Paul Reichenbachs Freitag, der 13.April 2007. Eis schmilzt.

Die EINE treibt es durch Europas Archive. Immer auf der Suche nach Schlüsseln, die Türen öffnen sollen, um das Unfassbare, das in nummerierte Zellen gesperrt ist, zu decodieren. Der Andere dagegen wandert durch Erinnerungsräume, die unser Gedächtnis längst verschlossen glaubte. >>>Peter Kurzeck las gestern Abend im Literaturhaus Frankfurt. Jeder Stuhl war besetzt. Konzentrierte Stille herrscht im Saal, als Kurzeck, nach einem kleinen Dialog mit Rudi Deuble (Stroemfeld Verlag), endlich in seiner unnachahmlichen Art aus seinem Roman zu lesen beginnt. Es war ein wundervoller Abend. Und besser als >>>Andreas Maier in der „Zeit“ kann ich Kurzeck nicht erklären. Wenn Proust den Titel „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ nicht schon besetzt hätte, für Kurzecks Prosa wäre er treffend. „Zeit und Raum verschwinden mit den Dingen“ schrieb Einstein einmal. Kurzecks Wanderungen holen mir Dinge und damit Zeiten und Räume zurück, die sonst dem Vergessen anheim fallen. Mir rennt die Zeit davon, mir rennt die Zeit davon, dachte ich beim Zuhören, und wie sich alles verknüpft, das kam mir in der Nacht, als ich aufstand, und jede Minute Schlaf mir verschenkt schien. Kindheit. In meiner Heimatstadt. Neben dem Thälmann-Denkmal auf dem Bismarckplatz, alle Leute nannten den Platz so, obwohl er natürlich damals Thälmannplatz hieß, längst entsorgt, gibt es noch heute den Eissalon Noske. Noske, der „Bluthund“ neben Thälmann, ein seltsamer Zufall, der mich als Jugendlicher irritierte. Blumenrabatten, welke Stiefmütterchen, der Junge Pionier, der bei Gedenktagen Erich Weinert „Du musst nicht weinen mein Junge,/ Es ist geschehn,/ du kannst deinen Vater nicht wieder sehn//…“ rezitierte. Aufmärsche und Kranzniederlegungen. Die Atmosphäre von Heuchelei und Emphase ist zu beschreiben. Der ewige Zwist zwischen meiner Mutter und meiner Oma. Dem Geschmack des dünnen Noskeeises muss nachgespürt werden. Ich war 5 Jahre alt und zu Haus ausgebüxt, als ich mit den viel zu großen Pantoffeln meines Großvaters, den Groschen hin und her wendend vor der Eisdiele stand. Mit offnem Mund schaute ich durch die Glastür. Noske, der Herr des Erdbeereises, ein dicklicher großer Mann, kam den kleinen Jungen wie ein gutmütiger Riese vor…
Und, und, und …

Mir rennt die Zeit davon, mir rennt die Zeit davon…

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