Arbeitsjournal. Freitag, der 12. Februar 2010. Mit Nabokov und Lan an Sìdhe.

8.02 Uhr
[Arbeitswohnung.]
Latte Macchiato, Morgencigarillo. Tiefer Winter ist wieder. Mit meinem Sohn hierhergestapft, er dann zur Schule weiter, ich >>>> die Stiege hoch. Aber nicht das, nicht der wunderbare Schnee, wird mich vom Radfahren abhalten, sondern dieses Buch, >>>> dieser herrliche Aufsatz Michael Maars über Nabokov – so daß ich nachher zum Cellounterricht mit der S-Bahn fahren werde, einfach, um weiterlesen zu können. Wobei ich sagen muß, wenn ich die Pressestimmen zu dem Buch, begeisterte, gelesen hätte, hätte ich’s nicht angefaßt. Mich erfüllt einhelliges Lob mit Mißtrauen, zumal Maar einer derjenigen ist, die im Betrieb, sagen wir mal: herumgesurft werden. Im Fall von David Foster Wallace bin ich außerdem reingefallen und habe mich erst mitreißen lassen, an der Propaganda mitzutun; um so ärgerlicher das blasse aufgeblähte, saftlose Buch. Also ist mein Instinkt schon richtig: besser erst später lesen, wenn sich das allgemeine Getue gelegt hat, so, wie ich ja auch erst jetzt Faulkner lese; Ausnahmen sind diejenigen Autoren, die ich für mich selbst entdeckt habe oder über diskrete Lesehinweise; Delf Schmidt drückte mir diesen Maar zwei Jahre nach seinem Erscheinen in die Hand: „Das ist etwas für dich.” So war es auch mit Pynchon, das war ebenfalls Delf Schmidt – und Jahre vorher eine Geliebte, die mir The crying of Lot 49 zuschickte, in das ich damals aber nicht reinfand. H a b ich dann aber angebissen, dann will ich das nächste Buch auch „druckfrisch” haben und, eventuell, auch darüber schreiben.

Die Nacht am Terrarium verbracht, die Zwillingskindlein waren die ganze Nacht über unruhig, weinten, weinten, husteten, weinten; लक kam erst gegen sechs Uhr morgens wieder, nach dem Konzert im >>>> Eschloraque hätten sie noch einen Film über/von Michael Jackson gesehen, „mit richtig guter Musik”, mir restlos unbegreiflich. Aber das ist der Zeit„geist”, von dem >>>> biker schwärmt: mir nimmt man meinen Geburtsnamen übel, aber wenn einer Pop macht, sieht man selbst über den Mißbrauch von Kindern hinweg und vergißt das; und selbst der Mißbrauch von Kindern wird, ganz gemäß den Werbepredigten bikers, noch zur Steigerung von Umsatz „kommuniziert”. Mit dabei die peinliche und doch tragische Figur des Schauspielers BB, „sowieso ganz viele Schauspieler”, rotgesichtig und aufgeschwemmt, zerfasert im Vaterproblem, das er durch, sozusagen, „Gottes Wort” zu lösen versucht – eine Einvernahme, die von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Es sei, schrieb ein Tagesspiegel-Journalist, ein negativer Gottesbeweis; das hintertrug mir der Profi: wenn es Gott gäbe, hätte er das nicht zugelassen. Aber der Demiurg vielleicht, von dem Maas bei Nabokov schreibt; ich meine, man darf ihm, dem Demiurgen, die Welt nicht überlassen; e r, der Demiurg, ist zu erlösen – wie dem Grafen Dracula im Moment seines endlichen Sterbens ein Schimmer von Glück übers Gesicht haucht. Dieses, dieser Moment, beschäftigt mich immer und immer wieder.

Ich will heute früh nur lesen und vor dem Unterricht mich noch eine halbe Stunde lang am Cello einspielen. Mittags werde ich zurücksein, weiterlesen und dann vielleicht etwas über das Buch für Die Dschungel schreiben. Außerdem hat mir UF ein Buch über Bolaño geschickt, in das ich mich gleich danach hineinbegeben will. Danach ist Nabokovs Pale Fire dran. Und von DS wird die erste Partie des lektorierten Textes >>>> meines neuen Erzählbandes per Post gekommen sein; das ist durchzugehen; es sei aber wirklich nicht viel, schreibt DS, wobei er eine einzige Erzählung nicht mag (er hat mehr als die Hälfte durch): ausgerechnet „Die Unheil”, an der ich sehr hänge.

Abends dann mit meinem Sohn >>>> im Konzert. Ich freue mich vor allem auf Beethoven G-Dur und riesig auf Bergs Violinkonzert, das irgendwie a u c h >>>> in den Orpheus gehört, immerhin schrieb Berg es zum Tod der von ihm geliebten Manon Gropius, einer Tochter… eben: des Ungeheuers >>>> Muse Alma Schindler Mahler Gropius Werfel

Meine eigene >>>> Orpheus-Serie beschäftigt mich sehr. Ich bin da ein „Betroffener”, besser: ein Berührter, noch besser: einer, der >>>> gebissen wurde. Schon im >>>> Wolpertinger kommt sie vor, die Sìdhe.

12.48 Uhr:
Vom Cellounterricht zurück; diesmal war das „richtig” erfolgreich… seltsam, wie Entwicklungen vonstatten gehen… in diesen Sprüngen; genau wie Erkenntnis. Deshalb die Rede von der Evidenz, fast alle Religionen sind von solchen erscheinungshaften, plötzlichen Erkenntnissen durchdrungen.

Was bei Nabokov die Nymphe, ist bei mir ganz zweifelsfrei die Vampirin, Lan halt, oder etwas Vampirfrau-Ähnliches: n i e die Zerbrechlichen, eher immer die harten, unbedingten femmes fatales, die aber F r a u e n sind und nicht Mädchen. Spannende Spur. >>>> LOOK IN THY HEART! – Mittagsschlaf.

17.57 Uhr:
Mit meinem Buben gut, sehr gut zu Mittag gegessen und ein wenig geplaudert, dann kamen die ersten lektorierten Seiten der Erzählungen per Post; S. 1 bis 91 die Korrekturen übertragen, Vorschläge bedacht, teils ihnen gefolgt und alles dann schon mal >>>> an den Verlag raus. Außerdem kam der Zeitungsbeleg für >>>> meinen Scelsi-Text; sehr gut plaziert, also immerhin damit kann ich zufrieden sein. Schließlich rief Zagrosek noch an, weil wir für das nächste Saisonprogramm ein aberneues Gespräch über die nächste szenische Inszenierung führen wollen, er aber ab übernächster Woche erst in Wien, dann in den USA dirigieren und also lange Zeit wegsein wird. Es ist unkompliziert mit uns, wir werden uns am Donnerstag nächster Woche treffen; ein anderer Termin war nicht. Bis dahin will ich mich in das neue Projekt eingearbeitet und einige Gesprächsansätze formuliert haben. Das kommt zum Nabokov dazu und zum Lektorat; außerdem wird in der nächsten Woche das wichtige Verlagsgespräch wegen der BAMBERGER ELEGIEN und eines wegen der Essays stattfinden.

Mein Netz-Funkzugang spinnt mal wieder; hier zwischen den beiden Hinterhöfen ist der Empfang wirklich beschissen (geworden). Also Geduld, muß ich halt auch mal lernen. Jetzt noch eine Pfeife, Pfefferminztee und etwas vom Maar, dann rüber ans Terrarium und mit meinem Jungen ins Konzert. Eventuell stößt der Profi dazu, eventuell gehen wir dann noch einen Schluck trinken. Eventuell guck ich hier nachts nochmal rein; ist ja momentan recht heiter.

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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40 Antworten zu Arbeitsjournal. Freitag, der 12. Februar 2010. Mit Nabokov und Lan an Sìdhe.

  1. Avatar biker sagt:

    Hören Sie mal, Herbst Sie müssen planen. Sie haben ein Bild von dem, was ein Schriftsteller sein muss: Lebensuntüchtig, erfolglos, abseitig…. aaaaaber – über Zeiten und für kommende Generationen genial. Und dann womöglich noch arm…und kommen sie nicht mit dem „Reichtum“ ihrer patchwork-existenz, was glauben sie wieviele Menschen ein solches Leben leben. Man kann auch mit Erfolglosigkeit sein Ego füttern.
    Das ist also keine unique sales proposition. Was glauben Sie, was mit ihrem Werk demnächst noch passieren soll. Es gibt eine titel-thesen-temperamente – Sendung, über einen „Autor, den es noch zu entdecken gilt“ Dann wird man im WDR um Null-Uhr dreissig noch ein paar Hörstücke wiederholen….und dann? Waren Sie mal auf einem Bücherflohmarkt und haben sie da in die Kisten geschaut? Klangvolle Namen zum Teil auf riesigen dicken Büchern. Sie heißen
    Walter Kastner, Emil Sittner, Lore Kauski, Gerd Peter Eigner, Leonhard Drüscher, Herrmann Laken.
    Die Romane heißen: „Unterm Licht“ „Die Fahrt“ „An einem langen Tag“ – das waren auch einmal alles Autoren, die Bücher geschrieben haben. Ich sage ihnen, ich habe auch reingeschaut. Die haben ein gutes, zum Teil sehr gutes, melodiöses Deutsch geschrieben…tolle Prosa..interessante Plots, alles Autoren, die es noch zu entdecken gilt. Vielleicht waren sie auch alle mal aufrecht.
    Ich meine, wenn Sie nach Amerika gehen und gleich im asiatischen Kulturraum mit ihrem Namen und ihrem Großvater sich eine kommunizierbare „Größe“ aufbauen, indem sie einen Musik-Roman schreiben, wie ich es gestern gesagt habe… dann ist ihr Name eingeführt. Dann können sie unter diesem Namen auch ihre anderen Bücher vor dem Flohmarkt retten. Wenn sie das machen, schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie haben endlich eine wirkliche Legende, also eine wirkliche Story. Und einen wirklich starken Widerspruch, den sie kulturhistorisch literarisch ausschlachten können. Der Nazi-Enkel, der aber ein verdammt guter Musikschriftsteller und ja – ein Literat ist. Alexander von Ribbentrop – der Diplomat und Aussenminister in Sachen deutscher Kultur. Sie würden damit genau den Widerspruch verkörpern, den die Amerikaner und inzwischen auch der asiatische Kulturraum von uns Deutschen erwartet. Sind Sie so naiv und glauben noch an eine tiefenwurzelnde Rezeptionsfähigkeit, also Klassizität, von Literatur?
    Dass sie damit in Deutschland unten durch wären – pfffff – Scheissen Sie drauf.
    Glauben Sie, dass auch nur ein einziges Buch, dass heutzutage in Deutschland verkauft wird, in 5 Jahren auch nur noch die allergeringste Bedeutung haben wird? Glauben sie, dass die Menschen des Kulturbetriebs, des Feulletons, die Schaltstellen, glauben Sie, dass da heute irgendwo auch nur ein einziger Mensch sitzt, der sich ernsthaft und tiefgründig, literarisch erhitzt oder mythologisch ergriffen – für Literatur oder Kultur interessiert?
    Heutzutage braucht Literatur einen metaliterarischen Kontext, um eine Bedeutung zu haben. Die Zeit der „reinen“ Texte ist vorbei. Also: Schnüren Sie ihr Paket und gehen Sie nach Amerika.

  2. Avatar poseidon sagt:

    wallace korrekte forderung: schmerzensgeld für die lektüre deutscher tageszeitungen/zeitschriften (westerwelle, hegemann & co). benjamin wäre wahrscheinlich in dauerbehandlung wegen chronischer magengeschwüre, für nietzsche müsste man ganze pferdearmeen bereitstellen. hier konkret um die frage der lektüre von blogs zu erweitern. dfw: das blasse aufgeblähte, saftlose buch??? nicht leicht größenwahnsinnig oder? erstmal schön üben.

    • Avatar involvierter sagt:

      biker – besitzen sie zufällig ein motorradgespann ?
      ( nein, nicht unbedingt eine zündapp KS 750 oder eine bmw R75 )
      wenn, dann versuchen sie doch herbst zu einer einwöchigen männerspritztour auf die insel usedom diesen sommer zu bewegen, wo man in aller ruhe mögliche details für die anstehende löbliche unique sale positionierung durchnehmen könnte – abwechslungsreich verquickt mit heiter-lasziven badenachmittagen oder einem nachdenklich-ergreifenden blitzbesuch in peenemünde.

    • Avatar involvierter sagt:

      … naja vorausgesetzt herbst liesse sich doch noch auf ihre adrett-honetten gedankenmüsterchen ein, hm, – war wohl etwas blauäugig-vorschnell dazugefingert, mein applizierter gedanke .

    • Avatar biker sagt:

      gast man darf nicht zu dick auftragen, hier wäre Fingerspitzengefühl gefragt. Ob eine Fototsession im KDF-Komplex für den Anfang nicht zu viel ist. Ich denke als Sujet erstmal an eine Serie auf weitem Feld, wo man im Hintergrund, aber nur unscharf eine Junkers oder die Tragfläche einer Heinkel – (HE 177) sieht, mit Propeller im Anschnitt, die andeutet, dass hier eine transatlantische Mission ansteht…Das wäre für die ausländische Presse und eventuell für das Buchcover. Das wäre zu überlegen.

    • Avatar involvierter sagt:

      hugo junkers‘ „tante ju“ besser noch als prora, ganz klar.
      weil junkers lieber passagier- als kampfflugzeuge bauen wollte wurde der aussergewöhnliche mensch, konstrukteur und unternehmer junkers seinerzeit von den nazis 1933 teilenteignet ( 51 %), sprich faktisch entmachtet.
      das bauhaus soll sich aufgrund des stammsitzes der junkers werke in dessau dort niedergelassen haben und junkers pflegte kontakte zu demselbigen.
      junkers, ein wahrscheinlich echter freak seiner zeit – ohne patriarchal autoritärem auftreten innerhalb seiner familie.
      er bat wohl leute auch zu geschäftsgesprächen an nen strand, wenn er gerade baden wollte.

    • Avatar Marc sagt:

      wallace, Herbst, abgesehen davon, dass Wallace ein Hochvolt-Literat ist, ein Sprach-TGV, der zwischen den hellen und dunklen Monopolen der condition humain verkehrt, und zwar im 10 Minuten-Takt, und Sie allenfalls nur eine Eisenbahnplatte mit aufgeklebten Vulkanen, Leuchtdioden und im Schienenformat H-Null betreiben – sollten Sie den Ball flach halten.

    • @Marc. Ich denke, den Ratschlag mit dem Ball könnte ich Ihnen getrost zurückgeben, wenn Sie ihn denn wenigstens zu halten verstünden. Im übrigen steht mein Urteil, nach eingehend angeödeter Lektüre, auch nur für dieses letzte, ein komplett hochgehyptes Buch.

    • Avatar marc sagt:

      ach ja? gut, einverstanden, aber warum schreiben Sie dann nicht mal eine vernünftige Kritik zu diesem Buch und nehmen es nach den Regeln der Kunst auseinander?
      Warum lassen Sie sich von einem öden Hype instrumentalisieren. Zwingen sich herbei, machen sich mit zu einem Koch unter vielen, die dann nur ein bißchen im Komunikationsgulasch rühren…wäre das nicht der Moment – hier einmal zu sagen wo Bartel den Most holt? Und dann auch gleich noch den Schwachsinnsbetrieb eine rein zu geben, die alles, nur weil es dick ist und aus amerika kommt, in den Hype hineinschraubt….das Gerülpse und Aufgestoße in dem Verlagsblog kann ja wohl kaum literarisches Leben und Diskussion genant werden.
      Glauben Sie das die Drittwelt- Säuferleber Bolano nun irgendwie die große Rettung bringt, die massive literarische Sensation? Glauben Sie, dass das wirklich „Literatur von einem anderen Planeten ist“ wie biker hier behauptet hat?

    • Avatar poseidon sagt:

      @marc wunderbar treffende formulierung. da wird herr schriftsteller gut zu knabbern haben.

    • Avatar biker sagt:

      @marc das habe ich nicht behauptet, es stand in einer Werbe-Annonce. Ich sage, es liest sich leichter, flüssiger, als man hätte erwarten dürfen.
      Was mich aber auch schwer irritiert, dass die beiden letzten Hypes und auch der letzte um Frau Hegemann irgendwie eine nekrophile Note zeigt. Man scheint tote Autoren zu mögen oder zumindest präsuizidale Prosa.

    • Nein, glaube ich nicht. Ich kenne auch das neue, ebenfalls letzte Bolaño-Buch (noch) nicht, aber viele andere Texte von ihm. Ob er Trinker gewesen ist, interessiert mich dabei nicht, so wenig wie mich das bei Faulkner interessiert und vielen anderen. Bei Wallace hatte ich, weil mich Guido Graf, dessen Urteil ich schätze und dessen Idee ich reizvoll fand, direkt aus den Lektüreerfahrungen zu berichten, mitgemacht u n d weil der Verlag mich nicht dabeihaben wollte, Graf aber beharrlich blieb. Bekanntlich habe ich die Lektüre dann irgendwann abgebrochen und mich von Nabokov erlösen lassen. Meine Lektüreerfahrungen mit dem angeblich Unendlichen Spaß kann man nachlesen. Es wäre ein reiner Akt des Masochismus, mich abermals reinzuknien und dann eine Kritik zu schreiben, deren Ergebnis ich schon kenne. Lieber schreibe ich Kritiken über Bücher, die ich schätze, was übrigens viel schwieriger ist, als es irgend Verrisse sind. Ich habe nur eine begrenzte Lebenszeit, die verbringe ich mit Wein, aber ungern mit Essig. Ich kann den selbst auf Salat nicht leiden.

    • @poseidon. Das gibt ja nicht mal was zu lutschen, geschweige daß man beißen könnte.

      Sò. Aber allen übrigen Ge- und Mißfallensunfug lösch ich fortan. Argumente hingegen bleiben stehen.

    • Avatar Aléa Torik sagt:

      Wallace‘ Unendlicher Spass @ marc: „Gerülpse und Aufgestoße in dem Verlagsblog“ – damit meinst du Dreikäsehoch ja wohl nicht mich und meine Beiträge, oder?
      Aléa Torik

    • Avatar marc sagt:

      Alea Torik – ja ja….wenn garnichts mehr geht , kommst Du, als Nachgeburt von Kunst, und dich muss man dann ja irgendwie in die Nierenschale hineintun, zu Eintopf verarbeiten oder hinaustragen. Du bist die Plazenta, die nur noch zur Ernährung gebraucht wird, manchmal, aber meißtens wirft man sie weg.

    • @marc und Aléa Torik. Bitte unterlassen Sie gegenseitige Beschimpfungen. Wenn Sie diskutieren möchten, steht Ihnen Die Dschungel selbstverständlich offen.

    • Avatar marc sagt:

      wir beschimpfen uns nicht, es handelt sich um eine – zugegeben – anspruchsvolle Art von Diskussion. Frau Torik glaubte hier den Kommunikationsgulasch auf dem Wallace-Verlagsblog eine Rechtfertigung angedeihen lassen müssen können dürfen zu sollen. Da musste ich sie bissel runterholen.

    • Avatar Aléa Torik sagt:

      Gegenseitige Beschimpfungen Sehr geehrter Herr Herbst,

      ich war und bin an Diskussionen interessiert. Das habe ich bereits auf „US“ demonstriert. Da waren Sie möglicherweise schon nicht mehr dabei. Ich habe mir Ihre Gründe für den Ausstieg genau angeschaut und fand sie, wenn ich mich richtig erinnere, nachvollziehbar. Ich selbst bin, was diesen Roman angeht, aber ganz anderer Meinung.

      Ich schaue bisweilen bei Ihrem Blog vorbei, weil mir Ihre Texte gefallen und die Art und Weise wie Sie Text und Leben hier präsentieren. Der Ton Ihrer Kommentatoren ist bisweilen allerdings gewöhnungsbedürftig. Aber warum sollte man immer diesen Tonfall einer Dienstleistungsgesellschaft anschlagen, wo man bis ins Mark freundlich miteinander umgeht, aber genau das Gegenteil denkt? Meinetwegen kann‘s ruhig mal etwas rauer zugehen. Ich komme vom Dorf, ich kenne das. Aber was hier gestern herum gepöbelt wurde, waren unqualifizierte Bemerkungen zu Wallace, die einfach nur provozieren wollten. Vielleicht haben Sie ein Gemüt, das solchen Provokationen gegenüber milder gestimmt ist als meines. Aber ich habe in die Lektüre dieses Romans richtig Arbeit hineingesteckt, und da will ich mir von so einem (tüüüüüt ) nicht pauschal erzählen lassen, dass das alles Blödsinn ist. Zumal dieser (tüüüüt) offenbar gar nicht weiß, was ein Argument ist.

      Wenn Sie sich den letzen Beitrag dieses Herrn einmal anschauen, das empfinden Sie ja wohl nicht mehr als einer irgendwie gearteten Netiquette entsprechend, oder? Das hier ist hier Zuhause. Wenn Ihnen jemand auf den Teppich kotzt und Sie das akzeptieren, dann ist das Ihre Sache. Ich habe andere Hygienevorstellungen. Wenn ich denen vielleicht gestern selbst nicht ganz entsprochen habe, tut mir das leid. Die Kotze andere stört einen eben mehr als die eigene.

    • Avatar marc sagt:

      Frau Torik Herbst hat mit der Beschimpfung angefangen (wallace: saftlos, blass, langweilig)
      Darauf hin habe ich die Verhältnisse gerade gerückt und nach Argumenten und Analysen gefragt, die über Geschmack und Eitelkeit hinausgehen. Was kam darauf hin? Ausreden und Absicherungen. Und dann wird auch noch Nabokov. der Michael Jackson der Literatur, als Erholung herbeizitiert. Da fühlt man sich wohl. Das lässt tief blicken. Man greift nach dem Kanon.

    • Avatar Aléa Torik sagt:

      Der Herr Herbst hat angefangen Marc,

      so ist das, wenn man ein Blog führt: da muss man anfangen.

      Herr Herbst hat eine Eischätzung dieses Romans abgegeben, keine Beschimpfung. Und er hat sich, wie Sie das im Blog zum Buch nachlesen können, damit auseinandergesetzt. Ich habe das ebenfalls getan. Im selben Blog zum selben Buch. Auch wenn ich zu einer anderen Einschätzung gekommen bin. Herr Herbst und ich: wir haben unsere Einschätzungen abgegeben, und zwar aufgrund unserer Lektüre. Bei Ihnen hatte ich das Gefühl (sehen Sie es mir nach, wenn ich mich da getäuscht hatte), dass Sie die Lektüre gar nicht brauchen, um ein Buch einzuschätzen. Auch sehe ich bei Ihnen Nabokov gegenüber nicht die Spur eines Arguments, es sei denn, Sie wollen die Bezeichnung „der Michael Jackson des Literatur“ als ein Argument verstehen. Ist es aber nicht, es ist eine Antonomasie. Mit rhetorischen Figuren kenne ich mich aus. Belassen wir es dabei. Ich jedenfalls belasse es dabei.

    • @Aléa Torik und marc. Danke, >>>> Aléa Torik, für Ihre Intervention. Tatsächlich ist einer meiner besten Freunde, der überdies von Literatur sehr viel versteht, schon weil er möglicherweise sogar mehr als ich gelesen hat, von Foster Wallaces Roman begeistert. Darüber habe ich in Der Dschungel ebenfalls geschrieben, als ich das Buch noch las. Es gilt vielleicht auch hier „frage nie einen Künstler über die Qualität eines anderen“; Nabokov, wie ich eben lese, hat ziemlich bös über diejenigen geurteilt, von denen er nicht nur Motive übernahm; mag sein, daß hier eine Abgrenzungsproblematik eine Rolle mitspielt, und zwar um so mehr, als Künstler ein eigenes W e r k, nicht etwa nur diesen und jenen Roman, fixieren und deshalb Werkidentität herzustellen versuchen. Wie schwer ich mich tatsächlich mit Foster Wallace getan habe, wie immer wieder ich versucht habe, die Lektüre neu aufzunehmen, ist meinen dortigen Beiträgen, denke ich, gut anzumerken. Es kann überdies sein, daß die kulturellen Bezüge und Leidenschaften, die Foster Wallace und ich je haben, allzu verschiedene sind, um hier auch nur ein Gran – übrigens gegenseitiges, hypothetisch gesprochen – Interesse zu bewirken.

      Was die Beschimpfungen anbelangt, so will ich nicht, daß sich die Kommentatoren hier gegenseitig beschimpfen; es ist nicht immer zu vermeiden, aber mein Löschfinger juckt dann. Wenn man hingegen mich beschimpft, kommt das in den >>>> Anti-Herbst, der meinen jetzige und künftigen Biographen Spuren für unbewußte Beweggründe legen soll – oder für s e h r bewußte, agitatorische.

      NACHTRAG:
      Habe eben erst Ihre Replik vor der letzten gelesen und bin generell mit Ihrer Meinung sehr einig. Mir gefällt die Kotze auf meinem Teppich auch nicht; sie freut aber jeden Ermittler und hat den Vorteil, daß man sie nicht unter den Teppich kehren kann – allenfalls wegwischen. Dazu müßten die Magenverstimmten aber registriert sein; andernfalls bleiben Feudel und Wassereimer alleine in meiner Hand.

    • Avatar marc sagt:

      Ich habe mich bis heute gefragt, Zitate: Haarsträubende, wunderschöne, den Leser magisch in Bann ziehende Geschichten aus einer Welt hinter der Welt erzählt der vor sechs Jahren gestorbene Chilene Roberto Bolaño (1953 bis 2003) in seinem Riesenroman. Fast alle seine Helden sind Dichter, die sensationell guten Sex haben, einen Hang zum Kriminellen und eine fast manische Neigung dazu, ihre Spuren zu verwischen. Der seltsame Fluchtpunkt, an den es viele der zunächst oft in Europa herumreisenden Figuren des Buchs zieht, ist eine Stadt im Norden von Mexiko, in der Hunderte Mädchen und junge Frauen ermordet werden. Diese Stadt ist eine fiktive Version von Ciudad Juárez, wo Ähnliches tatsächlich passiert ist; viele Storys, die Bolaño hier kunstvoll verwebt, besitzen einen realistisch-authentischen Kern. „2666“ ist ein radikal postmodernes Erzählkunstwerk, zugleich ähnelt es den Bildern flämischer Maler wie denen der Brueghels (die Bolaño sehr bewunderte), auf denen Schlittschuhläufer und Feldarbeiter stur und emsig vor sich hin wimmeln. Porträtiert wird hier wie dort eine süße und sündhafte, grandios sinnlose und herzzerreißend prachtvolle Welt.

      „Im neuen Roman von Bodo Kirchhoff lässt sich die Entstehung eines Buches verfolgen und das Verschwinden des Autors.“ Hätte schief gehen können, meint Rüdenauer – doch es gelinge „grandios“, weil Kirchhoff seine Figuren nicht nur – seinem Leitthema gemäß – sexuellen und gewaltsamen Obsessionen unterwerfe, sondern diese auch in „genau protokollierender, also rücksichtsloser, rhythmisch dahinfließender Sprache“ erfasse. Das Begehren macht das Ich, und das radikal genaue Erzählen davon die Literatur, schreibt Rüdenauer. Und: Kirchhoff habe soviel zu erzählen, dass er manchmal allzu freigebig Geschichten verstreue. Aber kann man das einem Erzähler wirklich vorwerfen?

      „Sex und Gewalt – das sind durchgängige Themen im Schreiben von Kirchhoff. Wie sich ohnehin hier ein Werk abzeichnet, das sich über Motive und immer wiederkehrende Fragen konstituiert. Auch seine Figuren – zumindest bestimmte Namen – tauchen immer wieder auf. So heißt der Held in Kirchhoffs 1979 erschienener Novelle „Ohne Eifer, ohne Zorn“ Branzger; und ein vergessener Schriftsteller mit dem gleichen Namen spukte zuletzt durch seinen „Schundroman“.

    • Avatar marc sagt:

      ich habe mich bis heute gefragt ob das Thema von Literatur die Gefühle der Menschen sind, ihre Obsessionen, ihre Abgründe, ihre Hoffnungen und Wünsche. Ihr Aufbegehren und ihre Scheitern. Das scheint so zu sein.

    • @marc. Die Rezensionszitate zu Bolaño verstehe ich in diesem Kommentarbaum, auch ihre seltsame Lächerlichkeit – aber was der arme Bodo Kirchhoff nun hier zu suchen hat, ist mir so dunkel wie neulich die auffällig repetierte Erwähnung Ingo Schulzes. Das Thema „Sex und Gewalt“ ist ein derart allgemein die Literaturen durchziehendes, daß man sich wundert, wenn es immer wieder so eindrücklich festgestellt wird und sogar noch Anlaß für sogenannte Skandale abgibt, deren eines Opfer eines meiner eigenen Bücher gewesen ist. Ist es nicht viel interessanter zu fragen – denn d a liegt Kunst -, w i e ein Thema behandelt wird? also die Frage nach der F o r m zu stellen?

    • @marc zur Frage. >>>> Maar gibt darauf eine vielleicht nicht hinreichende, aber notwendige Antwort:
      Als er kurz davor stand, das gefährliche Manskript zu verbrennen, hielt ihn ein Gedanke davon ab: Das Gespenst des vernichteten Buches würde für den Rest seiner Tage in seinen Akten spuken. Hätte es sich aber auf die Akten beschränkt?Und jetzt kommt’s:Wer hätte Lolita daran hindern sollen, auch in seinem Leben zu spuken? (…) Vielleicht wird im Werk etwas exorziert, was im Leben bedrohlich anwachsen könnte. Vielleicht ist dies überhaupt das Ziel: die Entdämonisierung des Lebens durch die Fiktion?Diese Antwort hängt an Freud, dem Nabokov zeit seines Lebens so unhold gewesen ist, wie er ganze freudsche Inspirationen in seinem Werk geradezu realisiert. Deshalb bin ich mit dem „notwendig“ vorsichtig. Im Alter ruft Nabokov dann aus: „Ich habe diesen Fiktionsscheiß satt!“ Er b l e i b t aber in der Verstellung und Inszenierung des „Madarins“. Anders, mit eher dürftigem ästhetischen Ergebnis, Maxim Biller; ebenfalls anders, mit reichem ästhetischen Ergebnis, Gerd-Peter Eigner. W i e d e r anders die dezidiert phantastischen Autoren, von Kafka im Urteil bis Ishiguro in The Unconsoled: denen sind die persönlichen Erlebnisse Hohlspiegel, die sie glattzuziehen versuchen.

    • Avatar marc sagt:

      ja.. kann sein….so ähnlich hat das XY auch schon formuliert, oder vielleicht auch etwas anders. Ganz bestimmt hat er es etwas anders gesagt. Ich hab auch schon die umgekehrte Interpretation gehört: Dass Leute etwas Glattes zu Hohlspiegeln verbiegen, damit man’s wieder anders sieht usw….ja, hörte sich auch interessant an. Stimmt vielleicht beides irgendwo. Sicher, ja, irgendwo stimmt da immer was ein bisschen und so. Am Ende bleibt auch so ein Geheimnis, das sich nie ganz enthüllt, das ist es wohl, ja, so wird es sein.
      Sorry, Herbst, dass mich das gerade so müde macht. Das Schlimme ist doch, dass Freud alles andere wollte, als dass man ihn immer und überall zur Fremdexegese von Literatur als Universaldietrich benutzt. Was bei Freud eine Methode war, auch eine Hilfs-Metapher und eine Art Werkzeug, um die Funktion zu zeigen, wird seit dem zum Inhalt, sozusagen umgefickt in „Tiefe“
      Die literarischen Nachmoderne spätestens zeichnet sich dadurch aus, dass sie „Funktion“ in „Tiefe“ in „Seele“ verwandelt und daraus Ihren epochalen Smalltalk nährt. Das war aber garnicht die Intention von Freud.
      Und noch merkwürdiger ist, dass daraus sich ein ganzer Berufsstand der freudianischen Literatur-Popelei etabliert hat. Sehen Sie, diese zwei Sachen: 1. Dass Nabokov Freud nicht mochte und zweitens, dass er gerne etwas anderes getan hätte, als Zeug schreiben. Bei allen wuchtigen Literaten findet man diesen Zug irgendwo, dass ihr Schreiben eigentlich eine „Handlung“ ist, die Verlegenheit ausdrückt. Eine Verlegenheitshandlung. Und irgendwo wissen sie es alle. Die guten. Sie wissen alle, dass das, was Sie tun, eigentlich kompletter Schwachsinn ist. Und das ist garnicht kokett gemeint. Weil es die Wahrheit ist.
      In dem Moment, in dem ein Schriftsteller aufhört, genau das zu wissen, dass er eine dümmliche und wirklich überflüssige Produktion absondert, also in dem Moment, wo er anfängt, sich als Schriftsteller zu sehen, in dem Moment hört er auf, ein guter Schriftsteller zu sein. Bei Nabokov gibt es auch diesen Punkt, wo er nicht mehr gut ist. Manchen Schriftstellern gelingt es dann wieder sich von der Schriftstellerillusion zu befreien, und dann werden sie wieder etwas besser, aber das ist dann ein Glücksfall.
      Das ist eigentlich das, was Maar hier umständlich formuliert.

    • Avatar Marc sagt:

      und deshalb hat biker Recht, wenn er ihnen rät, sich als offensiver Geschäftsmann in Amerika zu betätigen, weil sie in dem Moment ihre Schriftstellerillusion aufgeben – und so wieder zur Literatur kommen würden, zu einem guten Text.

    • @marc. Ich schreibe p e r m a n e n t gute Texte, es sind aber sicher auch ein paar mißlungene darunter: im Groben und Ganzen aber nur wenige. Selbstverständlich verstehe ich gut, daß Sie ein bürgerlicher Unwille umtreibt, man dürfe doch um Gotteswillen nicht sagen, was ist, das müßten doch die anderen tun… Deshalb auch Ihr wie bikers domestikes Schielen auf d e n westlichen Staat, der die meisten Kriege der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geführt, dauernd Menschenrechtsverletzungen begangen, unliebsame Gegner weggemordet (Allende), aber dennoch eine ideologische Macht immer noch weiter entfaltet hat, der sich schwache Naturen dann, mag sein: aus Selbstschutz, beugen. Hinzukommt, daß, was das Vietnam-Tribunal gewesen ist, nicht einmal im Bewußtsein blieb, einmal abgesehen davon, daß die Gründung des gemeinten Staates auf dem Völkermord stattfand. Das wird sprachlich dann noch zementiert, in dem man das Land mit dem Namen des Kontinents identifiziert und damit gleich noch andere Staaten, die auf ihm leben, ignorant übern Rand wischt.

      Übrigens ist selbst mein Finanzamt nicht der Meinung, daß es sich bei meinem Beruf um eine Illusion handelt. Es bekommt unterdessen etwas Lächerliches, mir selbst ihn absprechen zu wollen; wenn man sich die Interpretationen meines Werkes ansieht, sowieso. Doch zeigt dieses Absprechen Ihre Wut ebenso, wie daß Sie es nicht lassen können, hier immer weiterzukommentieren. Wäre dem anders, Sie ließen Die Dschungel und mich uns selbst überlassen und läsen einfach anderswo. Aber ich reize Sie, ich wurme Sie, ich locke Sie, ich ärgere Sie, ich lasse Ihnen so gar keine Ruhe. Und das Ärgste: ich mache hier etwas öffentlich, von dem Sie wissen, daß es stimmt, aber für Sie darf es nicht sein. Jede Ihrer wie bikers neuerliche Bemerkung unterstreicht das dreimal fett und ist schon dabei, es ein viertes und fünftes Mal zu unterstreichen.

      Ob ich übrigens, daß es bei Nabokov auch diesen Punkt gebe, wo er nicht mehr gut sei, für frühere meiner Bücher als Kompliment verstehen darf? Das nähme ich dann selbstverständlich an. Nur daß ich eher den Eindruck habe, Nabokov habe v o r Lolita Bücher geschriebenen, die nicht g a n z so gut waren; danach schrieb er weniger schlechte eigentlich nicht mehr.

    • Avatar marc sagt:

      Herbst selbstverständlich ist es anregend, hier transistorische Texte zu erzeugen und auch zu lesen. Ebenso wie ich hier auch gerne diskutiere – und ja – ihre musikalischen Notizen. Nein, Sie ärgern mich nicht, aber die Konstruktion hier ist – hin – und wieder – enorm reizvoll, weil hier ein Prozess sich vollzieht, den man vor hundert Jahren als Jugenstilisierung bezeichnet hätte. Benjamin hat bekanntlich davon berichtet, wie „das Individuum“ – in dem Moment – als der Stahl als künstlicher industrieller – und transitorischer – Baustoff eingesetzt wurde, sich zunächste einmal die Innerlichkeit dieses Stahls bemächtigt hat. Also man hat Betonkonstruktionen mit Blüten und Blumen verziert und Stahlträger und Eisenstützen als dorische Säulen kaschiert. Die ersten Eisenbahnhöfe, die eigentlich transistorische Funktionen hatten, wurden aber wie „Heimstätten“ als kleine Villen verkleidet….sie wurden sozusagen in ihrer eigentlichen Funktion ästhetisch verleugnet.
      Was mich fasziniert, ist, dass sich das Selbe hier und heute wiederholt abspielt. Exakt das.
      Es kommt ein neues Medium auf, das Internet, aber es wird zunächst mal funktional garnicht verstanden – sondern ganz im Gegenteil mit Innerlichkeit geschmückt und okupiert – so wie man damals die industriellen Eisenträger mit „Löckchen“ und „Blüten“ versehen hat – so gebiert das Internet, das – als Technik, als Baustoff eigentlich das ganze Gegenteil von Innerlichkeit repräsentiert – nun zunächst einmal die Löckchen der Seele und die Blüten der Intimität an seinen Eisenträgern. Exakt das passiert hier. Das hat Benjamin beschrieben. Mich fasziniert also hier die Verlebendigung der Benjaminschen Analyse des Jugendstils. Und natürlich ist auch die ganze heutige Fokussierung auf das Leibliche, den Suff, der Gewalt, dem Obsessiven, etc….in eine solche Jugenstilisierung mit einzurechnen. Es ist exakt der Versuch, dem neuen Stahl und Beton der Technik Löckchen zu drehen.
      Ich weiß nur noch nicht genau, was das bedeutet. Ich frage mich, wann das Internet „ästhetisch“ – in seine Werkbund-Bauhaus-Phase eintritt, oder ob so etwas nicht zu erwarten ist. Die Jugendstilisierung des Technischen scheint mir der eigentliche Charakterzug der heutigen Zeit zu sein. So wie es einen Zug im Design hin zum organischen gibt (Colani) so wirkt auch eine mentale Jugendstilisierung. Insofern ist das, was sich hier abspielt, durchaus „echt“ also folgerichtig, und ich diskutiere hier natürlich ebenfalls gerne und lese auch ihre Musikmitschriften, die ich deshalb faszinierend finde, weil auch hier zum Beispiel die ganze Art, wie und was sie zu einem Zwölfton-Stück schreiben, im krassen Gegensatz zu dem steht, was 12- Ton-Musik eigentlich ursprünglich mal wollte. Also warum wurde die 12 Ton-Musik erfunden, wenn man sie im 21. Jahrhundert wieder behandelt, als wäre es ein Franz Liszt. Also Sie schreiben und behandeln ein Musikstück aus dem 20 igsten Jahrhundert mit einer mentalen Temperatur aus dem frühen 19. Jahrhundert. Aber das tun sie wiederum in Zeiten des Internets. Das soll kein Vorwurf sein und auch keine Wertung, aber es ist interessant. Bei ihnen kommt so ein Krenek-Stück weg, als sei eigentlich in der Musikgeschichte nie irgendetwas passiert. Als sei alles seit 300 Jahren das Selbe. Also in einer psychologistischen und heiss ergriffenenen Art, dass man eigentlich fragen müsste, was hat das eigentlich mit dieser Musik zu tun? Aber schon über die Verbindung von 12 Ton und Expressionismus könnte man ja lange diskutieren – ob das nicht kompletter Schwachsinn ist, aber man muss hier auch nicht päpstlicher als der Papst sein.
      Diese Jugenstilisierungseffekte sind es, die mich schon interessieren, weil sie so zeittypisch sind. Und selbstverständlich – die allergrößte Diskrepanz ergibt sich aus der Art, wie Freud, der eigentlich ein kühler Wissenschaftler war und nie mehr wollte als Wissenschaft im Sinne von Aufklärung (Kränkung) wie dieser Freud immer wieder sozusagen rückwärts eingespeichelt wird und seine ganze Begrifflichkeit, die ursprünglich eine Apparatur war, in den chtonischen Schlamm getaucht wird – so dass es so aussieht, als sei Feud selbst eine mythische Figur, als sei Freud und sein analytischer Apparat selbst ein Bewohner des Olymps – das ist nicht ohne Komik. Weil es ja nicht umsonst bei Freud Analyse heißt, also ein rationalistischer Zug von Aufklärung sich darin verbirgt. Aber hier wird er sozusagen wieder rückwärts eingespeichelt usw…. das sind Jugendstilisierungseffekte, die dem Stahl der Gegenwart Löckchen drehen ..und faszinierend daran ist, das Benjamin das exakt beschrieben hat, vor hundert Jahren. Als Effekt.

    • @marc. Blüten. Darauf ist zu antworten: Menschen f ü h l e n. N i c h t der Kopf ist ihre Errungenschaft, sondern: Beseelung. Das Spannende für mich liegt darin, daß diese Beseelung („Aufladung“ nenne ich es an anderer Stelle) auch die Technik ergreifen kann und daß das mehr als die Ratio weiter voranbringt. Wenn diese Beseelung, um ihr Beispiel der 12-Ton-Musik zu verwenden (es ist nicht ganz richtig, weil mich die strenge 12-Tönigkeit völlig kalt läßt; aber dort, wo sie mit dem Freitonalen operiert, schlägt… ja: mein Herz)… wenn also diese Beseelung – ein projezierender Vorgang – bei so etwas wie der 12-Ton-Musik gelingt, dann, und nur dann, kommt man weiter. Ansonsten wird man selbst, als Rezipient, zur Gerätschaft, zur reinen kalten Funktion. Das Problem mit dem Pop besteht darin, daß er genau deshalb den Markt beherrscht, weil er diese Entwicklung in die Beseelung gar nicht erst unternimmt, sondern auf der Regression beharrt, für die die Massen ziemlich dankbar sind, weil sie jetzt die „Arbeit der Beseelung“ nicht vornehmen müssen, sondern sich weitertäuschen dürfen.
      Hinter der Notwendigkeit zur Beseelung steht etwas, das Ihren „kühlen Wissenschaftler“ mit sehr guten Gründen ablehnt. Das Ideal des „kühlen“, also unergriffenen, Wissenschaftlers ist nämlich Mengele; der, in der Tat, droht uns. Ebenso wie uns ein Leben droht, das nur noch mit Soma erträglich ist. Pop i s t dieses Soma.

      („chthonischer Schlamm“ ist eine verräterische Formulierung; >>>> sie verrät Ifone, den Condor; sie verrät, wie er, die Organik, die unsere Lebensgrundlage ist, und träumt von einer Erlösung in Ballard/Cronenbergs „Crash“.)

    • Avatar marc sagt:

      herbst… es geht mir nicht darum zu leugnen, dass Gefühle in der Welt sind, oder diese schlecht zu machen. Auch geht es mir nicht um Erlösung. Aber ich interessiere mich für Geschichte, und ich weiß, dass es vor hundert Jahren eine Katastrophe gab. Den ersten Weltkrieg. Und dieser erste Weltkrieg war die perfekte Verbindung aus Seele und Technik – eine nicht ganz so optimale Verbindung, damals. Gerade dass, wie sie ja gerne betonen, Kokoschka von Alma in den ersten Weltkrieg „geschickt“ wurde (ob das wirklich so stimmt, oder im übertragenen Sinne richtig ist, was die Psychodynamik betrifft, mag dahingestellt bleiben: Tatsächlich war die Zeit damals geschwängert mit Kriegslust und es bedurfte bekanntlich bei vielen Künstlern nicht unbedingt einer Muse, um seelisch erwärmt in den ersten technischen Weltkrieg zu ziehen.) Also muss hier die Frage gestellt werden, ob wir überhaupt etwas verstanden haben von dieser Dynmik, ob wir etwas verstehen, wenn wir auf die immer weiter marschierende Technik immer wieder mit Löckchen antworten….
      Auch im ersten Weltkrieg hat die Seele dem Stahl sozusagen Löckchen gedreht, nur das der Lockenbrenner bissel heiß war.

  3. Avatar Betty B. sagt:

    BB meets AH Er im Esch und – wie immer – ziemlich gut gelaunt: „And then I have her!“, er in der trockenen Savanne: „Oh great! Do you have the World Premiere?“
    Aus seinem Handtäschchen dann die Bibel und mit fester Stimme: „Do you have the show?“, er hält mit seinem (!) Nabokov dagegen „Look in my (!) heart“. And daughter and son? (Ab)Gesang d e r Frauen: „Most of the time they are playing shit to fools.“

    • Liebe Betty B., haben Sie einen ganz herzlichen Dank für diese schönen Zitate, die so, sagen wir, indikativ sind, daß ich sie sofort herauskopiert habe, um sie in einer Erzählung zu verwenden, die ich vielleicht >>>> Musenrachen nenne, einer Kneipe, von der gesagt ist, manch eine hätte den Namen besser ohne „n“ gelesen – dann wäre sie gewarnt gewesen.

      Wegen BB und AH täten Sie, um Verwechslungen zu vermeiden, auf die es m i r gerade ankommt, besser, das oben klugerweise wegzulassende „n“ gerade einzufügen, und zwar kapital; sonst wissen entferntere Leser nicht, wer gemeint ist. Im übrigen fürchte ich, daß „d i e“ Frau, die einen Abgesang anstimmt, ihr „die“ – verliert.

    • Avatar Betty B. sagt:

      Lieber Alban H., was also bringt Sie dazu, unvermittelt einen BB in „Ihre“ Welt zu stellen, ihn mit höhnischen und hämischen Attributen zu belegen? Lehrt doch seine (wie Ihre) Geschichte vorbildlich, wie Wahnwitz und Normalität (auch sexuell) auf dasselbe hinauslaufen können, wie leicht man Fürsorge mit Selbstzufriedenheit verwechselt und wie es am Ende vielleicht gescheiter wäre, mal – und gerade, wenn es um s i e geht – die Klappe zu halten.

    • @BB. Nicht von ungefähr spreche ich von einer „doch tragischen“ und vor allem: F i g u r, was Häme von vorneherein ausschließt; ad 1. Ad 2 beziehen sich die Adjektive, die Sie als hämisch zu verstehen scheinen, grammatisch nicht auf den, von dem Sie das meinen. Des weiteren schreibe ich, dies ad 3, von solchen, die ihre qua Show – also der Industrie der Bewußtseinsverblendung – gegebene Macht verwenden, um Girlies um sich scharen; das ist ein öffentlicher Akt, der alles Recht der Welt begründet, nicht Häme, aber doch Spott auf sich zu ziehen. Als Publizist habe auch ich ihn zu tragen, er gehört zum Beruf. Desgleichen gilt mein sehr geschärfter Blick allen, die gerne Hitlerspäße treiben. Darüber hinaus kann schlecht von „unvermittelt“ gesprochen werden, da der, den Sie zu meinen scheinen, nicht zum ersten Mal in Der Dschungel Erwähnung fand. Ich führe hier seit ihrem Anbeginn einen Kampf gegen den Pop, den ich für die scheinkünstlerische Ideologie des Kapitalismus halte: für seine Propaganda. Im Gegensatz zu der von Ihnen anscheinend gemeinten Person stehe ich dabei auf der Seite der Schwächeren – auch wenn es bekanntlich die Frauen waren, die mehrheitlich, als es im Appenzell um die Einführung des Frauenwahlrechts ging, g e g e n dieses Wahlrecht stimmten. Ebendas gehört zur Macht des Gegners.

      (Ihren Satz von der Verwechslung von Fürsorge mit Selbstzufriedenheit verstehe ich nicht, jedenfalls nicht auf mich bezogen; ich bin geneigt, ihn einem Irrtum zuzuschreiben, der aber dann zu persönlich wäre, als daß er hier diskutiert werden dürfte. Wenn Sie mögen, s p r e c h e n wir darüber, persönlich; wie man mich erreicht, steht rechts in der Seitenleiste.)

    • Avatar Betty B. sagt:

      @AH Ich glaube, im Relaltivierungsstreben ist die Relativierung am präsentesten. Liest man d i e Episode in Ihrem „arbeitsjournal“, dann bekommt man eine Ahnung, welche Balancen nötig sind, damit der Mensch Relativierungen als solche akzeptieren lernt. Die Relativierung wird erst zu einer solchen durch dasVergessenkönnen, sozusagen durch das zutiefst menschliche Vermögen, während seiner Dauer ahistorisch zu empfinden. Während s i e (vermutlich unbedarft und by the by) von i h m berichtet, entsteht für Sie diese „Figur“, der sie als solcher ungesunden Spott und Häme angedeihen lassen. Zur Relativierung gehört natürlich auch die Altersfrage, er, der deutlich jüngere, schart – wie Sie ihm unterstellen – „Girlies“ um sich (zu der s i e im übrigen dann auch zu zählen wäre), Sie, der deutlich ältere, der gesetztere und zur Missionierung neigende, lassen die Peitsche über devote Löwinnen knallen. Und so lange die „Girlies“ kreischen und die Löwinnen keifen, haben „Figuren“ keinen konditionierten Anlaß zur Rekonstruktion. Vergessen Sie es also.

    • Avatar zimek sagt:

      was für ein quatsch, löwinnen keifen nicht, löwinnen fauchen. wie ich das unpräzise hasse

    • @Betty B. Interessant, daß Sie „sie“ immer gesperrt schreiben, als ginge es um eine bestimmte, Ihnen und mir gleichermaßen persönlich bekannte Figur, die sie mir gern aufs Brot streichen möchten, obwohl ich nicht anthropophag bin. Aber einer persönlichen Begegnung, um, so ich das richtig lese, „den Fall“ persönlich zu besprechen, gehen Sie, wahrscheinlich mit persönlichem Grund, aus dem Weg. Zugleich ist es geradezu rührend, wie Sie jemanden, den Sie ebenfalls persönlich zu meinen scheinen, anonym zu verteidigen suchen… daß Sie ü b e r h a u p t verteidigen, hat ja meine Sympathie. Nur meine ich nicht, daß „Alter“ auch nur von ungefähr eine angemessene Kategorie ist, also eine, die über Aussagekraft verfügt. Ich kenne Achtzehnjährige, die reifer sind als manche mit vierzig, und umgekehrt. Das gilt für Weibchen u n d Männchen. Und „Girlie“, je nun, das ist gewiß keine Frage des Alters… nur daß, ein Girlie zu sein, jenseits der dreißig peinlich wird, da hilft auch Koks und Haschisch nicht, während man bei Zwanzigjährigen, Männlein wie Weiblein, die Augen zudrückt. Einfach, weil es den Jugendschutz gibt.

      Übrigens habe ich noch nie irgend eine Peitsche knallen lassen. Ich nehme, wenn schon, die Hand.

    • Avatar Betty B. sagt:

      „Den Fall persönlich besprechen“ Zwei Gründe, mein lieber Herr Herbst, sprechen dagegen. Da ist zum einen meine Würde, die so unantastbar ist wie die Würde jener „Madamchen“ sunray, die Sie hier in aller Öffentlichkeit getreten haben, zum anderen aber vor allem der Hinweis auf Ihre Größe: Sie sollen sehr klein sein.

    • @Betty B. Das stimmt. 1,55. Wie Bonaparte. Oder auch D.B., wenn ich richtig infomiert bin. Doch gleich ich das durch High Heels aus.

      Daß ich Sun Ray öffentlich getreten habe, liegt an meinem Lebensmotto, das mir Anselm Feuerbach in die Geburtsurkunde schrieb: Schlägt dich einer auf die linke Wange, dann gib ihm zwei auf die rechte. Abgesehen davon hatte sich Sun ray mit mir ja durchaus nicht getroffen, um etwas zu besprechen, das sie persönlich über Persönliches gegen mich vorzubringen hatte. Sogar ganz im Gegenteil. Aber lassen wir die Sache ruhen, auch wenn das mit dem „s e h r weiblichen“ Gesäß von ihr selbst stammt; ich habe in dem in Rede stehenden Text drauf verlinkt.

      Wenn Sie also das Persönliche nicht persönlich besprechen möchten, was Ihnen niemand verwehren sollte, dann sollten Sie zugleich derartige Anspielungen unterlassen. Andernfalls fällt es auf Sie selbst und Ihre insofern ganz offensichtliche… ich sage es fein: Ängstlichkeit zurück. Es sieht sonst nämlich so aus, als wollten auch Sie gern anonym die Denunziationskästen füllen, wie die Dogen sie an Venedigs großem Palast anzubringen pflegten.

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