B.L.’s 27.4. – Beaming

15.25
Ich schreibe schon zu einer früheren Uhrzeit in diesen Tagen: Nur Kleinstarbeiten. Was an den Feiertagen mitten in der Woche liegt: vorgestern Tag der Befreiung, Dienstag der 1. Mai. Das mag auch der Grund sein, warum die Post es noch nicht geschafft hat, den Mietvertrag mit der Unterschrift des Vermieters von Lecco nach Amelia zu befördern. Was mir ein bißchen leid tut, denn ich hätte gern schon angefangen, Maße zu nehmen, ein Stündchen einfach nur dazusitzen auf dem Fußboden, schon mal anzufangen, Klopapier, Wischtücher und sonstigen Alltagskram hinzubringen, eine Tasche voller Bücher, mir ein Bild von mir in ihr zu bilden. Nicht nur im Kopf. Vieles nehme dort schon vorweg. Wie ich den Tag verbringe. Wie ich essen werde. Das Wohnzimmer, in das man gleich durch die Eingangstür kommt, ist mir noch nicht ganz klar (abgesehen von den Regalen): der Kamin spielt auch eine Rolle dabei. Hier habe ich mir so ungefähr das Wenige ausgesucht, das ich mitnehmen werde. Bis auf den Schreibtisch hatte ich eigentlich auf die sonstige Einrichtung meines Arbeitszimmers verzichten wollen, aber sie sagte, sie wisse nicht, was sie damit anfangen solle. Das muß ich dann dem Umzugsunternehmen überlassen, das ab- und wieder anzumontieren. Außerdem bot sie mir die Matratze an, auf der wir lange Lustra zusammen geschlafen haben. Ich bin versucht, auch dieses Angebot anzunehmen, will mich aber vorher vergewissern, ob sie wohl die Absicht habe, sich sowieso eine neue zuzulegen. Orthopädisch womöglich oder was weiß ich. Jedenfalls hat sie sich schon früher dafür interessiert. Und wenn ich sie mitnehme, hat sie immer noch das Gästezimmer mit den Matratzen, auf denen ihre Eltern zusammen geschlafen haben. Was ihr schon deshalb nicht leid tun wird, als die Bilder ihrer Vergangenheit immer häufiger an den Wänden und auf den Möbeln auftauchen. Recht so für sie. Dennoch schauen mich beim Gang in mein Arbeitszimmer im Korridor immer noch die Fotografien ihrer Eltern an. Was mich immer wieder stört. Und dann auf diesem auf alt getrimmten Möbelstück mit den Kerzenleuchtern: Alles aus dem Elternhaus. All das mag ja ihre Familie sein, aber meine ist es nicht. Und wir haben es nicht geschafft, Familie zu sein. Ich suche sie aber auch gar nicht mehr. Und sinnlos ist es, darüber den Kopf hängen zu lassen, daß keine zustande gekommen ist. Das Leben ist nun ganz anders zu konzipieren. Nicht egozentrisch, sondern selbst-bewußt. Das mag ja verwundern, daß einem dieses Licht mit 53 Jahren aufgeht, aber es ist nun mal so. Und ich bin auch sehr viel mehr in mir selbst verankert, seit die Trennung gemeinsam beschlossen wurde. Ganz abgesehen von der Nervosität, den kleinen Ängsten und Unsicherheiten, die ein solcher Schritt mit sich bringt.

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5 Kommentare zu B.L.’s 27.4. – Beaming

  1. tja sagt:

    Dominante Verwandte Was mich interessiert, ist, was dazu führt, dass manche Verwandte so dominant präsent sind (oft über den Tod hinaus), dass die Angehörigen ihr Leben lang danach ausrichten, darauf reagieren lässt, dass sie es schlichtweg nicht schaffen, sich zu emanzipieren, ein eigenes Leben zu führen.

    • Bruno Lampe sagt:

      Es hat etwas Konfuzianisches, fiel mir spontan ein. Nun habe ich keinen Konfuzius hier. Ich weiß nur, daß sie mal einen Psychologen aufgegeben hat, der anfing, ihr Mutter-Verhältnis zu kritisieren. Sie selbst sagt, sie sei mit sich im Reinen. Was ich ihr glaube. Was ich an ihr auch sehe. Sofern es ihre Interessen betrifft. Zu denen eben auch diese dominante Herkunftsfamilie gehört. Auf die Dauer wird das zu einem Ausgrenzen. Ich glaube, ihre Emanzipation muß aber gerade diesen Weg gehen. Um wer weiß wohin zu gelangen.

    • tja sagt:

      Mutter- Traditionen- Abnabelung Dass ich eine doch nicht so uneigennützige, und im Gegenteil auch sehr egoistische Mutter hatte, ist mir erst mit ca. 35 aufgegangen, als ich mit einer älteren Frau, der es ähnlich ging, sprach. Das hat mir damals die Augen geöffnet. Bis dato fand ich alles ziemlich in Ordnung. Ich dachte, wir hätten ein perfektes Verhältnis und hatte z.B. ihre Eifersucht auf meinen Mann (der mich- ihren Partnerersatz- weggenommen hatte) ziemlich verdrängt, herunter gespielt- genau wie ihre ständige Bevormundung, Moralkeulen und Überwachung. Mit den Jahren (u.v.a. mit dem Entzug des Schlüssels zu unserer Wohnung und dem radikalen Abwürgen unangemeldeter Besuche) hat sich die Abgrenzung verbessert. Aber sie fällt regelmäßig und widerlich in ihre Mutterdominanzrolle zurück. Dann braucht sie eine derbe Abfuhr…
      Ihre Nochfrau hat vielleicht eine Abnabelung nicht vor. Ich denke, dass es in Italien auch andere Familientraditionen diesbezüglich gibt. Großfamilie und generationsübergreifendes Zusammenwohnen scheinen noch üblich zu sein. Oder habe ich damit ein Klischee bemüht?

    • Bruno Lampe sagt:

      Klischee ja und Klischee nein. Mittlerweile sind auch in Italien die Geburtenraten heftig gesunken und gehören (oder gehörten bis vor kurzem – ich weiß die neuesten Statistiken nicht) zu den niedrigsten in Europa. Also das Klischee wackelt. Außerdem ist meine Nochfrau als jüngste von vier Schwestern die einzige unter ihnen, die diesen Mutterkult betreibt, der soweit geht, daß sogar der autoritäre Vater rehabilitiert wird, den ich erlebt habe, wie er seine Frau aufs Übelste beschimpfte. Aber wie ich schon sagte, wichtig war es vor allem, den Schein einer Familie zu wahren. Koste es, was es wolle.

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