UM GLÜCKLICH ZU SEIN. Port Louis auf Mauritius, und keine Stadt ist danach. Die Erzählung des 10. und 11. Aprils 2014, an ebendiesem nachgeholt. Der Maskarenen Erster Teil.

Wie bin ich traurig gewesen, als wir Port Louis gestern abend wieder verließen! Kaum war ich ins Dickicht der maritischen Stadt eingedrungen, spürte ich es mir in die Adern und aus den Venen strömen: daß ich hier gerne bleiben möchte, zumindest, und ich wußte es wirklich bereits nach zehn Minuten, wiederkehren würde. Und ich schreibe Ihnen das noch heute, fast einen Tag danach, zumal zu Schostkovitschs Cellokonzert, dessen Solopart Sol Gabetta spielt. Seltsames Wort, „spielen“, wenn man von der Durchdringung eines Instrumentes spricht –
Wie also traurig bin ich gewesen, als wir uns von der Insel entfernten, und stand lange noch am Achterdeck und schaute:


Und dachte, ich würde den Abend anders verbringen, als es mir hier Gewohnheit wurde, und statt dessen gleich schreiben, Ihnen niederschreiben, was so in mich ging. Aber auf dem Weg hinab kam mir dieses dazwischen und hielt mich fest:

 

Und es stärkte meiner Melancholie noch den Rücken, zumal die allerdings nur wenigen Leute, die noch im Captain‘s Club zugegen waren, einfach nicht zuhören konnten, auch nicht, als ich, der Pianistin im Rücken stehend, ihr leise zusprach: „Please, be so kind to playing a piece of Bach.“ Erstaunt wandte sie sich um, ein bißchen scheu, „Johann Sebastian“ fragend mit ihrem ukrainischen Dialekt. Man kann auch nicht wirklich, stellte sich später heraus, miteinander sprechen, ihr Englisch ist n o c h dürftiger als meines. Wir können direkte Willen mitteilen, Hunger ausdrücken und Durst und uns Gute Morgen wünschen, aber die Tiefen bleiben immer ganz bedeckt. Doch ihre Antwort war Musik. So ging es denn noch bis fast 23 Uhr, da mocht‘ ich nicht mehr schreiben. So weit weg Mauritius bereits.

Wenn man einem Insel­be­woh­ner glaubt, dann könnte man
die Mei­nung bekom­men, dass Mau­ri­tius zuerst geschaf­fen
wurde, und dann der Him­mel; und die­ser Him­mel ist
eine genaue Kopie von Mau­ri­tius.

Mark Twain.

Allein das Völkergemisch, das hier auf engem Raum beisammenlebt, Kreolen, Inder, Chinesen, nicht sehr viele Weiße, Hindus, Christen, Moslems, alles treibt Handel, permanent, und schläft wohl auch miteinander. Und die Genetik scheint sich ästhetisch zu entscheiden. Aber allein der überdachte Markt hält alle Herrlichkeiten bereit, die uns nur Früchte geben können, von den Gewürzen ganz zu schweigen. Der kleine Kühlschrank meiner Kabine ist nun voll mit Chilis, aus Chilis und Limonen gestampftem Senf, und mit frischem Safran, sowie liegt Curcuma in einer meiner Schubladen mit indischem Knabberwerk zusammen, salzigen Biscuits und dem besten Basmai, den es zu kaufen gibt. Außerdem habe ich für den dem Meer geopferten Schal einen anderen bekommen, der so weich ist, daß meine bloßen Schenkel, denen er jetzt aufliegt, vor gestreichelter Verzückung zucken, weil das, zu zucken in der Wohligkeit, ihre Art der Seufzer ist. Und alle Wohlgerüche salbten mich, die der Orient kennt; ich schwamm in ihnen, tauchte, trank süßen schweren Tee um 20 Cents das Glas, der an Chai erinnert, aber Chai nicht ist, sondern in der Konsistenz von mit warmem Honig angerührtem Lassi. Es ist ein großes Glück, das ich nicht empfindlich bin, also in der Verdauung; selbst in Indien konnte ich mich aus den Straßenküchen bedienen… – wenngleich, gestern, einmal kurz, hupfte mein Magen d och, aber nur für eine Viertelminute. Upps, hatte ich gedacht, warst du vielleicht doch etwas zu unvorsichtig? Ich hatte am Straßenrand einen Saft gekauft, umgerechnet für 19 Cents, 8 Rupien sind das, von einem Straßen-Wallah. Der hob den Deckel seines Kühlkastens an und zog ein prall gefülltes Plastiktütchen hervor, dessen verschlossene Öffnung rosettenhaft einen Strohhalm umküßte, an dem ich nun zog. Zwei Minuten später meldete sich ein drängender Hinausdruck… Nein, nicht nervös machen lassen, das kommt alles, dachte ich, vom Kopf. Also ging ich Buryani essen, etwas Reis, zwei kleingeschnetzelte Fleischsorten, Gemüse, Pickles und die dicken rosa Zucchini, die diese Breiten kennen. Überdachte Garküche, gleich an den großen Markt angeschlossen, quasi nur Einheimische dort; nur bisweilen schaut mißtrauisch ein Tourist herein, der garantiert, wie ich, von der Astor kam, aber sich, klugerweise, vorsah. Ich nahm da Mahl draußen zu mir, weil es drinnen keine Sitzplätze gibt. Ich möge bitte den Teller wieder zurückbringen, was ich selbstverständlich tat. Bevor ich mit der schönen Sennerin, einer indische Variante von Sophia Loren, beim Lassi flirtete:

Ich hatte gar keines gewollt, aber sie derart gelächelt… fordernd, übrigens; etwas , das mir in Port Louis auf Schritt und Tritt begegnete: die Blicke der Frauen, auch sehr junger Mädchen, weichen nie aus, auch nicht die der Muslima, deren man bisweilen als gänzlich verschleierte begegnet, aber ihre Augen, schwarze, aus den schwarzen Kaftanen, blitzen. Es gibt das: schwarzes, allschwarzes Flammen. Unfaßbar schöne Menschen, wohin ich auch blickte. Aber auch viele behinderte Alte, und Menschen, denen es nicht gut geht, erkennt man zuerst an den Zähnen.
Vorher, als ich morgens ankam, ich nahm den allerersten möglichen Bus, hatte ich sofort ein Roti gefuttert, vegetarischer scharfer Gemüsebrei mit Stücken von Kartoffeln im gerollten Fladenbrot. Und auch das süße Lassi hätte es in sich haben können; der bei uns gerade unter Kindern so beliebte „Bubbletea“ ist hierzulande unter die flüssigen Joghurts gelangt, der zusätzlich mit Kofi, einem indischen Vanilleeis, versetzt wird. Indessen im Fleischmarkt, nachmittags, ein Schlachter mit seinen wehen Füßen lag und die Söhne tun ließ, was auch ihr Beruf nun war; er aber schlief, schaute allerdings, ein melancholischer Singh – was auf deutsch „Löwe“ bedeutet -, manchmal nach dem rechten hoch, graunzte ein paar Anweisungen und ließ seinen Kopf zurück in den Traum, auf seiner Schlachtbank, wohlgemerkt:

Und die Avokados sind hierzuland riesig, man muß sie nur anschaun, um auf der Zunge zu spüren, daß sie wie weichstes Mus auf ihr zergehen würden:

Jedenfalls schlug ich mich gastronomisch mit dem Volk durch, und genoß es. Dabei insgesamt fast sieben Stunden auf den Beinen, nicht einmal gesessen, sondern den gesamten Ort abgeschritten bis dort hinauf, wo er in den Berghang übergeht, der schnell steil wird, in der Ferne atemberaubend bizarre Felskulissen:

Ich muß nicht erzählen, daß nichts hier Norm ist, die Straßen voller Schlaglöcher, die Hauswände Bedienstete der Zyklone, und dort, schauen Sie!, geht man zum Zahnarzt:

*****

(Ah, und wie das Schiff wieder schaukelt! Wir fahren nun das letzte Stück des Ozeans durch, unter Madagaskar entlang Richtung Durban. Die Sonne gleißt auf das Meer. Drei Tage Seefahrt liegen vor uns.
11. April, 14.28 Uhr.
Die Gläser rollen im Schrank.
Der Kurs genau auf Süd, zwischen 174 und 187 schaukelnd.
Wir haben wilden Wind.
Ich muß mal eben an Deck.
***

Hoch und gleich wieder runter: den LS 11 holen, um am Bug das wirklich irre Heulen des Windes aufzunehmen. Da dürfen wir noch hin, obwohl das Bootsdeck bereits gesperrt worden ist:

Zehn Minuten lang da oben gestanden, erst nur die Atmos aufgenommen, dann versucht, ein Bild der Gischt hinzubekommen, wie sie immer wieder vorn übers Schiff geht: sprühend, man möchte meinen zischend, sich rasend verfliegend; es ist wirklich allerbestes Windsurf-Wetter.

Und am Achterdeck einen Cigarillo rauchen, dazu verfrüht den Campari Soda, frei stehend aber. Meine geliebte Großmutter sprach gerne von „Matrosenbeinen“, die jemand habe: bekommen habe während der lebenszeitlichen Versuche der Gleichgewichtwahrung. Daran über ich einige Zeit, was schließlich fast anstrengungslos geht. Obwohl meine Waden motzen, wegen der nach wie vor wehen Achillessehne; es war nicht sehr klug von mir gestern, für die ganzen sieben Stunden in meinen indischen ledernen Sandalen loszuziehen. Man gewöhnt sich, um die Sehnen zu schonen, eine bestimmte Gangart an, die nun wieder dazu führt, daß sich abends die Waden verkrampfen. Jetzt aber, im „Matrosenstehen“, hab ich den Eindruck, daß sie sich genau davon lockern.
Und noch mal in den Übersseeclub geschaut. Abgesehen von den zahllosen Kuchen und Torten sieht das Verlockendste so aus (hier an Bord wird immer, zu jeder Mahlzeit, so getafelt):

*****

Aber zurück nach Port Louis:

16.20 Uhr.
Nachmittags Massen von Fliegen auf einem massiven Thunfischstück auf der Fischbank, das rosarote Fleisch fast völlig in wimmelndem Schwarz. Und plötzlich, es ist wie ein süßer Erinnerungsschock, entsinne ich mich, daß ich als Junge von ungefähr fünfzehn Briefmarken zu sammeln begann, was ich allerdings nicht lange durchhielt, und daß damals die „Blaue Maritius“ eine besondere Rolle gespielt; mein Bruder, erinnere ich mich ebenfalls erst jetzt, nach all den Jahren, wieder, hat Münzen gesammelt. Und die Straßenhändler, ganz ebenso plötzlich aufgescheucht, schlagen die Decken um ihre am Boden darauf verteilten Waren zusammen, TShirts, Schuhe, Gürtel, und ziehen die so entstandenen fetten Halbsäcke an die Hauswände und setzen sich drauf, sozusagen tirilierend. Kein zwei Minuten später ertönt von irgend woher Entwarnung, und lässig wird alles wieder ausgebreitet.
Lachend die Blicke und her.
Und neuerlich kommt der alte weißbärtige, weißhaarige hagere Mann heran, ein Verrückter vielleicht, so schimpft er und gleichzeitig singt er und fuchtelt Zeichen vor sich in die Luft, indes ich, als ich, um mich endlich auf den Weg zurück aufzumachen, die Unterführung hinab will, ohne die man da tatsächlich auf Kilometer Länge nicht über die Straße käme, von einem geradezu märchenhaft fetten Schwarzen, der dort auf den Stufen weniger sitzt, als daß er sich in sie hineingegossen hat, ohne jede Lücke, wie ein seit Jahren Vertrauter begrüßt werde. Selbstverständlich grüße ich zurück. Das gegenseitige Lachen auch hier.
Und ich bin in der Moschee gewesen, sogar in beiden, und habe in der ersten, der großen Jummah Mosque, vor dem Bassin, in dem riesige Karpfen und welsartige Fische durcheinanderschwammen, meine Füße gewaschen und mein Gesicht, wie es Islami tun; gegenüber, aber noch in der Moschee, eine offene Koranschule für Acht- bis Zehnjährige, denen der Lehrer, der einen Stock in Händen hält, vorsingt, worauf sie jeweils nachsingen müssen: einen immergleichen, ich sage einmal, Psalm, bis sie ihn noch im Nachtschlaf hören. Einer der Jungen machte dabei einen Fehler und mußte vortreten. Er stand ganz gerade und verzog, nachdem der Stock sausend auf seinen Knabenpopo gepfiffen, nur eine Bruchsekunde lang das Gesicht, gab aber keinen Wehlaut von sich, sondern hing still an seinen Platz zurück, und die Prozedur des Vor- und Nachsingens wurde wieder aufgenommen, wie wenn nichts vorgefallen wäre. Dieser offenen Schule gegenüber, selbstverständlich sitzt man am Boden, ebenfalls am Boden die Korangelehrten, drei oder vier vor den vor ihnen aufgebahrten Büchern. Ein alter Mann, dem ich auffiel, bat mich erst, dann forderte er mich auf, doch bitte ebenfalls zu beten. Ich hätte aber nicht gewußt, zu wem.

 

Dennoch kam ich mir gereinigt vor und trat in die Sinnlichkeit der wilden Royal Street zurück, um mich auf meinen Rückweg zu machen. Saß dann noch an der – völlig anders als die übrige Stadt – touristisch hergerichteten Hafenfront und trank die Milch aus einer dort, na klar, zu teuren, aber vor meinen Augen geköpften Kokosnuß.

*******

Mauritius ist mit Port Louis bei weitem nicht erschöpft. Aber ich nutzte die Zeit, die ich hatte, um zu sehen, was irgend ging. Dazu gehört das Amalgam der Architektur aus vierfünf Jahrhunderten, dazu gehört das älteste Theater der südlichen Hemisphäre, dazu gehören die Gänge hinan zu den Bergen und daß mir eine Sehnsucht blieb, die mich ganz sicher wieder einmal hierher ziehen wird, und vielleicht für länger dann. Es ist mein Klima, ist mein Temperament, ist das Chaos, das ich von jeher suche. Da hab ich von den Tauchgründen noch nicht einmal ein Wort verloren. Und davon nicht, daß auf der Insel „nebenan“ einer der aktivsten Vulkane der Welt lebt. Aber von jener, der anderen Insel, erzähl ich Ihnen morgen. Ich brauche etwas Abstand dazu, denn ungerecht will ich nicht werden. Außerdem lockt es mich wieder hinaus.

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