Exzerpte: Geert Lovink, Digitale Nihilisten. In: LETTRE, Sommer 2006. Kleine Theorie des Literarischen Bloggens (84).

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…in das Nachrichtenformat des Blogs gepreßt(Wertung, kursiv von mir).
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Während die auf E-Mails basierende Kultur (…) das Echo einer Schriftkultur ist, (…) definiert sich der ideale Blog-Artikel durch PR-Techniken.
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Der Aufbau einer entspannten Parallelwelt…
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…waren es die Blogs, die weltweit die Demokratisierung des Netzes verwirklichten. Der Begriff der „Demokratisierung“ spricht von „engagierten Bürgern“, impliziert aber auch eine Normierung und Banalisierung. Man kann diese Elemente nicht voneinander trennen (…). Baudrillard (…): „Dies ist in einem gewissen Sinn der zweite Sturz des Menschen, von em Heidegger spricht: der Sturz in die Banalität, diesmal aber ohne jegliche Chance auf Erlösung.
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…“vagen Medien“…

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… die Ursprünge der Blogs in den Hypercards der Achtziger und nicht zuletzt in der Online-Literatur
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Blogs sind insofern Testfelder.
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… Manipulationen, die man heute gerne mit dem englischen spin bezeichnet.
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Cecile Landman (…): „Journalisten müssen sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie können nicht einfach alles ins Netz stellen. Bogger hingegen scheinen sich darüber keine großen Gedanken zu machen, und eben das sorgt für Konflikte.“

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Ein Weblog ist die Stimme einer Person (Dave Winer). Er ist eher die digitale Erweiterung oraler Traditionen als eine neue Form des Schreibens. (siehe 2)

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In diesem Sinn passen sich Blogs in den größeren Trend ein, daß alle unsere Bewegungen und Aktivitäten überwacht und gespeichert werden. Im Fall der Blogs wird dies nicht von einer unsichtbaren und abstrakten Autorität ausgeführt, sondern es sind sie Subjekte selbst, die ihren Alltag aufzeichnen.

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Der Zynismus ist in diesem Kontext ein Charakterzug, sondern ein techno-sozialer Zustand.

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Netzzynismus glaubt schlichtweg nicht mehr an die Identitätsstütze der Cyber-Kultur mit den daugehörigen unternehmerischen Halluzinationen. Er ist vielmehr gekennzeichnet durch die kalte Aufklärung, die einen postpolitischen Zustand charakterisiert und durch die Beichte, wie sie von Michel Foucault beschrieben worden ist.

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Wahrheit ist zu einem Projekt von Amateuren geworden und kein absoluter Wert mehr, der durch höhere Autoritäten sanktioniert wird.

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Exhibitionismus ist eine Selbstermächtigung.

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Im Kontext des Internets ist es nicht das Böse, wie Rüdiger Safranski vorgeschlagen hat, sondern das Triviale, das das “Drama der Freiheit“ ausmacht.

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Als eigentliches Fundament des gegenwärtigen Zynismus sieht Virno die Tatsache, daß die täglichen Erfahrungen von Frauen und Männern heute viel häufiger durch Regeln als durch „Fakten“ geprägt sind, und dies geschieht zudem noch v o r der Wahrnehmung konkreter Ereignisse (…).

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Kritik ist eine konservative und affirmative Betätigung geworde, in der die Kritiker immer neue Wertverluste einander abwechseln lassen, während sie das Spektakel des Markts feiern.

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Blogs legen das Denken nicht still.

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….“Romantizismus der offenen Augen“…

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Wir leben in einer postdekonstruktivistischen Welt, in denen Bogs einen niemals endenden Strom von Geständnissen bilden, einen Kosmos voller Mikromeinungen, die sich an der Interpretation von Ereignissen versuchen, die außerhalb der wohlbekannten Kategorien des 20. Jahrhunderts liegen.

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Das Private und das Öffentliche miteinander zu vermischen, ist geradezu ein Imperativ des Bloggens. (…) …. um am Ende wieder bei alltäglicher Langeweile anzukommen.

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Bloggen ist ein nihilistisches Verfahren, weil es die Struktur der Eigentümerschaft der Massenmedien hinterfragt und attackiert.

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Die finale Diagnose wurde gestellt, und sie lautet: Geschlossene, hierarchisch von oben nach unten strukturierte Organisationen funktionieren nicht, Wissen kann nicht „gemanagt“ werden, die Arbeit von heute ist gemeinschaftlich verfaßt und vernetzt.

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Justin Clemens hat richtig bemerkt, daß „Nihilismus oft unbemerkt bleibt, nicht weil er kein Thema der zeitgenössischen Philosophie und Theorie wäre, sondern weil er – im Gegenteil – so unumgehbar und dominant ist.“ (…) die Abwesenheit einer hohen Kunst, die als solche bezeichnet werden könnte. Eben dies könnte sich aber mit dem Aufstieg von Künstlern wie Michel Houellebecq geändert haben. (….) kreativen Nihilismus

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Jeder neue Blog soll seinen Teil zum Untergang des Mediensystems beitragen, das einst das 20. Jahrhundert dominierte.

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Statt über ideologische Färbung der Nachrichten zu klagen, wie es frühere Generationen taten, bloggen wir als Zeichen einer wiedergewonnenen Macht des Geistes. (…) Anstatt Blogs immer wieder von neuem als Instrumente der Selbstvermarktung zu präsentieren, sollten wir sie vielmehr als dekadente Artefakte interpretieren, die aus der Ferne die verführerische Macht der Sendeanstalten demontieren.

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Bogger sind Nihilisten, weil sie „zu nichts gut sind“. Sie veröffentlichen ihre Artikel in ein Nirwana hinein und haben diese Vergeblichkeit in eine produktive Kraft verwandelt. Sie sind die Parteigänger des Nichts, die den Tod der zentralisierten Bedeutungsstrukturen feiern und dabei ungerührt die Anschuldigung ignorieren, sie produzierten nur sinnloses Rauschen. Justin Clemens schreibt, daß „nihilistisch inzwischen durch Begriffe wie „anti-demokratisch“, „terroristisch“ oder „fundamentalistisch“ ersetzt worden ist.

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Gianni Vattimo argumentiert, daß Nihilismus nicht als Abwesenheit von Bedeutung verstanden werden kann, sondern als Anerkennung der Vielfalt von Bedeutungen.

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Nihilismus bezeichnet die Unmöglichkeit von Opposition.

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…daß der Blogger ein Individuum ist, „der in selbstbewußter Konfrontation mit einer bedeutungslosen Welt lebt und sich weigert, ihre Macht zu leugnen, ihr aber auch nicht unterliegen will(Karen Carr).

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Technologien des Selbst

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Eben das ist das Netzwerk-Paradox: Die Kontruktion und die Selbstdestruktion des Sozialen gehen miteinander einher. Ängstliche Verinnerlichung endet hier und wird in radikale Offenbarung übersetzt. (…) … auf deren Seiten Angestellte von New-Economy-Unternehmen anonym Gerüchte, Beschwerden und, noch interessanter, interne Vermerke und Mitteilungen veröffentlichen.

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Seltsame Bemerkung, die von meiner eigenen Erfahrung hart widerlegt wird (ANH):
Das durchschnittliche Alter einer Website beträgt sechs Monate, heißt es, und es gibt keinen Grund anzunehmen, daß es sich bei Blogs anders verhält. (…) „Wenn du dein Weblog nicht aktualisierst, löschen wir es.“

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Sie zeichnen sich stattdessen durch einen „obsessiven Fokus auf Selbstverwirklichung“ aus. (…) Die unbeabsichtige Konsequenz all dieser Demokratisierungstendenzen ist (…) kulturelle ‚Verflachung‘.
(Siehe 4).

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“Networking beginnt und endet mit reiner Selbstreferentialität“, schreibt Friedrich Kittler, und diese >>>> Autopoiesis wird nirgends so deutlich wie in der Blogosphäre.

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2 Kommentare zu Exzerpte: Geert Lovink, Digitale Nihilisten. In: LETTRE, Sommer 2006. Kleine Theorie des Literarischen Bloggens (84).

  1. walhalladada sagt:

    Lesarten… Bloßer kontextueller >>Hinweis
    auf einen anderen, richtigen >>Hinweis

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