B.L.’s 5.4. – Heidnische Altertümer

21.00
Osterfeuer. Ich glaube, es brannte immer am Abend vor Ostern. Ich kann mich aber täuschen. Der deutlich heidnische Charakter wird dadurch bestätigt, daß sich immer der Jahrgang der Jungen darum kümmern mußte, der kurz VOR der Konfirmation stand, also noch nicht im Glauben bestätigt war. Wie’s heute ist, weiß ich allerdings nicht. An meinen Turnus kann ich mich nur dunkel erinnern. Ich sehe mich nur als passive Charge. Die Regie führten diejenigen, die in der Lage waren, Traktoren mit Holz kommen zulassen. Das Gras um den Hügel wurde vorsorglich abgefackelt. Was zur Folge hatte, daß auch ein ganzer Hang mit Dornengestrüpp Feuer fing. Aber ich erinnere mich, daß es glimpflich verlief. Daneben die recht steil abfallende „Sandkuhle“. Sprünge hinab in den dunkelgelben Sand und aufpassen, nicht auf den Rücken zu fallen, was mir mal passiert ist: Die Atembeschwerden und die Schwierigkeiten danach, den Rücken gerade zu halten, habe ich noch von ungefähr in Erinnerung. Aber das war nicht bei der Gelegenheit. Vage noch die Spuren frischer Frühlingsluft. Kann sein, daß es bei der Gelegenheit, daß ich mal eine geklebt bekam. Wir gingen während des Osterfeuers mit rußgeschwärzten Fingern die Mädchens und die Jungens necken. Ich geriet an den Falschen. Was mich dabei schwer enttäuschte, war, daß dieser Jemand mir „befreundet“ war: wir hatten uns gemeinsam das Schachspielen beigebracht und geübt. Nach diesem Initiationsjahr ging man nur noch hin, wenn’s brannte, um zu campieren, die Mädchen auch schon dabei, die Kisten Bier. Das letzte Mal, an das ich mich erinnere, verließ ich aber vorzeitig die Mischpoke, denn im 3. Programm lief „Magical Mistery Tour“, das hatte dann Vorrang für mich, nicht für die anderen.
Und weil heute Gründonnerstag ist, noch eine weitere heidnische Note: Es war Sitte im Dorf, daß sich die Jungen in der Kneipe trafen und die Jüngsten erstmal alkoholisch initiiert wurden. Da mußte man schon konfirmiert sein. Das hieß, den Daumen an die Schnapspulle setzen und diese Daumenbreite wegtrinken. Zu später Stunde dann zog man in Gruppen durchs Dorf, um alles, was nicht niet- und nagelfest war, an irgendeinen anderen Ort zu schleppen, oder sonstige Scherze zu spielen. Einmal wurde Jemandem die Haustüre mit Ziegelsteinen zugebaut. Oder ein Traktoranhänger landete am anderen Ende des Dorfes. Zudem wurde ein Kalkstreifen durchs Dorf gelegt zwischen den beiden Häusern des jüngsten Liebespaares. Ich glaube, bei einer solchen Gelegenheit traf mich ein zweites und letztes Mal eine Faust: Ich stand zur falschen Zeit am falschen Ort. Willkürlich der Scherz, willkürlich der Schlag.
Der Winter stirbt. Das Jahr steht auf. Um wiederum zu sterben. Kirchenjahr. Ist das. Mit all dem, was geborgt aus heidnischen Riten. Proserpina, Demeter und wie sie alle heißen. Im Märzen der Bauer sein Pferdchen anspannt. Ende des christlichen Ramadan. Weg damit. Ein neues Jahr beginnt. Das alte ist tot. Nun darf das Tote wieder sprießen. Wie die Bäume. Das Kreuz Christi war auch aus Holz. Den Kirchenvätern zufolge gar gemacht aus vier verschiedenen Holzarten, wie ich neulich übersetzen durfte. Holz brennt. Nur daß das Christentum sich kein Sprießen auf Erden vorstellen mag, außer in Schmerzen. Und sieht nur diese. Hier aber verweigere ich ein Weiterdenken, das dennoch sich aufdrängt, aber jetzt nicht mehr bewältigt werden kann.

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