Sabinenliebe. (Auszug).

(…)
So beobachtete ich sie heimlich für mich. Zum Beispiel sehe ich sie noch heute an dem großen Braunschweiger Karpfensee, dem Kreuzteich, stehen. Es war während einem unserer halbjährlichen Schulwandertage, der dieses Mal nach Riddagshausen gegangen war. Da bog sich Sabine ins Hohlkreuz und lachte. Es war ein flatterndes, engels- oder auch teufelchenhelles sehr viel mehr Leuchten denn ein Klang und schien stärker als die Frühsommersonne. – Da, plötzlich, drehte sie sich mir zu. Sie hatte den Jungen offenbar gespürt, nicht mich selbst natürlich, aber meinen unentwegten Blick. Den fing sie nun ein. Doch ich, anstatt ihn zu halten, also zu meinem Schauen zu stehen, senkte die Augen sofort zu Boden, ertappt muß ich es nennen. Als wären meine Faszination und Verliebtheit schuldhaft gewesen, so daß ich mich hätte schämen müssen. Und genau das tat ich. Ich wurde geflutet von Scham, wurde röter und röter. Was sie selbstverständlich sah. Was sie ohne abzulassen präzis beobachtete. Wovon ich noch röter wurde. Woraufhin sie mich, ich spürte es doch, zu verachten begann. Da wußte ich, sie habe von nun an jedes auch nur nögliche Interesse an mir verloren – an einem wie mir.
Das verzweifelte mich. Besonders nachts dachte ich dagegen an, und zwar so intensiv, daß ich das Vermögen errang, meine Träume nach dem Willen dieses meines Wunsches vollkommen selbst zu gestalten,. Sogar in Fortsetzungen vermochte ich zu träumen, nicht anders, als wir heutzutage Fernsehserien schauen. Denn ich erinnerte mich all meiner Träume. So daß ich tags der allerunglücklichste Junge der Welt war, doch nachts der allerseligste. – Ich formte aus meiner Bettdecke Sabines Leib, den ich mit den Beinen, ja, umschlang, und mit den Armen. Je bevor ich in Schlaf und Wunschtraum hineinsank, küßte ich den oberen Zipfel der Decke, und zwar genau dort, wo, wäre er der Kopf meiner Geliebten gewesen, ihre Lippen sich befänden. Dabei geschah es zweidreimal, daß ich völlig überrascht ihre Zunge an der meinen spürte. – Ich war zutiefst irritiert. Zungenküsse waren mir doch noch ganz unbekannt, weshalb ich mit der Liebkosung gar nichts anzufangen wußte, so wunderschön sie andrerseits war. Deshalb ist Irritation genau das richtige Wort.
(…)
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