Sonntag, der 12. März 2006.

7.36 Uhr:
Vom Wecker aufgewacht um sechs Uhr, war ich gelähmt vor Depression. Konnte nicht aufstehen, wollte nur liegenbleiben, wollte weiterschlafen, aber auch das ging nicht. Ich dachte an den Zahlungsbefehl, an die in der Arbeitswohnung ungeöffnet liegenden unterdessen bestimmt fünfzig Briefe, unter denen die Hälfte Rechnungen sein dürften, bekam einen Riesenschub Existenzangst, dachte an weitere Zahlungsbefehle, die kommen werden – und wurde vor lauter Panik sexuell erregt. Es scheint so etwas zu geben wie Geilheit aus Not: als würde eine bedrohte Art damit reagieren wollen, nun ganz besonders viel und heftig zu vögeln. Als ich das ‚Problem’ ‚gelöst’ hatte, war die Depression wieder da. Und nicht eine entfernte Lust: zu arbeiten. (Jetzt, da ich dies tippe, wird es vorsichtig anders.) Schlafen, dachte ich, schlafen. Aber das ging eben nicht. Seit ich gestern nacht diese Trauer wieder zuließ und getippt habe „ich möchte meine Famile zurück“, ist das Loch wieder aufgerissen. Dabei ahne ich seit meiner Psychoanalyse, welches es eigentlich aufgerissen hat: nämlich ist es der nie abgerissene Nachhall der Trennung meiner Eltern, d i e s e r Familenverlust, seit damals, seit ich vier Jahre alt gewesen bin. Wenn diese meine seelische Reaktion auch nur einigermaßen auf andere Menschen übertragen werden kann, dann ist die Trennung von Eltern ihren Kindern gegenüber ein Verbrechen (zu dem freilich auch gehört, daß ein offenbar rasend geliebtes Elternteil völlig verschwindet; so geschehen meinem Bruder und mir mit dem Vater).
Ich muß mich zusammenreißen. Für meinen Jungen. Er schläft jetzt noch. Nach dem Frühstück wollen wir wieder in den Mauerpark zum Rodeln hinaus.

Zu alledem: Die Ellis-Lektüre tut mir nicht gut, dieses weltschmerzige Gewichse mit High Society und überflüssigem Schickimicki-Reichtum und dem (sehr geschickten) Verfahren, auf dieser Folie eine Mischung aus Autobiografie und Thriller zu schreiben. Ich werde die Rezension absagen. Das Buch liegt links neben mir auf dem Küchentisch, und ich muß es nur ansehen, schon kommt mir die Kotze hoch. Kann sein, daß Ellis das beabsichtigt, kann gut sein, daß er die erzählten Geschehen einen ganz ähnlichen, sich selbsteklig abwendenden Dreh bekommen läßt, aber ich hab jetzt knapp hundert Seiten gelesen, und es reicht mir. Möglicherweise ist der Roman Lunar Park nur einfach nicht gut für meine sehr spezielle Situation.

(Ich vergaß noch zu erzählen: Für heute abend habe ich wieder ein lockeres Blinddate ausgemacht. Aber es ist typisch für mich, daß ich schon voraussehe, wie schief das laufen wird; denn ich sehe Lakshmi ja am frühen Nachmittag, und da ist immer die Hoffnung, man werde zumindest etwas Zeit und dann viel Zeit miteinander verbringen, und sei es ‚nur’, um gemeinsam mit dem Jungen zu abend zu essen; dann aber säße mir das Blinddate drückend im Nacken. Dabei ist es höchst unwahrscheinlich, daß es so kommt, aber ich ziehe das Unwahrscheinliche wie ein reales mögliches Faktum in Betracht. Gleichzeitig will ich das Blinddate aber nicht absagen, w i l l nicht abstinent leben, mich nicht auch d e m noch aussetzen. So eine Situation k a n n also nur verfahren enden; ich weiß das ebenso genau, wie ich mit diesem klaren Wissen dennoch hineintappe. Das ist, gerade auch in finanziellen Belangen, nicht erst seit meiner Trennung typisch für mich: Ich sehe die Lawine rollen, aber weiche nicht aus, sondern geh ihr noch entgegen – ja, stehe ich ausnahmsweise einmal geschützt etwas abseits, dann verlasse ich diesen Schutzraum sofort und renn ihr ganz bewußt mitten in den Weg.)

8.19 Uhr:
Dabei gibt es allen Grund, zufrieden zu sein. Freunde, die SAN MICHELE gehört haben, weil ich Ihnen eine CD sandte oder eine mp3 per Mail geschickt haben, sind wie bezaubert von dem Stück. >>>> Hediger schrieb gestern sogar: „…kann ich Ihnen nur ganz herzlich dafür danken, dass Sie dieses Wunder schufen.“ Und vom Direktor der Villa San Michele erreichte mich folgende Mail:
Gentile Alban Nikolai Herbst,
ho ricevuto il suo CD. Grazie!!
L’ho ascoltato e nonostante il mio tedesco sia limitatissimo ho potuto apprezzare questa opera d’arte radiofonica. Le sonorità, la recitazione, la musica e l’ambiente sonoro la fanno godibile anche da un orecchio, linguisticamente parlando, sordo.
Sono felicissimo di esserle potuto essere d’aiuto e la ringrazio di cuore.
Cordiali saluti
Peter Cottino

Der Nachmittag:
Längeres Gespräch mit >>>> Source, der ich eine eine CD von SAN MICHELE angeboten und geschickt hatte. Sie findet die helle, jugendliche Stimme der Sprecherin unangebracht; das Stück sei wirklich schön geworden, aber diese Stimme… ein Freund habe gesagt „der hat’swohl mit jungen Dingern“, und ihren meinen Lesern ja weidlich bekannten Freund bvl habe die Stimme „dieser Kate Moss“ den Hörgenuß versauert. Nun, einerseits wußte ich nicht, wer Kate Moss i s t, andererseits empfinde ich das bei jemandem wie bvl sogar als einen ziemlichen Erfolg; besser, als daß ich ihm was versaure, kann’s eigentlich nicht laufen – aber das ist privater Müll, der bei künstlerischer Arbeit eigentlich nichts zu suchen hat. Ich hab dennoch diesen Impuls. Hab dann wegen der Stimme bei meinen Freunden noch gefragt; keiner teilt Source’s Meinung. Beruhigen tut mich das freilich nicht. Es müsse eine r e i f e Frau sein, die den Part spreche, sagte Source, denn die Sphinx sei a l t. Ich nun finde gerade diese Differenz hochgradig reizvoll, einmal abgesehen davon, daß die Sprecherin 38 ist und sich das Argument schon von daher erledigt. Aber ich bin verunsichert, und in das Glück, das ich aus gerade dieser Produktion mit mir genommen habe, ist ein ziemlich trüber Tropfen gefallen, der mir alles irgendwie verunklart. Die Schönheit bekam einen Riß.
Immerhin konnte ich kämpfen; das schon schob die Depression wieder weg. Der Nachmittag mit dem Jungen dann sowieso.

23.58 Uhr:
Soeben heimgekommen. Mit dem Jungen verlief der Tag dann sehr schön, aber kaum hatte ich ihn zu seiner Mama gebracht, kaum saß ich wieder allein in der Kinderwohnung, worin ich jetzt für heute nacht noch geblieben bin, ging das Elend wieder los. Lakshmi ist vollendet meine Frau und ist es zugleich vollendet-unerreichbar. „Ihr streitet ihr euch d o c h wieder“, sagte schmerzlicherweise unser Junge, als wir einen kleinen Dispens wegen des Beginns seiner Osterferien hatten. Das war gar nicht schlimm, die eine sagte so, der andere anders, wir waren uns nur nicht einig. Aber das Kind nimmt seine Eltern offenbar als dauernd streitende wahr. Wenn er doch nur um die Nähe wüßte, die da einmal gewesen ist: glutvoll wie bei kaum bei einem Paar; und dem doch verdankt er sein Dasein. Ich werde darüber mit ihm sprechen müssen nächste Woche, ich will darüber mit ihm sprechen. Er muß von dieser L i e b e wissen.
Ich war verstört, als ich zurückkam und rief mein Blinddate an; die Frau sagte das Treffen von sich aus ab, was mich ausgesprochen erleichterte. Dann wollte ich drei Bier holen gehen, zog die Tür zu und hatte keinen Schlüssel dabei. Derart ausgesperrt eilte ich nur im Jackett den einen Kilometer wieder zum Sohn und seiner Mama, um mir den Schlüssel des Jungen zu holen. Abermals zurück und nun völlig neben der Spur, rief ich den Profi an, der mich und seine Freundin zum Thai einlud. So wurde es denn, ohne gearbeitet zu haben, spät. „Was willst du?“, so der Profi, „es ist ein Sonntag.“ Nun ist Freizeit für einen Künstler überhaupt kein Begriff, er braucht sie weder, noch weiß er, was das eigentlich sein soll. Es ist eine Erfindung für Leute, die etwas tun, das sie nicht tun w o l l e n. Egal. Nun noch dieser letzte Eintrag, dann geh ich schlafen und werde erst morgen früh in die Arbeitswohnung wechseln.
Gute Nacht, Leser. Wir haben’s draußen minus elf Grad.

Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.