Wechsel der Ausdruckswelt
Als neunundzwanzigstes Coronajournal geschrieben am Mittwoch, den 7. Oktober 2020

[Arbeitswohnung, 7.31 Uhr
Penderecki, Largo für Violoncello und Orchester (2003)]
Nun träumte mir schon die zweite Nacht in Folge von einem Objekt, das ich solle, wie jemand mir aufgab, zur → Erinnerung an den 5. Oktober 1938 anfertigen lassen und nun aber selber baute … bastelte ist vielleicht eher angemessen als Begriff: einen kleinen, so geschachtelten Kasten, wie ich ihn zur Aufbewahrung meiner Musikcassetten nutze, nur halt bloß etwa zwanzig auf dreißig Zentimeter, und die offenschmalen Schachte oder Schächte (das Wort läßt mich „leise“ schaudern) wurden mit Erde gefüllt, in einige indes auch zurechtgeschnittene Pappestücke gesteckt, Pappestreifen, dünn genug, der Erde noch den Raum zu lassen, doch stark genug, daß wir sie sehen; nicht in jeder Schächtung befindet sich eines, es gibt auch keine Verteilung nach Regel.
Fertiggestellt wird das Objekt an die Wand gehängt und der Verrottung überlassen, die sich vor unseren Augen abspielt, nun in meinem Kopf.
Vielleicht werde ich es tatsächlich bauen.

Daß ich’s ein zweites Mal träumte, hängt vermutlich mit dem Tatort von Sonntag zusammen, den ich gestern → in der Mediathek sah und über den ich nicht nur sofort Cristoforo → Arco informierte (gerade er, als Verleger eines speziell solchen Programms, müsse ihn sehen), sondern der mir eben auch in die Nacht noch nachlief, mir nachzog vielleicht, vielleicht aber auch „nur“ meiner speziellen Situation halber derart nachwirkte.

Ich bin jetzt, nach meiner Rückkehr aus Wien, in Quarantäne – etwas, das mir mehr zusetzt, als ich geglaubt hätte. Möglicherweise wirken immer noch oder jetzt verstärkt die drei Tage Einzelhaft nach, die ich als Fünfzehnjähriger im Gefängnis in Königslutter, bei Braunschweig, wegen des gestohlenen halben Brathähnchens verbringen mußte und derenthalben ich bis heute nicht bei geschlossenem Fenster schlafen kann, auch dann nicht, wenn es draußen minus zwanzig Grad hat. Jedenfalls, als der Flieger in Tegel angekommen war – für mich, mag sein, das letzte Mal dort; mein nächster Flug wird wohl schon über → BER abgewickelt werden –, hatte die Covid-Teststation bereits geschlossen, zu der sich Reisende aus Risikogebieten begeben sollen, um sich checken zu lassen; ein Blödsinn freilich, die Öffnungszeiten nach zivilem, quasi gewerkschaftlichem Muster zu gestalten, anstelle nach Notwendigkeit je nah den Ankunftszeiten – zumal Soldaten da im Einsatz sind, die hier mal etwas Vernünftiges tun, anstelle die Ermordung vorgeblicher Feinde zu üben, die genauso schuldlos sind wie sie, das heißt: ganz ebenso, im Kriegsfall, genötigt. – Wie auch immer, ich fragte nach, was tun, wenn ich nicht die kompletten vierzehn Tage mich einsperren wolle.
„Sie können sich zum Hauptbahnhof begeben, dort finden die Testungen für andere Risikoreisende als die grad angekommenen statt.“
„Gut, da radle ich morgen früh sofort hin.“
Was ich tat. Wozu ich die Quarantäne natürlich unterbrechen mußte. Was aber sowieso geschehen wäre, hätte ich einen Termin vom Gesundheitsamt bekommen und wäre ihm gefolgt. Ich fuhr auch direkt, stoppte nirgends außer dort: Abgang zur künftigen, also der neuen Station der U5 gegenüber dem Hauptbahnhof. Oben an den Rolltreppen standen zwei rauchende Soldaten im Tarndress, die sich mit einer Sanitäterin und einem Ordner unterhielten, der Zivil trug.
Ich frug nach dem Weg.
„Nur die Treppen runter, dann gleich links.“
Es sah aus wie eine Szene in Endzeit-Sciencefictions: Neben der Rolltreppe ein Areal vermittels eines breitmaschigen, die „Maschen“ rechtwinklig aufrecht, Blech- oder Aluminiumzaunes abgetrennt, innerhalb dessen, wie später behauptet wurde, das Grundgesetz nicht mehr gelte, sondern offenbar das Kriegsrecht; im hinteren Bereich ein geräumiges Bundeswehrzelt mit dem roten Kreuz drauf, davor drei lange Bierbänke, hinter denen, ebenfalls in Tarnkleidung, Gefreitenuniformen also, vier junge Soldaten vor Computerbildschirmen und je den Tastaturen saßen, meine Erinnerung sieht sogar fünf Mann, um in sie aus den Formularen zu übertragen, die die Probanden anfangs auszufüllen haben. Noch „anfangser“, bevor man den Bereich betreten darf, wird kontrolliert, ob man auch zu den Berechtigten gehört – es werden hier ja eben nur Ankömmlinge aus Risikoländern getestet. Freilich ist’s auch eine Frage der Kosten, nur für solche Reisenden sind die Tests ja umsonst. Hätte ich den Test bereits in Österreich, am Flughafen einen Tag vor Abflug, machen lassen (was möglich gewesen wäre und mir das spätere Procedere erspart hätte), hätte es mich 120 Euro gekostet, etwas, das sich nur leisten kann, wer genug Geld hat. Der wird es sich auch leisten, klar, ich täte es genauso. Egal.
Also noch einmal ein gleiches Formular ausgefüllt wie schon im Flieger. Nun hat es das Gesundheitsamt doppelt. Hier war allerdings, neben meiner Bordkarte, noch meine Krankenkassencard vorzuzeigen, interessanterweise aber kein Ausweis. Fand ich seltsam beruhigend. Und durfte mich auch schon setzen, das heißt, in den von gleichfalls einem Zaun abgetrennten hinteren Bereich, dem deutlich größeren, Platz nehmen: „Bank 4, bitte“.
Ein bißchen sah ich den tippenden Soldaten zu, wie sie, selbstverständlich gleichfalls mund- und nasenmaskiert, von Zeit zu Zeit die Teströhrchen aus den Ständerchen nahmen und sie zu der einzigen Krankenschwester hinüberreichten, die momentan im Einsatz war. Es war auch wirklich wenig los, mit mir nur noch zwei weitere sozusagen-Patienten, die deutsche Truppe war deutlich in der Überzahl. Dennoch: Wie sinnvoll eingesetzt! Das sagte ich auch.
„Prima, daß Sie das hier machen. Danke.“
Da war ich aber schon dran. Die Schwester hinter transparentem ovalen Gesichtsschild. „Abstrich nur im Rachen. Nehmen Sie bitte wieder Platz.“
Auf mein Formular wurde das Gegenetikett zu dem auf dem Röhrchen geklebt. Ob ich die → Corona-App benutzte? Dann könne ich den QR-Code einscannen und würde direkt übers Ifönchen informiert. Was ich selbstverständlich nicht tun werde: Ich will mich nicht “tracken” lassen. Oder ich tu’s, aber schalte die App sofort wieder aus, schau halt nur alle zehn Stunden nach, ungefähr.
„Etwa zweiundsiebzig Stunden braucht es zum Ergebnis. Bis dahin dürfen Sie nicht …“ „Ich weiß, ich weiß, die Quarantäne.“
Entlassen.

An der Rolltreppe dreh ich mich noch einmal um. Ich will in Der Dschungel drüber schreiben, möchte ein Foto dafür haben. Nehme es auf. Sofort ruft mir einer der Ordner zu, zu fotografieren sei hier nicht erlaubt. Als ich nicht reagiere, rennt er mir hinterher, hält mich fest. „Sie haben das Bild zu löschen!“ „Aufgrund welcher Rechtsgrundlage?“ frage ich. Er weist auf die am Zaun angebrachten Strichzeichnungen, auf denen durchkreuzte Kameras zu sehen sind. „Ja, schon, habe ich gesehen, aber das sagt nichts über die Rechtsgrundlage. Hier ist öffentlicher Raum, und wenn ich die abgebildeten Personen unkenntlich mache, kann ich die Bilder nutzen.“ „Nein“ entgegnet er. „Das ist Militärgebiet.“ „Militärgebiet? Moment mal, es ist öffentlicher Raum! Ich will die Rechtsgrundlage dieser Vorschrift wissen.“ Die er nicht weiß, es fehlt ihm an Bildung. Wahrscheinlich gibt es auch keine. Um so ärgerlicher wird er, beinah drohend. Zum ersten Mal bekomme ich gewaltige Zweifel an den Covidmaßnahmen, doch im gleichen Maß auch Angst. Ich hatte in den vergangenen Wochen genug auszuhalten, jetzt verhaftet zu werden, hätte die Quarantäne durchaus noch getoppt.
Also gebe ich nach und lösche das Bild, habe aber schon oben, wieder im im Wortsinn Freien, den Gedanken, mir ein Programm zu besorgen, mit dem sich gelöschte Bilder wiederherstellen lassen. Daß es so etwas geben muß, ist gar keine Frage, sonst wären polizeiliche Beschlagnahmen von Computers nahezu sinnlos. Doch ergibt sich’s, daß ich solch ein Programm gar nicht brauche. Was wiederum einen Einblick in die Kompetenz des Ordners gewährt, der mich das Foto löschen ließ. Und mir auch noch sagte: “Sie haben mir zu gehorchen.” – Habe ich nicht. Niemandem, je.

 

 

 

 

 

Schon das, auch im Nachhinein, begründet einige Unruhe – zumal zwar die Infektionszahlen in die Höhe schnellen (oder zu schnellen scheinen; unser Problem ist auch hierbei, daß wir glauben müssen), durchaus aber nicht die Sterblichkeitsraten. Die bleiben eher stabil oder sinken sogar, so daß man – wenn es doch um Herstellung der, furchtbares Wort, „Herdenimmunität“ gehe – durchaus bezweifeln kann, daß die Härte der neu deklarierten Eindämmungsmaßnahmen tatsächlich angemessen ist. Oder ob nicht mittlerweile doch eine Tendenz zum politischen Mißbrauch besteht, die Hand in Hand mit dem geht, was ich schon seit langem, spätestens mit →  THETIS, als Entkörperung der Welt vielleicht nicht diagnostiziert habe, aber voraussehe und zunehmend deutlich erkenne. Dazu gehört auch die Gender-„Diskussion“.

 

 

ANH
[Penderecki, Klavierkonzert „Auferstehung“ (2002/2007)]

_________________
Coronajournal 28 <<<<

Ohne mehr Nefud: Das Krebsbeendungs- oder doch nur neues Arbeitsversuchsjournal? nämlich des Dienstags, den 18. August 2020.

(Siehe auch >>>> Trainingsprotokoll)

[Arbeitswohnung, 7.52 Uhr | 70,2 kg
Erster Latte macchiato.
france musique contemporaine:
Penderecki, Requiem polonais]

Ein wirkliches kleines Wunder sei es schon, sagte mein Onkologe gestern, als ich unseren ersten gemeinsamen Termin nach der Großen Enteinigung wahrnahm, mit dem Fahrrad hingeradelt, … – ein kleines Wunder, wie er mich jetzt so vor sich sitzen sehe, ohne daß mir, außer daß ich etwas schmaler geworden, etwas anzusehen sei, schon gar nicht solch eine Operation, die überdies nicht einmal zwei Wochen zurückliege.
Ähnliche Sätze habe ich nun mehrfach gehört, von meinen Liebsten, von Freunden, den Verlegern, und Fremde sehen mir sowieso nichts an. Es ist, als hätte es den Krebs, meine Liligeia, nie gegeben. Ich spüre das Bedürfnis, ihr einen Abschiedsbrief zu schreiben, auch wenn es nun eine ins Meer des Lebens zu werfende Flaschenpost sein wird, weil ich über keine gültige Adresse mehr verfüge. Und bin dennoch vorsichtig. Die Krebsin kam aus mir selbst und könnte wiederkommen, jederzeit, zumal sie nämlich — “einfach” verschwand: nur noch ihr, siehe unten, Bett war zu erkennen.  “Derart perfekt haben Sie” – (was “hat Ihr Körper” meinte) – auf die vier Chemophasen reagiert, daß, erzählte mir Herr Heise, der Tumor nicht nicht nur  bei Beginn der Operation gar nicht mehr sichtbar war, sondern auch die folgende histologische Untersuchung konnte ihn nicht mehr finden, nicht einmal Spuren, so wenig wie in den dreißig mitentfernten Lymphknoten und dem Stückchen herausgeschnittener Bauchspeicheldrüse.” Und was mich da nun in eine so große Erleichterung versetzte, daß ich gleichsam von ihr geflutet wurde: “Nein, eine postoperative Chemo halte ich für unnötig, ja sogar für kontraindiziert.” Was ich mir selbst gedacht, aber befürchtet hatte, mich dem doch noch aussetzen zu müssen, also die Bauchwunde ihr aussetzten zu müssen, zumal auch meine Verdauung noch ausgesprochen heikel reagiert. Den Heilprozeß und die allmähliche Neueinstellung der Stoffwechselorganik erneut-massiv mit Zytostatica zu beschießen – diese Vorstellung war mir, seit ich Aqaba verlassen, der pure, ich gebe es zu, Horror. Der ich so etwas, also einen Horror, vorher überhaupt nicht empfunden. Sofern ich mal von dem ersten halben Tag Intensivstation absehe, der – anders als mir “prophezeit” – eine kleine Hölle war. Davon aber will ich getrennt berichten, wenn ich mir die Große Enteinigung erzählerisch-direkt vornehme. Ein paar Skizzen stehen schon.

Doch hier erstmal der histologische Befund des pathologischen Instituts der Klinik:

Immerhin bezeugt er, daß es Liligeia objektiv gegeben hat, sie nicht etwa meine Erfindung war — mit welchem Vorwurf ich möglicherweise zu rechnen hätte, einigen Freunden zufolge, die meine heikle Stellung im deutschen Literaturbetrieb gut kennen. “Wenn man dir gar nichts ansieht, wird man zumindest munkeln, du habest dich wieder mal wichtig machen wollen mit deinen von ihnen seit je abgelehnten, ja als Machismo verhöhnten Haltungen. Daß die eine solche Erkrankung zu bewältigen helfen und vielleicht sogar mehr als das, darf in der Logik solcher Kritiker nicht sein.” Denen, in der Tat, gilt schon seit je: Im Zweifel gegen die Tatsachen.
Und dennoch bin ich unruhig und mag nicht wirklich, was wohl indessen eh unangemessen, triumphieren. Denn was nicht (mehr) da ist, kann auch nicht entfernt werden; so bleibt mir Lilly zumindest imaginär allerhalten. Wir werden genau beobachten müssen, aufmerksam sein: fortan jedes Vierteljahr Kontrolle, teils mit Spiegelungen und in jedem Fall der Tumormarker. Es gilt eine Spanne von fünf Jahren gesund zu überstehen; daß ein Krebs danach wiederkommt, gilt für unwahrscheinlich, bis dahin ist allerdings das Risiko hoch. “Doch bei Ihrem histologischen Befund sind die Chancen, wieder komplett zu gesunden, ausgesprochen groß.” Wobei ich entschieden darauf beharre, krank nie gewesen zu sein, sondern einen Tumor gehabt zu haben, eine Tumorin. Das ist etwas anderes. Kurz gesagt (und auch dieses wiederholt): Ich bin kein Opfer und war auch niemals eines.

Indessen, da es nun keine Rückreise durch die Nefud mehr gibt, muß ich mich aufmachen, auf  مطار الملك حسين الدولي  beizeiten meinen Flieger zu erreichen. Doktor Faisal und Lars ben Gamael wollen mich begleiten, jener allerdings, um noch eines unserer guten Gespräche zu führen; ein wirklich guter Freund ist mir in ihm erwachsen – so, wie auf ganz andere Weise Riih, mein → Röhrerich. Doch ich denke, nach Verstreichen meiner Gesundungszeit werde ich hierher auf jeden Fall zurückkommen, dann freilich in der literarisch realistischen Form einer Reise, die sich von meinen üblichen Touren nach Italien, Nordafrika und Indien nicht mehr unterscheidet.

Ihr – “liebste Freundin” wieder –
ANH

P.S.:
Der oben benannten Fünfjahresregel zufolge müßte bis zum Ablauf dieser Frist jedes hiesige Journal Krebstagebuch bleiben. Wär das nicht aber inflationär? – Gut, ich behalte den Begriff erst einmal bei, bis meine Bauchwunde vernarbt ist, also der Schnitt sowie das zugenähte Loch der Drainage, das sich ein wenig entzündet hat; morgen wird eine sogenannte Wundschwester kommen, um es sich anzusehen; ich wußte nicht einmal, daß es diesen Berufsstand überhaupt gibt.  Oder sagen wir so: Sowie ich wieder arbeiten kann, wie ich es gewohnt bin und wonach es mich dringend sehnt, lasse ich das “Krebstagebuch” endlich fallen, Ich bin eh noch immer sehr schnell, und es ist überaus bezeichnend, daß seit der Operation das Wort “ReHa” nicht ein einziges Mal gefallen ist, weder seitens der Klinik noch gestern durch meinen Onkologen. In der Tat ist mir auch schon die Vorstellungallein ein Graus, mich in die Obhut eines, entsetzlich!, Heimes zu begeben, um mich umtüdeln zu lassen und obendrein mit angeblichen “Leidens”gefährtinnen und -gefährten mich über “die Krankheit” dauernd auszusprechen. Als ob es nicht das Leben gäbe! Viel, viel dringender bedrängt mich die Frage, wann ich meinen Sport wieder aufnehmen kann; der Onkologe wie Phyllis, die Freundin, empfehlen, jetzt schon mit dem Oberkörpertraining zu beginnen, aber eben nur, insoweit nicht der Bauch belastet wird. Hanteltraining, also der Arme und Schultern, auch ein wenig des Rückens, um den Neuaufbau zu starten. Denn in der Tat, von meinem vormals athletischen Körper ist nicht mehr viel geblieben, und meine Arme kommen mir wie Ärmchen vor, langen dünnen Ästen gleich. Daß niemand mir das ansieht, liegt schlichtweg an der Kleidung.  Und meinen Arsch will ich in Männerform behalten (kaum was ästhetisch Grauslicheres als flache und hängende Backen; nur geschwollene Füße toppen das noch. — Fahrrad fahren also, fahren, fahren und fahren.

Ich bin ein Ästhet, dessen Normen aus Gründen der Gerechtigkeit ich selbst entsprechen muß. Und will. Alleine schon aus Stolz.

[france musique contemporaine:
Klaus Huber, A l’âme de descendre de sa monture et aller sur ses pieds de soie – concerto de chambre pour violoncelle baryton contralto accordéon et percussions}

Musik für Geist, der fühlen kann:
David Ramirers Improvisationen “Organics” auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846.

 

Wie oft habe ich, seit mein Artikel zu David Ramirers Variationen auf das bachsche ricercar a tre → bei Faustkultur erschien, nun schon mit Musikern, nun jà, gestritten, ob dies auch “richtige” Musik sei! Die Vorbehalte gegen den Computer sind enorm, anstelle daß er einfach nur als ein Instrument gesehen wird, das in die uns “natürlich” gegebenen Klangwelten hinzukommt. Zwar. er ist für die elektronische Musik auch im Bereich der sogenannten “ernsten” Künste längst anerkannt, die, wir wir wissen, auch heitere sein können; “ernst” meint vielmehr den Grad der kompositorischen Komplexion und die Abkehr vom Banalen, das die meisten Menschen aber suchen. Ohne Banalität kein Mainstream (also ohne die Ansammlung rhythmischer und melodischer Klischees in bestenfalls neu montierten Variationen). Dies ist jedenfalls Gesetz — eines, von dem sich der Computer, als er in die Musik vordrang, erst einmal deutlich absetzte, ja die er teils revolutionierte, bis man sein Modulares zur Basis gerade des Klischierten machte. Seither ist seine Gegenwart im Mainstream beinah unbedingt.
Für die ernsten Musiken wurde er nun allerdings, sofern nicht als Computer sofort erkennbar (“mit Elektronik”, was so dann auch zu klingen hat, als gleichsam Ausrufezeichen für klangliche Entfremdung oder ein Fremdes überhaupt), geradezu misfits, nicht gesellschaftsfähig: “Das ist doch keine echte Kunst!” Irgendwas klinge da “unecht” — als lägen uns nicht längst, in Hegels und Lukács Folge, Walter Benjamins Schriften zur Zweiten Natur vor, einer also Dritten, die wir doch alle, die wir ästhetisch zu denken gelernt, hätten verinnerlichen müssen.
Was nun allerdings David Ramirer unternimmt, seit bereits Jahren, ist gleichsam eine Versöhnung der Dritten mit der Ersten: Soweit ich sehe (sehen kann), dieses Musikers Alleinstellungsmerkmal. Denn seine Versöhnung ist nicht banal; sie, um Adorno gegenzubürsten, ist die Anstrengung des Klangs in Modulen, eine, die sich ausgerechnet an Johann Sebastian Bach orientiert und Les-, also Hörarten findet, die bis anhin unbekannt waren. Und es noch immer sind, aber durch ihn erschlossen werden. In seinen Bach-, und das sind sie, -interpretationen werden physisch unspielbare Fingersätze realisiert, die Ramirers Computer-Bach beinah dem biblischen WORT gleichen lassen, das — Joh. I,1 — am Anfang war. (In anderer Übersetzung war es — der λόγος).

Dennoch, auch ich nahm Ramirers Arbeiten lange Zeit als zwar hochinteressante, aber doch letztlich Basteleien wahr; mir fehlte etwas persönlich Erkennbares, eine sozusagen freie Handschrift; zwar hörte ich seine Bach-Transkriptionen (die er selbst, selbstbewußt, “Realisationen” nennt) sehr gerne, aber gleichwertig mit anderen Interpretationen, auch solchen, die sich, wie etwa Glenn Goulds, weit von den Partituren entfernen. Ich finde sowas legitim, mehr noch: künstlerisch reizvoll und nötig. In diesem Sinn verstehe ich auch Übersetzungen, vorausgesetzt, sie finden auf höchstem Niveau der jeweils eigenen Sprache statt. Zu “dienen” liegt mir nicht, → ich will’s auch nicht von andren. — Und dann wurden mir eben diese Ricercar-Variationen geschickt, die mich wochenlang berauschten und noch heute, anderthalb Jahre später, nichts von ihrer zupackenden Schönheit verloren haben.
Es lag nahe, in Ramirer zu dringen, mehr davon zu schaffen. Und nun, nun liegen seine Organics vor, die zwar nicht den reißenden Sog der Ricercar‘s entfalten, aber in anderer Hinsicht etwas verdeutlichen, was ich etwa im Jazz bislang nur in Keith Jarretts Napoletaner Konzert von 1996 gehört habe: Organics erzählt uns in klingender Form, was Musik ist.
De natura sonoris heißt eine berühmte Stückfolge Krzysztof Pendereckis. Ramirers neue CD ließe sich fast ebenso, doch De natura compositonis musicae benennen. Denn die rund 77 Minuten Musik sind in fünf Parts aufgeteilt, deren erster, sehr kurzer nichts vorführt als das reine Klangmaterial, aus dem Bach sein Präludium gewann. Aber mit gleich dem ersten Ton welch rufender Gewalt tut er das! Denn das, in der Tat, ist dieses Stück — ein Ruf, auch wenn es kurz vor der quasi-mollModulation nachdenklich wird. Eine seltsam lange Pause, dann, verhalten drängend, setzen die ausgedehnten — von hervorgehobenen Leittönen strukturierten — Improvisationen ein, rectus und inversus, also dieses als jenes genaue Umkehrung, um aber im vierten wieder sehr knappen Stück sich auf das Material selbst zurückzubesinnen und zum Abschluß partiturgetreu Bachs originale Komposition erklingen zu lassen. Spannenderweise hat dieses eigentlich schnell durchschaubare Verfahren überhaupt keinen pädagogischen Beigeschmack, obwohl, was musikalische Pädagogik leisten sollte, geleistet durchaus wird, aber spielerisch und mit dem hypnotischen Effekt bester minimal music. Genau seinethalben sollte die CD  sehr laut gehört werden: So geht sie nicht im Hintergrund unter, sondern entfaltet den für Ramirer eigentümlichen, farbintensiv-meditativen Reichtum, in dem wir Hörerinnen und Hörer nahezu ununterbrochen mitschwingen.

Dennoch, Ramirer muß etwas Fehlendes gespürt haben, das in den Ricercar-Variationen permanent zugegen war, etwas, das gegen das rein-Meditative anströmt, voranströmt und nicht mehr in irgend einer Weise “heilig”, bzw. abgeklärt, sondern sondern extrem vitalistisch ist. So daß er sich das Rectus noch einmal vorgenommen und daraus eine zweite, rectus Remix genannte CD komponiert hat, die nun tatsächlich den “unendlichen Melodien” Mahlers und Petterssons — deren Kraft — gleichend mächtig durch uns hindurchfließt, blitzendes, geschliffenes Glas auf den Wogen. Weshalb es sich empfiehlt, die beiden CDs direkt hintereinander zu hören, vom “originalen” Bach also wieder in die erneute, diesmal 69minütige Improvisation des “remixten” Rectus zu wechseln, und zwar ohne Unterbrechung. Sie werden, Hörerin, diesem klanglichen Kosmos nicht mehr entkommen. Er klingt in Ihnen selbst lange noch nach Verstummen als nahstes Fernes nach.

________
ANH, Berlin

März 2020

David Ramirer

Organics in C-Dur
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

rectus REMIX
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

→ Bestellen
(zuzgl. Versandkosten Österreich)

%d Bloggern gefällt das: