Ukraine-Dialoge XIV: Bereit für den Atomkrieg? Monika Maron | R.I.v.Steglitz | P.H.E.Gogolin | ANH. (Die Sprache der Helden, 5).

[Der vollständige Kommentarbaum → dort bei FB.]

26. März 2022, 12 Uhr

Reni Ina von Stieglitz
(…) Und all die, die den Krieg mit kreischender Stimme herbeirufen, sollten sich an Hiroshima, an den Vietnamkrieg erinnern und sich mal historische Aufnahmen ansehen!! Und all die Stellvertreterkriege, die danach kamen!! Niemand kann so ein Elend wollen. Wenn es noch einen Funken Verstand gibt, lasst diesen Funken lebendig werden in der Welt. Lasst uns nicht handeln wie dumme Jungs auf dem Schulhof. Nach dem Motto: Haust Du mir eine rein, haue ich Dir doppelt eine rein!!

Monika Maron
Es i s t schon Krieg.

ANH
In übertragenem Sinn, etwa “Wirtschaftskrieg”, stimmt das, konkret ist die Aussage, bezogen auf die EU-Länder, falsch. Wäre hier Krieg, würde hier gekämpft, fielen Bomben, schlügen Maschflugkörper ein. Zumal stehen in der Ukraine keine europäischen (NATO-)Kampfverbände unter Waffen, geschweige daß sie in Gefechte verwickelt wären. Allerdings gibt es einige Deutsche, die dort als Söldner kämpfen, darunter → ziemlich unangenehme Typen, aber sie kämpfen da nicht in bundesdeutschem oder irgendeinem sonst europäischen Auftrag, sondern als Privatpersonen.

Monika Maron
Ist ein Krieg, der nicht in Deutschland stattfindet, kein Krieg?

ANH
Doch, das ist er. Aber so gesehen, ist immer Krieg. Deshalb ist die Aussage, es sei schon Krieg, ohne weiterführende Information. Da Sie ihn aber in den Kommentarbaum unter einen Beitrag zum Ukrainekrieg geschrieben haben, wäre er als Kommentar zu diesem also entweder tautologisch, oder er sollte insinuieren, daß h i e r bereits Krieg sei. (Ich schreibe dies weniger Ihretwegen, die sehr genau weiß, was ich meine, sondern für andere Leserinnen und Leser, die indirekte Beeinflussungsversuche nicht so schnell durchschauen. Zur, ich schreibe einmal, “Mechanik” rhtorischer Manipulationen habe ich → dort ausführlicher geschrieben.)

Reni Ina von Stieglitz
@ Monika Maron: …was für eine Frage! Und wie könnte die Lösung aussehen?

Monika Maron
@ Reni Ina von Stieglitz: Warum maßen sich einige Leute an, das für die Ukrainer zu entscheiden? Die Ukrainer wollen nicht kapitulieren. Und bisher bietet Putin mehr als die Kapitulation nicht an.

ANH
Wo hat Frau von Steglitz der Ukraine die Kapitulation empfohlen? In diesem Kommentarbaum jedenfalls nicht. (Niemand von uns hat das Recht, sowas zu “empfehlen”. W a s wir allerdings sagen dürfen, ist, daß w i r – jeweils eine einzelne, ein einzelner – sie für klüger hielte. Was ich übrigens n i c h t tue. Ich finde nur problematisch, daß Männer zwischen 18 und 60, die nicht kämpfen wollen, nicht fliehen dürfen und also gezwungen werden, wie sowieso, daß es auf “Männer” gemünzt ist, als wären nicht Frauen ebenso gut, vielleicht ja sogar besser im Kampf. Mich stört dieses patriarchale, zusammen mit dem “heldischen” “Denken”. Aber auch darüber habe ich schon deutlich geschrieben und habe indes keine Lust, auch das zu verlinken. Wer will, findet es in Der Dschungel sehr schnell.)

Monika Maron
Es müssen nicht alle Männer mit der Waffe kämpfen. Außerdem kämpfen auch Frauen, 20% habe ich gelesen. Aber daß die Mütter mit den Kindern fliehen, ist doch das Vernünftigste, was Menschen tun können, ihre Zukunft schützen. Ich habe übrigens nichts gegen Helden.

ANH
Es gibt keine Helden, und die es gab, sind entsetzlich. Das wissen Sie selbst. Die Kämpferinnen und Kämpfer in der Ukraine sind Menschen, die in Notwehr kämpfen. Und es ist grandios, mit welchem Mut und welcher Bereitschaft sie sich verteidigen. Helden aber sind sie nicht. Wer den Begriff “Held” verwendet, macht sich zum Täter. (Franz Schubert war gewiß kein Held, Johann Sebastian Bach auch nicht – lesen Sie nur mal seine demütigenden Bettelbriefe oder hören Kagels “St. Bach Passion” -, aber beide haben für die gesamte Menschheit höhere Werte geschaffen als, wer fällt mir ein?, na gut, der “rote Baron” oder Montgomery oder Alexander der “Große”. Herakles war ein Meuchelmörder, Odysseus nicht minder, Achill ein Menschenschlächter wie Hektor, sein Gegner. Und und und. Wenn wir uns jetzt wieder dieser Sprache bedienen, ebenso wie, wenn wir “Nation” – jede ist → auf Krieg gegründet – für einen Wert halten, werden wir Kriege fortsetzen und fortsetzen. Ich selber bin, das wissen Sie, ein höchst kämpferischer Mensch und in meinem Leben sehr viele Risiken eingegangen, auch solche, die den Tod riskierten, aber Krieg lehne ich ab, werde also niemals Krieger sein. Und bin dafür sehr dankbar. Sie, Frau Maron, sind gerade dabei, sich schuldig zu machen, s c h w e r schuldig – wenn auch, was ich sofort zugestehe, aus guten, weil menschlichen und also nachvollziehbaren Gründen.)

Monika Maron
Held ist kein Beruf. – Und wenn Sie mir nun bitte noch erklären wollten, womit ich mich schwer schuldig mache?

Peter H. E. Gogolin
Zumindest mich machen Sie sehr ärgerlich mit diesem Heldengerede, liebe Frau Maron. Ich weiß nun nicht, ob Sie von den Medien noch sonderlich wahrgenommen werden, aber falls nicht, so könnte man das sicher auffrischen. Wie wäre es mit einem Artikel in der ZEIT “Ich habe nichts gegen Helden – Monika Maron zum Ukraine-Krieg”. Das würde doch was bringen, oder hatten Sie das eh schon vor?

ANH
Ich finde Gogolins, mit dem ich sehr befreundet bin, Anwurf nachvollziehbar, aber unangemessen, weil ebenfalls eine ironische Attacke. Sowas bringt uns nicht weiter. – Weshalb aber Sie sich aus meiner Sicht schuldig machen, steht oben schon in meiner Antwort auf Ihr rhetorisches “Es ist schon Krieg”. Solche Aussagen – in diesem Zuammenhangshof – lassen (oder sollen es lassen) etwas fühlbar werden, das noch nicht ist – als etwas, das aber werden solle. Da ich meinerseits dagegen kämpfe, daß es werde, nämlich ein – aus NATO-Verpflichtung – gesamteuropäischer und sehr schnell atomar geführter Krieg, werde ich mit Recht alle schuldig nennen, die ihn riskieren wollen.

Monika Maron
In der Ukraine ist Krieg. Das habe ich gemeint, der Rest ist Ihre Interpretation. Ich gehe davon aus, daß Sie und Ihr Freund Putin auch das Baltikum , vielleicht auch Polen überlassen würden, weil es ja sonst einen Atomkrieg geben könnte. Ich denke, es ist nicht so einfach mit der Schuld und der Unschuld.

Peter H. E. Gogolin
Ich bekenne, ich war ironisch zu Frau Maron, doch finde ich das nicht unangemessen. Für mich ist die Ironie die Verkleidung, die das Licht der Vernunft wählt, wenn im dräuenden Dunkel der Kampfarena die ernsten Argumente aufeinander einschlagen.
PS: Keine Angst um Polen, liebe Frau Maron, Präsident Biden hat es doch heute → zur “heiligen” Pflicht erklärt, Polen zu verteidigen. Putin soll nicht einmal daran denken, auch nur einen Zentimeter auf NATO-Gebiet vorzudringen. Da ist also alles gut, sonst bekommen wir am Ende noch “heilige Helden” oder Helden, die ihre heilige Pflicht tun. Und Gogolin in Polen, das Land meiner heiligen Herkunft, wäre dann genauso verwüstet wie der Rest der Welt. Das wollen wir doch alle nicht, oder?

ANH
Daß in der Ukraine Krieg herrscht, haben wir alle gewußt. Wenn Sie es uns noch einmal schreiben, hatten Sie einen anderen – bewußt ungenannten – Grund, als zu informieren, daß er sei. Sie wollen rhetorisch manipulieren. Insofern ist “der Rest” nicht meine Interpretation. — Und, nein, es ist s c h w e r mit der Schuld, deren Gegenteil, im Fall eines Atomkriegs sowieso, ganz sicher nicht Unschuld ist – ein Wort, das einen völlig anderen (Mit)Bedeutungshof als “Schuld” hat. “Unschuld” per se ist sexuell belegt, “Schuld” nicht (es sei denn, es liegt eine strafbare Handlung vor); Sie sind in Ihren Begriffen leider nicht präzise. – Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ja, zur Vermeidung eines Atomkriegs würde ich nicht nur Polen, sondern auch Deutschland Putin überlassen, sogar ganz Europa – allein schon, um das Leben meiner Kinder zu schützen, das im Fall des Atomkriegs vorbei wäre. Es ist dies Vaterpflicht, und Mutterpflicht genauso. Außerdem hieße solche “Überlassung” ja nicht, keinen Widerstand mehr zu leisten. Der, und zwar auch bewaffnet (ich bin kein Pazifist), ginge selbstverständlich weiter, aber eben “konventionell”. Und von mir mitgetragen. Ein Atomkrieg aber wäre das Ende j e d e r Menschlichkeit, jedenfalls in großen Teilen der Erde. Wie die dann aussähe, haben uns zahllose Dystopien schon vor Augen geführt, woran auch ich selbst mitgewirkt habe. Meine Vorstellungskraft ist zu plastisch, selbst meine, ich schreib mal, “Vorhersagen”, vor allem in dem → Thetisroman, waren zu erschreckend genau, um auch nur das Risiko eines Atomkriegs für eine “quantité négligeable” zu halten. Wie es offenbar Sie tun. Sollt’ ich mich da irren, bät ich um Verzeihung.

Sonntag, 27. März 2022, 8.52 Uhr

Monika Maron
Wenn Sie sogar über meine Motive besser Bescheid wissen als ich, können wir das hier beenden.

ANH
Das können wir so oder so. (Ich weiß über Ihre Motive v i e l l e i c h t besser bescheid, vielleicht auch sehr viel schlechter oder auch gar nicht. Also nehme ich Ihre Wörter beim Wort. Was Poeten halt so tun. Doch nebenbei: Es gab durchaus schon Menschen, die über meine Motive besser bescheid wußten als ich oder mir halfen, sie erst zu erkennen. Insofern ist Ihr Argument neuerlich rhetorisch. – Im übrigen habe ich geschrieben: “Sollt’ ich mich da irren, bät ich um Verzeihung.” Insofern mein “Bescheidwissen” schon selber infrage gestellt.) Festhalten können wir, daß Sie einen Atomkrieg inkauf nehmen würden. Und nochmals g e f r a g t: Oder irre ich mich da?

Monika Maron
Sie irren sich.

ANH
Gut.

Ukraine-Dialoge XIII: Wenn wir’s dann noch schaffen. Elfenbeinverlag | ANH

 

 

Freitag, 25. März 2022, 12.53 Uhr

Elfenbein Verlag
Wie geht es → der Verwirrung?

ANH
Du, ich bin ziemlich verzweifelt, kann an nichts mehr denken und auch über nichts mehr schreiben als den Ukrainekrieg – und biete momentan all meine Kraft auf, um gegen den von jetzt so vielen gerade Künstlern geforderten NATO-Eintritt anzuschreiben, der mit hoher Sicherheit einen atomaren Krieg bedeuten würde oder, um es sehr böse zu sagen: Wenn die Ukraine untergeht, gehen halt wir alle unter.
In meinem Leben habe ich noch nicht solche Angst gehabt, nicht um mich, aber um meine Kinder. Gegen diese Gefahr ist alles, was ich schreibe, überarbeite und versuche von ungeheurer Lächerlichkeit, sinnlos, banal, ein luxuriöser Pups. Wenn ich nicht jeden Tag gegen diesen Kriegsvirus anschriebe, hinge ich in tiefster verstummter Depression.

Elfenbein Verlag
Ich verstehe Dich. Du musst anderes schreiben. Mach das. Ich kann die “Verwirrung” auch in der alten Fassung wiederauflegen. Bin sowieso davon überzeugt, dass man an Altem nicht herumdoktern soll, sondern Neues wagen. Aber bitte denke positiv: Dum spiro, spero.

ANH
Bitte, bitte nicht die alte Fassung! Sie ist teils unerträglich! Ich habe nur noch hundert Seiten vor mir und schon so viel Zeit hineingesteckt, konnte nur nach diesem Kriegsausbruch nicht mehr weiter – mit nichts. Ich kriege es nicht einmal mehr hin, die dringend nötige Coronahilfe-Abrechnung zu machen. Aber auf keinen Fall die alte Fassung! Wenn d i e neu herauskommt, werde ich ein für alle Mal zu schreiben aufhören. Daß sie als alte Fassung im Antiquariat zu kriegen ist, ist in Ordnung, gehört zur Geschichte. Als Neuausgabe aber wäre es ein Armutszeignis, das durch mein gesamtes Werk einen Strich macht.

Elfenbein Verlag
In Ordnung, dann warte ich weiter. Gib Dir einen Ruck, ich mache ja auch alles weiter. Denk an Martin Luther, an den Apfelbaum.

ANH
Ich versuche es heute mit Lexotanil, ein Mittel, daß mir bei schweren Depressionen fast stets geholfen hat. Ich muß es vorsichtig dosieren, da das Suchtpotential extrem ist. Aber pro Woche eine halbe Tablette geht, vor allem, weil sich das, sind die Emotionen erst mal gedämpft und nur noch die kalten Verstandeskräfte da, bei mir immer als ein selbst weitergaloppierendes Phänomen herausgestellt hat. Selbst nach meinem Suizidversuch anfang der Achtziger reichten insgesamt ein oder zwei Tabletten hin, mich in kürzester Zeit wieder auf Reihe zu bringen. Ich habe dann zwar keine Gefühle mehr, aber kann strikt vor mich hinarbeiten.

Elfenbein Verlag
Es tut mir alles sehr leid, lieber Alban. Denk an Deine Kinder. Sie brauchen Dich. Mit Optimismus. Das ist auch Teil unserer Vaterrolle. Und unter uns: Es wird keinen Atomkrieg geben. Vorher werden sich die Russen schon von Putin befreien.

ANH
Doch. Es wird ihn geben bei Intervention. 1) Hat Putin bisher alles getan, was er angekündigt hat, 2) Sprach Lawrow heute davon, der Westen habe Rußland den “totalen Krieg” erklärt, 3) hat Putin bereits 2018 vor einem Presseclub die eigene Märtyrerbereitschaft bekundet, und zwar 4) immer und immer wieder mit Bezug auf die Offenbarung des Johannes. Wer da in den Krieg reingeht und, wie mein PEN-Präsident tat, sagt: Putin werde es schon nicht tun, geht ein Risiko ein, das nur noch verbrecherisch genannt werden kann.
Meine Kinder: Mit लक्ष्मी und meinem Sohn habe ich abgesprochen, daß sie so schnell wie möglich ihre Reisepässe gültg bereitliegen haben müssen und möglichst auch schon ein 3-Monats-Visum in ein Land ihrer Wahl. Bei लक्ष्मी und den Zwillingen wird es Indien, nämlich Agra, sein, wo ihre Tante am College lehrt, oder Kolumbien, wo ihre beste Freundin lebt; bei Adrian wahrscheinlich ebenfalls Südamerika. Wo er hingeht, werde auch ich dann hingehen. Wenn wir’s dann noch schaffen.

Ukraine-Dialoge XII: Luftschutzbunker für Pferdchen ODER Was Krieg mit unsern kleinen Kindern macht, auch wenn er – direkt – noch nicht da ist. Ricarda Junge | ANH (Whatsapp)

[Hier noch als Nachtrag von 10.53 Uhr:
FAZ online zu → Für&Wider eines
NATO-Eintritts in den Ukraine-Krieg.]

 

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Dienstag, 23. März 2022, 21.35 Uhr

Ricarda Junge[1]Zu ihrem schriftstellerischen Werk insgesamt siehe → Wikipedia. Für ihren Lebenserwerb arbeitet sie als Lehrerin.
(…) Das Mey-Video mag ich sehr, habe ich letztes Jahr mit meiner sechsten Klasse im Unterricht besprochen. Passt jetzt wieder sehr gut. Kenne das Lied noch aus meiner Kindheit.

ANH
Ich kannte es noch nicht. Was mir hier gefällt – und es ist ja tatsächlich nicht meine Musik – ist, daß keine und keiner von den allen wirklich singen kann – aber genau das gibt dem Video die Kraft und macht es uninteressant, ob es sich um “gute Musik” handelt.

Ricarda Junge
Ich verstehe, was du meinst. Ich mag Reinhard Mey ja sehr. Ich glaube, ursprünglich richtete sich das Lied gegen die Einführung der Wehrpflicht in West-Berlin. Das Lied begleitet mich, seit ich denken kann. Wir hatten es zu Hause auf Schallplatte.

ANH
Manche Lieder gewinnen plötzlich eine erneute, und zwar extreme Relevanz – genauso, wie es auch mit Verdis Requiem unter Barenboim vergangene Woche geschah. Du kennst meinen Text dazu?

Ricarda Junge
Den Text kenne ich, klar!

ANH
Auch Stings “Russians” gehört dazu, das auch nicht “meine” Musik und dennoch, jetzt, grandios ist. Ich habe es vorhin in einer gesondert auf die Ukraine gemünzte Version neu eingestellt.

Ricarda Junge
Heute war ich mit L*** auf dem Spielplatz, sie hatte ihre Pferdchen dabei und schleppte plötzlich lauter Steine an. Was willst du mit den Steinen? – Ich baue meinen Pferden einen Luftschutzbunker.

ANH
Was dieser Krieg mit unseren Kindern macht ..! – Habe gerade ein sehr wichtiges Gespräch mit meinem Sohn geführt, der erst nur kurz vorbeikam, dann drei Stunden blieb. Er und alle seine Freunde wollen von dem Unheil nichts wissen, drängen es weg. Keine und keiner von ihnen wollen eine Waffe in die Hand nehmen. Ich habe ihm gesagt, er müsse mit allen sprechen, und sie sollten sich einen Plan zurechtlegen für den Fall aller Fälle; jeder müsse seinen Reisepaß gültig bereitliegen haben und möglichst auch ein 3-Montats-Visum für das Fluchtland ihrer Wahl. Das ist dann immer noch unsicher genug, aber sie müssen im Fall der Fälle nicht zu planen anfangen, wenn bereits die Panik herrscht, sondern können gleich auf ihre Vorbereitungen zurückgreifen. Sonst sind sie in der Situation der deutschen Juden, die so lange nicht glauben wollten und dann eben n i c h t mehr rechtzeitig herauskamen.

Ricarda Junge
Meine Große will auch nichts davon wissen. Ich bin ebenso besorgt wie du.

ANH
Die ganze Generation will es nicht. Aber das ist die Chance, und deshalb muß sie überleben. I h r ist es egal, ob jemand Deutscher, Franzose, Ukrainer, Russe, Afghane oder sonstwas ist. D a s ist unser Erbe, das diese jungen Menschen so sind, und es war eben n i c h t falsch, ihnen diese Werte zu vermitteln. Sondern sie tragen die Hoffnung weiter und werden sie ihre eigenen Kindern lehren. Deshalb müssen sie auf jeden Fall überleben. Wir – jedenfalls ich, Du bist noch so jung – haben unseren Teil getan, und es kann nur noch darum gehen, daß dieses Erbe weiterwirkt. Mein eigenes Schicksal ist da völlig schnuppe.

References

References
1 Zu ihrem schriftstellerischen Werk insgesamt siehe → Wikipedia. Für ihren Lebenserwerb arbeitet sie als Lehrerin.

Ukraine-Dialoge IX: “Erst schießen, d a n n denken”. Kaleb Utecht | ANH (2): Chat in Signal.

 

Montag, den 14. März 2022, 13.52 Uhr

Utecht
Merke, Du bist sehr aktiv auf Deiner www-Präsenz. Ich kann das wegen erheblicher Ablenkungen (euphemistisch formuliert) leider nur überfliegen, mir fehlt auch faktisch die Zeit für substanzielle Kommentare in ordentlicher Qualität. Schreibe Dir das, um Dich wissen zu lassen, daß trotz “Abwesenheit” mein Interesse ungebrochen ist. Wünsche mir im übrigen deutsche Politiker, die mutig vor die Mikrophone treten und “ihrem Volk” klar machen, daß es Zeit ist, Farbe zu bekennen und mithin in der Folge der wirtschaftlichen Konsequenzen den Gürtel tapfer eng zu stellen. Es wird immer noch zuviel überlegt statt gehandelt. Das kostet zu viel Zeit gegen einen Gegner wie Herrn Putin und Co. Und das erinnert mich sehr an ein Interview, das Michael Ryan (ein WHO-Direktor und unser Ebola-Besieger) schon im März 2020(!) gab, als die Pandemie noch kleingeredet wurde und er schon wußte, wie sich sich der Gegner “Virus” verhalten wird. Man tausche seinen Pandemie-Content gegen den derzeitigen Imperialismus-Content aus — und hat sofort die einzig hilfreiche politische Handlungsanweisung für “den Westen”… Ich finde dieses kurze, aber bemerkenswerte Video und sende es Dir. Vorerst abschließend hier in der Folge zunächst eine Karikatur, die meine derzeitige Haltung ganz gut widerspiegelt:

[Zeichnung ©: → Patrick Chapatte,
DER SPIEGEL]

Hier ist der → Link zum Video, eindreiviertel Minuten eindrucksvolle Klarheit. Die ersten einführenden 15 sechs kannst Du überspringen… (…15 Sekunden! scheiß Autokorrektur):

 

ANH
Danke, gesehen und gehört. “Erst schießen, dann fragen”, sagt bei Godard schon → Lemmy Caution (Eddie Constantine). Nur ging es da nicht um einen möglichen Atomkrieg. Ich werde mich also nicht, ganz wie ich’s schrieb, für ein Überflugverbot aussprechen, sondern im Gegenteil hart d a g e g e n kämpfen. Es geht hierbei vor allem darum, meine Kinder zu schützen. Vielleicht muß man, um das zu verstehen, Kinder auch haben, also eigene. In einem konventionellen Krieg würde ich für sie auch, und zwar sofort, kapitulieren und mich unterwerfen. → Auch das schrieb ich sowie, daß dann für mich der Kampf im Untergrund weiterginge. Aber sich auf das Risiko eines atomaren Krieges einzulassen, wäre ein ebensolches Völkerverbrechen, nämlich möglicher und sogar wahrscheinlicher, und zwar bewußter, Völkermord, wie es jetzt Putins Invasion ist – und in noch größerem Ausmaß. Ich glaube auch nicht, daß Ryan sich in dieser Situation, angesichts solcher Bedrohung, auch nur ungefähr ähnlich eingelassen hätte. Und außerdem, wenn wir aufgeben, nach dem Richtigen zu fragen, also die ethischen Fragen, auf denen unsere Gesellschaft beruht, “hintanstellen”, sind die Menschenrechte von uns selber gebrochen worden. Wir wären dann keinen Deut besser, als Putin ist und Mussoloni war, den Wladislaw Inosemzew → in jenem wiedererkennt.

Utecht
Bezüglich Flugverbotszone und ähnlich Eskalierendem in Richtung Atomwaffeneinsatz sind wir uns doch einig, ich bin zwar etwas “militanter” sozialisiert als Du, aber doch nicht blöder. (lächelt) Ich leide lediglich unter der Erkenntnis, daß unsere schärfsten ökonomischen Mittel nicht eingesetzt werden, weil man die Reflexkonsequenzen dem Deutschen Michel nicht zumuten will. Auf diese Weise werden wir Demokratie, Menschenrechte und individuelle Selbstbestimmung nicht erfolgreich verteidigen können — nicht gegen einen Gegner, der auf diese Werte scheißt. Und im Übrigen: Herr Putin hat Ryans Strategie verstanden; er hält sich konsequent daran — allerdings ist für ihn die Demokratie das Virus… Uns läuft die Zeit davon. Ich finde dies einen zumindest bedenkenswerten Ansatz und möchte ihn nicht dadurch disqualifiziert sehen, weil ich nicht für leibliche, sondern “nur”(?) für wahlverwandte Kinder bereits wie ein Löwe gekämpft habe. Dieser implizite Vorwurf hat mich verletzt.

ANH
Verzeihung, das wollte ich nicht. Ich habe einfach nur ständig die Atomdrohung im Bewußtein. Hingegen daß wir ruhig mal einen Winter “frieren für den Krieg” können, sehe ich wie Du. Habe damit auch Erfahrung, nämlich einmal drei Jahre hintereinander im Winter nicht geheizt, einfach, um zu erfahren, ob und wie ich das hinbekomme, und dann noch einmal, um meine Erfahrungen zu firmen. In Der Dschungel lassen sich diese Winter nachlesen (→ etwa 2009). In Japan ist dieser ungeheizte Zustand bei Minusgraden teils sogar noch Usus. Etwa besuchte ich in Kyoto den in einem → Tatamihaus[1]Die ebenfalls aus Reisstrohmatten bestehenden Wände bieten quasi keine Isolation gegen die Außentemperaturen. lebenden Freund eines Freundes, der es wie viele der Japaner hielt. Man trifft sich im Waschhaus und heizt dort, wie es heißt, die Organe auf, also legt sich für einige Zeit in ausgesprochen heißes Wasser. Danach trocknet man sich nicht, sondern tupft sich nur leicht ab und zieht sich dann an. Der jetzt zwischen Haut und Kleidung stehende Dampf isoliert die Körperwärme. Es funktioniert faszinierend, hält gute zehn Stunden an. Dann muß man halt abermals in heißes Wasser. (Ein Dusche tut es wahrscheinlich genauso).

” … weil man die Reflexkonsequenzen dem Deutschen Michel nicht zumuten will” finde ich im übrigen eine arrogante Diskriminierung, wenn ich dagegen Habecks Bedenken und also → seine Gründe halte, gegen eine komplette Einfuhrsperre aus Rußland zu sein.

References

References
1 Die ebenfalls aus Reisstrohmatten bestehenden Wände bieten quasi keine Isolation gegen die Außentemperaturen.

Ukraine-Dialoge, INTERMEZZO oder FRIEDEN ÜBERM KOLLWITZPLATZ. Der Brief einer inneren, quasi, Waffenruhe als Arbeitsjournal des Sonntags, den 13. März 2022, über das Tagvor geschrieben und ganz früh morgens rausgeschickt.

[Verdis Requiem, Berliner Philhamoniker,
mit Susanne Bernhard unter Daniel Barenboim
wird heute um 12 Uhr w i e d e r h o l t !]

13.3.2022
7.19 Uhr

Lieber Schelmenzunft,

Ihnen heute früh mein erstes Getipptes, nachdem ich bislang nur ein wenig hie und da herumgelesen habe, weil eigentlich in mir ein Text reift, den schreiben zu m ü s s e n mir bereits gestern, d i r e k t nach Verdis Ukraine-Aufschrei, im Wortsinn not|wendig zu sein schien, der eine Anklage, verklagt wurden Gott und Erlöser, gewesen, nachhallend noch immer, weil die beiden nicht helfen, wo wir es nicht dürfen noch können, auch als Bild → dieser Sopranistin, ihres dauernd vor meinen Augen wie aus einem Nebel, der Gedanke ist, sich formenden Gesichts, schon wieder zerfallend, erneut sich formend … aber ich möchte diesen wahrscheinlich ersten tatsächlich poetischen Text zu dem Krieg als einen Ukraine-Dialog schreiben, zwischen Giuseppe Verdi, der freilich nur schweigt, und mir. Und habe dafür zwar den Ansatz, aber noch nicht, wie es sinnvoll und sinnlich weitergehn kann …
Im Lauf des Tages wird er entstehen. Obwohl ich eigentlich dringend in den Waschsalon müßte, was ich nun auf morgen verschiebe, fünf oder sechs Maschinen, nach wieder mal zwei oder zweieinhalb Monaten werden es sein, was immer einen halben Tag bedeutet – wenig, selbstverständlich, auf je solch lange Zeiten gerechnet. Doch dieser Text muß frisch sein im Sinne einer guten Unmittelbarkeit, nicht jener schlechten bei Hegel.

Uwe Dick. Nein, ich habe keinen Kontakt mehr, schon seit damals nicht mehr, seit seiner fulminanten → Grimmelshausenrede zum Wolpertinger, dafür aber manches gelesen von ihm. Einiges fand ich nicht bemerkenswert, anderes grandios, und ich werde mir → das neue Buch unbedingt bestellen, auf das Sie mich hingewiesen haben, tu es jetzt gleich, sowie dieser Brief geschrieben. Und vielleicht, nach dann der Lektüre, werd ich drüber schreiben. Ihre Worte sind dringlich, eindringlich genug. Ich gehör ja zu denen, die hören.

Gestern der Nachmittag war wie Waffenruhe-hier, schon die Sonne rief hinaus. लक्ष्मी, deren beste Freundin שרה zurück aus Südamerika ist, für zwei Monate, fragte, ob wir uns zu dritt nicht auf dem Kollwitzplatz treffen wollten, am Weinstand neben dem Käsestand (Käse aus dem Ticino), und die Sonne schien derart begeistert, daß ich dachte, im Himmel zu sein. Aus dem einen Wein wurden schließlich vier, zu Sarah, der Freundin, kamen an unserem Stehtisch unversehens neue Freundinnen, Freunde hinzu, weil zu dem, worüber wir sprachen, dem Ukrainekrieg, niemand wirklich schweigen kann. Die furchtbare Russophobie wurde Thema, tagsvor hatte es in Marzahn diesen Brandanschlag auf die russische Schule gegeben, und alle am Tisch waren einig und blickten zugleich dankbar in den blauen Himmel, wozu sie jeweils die Sonnenbrillen abnahmen und dann zwinkern mußten vor Licht, und eine große Dankbarkeit für diesen Tag lag auf uns, lag um uns herum, hüllte uns ein.

Auch ein Pfeifchen reichte sich über den Stehtisch; ich selbst war vorsichtig genug, bei meiner Tabakpfeife zu bleiben. Das andrere, “Gras”, wirkt immer noch halluzinativ auf mich, oft reicht ein einziger Zug. All die Jahrzehnte zuvor, bis zur → Magenresektion, hatte es nie eine Wirkung. (Niemals wieder werd ich vergessen, wie ich aber nun – keine zwei Monate liegt das zurück – nach nur zwei inhalierten Zügen auf dem Fahrrad vier parallele Wirklichkeiten durchfuhr, deren eine ein intensiv philosophisches Gespräch war, das ich führte, und in den anderen drei verschob sich ständig das Straßenbild, so daß ich auf dem mir bekannten doch nur einen Kilometer Heimweg, ich glaube, viermal glaubte, falsch zu fahren, und wendete, weil plötzlich der Schneider rechts statt links und die Gethsemanekirche auf einem gänzlich falschen Platz. Abermals mußte ich wenden. Absteigen aber und das Fahrrad schieben, wollte ich auf keinen Fall, sondern diese Odyssee stur überstehen, und stolz, nicht ergeben – um schließlich, die heimatliche Insel erreicht, glückvoll anzulanden.)

Wir zogen, als die Sonne sank und Wolken sich zu türmen begannen, noch in ein Café, weil’s nun plötzlich doch scharf kalt ward und der Weinstand ohnedies endlich, endlich schließen wollte – unsertwegen hatte er fast eine Stunde, vielleicht sogar neunzig Minuten “überzogen”. Sarah orderte für den gesamten Tisch Kuchen und Torten, die wir in bißgerechte Stücke zerteilten, oh, ich habe einige Enzyme mehr, zur Fettverdauung, schlucken müssen und tat es auch klug. Dann brachen wir auf, ich brachte लक्ष्मी noch nachhaus, sie hatte vor Kälte ganz blaue Lippen. Die Freundin kam mit, begleitete sie auch in die Wohnung hinauf, und ich denke, sie, लक्ष्मी, wird sich, wie sie ankündigte, wirklich auf ihrem Bett ausgestreckt und die Freundin sich da an die Kante gesetzt haben, um weiter mit ihr zu plaudern, und wenn sie nicht beide eingeschlafen sind, plaudern sie wahrscheinlich jetzt noch. Ist ja Sonntag. Derweil ich zurück über den “Helmi” zur Arbeitswohnung spazierte, die ich genau eine Viertelstunde vor dem Requiem erreichte. Sofort, noch im Mantel, die Anlage geschärft, die digitale Konzerthalle geöffnet, dann erst den Mantel abgelegt, in den Schuhen aber geblieben, weil man in eine Kirche nicht in Schlappen darf, nur barfuß ist noch erlaubt, doch mir, im Anzug, war noch nach Schuhen. Weil ich etwas ahnte. Doch das dann, so, ahnt’ ich nicht.

Und → es brach los.

Ihr ANH

(Oh, das ist jetzt ein schönes Arbeitsjournal. Aber ich schicke es, als diesen Brief, erst Ihnen. Doch so, ihn verwendend, gewinne ich für das Requiem, nämlich darüber zu schreiben, Zeit.)

Ukraine-Dialoge VIII: Russophobie, Reichstag, Aufrüstung, neue deutsche Gesinnungsschnüffelei & DiEM25. Schelmenzunft | ANH. (1)

 

Lieber ANH,

(…) einen gleichermaßen → aufmerksamen Blick in Putins wie in Habecks Gesicht hätte ich mir von Ihnen gewünscht, statt dessen: Gergiev (na ja) und Netrebko (sowieso überschätzt) – das von Ihnen? Sie haben Lindner gewählt und machen es auch noch öffentlich? → Putin erschießen? Haben Sie je einen von den Bushs, Clinton oder Obama erschießen lassen wollen, und, wenn ja, warum steht davon nichts in den Dschungeln?
Was jetzt an Russophobie hochkommt, in der FAZ schreibt Kohler von Putin als Sauron und den Russen als Orks, erschreckt Sie das nicht? Was jetzt auf einmal möglich ist, den Rüstungsetat von 1 auf 2 Prozent des BIP zu erhöhen – das klingt so niedlich, aber das sind fast 20 Prozent des gesamten Bundeshaushalts! – und 100 Milliarden zusätzlich, mit einem Achselzucken? Dazu LNG-Terminals für Frackinns-Gas…
Anyway, man nimmt sich selber politisch zu wichtig. Was ich noch anmerken möchte, ist der Hinweis auf → Ihre Bemerkung, dass „das Reichstagsgebäude“ technisch zu irgendetwas nicht in der Lage gewesen ist… Warum diese Bezeichnung und nicht schlicht „der Bundestag“? Was bricht sich da Bahn? (…) wie sagte schon Hans Wollschläger über Helmut Thielicke: „Ein Professor muß nach seinen Worten beurteilt werden – das sind seine Taten“ (oder so ziemlich ähnlich).
Zuviel Rotwein, aber ich schicke diese E-Mail trotzdem.

Ihr Schelmenzunft

***

Lieber Schelmenzunft,

der Wein macht Sie mir besonders sympathisch; auch ich fange abends zu trinken an, manchmal morgens noch Restalkohol. Und verzeihen Sie, daß ich jetzt erst antworte (auch für die eingegangene Büchersendung habe ich mich noch zu bedanken), aber vorgestern und gestern war ich wegen der Ukraine und Putin in heftige Auseinandersetzungen eingebunden und darin, es dann auch >>>> in Die Dschungel hinüberzukopieren, damit es nicht versinkt, sondern jederzeit zugreifbar ist.. Es braucht dies alles sehr viel Kraft, auch, weil sich mir wichtige Menschen (…) jetzt von mir “entfreundet” haben. Ich täte so etwas nie, weil ich der Überzeugung bin, daß erwachsen zu sein in allererster Linie bedeutet, Ambivalenzen auszuhalten und mit ihnen zu leben. Auch und besonders unter Freunden.
Egal.
Ich möchte mich jetzt zu Ihren, im weitesten Sinn, Vorhaltungen äußern. Allgemein erst mal: Daß ich gegenüber der NATO, vor allem aber den USA äußerst kritisch bin, zieht sich durch Die Dschungel seit Beginn; daß da immer wieder Menschen- und auch Kriegsrechtsbrüche zu verzeichnen waren, ebenso – um von Guantánamo zu schweigen. Also in der Hinsicht können Sie mir kaum Vorwürfe machen.

Doch im einzelnen:
1. Einen gleichermaßen aufmerksamen Blick in Putins wie in Habecks Gesicht hätte ich mir von Ihnen gewünscht. | Den habe ich getan.#2. Sie haben Lindner gewählt und machen das auch noch öffentlich? | Ja, weshalb nicht? Ich stehe zu meinen Entscheidungen. Die Grünen waren, obwohl ich jahrelang für sie votierte, nicht mehr wählbar, seit sie meine Sprache zerstören. Spätestens mit der, ich sag mal, Genderisierung mußte ich da raus, auch mit der Leugnung des Geschlechts und der Meinungshoheitsübernahme eines klitzekleinen Bevölkerungsanteils über den gesamten anderen. Es ist dies versucht diktatorisch und wird gegen den Willen der meisten legislativ durchgesetzt, also aufoktroyiert. Kurz: Nicht wählbar. Ebensowenig die SPD, dies schon spätestens seit Schröder. Aber, wie der Grünen auch, ist der SPD Kulturverständnis für das meine verheerend, das avantgardistische und jedenfalls komplexe Formen will, nicht Pop. Als Schriftsteller wäre ich, wählte ich denn rein nach Eigeninteresse (was eigentlich Sinn demokratischer Wahlen ist), besser bei der CDU aufgehoben. Da krieg ich, vor allem mit Merz, meinen Stift aber nicht hin, auch nicht wegen ihrer außenpolitischen Positionen. Bleibt nur die FDP. (Einige Zeit lang habe ich die Piraten gewählt, aber das war ein stets verschossenes Stimmen.) Eine tatsächliche Alternative wäre DiEM25, wenn dieses Bündnis Partei denn schon wäre. – Wegen Grün und FDP haben mein Sohn und ich eine heftige Diskussion geführt, der grün gewählt hat. Es war eine g u t e Diskussion. Er hat verstanden, daß es mir darum ging und geht, mich nicht in meinen eigenen Entscheidungen eingrenzen lassen zu wollen – was die Grünen permanent versuchen, also nicht nur, lacht, bei mir, sondern allgemein. Auf jede Form administrativer Menschenführung reagiere ich mit Widerstand, egal, ob von rechts, links oder aus der Mitte. Denken Sie bitte dran, daß ich von Landauer und Mühsam herkomme. Außerdem hat, aus meiner Sicht, die FDP das entschieden größere Reifebildungspotential.
3. Putin erschießen? Haben Sie je einen von den Bushs, Clinton oder Obama erschießen lassen wollen, und, wenn ja, warum steht davon nichts in den Dschungeln? | Das ist, um’s mit Wagner zu sagen, ein andres. Bei denen, so entsetzlich sie mir teils auch sind, handelt es sich um gewählte Repräsentanten, deren Entscheidungen immer von Kongressen usw. abhängig sind. Es sind k e i n e Autokraten, geschweige Diktatoren, die allein persönlich über den Einsatz von Atomwaffen entscheiden können. Hier besteht ein ontologischer Unterschied. Putin ist persönlich eine verheerende Weltgefahr. Weder Obama noch gar die beiden furchtbaren Bushs waren das je, geschweige daß bei denen von der Drohung mit dem Einsatz atomarer Waffen die Rede gewesen wäre, wahrscheinlich nicht mal der Gedanke. Jedenfalls ist mir anderes nicht bekannt. Indessen Putin droht damit.
4. Was jetzt an Russophobie hochkommt, in der FAZ schreibt Kohler von Putin als Sauron und den Russen als Orks, erschreckt Sie das nicht? | Na, weshalb habe ich wohl derart für → diese PEN-Presseerklärung gekämpft? (…)

5. Was jetzt auf einmal möglich ist, den Rüstungsetat von 1 auf 2 Prozent des BIP zu erhöhen – das klingt so niedlich, aber das sind fast 20 Prozent des gesamten Bundeshaushalts! – und 100 Milliarden zusätzlich, mit einem Achselzucken? Dazu LNG-Terminals für Frackinns-Gas… | Völlig klar, mir schaudert’s da auch. Aber ich teile in der Hinsicht Macrons Perspektive: Es könnte – angesichts des zunehmenden Engagements der USA im Südostpazifik – ein Schritt hin auf ein stehendes Europäisches Heer sein und vielleicht eine Art NATO ohne die USA als “Führungs”macht, was mir eh seit langem stinkt. Ich will ein wirklich Vereintes Europa, zu dem aber auch die Verteidigung gehört. Die Welt ist, wie wir nun wieder wissen, kein friedlicher Ort. (Wir haben es – angesichts all der dauernden Kriege um uns herum, auch des fundamentalistischen Jihad-Islams – auch vorher gewußt, nur immer verdrängt. Was allerdings auch seine guten Seiten hatte, bloß daß Freud recht hat: Das Verdrängte kehrt immer wieder zurück und meist an Stellen, wo wir es gar nicht erwarten.)
6. Was ich noch anmerken möchte, ist der Hinweis auf Ihre Bemerkung, dass „das Reichstagsgebäude“ technisch zu irgendetwas nicht in der Lage gewesen ist… Warum diese Bezeichnung und nicht schlicht „der Bundestag“? Was bricht sich da Bahn? | Ganz einfach, weil der Bundestag eine politische Institution ist, sozusagen eine – demokratietragende – Fiktion. Das Reichstagsgebäude hingegen ist ein Objekt, keine Idee. Und technische Ausstattungen sind ebenfalls nicht Ideen, sondern Objekte.

Ihr ANH

***

Lieber ANH,

(…) „Reichstagsgebäude“ ohne „ehemaliges“ ist für mich ein sprachlicher Missgriff, genauso wie das verniedlichende „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (‚Seien Sie doch mal ein bisschen menschlich‘) statt des korrekten „Verbrechen gegen die Menschheit“.

Ihr Schelmenzunft

 

***

Lieber Schelmenzunft,

ad 1) “Verbrechen gegen die Menschheit” klingt mir zu groß-abstrakt, indes “gegen die Menschlichkeit” in unser je eigenes Inneres geht, um auch nicht zu vergessen, daß Putin und Konsorten zur Menschheit sehr wohl dazugehören, allerdings nicht zur Menschlichkeit. Von dieser – also sie in emphantischen Sinn – sind sie ausgenommen. Daher meine Formulierung.
Ad 2) “Reichstagsgebäude” ist der exakte historische Begriff und bezieht sich nicht etwa auf die Hitlerjahre., sondern sowohl auf die Zeit des Kaiserreiches als auch die der Weimarer Republik. Dieses zu ignorieren, wäre – aus welchem historisch-moralischem Grund auch immer – Geschichtsklitterei. Aber auch im, ich sage mal, Volksmund wird kurz vom “Reichstag” gesprochen, ohne daß dies eine Sympathiebekundung für rechtsnationale Bewegungen wäre. Von mir ist dergleichen nun auch wirklich nicht zu erwarten.
Doch dies beiseite. Ich muß dringend einen Text nicht nur zur zu erwartenden, sondern bereits, siehe
Kestings Artikel[1]Schelmenzunft selbst schickte → ihn mir. (der sonst so kluge Mann wird immer dümmer) in vollen Gange, aber noch Anlauf nehmenden Gesinnungsprüferei russischer Künstler schreiben. Solange sie sich nicht expressis verbis hinter Putins Vernichtungsfeldzug stellen und werblich mit ihm auf Bildern posieren, hat niemand ein Recht, von ihnen irgendwelche Stellungnahmen zu fordern. Genauso schlecht könnte man – und zwar egal aus welchen Herkunftsländern –  Intendanten, Künstler etc. zu bekennen auffordern, wie sie zur AfD oder dem ultralinken Flügel der Linken stehen. Und wie haben sie zu den völkerrechtswidrigen Attacken der, z.B., USA gestanden, und wie stehen zahllose Künstlerinnen und Künstler, besonders des Klassikbereiches, zu dem Uigurenunrecht Chinas und überhaupt zu Peking? – Wir bekommen es hier mit einer ausgesprochen unguten politischen Schnüffelei der vermeintlich Guten zu tun, die nicht nur am “Höhe”punkt in einem schließlich um sich greifenden Denunziantenwesen à la Dogenvenedig finden wird.
Currentzis’s etwa kriegt’s jetzt zunehmend ab, etwa auch dort. Da wirkt so etwas wie die böse rechtspolitische “Achse des [Un]Guten”.

Ihr ANH

References

References
1 Schelmenzunft selbst schickte → ihn mir.

Ukraine-Dialoge VI: Bersarin/ANH (1). Darin unter anderem auch zu, auf ukrainischer Seite, rassistisch-nationalistischen “Kämpfern” mit Deckung der Regierung.

[Nachgetragen, da → anderes vordringlich wurde.
Siehe auch → in Aisthesis heute.[1]Bersarin spiele mit dem Gedanken, die NATO massiv eingreifen zu lassen, aber ohne Hoheitskennzeichnung der Kombattanten. Der verlinkte Text ist meine Entgegnung.
ANH, 4. März]

Sonntag, 27. 2. 2022 | 1.43 Uhr

Bersarin
Auch das ist eine Möglichkeit: Partisanenwiderstand aus ganz Europa:

Sonntag, 27. 2. 2022 | 6.52 Uhr

ANH
In ganz Europa, denke ich, nicht. A u s ganz Europa aber vielleicht und in der Ukraine ziemlich gewiß. Vorausgesetzt, es kommt nicht wirklich zum europäischen Flächenkrieg. Sollte Finnland jetzt in die NATO gehen oder sollte es sogar die Ukraine[2]Anträge haben  jetzt auch Georgien und Moldawien gestellt; saugefährlich in der jetzigen Situation. ANH 4.3.22 tun, hätten wir ja den Bündnisfall. Dann wird man nirgendwo von einem Guerillakrieg mehr sprechen können, da ohnedies erst einmal die Bombengeschwader ausrücken würden. Die ersten drei Ziele: Berlin, London, Paris. (Ein Europa der Regionen wäre weniger schnell verwundbar.)

Bersarin
Ich denke, daß zumindest die Ukraine nicht in die NATO kommen wird, weil die NATO nach ihren Statuten keine Länder aufnimmt, die in aktuelle Konflikte verwickelt sind – so meine ich gelesen zu haben. Aber es könnte mit diesem Krieg gegen die Ukraine immerhin ein Zeichen gesetzt werden, daß solche Annektionen eines Landes mit einer demokratisch gewählten Regierung und eines Landes, das souverän ist nicht durchgeht.

ANH
Es ist denkbar, die Statuten zu ändern, wäre aber in diesem Fall nicht klug, weil wir dann sofort a l l e im Krieg wären – und was für einem, haben → Sie ja selbst geschrieben. Problematischer, weil sehr schnell konkret, könnte es im “Falle” Finnlands sein. Daß, solange die Nato sich nicht militärisch rührt, also gegen Rußland, auch das Baltikum derzeit in Gefahr ist, glaube ich nicht; doch ist dies in der Tat ein Glauben. – Seltsam, übrigens, daß ich bei “russischer Föderation” immer automatisch an die “Föderation der Vereinten Planeten” denken muß, Raumschiff Enterprise. Diese Föderation hat sich Frieden und Kooperation ja auf die Fahnen geschrieben. Welch ein Kontrast zu Rußland – und eben nicht nur jetzt erst. Wobei friedliche Koexistenz auch bei der Planetenföderation tatsächlich ja nie richtig geklappt hat.

Montag, 28. 2. 2022 | 11.23 Uhr

ANH
Lieber Bersarin, ich würde gerne auch mit unseren Ukraine-Dialogen machen, was ich vorhin >>>> mit Kaleb Utechts gemacht habe.Wären Sie einverstanden? Die Links würde ich dann aber nicht auf Facebook, sondern auf Ihre eigene Site legen.

Bersarin
Lieber Herr Herbst, sehr gerne. Und ich würde auch, sofern Sie gestatten und diese Form ausführen wollen, meine Antwort nochmal überarbeiten. Es sei denn, es soll so wie es ist, publiziert werden. Aber auf alle Fälle können Sie es wie Sie mögen publizieren-

ANH
Nein nein, wenn Sie überarbeiten mögen, tun Sie das. Denm Text würde ich eh erst morgen einstellen, für heute ist der jetzige und am Abend ein weiterrr Dialog vorgesehen, der auch schon für Die Dschungel formatiert ist. – Haben Sie in dem Utecht-Dialog (Dschungel, nur dort) meine letzte Bemerkung gelwesen? Das mit dem → Regiment Asow ist in der Tat furchtbar – weil es Putins “Entnazifizierung” rechtfertigt, auch wenn es “nur” um eine rassistische Mördertruppe von 2500 Mann geht. Doch sie “handelt” in ukrainischem Auftrag. Ich habe es in Der Dschungel verlinkt.

Bersarin
Ich habe es bereits gesehen. Nennen muß man es in der Presse, weil es ansonsten wieder zur Kritik kommt, es werden Dinge verschwiegen. Allerdings sollen meines Wissens auch auf der russischen Seite im Donbas neonazistische Organisationen mitmischen. Andererseits denke ich eben auch, daß die Ukraine sich in einer solchen Lage nicht die Position eines Rechtsstaates wie in Deutschland (mit all seinen Tücken freilich ebenfalls) wird leisten können. Vor allem da, wo jeder Mann, jede Frau gebraucht wird. Was freilich nicht rechtfertigt, → mit Nazis zu kollaborieren.[3]Auch als PDF: Rechtsextremismus_ Polizei in Deutschland warnt Rechtsextremene vor Ausreise _ ZEIT ONLINE

ANH
Ja, es ist heikel, sehr heikel. Und ich denke mal. daß die Presse diesen Trupp aus ähnichem Grund verschweigt, wie sie sich Ewigkeiten zu schreiben gesperrt hat, daß hinter manchen Übergiffen auf Frauen muslimische Flüchtlinge steckten. Es geht nicht um Wahrheiten, sondern darum, die öffentliche Meinung manipulativ zu lenken, weil man z.B. kein weiteres Erstarken der AfD will. Was ich verstehen kann, aber als Rechtfertigung nicht akzeptiere.

Bersarin
Sehe ich ganz genau so. Gerade auch im Blick auf Übergriffe. Aber ich denke, daß das ein großer Fehler ist und den Leuten am Ende auf die Füße fällt. Denn Probleme, die man nicht benennt, verschwinden ja nicht, sondern sie brödeln unterschwellig. Bis es aufbricht und das fliegt einem dann meist um die Ohren

ANH
Eben. Dieselbe Dynamik, wie sie in Freuds Konzepz der Verdrängung wirkt. Das Unheil kommt an komplett unerwarteter Stelle wieder hervor – aber so, daß man in aller Regel es gar nicht mehr auf die Ursache zurückführen kann, es sei denn durch die Psychoanalyse.

Bersarin
Das ist eine gute Parallele. Das Manifestwerden des Latenten, der Einbruch des Verdrängten in die Realität und Wirklichkeit unserer Lebensverhältnisse – sei das gesellschaftlich oder im Individuum.

***

[Siehe auch → in Aisthesis heute.]

 

References

References
1 Bersarin spiele mit dem Gedanken, die NATO massiv eingreifen zu lassen, aber ohne Hoheitskennzeichnung der Kombattanten. Der verlinkte Text ist meine Entgegnung.
2 Anträge haben  jetzt auch Georgien und Moldawien gestellt; saugefährlich in der jetzigen Situation. ANH 4.3.22
3 Auch als PDF: Rechtsextremismus_ Polizei in Deutschland warnt Rechtsextremene vor Ausreise _ ZEIT ONLINE
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