Lars Popps „Haus der Halluzinationen“.


[Geschrieben für >>>> Volltext,

erschienen in der Ausgabe 3/2014.]

„Éternel, là à’l Montagne magique. Et possible partout.“
Jean Pascal Tijbner, Memoires.

Es ist >>>> dies nicht nur das erste Buch, das ich als eBook gelesen, obwohl es als solches noch gar nicht erschien, sondern eines, das ich selbst geschrieben habe, doch anders, völlig anders, geradezu nicht vergleichbar. In einem anderen, möcht ich fast sagen, Zeitalter, einem, das sich unterdessen so normiert hat, daß nicht damit zu rechnen war, es würden sich die Gestalten noch einmal zusammenfinden, geschweige öffentlich zeigen, die mich damals zu ihm führten, bzw. nicht mich selbst als das, was Ich in seinem zweiten Vornamen ist, sondern das Er darin, bevor Hans Erich Deters fast unmittelbar – denn es war ja nur eine einzige, wenngleich zehn Jahre währende Woche – in die Anderswelt einging. Und in ihr.
Nein, damit war nicht zu rechnen, daß all die folleti, dames vertes, Vampire, Leprechauns sich abermals für ein Stelldichein zusammenraufen würden, um an die fünfundzwanzig Jahre später eine Zwischenbilanz zu ziehen, bzw. sie von einem Autor, mit dem weder ich selbst noch Deters jemals etwas zu schaffen hatten, ziehen zu lassen; erst recht aber nicht, mit welch einer Eleganz und welchem Reichtum an perspektivischen Tricks er dies tun würde. Ich spreche (und tue das schreibend) von Lars Popp und seinem in diesem Jahr bei >>>> Hablizel http://www.hablizel-verlag.de in Lohmar (beides Namen, die mir ebenfalls vorher nicht bekannt gewesen) erschienenen Roman „Haus der Halluzinationen“, der allerdings den bereits deutlich warnenden Untertitel „Umwelts Heimkehr“ trägt. Ich überlas ihn, als stünde er nicht da. Vielleicht wäre ich andernfalls weniger überrascht gewesen.
Überrascht worden zu sein, ist ein Euphemismus. Sowieso hatte der Autor selbst mich gewarnt, über Facebook.
Die Sprache der Geister hat sich gewandelt; ihr Reflex auf den Zauberberg ist kaum noch zu spüren, wenngleich da; sie reden modern, auch im Jargon, und wechseln dabei ständig unsre Perspektive. Es kann sein, daß sie ihren Autor manipuliert haben, immer wieder, ohne daß er das merkte, der ganz bewußt nüchtern beginnt, wenn auch nach einer anderen Warnung, die er doch selber vor den Anfang des Buches gestellt haben muß. Sie stammt von Jean Cocteau und lautet, frei übersetzt: „Wir müssen uns ihnen in einer Gestalt zeigen, in der sie selbst uns schufen; andernfalls sähen sie nichts als Leere.“ Das spricht eine Mythe zur Mythe. Schon stecken wir tief in der Kunst-, aber eben auch der Erkentnnistheorie, die ihr zugrundeliegt, jene aber liegt ihr zu Füßen. Verzeihen Sie die Paradoxien, wir kommen für dieses Buch um sie nicht herum. Genau das macht es zu einem großen.
„Stellt euch vor: die Erde +++ Europa, die Alpen +++ Stellt sie euch vor, die Schweizer Alpen +++ Dort stell euch ein abgelegenes Seitental vor (…) +++ (…) stellt euch auf dem Schattenhang zu eurer Rechten ein Hotel inmitten der eisigen Witterung vor, in seinem Rücken von Fichten und Lärchen umstellt, einige kleine Chalets an seiner steinernen Seite +++ GRAND HOTEL PARAMONTANA steht auf einem Schild überm Eingang“ – und die – nun schon dritte – Warnung sogleich: „So riefen es noch alle Wesen, als jene Woche begann +++“
So also ein Vierteljahrhundert nach „Wolpertinger oder Das Blau“ das „Haus der Halluzinationen“. Alles Wesentliche wiederholt sich, aber – weil Zeit irreversibel ist – in ständig neuer Form; es sind Zyklen, schrieb ich anderswo, deren Spiralen sich durch die Zeit vorandrehen: Zukunfts-Bohrer. Deshalb ist nichts abgeschrieben, ja der Begriff Plagiat für sich schon Absurdität, die sich nur Menschen ausdenken können, die ihr doch ohnehin nur scheinbares Eigentum für ihre Substanz halten. Weshalb sie ganz substanzlos sind. Ich nicht allein, deshalb, war überrascht, der Autor des hier weniger „besprochenen“ (schließlich sind wir keine Schamanen) als gedanklich umkreisten Romanes war‘s ganz genauso.
Geister erschrecken einen gern, sie stehen hinter der Tür und rufen dann „Buh!“ in unsere Rücken. Und kommen aus ihrem teils Kichern, teils dröhnenden Lachen gar nicht mehr raus, wenn ihnen ihr witziger Horror wieder gelang. Freilich kann man nicht sagen, daß er immer, wie in diesem Fall, gutartig ist.
„Welche der beiden Treppen hinab wirst du nehmen: die rechte oder die linke? Du tastest dich die linke hinab im Bemühen, leise zu sein; die Stufenabstände sind ein wenig zu groß für deine Beine, immer muß erst der andere Fuß hinterher, bevor du den nächsten Schritt setzen kannst“: hier ist von einem Kind die Rede. Daß es in der Erzählung angesprochen wird, ist System; eine jede Figur wird immer zugleich angesprochen, wenn und bevor sie erzählt wird. Dieses, das anfangs wie eine Manier wirkt, führt schließlich zu einer fast magischen Nähe mit jeder Figur. So daß wir Leser:innen uns wirklich mit einer jeden identifizieren, aber stets nur für das jeweilige Kapitel, schon wechseln wir nicht nur die Perspektive, sondern das gesamte Sein. So etwas habe ich zuvor noch nirgendwo gelesen. Popps Roman vereint die Vorzüge des auktorialen mit dem subjektiven Erzählen über die zweite Person Singular. Das ist schlichtweg grandios.
„Das Portal schwingt trotz der späten Stunde ohne Widerstand auf, als du=Marwin dagegen drückst. Außer Atem stürzt du ins Warme, direkt auf den Empfangstresen zu, hinter dem —- ‚Anatol, ich muß dringend mit Ihnen reden. Ich habe etwas Unglaubliches herausgefunden, wir müssen -‘ —- “ Und einhundert Seiten zuvor: „Diese Therapietussi hat gestern also Geburtstag gehabt, nickst du dir=Fritzi zu. Die gesamte Belegschaft, flankiert vom Hausherren-im-Rollstuhl, steht darum nun auf der Matte und versucht sich brav klatschend an einem HAPPY-BIRTHDAY-Karaoke. (…) Was die Leute nur mit diesen Tag haben. Man wird geboren, man lebt und man stirbt. So laufen die Dinge.“ Doch sie laufen darüber hinaus. Und darunter. Weshalb der Kater des Hauses Settembre heißt, was ganz gewiß nicht ohne Absicht den großen Gegenredner Naphtas anspielt. Denn ob „Wolpertinger“ oder „Haus der Halluzinationen“: beide Bücher kamen nicht umhin, über einen Teppich zu schreiten, den Thomas Mann ihnen ausgerollt hat (bei Popp findet sich sogar, oh Fülle des Wohlklangs, ein Schneekapitel), aber vor dem schon ihm ein andrer und wieder einer diesem zuvor: so tief ist der, wie Sie wissen, Vergangenheit Brunnen. Immer neues Wasser schöpft sich herauf: bei Popp die neuste Gegenwart. Der Computer, bei ihm, ist Literatur schon geworden, er schaut von weit später auf sie zurück und auf ihn als auf deren neuen Beginn: Imaginations-Realismus:
„Du blickst auf dein Arsenal aus Silizium und Kunststoff. Diese so seltsam benamten Gegenstände: das GSM-900-Handy, das ATARI ST Book, der plastikvergilbte POWER MAC, mit dem du viele Stunden in den COMPUSERVE-MUDs verbracht hast und dessen Tastatur du eigens auf die meistgebrauchten Befehle deiner selbstentwickelten Programmiersprache ALKALABETH angepaßt hast (…)“,
– kurz: Es geht um nicht weniger in diesem Buch als um eine Maschine der exakten Zukunftsprognose. Die Geister indessen, erneut, ringen um Freiheit. Doch alles dies nicht ohne, und zwar einen ziemlich großen, halluzinogenen Witz. Nämlich, so Jean Pascal Tijbner auf der Seite 76, „Descartes glaubte nicht an Wunder, wissen Sie. Das ist das große Problem.“

(ANH, 28.5.2014.
Paris.)


Lars Popp,

Haus der Halluzinationen oder Umwelts Heimkehr

Hablizel Verlag, Lohmar 2014

272 Seiten, 16,90 Euro


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