Bamberger Elegien (89). ÜA der ZF, Hexametrisierung. Beginn der Zwölften Elegie.

Wolf v. Ribbentrop,
meinem toten Vater,
gewidmet.

Wolken, als wollt man ein pelziges Tier mit den Händen erfassen,
seh ich des Tags, ˇ wenn ich hinaussehe, immer – es faßt das
Auge, wie Deines, hindurch; ˇ nichts kann, wie Dich Deine Söhne,
Vater, nicht hielten, sie halten – gewattete, leichte, substanzlos
lockere, schweben sie fort, wie auf Wasser, der Regnitz, Papier,
das sich schon auflöst in Luft und Behauptung, Du seiest je Vater
Kindern gewesen… und warst nicht mal warm, ein fremdes, entferntes,
unbeˇrührbares Bild, das sich selbst, wie ich Dir, hinterhersieht
und auseinanderweht, als es Dein Pinselpastell auf das Bild
kaum schon getuscht hat – aus Vorsicht so kraftlos, sich selbst zu verliern,
sucht’s sich im Strich… ˇ – warst eine Wolke wohl selbst, Hydrogenium,
mehr im Geerbten wohl nicht, ˇ ließest du mehr Erbe nicht
als die Erinnerung währender Abwesenheit eines Vaters –
ach, und krepiertest zu frühe… ein elender Engel der Schuld,
untot beschwert von Geschichte nicht tragbarer Ahnen, dem Jungen
beidseits als Joch auf den Schultern, so ließt Du uns Kinder im Tod
wie schon im Leben alleine zurück – ˇ bliebest die Wolke…
hell aber nicht, ˇ leicht nicht, als die, die Du tuschtest in Spanien,
wieder und wieder, ein jedes Bild Aquarell und kaum Erde,
jedes voll Himmel und Leichtigkeit schimmernd, die dünnsten Gravuren,
Bleistiftˇspuren, El Lobo, der Stumme, er will in den Wind…
Aber Du haftetest bis ganz zuletzt, ˇ fielst vor der Finca,
einer, der büßt, in den Sand… ˇ Zeugtest Du nicht? und Du hielst
nicht einmal e i n e m? – der bitteren, aufrechten Mutter so wenig,
die dich verstieß ˇ in ihrem Ekel, der meinen zum Vorbild
kantscher Gerechtigkeit… wie Deinem Vater, Verräter auch er;
nicht Deiner Frau, ˇ die Du Verachtung ˇ lehrtest, der Schwäche
wolkigen Schwärmens entgegen, das bodenlos wie Deine späten
Bilder die Gründe vermied – weil sie Abgründe waren? Vermessen
patriarchal, ˇ Aristokrat ohne Stamm, ˇ spieltest Du Künstler
ohne Verpflichtung und wichst Deiner Kunst darum aus, ihrer harten,
fordernden Realität; ˇ weinerlich unˇdiszipliniert
hieltest Du deshalb den Söhnen nicht, die Dich nicht kannten; der eine
sah Dich im Tod erst, da warst Du schon Sarg; ˇ aber er trug –
ob Du das wußtest? nun hörst Du’s – Dein Foto sein Leben lang mit sich.
Schon starb er Dir hinterher, der jüngere Bruder, mit vierzig.
Daß wir es, „Vater“, nie sagen ˇ durften! ˇ – Starb er wohl daran?
Und Deinen Töchtern, die eine verleugnet, der nicht mal das Wort blieb,
hieltest du auch nicht… ach Wolkenˇvater, geprügeltes Wolfskind,
das seinen Schwanz ˇ ständig verkneift, ˇ statt ihn zu heben,
wenn er dann Wolf ist… wann sagtest Du je, um zu schützen, „mein Sohn“?
Vaterlos selbst, ˇ nahmst Du die Kinder als Vater nie, nahmst
selber Du D i c h als den Vater nicht an – ˇ wurzellos deutsch
bliebst Du ein Deutscher, bliebst, schuldlos der Schuld der patria
anˇgeklebt, ins Verhängnis gewickelt und kamst nicht mehr frei.
Wo Deine Wolken sind, Vater, dahinter, ist Leere – da ist nichts,
das sie ersetzte, die Erde. Wir springen vielleicht, und kaum hoch,
aber wir können nicht fliegen, nicht entfliegen, Vater. So war’s,
wo Du auch warst, immer dunkel, wie Regen, der klamm ist und kühl,
wenn man sich kauert und wartet, ˇ daß er vorbeigeht, und schweigt,
wie immer D u schwiegst und nahmst nicht Dein Nahstes ans Herz,
es zu behüten… Wohl deswegen gingst Du nach Süden, damit Dir
irgendwie Wärme ˇ würde und ohne den Mantel ein Bleiben,
der wie ein schußfestes Glas zwischen Dir, einem v o r Deinem Tod
lange Gestorbnen, und mir, und der Welt, war –

2011

 

 

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