ANH: “Form und Schönheit”. Die Lesungen und Gespräche des Internationalen DFG-Kollegs am 21. April 2021. Online-Videomitschnitt der Universität Trier.

 

Begrüßung Henrieke Stahl Moderation Ralf Schnell

Neu auf Intellectures.de: “Vom Schreiben besessen”. Thomas Hummitzsch zu ANHplusWerk.

 

[Der aus Anlaß des langen, → in VOLLTEXT abgedruckten Gespräches
noch einmal
neu gefaßte und ergänzte Artikel aus TIP Berlin
vom Februar 2019]

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Dito bei >>>>

Nabokov lesen, 31
EXKURS II
Poetik der Nichtmoral,

derzufolge, wie Borges erklärt, ein Dichter unmoralisch werden müsse, der sich von seiner Autobiographie lösen will. Nur dann könne für die Öffentlichkeit (Sie mithin, meine Leserin) der Trennprozeß von Werk und Prozeß eingeleitet werden.
Schon für die junge Moderne war es freilich fraglich, ob diese Trennung denn wünschenswert sei und nicht sogar unzeitgemäß. Ich füge hinzu, es sei das Eigene (Autobiographische) dergestalt nicht nur zu erhalten, sondern künstlerisch in Bewegung zu setzen, daß es das eines Anderen werde, eines, das nur in der Kunst existent ist, so daß es sich mit ihren Rezipienten verbinden kann, ohne daß in ihrer Gesamtheit die persönlichen Erinnerungen und oft nur unbewußte Prägung der Künstlerin und des Künstlers, also die je individuelle Werdung, ebenso mit übernommen werden müßten, ja: auch nur könnten. Denn das Abgebildete (Geschilderte, Gesungene, Gemalte, Musik sowieso) ist immer nur BILD: Ceci ne pas une pipe — doch Pfeife mehr, in diesem Sinn, als jede einzelne “wirkliche”. Zugleich, weil eben abstrakt, viel weniger. Dieses, die Gleichzeitigkeit des Mehren und des Wenigers, ist zu gestalten und vorher wohl zu denken. Die sinnliche Abstraktion — eben das ist Kunst und also auch die Dichtung — überträgt den Eindruck der Pfeife, den die Rezipienten mit je ihrer Pfeifenerfahrung verbinden, einer, die die Urheberin und der Urheber des Bildes gar nicht haben konnten, als ihr Werk geschaffen wurde. Genauso geschieht es auch der individuellen, im Kunstwerk übermittelten persönlichen Erfahrung, etwa der, die Nabokov vielen seiner Figuren mitgibt auch dann, wen sie sich eklatant von ihm selbst unterscheiden, ja er sie sogar ablehnt oder sonstwie nicht mag. Die individuelle  Autorenerfahrung, die allerpersönlichste Erinnerung, amalgamiert mit allgemeiner (die es so wenig gibt, wie das, was das Kunstwerk gestaltet; gerade das “allgemein” ist abstrakt, nämlich die Summe aller möglichen Leserinnen- und Lesererfahrungen, die Rezipienten in ihre Lektüre schon mitbringen).

Ein Weiteres ist der Unterschied von “unmoralischem” und nichtmoralischem Schreiben; letztres sagt nur, daß Moral für Kunst kein Kriterium ist — und sein auch nicht dürfe —, indessen das erstre meint, es sei moralische Übertretung im Kunstwerk intendiert. Nur ist selbst Intention ästhetisch schon heikel, alleine deshalb, weil sie auf einen Zweck außerhalb der Form schaut.  Unmoralisch zu schreiben, wäre eben moralisch; es setzte die Unmoral gegen die Moral ab, die ihm dann zur Folie würde, was diese geradezu zur Voraussetzung des Kunstwerkes machte. Hingegen darf sie schlicht keine Rolle spielen — eine Auffassung, die Nabokovs entspricht. An Romane, Erzählungen, Bilder moralische Kategorien anzulegen, verfehlt die Literatur.

Interessanter aber ist Borges’ Schönheitsbegründung, die aus seiner poetischen Verweigerung des Postulats resultiert, Kunst habe gesellschaftliche oder Aufgaben sonstiger Art zu erfüllen, solche, die jenseits der äthetischen lägen: Wenn es etwas Verbindliches gebe, dann die Verwandlung von Unglück in Schönheit. Das Glück hingegen bedürfe ihrer nicht, es sei schon schön für sich — etwas, worüber niemand hinausgelangen könne. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Verschönerung (“Erhöhung”) des Glücks will Schönheit noch schön übermalen. Das Ergebnis ist seine Reduktion, nämlich — Kitsch.

[Bild ©: → Wikipedia]

Indem wir glauben, etwas noch schöner machen zu können, wird es kleiner, als es ist, und also wird es erniedrigt. Was göttlich war, wird banal.

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[Poetologie]

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| IRRTUM DER ABBILDBARKEIT |
Der erste erhaltene Weblog-Eintrag Der Dschungel überhaupt. Vom 29. Oktober 2003. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 8. März 2020.

 

[Arbeitswohnung, 9.04 Uhr
Zweiter Latte macchiato]

[David Ramirer, Organics auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846]

 

Meinem durchnumerierten Word-Archiv zufolge war → dies der zweite Eintrag und ist offenbar der erste überhaupt erhaltene, den ich je für ein Weblog verfaßte. Noch für die auf freecity dank → Oliver Gassner schnell gefolgte  twoday-Dschungel bis zum, vor etwas mehr als zwei Jahren, Export nach WordPress schrieb ich sämtliche Texte in einer doc-Datei vor und legte sie nach fester Zahlenregistratur ab; die letzte da hatte die Nummer 18238 — es folgen noch etwa 200 Einträge, denen ich keine Nummer mehr gab; das war bereits die Umbruchphase zu WordPress. Der tatsächlich erste Eintrag-je scheint allerdings tatsächlich verloren zu sein, keine Ahnung, weshalb. Es wundert mich, denn in Sachen Archivierung bin ich pedantisch — wie in allem, was mit meiner Arbeit zu tun hat.

Wie nun auch immer, unterdessen bin ich dabei, die alten freecity-Einträge hier in “DIE neue DSCHUNGEL” einzufügen, so daß ihre Geschichte in absehbarer Zeit so komplett wie möglich mit enthalten sein wird. Dies nämlich nicht nur, weil ich von der Modernität und Notwendigkeit meiner Poetik überzeugt bin, sondern vor allem, um auch hier dem Gedanken der jungen Moderne zu entsprechen, daß die Entstehung eines Kunstwerks eines ihrer notwendigen Teile sei. Wobei es jedenfalls für mich-selbst höchst interessant ist, wie eng ich damals bereits den Buchverbotsprozeß um → Meere — der eine Situation schuf, ohne die ich ein Weblog wahrscheinlich niemals begonnen hätte; ich fühlte mich dazu rundweg genötigt, nämlich um nicht zu verstummen — mit meiner Andersweltpoetik zusammensah, zusammen spürte. Das hat nichts mit der seinerzeitigen Klägerin zu tun, wohl aber mit der Reaktion des Literaturbetriebs und seiner Fetischisierung eines komplett falschen “Realismus”. Und, damit verbunden, mit dem selbstgefällig-bequemen, ich schreibe mal “linken” Mißverständnis, was Dichtung eigentlich sei. In anderen Worten ist es ein Irrtum der Abbildbarkeit, der sich, wie auf eine Krücke, auf die “klassische” Vorstellung der Mimesis stützt. Nahezu alles, was zu deren Seiten lag, wurde quasi weggetreten — sofern es aus Deutschland kam. Für Österreich machte man Ausnahmen, H. C. Artmann und andere, fürs nichtdeutschsprachige Ausland sowieso. Da waren sogar Vertreter der phantastischen Literatur “erlaubt”, etwa Borges, hingegen die Deutschen der Kahlschlag-Doktrin, später dem sog. Kölner Realismus zu folgen hatten. Schon klasse, nebenbei bemerkt, wie Wellershoff auf der Leipziger Literaturkonferenz 2003 wieder nach Sturmgewehren rief; da kam ganz wunderbar seine Zeit in der Wehrmacht wieder ans Licht; und Ina Hartwig trug am Kragenspiegel Stars ‘n Stripesauch ein Endsieg, nämlich des Pops. Klar, daß jemand wie ich in solcher Runde nichts zu suchen hat und also weg muß: Sie wissen ja, liebste Freundin, welch Nestbeschmutzer ich bin.
Nur daß das Problem ist, man kriegt mich nicht weg, der Swinigel ist immer schon allhier. So, genau so, entstand Die Dschungel, und es ist mir wichtig, dies öffentlich zu protokollieren, zugänglich für jede und jeden, die und der es will. (Vorläufer hierfür waren die von 1985 bis 1989 erschienenen Dschungelblätter; was ich mit dem Weblog begann, war insofern eine Fortführung unter allerdings anderen, teils schlimmeren Voraussetzungen, dafür angereichert mit einiger reifer Erfahrung; und nun, mit dem Meere-Prozeß ging es halt auch um faktische Existenz, nicht nur den Widerstand eines jungen, betriebsunbequemen Autors. Wobei, wie → dieser nun wieder eingestellte erste, bzw. zweite Weblog-Eintrag formuliert, in der öffentlichen Auseinandersetzung um den inkriminierten Roman eigentlich meine ganz anderen Bücher suggestiv mitdiskutiert wurden — bis noch 2015 in Hubert Winkels´ hübscher Charakterisierung als → “utopistisches Tamtam” (und immer noch stehen da unwidersprochen diese beiden so ekelhaft-hämischen wie kenntnislosen, → deutlich persönlichen Kommentare unter dem, aufs → Traumschiff bezogen, eigentlich sehr schönen Artikel).— Nein, ich kann und ich will das nicht abhaken und zu den Akten legen, denn es zeigt, wie Literatur, die sich nicht in den Mainstream fügt, von sehr klugen, sehr kenntnisreichen, eigentlich hochsensiblen Menschen weggemobbt wird, ohne daß sie wahrscheinlich selbst begreifen, was sie da tun. Zudem ist es höchst fraglich, ob sie die so zum Abschaum gekippten Bücher überhaupt gelesen haben. Auch hier gilt: Geschichte geschieht durch Einschliff.

Wie nun auch immer, Freundin. Einige alte Beiträge habe ich bereits stillschweigend in Der Dschungel nachgetragen; manche davon, wenn sie nicht allzu “historisch” sind, kommen — wie → dieser dort gestern — für einzwei Tage auf die Hauptsite unter vorübergehend aktuellem Datum und werden danach unter dem alten originalen abgespeichert, so daß sie “nach hinten” wieder verschwinden, aber im Archiv gut aufgefunden werden können (rechte Spalte, tief hinabscrollen, dann können Jahr und Monat geöffnet werden).
Des weiteren spiele ich mit dem Gedanken, auch aus der Zeit vor Der Dschungel poetologische Überlegungen und Positionierungen einzustellen, die ich zu meiner Arbeit etwa in Briefen angestellt und eingenommen habe; ich habe ja auch sie gesammelt, material aus den Zeiten, bevor ich mit dem Computer zu arbeiten begann, dieses etwa um 1983/84, sowie danach als gespeicherte Dateien/Mails. Das meiste davon ist tatsächlich, siehe “Pedanterie”, erhalten.
Daneben läuft selbstverständlich die aktuelle Arbeit; vorgestern gab ich meine Rezension zu AMERICANA von Maret, Collin, Frisell und Penn bei Faustkultur ab, soeben erschienen bei ACT, dann sitze ich gerade über einer Besprechung der schon oben genannten→ ORGANICS, also von David Ramirers neuer CD, lese derzeit fürs nächste Nabokovlesen Die Mutprobe und versuche mich weiter und weiter am Ansatz des → Béartstücks XXXII, dem vorletzten des Zyklus mithin. Doch da kommt ich grad nicht recht weiter, obwohl die Zeit nun, spüre ich, drängt. Und außerdem gucke ich mich mal wieder auf Kontaktforen um, weil mir das sexlose Dasein auf die Nerven geht, kann mich aber nicht wirklich durchringen, “tätig” auf ihnen zu werden, weil es mich, wie ich gut weiß, zu viel und zudem meist verlorene Zeit kosten würde (zu oft kam in den letzten Jahren dieses “zu alt”, weil im Netz — nachvollziehbarerweise —  “rein” nach Zahlen vorgesiebt wird; tatsächliches Sosein läßt sich ja nicht anschaun); und ich brauche die Zeit für die Arbeit. Eisenhauer vor paar Tagen beim Billard: “Au wei, jetzt hat dich das Leonard-Cohen-Syndrom.” Ich verstand erst nicht, doch er erklärte es gut, und süffisant. Wie er halt ist. Außerdem, liebste Freundin, ich liebe ja; wie soll ich mich einer anderen Frau da antun? Es wäre schlichtweg unfair. Gegen meine real gewordene Anima kommt niemand an, so sehr auch dieses “real” sich längst verweht hat, ich meine: als ein erfülltes. So gebe ich, was ich an Leidenschaft habe, allein noch in die Béarts.

Ihr ANH

[Theorie des Literarischen Bloggens]

 

Nichts taugt m e h r !
Über Norbert W. Schlinkerts Tauge/Nichts

Von ANH → bei Faustkultur:

 

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Siehe auch → dort.

“Reservoir für ein nicht mehr ptolomäisches Schreiben”: Cultura tedesca, n° 57.

 

Dans un cadre chronologique large, qui va du XVIIIe au XXIe siècle, de Johann Jakob Volkmann à Alban Nikolai Herbst, de Johann Wolfgang Goethe à Werner Schroeter, le volume Austria und Germania am Golf von Neapel explore les multiples facettes de cette expérience de l’altérité redoublée. 

 

Siehe auch → dort.

In dem Hörstück erscheine

Neapel (…) insofern als eine Stadt, deren Faszination nicht zuletzt daher rührt, daß sie in geradezu poststrukturalistischer Manier den europäischen Logozentrismus dekonstruiert und weder den Kontrast von Ich und Nicht-Ich noch den von Alt und Neu und schon gar nicht den von Leben und Tod anerkennt. Im Widerspruch zur musealen Erstarrung Roms stellt Herbst (…) in dennoch ungebrochener Lust am Argumentieren (…) sein Neapel als einen gewissermaßen ovidschen Ort permanenter Metamorphose dar, wo sich die vermeintlichen Trennlinien seit je verflüssigt haben (…).
In den Heidelberger Poetik-Vorlesungen von 2008 hat Herbst dagegen seine Überlegungen zu einem “kybernetischen Realismus” vorgetragen, der unter Berufung auf Claude Lévi-Strauss’ Konzept der “bricolage” “bewußt abstrakt-sinnlich” organisiert ist und sich auch dabei konsequent der “Mythisierung” bedient. Neapel bietet sich für diese Poetik in besonderem Maße als geeignetes Material an, ist die Stadt in ihrer “Porosität” doch an sich schon ein Inbegriff der Grenzüberschreitung bzw. Mischung von Gegensätzen und somit das optimale Motiv-Reservoir für ein nicht mehr ptolomäisches Schreiben (…).
Albert Meier, Napule, Napoli, Napes, Pertenope, Paleopeia, 294/295S

Optimistischer Fatalismus. Im Tauge/Nichts von Norbert W. Schlinkert.

[NACHTRAG, 4. März:
Siehe jetzt auch dort.]

Welche eine grandiose Begriffsschöpfung → dieses Autors!

Die aus der Antike heraus verbürgte, der adligen Oberschicht vorbehaltenen Lebensart des aktuell und damit auf Dauer gelingenden Lebens ist ihm dabei nicht fremd, nur eben nicht auslebbar über den Tag hinaus, woraus folgt, jeder Tag ist ihm ganz ein Leben, die Nacht ein Traum und  und der Morgen eine Wiedergeburt.
Tauge/Nichts, 69

Und etwas später wird, was hier schon → aus einer kleinen Novelle herausgeperlter Klein-Essay ist, sogar Nukleus einer Romantheorie:

(…) der Schreiber weiß dem Willen der Romanfigur (…) nun also immer weniger entgegenzusetzen, obgleich der Schreibende gleichzeitig keineswegs nur Büttel der Romanfigur (…) ist. Doch nur aus dieser binären Konstellation kann überhaupt ein guter Roman, ein Kunstwerk entstehen (…). Die Erschaffung eines aus den Zeilen steigenden Taugenichts ist also allein Sache des Taugenichts! Niemand anders kann das, hier und ausschließlich hier, in der Selbsterschaffung, ist der Taugenichts vollständig taugend!
Tauge/Nichts, 77

(Allerdings hätte ich auf die Ausrufezeichen verzichtet, sie stampfen zu sehr mit dem Fuß auf, wo ohnedies klar ist, wer recht hat. Aber dann – und hier nun muß ein solches Zeichen hin: — die Folge!: daß der erste Satz einer Erzählung der einzige sei, der alleine dem Autor zukommt. So steht’s auf S.77.)

→ Bestellen.

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