Arbeitsjournal. Mittwoch, der 4. April 2007.

4.52 Uhr:
[Küchentisch am Netz.]
Träume erstaunen mich immer wieder. Ich erwachte drüben relativ munter, voll des Gefühls, es sei schon nach sieben und deshalb sowieso egal, ob ich noch liegenbliebe; der Geliebte würd ich gestehen müssen, verschlafen zu haben. „Vielleicht bedeutet, so früh schlafen zu gehen“ (ich lag nach dem Familienabend tatsächlich mal um halb zwölf im Bett), „daß ich dann im halb fünf morgens in einer Tiefschlafphase bin und den Wecker deshalb nicht höre.“ So lag also auch schon die innere Rechtfertigung abrufbereit. Da meldete sich die Weckfunktion des Mobilchens, und ich wachte wirklich auf. Und lachte (still, logisch, nur für mich selber) über diese cerebrale Geschicklichkeit so sehr, daß ich auch wirklich munter wurde und dem Traum den Vogel zeigen konnte.
Auf dem Rad dann innere Fragerei: Was eigentlich hat mich derart ablehnend gegenüber jeglichem Sicherheitsdenken werden lassen, daß das geradezu schon an einen Ekel rührt? Ich krieg das momentan bei den vielen Gläubigerbriefen, die teils an Anwälte gehen, z u deutlich mit, um es übersehen zu können. Daß ich etwa keine Ahnung habe, ob und bei wem ich rentenversichert bin, daß ich – es kamen welche, ich erinnere mich – Fragebögen, die, was immer das nun sei, „Fehlzeiten“ wissen wollen, stets umgehend in der senkrechten Ablage entsorge usw., weil ich sie als Zumutungen empfinde. Dann, während eben der Kaffee durchlief, die These, es habe an dem extrem auf Sicherheit bedachten Elternhaus gelegen, auf Sicherheit war es aber mit Gründen bedacht: ein Kindesvater, der nie zahlte, nie für die Kinder dawar, und eine Mutter, die alles allein schaffen mußte, in den Fünfzigern, mit zwei Kindern, ohne weiterführende Ausbildung, Fußpflegerin, die sich möglicherweise vor ihrem Beruf noch ekelte, vor den geschundenen, verwachsenen Füßen, die man ihr zu Hunderten hingestreckt hat… das ist ja nicht, was ich später daraus für mich selber machte, ein erotischer Akt… so daß man sich in sich einrollt und herb wird, herb auch gegen die Kinder schließlich, und nur noch darauf achtet, daß ökonomisch alles beisammen ist. Daß ich selbst an dem allen nur die k a l t e Seite sah, weil mir, als Kind, gar nichts anderes blieb, als sie so zu empfinden. – Hier liegen ganz sicher, denke ich jetzt, diese Gründe verschüttet, zumal diese Frau ja so unbedingt gesellschaftlich aufsteigen wollte, wie i h r e Mutter wollte, die aber irrig gemeint hat, dazu sei Heirat der geeignete Weg. Die Mutter nun dachte, ebenso irrig, Arbeit sei es – ein mir vermachtes, ausgesprochen protestantisches Erbteil, von dem ich, aus besagter Abscheu, das gesellschaftlich-aufsteigen-Wollen abzog und die Arbeit als einen Wert ganz für sich allein definierte. Was so nur bei Kunst geht.
Gedanken, Gedanken. Einiges davon geht nun in die BAMBERGER ELEGIEN ein, einer Art Bilanz, die ich ziehe. Hauchdicht am Persönlichen gehn sie – durch Formung – ins Allgemeine. Interessanterweise hat der Hexameter, a l s Form, dann eben d o c h Gesellschaftliches im Blick, auch wenn sich das hinter der Anthropologie maskiert, die diese langen Gedichte betasten, und auch, wenn diese Antropologie sehr viel mehr nach Geschlechterverhältnissen fragt und sich darin ‚männlich‘ positioniert, als daß der Frage nachgegangen würde, wie man denn innerhalb von Sozialitäten als guter Mensch lebe.
Guten Morgen, Leser. Indem ich über mich nachdenke, denke ich über u n s nach: Ist intellektuell ein größeres Zugeständnis ans Soziale möglich, als dieser Satz es ausdrückt?

7.37 Uhr:
Den heutigen Newsletter fertiggestellt, den ich gegen halb neun hinausschicken will. Neuerlicher Vorstoß, die Arbeitsgrundlage zu sichern. Wobei ich gestern meiner Mietverwaltung schrieb:(…) Deshalb bin ich derzeit, man kann sagen, ‚leidenschaftlich‘ auf der Suche nach Mäzenen, die mir die literarische Arbeitsgrundlage erhalten. Zu dieser gehört unbedingt auch die Wohnung Dunckerstraße, in der in den letzten dreizehn Jahren über sieben publizierte Bücher, nahezu zwanzig vom Funk ausgestrahlte Hörstücke, sowie zahllose essayistische Beiträge entstanden sind – von dem unterdessen schon Literaturgeschichte gewordenen Literarischen Weblog DIE DSCHUNGEL. ANDERSWELT zu schweigen – fast 6000 Seiten literarischer Projekte, Skizzen, Entwürfe, Diskussionen usw. An den Universitäten ist alledies unterdessen diskutiert, teils ist es in andere Sprachen übersetzt und und und.
Nur hilft mir das ökonomisch wenig. Deshalb bitte ich Sie, mir die Anschrift der Vermieterin/des Vermieters dieser meiner Arbeitswohnung mitzuteilen, da ich mich an sie/ihn wenden möchte, um anzufragen, ob man mir nicht die Wohnung einstweilen unentgeltlich zur Verfügung stellt. In den beiden großen ANDERSWELT-Romanen (bei Rowohlt und im Berlin Verlag erschienen) ist gerade diese Wohnung ja auch immer wieder Gegenstand literarischer Darstellung geworden – zum Literaturort also, der auch in der Öffentlichkeit an die Gegenwartsdichtung gebunden bleiben wird. So etwas könnte den Vermietern gefallen; die etwas mehr als 150 Euro monatlich sind ihnen dagegen vielleicht ganz entbehrbar. Gerne stellte ich den Vermietern dann auch Widmungsexemplare meiner Arbeit zu. (…)
Do dazu, am Telefon: „Na, wenn die Humor haben..!“ Auch der Profi fand meinen Vorstoß eher komisch. Ich hingegen denke, eine solche Verdrehung der Marktgesellschaft b e d ü r f e paradoxer Akte… vielleicht gibt es in der zunehmenden Geschlossenheit der Verhältnisse ja wirklich noch anderswo Risse als ‚nur‘ in der Kunst. Andererseits hatte ich vorgestern abend, als ich einen ziemlichen C-Movie-Horror-Trash als DVD sah, plötzlich das Gefühl einer nicht mal mehr entsetzlichen Wahrheit, sondern einer nur-nüchternen, als ein Computerfreak sagte: „Kunst? Das war gestern.“ So richtet man‘s sich als Relikt ein. Und vertritt das wie der Aristokrat einer Zeit, die wider besseres Wissen auf sich beharrt – eine der wenigen Widerstandsformen, die es noch gibt. Übrigens nannte es bereits Baudelaire ein „aristokratisches Vergnügen zu mißfallen“, also n i c h t im mainstream mitzuschwimmen. Wenn >>>> Ralf Schnell jede moderne Avantgarde eine Retrogarde nennt, hat er damit viel von dieser Dymnamik erfaßt. Ich entsinne mich, daß >>>> Neil Postman bereits vor Jahren einen ähnlichen Gedanken formuliert hat: auf die K o n s e r v a t i v e sei die Aufgabe übergegangen, dem ‚industriellen Verblendungszusammenhang‘ (Adorno) zu widerstehen. Ganz ähnlich die von >>>> Lovink (hier unter Notat 4) beschriebene Crux der Demokratisierung. So, wie es vor dreißig Jahren darum ging, der etablierten, festgesetzten Hochkultur den Kampf anzusagen, muß er jetzt der banalen Massenkultur angesagt werden, die die M a c h t und w e i l sie die Macht übernommen hat. Ich glaube, Botho Strauss sieht das ähnlich.

10.42 Uhr:
[Arbeitswohnung. B.A.Zimmermann, Sonate für Cello solo (1960).]Auf dem Weg zur Hausverwaltung kurz bei der Familie vorbeigeschaut, die sich gerade erhoben hatte, einen Kaffee getrunken, dann weiter aufs Rad und den Brief eingeworfen; hier fand ich schließlich aus der >>>> Villa Concordia Bamberg eine Sendung, die mir die dortige Sekretärin geschickt hatte: gesammelte Zeitungsauschnitte aus meiner und über meine Bamberger Zeit. Außerdem die Mahnung über 97 Euro der T-mobile; das ist möglichst schnell zu erledigen. Einen Bankauszug noch mit bekanntem Inhalt, sowie die Einladung zu Ilija Trojanows Antrittsvorlesung an der FU Berlin über „Recherche als poetologische Kategorie“. Das werd ich aber nicht schaffen, weil ich an dem Tag gerade aus Sizilien zurückkommen werde. Schade.
Bevor ich mich wieder ans Briefeschreiben begebe, geht‘s an die Fünfte Elegie, wenigstens für zwei Stunden. Tränen kurz bei der Geliebten, als, nicht von mir aus, die ökonomische Situation zur Sprache kam. „Seh ich so aus, als wär ich ohne Kraft? Da kommen wir durch, ist ja nicht das erste Mal in meinem Leben.“ Sie: „Man sieht es dir s c h o n an.“ – Kuß noch, dann war ich weg.

[Dallapiccola, Ciaccona, intermezzo e adagio
per violoncello solo (1946).]

15.08 Uhr:
[Hans Werner Henze, Nachtstücke und Arien nach Bachmann (1957).]
Guter Mittagsschlaf, aufgestört durch eine T-mobile-Umfrage, deren Befragerin derart unflexibel am Telefon war, daß der Krampf, der sie am vorgegebenen Text hielt, etwas Amüsantes hatte. Außerdem sagte sie dauernd, wenn ich etwas nicht wußte, „kein Problem“ und ging, wenn ich etwas nicht wußte oder nicht zu wissen vorgab, zum nächsten multiple-choice-Punkt wie in dem Wissen über, daß d i e s e r Fragebogen verloren sei.
Weiter die Fünfte; bin ausgesprochen langsam, fast uninspiriert; bleibe ich aber hartnäckig an einer Zeile hängen, gibt es dann immer d o c h eine Lösung.

19.13 Uhr:
[Berlin, Väter-WG. Küchentisch. >>>> DänenKlassik-Netzradio.]
Lange her ist das, daß ich dieses Radioprogramm zuletzt hört, über ein Jahr. Rossini nun. Die Jungs hatten sich mal wieder einen Männer-Abend hier gewünscht; nun schlafen Sohn & Vater heute nacht wie früher gemeinsam auf dem Hochbett. Ich werde für das vierfach geballte Testosteron kochen; sicher wird‘s spät werden. (Das Zimmer drüben sieht noch immer wie ein Schlachtfeld aus, aber die beiden Burschen stört das ja nicht.)
Nach dem Essen dann wieder etwas arbeiten. Es gab eine Einladung zum Vortrag der Ersten Elegie hier in Berlin; jemand will unter anderem zu ihr einen Vortrag halten. Honorar gibt es nicht. Aber das ist man ja gewöhnt: Kunst ist Arbeit an der Allgemeinheit. Ah ja, Fidelio nun.

21.37 Uhr:
Nur, um speziell mich glücklich zu machen, sendet >>>> das Dänen-Netzradio eine live-Aufnahme des Falstaffs aus Covent Garden. Also arbeite ich nicht, sondern, weiterhin, nach dem Essen, höre zu – und parliere etwas nebenbei, real und im Netz, immer wieder von Glücksstößen durchwallt. Vielleicht mach ich auch gleich nach langer langer Zeit, kommt‘s mir vor, den Messenger auf…

22.14 Uhr:
„Tutti gabbati“ – „alles Gefoppte“ – wenn ich Verdis hinreißende Schlußfuge höre, über zigfache Themen-Stimmen geführt, kommt mir meine Hexamater-Feilerei vergleichsweise schlicht vor. Aber genau d a s wäre in der Dichtung zu erreichen: zugleich höchstes Kalkül und doch intensivste Nähe des Empfindens. Doch wird man diese musikalische Kunst immer nur nachstellen, nachahmen, können, nie erreichen. Es langt nichts an Musik, man kann sich drehen und wenden, wie man will. Immer bleibt ein Ungenügen – entweder in der Form oder aber in der Direktheit, die das Gefühl, welches nahster Kontakt zum Leben ist, erreichen will. Literatur setzt immer den dämlichen Kopf dazwischen – mitsamt der Unheilsphalanx von Reinheit, Eineindeutigkeit und Satz vom Ausgeschlossenen Dritten. Sämtliche Versuche zu flirren scheitern letztlich entweder an ihrer Intellektualität (ihrer Uneigentlichkeit) oder an dem unterschobenen semantischen Kitsch. Im Vergleich zur Musik. >>>> ConAlma: „Mit geschlossenem Beckenboden klingt nichts.“

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