Egon Bondy ist tot. 12. April 2007. montgelas.

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WIE ICH BEINAHE MIT EGON BONDY GESPROCHEN HÄTTE…
„20“
”Wenn heute jemand zwanzig ist,
dann wird er mit Widerwillen kotzen.
Denen die vierzig sind, kommt es noch viel stärker.
Nur die mit sechzig Jahren haben es einfacher,
friedvoll schlafen sie mit ihrer Sklerose.”

Egon Bondy

(Als Bondy diese Zeilen schrieb, sie wurden von The Plastic People of the Universe vertont, war er ungefähr 42 Jahre alt. Er hat sich mit seiner Prognose, was ihn selbst und viele andere betrifft, gründlich geirrt. Aber die Stimmung, die wir damals hatten, geben sie gut wieder. )

Prag: Mitte der siebziger Jahre. Wir, Zsuzsanna, meine damalige ungarische Geliebte und ich, sitzen mit Freunden im „Slavia.“ Kohout ist noch im Land. Die >>>Charta 77 noch nicht gegründet. Die >>>THE PLASTIC PEOPLE OF THE UNIVERSE Band spielt mal hier und dort, Prozesse gegen die Bandmitglieder, die später zur Gründung der Charta 77 führen sollten, lassen noch auf sich warten. Hrabal schreibt „Ich habe den englischen König bedient“ und >>>Petr Uhl, trotzkistischer Studentenführer im Prag des Jahres 1968, gerade aus langjähriger Haft entlassen, knüpft seinen Beziehungsteppich neu. Das Land ist still, die Bevölkerung, was hätte sie anders tun sollen, hat sich mit Husak arrangiert. Einzig die Intellektuellen, die die Reformbewegung des Prager Frühling anstoßen halfen, ihre Posten an den Universitäten oder sonstwo hatten sie verloren, grollen. Es grollt aber auch der Underground. Mit makabren Witz und Ironie, mit Melancholie und Zorn. Wir wollen >>>Bondy treffen. Ich kenne ihn noch nicht persönlich. Er soll in Prag sein heißt es. Und will uns sprechen. Ein Freund hat die Verabredung für uns ausgemacht. Zsuzsa mag Bondys Texte nicht, sie ist mehr Auden als Allen Ginsberg Fan. Nach dem zweiten Kaffee, böhmisch gebrüht, nervt sie. Lass uns gehen. Der kommt heute nicht mehr, wer weiß, ob ihm ausgerichtet wurde, dass wir hier warten. Nach abermals zwei Stunden ließ ich mich bereden, zahle die lächerliche Zeche, wir stehen auf und gehen. An der Tür kollidieren wir leicht mit einem Mann, hier in Hessen kann man solchen Originalen am Wasserhäuschen begegnen. Langer Bart, abgetragene Kleidung. Einen Moment, eine Ahnung lang stutze ich und folge dann doch meiner Freundin, die heute unbedingt noch Kafkas Grab besuchen will.

Am vergangenen Montag ist Egon Bondy im Alter von 77 Jahren in Bratislava gestorben. Er war einer der Motoren des tschechoslowakischen Underground.

„… Als der letzte Tonschuß erklang und gleichzeitig die Ultraschallgeneratoren ausgeschaltet wurden, verharrte das hochrote und schweißgebadete Publikum mit trockenem Mund und zitternden Händen und Beinen. Zunächst empfanden alle einen Schmerz und anschließend den Fall in eine namenlose Tiefe, dorthin, wo vielleicht der Tod weilt oder die Ewigkeit – um erst eine Sekunde später offenen Mundes zu begreifen, daß alles nur Musik war.”

Egon Bondy: Die invaliden Geschwister
Aus dem Tschechischen von Mira Sonnenschein.
>>>Elfenbein Verlag, Heidelberg 1999, 237 S.

>>>The Plastic People of the Universe bei YOUTUBE

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