Untriest 78. Sonnabend, der 2. Mai 2015.


Arbeitswohnung, 8.23 Uhr
Vivaldi, Cellokonzert RV 401


Seltsam, Liebste,

seit gestern morgen sitze ich wieder über der Übersetzung von Montales Ossi di seppia No 3, von dem ich völlig vergessen hatte, daß ich eine Version >>>> bereits eingestellt habe; ich wußte nicht einmal mehr, daß ich sie überhaupt schon angegangen war – abgesehen selbstverständlich von der zweiten Strophe, die zum Motto des >>>> Traumschiffs wurde. Mit der Löwin sprach ich darüber, wie Übersetzungen von Gedichten der angestrebten Geschmeidigkeit meiner Sprache dienen oder sie doch erreichen wollen, dann, wenn ich nicht in ein Eigenes so tief eingebunden bin, daß ich nicht rechts noch links mehr bemerke.
Ich bin ein wenig fahrig in diesen Tagen, ein wenig sehr fahrig, auch unruhig und ein bißchen hilflos. In die Triestbriefe komme ich momentan nicht richtig hinein, müßte mich, spüre ich, irgendwohin für sie zurückziehen. Aber mir fehlen die Mittel. Außerdem ist meine Anwesenheit erfordert; immerhin werde ich am Montag nach Frankfurtmain fahren, wo es am Donnerstag >>>> zu dieser Veranstaltung mit Dath und Popp kommen wird. Die kurze Reise wird mir guttun; ich brauche einen Abstand, weil ich hier immer wieder in Sehnsuchtszustände verfalle, deren Verzweiflung sich auf meine Arbeit ausdehnt, zu starken Pessimismen wird und auch die Hoffnungen grautönt, die ich in das Traumschiff setze, schließlich mein Leben insgesamt beschattet. Es ist nicht schön, nicht mehr glauben zu können.
Da hat die Übersetzung von Gedichten etwas Meditatives, Lösendes. Hingegen mich, auch Prosa zu übersetzen, nicht im geringsten reizt. Das ist seltsam, oder? Vielleicht, weil mich in der Prosa ganz ebenfalls das Lyrische interessiert, also für meine? Genau kann ich es nicht sagen. Doch spielt, wenn ich erzähle, die Rhythmisierung meiner Sätze eine fast größere Rolle für mich als der Erzähl„gegenstand“ selbst. Daher vielleicht die Rede von meinen Manierismen.
Ich hänge in der letzten Strophe fest. Was an Montales Reimen liegt. Kommen solche in Gedichten vor, kann ich sie nicht übergehen; ich mag keine Übersetzungen, die es anders halten. Dabei hat diese letzte Strophe Reime überhaupt nicht, aber die davor. Das macht

tali i nostri animi arsi

in cui illusione brucia
un fuoco pieno di cenere
si perdono nel sereno
di una certezza: la luce

ziemlich verzwickt. „Nur“ der Inhalt ließe sich leicht übersetzen, sogar nach der richtigen Silbenanzahl. Im Gegensatz zu meiner ersten Version hätte ich gern auch wieder „Heiterkeit“ (sereno) statt des „Luziden“ im Gedicht. Doch weil nun meine Mme Pascal hier putzt, ich den Schreibtisch also bald verlassen werde müssen und die Zeit für den Sport nutzen will; weil weiters eine Freundin zu ihrem heutigen Geburtstag eingeladen hat und mein Sohn und ich frühnachmittags zu ihr hinradeln werden, werde ich die kleine Arbeit erst einmal nicht abschließen können. Dabei hätte ich sie gerne bereits in Die Dschungel gestellt. – Ich habe ihr, der Freundin, ein Brot gebacken – das wohl formschönste, das mir bislang gelang. Schau einmal:


Also das nehme ich nach Eiswerder mit.
Aber wie bin ich nur auf Vivaldi gekommen?

fragt sich, und umarmt Dich in den Tag,
Alban

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