na dann gehn Sie besser ins Wartezimmer, wo Sie auch mehr Licht haben. Ich brauche noch eine halbe Stunde, dann besprechen wir alles.”
Noch ahnte ich nichts.
Eine ungefähr sechzigjährige, wirklich Dame betrat das Wartezimmer, eine schöne Frau von großem Chic, vielleicht ein wenig streng um die Lippen. Sie setzte sich. Und nach einem Blick auf ihre Füße konnte ich nicht anders, als leis gesprochen auszurufen: “Was sind das für schöne Schuhe, die Sie da tragen!”
Wahrscheinlich war schon das wieder genderincorrect, denn sie reagierte nicht einmal. Nur ihre Lippen zuckten an den Enden noch ein Stück weiter hinunter – als wär mein Kompliment eine Beleidigung gewesen, die frau am besten ignoriert.
Gleichwohl, ich sah sie nach wie vor an, zog mein Notizbuch hervor und schrieb die Frau mir ab. Beschrieb den Silberschmuck und die deutlich echten, in ihm eingefaßten Steine, die Haute Couture der schmalgeschnittenen, nur bis zur Hüfte reichenden Jeansjacke und dann den auffällig schmalen Schnitt der Lippen. Und ihre, obwohl sie niemals zurücksah, hellen, schmerzerfüllten, spürte ich, Augen. Als ich schon aufgerufen wurde

“Was meinen Sie”, fragte ich, “bösartig oder nicht?”
“Bösartig. Brauchen Sie erst mal Zeit, um es zu verarbeiten?”
“Was soll ich verarbeiten? Was ist, ist.” Ich war von Anfang der Eröffnung an komplett ruhig. Nicht die Spur von Panik. Die Béarts, war das erste was ich dachte, bekomme ich auf jeden Fall noch fertig. Diese Sicherheit machte mich enorm gefaßt. Später kam da noch anderes hinzu. – “Wie gehen wir vor?”
“Als erstes müssen Sie in die Klinik zur genauen Bestimmung der Tumors.”
“Und um herauszufinden, ob er bereits gestreut hat.”
“Ja.”
“Welche Klinik empfehlen Sie?”
“Sie haben zwei Möglichkeiten, entweder die Charité oder das Sana-Klinikum in Lichtenberg. Bei jener gibt’s das Problem, daß nie jemand ans Telefon geht, wenn man einen schnellen Termin ausmachen will. Zu Sana hingegen habe ich persönlichen Kontakt, weil ich dort lange Oberärztin war. Ich kann diese Kollegen nur empfehlen.”
“Dann rufen Sie an.”
Sie hatte den Hörer bereits in der Hand, sprach mit dem ihr vertrauten Kollegen. “Montag früh?” Blick zu mir. “Gut.”
“Wie lange werde ich bleiben müssen?”
“Zwei Nächte. Der Tumor wird rundum untersucht, CT, nochmals Spiegelung, allerdings mit Ultraschall kombiniert. Markerbestimmung undsoweiter. Am Mittwoch können Sie bereits wieder hinaus. Da findet dann die Therapiekonferenz statt.”
Auf der, wie ich nachher im Netz las (ich las da viel, viel, viel), die möglicherweise beteiligten Spezialisten die bestmögliche Behandlung bestimmen und danach vorschlagen.

Ich war entlassen. Nach meiner Begleitung fragte niemand mehr, und keiner wollte mich noch in ein Taxi setzen. Ich war quietsch-wach, nahm nach Hause das Rad und las erst einmal den Arztbrief, den ich für die Klinik mitbekommen hatte. Auf dem Überweisungsschein stand, also steht, “Karzinom-Magen, G.” Der Arztbrief spezifiziert es:

In Inversion Kardia morphologisch mit einer großen circumferentiellen Läsion wie Kardiakarzinom.

Das Fiese an dem Ding war (ist), daß, wenn es gestreut hat, die Bauchspeicheldrüse betroffen ist, was, ich weiß es nur zu gut (zu schlecht), bedeutet, mein Leben währt noch ein halbes Jahr. Und wieder dachte ich: Da bekommst du die Béarts auf jeden Fall fertig. Alles andre allerdings … Nun gut, wir wissen es noch nicht.
Nunmehr Statistiken gelesen. Nicht schön:

Aufgrund der zumeist sehr späten Diagnosestellung ist die Prognose schlecht und die 5-Jahresüberlebenschance liegt nur bei < 20% der Fälle.

Fünf Jahre immerhin bedeuteten, auch die Triestbriefe bekomme ich fertig. Den Friedrich allerdings … Es sei denn, formulierte ich später in Facetime, ich schiebe alles beiseite, was ich mir an Recherchen vorgenommen hatte, und schreibe “einfach” runter, allein auf der Grundlage der ANDERSWELT-Poetik, die ich ja nun eh beiziehen wollte. “Fünf Jahre, in Ordnung”, dachte ich. “Das sind noch zweieinhalb Bücher.” Hatte ich nicht, ahnend, das ganze letzte Jahr poetisch vor allem damit zugebracht, meinen literarischen Nachlaß zu sichern und es sogar hin und wieder in DER DSCHUNGEL genauso ausgedrückt? Denken Sie, Freundin, daran, daß ich sogar dazu überging, die alten DSCHUNGELBLÄTTER hier zu integrieren, aber auch nach und nach sämtliche Texte aus meinem ersten, dem Weblog bei Freecity. Auch das, auf jeden Fall, will ich noch beenden. Sie glauben nicht, wie meine Sicherheit sich da noch einmal festigte. Nicht die Spur mehr von Niedergeschlagenheit, dieser mutlosen Hilflosigkeit, von ich noch neulich geschrieben habe und die mich dazu trieb, mich ganz von mir aus, unabhängig von Corona, zu isolieren. Sondern Klarheit, ein Ziel vor Augen, den Gegner vor mir sehe, anstatt daß er sich ständig im Nebel aus Gesagtwerden, Ignorieren, schweigendem (“klandestinem”) Mobbing verbirgt. Mit dem ich derart viel Erfahrung habe. — So bizarr es klingt, diese Diagnose ist für mich wie eine Erlösung, auch – oder eben, weil – ich die sehr möglichen Konsequenzen deutlich vor Augen habe. Ansehen können, was dich bedroht. Es benennen können. Und meinem Instinkt erneut vertrauen. Denn hatte ich’s nicht schon gewußt?
In der Tat. (Seltsames Idiom, das einen Zustand als aktiv sieht). “Es ist auffällig”, sagte die Gastroenterologin, “wie absolut genau Sie mit dem Finger auf die Stelle gezeigt haben, auch wie exakt Sie, was da passiert, beschrieben haben.” Ich hatte ihr beim Vorgespräch mein Gefühl geschildert, daß sich genau der Ausgang der Speiseröhre in den Magen verengt anfühle, weil nun fast immer, schluckte ich, die Nahrung da hängenblieb, und wenn ich zum “Rutschen” nachspüle, ist es, als stünde die Wassersäule noch zwei Sekunden lang drauf, bevor sie den Bissen dann doch noch, mit einem quasi Plumps, unter sich in das Verdauungsbecken fallen läßt. Tatsächlich ist es so, daß sich der Tumor wie eine Wulst um die Kardia gelegt hat und sie langsam zudrückt.
Daß es mich dort erwischt, ist außerdem kein Wunder. Mein Magen war seit Kindheit meine “Sollbruchstelle”. Wann immer ich mich in einer als ausweglos empfundenen Situation befand, weil sich objektiv gegen sie nichts ausrichten ließ, ich also hinnehmen, mich “abfinden” mußte, reagierte ich mit meist einen Tag lang anhaltenden schweren Krämpfen. Im Schnitt einmal pro Jahr, selten öfter. Gewissermaßen kämpfte ich auf diese Weise immer weiter, nun allerdings nach innen. Da nun aber rein lebensgeschichtlich mein Zeithorizont zu nahgerückt ist, um noch, was immer meine Kraft gewesen, gegen Ignoranz und Mobbing Hoffnung und Trotz  zu stemmen, wird dieser Innenkampf genauso eng: deutlichstes rien ne va plus. Dazu, es ist mir völlig bewußt, die Raucherei — Nikotin abuses, da gibt es keine Diskussion. Aber ich bedauere ihn nicht, auch jetzt noch nicht. Denn er hat mir für meine Arbeit gedient; andere Autorinnen und Autoren brauchten Alkohol, sehr viel Alkohol, wieder andere Drogen. Wer unter Tage arbeitet, bekommt die Lungenkrankheit stets präsentiert. Doch anders als die meisten Kumpels habe ich mir meine Arbeit frei gewählt und wußte, was sie bedeuten könnte. An Hölderin zu denken und an Kleist, auch Kafka, viele andre.
Zum anderen bin ich genetisch vorbelastet. Meine Mutter starb an Krebs, mein Vater, schon mit 62, starb an Krebs, mein Großvater, mit knapp siebzig, starb an Krebs, meine Großmutter starb an Krebs. Mein Leben im dauernden Widerstand, fast durchgehende, vor allem dann seit MEERE, Erfolglosigkeit – womit ich nicht eine poetische, sondern fehlende Anerkennung meine und vor allem versagten Respekt. Poetisch ist mein Leben von Erfolg gesegnet. Auch deshalb bin ich jetzt so ruhig und seit gestern mir, also dem Rang meiner Dichtung, völlig gewiß. Es kann und muß nun darum gehen, sie zu sichern, ihr, nicht mein Überleben zu sichern. Nur mein Sohn noch kommt an Bedeutung dem gleich.
Deshalb ist dringend mit meinen Verlagen zu reden. Sie müssen, wenn es gelingen soll, zusammenarbeiten. Mit Arco sprach ich gestern schon.
Aber erst einmal rief ich nacheinander die Frauen an, die ich liebe. Und als ich Phyllis Kiehl erzählte, ich sei unsicher, oh ich in DER DSCHUNGEL über den Krebs schreiben solle – eine Frage, die sich mir auch wegen Herrndorfs ARBEIT UND STRUKTUR stellte — allzu groß ist die Gefahr, daß mir nun auch noch Nachahmung vorgehalten wird —, antwortete sie, wenngleich einigermaßen erschüttert (alle, mit denen ich sprach, waren so erschüttert; ich hatte den Eindruck, der einzige ohne Not sei ich selbst): “Das mußt du sogar. Du darfst die Ästhetik Der Dschungel jetzt nicht zerstören.”
Also, meine Liebste, werd ich hier den Verlauf der Krankheit miterzählen — “mit”, weil es zugleich dabei bleiben wird, daß ich wie stets über Poetologie schreiben werde, mit der Krankheit vermischt, wechselseitig ineinandergebettet; und alles andre bleibt ebenfalls beim “alten”, seien es die Auseinandersetzung mit nicht von mir selbst stammenden Werken wie derzeit die Nabokovlesen-Serie, seien es die Überlegungen und Kritiken über Musik, seien es die eingestellten Entwürfe meiner eigenen, primären literarischen Arbeit. Doch der Krebs, bis zu welchem Ende auch immer, wird fortan stetig dabei sein. Eine wahre Dschungel halt; wäre ich Herrndorf, würde ich sie allerdings in MÖGLICHKEITEN UND VERMISCHUNG umbenennen. Ein feiner Buchtitel übrigens:

Möglichkeiten und Vermischung
Die Dschungel. Anderswelt
2003 –20??

(Wär aber ein dickes Buch.)

Gut, meine Lektorin anrufen, die nach meinem Ableben meine literarische Nachlaßverwaltung mit sämtlichen Befugnissen übernimmt, also die Ansprechpartnerin sowohl für meinen Sohn, der mein Erbe sein wird, als auch für die Verlage sein wird. Dann schon mal eine Liste sämtlicher Paßwörter anlegen, damit sie Zugriff auf DIE DSCHUNGEL hat, und die Struktur auf meinem Computer übersichtlich genug gestalten, damit sich andere drin zurechtfinden. Aber noch keinen Zeitplan erstellen; das ist erst sinnvoll, wenn ich nächste Woche den tatsächlichen Umfang und die genaue Art des Krebses spezifiziert weiß. Wenn er bereits gestreut hat, muß anderes und anders geplant werden, als wenn ich noch die fünf, vielleicht sogar zehn Jahre (also fünf Bücher) vor mir habe.

Das also meine Situation. Wobei eines sicher ist. Nämlich werde ich mich nicht auf eine Chemotherapie einlassen; ich habe im nahen Umkreis zu oft erlebt, worauf sie hinausläuft. Es wäre kein lebenswertes, weil eben unstolzes Leben. Ich möchte gehen so, daß meine Lieben eine deutlich konturierte Erinnerung haben — um es “incorrect” zu sagen: als ein Mann. Im Zweifelsfall werde ich, wie Herrndorf tat, den Freitod wählen:

So, Sohn, vernarrt bin ich ins Leben; ich ginge freiwillig eher, als daß ich’s beklagte.
Das bleibende Thier, Neunte Elegie

Allerdings habe ich dafür einen anderen, ich sage einmal, Traum, den ich aber hier aus verschiedenen Gründen jedenfalls noch nicht erzählen will. Im übrigen gibt es auch immer noch die wenn auch sehr unwahrscheinliche Möglichkeit, daß ich einigermaßen heil aus der Geschichte herauskomme. “Leg nachher, wenn du schlafen gehst und liegst”, sagte लक्ष्मी gestern nacht zum Abschied, “einen Finger auf die Stelle und sprich in dich “heile” hinein. Werde dir dieses “heile”s gewiß.”

Ihr, um 8.35 Uhr,
ANH,
der heute vormittag einiges zu erledigen hat. Es ist ein paar Empfehlungen zu folgen, über die ich auch mit meiner Hausärztin sprechen muß.

[Schostakovitsch, Sonate für Viola und Klavier op. 147,
aufs Cello transponiert: Schwestern Hack.]

 

Die CD wurde mir gestern zur Besprechung geschickt; sie ist noch nicht auf dem Markt, wird erst ab 5. Juni zu erhalten sein
In op. 147 singt berückt Freund Hein.

*

Ecco!:

 

“Es war einmal ein Mann, den habe ich geküßt.” Nabokov lesen, 32: Das wahre Leben des Sebastian Knight.

 

Zwei seiner Lebensmotti befragen sich gegenseitig,
und die Antwort ist das Leben selbst — näher vermag man einer menschlichen Wahrheit überhaupt nicht zu kommen.

Das wahre Leben des Sebastian Knight, 175/176
(Dtach. v. Dieter E. Zimmer)

 

So leichtfüßig dieses Buch auf sein erstes Lesen daherkommt, so verzwackt sind indes die Perspektiven, unter denen wir es aufnehmen können, sogar müssen — nämlich als Frage nach der eigentlichen Erzählerinstanz: Wer repräsentiert sie, ist der Autor dieser Suche nach einer Biografie – tatsächlich der genannte “V.“? Das hier mitschwingende (auto)biografische Thema – “das”, so Dieter E. Zimmer in seinem Nachwort, “schwindelerregende Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit” –  ist in diesem Roman auch immanent wirksam, indessen gerade seine Qualität, daß wir es lange nicht merken, und manche von uns trotz der häufigen Fingerzeige wahrscheinlich überhaupt nicht. Genau deshalb will ich Ihnen, Freundin, dazu auch nichts weiter schreiben. Verzeihen Sie mir, aber es wäre hübscher, Sie würden dieser bestimmten und den Roman sogar bestimmenden Qualität von ganz alleine gewahr.

Der Sebastian Knight ist Nabokovs erster auf Englisch geschriebener Roman. Da muß es niemanden wunder nehmen, daß der Verlust der eigentlich-eigenen Sprache das Buch unterschwellig, aber deutlich durchzieht:

Mitte Januar 1936 erhielt ich einen Brief von Sebastian. Seltsam genug war es ein russischer Brief.
Sebastian Knight, 237

Entsprechend erzählt “V.”, Knights bemühter Biograf (von dem wir letztlich, siehe oben, nicht wissen, wer er tatsächlich ist; immerhin könnte V. auch für “Vladimir” stehen) … also erzählt er,

wie seltsam es für mich gewesen sei, mit seiner Schwester [i. e. der eines entfernten Bekannten, ANH], jetzt einer rundlichen Mutter zweier Knaben, über einen fernen Sommer im Land der Träume, in Rußland, zu sprechen [Hervorh. v. m., ANH].
Sebastian Knight, 179

Und Nabokov selbst schildert die Notwendigkeit, fortan auf Englisch zu schreiben, folgendermaßen:

Als ich mich 1940 entschloß,

das Jahr, in dem er Frankreich verließ und in St. Nazaire mit seiner Familie zur Passage in die USA die Gangway der Champlain betrat,

 

in die englische Sprache überzuwechseln, bestand mein Unglück darin, daß ich vorher schon mehr als fünfzehn Jahre lang auf Russisch geschrieben und mein Werkzeug, mein Medium bereits geprägt hatte. Beim Wechsel in die andere Sprache sagte ich mich somit nicht von der Sprache (…) los, (…) mit einem Wort, nicht von der allgemeinen Sprache, sondern deren individuellem, ganz persönlichem Dialekt (…) — und die ungeheuren Schwierigkeiten der bevorstehenden Veränderung, das Entsetzung bei der Trennung von einem lebendigen, zahmen Wesen versetzten mich zunächst in einen Zustand, über den sich auszubreiten hier nicht nötig ist; ich will nur sagen, daß vor mir kein Schriftsteller eines bestimmten Niveaus derartiges durchgemacht hat.
Zit. n. Dieter E. Zimmer, Sebastian Knight, Nachwort, 270

Doch als Schriftsteller hätte er in den USA keine Chance gehabt, wo es eine russische Emigrantenszene wie in Berlin und Paris nicht gab, zudem er noch für Jahrzehnte in Rußland-selbst ein verbotener Autor blieb, das er zudem unentwegt attackierte — ein Umstand, der ihn, wie bisweilen zu lesen ist, den Nobelpreis ebenso gekostet haben könnte wie sein lebenslanges Ätzen gegen “die” Psychoanalyse (von der er allerdings, ich schrieb es schon, nicht so arg viel Ahnung hatte).

Wie kaum mehr anders zu erwarten, geht er das Problem höchst artifiziell an, indem er nämlich einen Helden wählt, der Russe ganz wie er selbst ist und mit der Biographie des ausgesprochen britisch geprägten Halbbruders ebenfalls ein erstes englischsprachiges Buch beginnt, wobei die “britische Prägung” eine ist, um die sich Sebastian Knight bisweilen ziemlich komisch bemüht hat, und zwar so lange, bis er

sich selber zum Trotz mit einer Art hilfloser Verwunderung [begriff] (…). daß er selber, oder vielmehr der kostbarste Teil seiner selbst – gleichgültig, wie verständig und gefällig seine neue Umgebung den alten Träumen entgegenkam – genauso hoffnungslos einsam blieb wie immer (…,) und je gütiger das Schicksal zu erreichen suchte, daß er sich zu Haus fühlte, indem es mit Geschick nachbildete, was er zu begehren meinte, um so deutlicher wurde er seiner Unfähigkeit gewahr, sich dem Bild, irgendeinem Bild, einzufügen. Als er dies endlich von Grund auf begriff und grimmig daranging, seine Zurückhaltung zu kultivieren, als wäre sie eine seltene Begabung oder Leidenschaft — erst dann verschaffte ihm ihr kräftiges und wucherndes Wachstum Befriedigung, und er hörte auf, sich um seine peinliche Unverträglichkeit Sorgen zu machen (…).
Sebastian Knight, 57

Schon an dieser Stelle ist abermals zu bemerken, mit welch einer Perfektion Nabokov seiner Figuren zu gestalten versteht, hier zumal über die Spiegelung in der Sicht eines anderen, nämlich des Autors V. — ein nicht unbedingt neues Verfahren, das mit Serenus Zeitblom auch Thomas Mann kultiviert hat, sowie sehr viel später der von beiden geprägte Eigner, wobei allerdings Nabokov seinen beiden Figuren, sowohl dem Biografen V. als auch dem Schriftsteller Knight, auf eine Weise eigene Charakterzüge und Erinnerungen verleiht, wie wir es bereits aus seinen russischen Romanen kennen. Daß Knight ein Schriftsteller ist, wie nicht wenige der nabokovschen Helden, unterstreicht die Natur des literarischen Kosmos, durch den sich Nabokov bewegt, und erlaubt ihm völlig organisch, seine auch poetologischen Vorstellungen darüber zu vermitteln, was Literatur zu sein habe, sofern sie denn gut ist:

Er hatte die seltsame Angewohnheit, auch seine grotesken Figuren mit dem einen oder andern Einfall, Eindruck oder Wunsch auszustatten, mit dem er selber spielte.
Sebastian Knight, 145

Auch der von V. auf eines der Bücherregale Knights geworfene Blick – nämlich auf das am sorgfältigsten geordnete – ist hier sinnvoll (und eben nicht “beliebig” von Nabokov erzählt — sowieso nie bei einem Autor wie ihm …):

Hamlet, Le mort d’Arthur, The Bridge of San Luis Rey, Doctor Jekyll and Mr. Hyde, South Wind, The Lady with the Dog, Madame Bovary, The Invisible Man, Le Temps Retrouvé, Anglo Persian Dictionary, The Author of Trixie, Alice in Wonderland, Ulysses, About Being a Horse, King Lear …
Sebastian Knight, 54

Ein jedes Buch ist ein poetologisches Ausrufezeichen: Shakespeare, Flaubert, Stevenson, Proust, Joyce, nochmals Shakespeare. Dazu Thornton Wilder, Norman Douglas, Anton Tschechov (hier interessanterweise auf Englisch), der seit je geschätzte H. G. Wells und ein mir bis dato unbekannter William Caine (aufschlußreich indes, dazu → diesen Netzeintrag zu lesen). Schießlich Lewis Carroll noch sowie die Autorin (:unwahrscheinlich) oder der Autor von “About Being a Horse”, die, bzw. den ich nicht finden konnte. Zusammengenommen ergeben sie alle ein gutes Bild der von Nabokov akzeptierten Kollegen, mithin auch seiner eigenen Poetik, zu der eine, von Joyce abgesehen, deutlich konservative Skepsis gegenüber sogenannt avantgardistischen Stilexperimenten gehört:

Aber da er [der futuristische Dichter Alexis Pan, eine Travestie auf Chlebnikov, ANH] sein Bestes tat, die Leute mit einem enormen Schwall nichtssagender Worte zu schockieren (…), scheinen seine meisten Produkte heute so läppisch, so altmodisch [zu sein] (hypermoderne Sachen haben die seltsame Angewohnheit, schneller als andere zu veralten), daß nur noch wenige Gelehrte[n] um seine Verdienste wissen (…)
Sebastian Knight, 38

Das schließt übrigens Nabokovs kindheitserinnerten Ausflüge, siehe Jules Verne oder auch Conan Doyle, durchaus mit ein. So wird von Sebastian Knight erzählt, daß er

nicht gegen Groschenschmöker [hatte], denn die Alltagsmoral scherte ihn wenig; was ihn aufregte, war nicht das Dritt- oder n-t-klassige; es war das Zweitklassige – denn hier, auf lesbarer Ebene, begann die Gaukelei, und das war im künstlerischen Sinn unmoralisch.
Sebastian Knight, 117

Wobei ich, Freundin, Ihnen von → Nabokovs Klassizismus, literarhistorisch Neoklassizismus, mehrfach schon geschrieben geschrieben habe. Es scheint mir aber wichtig zu sein, abermals darauf hinzuweisen, weil er einer der die unmittelbare Wirkung dieser Romane – ihre Sinnlichkeit eben – bestimmenden Faktoren ist, und zwar trotz ihrer hohen Komplexion. Dieses, kein Zweifel, hat Nabokov dem verehrten James Joyce deutlich voraus. Dazu gehören unbedingt Formulierungen wie:

Der kleine Mann trug seine Verse mit so lauter, dröhnender Stimme vor, daß er an eine kreißende Maus erinnerte, die einen Berg gebiert. (39) | (…) und ich wollte ihm etwas Richtiges sagen, etwas mit Flügeln und einem Herzen, aber die Vögel, die ich mir wünschte, ließen sich auf meinem Kopf und meinen Schultern erst nieder, als ich allein war und sie nicht mehr brauchte. (42)

Gerade dieses “nicht mehr brauchte” erzählt eine Tragik, die unendlich sanft in Prozessualität dieses Satzes gewirkt ist. Es waltet in ihm ist eine noble, distinguierte Dramaturgie. Ebenso

die herzzerreißende Schönheit eines Kiesels unter Abermillionen von Kieseln, die alle ihren Sinn haben, aber welchen?
Sebastian Knight, 65

Dies freilich verbunden mit einer geradezu poetologischen Selbstoffenbarung Nabokovs, die als V.s Blick auf Sebastian Knights Romane kaschiert und obendrein jemandem anderes in den Mund gelegt ist, den V. mithin nur “zitiert”:

Ich fragte ob sie [die Bücher, ANH] ihm gefallen hätten. In gewisser Weise schon, sagte er, nur [scheine] ihm der Autor ein fürchterlicher Snob [zu sein], in intellektueller Hinsicht zumindest. Als ich um einer Erklärung bat, fügte er hinzu, daß Knight ständig ein selbsterfundenes Spiel zu spielen scheine, ohne seinen Partner die Spielregeln wissen zu lassen.
Sebastian Knight, 65

Das entspricht vielem, was über Nabokovs eigene Bücher – inkl. diesem – oft zu lesen ist, wenngleich von Aficionados in bewunderndem Ton. Denn in der Tat sind es die Spielregeln literarischer Kunstwelten und eben nicht banale Abbildungen der Alltagsrealität, womit sich aus ihnen auch keine irgend gearteten Direktiven für sie ablesen lassen, jedenfalls nicht unmittelbar, wie es unterdessen schon nahezu verlangt wird. Dennoch gibt es Brücken wie etwa eine Seite des Romans V.s quasi Zusammenschau seiner Bemühungen um Sebastian Knights, des Menschen, Geschichte zeigt:

Der seltsame Traum, den ich gehabt hatte, der Glaube an eine gewichtige Wahrheit, die er mir vor dem Tod mitteilen würde — das alles schien jetzt vage und abstrakt [zu sein], als wäre es in dem Strom einer einfacheren, menschlicheren Empfindung ertrunken, in der Aufwallung von Liebe, die ich für den Mann verspürte, der auf der anderen Seite dieser halbgeöffneten Tür schlief.
Sebastian Knight, 259

Wie wohltuend, nebenbei, ist hier die “alte” deutsche Rechtschreibung, die “halbgeöffnet” als ganzes Wort in rhythmischem Fließe noch zuließ, ebenso wie “selbsterfunden” drüber! Besonders schon glänzt es im “mildfarbenem Wein” der Seite 231. Denn

Nicht auf die Einzelteile kommt es mehr an, sondern auf ihre Verbindung.
Sebastian Knight, 225

Für den Roman als Geschöpf gilt das ganz genauso. Es ist eben dieses, was uns das Gefühl ermöglicht,

irgendeine wichtige Arterie des Buches entlangzugleiten.
Sebastian Knight, 224

“Entlangzugleiten” — ein Wort, eben! Es wird so sehr Zeit, mit dem schädlichen Wirrzeug ein Ende zu machen, daß die neue deutsche Falschschreibung uns eingebrockt hat. Denn zwar, wir deutschen Dichterinnen und Dichter können uns ihrer mit künstlerischer Freiheit noch erwehren, nicht aber Übersetzerinnen und Übersetzer aus anderen Sprachen, und zwar auch dann nicht, wenn sie selbst imgrunde Dichterinnen und Dichter sind.
Weil aber Nabokov (bzw. V.) an der eben zitierten Stelle schon so körperlich ist, jetzt über den Pfad einer selbstironischen Bemerkung zu einem auch biografisch wichtigen Thema hinüberbalanziert, zu nämlich NABOKOV UND DIE FRAUEN:

Sie sah weg. Ihr kleiner, harter Busen wogte (Sebastian schrieb einmal, daß er es nur in Büchern tue, aber hier war der Beweis, daß er sich geirrt hatte).
Sebastian Knight, 214

Ich weiß nicht mehr, wo ich es las, aber entweder Dieter E. Zimmer oder jemand anderes ließ durchblicken, daß Nabokov von weiblichen Autoren kaum viel gehalten habe; ich kann’s noch nicht überprüfen (Erinnerung sprich liegt ja noch vor mir), sehr deutlich aber, immer wieder, wird sein Frauenbild, das sich von seiner Nymphophilie nicht gänzlich ablösen läßt: zu denen, die ganz Frau noch nicht sind; wirklich noch Mädchen, also Kind, sind sie aber auch nicht. Deshalb ist der Begriff “Pädophilie” — ich wiederhole auch diese Anmerkung mit Nachdruck — völlig fehl am Platz. Schon für → Lolita geht er in die Irre. Statt dessen richtet sich die Neigung viel mehr auf Frauen in der Gestalt von Knaben. Dem entspricht Nabokovs verschleierte Homophobie. Daß er einen 1945 im Konzentrationslager Neuengamme umgekommenen homosexuellen Bruder hatte, Sergej, hat sie, möglicherweise schuldgefühlshalber, verstärkt und genau darum nach einem poetischen Ausdruck gesucht, der eine abgewehrte Homosexualität mit der genital-reifen Sexualität eines heterosexuellen Mannes zu einen versuchte. Versteckt tritt dieses psychodynamische Phänomen auch im Sebastian Knight auf, und zwar insofern Knight eine vielleicht nicht ganz so “ansehnliche”, aber verläßlich-heilsame Gefährtin, Clare Bishop, gefunden hat, die er für eine andere, höchst schillernde Frau verläßt. Indirekt erzählt Nabokov hier eine eigene Affäre mit, die seine Ehe ausgesprochen belastet hat. Anders aber als Knight entschied er sich nach langem inneren Chaos für den, ich sage mal, klugen Bestand.
Dieser Befund ist poetologisch wesentlich. Er erinnert an meine eigene Entscheidung, nachdem sich meine tief Geliebte von mir trennte, eben nicht, wie ich verzweifelt erwog, das Land zu verlassen, sondern meines kleinen Sohnes wegen hierzubleiben, so schmerzlich es immer auch war. Genau das ermöglichte aber Meere, worin Fichte tut, was ich nur erwog, dann verwarf. Genau diese Grundkondition bestimmt den Roman — weshalb nicht zuletzt es so falsch war, ihn “realistisch” zu lesen.
Interessant ist nun aber, wie Clare Bishop beschrieben wird, das, was sie so gut eben macht, also eigentlich, für ihn:

Sie war hübsch, von einer ruhigen Schönheit,

indessen er höchst unruhig ist,

– bleiche, schwach sommersprossige Haut, leicht hohle Wangen, blaugraue kurzsichtige Augen, ein schmaler Mund. Sie trug ein graues Schneiderkostüm mit einem blauen Schal und einen kleinen dreieckigen Hut.
Sebastian Knight, 92

Dagegen Knight selber wird folgendermaßen beschrieben:

Er sah elegant und frisch aus. Sein feingestaltetes weißes Gesicht mit den schwachen Schatten auf den Wangen (…) wies nicht die Spur jener stumpfen, ungesunden Farbe auf, die es sonst hatte
Sebastian Knight, 92

So gut also hat ihm Clare getan. Und nun wieder sie:

Sie benutzte ein angenehmes, kühles Parfum
Sebastian Knight, ebda.

Also Clare “insgesamt” ist hübsch, ruhigleicht hohlwangig, kurzsichtig, schmallippig, grau — mithin in keiner Weise auffällig, sondern entspricht dem “klassischen” Bild jener Frauen, die, wie es lange hieß – selbst meine Mutter hat es noch gepredigt –, “hinter jedem großen Mann stehen” und ihn (und nur ihn) befördern. Um es mit dem Roman selbst zu sagen, dort allerdings über eine noch andere Frau, in der V. anfangs die, ich sage mal, böse Verführerin irrtümlich wähnte:

Frauen wie sie zerstören das Leben eines Mannes nicht — sie bauen es auf.
Sebastian Knight, 175

Wozu auch folgende Bemerkung paßt:

Ich erinnere mich, daß er [Sebastian Knight, ANH] zu sagen pflegte, leichte Mädchen seien schwer von Begriff,

schon  das, wie sich herausstellen wird, ist ein Irrtum,

und es gebe nicht Langweiligeres als eine hübsche Frau, die sie gern amüsiert; mehr noch: wenn man sich das hübscheste Mädchen genau ansehe, während es eine Blütenlese von Gemeinplätzen von sich gebe, entdecke man mit Sicherheit irgendeinen winzigen, seinen Denkgewohnheiten entsprechenden Makel in seiner Schönheit.
Sebastian Knight, 190/191

Da tanzt dann in der Tat das Patriarchat, und ich mag meine Schadenfreude nicht verhehlen, wenn daran jemand strauchelt.
Dagegen also jetzt die wider Nabokovs und seines V.s Willen Helene von Graun, die sich allerdings erst einmal, um V. zu täuschen (was ihr mit hinreißender Bravour gelingt), als Madame Lecerf ausgibt — also diese – die Männer eben in Schweine verwandelt (wozu aber gesagt werden muß, daß ihre Insel die Wildschweininsel genannt ist – Circe, um derentwillen Knight seine Clare verläßt und derenthalben er letztlich ins Unglück stürzt ..:

Es war (…) eine kleine, zierliche, blasse junge Frau mit glattem schwarzen Haar. Ich meinte, niemals eine so gleichmäßige blasse Haut gesehen zu haben; ihr schwarzes Kleid reichte hoch bis zum Hals, und sie benutzte eine lang, schwarze Zigarettenspitze.
Sebastian Knight, 191/192

Deutlich also ein Vamp, der sofort durch seine konversierende Schlagfertigkeit und dem entsprechenden Spott auffällt:

“Ganz recht”, sagte sie vergnügt. ” (…) Liebesbriefe sollten unbedingt verbrannt werden. Die Vergangenheit macht vorzügliches Brennmaterial. Möchten Sie eine Tasse Tee?”
Sebastian Knight, 193

Nicht aber wirklich ihretwegen wird Sebastian Knight irre an der Frau, sondern letztlich – ecco! – aufgrund der ihm eigenen männlichen Überhebung. In keinem der bisher besprochenen Bücher war mir diese derart deutlich. Und wenn V. davon schreibt, er habe eine Sherlock Holmessche Kriegslist angewandt, als er einen vorherigen Informanten gefragt, ob Knights Geliebte eine hübsche, dunkle Frau sei, er hingegen annimmt, Knights Verhängnis habe blondes Haar, erwidert dieser

“Genau”, (…) und nahm mir damit den Wind aus den Segeln.
Sebastian Knight, 195

Den an anderer Stelle eben diese Frau dann hineinbläst. Er übersieht einfach, daß er in diesem Stück nicht den Holmes, sondern Doktor Watson gibt. Es ist aber auch genau das, seine zwar farblose, doch solide Rechtschaffenheit, was ihn davor bewahrt, Frau von Graun ganz ebenso zu verfallen, wie’s dem verehrten Bruder geschah. Die das selbst auf den Punkt bringt:

(…) Ich sagte einmal einem Arzt, daß bis auf Nelken und Narzissen alle Blumen dahinwelken, wenn ich sie berühre — merkwürdig, nicht?”
Sebastian Knight, 212

Rote Nelken symbolisieren Leidenschaft (weiße hingegen die Ehe), und Narzisse ist V. nun erst recht nicht, sondern eben nur des Schriftstellers Halbbruder, grad auch in Leidenschaft und Geist. Genau daran, es ist seine Nase, die ja fürs Gemächt steht, führt Frau von Graun als noch immer Lecerf ihn ständig durch die Räume ihrer drei Gespräche.
Es lohnt sich, genauer hinzuhorchen:

(…) Ich glaube nicht, daß er ein Verwandter von Ihnen war,

betonen Sie das bitte auf “glaube”,

er war Ihnen so unähnlich — soweit ich das nach dem, was sie [die vorgebliche Freundin, Knights Geliebte, ANH] mir erzählt hat und was ich von Ihnen bisher zu sehen bekommen habe, beurteilen kann, natürlich. Sie sind ein netter, rühriger Junge –
Sebastian Knight, 195

Junge!

und er, nun, er war alles andere als nett — er wurde geradezu bösartig, als er entdeckte, daß er sich in Helene verliebte. O nein, er wurde nicht zu einem sentimentalen Hundchen, wie sie erwartet hatte.
Sebastian Knight, 203

Und jetzt achten Sie bitte auf die emanzipierte Kritik, die diese Frau und wie sie sie einfließen läßt:

Er sagte ihr bitter, daß sie billig und eitel sei, und dann küßte er sie, um sich zu vergewissern, daß sie keine Porzellanfigur war. Nein, das war sie nicht. Und schon hatte er auch entdeckt, daß er ohne sie nicht leben konnte, und sie, daß sie genug davon hatte, ihn von seinen Träumen und den Träumen in den Träumen und den Träumen in den Träumen seiner Träume reden zu hören. Bitte, ich verurteile keinen von beiden. Vielleicht hatten sie beide recht oder vielleicht keiner – aber sehen Sie, meine Freundin war nicht ganz die gewöhnliche Frau, für die er sie hielt — ach, sie war etwa ganz anderes, und sie wußte ein bißchen mehr vom Leben und vom Tod und von den Menschen, als er selber zu wissen meinte.
Sebastian Knight, ebda.

Es ist ein poetisches Wunder für sich, mit welcher Grandezza es Nabokov wider eigenem Willen gelingt, das Portrait einer tatsächlich ungewöhnlichen Frau zu gestalten. Schauen Sie sich allein die Lebendigkeit an, mit der Frau von Graun, alias Lecerf, am zweiten Tag vor V. in ihren Salon tritt:

Endlich öffnete sich die Tür, und die Dame, mit der ich am Tag zuvor gesprochen hatte, seitelte herein — seitelte, sage ich, weil sie den Kopf nach hinten gewandt und gesenkt hielt; sie redete nämlich auf ein Wesen ein, das sich als eine froschgesichtige, knurrende, schwarze Bulldogge erwies, die offenbar keine Lust hatte, in das Zimmer zu watscheln.
Sebastian Knight, 196

Merken Sie, Freundin, wie geschickt es von Nabokov ist, diese tatsächlich hinreißende Frau zwar nicht mit der standardisierten Begleiterin der Hexen, einer Katze, auszustatten; dennoch ist diese allein in dem “schwarze” zugegen, wobei die Farbe zudem (die in Wahrheit ein Kontrast ist) mit dem von der Frau tags vorher getragenen Kleid korrespondiert.
Aus der ersten Begegnung mit V. stammt auch das zweite wiederaufgenommene Motiv: Der Vamp trägt nämlich einen scharfen, mit großem Stein besetzten Ring, an dem sich V. beim Abschied fast schnitt. Jetzt, als allererstes, warnt sie ihn, durchaus höchst symbolisch:

“Denken Sie an meinen Saphir”, sagte sie, als sie mir die kleine, klamme Hand reichte.
Sebastian Knight, ebda.

Wenn Sie mich berühren, heißt das, werden Sie sich verletzen. Und wirklich, er ist nahe daran:

(…) ich glaube, es könnte den Leser erheitern (und, wer weiß, auch Sebastians Geist), wenn ich sage, daß ich einen Augenblick lang daran dachte, mit dieser Frau anzubändeln. Es war wirklich sehr merkwürdig – gleichzeitig ging sie mir ziemlich auf die Nerven – ich meine das, was sie sagte. Irgendwie verlor ich den Halt.
Sebastian Knight, 215

Den er eigentlich erst wieder gewinnt, als ihr mokantes Gaukelspiel … nein, nicht auffliegt, sondern sie selbst hebt den Vorhang — typischer-, stilvollerweise vermittels einer Anspielung, die weit vorher im Buch ein Motiv war. Und verfolgen Sie seine, V.s, Reaktion, tun Sie’s, Freundin, präzise; sie wird meisterhaft in dem beschrieben, was und wie er sieht:

“Es war einmal ein Mann”, sagte sie sanft, “den habe ich geküßt, nur weil er seinen Namen verkehrt herum schreiben konnte.
Der Stock fiel mir aus der Hand. Ich starrte Madame Lecerf an. Ich starrte auf ihre glatte weiße Stirn, ich sah ihre veilchenfarbenen Augenlider, die sie gesenkt hatte, vielleicht, weil sie meinen Blick falsch verstand – sah ein winziges blasses Muttermal auf der blassen Wange, ihre zarten Nasenflügel, die gekräuselte Oberlippe, als sie ihren dunklen Kopf neigte, das matte Weiß ihrer Kehle, die lackierten rosenroten Nägel ihrer schmalen Finger.
Sie hob den Kopf, ihre merkwürdigen Samtaugen, deren Iris ein wenig höher lag als üblich, blicken auf meine Lippen.
Sebastian Knight, 219

Was er ihr nun entgegnen will — Nabokov erzählt es erst, als ob V. es täte —, entgegnet er allerdings nicht, sondern behält es für sich, als sollte er es Circes weiteren Schlagfertigkeiten besser nicht aussetzen, damit es ihm Gewißheit bleibt, eine deshalb so hohle, weil sie nur für ihn selber besteht. Der Abschluß dieser Szene stellt – versehentlich vielleicht … nein, sondern weil große Literatur Wahrheit auch gegen ihre Autoren vertritt – die gesamte Schwäche der patriarchalen Männerwelt bloß. Genau damit ist Nabokov die Schilderung einer der größten Frauenfiguren gelungen, wenn nicht die größte insgesamt, die ich in seinen Büchern bislang gefunden.

Dennoch, auch auf Clara Bishop soll die poetische Gerechtigkeit ihr Licht noch werfen, auch die meine: Indem an Sebastian Knight nämlich vorgeführt wird, was geschieht, als er seine treue Gefährtin wegen Frau von Graun verläßt, erzählt Nabokov quasi im Krebsgang, was ihm selbst nicht geschah und was ihm mehr schließlich wert war als eine ihm ohnedies nicht liegende rauschhafte Selbstauflösung in Leidenschaft. Er ist aristokratisch gesonnener Klassizist, wir sollten das niemals vergessen.
In ungefährer Mitte des Buchs wird Knight Abschiedsbrief an Clara wiedergegeben. Weil eine der wissendsten Liebeserklärungen, die ich kenne, ist er extrem berührend, weshalb ich diese Besprechung mit ihm auszugsweise beenden und weiteres nicht mehr hinzufügen möchte:

Dies wird Dir wehtun, meine arme Liebe. Unser Picknick ist zu Ende; die dunkle Straße ist holprig, und dem jüngsten Kind im Wagen wird gerade schlecht. Ein billiger Tor würde zu Dir sagen: Du mußt jetzt tapfer sein. (…) Das Leben mit Dir war wunderschön — und wenn ich wunderschön sage, so meine ich Wunderblumen und Tausendschön und samtene Weichheit, das lange, sanfte rosa ‘n’ in der Mitte, und wie sich Deine Lippen zu dem ‘sch’ rundeten. Unser Leben zusammen war alliterativ, und wenn ich an all die Kleinigkeiten denke, die sterben werden, nun, da wir sie nicht mehr teilen können, ist mir fast, als wären auch wir tot. Und vielleicht sind wir es wirklich? Je größer unser Glück war, desto verschwommener wurden seine Ränder, als schmölzen seine Umrisse dahin, und nun ist es ganz und gar zerronnen. Ich habe nicht aufgehört, Dich zu lieben; aber etwas in mir ist abgestorben, und in dem Nebel vermag ich Dich nicht zu erkennen … All das ist Poesie. Ich belüge Dich. Hasenherzig. Es gibt nichts Feigeres als einen Dichter, der Ausflüchte sucht. Ich glaube, Du hast erraten, wie die Sache steht: die dumme Formel ‘Eine andere Frau’. Ich bin verzweifelt unglücklich mit ihr — das wenigstens ist wahr. Und ich glaube, über diese Seite der Sache gibt es nicht viel mehr zu sagen.
Das Gefühl, etwas stimme grundsätzlich nicht mit der Liebe, will mich nicht loslassen.
(…)
Lebe wohl, meine arme Geliebte. Ich werde Dich nie vergessen und nie ersetzen. Es wäre absurd von mir, wollte ich Dir einreden, daß Du die reine Liebe warst und diese andere Leidenschaft nur eine Komödie der Sinne ist. Alles ist Sinnlichkeit und alles Reinheit. Aber eines ist gewiß: Ich war glücklich mit Dir, und nun bin ich elend mit einer anderen. Und so wird das Leben weitergehen.
(…) Aber das wird nicht heißen, daß ich glücklich sein werde ohne Dich … Jedes noch so winzige Ding, das mich an Dich erinnert – der mißbilligende Blick der Möbel in den Zimmern, wo Du die Kissen zurechtgeklopft und mit dem Feuerhaken gesprochen hast, jedes noch so winzige Ding, das wir zusammen entdeckt haben – wird für mich immer nur die eine Hälfte einer Muschel, die eine Hälfte einer Münze sein, von der Du die andere behalten hast. Lebe wohl. (…) Vergiß mich jetzt, aber erinnere Dich später an mich, wenn die Bitterkeit vergessen ist. Dieser Klecks rührt von keiner Träne her. Mein Füller ist kaputt, und ich schreibe  mit einem dreckigen Federhalter in diesem dreckigen Hotelzimmer. (…) Ich glaube, Du hast noch ein oder zwei Bücher von mir – aber das ist nicht wirklich von Bedeutung. Bitte schreibe nicht. L.”
Sebastian Knight, 144/145

 

 

Darüber, Geliebte, hinaus ist wirklich nichts mehr zu sagen.

Ihr ANH

 

 

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III, 460 – Weichbilder

Was besonders auffällt in den hiesigen Gassen: Die älteren Frauen (Witwen?), die sonst — mal die mal die mal die immer eine oder die immer zwei — vorm Tabakladen, gegenwärtig waren und ein höfliches Grüßen allemal erheischten, das gleichsam (“das gleichsam streichen!” – Handke, Bildverlust, 395) bzw. das ein kurzes Lächeln bedingte von der Art: Wir haben uns schon oft gesehen und erkennen uns wieder, auch wenn wir nichts voneinander wissen. — Sie sind verschwunden aus dem “Weichbild” der Gassen. Möglich, daß Angehörige sie angefleht haben, nicht mehr sich im öffentlichen Raum blicken zu lassen oder überhaupt dort zu verkehren.
Zaghaft seit langem heute wieder zur Weinkellerei Zanchi. Vorheriger Anruf mit der Frage, ob sie denn in diesen Zeiten wie üblich funktioniere. Was bejaht wurde. Und ich druckte brav, wie auch gestern schon, als ich zur Post ging (dort eine aus Einzelpunkten bestehende Schlange, die keiner geraden Linie entsprach, sondern eher auf Zuruf funktionierte: “Wer ist der letzte?”) meine Eigenerklärung mit den nötigen Angaben. Indes hat es noch niemals Kontrollen gegeben.
Auch die Weinkellerei hatte ihre Vorkehrungen getroffen. Der Eingang war mit einem Tisch versperrt, darauf ein Behältnis mit der schriftlichen Aufforderung, dort hinein das Geld oder die Kreditkarte zu legen. Die übliche Samstagsfrau trug eine weiße Gesichtsmaske. Ich selber auch, neulich im Tabakladen gekauft. Ob ich das sei, der heute morgen angerufen habe, fragte sie. Was ich als sozusagen Stammkunde durchaus bejahen konnte. — Ich legte das abgezählte Geld in den Behälter. Sie legte den Bon dito in den Behälter. Alles berührungslos.
Auch sonst die Beobachtung, daß die meisten Leute auch Ex-und-Hopp-Handschuhe tragen. Habe ich aber nicht.
Schauen auf die Reben des Weinbergs: es fängt an zu sprießen. Und tatsächlich in dunstiger Ferne die doch noch Schnee tragenden Flanken des Terminillo, dem im Winter gänzlich schneeverwaisten.
In die üblichen Weiten des Alltags wehte eine Todesnachricht. Ein Schulkamerad aus Dorfschulzeiten (grad mal einen Monat älter als ich) sei gestorben. Aber wohl nicht am Virus. Er hatte sich schon seit Jahren (Jahrzehnten? (zwei ist Plural… aber ich weiß nicht mehr, wann mein letzter Besuch stattfand)) wegen der Folgen eines Schlaganfalls total zurückgezogen: eine Art Selbstisolation. Er blieb dennoch im Gespräch bei meinen letzten Schützenfestbesuchen im Dorf: “Weißt du noch?”.
Er sei im Wolfsburger Krankenhaus gestorben. Allein. Da derzeit dort keine Besucher hereinlasse würden. Unter anderem: Nierenversagen.
Der vorgehabte diesjährige Schützenfestbesuch wird wohl ausbleiben müssen.
Und überhaupt alles Aus- und Einreisen. Auch wenn ich dafür wäre, es dennoch zu tun, aber es bleibt eine Unverantwortlichkeit. Beispiel: Nachbarort Giove: Man hat dort im Supermarkt versäumt, den Fall einer Mitarbeiterin zu melden und den Betrieb wie üblich fortgeführt … so kamen dann andere Fälle noch und noch. Und es entstanden zwischen den verschiedenen Bürgermeistern Zäune wie diese (oder wie in Ungarn oder sonstwo, was Flüchtlinge oder sonstwie “queere” (ich mag das Wort nicht) Menschen betrifft):

15.15 Uhr: Zwei Absperrungen halten Paare an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz in Konstanz am Bodensee auf Abstand. Auf Schweizer Seite sei ein zweiter Zaun aufgestellt worden, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. Dort stehen nun zwei Drahtgitterzäune, wie man sie von Baustellenabsperrungen kennt – zwischen ihnen ist ein etwa zwei Meter breiter Abstand.

Auf dem Platz dann doch andere freundliche Gesichter. Aber man hält rigoros Abstand. Der Himmel bleibt blau.

 

Und Sant’Agostino is a miracle of yellow.

 

 

 

III, 495 – Es hat geschneit

Vierzehntes Coronajournal: Sonnabend, der 4. April 2020. Darinnen Christian Jeltschs und Jobst Christian Oetzmanns großer TATORT mit Maria Furtwängler und Florence Kasumba, die beide einfach nur hinreißend sind.

[Arbeitswohnung, 7.37 Uhr]
Ein klein wenig alarmierend war dies nun doch, daß ich gestern, nachdem ich nach einer Unterbrechung von sieben Monaten mein → Lauftraining wieder aufgenommen hatte und es mit dem nur-5-Kilometer-Lauf aber doch sehr, meinte ich, vorsichtig angegangen war, nachher quasi völlig außer Gefecht gesetzt war. Unter der Dusche ging es mir noch bestens, ein tiefes, genußvolles Duschen, doch als ich mich dann zur Siesta legte, begann das Zittern, wirklich, am ganzen Leib. Obwohl ich noch eine zweite Decke über mich legte. Es hörte überhaupt nicht mehr auf, hielt bis zum Abend an, störte meine Konzentration. Komplett arbeitsunfähig.

Und dann, was ich mir so sehr gewünscht hatte, schauten mein Sohn und लक्ष्मी herein; er hatte sich ohnedies angekündigt, nachdem ich ihm gewhatsappt, es liege sein Mietzuschuß hier bereit, und sie, nun, schloß sich ihm an. So standen sie dann hier, saßen, bekamen jede/r ihren Espresso. Wir plauderten, ich zitterte weiter — und das nun gehört zum dann doch Alarmierenden, daß ich denken mußte: Dein Körper ist grad ziemlich geschwächt, wenn sie oder er nun Überträger sind, dann hast du Corona jetzt.
So tief reicht, was grad geschieht, in unsere Psychen hinein. Es ist eine imaginäre Angst, die zugleich doch konkret ist. Einmal abgesehen davon, daß, diese lange Zeit mein Training ausgesetzt zu haben, ein selbstverschuldeter Raubbau an meinem Leib und deshalb, schon für sich genommen, an meinem Geist war. Dieses quasi-Erliegen der physischen Widerstandskraft zeigt die Schwächung der Seele an. Zugleich muß ich aufpassen: nicht meiner Subdepression auf den Leim zu gehen, die mir nahelegen wird, nach der Erfahrung von gestern den Sport doch “sicherheitshalber” wieder einzustellen, kaum daß ich ihn neu begonnen. Denn die, ich schreibe mal, Durchlüftung des Körpers “schadet” der Verstimmung, hellt sie physiologisch auf und wird sie schließlich erledigen. Das kann sie nicht wollen. — Durchaus sinnvoll, innere Dämonen auch dann als absichtsgerichtete Geschöpfe zu begreifen, die uns alles andere als wohlwollen, wenn sie auch, “tatsächlich”, nur sozusagen blinde Abläufe der Hirnchemie sind.
Daß uns aber, was wir ersehnen, zu Furchtgründen wird, ist eine der schlimmsten Infamien Coronas. Wie so oft, läßt sich auch dem nur mit Stolz und Haltung begegnen, auch und gerade dem Risiko.

(Umso wichtiger wird es nun sein weiterzumachen, aber vielleicht noch vorsichtiger dosiert als geplant. Vielleicht den Lauf erstmal etwas umbauen: 2,5 km laufen, 1 km gehen, die nächsten 2,5 km laufen, dann nochmals einen Kilometer gehen. Wenn das vom Körper ohne Einschränkung weggesteckt wird, wieder zum Durchlaufen übergehen und langsam steigern, bis ich wieder da bin, wo ich gemeinhin war, bei meinen 13,3 durchgelaufenen Kilometern. — Die sonst zur Verteilung der körperlichen Beanspruchung genutzten Alternativen sind mir ja derzeit verschlossen und werden es noch lange bleiben: Schwimmbäder zu, Fitnesscentren zu. Mal sehn.)

***

Zweierlei ist mir, von Corona abgesehen, gerade wichtig:

1
Es wäre fein, wenn Sie, liebste Freundin  — falls auch Sie, worüber ich mich freute, zu meiner neuen “Serie” Omisätze auch aus Ihrer Erinnerung etwas hinzutun möchten —, daß Sie dann bitte den Namen und möglichst die Lebensdaten der Großmutter hinzufügen möchten. Ich werde diese Menschen nämlich dann jeweils in die Widmung des folgenden Beitrag mit übernehmen, so daß sich nach und nach ein Museum erzeugt, das längst Vergessene nennt und ihnen den Wert eines Bleibenden, Gebliebenen gibt, eine, sozusagen, Ehrung als kleine Kulturgeschichte von unten.

2
Bitte schauen Sie sich den wirklich großen TATORT “Krieg im Kopf” an, in der ARD-Mediathek → dort noch bis zum 29. September dieses Jahres verfügbar (wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich der Film und beginnt). Er gehört nicht nur seiner Thematik wegen zu den so aufregendsten wie beklemmendsten und damit mutigsten Folgen dieses Formats überhaupt, ist zugleich ein deutlich politischer Kommentar zum Begehren der USA, Rebellen wie Julian Assange auszuliefern, sondern das gestalterische Schauspiel beider Frauen ist von einer derartigen Intensität, daß ich vor Bewunderung auf die Knie sinken möchte, und zwar gerade, weil sich Lindholm (Maria Furtwängler empfinde ich als eine der erotischsten Schauspielerinnen unserer Gegenwart überhaupt) und Schmitz ja nun wirklich nicht leiden können und aber so sehr klar wird, wie wenig das angesichts des politisch-militärischen Geschehens eigentlich eine Rolle spielt, noch spielen darf — und daß es ihnen klar wird. Das ist nicht nur indirekt auch ein Kommentar zu Corona, sondern vor allem einer weit über Corona hinaus, insofern deutlich wird, wie gefährlich es ist, im Leben mit der gegenwärtigen Virusbedrohung alles andere zu vergessen, als wäre es nicht. Ungarn, sehr offen, hat schon gezeigt, was geschehen kann, aber auch wir scheinbar freien Europäer — gerade in der nötigenden Umklammerung durch die NATO — stellen allzu, ich möchte fast “erleichtert” schreiben … wie auch immer, stellen unterm Diktat der Notwendigkeiten unsere Rechte allzu einfach anheim. Notstandsrechtlich und zugleich manipulativ-moralisch durchgesetzte “Sachzwänge” vor Bürgerrecht. Bislang nur die Schweden widerstehen dem, ja nur sie sehen einen Zusammenhang, denken also freiheitspolitisch zugleich. Daß sie wissen, auch sie kommen um Tausende Tote nicht herum, und daß sie es öffentlich auch sagen, zeigt die Bedeutung, die Freiheit für sie hat.
Übrigens fällt in dem TATORT ein erkenntnistheoretisch extrem bedeutsamer Satz, dessen Wahrheit zugleich eine Aussage zur Frage unsres vorgeblich freien Willens ist:

Gedanken entstehen, bevor sie uns bewußt werden.

Wer hier weiterdenkt, der und dem wird herzenge schwindlig.

Ihr ANH

(Siehe auch → Trainingsprotokoll)

P.S.:
Hier noch der → Link auf ein ausführliches Grundsatzpapier (PDF) zum (für Deutschland) empfohlenen weiteren Vorgehen in Zeiten der Corona. Ausgearbeitet von einem Gremium deutscher Wissenschaftler. (Dank an die NZZ.)
Ein einiges, freilich, geschweige einigendes europäisches Vorgehen wird nach wie vor von Der Dschungel vermißt — eine grausliche, wenn auch “Neben”katastrophe.

Coronas Einsamkeit. Träume, Klarträume, Albtraumfiktionen. Im dreizehnten Coronajournal, nämlich des Freitags, den 3. April 2020. Darinnen auch Philosophie der Geschichte als einer der Natur.

[Arbeitswohnung, 5.19 Uhr
Der Amselhahn singt, obwohl es noch dunkel.]
Nur eine einzige Lampe im Zimmer, auf meinem Schreibtisch; der grüne Artdeco-Schirm mit dem geklebten Spalt, auch kupferner Bronze der geschwungene Fuß, klassizistische Schaft. Und kühl, sehr kühlt weht es vom Oberlicht, das offen, herab.

Ich habe nicht schlafen können oder doch geschlafen, aber so, daß ich träumte weiterzuwachen und weiter zu denken, nämlich dieses Arbeitsjournal, und zwar dort, wo ich es → gestern abbrechen mußte, nicht ganz indes abgebrochen hatte. Was zu den Dschungelblättern zu sagen war, jedenfalls ihrer ersten Ausgabe, hab ich ja noch nachgetragen. Doch nichts mehr zu Corona geschrieben, dieses vielmehr auf heute verschoben.
Über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen,

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich formulierte mir Satz für Satz, etwas zu Abend gegessen, etwas auch vielleicht zuviel, das im Magen wie eine Suppe aus flüssigen Steinen lag und mich drückte, so in das Laken drückte, daß ich mich wälzte, aufwarf, wälzte erneut. Und dabei dachte und dachte. So merkte ich nicht, daß ich längst schlief. Mir träumte, was ich dachte, weiter. Mein Geist “glitt” nicht, sondern rutschte schwer zurück in das Gespräch, das ich mit den beiden Frauen geführt, den zwei Ärztinnen, der älteren, der jungen. Ich rekapitulierte das gesamte Gespräch und was ich den zweien erzählt hatt’. Und schlief doch eben schon längst. Oder vielleicht, daß ich zwischendurch wach war? Es gab zwischen Traum und Halbwachsein gar keinen Unterschied mehr.
Um 23 Uhr war ich zu Bett gegangen, hatte einen Film angebrochen, der voll mit Großen Bildern war — wider Willen abgebrochen, weil zum einen der Magen so drückte, daß sitzen zu bleiben mühsam war; und zum anderen hatte ich mit Frau Kiehl abgesprochen, ich wolle heute mein Lauftraining endlich wieder aufnehmen. Das hatte mir auch dringend die Ärztin, die ältere, geraten. “Sie müssen laufen, es rettet Sie.” Nur daß ich derzeit nicht weiß, ob ich gerettet zu werden eigentlich will. Wobei es sein kann, daß dieser Gedanke bereits einer des Traums war.
Ich formulierte, formulierte die gesamte Nacht durch. Doch wollte und will ich wirklich laufen. Das wußte ich zugleich auch. Wollte ich also heute früh mein Arbeitsjournal — es würde und wird ein längeres werden — so schreiben, daß es noch vor dem Mittag eingestellt werden kann, so mußte ich spätestens um sechs am Schreibtisch sitzen. Nun wurde es ein Viertel nach fünf. Doch um halb fünf schaute ich erstmals zur Uhr. Der Magen drückte weiter. Aber ich glaubte, es sei schon über die Hälfte meines neuen Textes fertig, er stünde schon in der Matrix, in die ich jeweils die Beiträge schreibe. Alles war das, sogar Zwischenüberschriften gab es. Ich müsse einfach nur weiterschreiben.
Die Dreiviertelstunde zwischen meinem ZurUhrSehn und daß ich schließlich aufstand brauchte ich, um mir klarzuwerden, es stehe noch gar nichts da im Text, sei alles nur imaginiert.
Welch ein Verlust! — Erhöb ich mich nicht sofort, es wäre alles, alles verloren.
Niederschreiben, was noch in der Erinnerung ist, bevor es, was Träume schnell tun, auf das infamste verweht ist, sich aufribbelnd gleichsam wie die Bilder dieses Spielfilms, COMA, dessen Himmel aus lauter Dendriten besteht.
Der Auslöser war wieder die von mir wirklich gefürchtete Mundschutzpflicht. Jetzt floß sie, als Drohung, in meine Träume. Sie macht mich schleichend depressiv, aber spürbar.
“Wissen Sie”, erzählte ich den beiden Ärztinnen, “wenn ich jetzt auf die Straße gehe und sehe ein Paar Hand in Hand — Sie glauben nicht, welch ein Glücksgefühl mich dann durchschießt, warm durchschießt, aufsteigend eher und mich salbend … Oder wenn ich jetzt abends seinen Spielfilm sehe und es gibt eine Liebesszene … nein nein, keinen Akt, sondern einfach nur ein zärtliches Streicheln, vielleicht einen langen innigen Kuß … – früher habe ich dann oft weitergespult, die Szenen übersprungen, weil es zuviel von ihnen schon gab, weil man ja alles schon zigfach kennt … Jetzt aber, jetzt wiederhole ich diese Szenen sogar, weil sie mir so viel Hoffnung geben. Denn sie zeigen, was wir sind, wofür wir sind und was das größte Glück ist, das wir Menschen überhaupt kennen.” — Verstehn Sie, Geliebte? Ich sprach dies erneut, nun in dem Traum, und ich schrieb es in ihm auf.
Was bedeutet es, wenn wir einander nicht mehr zulächeln können und das, was wir flirten nennen, restlos verkommt? “Aber wir flirten doch über die Augen, lächeln auch über die Augen”, sprach zu mir लक्ष्मी am Telefon. Doch das ist anders.
Die junge Ärztin empfand das auch, die ältere trug erst gar keinen Mundschutz. Als ich noch im Wartezimmer saß, lag dort einen DIN-A4-Blatt aus, das den Patienten Verhaltensregeln an die Hand gibt. Ein Absatz beruhigte mich enorm:

Dabei sehe ich es ein und schrieb es so auch, daß wir die anderen, Gefährdete, schützen müssen, auch wenn mich der dauernde Aufruf moralisch an meinem Gewissen erpreßt oder nötigt. Aber ich will nicht aussehn und nicht, daß andre so aussehn, als wären wir Darth Vader und sprächen dann so auch. Genauso formulierte ich es, gegenüber den Ärztinnen, nun wieder im Traum und ein drittes Mal jetzt, da ich es tippe. Auch habe ich längst eine andere Lösung gefunden, für die ich → Helmut Schulze danke. Bei mir — nicht im Freien, nein, aber wenn ich geschlossene Räume betrete, in denen es bisweilen unumgänglich ist, einander nahezukommen — sieht es nach ANH of Arabia aus, wenn Sie, oh Freundin, so wollen. Immerhin ist das nicht ohne Witz. Und hat zugleich ein Geheimnis, das bei Frauen Schönheit werden kann.

Es war fast wunderbar, daß die junge Ärztin nun, da ich erzählte, ihren Mundschutz mehrfach abnahm, lächelte, ihn wieder über das untere Gesichtsdrittel hochzog, bereits abermals abnahm, so öfter hin und her. Und beide hörten konzentriert zu, als ich von meinem Eindruck einer Geschichtslogik erzählte, derzufolge, ich schrieb es in DER DSCHUNGEL schon mehrfach, die zumindest westliche Welt sich spätestens seit AIDS in einem Prozeß zunehmender Entkörperung befindet, Entfremdung vom Körper, der aber doch das eigentliche und zutiefst allgemeine Wunder unseres Menschseins sei — denn anders als wahrscheinlich dem Tier und der Pflanze sei es uns ständig bewußt gegenwärtig — , und wie sehr vieles genau auf dieser Linie liege, um sie quasi zu erfüllen und uns von ihm zu entfernen, ja ihn zu diffamieren. Daß uns jetzt schon die natürlichsten Instinkte, etwa den Kontakt zu Frauen zu suchen, als Mißbrauch ausgelegt, also moralisch denunziert würden, sowie wir es zeigten. Dazu die fortgesetzte Virtualisierung von Welt, die, wie Harraway schreibt, Auslagerung unserer Körper- und fast auch meisten Verstandesfunktionen qua Umformung in mathematische Algorithmen und Module in die Maschinen. Daß Corona da nur der nächste Schritt, möglicherweise, sei.

Selbstverständlich ist das eine Konstruktion der Erklärung. Mit allem Recht kann Sabine Scho dagegenhalten, daß Natur überhaupt keinen Zweck verfolge, wir ihr sogar komplett egal seien. Nur ist dies ein → dem fürchterlichen Houellebecq nicht unverwandter Nihilismus. (Er war fürchterlich schon mit seinem ersten bekanntgewordenen Buch, und ist ständig ekelhafter geworden; daß er so gefeiert wurde, der nicht mal über Stil verfügt, ist für die europäische Dichtung ein Skandal für sich selbst). Aber Scho geht an dem vorbei, was ein Mensch ist. Es gehört zu seiner Art, in dem, was geschieht, einen Sinn zu finden — oder ihn zu erfinden. Wenn wir uns klarmachen, daß die Wahrnehmung von Wirklichkeit ohnedies eine Konstruktion ist, die wir aufgrund der Organisation unseres Gehirnes bauen, nicht etwas tatsächlich Wirklichkeit-selbst, ist die Fähigkeit, Sinnzusammenhänge zu modellieren, genau die Grundlage für das, was Kant Kausalität aus Freiheit nannte und zugleich die notwendige Bedingung aller Kultur. Genau das ist der geschichtsphilosophische Ansatz, der eben deshalb ohne Religion nicht auskommt. Er gibt uns Handlungsalternativen, die wir angesichts purer Sinnlosigkeit nicht hätten. Etwa, was mir gestern Benjamin Stein von seinem Rabbi erzählte, der (heißt das auch im Mosaischen so?) gepredigt habe, Corona sei ein Warnzeichen Gottes (JHWH): Haltet ein! Besinnt euch! Macht so nicht weiter! Daran ist etwas. Wir müssen dafür nicht gläubig sein, um es zu erfassen, schon gar nicht monotheistisch gläubig. Oder wie mir लक्ष्मी noch am Telefon sagte, als wir erneut über diese unsäglich deutsche Klopapierhamsterei sprachen und ich ausgerufen hatte, wie furchtbar es sei, daß plötzlich wieder etwas zutage trete, das längst für überwunden geglaubt: sowas wie ein Volkscharakter, zumal der anale der Deutschen. “Das war doch alles längst vorbei!” “Vielleicht ist es ja ganz gut”, sagte sie, “daß diejenigen jetzt sterben, die es gar nicht mal bewußt, sondern weil sie selbst so geprägt sind, immer und immer weiter in ihre Kinder eingeflößt haben. Meine Generation” – sie meinte die ihre, nicht meine – “ist davon doch längst frei. Wir sind offen gegenüber Fremdem, begrüßen es und befreunden uns mit ihm.”

Aber stellen Sie sich die Situation vor:
Nachdem ich erzählt habe und bevor ich’s erneut tu, stehe und sitze und liege ich da mit nichts als der knappen Unterhose am Leib, und die Frauen, beide, tasten, klopfen, pochen mich ab, drücken hier, drücken dort. “Tut das weh?” Sie bewegen meine Beingelenke, Armgelenke, führen mich in die Taillenbeugung, ich muß mich auf die Zehenspitzen stellen. Sie mustern jeden Leberfleck, horchen mich ab, beidseits, die eine links, die andere rechts — und alles, was ich beklagt hatte, die gesamte körperliche Kontaktlosigkeit hob sich auf. Es war wie Glück. Nein, war Glück. Die puren Finger, dieser Frauen, fühlten.
“Daß uns alles genommen wird”, hatte ich gesagt, “was unser Eigentliches ist, macht mich fast depressiv. Der Austausch, das Ineinanderfließen unserer Körperwärme, die Vermischung der Säfte, ohne die es Menschen überhaupt nicht gäbe. Und wir können nicht sagen, für wie lange noch.” An eine schnelle Aufhebung der Umgangsbeschränkungen glaubten auch meine beiden Ärztinnen nicht. Wochen, möglicherweise Monate werden es noch sein. Und dann wird alles anders, der Körper der anderen als Gefahr im Programm sein.
“Daß dies endlich einmal wer ausspricht”, sagte, ihren Mundschutz wieder abgenommen, die junge Ärztin, nachdem sie mich für die Pneumokokkenimpfung in den Nebenraum gebeten hatte, “was wir alle denken. — In welche Schulter soll ich ..?”

Es gab aber auch etwas Rettendes hier. Ich war noch im ersten Behandlungszimmer.
“Sagen Sie”, fragte ich, “Ihre Praxis ..?”
“Ja?”
“Merken Sie auch Umsatzeinbußen, sind auch Sie gefährdet in Ihrer Ökonomie?”
“Ein bißchen, ja. Aber es hat auch ein Gutes. Sehen Sie, zum ersten Mal seit Jahren können wir uns, da der Ansturm nicht mehr so groß ist, um unsere Patientin wirklich kümmern. Wir haben die Zeit, miteinander über sie zu sprechen und vor allem, mit ihnen zu sprechen. Das gab es lange nicht mehr, war gar nicht möglich. So gesehen schenkt uns Corona etwas zurück, das wir verloren hatten. Wir können wieder tun, was uns einst bewogen hat, diesen Beruf überhaupt zu ergreifen.”

Und davon wachte ich erstmals auf, schlug mich noch diese weiteren fünfundvierzig Minuten auf dem Laken herum, bis ich endlich begriff, das von all dem tatsächlich noch gar nichts zu Text gebracht war und ich es schleunigst tun nun müsse.

***

Dem Ärztinnenbesuch folgten Wege, um weitere Termine auszumachen. Ich komme um eine Magenspiegelung leider nicht herum, auch eine Darmspiegelung steht wieder an. Und die Gefäße müssen kontrolliert werden, grade jetzt, da ich wieder rauche.
Auf der Straße trugen nur wenige Menschen den Mundschutz; es waren auch mehr unterwegs, als ich erhofft, immer mit gutem Abstand freilich, doch viele Paare Hand in Hand und mit ihren Kindern, die tollten. Auch das war beglückend.
Ich dachte an den schwedischen Sonderweg, der mir innig sympathisch und von dem von uns keiner weiß, ob er nicht recht hat. Sollte er irren, und sollten dann die Schweden um internationale Hilfe rufen, hör ich schon das “Selber schuld!” tölen und “Nun solln sie’s selbst auch ausbaden!” — Höchst unangenehmer Gedanke, der die Canaille zurück in den Blick nimmt anstelle die liebenden Paare.

Und dann, ja … und dann begegnete mir zum ersten Mal in meinem Leben das, was man – nicht wirklich correct – Antisemitismus nennt.
Ich spaziere die Ahlfelder Straße entlang. Ein Mann indischer, vielleicht tamilischer Herkunft kommt mir entgegen, “falsch” die Basecap auf dem Kopf. Bleibt stehen, sieht mich an und sagt: “Wir sind hier nicht in Brooklyn.”
Ich verstehe nicht recht. Er zeigt auf meinen Hut.
Es braucht immer noch, bis ich begreife. Er zeigt erneut auf meinen Hut, sagt abermals, nun deutlich verärgert: “Wir sind hier nicht in Brooklyn!”
Endlich, endlich verstehe ich. Aber mir fällt keine andere Entgegnung ein, als daß wir auch in Chicago nicht seien.
Er dreht sich mißbilligend weg, und schimpfend geht er fort. Und ich bin seltsam froh, daß er kein Deutscher war, jedenfalls nicht von Herkunft. Woraufhin mir Phyllis Kiehl am späten Nachmittag den Link auf einen Aufruf Markus Gabriels schickte, den ich hier nun meinerseits verlinke:

→ WIR BRAUCHEN EINE METAPHYSISCHE PANDEMIE

Der vielleicht ein bißchen schlichte Text ist dennoch von größter Valenz und spricht etwas an, das auch mir seit Tagen durch den Kopf geht, den eines überzeugten Europäers. Die einzigen, denen ich ihren Nationalismus nicht verüble, sind die Schweizer, dies aber auch nur, weil er ihnen Neutralität garantiert. Hingegen ist die gegenwärtige nationale Abschottung der nichtneutralen, vielmehr in militärische Pakte eingebundenen europäischen Länder ein historisches schlimmer-als-Elend. Da haben wir endlich einmal einen wirklich europäischen Staatsmann, nämlich Emmanuel Macron, der eine lebendige Vision hat — und was tun wir Deutschen? Wir sperren uns gegen Eurobonds? Lassen Griechenland wieder einmal am ausgestreckten Arm allein? uneingedenk der kulturellen Historie und sowieso, daß wir sogar mit der arabischen Welt schon deshalb enger verbunden sind, als wir mit den USA jemals waren, weil uns über sie, also jene, die altgriechischen Schriften übermittelt wurden, die dort bewahrt und übersetzt worden sind,  um von der medizinischen und Bewässerungs-Zivilisation ganz zu schweigen, da sich das Christentum gegen den Kultur- und Wissensschatz Europas – und sowieso jeglich Apostate – gebärdete, wie’s heutzutage nicht mal dem الدولة  gelingt.

***

Doch zum Anfang noch einmal zurück (“über Einsamkeit hatte ich schreiben wollen”):

DIE EINSAMKEIT IN ZEITEN DER CORONA
Pandemische Liebe der Hautlosigkeit

Ich spüre sie, spür sie schon jetzt, nach nicht einmal zwei Wochen. Die ausbleibenden Besuche meines Sohnes fehlen mir, sehr. लक्ष्मी, gestern, erklärte: “Er kommt nicht, um dich zu schützen.” Der seelische Schaden ist höher, als wenn ich angesteckt werden würde. Ich will nicht ohne Umarmungen leben — und stelle mir laufend vor, wie es den alten Menschen in den Heimen ergeht, die sowieso schon ein Verbrechen an den Menschen sind, von der Verdi Casa di riposa einmal abgesehen, vielleicht. Wenn auch sie jetzt keine Besuche mehr bekommen, bekommen nicht mehr dürfen und alleine, ganz alleine sterben. Mit meinen Zwillingen telefonierte ich ebenfalls gestern. Ophelia, dreizehnjährig, sagt: “Ich würde dich so gerne in den Arm nehmen.” Auch wenn es wahrscheinlich nicht wirklich so ist, ist ihnen doch bewußt, daß ich zu den Gefährdeten gehöre, meines numerischen Lebensalters wegen und weil ich rauche. Sie distanzieren sich wegen einer Fürsorglichkeit, die mich in die Leere sperrt. Doch andere weit mehr. Es gibt Hochrechnungen, denen zufolge die auch letalen “Kollateral”schäden höher sein könnten als die vom Virus verschuldeten Todesfälle  Und nebenbei schafft sich schleichend die Demokratie ab, insofern sie auf der Selbstbestimmung der Einzelnen ruht. Die schon dauermoralisch beschnitten wird. Nein, ich habe keine Angst vor der Ansteckung, einfach deshalb, weil ich keine Angst vor dem Tod habe. Hingegen, Geliebte, vor Vereinsamung sehr.

Ein mir wichtiger Mann ist vorgestern nacht auf gestern verstorben. Nein, nicht an Corona. Er schlief einfach ein. Mehr soll ich bitte noch nicht schreiben. In einem Haus voll Kunst hat er seinen Lebensabend verbracht, der langsam, langsam dämmriger wurde. Zu seiner Beerdigung dürfen wir nicht. Zur Freundin sagte ich: “Wir werden eines Tages eine Wallfahrt an sein Grab unternehmen.” Von diesem Einfall ward sie nicht alleine getröstet, sondern auch ich, der ihn hatte.

ANH
9.38 Uhr

[Siehe auch → Trainingsprotokoll]

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